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Die Geschwister Marie und Anton Reichert wachsen sehr naturverbunden auf einem Bauernhof auf. Der kleine Bruder liebt es, wenn seine große Schwester ihm anhand erfundener Geschichten die Welt erklärt. Eines Tages jedoch trifft sie der Schlag im doppelten Sinne. Die beiden mittlerweile jungen Erwachsenen müssen erleben, wie ihr Vater aufgrund eines Schlaganfalls von heute auf morgen zum Pflegefall wird. Die Kinder tun alles, um dem Vater zu helfen, doch schon bald wird deutlich - sie können nicht beide ihr Leben an seinem Bett verbringen. Um sich durch dieses Dickicht der Gefühle einen Weg zu bahnen, greifen sie zu einem ungewöhnlichen Mittel. Gegenseitig erzählen sie sich, wie ihr zukünftiges Leben jeweils aussehen könnte. So beginnt eine Nacht der Erzählungen, die zu einer Nacht der Entscheidungen werden soll…
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2020
Regina Richter
Erzählwege
© 2020 Regina Richter
Umschlaggestaltung, Illustration: Uta, Pihan
Korrektorat: Querner, Jörg, www.anti-fehlerteufel.de
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-09849-7
Hardcover:
978-3-347-09850-3
e-Book:
978-3-347-09851-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Kindheit
Die Geschichte von Großvater Maus
Kapitel 2: Im Wald
Kapitel 3: Der Tag
Kapitel 4: Die Rückkehr des Vaters/ Basis (erzählt von Marie)
Kapitel 5: Die erste Variante der Geschichte: Anton geht, Marie bleibt (erzählt von Marie)
Anton macht sich auf (erzählt von Marie)
Maries Leben (erzählt von Marie)
Die Geschichte mit dem Wolf
Antons weiterer Weg (erzählt von Marie)
Die Geschichte der kleinen Fee
Bei Familie Reichert (erzählt von Marie)
Die Geschichte von den Feldhamstern
Antons Heimweg (erzählt von Marie)
Der schwere Brief an den Bruder (erzählt von Marie)
Kapitel 6: Die zweite Variante der Geschichte: Marie geht, Anton bleibt (erzählt von Anton)
Marie bricht auf (erzählt von Anton)
Antons Entscheidung (erzählt von Anton)
Maries Erlebnisse (erzählt von Anton)
Antons eigene Schritte (erzählt von Anton)
Maries Veränderungen (erzählt von Anton)
Die Geschichte der Mäuse Naton und Miera
Antons Werdegang (erzählt von Anton)
Maries neuer Kurs (erzählt von Anton)
An Vaters Bett (erzählt von Anton)
Die Geschichte des riesenhaften Mädchens
Kapitel 7: Franz nimmt Einfluss
Kapitel 8: Die dritte Variante der Geschichte: Marie und Anton verlassen den Hof (erzählt von Marie)
Die Geschwister gehen fort (erzählt von Marie)
Kapitel 1: Kindheit
»Auf sie mit Gebrüll!«
»Attacke!«
Ganz hoch oben in der Scheune, tief drinnen im warmen Heu duftet es nach trockener Sonne. Die unzähligen miteinander verhakten Halme geben knisternde Laute von sich, ganz gleich ob man vorsichtig versucht über sie zu schleichen, sie wild nach oben wirft, damit sie sich in den Haaren verfangen, oder man bäuchlings auf ihnen liegt und sich dabei ihre feinen Spitzen vorwitzig in die Haut hineinbohren.
»Heufresserchen!« Dem Bruder, zwei Köpfe kleiner, gelingt es, seiner großen Schwester eine Hand voll getrockneten Grases von hinten in den Kragen zu stecken.
Laut kreischend dreht sie sich zu ihm um, bekommt seine kleine Hand zu fassen, doch er lässt nicht locker, krallt sich noch ernsthafter fest. Wild entschlossen blickt er dabei drein, ganz so, als könne nichts und niemand ihn von seinem Plan abbringen.
Ihre Arme und Beine ineinander verkeilt, kullern sie übereinander her und liefern sich übermütige Schlachten, bewaffnet mit ausgedörrten, duftenden Grashalmen, die sie gleich Schwertern von sich recken. Die unbarmherzigen Duelle werden immer verschwitzter ausgetragen in einem Meer aus vergangenen Blüten, Gräsern und Blättern, die durch den Entzug von Wasser unsterblich gemacht wurden.
