Es bleibt die Schuld - Ursula Großmann - E-Book

Es bleibt die Schuld E-Book

Ursula Großmann

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Beschreibung

Vergangene Fehler holen dich früher oder später ein …
Der mitreißende Psychothriller, der bis zum letzten Wort fesselt

Svenja graut es vor ihrem zehnjährigen Klassentreffen. Es gibt Dinge aus ihrer Schulzeit, die sie lieber vergessen würde. Doch als sie dort auf den charmanten Dennis trifft, geht sie eine Beziehung mit ihm ein. Obwohl sie auch zu ihrer alten Schulflamme Philipp noch immer eine Verbindung spürt, kann sie ihr Glück mit Dennis gar nicht fassen, der nicht nur attraktiv, sondern auch sehr erfolgreich ist. Aber es dauert nicht lange und Svenja merkt, dass sich hinter der Fassade des perfekten Geschäftsmannes düstere Geheimnisse verbergen, die sie von ihm trennen. Nichtsahnend verfängt sie sich in einem fatalen Netz aus Lügen, Schuld und Intrigen, das längst Vergangenes wieder an die Oberfläche bringt und Svenja ins Verderben stürzt. Zu spät wird ihr klar, dass Schuld an einem haften bleibt und mehr als ein Leben zerstören kann … Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Schwärzer als Weiß.

Erste Leser:innenstimmen
„Psychologischer Thriller mit flüssigem Schreibstil und unerwarteten Wendungen.“
„Beginnt wie eine Liebesgeschichte, aber endet mit höchster Spannung …“
„Absolutes Thriller-Highlight!“
„Packend, voller Nervenkitzel und dennoch wird auf Brutalität verzichtet – große Leseempfehlung!“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 609

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über dieses E-Book

Svenja graut es vor ihrem zehnjährigen Klassentreffen. Es gibt Dinge aus ihrer Schulzeit, die sie lieber vergessen würde. Doch als sie dort auf den charmanten Dennis trifft, geht sie eine Beziehung mit ihm ein. Obwohl sie auch zu ihrer alten Schulflamme Philipp noch immer eine Verbindung spürt, kann sie ihr Glück mit Dennis gar nicht fassen, der nicht nur attraktiv, sondern auch sehr erfolgreich ist. Aber es dauert nicht lange und Svenja merkt, dass sich hinter der Fassade des perfekten Geschäftsmannes düstere Geheimnisse verbergen, die sie von ihm trennen. Nichtsahnend verfängt sie sich in einem fatalen Netz aus Lügen, Schuld und Intrigen, das längst Vergangenes wieder an die Oberfläche bringt und Svenja ins Verderben stürzt. Zu spät wird ihr klar, dass Schuld an einem haften bleibt und mehr als ein Leben zerstören kann …

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Schwärzer als Weiß.

Impressum

Überarbeitete Neuausgabe Februar 2022

Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-737-3 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-496-9

Copyright © 2015, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2015 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Schwärzer als Weiß (ISBN: 978-3-94529-828-2).

Covergestaltung: Vivien Summer unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Only background, © Jiri Hrebicek, © Wilqkuku Lektorat: Daniela Höhne

E-Book-Version 18.04.2024, 11:22:17.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Es bleibt die Schuld

Prolog

Erinnerungen. Sie können schön sein. Sie können quälen. Sie können verloren gehen.

Aus verquollenen Augen fleht ihr Blick ihn an, ihr die Erinnerungen zurückzugeben.

Sein Blick ist starr. Hilfe suchend streckt sie ihm die Hand entgegen. Keine Reaktion.

Er sieht nur emotionslos zu, wie sie ermattet ihre Hand wieder sinken lässt. Mühsam, kaum vernehmbar formen ihre Lippen drei Worte. „Was ist passiert?“

Kurz flackert Hoffnung in seinen Augen auf, Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Zögernd tritt er an sie heran und setzt sich neben sie. Er will, nein er muss wissen, wie viel Erinnerung ihr noch geblieben ist.

Nach einigen Fragen, die sie mit verzweifeltem Kopfschütteln beantwortet, lehnt er sich im Stuhl zurück. Dabei lässt er sie keine Sekunde aus den Augen.

Irritiert bemerkt sie, wie sich sein Gesichtsausdruck ändert. Er wirkt jetzt plötzlich entspannter, fast erleichtert. Sie findet keine Erklärung für diesen rätselhaften Wandel.

Angst beschleicht sie, eine Angst, die sie ebenfalls nicht einordnen kann. Entmutigt wendet sie sich ab und schließt erschöpft die Augen, bis er nach einiger Zeit ihre Hand nimmt.

Und dann beantwortet er ihre, zum zweiten Mal mühsam formulierte Frage nach dem Geschehenen. Ihr Blick ist auf sein Gesicht fixiert. Während er redet, wächst ihr Unbehagen. Das Gehörte lässt ihre Augen immer weiter werden. Als er mit seinen Ausführungen am Ende ist, beobachtet er neugierig ihre Reaktion.

In ihren Augen spiegelt sich nur ein einziger Wunsch wider. Der Wunsch, dass er ihr niemals eine Antwort gegeben hätte.

1 – Der Blick zurück

Eigentlich widerstrebte es Svenja, zu diesem Treffen zu gehen. 10-jähriges Abiturjubiläum!

Vor zwei Monaten hatte sie die Einladungsmail des Stufensprechers erhalten und ihr erster Gedanke war gewesen, auf keinen Fall daran teilzunehmen. Nicht die zu erwartenden unzähligen Smalltalks mit Leuten, die sie damals schon nicht hatte leiden können, waren es, die ihren Widerwillen erregten. Es war vielmehr die Erinnerung an das Geschehen in jener Nacht, die sich mit aller Macht Bahn brach. Sie schmerzte, sie machte ihr Angst. Wie sollte sie den anderen gegenübertreten? Einsam würde sie sich fühlen, reden und doch sprachlos sein.

Nur noch eine Station mit der Straßenbahn. Noch kann ich es mir ja überlegen, dachte sie, verwarf diese Überlegung jedoch sofort wieder. Ihr Fernbleiben wäre auch keine Lösung. Also entschloss sie sich, sich der Situation zu stellen, ganz gleich was kommen würde.

Der Bus fuhr mit Schwung an die Haltestelle und bremste so scharf, dass sie sich an der Stange festhalten musste, um nicht hinzufallen. Sie stieg mit ein paar anderen Fahrgästen aus und machte sich auf den Weg in die Augsburger Innenstadt zum vereinbarten Lokal.

Je näher sie ihrem Ziel kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Wie sollte sie die obligatorische Frage „Und, was machst du?“ beantworten? Am liebsten gar nicht.

Sie müsste nämlich sagen, dass sie zwar auf Lehramt für Gymnasium studiert hatte, aber nicht gut genug gewesen war, um in absehbarer Zeit eine Anstellung zu bekommen. Sie müsste erzählen, dass sie sich als Lehrerin in einer Nachhilfeorganisation ein Jahr lang knapp über Wasser gehalten hatte, bis sie es schließlich geschafft hatte, mit einer ehemaligen Kommilitonin eine eigene Nachhilfeschule, inklusive Hausaufgabenbetreuung, zu eröffnen. Dafür muss ich mich nicht schämen. Schließlich habe ich ein Unternehmen gegründet und durchgehalten, dachte sie trotzig. Die massiven Anlaufschwierigkeiten ihres Lernclubs „Funny Learning“ waren inzwischen überwunden und sie konnte sich sogar über allmählich steigende Nachfrage freuen. Svenja bog in die Gasse ein, in der sich das Lokal befand. Sie trat in einen Hauseingang, zog einen Spiegel, Kamm und Lippenstift aus ihrer grauen Ledertasche und kämmte die kinnlangen, schwarzen, in Bobform geschnittenen Haare.

Nervös zog sie sich die vollen Lippen mit karminrotem Lippenstift nach und überprüfte noch mal das Make-up ihrer mandelförmigen, braunen Augen. Ihre kleine Narbe am Kinn, die sie sich als Kind bei einem Sturz zugezogen hatte, war ein kleiner Makel in ihrem ansonsten als schön zu bezeichnendem Gesicht. Doch mithilfe eines hautfarbenen Abdeckstiftes gelang es ihr immer, diese beinahe unsichtbar werden zu lassen. Ein mulmiges Gefühl begleitete sie auf den restlichen Metern bis zum Lokal.

Es war zwar Anfang Mai, aber wie üblich viel zu kühl für diese Jahreszeit, weshalb die Veranstaltung nicht im angrenzenden gemütlichen Wirtsgarten stattfinden konnte. Im Gastraum hatten sich schon etliche Klassenkameraden eingefunden, die sich angeregt unterhielten. Sie atmete einmal tief durch und steuerte dann auf eine Gruppe zu.

„Hallo Svenja. Mann, du bist keinen Tag älter geworden!“, rief Hannes, ihr ehemaliger Sitznachbar im Französischleistungskurs.

„Ich nehme das mal als Kompliment, Hannes. Dann wird die Veranstaltung erträglicher“, meinte sie lachend und begrüßte dann die anderen reihum. Leider bemerkte sie zu spät, dass sich auch Mark in dieser Gruppe befand. Er sieht aus wie damals. Immer noch die gleiche halblange Lockenfrisur, immer noch dieselbe schlaksige Figur, dachte sie, als er auf sie zuging. Er reichte ihr die Hand und zeigte sein typisch schiefes Lächeln.

„Na, wie geht es dir?“, kam auch gleich darauf die Frage.