»Komm, Mieze.« An anderen Tagen wiederum ist dieser Ort gekennzeichnet von einer friedlichen Ruhe, die durch das Rascheln des Heus eher begleitet, denn unterbrochen wird. Meist sucht sich eine der vielen Hofkatzen hier oben behaglich schnurrend ihren Schlafplatz. Wie auf einem weichen Lager gebettet, ruhen die kleinen Kinderkörper neben dem eingerollten Fellknäuel auf luftkammergefüllten Heukissen, die Beine verschränkt, jeder einen zerkauten Grashalm im Mundwinkel. Eine kleine Luke oben im Scheunendach sorgt für Belüftung und manchmal, wenn sie sich in der Dunkelheit hier hochschleichen, offenbart ihnen dieses kleine Fenster einen winzigen Blick in einen glänzenden Himmel, der ihnen bereitwillig als Vorlage für ihre kindlichen Fantasiesprünge dient.
»Erzähl mir doch bitte eine Geschichte«, bettelt der kleine Junge seine ältere Schwester regelmäßig an. »Eine von deinen Mäusegeschichten.«
»Aber ich habe dir doch erst gestern eine erzählt«, ziert sie sich meist zunächst. »Jetzt bist du mal dran.«
Doch lange kann sie ihrem Bruder diesen Wunsch nie abschlagen, weder als kleines Mädchen noch als heranwachsender Teenager. Zudem hat sie selbst zu viel Freude beim Basteln der Geschichten und an dem Glitzern in seinen Augen, wenn er ihnen bedächtig lauscht. »Aber nur, wenn du mir nachher auch eine erzählst«, gibt sie den Startschuss. Obwohl sie ihm sein eifriges Nicken nicht ganz abnimmt, beginnt sie bereitwillig zu erzählen.
Die Geschichte von Großvater Maus
»Es war einmal eine Mäusefamilie, die wohnte hoch oben in einem Heuschober. All die vielen kleinen Mäuschen aßen die feinen, von der Sonne eigens für sie getrockneten Kräuter, die sie dort zuhauf fanden. Besonders aber liebten sie das allgegenwärtige Knistern des Heus, dem sie bei ihren täglichen Spielen die unterschiedlichsten Geräusche entlockten.
Großvater Maus erzählte den Kleinen immer, dass ihn das Rascheln hier oben an das Rauschen des weiten, blauen und welligen Meeres erinnerte, wobei er mit seinem Blick stets bedeutungsvoll in die Ferne schweifte. Er war keine gewöhnliche Hausmaus wie die anderen, musst du wissen, er stammte nämlich ursprünglich aus einer Gegend, die direkt am Meer lag.
Die neugierigen Mäusekinder wollten von ihm natürlich Geschichten über seine Zeit am Meer hören. Aufgeregt hüpften sie vor ihm auf und ab und so ließ er sich nicht lange bitten, denn er sprach ehrlich gesagt sehr gerne darüber. Oft erzählte er ihnen davon, wie er als Kind verbotenerweise des Nachts am Strand entlanggelaufen war.
Die Spuren seiner flinken kleinen Dribbelschritte zeichneten sich dabei im feuchten Sand ab. Eine dünne Rinne zwischen seinen Fußabdrücken in der Mitte zeugte von seinem langen dünnen Mauseschwanz, den er hinter sich herzog. Es gab nichts in seinem jungen Leben, das ihm mehr Spaß gemacht hätte, als am Strand, ganz nah am Wasser, herumzutollen, aber er wusste auch aus den Warnungen der älteren Mäuse, dass einem das Meer gefährlich werden konnte.
Zu manchen Zeiten des Tages kam das Wasser immer weiter nach vorne und fraß alles, was sich in seiner unmittelbaren Nähe befand. Sandburgen, einsame Badeschuhe, kleine Tiere, jeden Abdruck im Sand, alles verschwand in dem unheimlichen, riesigen Meeresbauch. Bei Wind oder gar Sturm konnte es hungrig auf einen zurollen und einem seine wilden Wellen entgegenschlagen. Das Wasser war im Stande sich blitzschnell nach vorne zu stülpen, um alles in seiner Reichweite zu verschlingen. Danach war man selbst mitsamt seinen Fußspuren für immer verloren.
Der kleine Mäuserich ängstigte sich vor dem gefräßigen Meer, doch gleichzeitig liebte er das große Wasser, wie es spritzte und seine weißen Schaumkronen stolz vor sich hertrug. Immer und immer wieder wagte er sich nahe heran.
Eines Nachts sprang der junge Mäuserich besonders wild vor dem Meer auf und ab, als wollte er es herausfordern, buddelte ein wenig und tapste übermütig umher. Das Meer hatte sich an diesem Tag für seine Verhältnisse bislang sehr gemäßigt verhalten. Selbst der Wind blies eher sanft und schien sich einige Male sogar gänzlich auszuruhen. Der Mäuserich dachte nicht einmal im Traum daran, dass heute Abend irgendetwas passieren könnte, das sein Leben für immer verändern sollte. Doch er irrte sich.
Mit einem Mal kam scheinbar aus dem Nichts mit einem Krachen ein Donner auf ihn zu, der sich wie ein großer, gigantisch lauter Atemstoß anfühlte. Der Wind gab all seine Kraft, die er sich bis dahin aufgespart hatte, in einem einzigen Grollen von sich und brachte das Wasser gleich mit sich. Nie zuvor hatte der Mäuserich eine derartig gigantische Welle erlebt.
In dem Moment, in dem er aufblickte, weil er ihre ersten Tropfen verspürte, brachen die Wassermassen auch schon über ihn herein und verschluckten ihn gierig. Der Mäuserich ruderte und strampelte verzweifelt um sein Leben. Ein paar Mal hatte er sogar das trügerische Gefühl, wieder an Land gespült zu werden. In Wirklichkeit aber zog es ihn immer weiter hinaus in Richtung offene See.
Bald waren seine kleinen Beinchen zu kraftlos, um weiter gegen den übermächtigen Sog anzukämpfen. Jetzt könnte man meinen, dass dies das frühe Ende des damals noch jungen Großvater Maus war, doch zum Glück war es das nicht.
Wie durch ein Wunder sah er neben sich aus den wütenden Wellen heraus etwas auftauchen. Es war gelb, tanzte wild auf dem tosenden Wasser und hatte die Form einer Plastikschaufel, wie Kinder sie zum Sandburgenbauen benutzen. Mit letzter Kraft gelang es ihm, sich im Vorbeitreiben an dem rutschigen Ding festzuklammern. Völlig erschöpft trieb er darauf bis in die Mitte des Ozeans, einer ungewissen Zukunft entgegen.«
»Und wie ist er dann wieder an Land gekommen?«, will der kleine Junge wissen, der seiner Schwester die ganze Zeit über gebannt an den Lippen gehangen hatte.
»Stimmt, es dürfte schwierig werden, den Mäuserich auf diese Weise noch zu retten«, denkt Marie laut für sich und schließt für einen Augenblick die Augen. »Dann muss es anders weitergehen. Ich setze noch einmal da ein, wo der Mäuserich versucht hat, wieder in Richtung Strand zu schwimmen. Pass auf:
Als er schon dachte, er könnte es nicht mehr schaffen, kam auf einmal eine Riesenwelle und schleuderte ihn auf den harten, nassen Strand zurück. Benommen rappelte er sich auf und schleppte sich glücklich und zugleich gedemütigt davon. In dieser Nacht beschloss der Mäuserich auf Wanderschaft zu gehen, um sich ein neues Zuhause zu suchen, so weit entfernt wie möglich von dem gefährlichen Meer, das ihn beinahe das Leben gekostet hätte.
So wanderte er durch verschiedene Länder, überquerte hohe Berge und fuhr sogar heimlich in Lastwagen mit, bis er endlich hier landete, in unserem Heuschober, dem trockensten Ort, den er sich auf der ganzen Welt vorstellen konnte, weit weg von dem großen, bösen Nass.
Und doch hörte der Großvater noch immer das Meeresrauschen in seinen Ohren. Trotz der einstigen Todesangst hallte es sehnsüchtig in ihm nach«, beendet Marie nun zufrieden die Geschichte und wendet sich an ihren Bruder.
»Jetzt bist du dran. Du musst auch etwas für mich erfinden.«
Der Kleine lacht über das ganze Gesicht. »Eine kleine Maus kam aus dem Haus und aus.«
Nach solchen fantastischen Ausflügen schweben die zwei Kinder auf dem Heu mehr als dass sie liegen und betrachten einen winzigen Ausschnitt des Universums durch ihr Dachfenster. Die beiden Geschwister trennen ganze fünf Jahre, doch trifft man selten den einen ohne den anderen an, Marie und Anton Reichert.
Der Hof der Familie Reichert ist nicht besonders groß, aber es gibt Tiere und schwere Fahrzeuge, Felder, die umgeackert, und Kartoffeln, die geerntet werden müssen, nicht zu vergessen die Arbeiten im Wald.
Der junge Hofhund Oskar, ein liebenswerter Labradormischling, leckt jedem Besucher die Hand, lediglich die Gänse melden Neuankömmlinge in wildem Radau bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihrer endgültigen Bestimmung nachkommen.
Der Vater Franz arbeitet zusätzlich in der nahegelegenen Stadt, Mutter Carola kümmert sich um die Kinder und den Hof. Viele Jahre vergehen, in denen das Leben irgendwo dazwischen passiert.
Kapitel 2: Im Wald
»Anton, kannst du mit der Kettensäge die Baumstämme da hinten zerteilen? Ich entaste derweil den großen hier vorne«, ruft Franz seinem Sohn zu.