Und immer noch dieses Spöttische in seiner Stimme und in den Augen, stellte sie ernüchtert fest. Obwohl er damals augenfällig Interesse für sie gezeigt hatte, war er ihr dennoch immer mit überlegenem Gehabe begegnet, hatte keine Gelegenheit ausgelassen, sie ob ihrer nicht immer glänzenden Leistungen mit beißendem Spott zu überziehen. Er war ihr mit seiner überheblichen, besserwisserischen Art so zuwider gewesen, dass sie ihm, so gut es ihr eben gelang, immer aus dem Weg gegangen war. Und ausgerechnet er sollte hier einer der ersten sein, mit dem sie Smalltalk führen würde? Und womöglich noch ihre Lebensgeschichte unterbreiten sollte?

„Man lebt.“

„Wow, sehr informativ! Noch genauso gesprächig wie damals!“, meinte er mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

Das fängt ja schlimmer an als befürchtet , dachte sie und zuckte nur kurz mit den Schultern. „Svenja?!“, rief eine männliche Stimme und erlöste sie aus der misslichen Lage. Sie drehte sich um und sah in ein lachendes, immer noch jugendliches Gesicht.

„Hey Philipp! Das ist ja toll, dass du auch kommen konntest!“, rief sie ehrlich erfreut und umarmte ihn spontan.

„Hallo! Mensch, wie schön dich zu sehen! Zehn Jahre sind ja eine halbe Ewigkeit.“

Er hob sie in die Höhe, und drehte sich einmal um die eigene Achse, bevor er sie wieder absetzte.

„Pfff, alte Liebe rostet nicht, was?“, schnaubte Mark verächtlich.

„Hey Mark, alter Kumpel!“, rief Philipp und boxte ihn leicht auf den Oberarm. „Bist wohl immer noch neidisch, dass ich damals das Rennen gemacht habe, bei der heißesten Frau im ganzen Umkreis.“

„Die dich aber nicht geheiratet hat, sondern gleich nach dem Abi das Weite suchte!“, meinte Mark und grinste dabei hämisch.

Philipps Blick verdüsterte sich.

„Du bist doch das gleiche arrogante, sarkastische Ar…“

Svenja zog ihn schnell an seinem Jackenärmel ein Stück beiseite.

„Komm schon, du wirst dich doch nicht nach zehn Jahren immer noch von ihm provozieren lassen“, wisperte sie und bugsierte ihn schnell zu einer anderen Gruppe, mit hohem weiblichen Anteil. Im Gespräch mit den wesentlich netteren Exemplaren aus dem Kreise der Ehemaligen, entspannte er sich bald. Während er Anekdoten aus der Schulzeit zum Besten gab und die weibliche Anhängerschaft damit zum Lachen brachte, betrachtete sie ihn verstohlen von der Seite. Er hatte sich nicht viel verändert. Die Gesichtszüge waren zwar männlicher geworden, bargen aber dennoch eine gewisse Lausbubenhaftigkeit in sich. Von seiner dunkelblonden Lockenpracht hatte er bisher nicht viele Haare eingebüßt und in puncto Figur hatte sich auch nichts geändert. Immer noch diese groß gewachsene, schlanke Erscheinung, mit relativ schmalen Schultern und flachem Bauch. Damals hatte sie ihn attraktiv gefunden, war verliebt gewesen, doch wenn sie ihn jetzt betrachtete, konnte sie diese Empfindungen nicht mehr nachvollziehen. Jene Nacht hatte alles verändert. Sie hatte sich verändert. Svenja fragte sich, wie es Philipp seither ergangen war. Nach der Trennung hatten beide den Kontakt abgebrochen und keiner hatte je den ersten Schritt gewagt, ihn wieder aufzunehmen. Als könnte er ihre Blicke spüren, wandte er sich plötzlich zu ihr und zog sie lachend an der Hand zu sich heran.

„Komm Svenja-Schatz, jetzt wird Wiedersehen gefeiert!“

Er winkte einem Kellner und bestellte eine Runde Sekt. Sie bemühte sich zu lächeln und verfluchte Philipp gleichzeitig. Jetzt würden sich die ehemaligen Klassenkameradinnen gleich wie die Hyänen mit Fragen, was sie denn in den letzten zehn Jahren gemacht hatte, auf sie stürzen. Und genau so kam es.

So selbstbewusst wie möglich, stillte sie deren Neugier. An den zurückhaltenden Reaktionen konnte sie erkennen, wie sich die meisten insgeheim daran ergötzten, dass sie nicht die große Karriere aufzuweisen hatte. Anja, die Staatsanwältin geworden war und noch vorhatte zu promovieren, verpasste ihr den größten Dämpfer.

„Willst du dich nicht doch noch für den Schuldienst bewerben? Ist auf Dauer bestimmt sicherer als Selbstständigkeit.“

Schon in Schulzeiten war Anja ihr zuwider gewesen. Immer strebsam, immer Bestnoten, immer Lehrerliebling und immer im Clinch mit ihr, der lebenslustigen und beim männlichen Volk beliebten Svenja.

„Ach wieso, ich bin mein eigener Herr und es läuft inzwischen prima. Schuldienst! Das ist bei näherer Betrachtung auch nicht optimal. Du strampelst wie blöde, kommst aber kaum vom Fleck. Bei mir ist das anders. Je mehr Energie ich reinhänge, desto mehr Erfolg sehe ich“, antwortete sie selbstbewusst.

„Aha. Na ja, ist wohl Ansichtssache“, meinte Anja etwas von oben herab und wandte sich dann demonstrativ von ihr ab, um sich mit Simone zu unterhalten. Svenja musste mühsam den aufkeimenden Ärger unterdrücken und hätte am liebsten Stufensprecher Stefan dafür geküsst, dass er alle mit lauter Stimme aufforderte, sich einen Platz zu suchen.

Philipp wich nicht von ihrer Seite und setzte sich, ohne zu fragen, neben sie. Es machte ihr nichts aus. Im Gegenteil. Philipp gehörte zu jenen, mit denen sie heute Abend gerne zusammen war. In der Art wie sie miteinander redeten und lachten, war deutlich die alte Verbundenheit spürbar.

„Ist hier noch frei?“, unterbrach eine Männerstimme ihr tiefer gehendes Gespräch. Es war Mark, der ohne eine Antwort abzuwarten, einen Stuhl nach hinten schob und sich darauf setzte. Svenja verdrehte innerlich die Augen, sagte aber nichts, sondern nickte nur mit gezwungenem Lächeln. Sie verspürte wenig Lust, den gesamten Abend mit jemandem zu verbringen, den sie nicht leiden konnte und um des lieben Friedens willen ständig Freundlichkeit heucheln zu müssen.

„Ich störe hoffentlich nicht eure traute Zweisamkeit“, sagte er in seiner unnachahmlich ironischen Art. Bevor einer der beiden eine passende Antwort geben konnte, ertönte das laute klingelnde Geräusch einer an ein Glas klopfenden Gabel, das alle im Raum schnell zum Verstummen brachte. Stefan hatte sich für seine Begrüßungsrede Gehör verschafft.

„Guten Abend, ich heiße euch ganz herzlich willkommen zu unserem zehnjährigen Jubiläum. Wenn ich mich so umsehe, haben es die meisten von euch geschafft zu kommen, was mich wirklich sehr freut! Herzlich begrüßen darf ich auch unseren damaligen Rektor Herrn Hummel und Herrn Seitz vom Matheleistungskurs.“

Lautes Gejohle und Klatschen brandete auf, als sich die Genannten kurz erhoben und „Guten Abend“ in die Runde nickten.

Stefan fuhr schließlich mit seiner Rede fort, in die er ein paar lustige Anekdoten eingeflickt hatte und erntete dafür großen Beifall. Doch dann kam der Moment, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte. Stefans Lächeln erstarb. Mit belegter Stimme erinnerte er an das Unglück, das einen Schatten über die eigentlich glückliche Abiturzeit der Anwesenden gelegt hatte. „Aber bei allem Spaß, den wir hier haben, möchte ich auch an unsere liebe Klassenkameradin Maren erinnern, die leider nicht mehr bei uns sein kann.“ Er hielt kurz inne. „Lasst uns mit einer Schweigeminute ihrer gedenken.“

Er senkte den Kopf und alle taten es ihm gleich. Bedrückende Stille breitete sich im Raum aus, nur das Gemurmel der Gäste und das Geräusch von klapperndem Geschirr und Besteck drangen aus dem Nebenraum herüber.

Philipp nahm Svenjas Hand und drückte sie sachte. Das Unaussprechliche war gesagt worden. Erdrückend, schmerzend war die Erinnerung an das tragische Ereignis, an den Schockmoment, als sie von dem Unfall erfahren hatten. So spürbar waren jetzt die Gefühle, als wäre es gestern geschehen. Einen Abend lang hatte man sich zusammen gefunden, um den Schulabschluss fröhlich zu feiern und auf eine chancenreiche Zukunft anzustoßen. Ein unbedachter Moment hatte die Katastrophe ausgelöst. Keiner hatte je begreifen können, warum dieses hoffnungsvolle, junge Leben jäh an einem Baum enden musste.

Dankbar für sein Mitgefühl, drückte sie ebenfalls seine Hand. Ihre Blicke trafen sich und sie verstanden einander.

2 – Begegnungen

Mark wischte sich mit der Serviette über den Mund, nahm einen kräftigen Schluck von seinem Weizenbier und hatte danach sichtbar Mühe, einen lauten Rülpser zu unterdrücken.

„Aaah! Es geht doch nichts über einen original bayerischen Schweinebraten! Immer wieder gut!“, sagte er.

„Sprach der Arzt! Deine Cholesterinwerte freuen sich bestimmt auch …“, stichelte Svenja. Mark gab ein Stöhnen von sich.

„Die Spaßbremse hat gesprochen! Ärzte sind auch nur Menschen und Männer werden nun mal nicht satt von ein paar Salatblättchen, zwischen denen sich – ,Ei, wo sind sie denn?‘ – Putenstreifen verstecken. Wir haben nicht so ein kleines Piepmatzmägelchen vom Grünfutter wie du, liebste Svenja!“

Eigentlich sollte es lustig klingen, doch so sehr sich Mark auch bemühte witzig zu sein, es kam beim Gegenüber dennoch als Spott an.

„Mensch Mark, kannst du eigentlich auch mal was Nettes zu deinen Artgenossen sagen?“, schnauzte Philipp ihn an und stand gleichzeitig auf. „Ich hole kurz Zigaretten und gehe dann eine rauchen. Kommst du auch nach draußen, Svenja?“

„Ja, ich komme gleich nach.“

Als Philipp verschwunden war, beugte sich Mark zu Svenja hinüber. „Sag mal, welche Laus ist denn dem über die Leber gelaufen?! Versteht auch gar keinen Spaß.“

„Deine sogenannten Späße sind auch schwer verdaulich, mein Lieber. Deine Galle produziert eindeutig zu viel Gift. Lass sie dir am besten entfernen. Obwohl, du als Chirurg kannst das ja im Do-it-yourself-Verfahren machen.“

Mark klatschte in die Hände, während Svenja sich erhob.

„Respekt! Auf den Mund gefallen bist du jedenfalls nicht. Da fällt sogar mir Schandmaul nichts mehr ein.“

Sie nickte ihm mit triumphierendem Grinsen zu, schnappte ihren Mantel und begab sich dann nach draußen. Einige Gäste standen in Grüppchen herum. Auf der Suche nach Philipp ließ Svenja ihren Blick über sie hinwegschweifen. Er war noch nicht hier.

„Entschuldigung, darf ich bitte vorbei?“, erklang eine tiefe Männerstimme hinter ihr.

Sie drehte sich um und blickte in zwei braun-grüne Augen.

„Natürlich, Entschuldigung.“

Svenja trat einen Schritt beiseite ohne den Blick abzuwenden. Ein dunkel gelockter, großer, schlanker Mann schob sich an ihr vorbei und auch er ließ sie dabei nicht aus den Augen. Beide lächelten sich an und keiner wusste warum.

„Von so einer hübschen Dame wird man allerdings gerne blockiert“, meinte er galant und blieb stehen. Svenja hatte keine Chance ihm zu antworten, denn irgendjemand rief: „Dennis, wir sind hier hinten!“

Er drehte sich um. „Komme gleich zu euch!“, rief er und sagte an Svenja gewandt: „Gehören Sie zu dem Klassentreffen?“

„Ja, zehnjähriges Jubiläum.“

„Tja, dann wünsche ich noch einen schönen Abend.“

„Gleichfalls!“

Neugierig sah sie ihm nach, wie er sich an den Grüppchen vorbei zu seinen Bekannten schlängelte. Die dunklen, in Stufen geschnittenen Locken reichten ihm bis in den Nacken und bedeckten den Kragen seiner dunkelgrauen Lederjacke, die er zu einer schwarzen Jeans trug. Er schien beliebt zu sein, denn er wurde mit großem Hallo und Gelächter empfangen.

Zwei Hände legten sich auf ihre Schultern.

„Jetzt musst du keine Löcher mehr in die Luft starren. Ich bin wieder da.“

Philipp trat neben Svenja und zündete sich eine Zigarette an. Seine Finger zitterten ein wenig.

„Rauchst du immer noch oder wieder?“

„Letzteres. Wenn man Stress hat, ist man dafür sehr anfällig.“

„Womit hast du denn Stress?“, fragte sie, während sie Ausschau nach Dennis hielt.

„Mit meiner Softwarefirma.“ Er fing an, seine Lebensgeschichte zu erzählen und gewann damit Svenjas uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Anfangs war es mit der Firma einigermaßen gut gelaufen, bis sein Partner wegen Unstimmigkeiten aussteigen wollte und dies in kürzester Zeit in die Tat umsetzte. Daraufhin ging es bergab. Philipp kaufte ihm seine Anteile ab, war aber alleine überfordert. Sein Partner hatte immer erfolgreich die Aufträge an Land gezogen, jedoch gehörte dies nicht gerade zu Philipps Stärken. Deshalb beauftragte er in seiner Not einen Unternehmensberater, um ihm und seiner Firma wieder auf die Beine zu helfen, doch dessen Arbeit brachte nicht den gewünschten Erfolg.

„Viel investiert, wenig gewonnen. Jetzt halte ich mich gerade so über Wasser.“

Er warf den glimmenden Zigarettenstummel auf den Boden und trat ihn mit der Fußspitze aus. Die vehemente Art, in der er dies tat, zeugte für Svenja von mühsam unterdrückter Wut. Es war sichtlich schwer für ihn, sich sein Beinahe-Scheitern einzugestehen.

Bilder aus der Vergangenheit tauchten vor ihr auf; Bilder, in denen sie zusammen Händchen haltend auf dem Rasen im Augsburger Freibad nebeneinander lagen, in den strahlend blauen Himmel schauten und sich in Zukunftsszenarien verloren. Alles erschien möglich damals, ein knappes Jahr vor dem Abitur.

Sie wollten die weite Welt jenseits des Elternhauses erobern. Philipp träumte von einer Karriere à la Bill Gates. Er hatte in scherzhaften Fantasien davon gesprochen, dass Svenja mit dem riesigen Vermögen ihres Gatten Philipp eine eigene Privatschule, für gut Betuchte natürlich, gründen könnte. Als Schulleiterin würde sie sich die Freiheit nehmen, nur exklusive Stunden in Kunst zu geben. Viel gelacht hatten sie über diese Visionen und doch hatte jeder insgeheim den Traum vom großen Erfolg geträumt.

Aber die Widrigkeiten des Lebens hatten sie eingeholt, schneller als sie es verkraften konnten. Die Scheidung von Philipps Eltern am Beginn seines Studiums hatte ihn in Windeseile in eine Zwangslage gehievt. Alleine auf sich gestellt, weil „die Alten“ (wie er seine Eltern seitdem despektierlich nannte) zu sehr mit ihrem Zerwürfnis und neuen Liebschaften beschäftigt gewesen waren, hatte er alle Entscheidungen ohne den elterlichen Rückhalt treffen müssen. Dazu hatte sich ein finanzieller Engpass gesellt, den eine Scheidung unweigerlich mit sich brachte. Kurzum, er hatte ums nackte Überleben gekämpft, hatte sich nebenher mit Jobs in Kneipen und einer Werbefirma über Wasser gehalten. Zwangsweise war sein Studium dabei ins Hintertreffen geraten, mit dem Ergebnis eines nicht glanzvollen Abschlusses, der die Chancen auf eine feste Anstellung enorm geschmälert hatte.

„Worüber denkst du denn nach?“, fragte er.

„Über die Vergangenheit. Und die geplatzten Träume.“

„Ja, manchmal frage ich mich auch, wie das Leben wohl aussähe, wenn wir zusammen geblieben wären. Besser? Was denkst du?“

„Vermutlich nicht. Und du weißt warum.“

Er nickte nachdenklich mit dem Kopf.

„Vielleicht haben wir uns aber auch zu wenige Chancen für eine gemeinsame Zukunft gegeben.“

Der Gesprächsinhalt begann für Svenja unangenehm zu werden. Unwillkürlich wandte sie ihren Blick von Philipp ab und ließ ihn über die anderen Gäste schweifen. Sie entdeckte den Schwarzlockigen und bemerkte, dass er sie gerade interessiert ansah. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. Ohne es zu wollen, verzog sie den Mund zu einem Schmunzeln und blickte dann verlegen zu Boden.

„Bist du eigentlich liiert?“, fragte Philipp.

„Nein, schon seit einem halben Jahr nicht mehr. Mein Ex war ein toller Mensch, lieb und rücksichtsvoll, aber leider wollte er zu wenig vom Leben. Irgendwann hat er aufgehört sich Ziele zu setzen, hatte zuletzt das Temperament einer Schlaftablette, um es mal krass auszudrücken. Es hat einfach nicht funktioniert.“

Sie scharrte mit dem rechten Fuß imaginären Dreck beiseite. Es fiel ihr nicht leicht, über das Thema zu reden und sie hoffte, Philipp würde nicht mehr weiterfragen.

„Du hast ihn einfach so in die Wüste geschickt? Oder hast du ihm noch eine Chance gegeben, sich zu ändern?“

„Natürlich habe ich das, aber wie gesagt, es gab keine Gemeinsamkeiten mehr. Und jetzt Themawechsel, sonst frage ich dich über dein Liebesleben aus.“

„Schon gut … Schade, es hätte mich schon interessiert, schließlich bin ich auch so ein ausrangierter Lover von dir.“

„Themawechsel!“

Grinsend zog er eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an. Svenja riskierte ihrerseits einen Blick in Richtung des Schwarzlockigen. Irritiert und erfreut zugleich registrierte sie, dass dieser sie wieder in Augenschein genommen hatte und ihre Reaktion mit einem amüsierten Lächeln quittierte. Svenja musste ebenfalls wegen ihres pubertären Verhaltens schmunzeln.

„Wem lächelst du denn zu?“

Philipp sah interessiert in Svenjas Blickrichtung und zog gleich darauf verärgert die Augenbrauen zusammen.

„Was macht der denn hier?“

„Wer?“

„Dennis Lettmann. Der Letzte, dem ich heute begegnen wollte.“

„Meinst du etwa den da vorne mit der Lederjacke?“

„Ja, verdammt. Schau nicht so auffällig hin!“

„Warum? Was hast du denn mit ihm zu tun?“, fragte Svenja neugierig.