Anton ist mittlerweile achtzehn und liebt das Arbeiten im Wald. Das Knacken, wenn die Bäume gefällt werden, die erstaunliche Wucht, die sich entfaltet, wenn sie umstürzen und sich ihren Weg durch andere Bäume und das Geäst der Blätterkrone bahnen, ist beeindruckend. Dabei begraben und zermalmen die hölzernen Riesen kleinere Pflanzen und Tiere unter sich, die sich aufgrund ihrer festen Verwurzelung oder der eingeschränkten Perspektive in Richtung Himmel nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Nur jene, welchen es gelingt, Reißaus zu nehmen oder sich in eine Höhle, ein kleines Erdloch zu flüchten, bleiben am Leben, mitunter zugedeckt von einem tonnenschweren Stamm oder einer rauschenden Blätterkrone.
Wo auch immer man in diesem Stück Natur geht und steht, begleiten einen die unterschiedlichsten intensiven Gerüche, die einen benommen machen, so feucht und moosig und schwer.
Mit geübtem Griff zerteilt Anton die Baumstämme zum Abtransport. Die frischen Schnittstellen verströmen ihren eigenen unverwechselbaren, bisweilen sogar fruchtig anmutenden Duft. Hier in diesem Wald fühlt sich für ihn alles wie eins an.
Sogar der gestrige Streit mit Marie scheint weit entfernt. Was wohl urplötzlich in seine Schwester gefahren war? Angeblich hatte sie Antons Freundin mit einem seiner Freunde gesehen. »In eindeutiger Umarmung«, wie sie zu betonen nicht müde wurde. Er hatte ihr keinen Glauben schenken wollen. Daraufhin war sie förmlich an die Decke gegangen, schreiend, kreischend, unversöhnlich.
Zu Antons Leidwesen vertreibt die laute Säge, mit der er heute hantiert, die wilden Tiere, die er ansonsten nicht müde wird zu beobachten. Sogar im frühen Morgengrauen, auch gerne nach durchfeierter Nacht, harrt er bisweilen stundenlang auf dem Hochsitz aus. Diese zarten, zum Teil aber auch mächtigen Tiere, faszinieren ihn.
Sein Vater ist Jäger, aber er, der Sohn, will noch nicht schießen. Vorgestern im frühen Morgengrauen ist er erst noch mit seiner Freundin hier gewesen. Sie hatte vermutlich gedacht, er wolle sie auf dem Jägerstand zu etwas überreden, und immerfort nervös an sich herumgezupft. Erst nach mehrmaliger Ermahnung hatte sie endlich Ruhe gegeben. Wenigstens hatte Anton danach in einiger Entfernung noch ein Reh ausmachen können.
Marie ist ebenfalls bei der Waldarbeit dabei. Routiniert zersägt sie eine Baumkrone, entastet sie mit geübter Hand. Es sieht so aus, als bereite ihr dies alles keine Mühe. Als Nächstes müssen geeignete Tannen für den Weihnachtsverkauf markiert werden.
Dieses Stück Wald ist ihr Zuhause. Jahr für Jahr ist sie hier mit dem Vater bei der Arbeit, kennt die Bäume, weiß, wo es die schmackhaften Beeren gibt und an welchem Ort die besten Pilze zu finden sind.
Voll Sorge erkennt sie, dass der Borkenkäfer mit einigen Bäumen wieder einmal unbarmherzig umgesprungen ist. Es ist ihr, als wären die Bäume, jeder einzelne von ihnen, ihre alten Bekannten. Voll Mitgefühl spürt sie das stumme Leid der sterbenden Giganten, wenn sie langsam vergehen. Der weiche Untergrund gibt federnd nach und für einen winzigen Augenblick hat sie das Gefühl zu versinken, obwohl sie durchaus fest auf dem Boden steht.
»Dieser Hornochse von meinem Bruder«, denkt sie dabei an die gestrige Auseinandersetzung zurück. »Sieht den Betrug nicht, selbst wenn er direkt vor seiner Nase geschieht.«
Die Tage werden kürzer. Die kleinen und mittelgroßen Tannen werden gefällt und zum Verkauf gebracht. Ein Weihnachtsbaum von zwei Metern wird zwischen acht und zwölf Jahre alt, ehe er fällt.
Antons Freundin ist, wie sich herausstellte, wohl wirklich nicht mit besagtem Freund unterwegs gewesen, allerdings, wie sie schlussendlich gesteht, mit einem anderen. Ob Marie gelogen oder sich nur geirrt hatte, bleibt für Anton letztlich ungeklärt, obwohl er wenigstens ihr gerne vertrauen möchte. Es herrscht wieder Frieden.
Kapitel 3: Der Tag
Am dritten Tage des neuen Jahres gehen alle vier Mitglieder der Familie Reichert ihren eigenen Belangen nach. Im Nachhinein wird sich jeder Einzelne von ihnen genau daran erinnern, wie und wo er diese entscheidenden Stunden verbracht hat. Für den Rest seines Lebens. »Wäre vielleicht alles anders gekommen, wenn …?«, ist die Frage, die zu stellen keinen Sinn ergibt.