„Das ist der Unternehmensberater, der für mich tätig war, als die Geschäfte den Bach runtergingen. Ich habe dir doch vorhin von ihm erzählt. Seine Arbeit war mies, es lief danach kaum besser, aber er behauptete natürlich, dass ich seinen Masterplan nicht richtig umgesetzt hätte, dieses Ar…!“

„Philipp, nicht schon wieder diesen netten Titel!“, unterbrach sie ihn schnell.

„Ist doch wahr. Ich bezahle einen Haufen Geld, und was kommt dabei heraus? Nichts. Und dieser Mistkerl gibt dann auch noch mir dafür die Schuld!“

Svenja wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, schließlich kannte sie die genauen Hintergründe nicht.

„Sollen wir hineingehen?“, fragte sie deshalb nur.

„Nein, ich will erst zu Ende rauchen. Weißt du, sein Dad, stinkreich, besitzt eine große Unternehmensberaterfirma, bei der er sein Söhnchen selbstverständlich in leitender Position angestellt hat, obwohl er nichts taugt. Immer dasselbe und ich muss es jetzt büßen. Fuck!“

Svenja konnte sich nicht erinnern, dass sich Philipp früher auch dieser Vulgärsprache bedient hätte. Sie sah ihm zu, wie er an seiner Zigarette zog und den Rauch nach einem tiefen Lungenzug heftig durch Mund und Nase ausstieß.

„Schone deine Lungen und lass uns hineingehen“, schlug sie vor, um ihn abzulenken.

Als er nicht gleich reagierte, nahm sie ihm kurzerhand die Zigarette weg, warf sie zu Boden und drehte den verdutzten, „Hey, was soll das?“ rufenden Philipp in Richtung Eingangstür.

Jemand schob sich knapp an ihr vorbei und blieb vor Philipp stehen.

„Hallo, Herr Schulte! Wie geht es Ihnen denn? Sie wollten sich doch noch einmal bei mir melden.“

Es war Dennis Lettmann, der ganz offensichtlich nicht primär am Wohlergehen von Philipp interessiert war, denn er sah hauptsächlich Svenja an und lächelte dabei.

„Wie soll es mir schon gehen, nachdem ich ganz knapp einem Insolvenzantrag entgangen bin, dank Ihrer stümperhaften Arbeit!“, giftete Philipp ihn an.

„Herr Schulte, ich habe Ihnen erklärt, woran es gelegen hat. Sie hätten meinen Geschäftsplan eins zu eins umsetzen müssen und nicht noch selber herumdoktern dürfen, dann hätte es hundertprozentig funktioniert.“

„Jetzt ist der falsche Zeitpunkt das zu besprechen, denken Sie nicht auch? Ich melde mich demnächst bei Ihnen. Einen schönen Abend noch, Herr Lettmann“, blaffte Philipp zurück und wollte sich an ihm vorbeischieben.

„Wo sind Ihre guten Manieren geblieben? Sie haben mir Ihre nette Begleitung noch nicht vorgestellt.“

Ungläubig, mit zusammengekniffenen Augen, nahm Philipp ihn ins Visier. Seine Gesichtsmimik spiegelte eindeutig seinen Kampf um Beherrschung wider. Svenja beobachtete ihn mit wachsendem Unbehagen und versuchte mit einem fröhlichen „Also, das kann ich auch selbst machen. Ich bin Svenja Grothe, ehemalige Klassenkameradin und Freundin von Philipp“ die Situation zu retten.

Sie reichte ihm dabei die Hand und zauberte ihr schönstes Lächeln auf das Gesicht.

„Dennis Lettmann, angenehm. Sehr angenehm sogar!“, meinte er mit einem charmanten Lächeln.

„Bfff“, schnaubte Philipp leise. „Ich geh jetzt wieder hinein, kommst du mit, Svenja?“

Sein Blick verriet, dass die Frage rein rhetorisch war und vielmehr die Aussage Du wirst dich doch nicht ernsthaft weiterhin mit diesem Kerl unterhalten wollen enthielt.

Natürlich konnte Svenja ihn verstehen, andererseits wollte sie sich nicht vorschreiben lassen, mit wem sie sich unterhalten durfte und mit wem nicht. „Geh schon mal voraus, ich möchte noch eine rauchen.“

Philipps Augenbrauen verschwanden vor Erstaunen unter seinen Stirnfransen. Noch vor einer Stunde hatte sie ihm stolz verkündet, dass sie es vor drei Jahren geschafft hatte, damit aufzuhören.

„Du enttäuschst mich“, meinte Philipp nur und ging wieder ins Lokal hinein.

„Ihr Freund scheint …“

„Ex-Freund“, berichtigte Svenja sofort.

„Okay, Ex-Freund. Er scheint jetzt beleidigt zu sein. Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?“

Svenja zögerte. Wenn sie ablehnte, wusste er, dass sie nur seinetwegen draußen geblieben war, andererseits wollte sie deswegen aber auch nicht rückfällig werden.

Schließlich wusste sie ja nicht, ob dieser Kerl es überhaupt wert sein würde. Die meisten Bekanntschaften hatten sich in letzter Zeit beim ersten Schein als prachtvolle, aber beim genaueren Abklopfen, als extrem hohle Nüsse entpuppt.

„Vielen Dank, aber Ihre Sorte ist mir zu stark. Ich rauche lieber meine eigenen.“

Sie ließ eine Hand in ihrer Tasche verschwinden und tat so, als ob sie suchen würde.

„Also so was Blödes. Ich habe sie tatsächlich vergessen. Na macht nichts, ich will sowieso aufhören.“

Ungeniert und ohne rot zu werden, lächelte sie ihn trotz dieser faustdicken Lüge an.

Er erwiderte ihr Lächeln, doch Svenja vermochte nicht zu sagen, ob er ihr glaubte. In seinen Augen lag ein rätselhaftes Funkeln, das sie nicht deuten konnte.

3 – Vergangenheit und Zukunft

Eine halbe Stunde später gab Svenja die Hoffnung auf, mit Herrn Lettmann eine tiefer gehende Konversation führen zu können. Das lag allerdings nicht daran, dass es ihnen an Gesprächsthemen gemangelt hätte, sondern vielmehr an den permanenten Unterbrechungen. Immer, kaum dass sie ein paar Sätze gewechselt hatten, kam jemand von Svenjas ehemaliger Klasse zum Rauchen oder Luftschnappen nach draußen. Und jedes Mal entdeckte dieser Jemand Svenja mit einem lauten Hallo. Natürlich freute sie sich über die Aufmerksamkeit und die netten Gespräche. Zu ihrer großen Erleichterung hatte sich ihre ursprüngliche Befürchtung, es könnte Unangenehmes zur Sprache kommen, nicht bewahrheitet. Inzwischen wurde es ihr jedoch beinahe zu viel des Guten.

Die Krönung war schließlich Katjas inquisitorische Frage: „Hast du eigentlich schon Kinder?“ So etwas konnte ja nur von ihr kommen. Nur weil diese ihren Sandkastenfreund, mit dem sie im zarten Alter von fünfzehn eine Beziehung angefangen hatte, mit einundzwanzig geheiratet und in den folgenden sechs Jahren in gleichmäßigen Abständen drei Babys bekommen hatte, berechtigte es sie noch lange nicht, so derb mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Kinder? Gott bewahre! Dafür war noch keine Zeit. Außerdem braucht man dazu erst mal den richtigen Partner. Samenbankbabys eignen sich nicht gerade für ein nettes Familienalbum.“

Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte sie, dass Dennis sie ansah. Wenigstens weiß er jetzt, dass ich noch solo bin, dachte sie nicht ohne Genugtuung.

„Ja, wie meine Mutter schon sagte, viele Verehrer, kein Bewerber!“, bemerkte Katja spitz.

Ihr begleitendes, gackerndes Lachen verlangte Svenja viel Selbstbeherrschung ab.

„Tja, nicht jeder hat eben so viel Glück in der Liebe wie du, Katja“, antwortete Svenja mit leicht bissigem Unterton.

„Du sagst es!“, entgegnete diese schnippisch und zog sich zur Freude Svenjas gleich darauf zurück.

„Die gehörte bestimmt nicht zum engeren Freundeskreis“, meinte Dennis schmunzelnd.

„Wahrlich nicht! Wahrscheinlich ist sie nur neidisch. Schließlich stelle ich es mir nicht gerade aufregend vor, in jungen Jahren nur mit Windeln wechseln, Breichen füttern und Kinderkrankheiten beschäftigt zu sein. Wenn ich da an meine wilde Studienzeit mit Reisen und vielen neuen Freunden denke … Das möchte ich nicht missen.“

„Oh ja, das stimmt“, pflichtete Dennis ihr bei und fing an, lustige Geschichten aus seinem Studium zu erzählen. Als sich Svenja gerade eine Lachträne aus dem Auge wischte, sah sie über Dennis’ Schulter hinweg Philipp und Mark in der Eingangstür stehen.

Fuchtelnd gaben sie ihr zu verstehen, sie möge zu ihnen kommen. Ausgerechnet jetzt! Svenja ignorierte sie geflissentlich. Sie würde ganz bestimmt nicht das amüsante Gespräch unterbrechen wegen zwei Männern, die ihr aus unersichtlichem Grund wie zwei Fluglotsen auf dem Flugfeld zuwinkten und sie zum Einfliegen bewegen wollten.

„Ihr Ex-Freund langweilt sich wohl ohne Sie!“, meinte Dennis mit Blick zur Eingangstür.