Der Traum von Sonne und Strand angesichts meterhohen Schnees und absehbaren weiteren drei Monaten Kälte ist sehr verführerisch. Marie ist bei ihrem Freund Markus, nur zehn Minuten vom elterlichen Hof entfernt, wo seine Eltern in einer Art Luxusbungalow wohnen. Das junge Paar lässt sich treiben von der Sehnsucht nach kurzen Hosen und Sommerkleidern. Pfingsten wollen sie von ihrem Weihnachtsgeld das erste Mal allein, ohne Eltern, Freunde oder Zelt im Gepäck verreisen.
Ihre Mutter hat ihr nahegelegt, das Geld lieber zu sparen, am besten gleich für einen Kinderwagen, und seine Mutter versteht nicht, wie man nicht nach Thailand oder Hawaii fliegen kann, wenn es hier schrecklich kalt ist, anstatt im Frühling nach Griechenland. Im Spannungsfeld derer, die sich angeblich niemals einmischen würden, sind sie auf der Suche nach dem Eigenen.
Markus, der sich mitten im Studium befindet, verbringt nur mehr seine Ferien zu Hause auf dem Dorf. Die beiden jungen Leute kennen sich schon seit Kindheitstagen.
Marie ist Erzieherin im gemeindlichen Kindergarten und bislang geht alles seinen geregelten Gang. Ein wenig ängstigt Marie sich vor dem, was wohl auf sie zukommen mag, sobald ihr Freund sein Studium beendet hat. Ab diesem Zeitpunkt wird es nicht mehr nur den Einfluss ihres Umfelds geben, das alles ganz genau zu wissen glaubt, sondern auch seine Wünsche. Und die ihren? Mit ausgestreckten Armen schiebt sie die damit zusammenhängenden Gedanken ganz weit von sich.
Alles weiß, knirschender Schnee, unerschütterlich blendende Sonne. Es scheint warm und doch sind die Finger und das vordere Ende der Nase kalt, lassen sie sich doch von der vorherrschenden Hochstimmung nicht täuschen.
Mit seinen neuen Skiern und drei Freunden ist Anton auf dem Berg. Unermüdlich fahren sie den Hang hinab. Für Anton ist dies viel mehr als nur eine rhythmisch gleitende Bewegung in Richtung Tal. Er hat das erhabene Gefühl, genau in diesem Augenblick hierher zu gehören, als könnte dies der einzig ewige Moment seines Lebens bleiben. Nur er für sich, ohne nichts und niemanden, auch ganz ohne seine Familie.
Beinahe erschrickt er ein wenig, als ihm dieser Gedanke ins Bewusstsein dringt, doch schließlich, so beruhigt er sich, wird es niemals so weit kommen.
»So etwas nennt man wohl flow!«, ruft er seinem Freund im Schlepplift zu.
»Powder, Anton, powder.«
»Genau, flowpowder.« So einfach konnte das Leben sein.
Weihnachten, erster Weihnachtsfeiertag, zweiter, Silvester. Carola ist mit dem Auto auf dem Weg zu ihrer Mutter. Die Feiertage sind vorbei, ihre Kinder Anton und Marie ohnehin schon wieder auf Achse und ihr Mann Franz hat sich vorgenommen zu Hause in Ruhe einiges aufzuarbeiten.
Zum Glück ist Carola dieses Jahr an der Reihe gewesen, die Oma an Heiligabend auf den Hof zu holen, so dass sie nicht den ganzen Abend über ihr nagend, besser gesagt beißend schlechtes Gewissen wie im Jahr zuvor hatte ertragen müssen. Sie verabscheut diese Sorte von Gefühl, das sich bis tief in die Knochen hinein festsetzt und einem das Gewicht einer jeden Bewegung bewusst macht. Auch wenn sie im eigentlichen Sinne keine Schuld trifft, so sucht sie diese unangenehme Empfindung dennoch jede zweite Weihnacht heim. Deshalb ist sie überaus froh, es dieses Jahr vor sich selbst wiedergutgemacht zu haben.
Carola hat noch eine ältere, eigentlich sehr umgängliche Schwester, die leider einen Tyrannen zum Mann genommen hat, der es liebt, einen jeden bloßzustellen, mit besonderer Vorliebe seine Frau und seine Schwiegermutter. Vor vielen Jahren schon hatten die Schwestern untereinander abgemacht, dass ihre Mutter die Feiertage im Wechsel einmal bei der einen und einmal bei der anderen Tochter verbringen sollte. Auch wenn Carola daran nichts ändern kann, so weiß sie, wie sehr ihre Mutter unter diesem Arrangement seit jeher leidet.
Sie selbst als die sicherlich Stärkste in diesem Gefüge hätte sich dringend zu einem klärenden Machtwort durchringen und sich schützend vor ihre Mutter stellen müssen. In ihrer Vorstellung allerdings sah Carola ihre Schwester in dem Moment, in dem sie es wagen würde, Tacheles zu sprechen, vor Enttäuschung in tausend Stücke zerbrechen. Sich selbst für diesen Scherbenhaufen verantwortlich zu zeichnen, bringt sie beim besten Willen nicht über sich.