„Sein Problem! Es gibt ja noch mehr Klassenkameradinnen hier, mit denen man sich nett unterhalten kann, wie man in der letzten halben Stunde mitbekommen hat.“

Beide mussten lachen. Er verstand ihren versteckten Humor und das fand Svenja äußerst sympathisch. Sie musste Philipp und Mark unbedingt loswerden und gab den beiden mit einem eindeutigen Kopfschütteln zu verstehen, dass sie nicht mehr belästigt werden wollte. „Wie lange waren Sie denn mit Philipp zusammen?“

„Zwei Jahre. Als wir zu studieren anfingen, trennten wir uns“, antwortete sie knapp. Es widerstrebte ihr, sich mit Dennis über ihren Ex-Freund zu unterhalten.

„Kann es sein, dass er wieder Interesse an Ihnen hat?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Philipp freut sich nur, mich nach so langer Zeit wiederzusehen, mehr nicht“, sagte sie etwas pikiert.

Sie hoffte, dass Dennis das Signal verstand, nicht weiter zu bohren.

„Na, ich dachte nur, weil er wie ein Anhängsel an Ihnen klebt“, meinte er und verzog seinen Mund zu einem leichten Grinsen. „Übrigens ich bin Dennis, lassen wir doch das förmliche Siezen.“

„Gerne. Ich heiße Svenja.“ Sein warmer Händedruck war sanft und dennoch bestimmt. Er hielt ihre Hand ein paar Sekunden länger als nötig und sah ihr dabei lächelnd in die Augen.

Plötzlich stellte sich jemand dicht neben sie. „Sag mal Svenja, bist du jetzt zum Klassentreffen gekommen oder nicht? Jetzt komm doch endlich wieder mit rein“, riss Philipps Stimme sie erbarmungslos aus der Versunkenheit des Augenblicks.

Sie verspürte nicht die geringste Lust in den Gastraum zurückzugehen. Am liebsten hätte sie Philipp gesagt, er solle sich alleine auf der Versammlung der Altvorderen vergnügen. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Willst du etwas gelten, mach dich selten, kam es ihr in den Sinn. Ein Spruch, den ihre Omi ihr mit auf den Weg gegeben hatte, als sie dieser im zarten Teenageralter von den ersten Annäherungsversuchen des anderen Geschlechts erzählte. Sicherlich verfehlte diese Empfehlung auch in ihrem Alter nicht die Wirkung.

„Ja, gut, mir wird sowieso langsam kalt. Dennis, es hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Vielleicht sieht man sich mal wieder.“

Es fiel ihr schwer nicht zu zeigen, wie sehr es ihr widerstrebte, sich verabschieden zu müssen. Insgeheim hoffte sie, dass er sie nach ihrer Handynummer fragte.

„Ja, hat mich auch gefreut. Dann noch viel Spaß heute Abend!“

Er legte kurz seine Hand auf ihre Schulter und ging dann zu seinen Bekannten.

„Komm endlich!“, sagte Philipp ungeduldig.

„Jetzt hör auf mich zu drängen, ich komme ja!“

Leicht zerknirscht warf sie noch einen Blick hinter Dennis her, der sich den Weg zu seinen Bekannten bahnte und folgte dann Philipp. Es wurmte sie, dass dieser aufgetaucht war und ihre Zweisamkeit gestört hatte. Vielleicht hätte sie ihn doch einfach wegschicken und sich mit Dennis weiter unterhalten sollen. Jetzt war er weg und wer weiß, ob sie ihn je wiedersehen würde.

„Also ein bisschen mehr Feingefühl hättest du schon zeigen können … Hast du eigentlich nicht gesehen, wie gut wir uns gerade unterhalten haben? Und jetzt habe ich nicht einmal seine Handynummer!“, maulte sie.

Philipp drehte sich zu ihr um. „Aber hallo! Du willst doch nicht ernsthaft mit diesem Deppen etwas anfangen!“

„Warum nicht? Du musst dein persönliches Problem mit ihm nicht auf mich projizieren. Ich fand ihn sehr nett. Aber leider war das Vergnügen, dank dir, nicht von langer Dauer.“

Philipp erwiderte nichts und ging mit mürrischem Gesichtsausdruck weiter. Als sie wieder am Tisch saßen, kam auch gleich Marks unverblümte Frage, warum Svenja so schlecht gelaunt sei. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schluckte den Ärger hinunter, um nicht das Bild eines schmachtenden Teenagers abzugeben.

„Wie kommst du darauf, dass ich schlechte Laune habe? Mir ist nur entsetzlich kalt und ich hasse es zu frieren. Wenn ich aufgetaut bin, kann ich auch wieder lachen“, sagte sie mit einem versöhnlichen Augenzwinkern.

Mark kommentierte die Erklärung mit einem gebrummten „Aha“.

Philipp hingegen schloss aus ihrem Verhalten, dass seine Störaktion keine Nachwirkungen hatte und war erleichtert. Ab diesem Zeitpunkt war er überaus liebenswürdig zu Svenja. Sie ließ es geschehen, lachte über seine Witze, schweifte aber gedanklich immer wieder zu Dennis ab.

„Ich muss mal kurz zur Toilette, aber nicht verschwinden“, sagte Philipp und stand auf.

Mark hatte sich inzwischen an einen anderen Tisch gesetzt, sodass ihr ein Gespräch mit ihm erspart blieb. Stattdessen unterhielt sie sich mit Tanja und Steffi, die vorbeikamen und an ihrem Tisch stehenblieben.

„Hey Philipp, alles gut?“, rief Tanja fröhlich, als dieser schließlich wieder zurückkam.

Scheint nicht so, dachte Svenja, denn sie sah ihm sofort an, dass etwas nicht stimmte. In seinem Blick lag Nervosität.

„Ja klar … Und? Schon genug auf das Wiedersehen angestoßen?“, erwiderte er verkrampft lächelnd. Nach ein paar belanglosen Floskeln gingen die beiden wieder an ihren Tisch zurück und Philipp setzte sich mit einem Stoßseufzer neben Svenja.

„Bist du okay?“

Er gab einen Brummlaut von sich und nuschelte etwas in der Art Ja, warum fragst du?, ohne sie dabei anzusehen.

„Nun sag schon, ich sehe doch, dass dich etwas beschäftigt“, drängte Svenja, unruhig geworden.

„Ich hätte zu Hause bleiben sollen“, sagte er leise, „alles kommt wieder hoch.“

Svenja nickte bestätigend. „Mir geht es genauso.“ Mitfühlend streichelte sie seinen Arm. „Gibt es einen Grund, warum es dich jetzt plötzlich so sehr belastet?“, fragte sie vorsichtig nach.

„Jetzt ist genau das passiert, was ich immer vermeiden wollte“, platzte es aus ihm heraus. Er wirkte fast verzweifelt.

„Was meinst du damit?“

„Mir ist auf der Toilette Felix gegenüber eine Bemerkung herausgerutscht, ganz ungewollt.“

„Wie bitte? Was hast du denn gesagt?“ Svenja war alarmiert.

„Nichts Konkretes, nur eine vage Andeutung. Höchstwahrscheinlich hat er gar nicht verstanden, um was es genau geht.“

„Na hoffentlich! Mensch, Philipp, das ist …“

Sie konnte ihren Satz nicht beenden, denn Stefan trat an ihren Tisch und setzte sich unaufgefordert an Marks frei gewordenen Platz. Man sah, dass Philipp diese Ablenkung willkommen war, ganz im Gegensatz zu Svenja. Sie hätte gerne noch mehr über Philipps Begegnung mit Felix erfahren. So musste sie sich aber geschlagen geben und sich gezwungenermaßen auf die Unterhaltung mit Stefan einlassen.

Als sie ein Kribbeln in der Nase verspürte, kramte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und bemerkte dabei gar nicht, dass jemand hinter sie getreten war.

„Svenja, wir gehen noch woandershin. Ich wollte mich nur verabschieden“, sagte eine dunkle Stimme. Sie drehte sich um und hatte Mühe, ihren freudigen Schreck nicht zu offen zu zeigen, als sie in Dennis’ lächelndes Gesicht sah.

„Aha, ihr stürzt euch also noch ins Augsburger Nachtleben! Viel Spaß bei der Suche nach nicht hochgeklappten Bürgersteigen.“

Er grinste. „Ja, werden wir haben. Wenn ich mal wieder in Augsburg bin, könnten wir uns ja treffen. Verrätst du mir deine Handynummer?“

Es durchströmte sie warm vor Freude. Mit aufgesetztem Pokerface kritzelte sie ihre Nummer auf einen kleinen Zettel und reichte ihn Dennis, der sich mit angedeuteter Verbeugung dafür bedankte.

Für einen seligen Moment vergaß sie alle Probleme, die ihr auf der Seele lasteten. Sie konnte ja nicht ahnen, dass heftige Stürme sie erwarteten.

4 – Alles auf Anfang

„Hast du die Neuanmeldungen schon gesehen? Es sind zwei dabei, die Einzelunterricht wollen. Ich glaube, wir müssen noch mehr Nachhilfelehrer einstellen, wenn das Geschäft weiterhin so brummt!“, meinte Vera und stapelte einige Blätter raschelnd aufeinander. Keine Antwort. Sie hob den Kopf, wobei sie sich ein paar ihrer langen, schwarz-braunen Haarsträhnen hinter das Ohr klemmte, und sah besorgt zu Svenjas Schreibtisch hinüber. Schon seit mehreren Tagen hatte sie bemerkt, dass ihre Geschäftspartnerin und Freundin immer in sich gekehrter geworden war, aber den Grund dafür hatte sie ihr, trotz Nachfragen, nicht entlocken können.

„Mensch Svenja, das kann ja niemand mehr mit ansehen, wie du leidest. Da steckt hundertpro ein Mann dahinter, habe ich recht?“

Svenja gab einen kurzen Stoßseufzer von sich und klappte den Deckel ihres Laptops geräuschvoll zu.

„Ja, ertappt. Es ist wieder einmal das übliche Spiel. Du lernst jemanden kennen, er fragt dich nach deiner Handynummer, weil er sich wieder melden will, um ein Date auszumachen. Und was ist das Ergebnis? Ich warte immer noch, seit verdammten zwei Wochen!“

Es klang ziemlich wütend. „Weißt du, langsam habe ich es satt. Immer wenn man meint, jetzt kann man bald einen Prinzen küssen, verwandelt er sich in einen Frosch, bevor man es überhaupt getan hat. Vielleicht hätte ich ja doch mehr um die Beziehung mit Christoph kämpfen müssen. Wenn er nur ein bisschen mehr Power gehabt hätte. Warum habe ich ihn nicht zu mehr Action gezwungen, vielleicht wäre unsere Beziehung wieder in Schwung gekommen.“

Vera schüttelte verständnislos den Kopf.

„Aber das hast du doch und es hatte sich nichts geändert, gar nichts. Schon vergessen, wie du dich ständig abgemüht hast, ihn für irgendwelche Aktivitäten zu gewinnen? Fang jetzt bloß nicht an, dir etwas schönzureden. Eure Trennung war die logische Folge eures Zerwürfnisses und nichts hätte dies verhindern können. Schau lieber nach vorne, das bringt mehr.“

Svenja stand auf und ging zum Fenster, wo sie dem geschäftigen Treiben auf der Straße zusah. Vera konnte ihre Zerrissenheit natürlich nicht nachvollziehen, denn diese hatte das Glück, schon seit ihrer Studentenzeit in einer gut funktionierenden Beziehung leben zu können. Florian war immer hilfreich an ihrer Seite gewesen. Er hatte ihr beigestanden, als sie wegen ihrer enormen Prüfungsangst fast durch die Klausuren gefallen war, als sie in der Referendarzeit deswegen durch die Hölle ging, als sie keine Anstellung bekommen hatte und daraufhin den Entschluss fasste, eine Nachhilfeorganisation zu gründen. Immer stand er ihr mit Rat und Tat zur Seite. Mehr Liebe konnte man von einem Mann nicht bekommen.

„Ja, wahrscheinlich hast du recht. Aber das Schlimme ist, dass ab dreißig der Markt schon ziemlich ausgedünnt ist. Was bleibt denn übrig außer Geschiedenen, Beziehungsgeschädigten, Beziehungsunfähigen oder einfach nur Deppen? Die besten Männer jenseits dreißig sind meistens schon in festen Händen. Sei froh, dass du deinen Florian hast.“

„Eine Dauerbeziehung kann auch langweilig sein. Genieß doch dein aufregendes Singleleben. Für dich stehen noch sämtliche Türen offen, die für mich für immer verschlossen sind. “

Auf Svenjas Handy ertönten die eingespeicherten Jazzklänge und störten die Debatte darüber, ob das Leben nun mit oder ohne Partner lebenswerter war, empfindlich. Philipp ruft an, las Svenja auf dem Display und verdrehte gleich darauf die Augen. Warum meldeten sich immer die Falschen? Schon viermal hatte sich Philipp bei ihr gemeldet, um ein Treffen zu vereinbaren. Bisher war es ihr jedes Mal gelungen, ihn mit einer Ausrede abzuwimmeln, doch das konnte sie auf Dauer nicht durchhalten. Es hatte sie gefreut, ihn beim Abiturjubiläum wiedergetroffen zu haben. Sie hatten in schönen und weniger schönen Erinnerungen geschwelgt, hatten einen Abend lang miteinander gelacht und Spaß gehabt. Mehr nicht. Doch in Philipp musste es mehr ausgelöst haben, was ihn dazu brachte, Svenja ständig zu kontaktieren. Und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Einerseits fand sie es schön, wieder Kontakt zu ihm zu haben, andererseits wollte sie nicht, dass er sich mehr erhoffte. Mit ihm würde die Vergangenheit erneut aufleben und den Blick nach vorne verstellen.

Sie überlegte, ob sie das Gespräch überhaupt annehmen sollte, kam aber zu dem Schluss, dass es das Problem Philipp nur zeitlich verschieben würde und hob ab.

„Hallo Philipp, wie geht’s?“

„Hi Svenja! Gut, aber noch besser würde es mir gehen, wenn du mitkämst zum Kabarettabend in der „Kresslesmühle.“

Was hätte sie ihm antworten sollen? Dass sie zwar Kabarett liebte, aber lieber mit einer anderen Person dorthin gegangen wäre? Dass das nicht ging und sie deshalb lieber zu Hause bliebe? Dass für sie diese verkrampfte Suche nach dem idealen Partner ein verdammter Mist war? Natürlich nicht. Es wäre zwar die ehrlichste, aber nicht gerade die klügste Antwort gewesen.

„Na gut, für Kabarett bin ich immer zu haben. Wann wäre das?“, hörte sie sich fragen und konnte im selben Moment nicht glauben, dass sie ihm gerade zugesagt hatte.

„Super! Nächsten Samstag. Ich schreib dir eine Mail, wo und wann genau, und die Karten besorge ich auch schon mal. Mensch, das freut mich, dass du mitgehst! Also bis dann!“

„Ja, bis dann.“

Sie warf das Handy wie etwas Ekliges auf den Schreibtisch und ließ sich in den davor stehenden Bürosessel plumpsen.

„Sag bitte, dass es nicht wahr ist. Ich habe tatsächlich ein Date mit Philipp ausgemacht! Ich muss ganz schön verzweifelt sein!“

„Ja, allerdings. Vielleicht meldet sich Dennis ja doch noch“, meinte Vera verwundert.

„Ach Unsinn. Ich habe dieses ,Warten auf Godot‘ inzwischen so satt! Dennis kann mir gestohlen bleiben, sag ich dir. Ich habe ihn in die Kategorie Deppen eingeordnet, die nicht wissen, was sie wollen.“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, öffnete sich die Tür zu ihrem Büro und der eben Genannte trat ein. Sie konnte kaum glauben, dass er es wirklich war. Mit großen Schritten und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, durchquerte er den Raum und blieb vor der verdutzten Svenja stehen. Er sah noch besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Es musste daran liegen, dass seine schwarzen Locken jetzt in die Stirn fielen, was ihn jünger erscheinen ließ als sechsunddreißig. Zum dunkelgrauen Jackett trug er ein weiß-grau gestreiftes Hemd und eine schwarze, gepflegte Stoffhose im Five-Pocket-Stil. Sein Anblick ließ unwillkürlich die Schmetterlinge in ihrem Bauch aktiv werden.

„Hallo, Svenja. Es tut mir echt furchtbar leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich musste kurzfristig ins Ausland und habe in der Hektik leider den Zettel mit deiner Handynummer nicht mitgenommen.“ Er hob mit schuldbewusster Miene die Schultern. „Ich bin erst gestern Nacht zurückgekommen. Ich dachte, ich nutze den heutigen Termin in Augsburg gleich, um persönlich bei dir vorbeizuschauen. Voilà, hier bin ich.“

Sein Lächeln wirkte ehrlich und ungekünstelt und ließ ihren Ärger über ihn, den sie noch vor einer Minute empfunden hatte, verfliegen.

Sie fragte sich, wie viel er von ihren letzten Sätzen wohl gehört hatte, machte sich aber darüber nicht weiter Sorgen. Es konnte schließlich nicht schaden, wenn er wusste, wie sie über sein Verhalten dachte.

„Hallo, Dennis! Mit dir habe ich gar nicht mehr gerechnet!“, sagte sie und deutete zu Vera hinüber. „Darf ich vorstellen? Das ist Vera, meine Geschäftspartnerin, Dennis Lettmann.“

Er trat auf Vera zu und schüttelte ihr ebenfalls die Hand. Man konnte ihrem Gesichtsausdruck entnehmen, dass diese von seiner Erscheinung mehr als positiv überrascht war.

„Sehr erfreut“, sagte er und ließ dabei einen Blick durch den Raum schweifen. „Hier wird also ausgeheckt, wie man lernfaule Schüler wieder auf die Spur setzt.“

„Sprichst du etwa aus eigener Erfahrung?“, meinte sie in scherzhaftem Ton.

„Ja, erwischt. Mein Vater hat mir während der Schulzeit des Öfteren vermittelt, wie faul ich doch sei und mir als Konsequenz stinklangweilige, professionelle Nachhilfe aufgebrummt.“

Er verdrehte dabei kurz die Augen.

„Dann verstehe ich deine Aversion natürlich. Das macht mich jetzt hoffentlich in deinen Augen nicht total unsympathisch!“, entgegnete sie augenzwinkernd.

„Wäre die Nachhilfelehrerin damals nur halb so nett und hübsch wie du gewesen, dann hätte ich wahrscheinlich ein Einser-Abi mit Sternchen geschafft!“ Alle drei mussten über seine angeblich verpasste Chance lachen.

„Aber jetzt mal ganz ernsthaft. Es steckt nicht immer nur Faulheit dahinter, wenn die Zensuren schlecht ausfallen. Oft sind es auch familiäre Konflikte oder eine längere Krankheit.“

„Dann entschuldige bitte meine flapsige Bemerkung. Hast du übrigens heute Abend Zeit mit mir essen zu gehen?“

Svenja fühlte sich überfahren. Bis vor ein paar Minuten hatte sie geglaubt, wieder einmal einem Windhund, der seine Avancen nicht ernst gemeint hatte, aufgesessen zu sein, und jetzt stand er hier und fragte nach einem Date. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Vera hingegen schon.

„Du kannst ruhig ausgehen. Ich mache heute Abend die Buchhaltung.“

„Wo darf ich dich abholen?“, fragte er, doch Svenja reagierte nicht. Schnell kritzelte Vera die Adresse auf einen Notizzettel und gab ihn Dennis.