Heute will sie ihrer Mutter die restlichen Plätzchen, die sie zuvor in der Adventszeit in mühevoller Kleinarbeit gebacken und dekoriert hatte, mitbringen. Nach Weihnachten isst das Gebäck zu Hause ohnehin keiner mehr und die alte Frau wird sie bestimmt noch bis Faschingsdienstag glücklich und voll Dankbarkeit in ihren morgendlichen Kaffee eintunken. Dieser Gedanke lässt Carola unweigerlich schmunzeln.
»Was machen eigentlich die Kinder heute? Und wie geht es Franz?«, will die alte Frau von ihrer Tochter wissen, als sie wenig später einträchtig beisammensitzen.
»Was wollte ich jetzt eigentlich machen?«, greift Franz sich an den Kopf. Das Denken fällt ihm heute irgendwie schwer, als ginge es um eine tausendstel Sekunde langsamer als sonst. Für einen Augenblick setzt er sich an den Küchentisch, um ein Glas Wasser zu trinken und die Ruhe des Alleinseins zu genießen.
Er rekapituliert die Ereignisse des Morgens, sich fragend, warum er ihn eigentlich als so überaus anstrengend empfunden hat. Anton war schon sehr früh schwer bepackt mit seiner Skiausrüstung losgezogen und Marie hatte nach dem immer wiederkehrenden Gespräch mit ihrer Mutter um Kinderwägen entnervt das Haus verlassen.
Warum Carola ihre Tochter mit diesem leidigen Thema nicht in Frieden lassen konnte, ist für Franz unverständlich. »Was vermisst Carola denn so sehr, dass sie unbedingt mit vierundfünfzig Großmutter werden will?«, murmelt er vor sich hin.
Franz ist jetzt neunundfünfzig und drängt seine Tochter bestimmt nicht in den Hafen der Ehe und zu einer Schar von Kindern, wünscht er sich vielmehr, dass sich seine Kinder so frei wie irgend möglich fühlen und in ihrem noch jungen Leben entfalten können. Für alles andere bliebe später immer noch genug Zeit.
Die Feiertage sind zugegebenermaßen strapaziös gewesen, geprägt von zu viel Essen auf der einen und zu wenig Schlaf auf der anderen Seite. Seit ein paar Tagen ist ihm zudem ab und an leicht schwindelig. Vielleicht, so vermutet er, sind es auch nur die Nachwirkungen der äußerst ausgiebig begangenen Silvesternacht.
Trotz des latenten Unwohlseins kommt für Franz ein untätiger Tag im Bett nicht in Frage. Jetzt, da endlich einmal alle für ein paar Stunden aus dem Haus sind, möchte er sich an die Buchhaltung machen, den Erlös aus dem Weihnachtsbaumverkauf berechnen und sich an die Planungen für das kommende Jahr setzen.
Seine Frau hatte die gute Idee, die Imkerei weiter auszudehnen und Interessierte dafür an den Hof zu locken. »Bienen sind voll im Trend«, hat Carola gemeint. Andere Imker könnten bei ihnen ihre Kästen unterstellen, Wissbegierige sich informieren. Seine Aufgabe ist es nun, dafür die Werbetrommel zu rühren.
Unter dem Küchentisch stupst der Hund ihn mit seiner feuchten Schnauze an. »Ja, Oskar, du bist ja mein Guter«, tätschelt er ihn. »Nachher gehen wir noch in den Wald und sehen an der Futterkrippe nach dem Rechten.«
Der Wald ist für Franz so etwas wie ein zweites Wohnzimmer. Einfach so in einem fremden Wald herumzuspazieren würde ihm nie in den Sinn kommen, aber ein eigenes Stück davon zu besitzen und die dazugehörigen Bäume, Pflanzen und Tiere zu hegen und zu pflegen, erfüllt ihn mit Stolz. Dieser Flecken Natur erscheint ihm wie eine Verlängerung seines eigenen Hauses, ein Freiluftraum unter einem dichten Blätterdach, in dem alles möglich ist, essen, arbeiten, reden, lachen, leben.
Er selbst betrachtet sich als einen Teil des Waldes und dieser ist wiederum ein unverrückbarer Part von ihm, genauso wie es einst bei seinem Vater und davor bei seinem Großvater gewesen ist. Er weiß, dass sich auch Anton und Marie jeder auf seine eigene ganz besondere Art und Weise tief mit dem ganzen Hof, aber vor allem mit dem Wald verbunden fühlen.
Marie ist so stark mit allen Lebewesen in dieser saftigen grünen Natur verwurzelt, dass es Franz vorkommt, als lebte seine Tochter förmlich mit den Moosen, Bäumen, kleinen Flechten, Hasen und Mäusen des Waldes. Bis auf das letzte weiße Hemdchen würde sie alles mit den Bewohnern des Waldes teilen, um am Schluss über und über mit Laub und Beeren belohnt zu werden.