„Super, vielen Dank. Ich muss jetzt leider zu einem Termin. Also ich hole dich um acht Uhr zu Hause ab. Ich freue mich, bis dann!“, sagte Dennis jovial, ohne Svenjas Antwort abzuwarten und verließ schnurstracks das Büro.

Sie sah ihm ungläubig nach.

„Geht’s noch? Habt ihr gerade über meinen Kopf hinweg ein Treffen vereinbart oder träume ich?“

„Also jetzt freu dich doch! Vorhin hast du dich noch über den leergefegten Männermarkt beklagt, und jetzt kannst du mit diesem Traummann essen gehen. Das ist ja wirklich ein Sahneschnittchen. Und selbstbewusst! Wenn ich noch Single wäre, dann würde ich keine Sekunde überlegen!“, meinte sie und kicherte albern wie ein Teenager.

Svenja, mit allen Wassern gewaschen, war etwas skeptischer.

„Mag ja sein, aber er scheint mir ein bisschen zu selbstbewusst zu sein. Man wartet doch zumindest eine Antwort ab. Aber er verschwendet nicht mal einen Gedanken daran, dass ich nein sagen könnte. Eigentlich sollte ich ihm aus Prinzip absagen.“

Vera gab einen stöhnenden Laut von sich.

„Weißt du, was dein Problem ist? Du denkst zu viel nach und analysierst einen neuen Typen solange, bis er dir absolut unsympathisch ist, obwohl es nicht der Realität entspricht. Geh mit ihm aus, alles andere ergibt sich von selbst.“

Nachdem sie das fünfte Oberteil wieder ausgezogen und auf ihr Bett geworfen hatte, ärgerte sie sich über sich selbst.

Du benimmst dich wie die überdrehten Hauptfiguren in diesen schrillen Komödien, die auf der Suche nach dem passenden Outfit für das erste Treffen mit dem Traumprinzen ihren gesamten Kleiderschrank umdrehen , fluchte sie in Gedanken.

Sie war schon perfekt geschminkt und frisiert, doch bei der Kleidung hatte sie ständig etwas auszusetzen. Zu fein, zu leger, zu brav, zu bunt, zu fad. In einer halben Stunde würde er läuten und sie stand noch in Dessous vor ihrem Spiegelschrank! Nach weiteren fünf Minuten Überlegung, entschloss sie sich endlich zu einer schwarzen, schmal geschnittenen Jeans, einem schwarz-weiß gemusterten T-Shirt mit raffiniertem Ausschnitt und einem schwarzen Blazer. Ihre hochhackigen, schwarzen Pumps passten ideal dazu. Zufrieden lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. Nichts deutete darauf hin, dass sie für dieses Ergebnis mehr als eine Stunde verbraten hatte.

Lächerlich, dachte sie. Wenn er nun gar nicht kam? Oder sich als Mogelpackung entpuppte? Dann wäre dieser ganze Aufwand umsonst gewesen.

Eigentlich dachte ich, dass ich diese Phase mit Ende der Pubertät überwunden hätte. Aber wenn die Hormone anfangen zu tanzen, gibt es anscheinend keine Altersgrenze für idiotisch verliebtes Verhalten , überlegte sie.

Aus dem Untergeschoss drangen diverse Geräusche nach oben. Sie vermutete, dass ihre Eltern vom Einkauf zurückgekehrt waren. Jetzt wäre es nicht zu vermeiden, dass sie die Ankunft von Dennis mitbekamen. Wie satt sie es hatte, immer unter Beobachtung zu stehen. Ihr Vater, Filialleiter eines Supermarktes, war nicht begeistert gewesen von den Plänen Svenjas, sich selbstständig zu machen. „Warte doch lieber ab, bis du in den Schuldienst kommst. Wenn du mal verbeamtet bist, dann passiert dir nichts mehr. Dann kannst du auch in Ruhe Babypause machen, deine Stelle ist dir trotzdem sicher und deine Altersversorgung auch“, hatte er gepredigt. Doch er hatte gegen ihre Argumente keine Chance. Sie legte ihm dar, dass die Wartezeit bis zur Einstellung als Lehrerin einige Jahre dauern würde und sie deshalb ohnehin irgendeinen anderen ungeliebten Job übernehmen müsste. „Da ist es doch viel besser, wenn ich meine Energie gleich in dieses Projekt stecke“, war ihr Credo, das ihn schließlich umstimmte. Svenja rechnete es ihm hoch an, dass er sie trotz einiger Vorbehalte unterstützt hatte, indem er sie gegen eine geringe Mietzahlung im Dachgeschoss ihres bescheidenen Einfamilienhauses wohnen ließ. Es hatte ihr sehr geholfen, denn die Mietkosten und der Ausstattungskredit für ihre Nachhilfeeinrichtung, ließen ihr anfangs keinerlei finanziellen Spielraum. Sie hatte es auch abgelehnt, dass ihre Mutter, die als Verwaltungsangestellte in der Stadtklinik mit einem Teilzeitvertrag arbeitete, von ihrem kleinen Gehalt etwas abgab.

Inzwischen liefen die Geschäfte jedoch so gut, dass sie daran denken konnte, sich eine eigene Wohnung zu mieten. Dann müsste sie sich auch nicht mehr ständig erklären. Warum sie schlecht drauf war, warum sie bis spät in die Nacht arbeitete, wer der nette junge Mann war, der sie besucht hatte oder warum sie keine Lust hatte, mit ihnen Kaffee zu trinken. Sie brauchte mehr Freiraum, so gerne sie ihre Eltern auch hatte. Bei der nächsten Gelegenheit würde sie jedenfalls ausziehen.

Was würde Dennis darüber denken, dass sie noch im Haus ihrer Eltern wohnte? Dieser Gedanke war ihr plötzlich sehr unangenehm. Sie fragte sich bange, ob es seine Meinung über sie beeinflussen würde.

Es klopfte an ihrer Wohnungstür.

„Schatz, wir sind wieder da. Isst du mit uns?“, fragte ihre Mutter. Svenja verdrehte die Augen und ging zur Tür, um sie zu öffnen.

„Hallo Mama. Nein, danke. Ich gehe heute aus.“

„Ah, deswegen bist du so schick. Kennen wir ihn?“

Morgen würde Svenja als Erstes die Mietanzeigen studieren.

„Nein, er ist ganz frisch reingekommen, wie das Gemüse in Papas Supermarkt“, sagte sie in scherzhaftem Ton. „Entschuldige Mama, ich habe jetzt leider keine Zeit für eine längere Unterhaltung. Wir reden morgen, okay?“

Die Enttäuschung war ihrer Mutter, der sie, abgesehen von den Spuren des Alters, fast zum Verwechseln ähnlich sah, deutlich anzusehen, doch ihr Bemühen war groß, sich nichts anmerken zu lassen.

„Gut, dann störe ich nicht länger. Morgen musst du mir aber alles erzählen. Viel Spaß heute Abend.“ Sie gab ihrer Tochter einen Wangenkuss und ging dann wieder die Holztreppe hinunter.

Svenja wusste genau, was ihre Mutter jetzt tun würde. Sie würde sich am Küchenfenster, das sich neben der Haustür befand, postieren, um einen Blick auf ihren Besucher zu werfen. Solange ihre Mutter es unterließ in den Flur zu gehen, um Dennis persönlich zu begegnen, konnte es ihr gleichgültig sein, denn es war nun mal nicht zu ändern.

5 – Enthüllungen

„Das Tagesmenü ist sehr zu empfehlen“, sagte der elegante Ober zu Svenja gewandt, die immer noch unschlüssig in der überdimensional großen Speisekarte blätterte. Er goss schon zum zweiten Mal Mineralwasser in ihr Trinkglas und stellte die Flasche auf den Tisch. Das hätte ich auch selbst tun können, dachte sie.

Wenn sie noch länger für die Entscheidung bräuchte, dann würde Dennis merken, wie verunsichert sie war und dass sie die meisten Gerichte gar nicht kannte. Sie bestellte deshalb das empfohlene Tagesmenü und bereute es gleich wieder. Der Preis war so astronomisch hoch, er würde ihr Budget fast sprengen. Doch jetzt konnte sie nicht mehr zurück, sie wollte sich vor Dennis keine Blöße geben. Nicht bei der ersten Verabredung.

Eigentlich hatte sie angenommen, sie würden in eine gemütliche Pizzeria gehen, aber Dennis war zielgerichtet zu einem Feinschmeckerlokal gefahren. Dass er sie in einem Porsche dorthin entführte, war der erste Schock an diesem Abend gewesen, und die Preisgestaltung der Speisekarte der zweite, höchst unangenehme. Für Leute wie Dennis war das ganz normal, wie ihr schien. Er verlor kein Wort wegen der hohen Preise.

Sie beobachtete ihn verstohlen über den Kartenrand hinweg, wie er souverän irgendein Gericht in französischer Sprache mit einer exotischen Vorspeise bestellte. Er hatte auch eine genaue Vorstellung, welchen Wein er dazu trinken wollte. Man sah, dass es für ihn nichts Außergewöhnliches war, in solchen Lokalen zu verkehren.

Er kommt aus einer ganz anderen Welt, dachte sie. Hoffentlich merkt er nicht, dass das alles Neuland für mich ist. Ich will mich auf keinen Fall gleich beim ersten Date blamieren.

„Gefällt es dir hier nicht?“, fragte Dennis etwas besorgt.