Bei Anton verhält es sich etwas anders. Franz hat den Eindruck, sein Sohn könne inmitten all dieser Natur vor allem eines, nämlich klarer denken. Seine Sinne wirken hier geschärfter, seine Atmung konzentrierter als irgendwo sonst.
Bei der Wendeltreppe, die in den Keller führt, nimmt Franz meist freihändig zwei Stufen auf einmal, doch heute hält er sich lieber, Schritt für Schritt, am Geländer fest. Erneut ist ihm schummrig zumute, sein Kopf fühlt sich an wie mit Schaumstoff umhüllt.
»Werde ich mir doch keine Grippe eingehandelt haben. Dafür habe ich jetzt überhaupt keine Zeit«, argwöhnt er, gleichzeitig energisch beschließend sich nicht weiter damit zu beschäftigen.
Im Untergeschoss hat Franz sich ein kleines Büro, ausgestattet mit einem Computer, einer leistungsstarken Musikanlage und ein paar Hanteln für zwischendurch, eingerichtet. Schwungvoll dreht er die Anlage auf – »heute kann ich ja mal lauter also sonst« – fährt den Rechner hoch – »ah, den Kaffee habe ich vergessen« – steht auf, um ihn zu holen – »was soll denn schon wieder dieser Schwindel« – will sich wieder hinsetzen, seine Knie geben nach – »wir sollten öfter tanzen gehen«, denkt er sich völlig unzusammenhängend – rutscht weiter – verliert das Bewusstsein.
Der Bürostuhl hat Armstützen. Schief, halb am Boden, hängt Franz zwischen einer der Lehnen und der Sitzfläche unglücklich mit dem Kopf fest, als Carola ihn endlich nach wer weiß wie langer Zeit findet.
Verwundert und merklich eingeschränkt erwacht Franz erst im Krankenhaus wieder. Ohne Wenn und Aber lautet die Diagnose Schlaganfall. Das Sehen bereitet ihm Probleme, die rechte Hand, vielmehr die ganze rechte Seite scheint nicht mehr zu gebrauchen zu sein und auch die Worte, sie wollen nicht so recht heraus zwischen den rechts leicht nach unten hängenden Lippen.
Die Krankenhaustage bringen Geschäftigkeit mit sich, zusätzlich müssen zu Hause die Tiere und der Hof versorgt werden, doch an den ruhigen Abenden erlöst die zurückgebliebene Familie leider keine alltägliche Ablenkung von ihren Sorgen.
Schweigend sitzen die Geschwister mit ihrer Mutter um den vertrauten Tisch, der nun kaum noch einladend wirkt. Auch wenn nur eine Person fehlt, so scheint diese Holzplatte auf vier Beinen, eines der bisherigen Kernstücke der Familie, komplett leergefegt zu sein. Aussagen von Ärzten werden wiedergekäut, muss doch der Raum auf irgendeine Weise, notfalls mit bereits Bekanntem, gefüllt werden.
Dann passiert es endlich und zugleich viel zu früh. Auch wenn sich an seinem gesundheitlichen Gesamtzustand nur wenig geändert hat, wird Franz aus der Klinik entlassen. Die nach wie vor bestehende rechtsseitige Lähmung macht für ihn nicht nur ein selbstständiges Fortkommen ohne Rollstuhl unmöglich, die unnütze Hand schränkt ihn zudem derart ein, dass er bei zahllosen alltäglichen Verrichtungen dauerhafte Unterstützung benötigt. Auch sein Sprechen, sogar seine Stimme sind verändert, wenn er nun langsam und gepresst um die passenden Worte ringt. Einzig und allein das Sehen hat sich deutlich verbessert, was erfreulich ist, die anderen Defizite dennoch nicht auszugleichen vermag.
Seitdem der Vater wieder zu Hause ist, zieht sich die Mutter nach ihrem vollbrachten Tagwerk immer zeitiger zurück, um ihre Augen versteckt vor den Blicken der Kinder mit Tränen zu füllen und den Tag für sich selbst nicht unnötigerweise in die Länge zu ziehen. Der Schlaf, dem sie manchmal ein wenig nachhelfen muss, ist in seiner Abgeschiedenheit vom wirklichen Leben derzeit ihr bester Freund. Ihre sichtlich von der Situation betroffenen Kinder lässt sie im restlichen Licht des ausgehenden Tages auf sich gestellt zurück.
Meistens sitzen Anton und Marie dann noch für eine Weile in der Wohnküche zusammen, aber ihre Unterhaltungen gestalten sich äußerst mühsam. Früher spielten sie das Spiel, wer als Erster spricht, hat verloren. Jetzt haben die Ereignisse den einst harmlosen Zeitvertreib ins Gegenteil verkehrt. Das erste Wort bekommt den Zuschlag.
»Was hat das alles zu bedeuten?«, wagt Anton sich vor, nachdem die Mutter sich an einem Abend früher denn je zurückgezogen hat. Als Marie zu ihm aufsieht, wiederholt und ergänzt er seine Frage: »Was bedeutet das jetzt für uns?«
Zaghaft schüttelt sie lediglich den Kopf.
»Erzähl mir eine Geschichte, Marie, eine Geschichte darüber, wie das hier ausgehen wird«, fleht Anton seine ältere Schwester beinahe flüsternd an, während er die Hände gefaltet in ihre Richtung reckt. »Ich brauche einen Anhaltspunkt. Was soll ich anfangen mit meinem Leben? Wie und wofür soll ich mich entscheiden?«
»Anton, du bist kein Kind mehr«, startet Marie ihren Versuch, sein Ansinnen abzuweisen. »Wir sollten …« Mitten im Satz hält sie inne, während sie ihren Bruder abwägend taxiert.
Aus Erfahrung weiß sie, dass er nicht eher aufgeben wird, als dass sie sich geschlagen gibt. Zudem macht er, zusammengesunken wie er vor ihr sitzt, einen überaus elenden Eindruck.
Sie kann nicht anders, sie muss ihm helfen. »Also gut, ich habe eine Idee, die durchaus Sinn machen könnte«, gibt sie sich einen Ruck. »Wir können sie gemeinsam durchgehen, unsere zukünftigen Lebensgeschichten in verschiedenen Varianten, soweit das überhaupt möglich ist. Sozusagen erzählen wir uns unsere Zukunft gegenseitig vorneweg. Vielleicht fällt es dir danach leichter, dich durch den derzeitigen Dschungel zu navigieren. Aber ich brauche dabei deine Unterstützung.«
Auffordernd blickt sie den kleinen Jungen von einst an. »Ein Kneifen von deiner Seite gibt es dieses Mal nicht, verstanden?« Marie hat Lunte gerochen. Vielleicht konnte diese Unternehmung durchaus interessant werden.
»Einverstanden«, signalisiert ihr Anton mit einem Nicken.
»Gut.« Marie befindet sich sichtlich in ihrem Element. »Der Plan sieht wie folgt aus. Zuerst schaffe ich die allgemeinen Grundlagen der Geschichte, sozusagen eine gemeinsame Basis. Von dieser ausgehend entwerfen wir im Anschluss unsere jeweiligen Wege, welche auf allen zuvor getroffenen Entscheidungen fußen müssen.«
»Wie bei den Mäusegeschichten?«, versucht Anton sich selbst aufzuheitern.
»Ganz genau, nur mit dem Unterschied, dass der Ausgang bei uns leider gewiss ist.«
Mit großen Augen, den Blick nach unten gerichtet, starrt Anton betroffen vor sich hin.
Ohne weiter auf ihren Bruder einzugehen, fängt Marie an von dem zu erzählen, was sein könnte oder vielleicht einmal werden wird, und so beginnt eine sehr lange Nacht mit ihren möglichen zukünftigen Leben.
Kapitel 4: Die Rückkehr des Vaters/ Basis(erzählt von Marie)
Der kranke Vater kehrte nach einigen Wochen, die er im Krankenhaus und zuletzt in einer Rehaklinik verbracht hatte, nach Hause zurück. Aufgrund des erlittenen Schlaganfalls hatte er weiterhin Schwierigkeiten mit der rechten Hand, auch sein rechtes Bein war gelähmt und er benötigte einen Rollstuhl, aber das Sprechen ging, wenn auch langsamer, und er konnte wieder genauso gut sehen wie zuvor. Die furchterregenden Zerrbilder, die in seinem Gehirn durch eine Fehlinterpretation der visuellen Signale entstanden waren, hatten sich zurückverwandelt in eine, wenn auch zum Teil nicht minder beängstigende Realität.
Dank eines Treppenlifts, der Anschaffung eines Pflegebettes und nach der Umgestaltung des Badezimmers konnte er im Haus relativ gut versorgt werden, wobei er dennoch zur Verrichtung der meisten alltäglichen Tätigkeiten Hilfe benötigte. Essen schneiden, Schuhe anziehen, auf die Toilette gehen, sich ins Bett legen, all diese Dinge beinhalteten für ihn unüberbrückbare Hürden.
Als größtes Problem stellten sich jedoch die Zugänge im Hof mit ihren vielen Stufen und größtenteils ausgetretenen, schmalen Wegen heraus, die allesamt nicht rollstuhltauglich waren. Der Wald, das Herzstück seines Lebens, lag für ihn in unendlich weiter Ferne. Wie hätte man das unhandliche bereifte Vehikel, mit dem großen und schweren Mann darin, auch über das unwegsame Gelände manövrieren sollen?