„Was? Nein, ja, doch natürlich, warum?“

„Ach, weil du so nachdenklich wirkst.“

„Entschuldige, aber heute ist mir klar geworden, dass ich unbedingt bei meinen Eltern ausziehen muss. Es nervt mich nur noch, diese ewige, gutgemeinte Fragerei, ob man mitessen will oder wer der Besuch war.“

Dennis grinste. „Heute Abend gibt es demnach wieder Gesprächsstoff für deine Eltern.“

„Ja, Klein-Svenja wird von einem gutaussehenden Mann in einem Porsche abgeholt. Die Nachbarn ringsum haben sich bestimmt die Nasen platt gedrückt, so unüberhörbar wie dieses Gefährt ist.“

Dennis zuckte mit den Schultern.

„Ist doch auch bloß ein Auto mit einem Lenkrad und vier Rädern.“

„So reden nur Leute, die noch nie einen fünfzehn Jahre alten Kleinwagen fahren mussten. Immer mit einem Ohr nach draußen gerichtet, um zu hören, ob der Auspuff noch dran ist“, hielt Svenja dagegen.

„Sorry, ich hoffe du hältst mich jetzt nicht für arrogant. Weißt du, mein Vater hat mich materiell immer verwöhnt, aber ich musste auch Gegenleistung bringen.“

„Und wie sah die aus?“

„Studieren, einen guten Abschluss machen, in die Firma einsteigen und lukrative Aufträge an Land ziehen.“ In der Art wie er es sagte, schwang eine gewisse Verachtung mit.

„Dem Auto und Lokal nach zu schließen, ist dir das bestens gelungen. Weißt du eigentlich noch wie eine Pizzeria von innen aussieht?“, neckte sie ihn.

Er lächelte etwas gezwungen, entgegnete aber nichts, da der Kellner die Vorspeise brachte. Ein rosafarbener schaumiger Klecks schmiegte sich an eine Art Gebäck, das aus verschiedenen Gemüsesorten zu bestehen schien. Eine grüne Soße, die kunstvoll darüber getröpfelt war, vervollständigte die Kombination, die auf dem riesigen Teller etwas verloren aussah. „Sieht … sehr interessant aus“, meinte sie nach einigen ungläubigen Sekunden und ließ ihre Hände über dem Besteck kreisen. „Von außen nach innen, stimmt’s?“

Sie sah Dennis fragend an, der leise in sich hineinlachte.

„Du bist echt süß. Soll ich dir mal etwas verraten? Manchmal nervt mich dieses ganze Klimbim auch. Das nächste Mal darfst du das Restaurant aussuchen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte sie und schob einen Bissen in den Mund.

Dennis nahm einen Löffel zur Hand und begann ebenfalls zu essen. „Vorhin dachte ich schon, du willst eine Diskussion über die soziale Schere in unserem Land führen, du kleine Rebellin“, sagte er und tupfte sich mit der Stoffserviette den Mund ab.

„Keine Angst. Ein Drei-Sterne-Restaurant ist vielleicht nicht gerade der geeignete Ort, um dich empört mit Austern zu bewerfen, auf den Tisch zu springen und sozialistische Parolen zu brüllen. Das hätte uns schließlich den Appetit verdorben. Und dafür ist das Essen viel zu köstlich“, erwiderte sie verschmitzt.

Er lachte. „Du bist witzig! Das gefällt mir. Weißt du, nicht alle Frauen sind so locker drauf.“

„Inwiefern?“

Dennis’ Miene wirkte nachdenklich, als er antwortete: „Die meisten gaben mir bisher das Gefühl, nicht an mir, sondern an meiner reichen Herkunft interessiert zu sein. Welcher Mann will sich schon über seinen Vater und das, was dieser erreicht hat, definieren?“

„Kann ich nachvollziehen. Hast du schon mal daran gedacht, dich beruflich von ihm zu lösen?“

Dennis gab ihr keine Antwort. Sein Blick wirkte abwesend. Er schien gedanklich sehr weit von ihr entfernt zu sein.

„Hallo! Erde an Mars.“ Sie berührte kurz seine Hand, worauf er zusammenzuckte.

„Entschuldige, was sagtest du?“

Sie wiederholte die Frage. Dennis seufzte. „Das ist leichter gesagt, als getan. Familienbande, wenn du verstehst.“

Svenja nickte. „Ja, klar. Ich kann ein Lied davon singen. Mein Kampf in die Unabhängigkeit war auch nicht leicht.“

Der Kellner kam und schenkte einen Schluck Rotwein in Dennis’ Glas ein, den dieser kostete und dann nickte. Nachdem beide Gläser gefüllt waren, prostete Dennis Svenja zu.

„Auf dein Wohl! Ich schätze selbstbewusste Frauen mit Widerhaken, es dürfen nur nicht zu viele sein.“

„Gut zu wissen! Auf dein Wohl!“

Drei kulinarische Gänge später legte Svenja beide Hände auf den Bauch. „Ich muss ja zugeben, dass ich so etwas Gutes noch nie gegessen habe. Aber am Abend bin ich es nicht gewöhnt so viel zu essen, obwohl die Portionen schon übersichtlich waren, bei den hohen Preisen. Die verdienen sich ja dumm und dämlich!“

Nach zwei Gläsern Wein, hatte sich Svenjas Zunge ziemlich gelockert.

Dennis schüttelte schmunzelnd den Kopf und drehte sich kurz nach hinten, um zu sehen, ob jemand diese Bemerkung gehört hatte.

„Möchtest du vielleicht noch einen Espresso oder eine Tasse Kaffee? Oder einen Schluck Likör? Obwohl, ich glaube du hast genug getrunken.“

„Nein danke, ich möchte lieber gehen, damit ich wieder in normaler Lautstärke sprechen kann, hicks.“

„Luft anhalten und bis zehn zählen.“

Dennis grinste, sah sich noch einmal um und gab dem Ober ein Zeichen, dass er zahlen wollte.

„Fang jetzt bitte keine Diskussion an, wenn ich die Rechnung zahle. Ich mache das gerne und du musst dich deswegen auch zu nichts verpflichtet fühlen. In Ordnung?“

„Nein, ist es nicht. Ich sagte doch, ich liebe die Unabhängigkeit und dazu gehört auch, dass ich mein Essen selbst bezahle, hicks. Verdammter Schluckauf!“

„Hier ist es aber nicht üblich, dass man getrennt zahlt. Du kannst mich ja noch auf ein Bierchen in eine Bar einladen.“

Der Ober stand plötzlich neben ihnen und legte die Rechnung vor Dennis auf den Tisch.

Als Svenja den Mund öffnete, um zu protestieren, sah Dennis sie beschwörend an, worauf sie verstummte. Es lag eine Entschiedenheit in seinem Blick, die keinen Widerspruch duldete. Alle Sanftheit war für einen Moment aus seinen Augen gewichen, doch als er sah, dass sie klein beigab, verschwand diese Härte sofort wieder. Svenja nahm ihre Umhängetasche von der Stuhllehne und zog den Blazer an. Dieses Chamäleon der Gefühle in seinen Augen hatte sie verunsichert.

Während sie schweigend zum Auto gingen, überlegte sie, ob es klug wäre, noch in ein anderes Lokal mit ihm zu gehen. Eine innere Stimme sagte ihr, den Abend hiermit zu beenden.

„Es ist erst zehn Uhr. Wollen wir noch in den ‚Pantheon Club’ gehen?“, fragte er, während er ihr galant die Autotür aufhielt. Sein gekonnt eingesetzter Hundeblick machte jeglichen rationalen Gedanken zunichte.

„Na gut. Das ist sozusagen mein zweites Wohnzimmer.“

Nach einer lustigen Autofahrt, bei der Dennis den Motor bei jeder Ampel extra laut aufheulen ließ, um sie zu ärgern, waren alle Zweifel wie weggewischt und sie war bester Laune, als sie das Lokal betraten. Doch diese sollte nicht von langer Dauer sein.

Während die beiden in der gut besuchten und spärlich beleuchteten Bar an ihren Cocktails nippten, stellte Dennis einige Fragen nach ihrem Elternhaus, die sie nur unwillig beantwortete. Sie war mit ihm ausgegangen, um der Käseglocke, die ihre Eltern unabsichtlich mit ihrer fürsorglichen Art über sie stülpten, zu entkommen. Und jetzt sollten ausgerechnet sie der Gesprächsinhalt sein! Nur zögerlich erzählte sie ihm ein wenig von ihrer Familie. „Bei meinem Vater bricht immer wieder der Alt-68er durch, das hat mich wohl auch mitgeprägt.“

„Ja, das Elternhaus hat immer einen großen Einfluss, ob im Positiven oder Negativen. Da benötigt man eine enorme Willenskraft, um sich davon zu lösen.“

„Wenn man genügend Geld hat, ist das doch bestimmt viel einfacher, oder?“

Dennis drehte sein Glas wortlos in seinen Händen.

„Manchmal ein Irrglaube“, sagte er nach einer Weile beinahe emotionslos. Svenja wippte unruhig mit den Füßen. Obwohl sie genau spürte, dass sie das Thema besser vorerst ad acta legen sollte, konnte sie nicht anders, als in Angriffsstellung zu gehen. „Aber Tatsache ist, dass man nicht ständig um die nackte Existenz kämpfen muss. Seit ich selbstständig bin, weiß ich erst, was Geldmangel bedeuten kann. Anfangs stand mir das Wasser bis zum Hals. Zum Glück haben mich meine Eltern unterstützt.“

„Womit du dich von ihnen abhängig gemacht hast, obwohl du sagtest, du liebst die Unabhängigkeit“, konterte Dennis. „Gilt das also nur in Bezug auf Männer?“

„Ich hatte keine Wahl“, antwortete sie trotzig, „und bei Eltern ist das sowieso etwas ganz anderes. Wie ist denn das Verhältnis zu deinen alten Herrschaften?“

Dennis sah sie mit unbewegter Miene an und sagte dann in einer vollkommen ausdruckslosen Art, so als würde er eine Bemerkung übers Wetter machen: „Ich habe meine Mutter getötet.“