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Der junge Schreiber und Harfenspieler Theophilus lernt Jesus im Hause seines Herrn einige Wochen vor der Kreuzigung kennen. Am Karsonntag kommt er dann in den Kreis der Jünger nach Jerusalem. Hier und am See Gene-zareth erlebt der Schreiber die Erscheinungen Christi in atemberaubender Weise mit, die er seinen Verwandten in Korinth berichtet. Es sind schon viele Christusromane geschrieben worden, jedoch keiner, der die subtilen, ins Transzendente reichenden Geschehnisse zwi-schen Ostern und Himmelfahrt als Kernstück hat. Die Sprache dieses Romans ist von filigraner Schönheit, wenn es gilt den Sichtbargewordenen und seine Reden zu vermitteln, und ist wiederum von herber Strenge, wenn die Autorin die kulturhistorische Umwelt Jesu deutlich zu machen sucht.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2021
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BEGEGNUNGEN
der ersten Christen
mit dem
AUFERSTANDENEN
„Es sind auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat.
Wenn sie aber sollten geschrieben werden, achte ich,
die Welt würde die Bücher nicht fassen,
die zu schreiben wären.“
(Joh. 21,25)
„Ist aber Christus nicht auferstanden,
so ist unsere Predigt vergeblich,
so ist auch euer Glaube vergeblich.“
(1. Korinther 15,14)
„Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.
Gehet aber hin und saget seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen.“
„Als er auferstanden war ... erschien er zuerst der Maria Magdalena. Danach offenbarte er sich ... zweien von ihnen, da sie über Land gingen (nach Emmaus).
Zuletzt, da die Elf zu Tische saßen, offenbarte er sich.“
(Markus 16,6 ff.)
„ ... und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten heute noch leben. . .
Danach ist er gesehen worden von Jakobus, dann von allen Aposteln. Am letzten nach allen ist er auch von mir ... gesehen worden.“
(1. Korinther 15,4-8)
Jerusalem, im 33. Jahre nach der großen Volkszählung unter Kaiser Augustus
In Jerusalem und Bethanien
Unterwegs von Bethanien zum See Genezareth
Am See Genezareth
Am See Genezareth
Am See, in Kapernaum und Nazareth
In Bethanien
In Jerusalem
In Jerusalem und in Arimathia
In Arimathia
Nachwort
Meine Lieben!
Es sind einige Jahre her, da ich zu euch über das Meer nach Korinth gekommen war. Nie werde ich eure grünen Hügel und Weinberge vergessen. Nie den Anblick der Sonne, ehe sie ins Meer sank, einen Teppich gold- und purpurfarben zu uns herüberbreitend. Es war wie ein Symbolum, als sollten wir diesen goldübergossenen Weg gehen hinein, in eine höhere Welt. Ich habe diesen Weg beschritten. Lasst euch kundtun, wie dieses geschah.
Ihr wisst, dass mein Vater sein Leben lang als Schreiber und Harfenspieler Rael, seinem Herrn, diente und ihn auch auf allen Reisen begleitete. Er sah auf diese Weise vieles Schöne und auch Seltsame dieser Welt. Doch so viel mein Vater auch gesehen und erlebt, ich sah und erlebte mehr, Größeres, Geheimnisvolleres. Und davon sollt ihr jetzt hören. Ja, hören.
Ruft alle zusammen, die ihr kennt und die euch wert sind. Lest ihnen diese Botschaft mit lauter Stimme in den Schulen, in den Gärten, am Meer. Lasst sie niedersitzen zwischen Muscheln und Steinen oder im Gras oder auf Bänken und lasst sie lauschen.
Ihr wisst, nach dem Tode meines Vaters übernahm ich die Stelle des Schreibers und Harfners bei Rael, unserem greisen Herrn. In ehrfürchtiger Scheu sah ich zu ihm auf. Er hatte eine große Liebe zu allem, was schön war. Da er reich war, hatte er viele Kostbarkeiten aus aller Welt in seinem Hause nicht weit von Jerusalem zusammengetragen. Es gab vielfarbige Wandbehänge, Schreine aus Zedernholz und edles Gerät. Rael kannte viele Künstler eures Landes und zu Rom. Er wagte sogar, aus Marmor gemeißelte Jünglinge und Jungfrauen übers Meer zu bringen und diese in seinem Atriumgarten aufzustellen Er, der von Geburt ein Jude war. Ihr werdet wissen, dass den Juden jedwede Darstellung von Menschen und Tieren aufs strengste verboten ist. Nur Pflanzen dürfen nachgebildet werden. So gibt es an einer Tempelpforte zu Jerusalem einen goldgetriebenen Weinstock. Wie scharf die Priester Übertretungen ihrer Gebote — und deren gibt es viele — bestrafen, davon könnt ihr euch in Korinth keine Vorstellung machen
Warum mein Herr diese Priester und ihren Anhang nicht fürchtete? Er war seit langem Bürger Roms. Diesen Bürgerbrief hatte er auf eine Kupferplatte ritzen lassen. Hoch über dem Eingang seines Hauses war sie allen sichtbar festgemauert. Hoch und fest, damit die Tempelhörigen diese Platte nicht entfernen konnten.
Mein Vater hatte mir erzählt, dass Rael vor vielen Jahren in Ägypten, in einem Tempel weit draußen in der Einsamkeit, einen alten Priester getroffen hatte, mit dem er lange Gespräche führte. Von ihm erfuhr er, dass vor langen Zeiten alle Kulturen an den einen Gott glaubten. Durch Mysterien, von großen Weisen eingesetzt, sollten die Menschen in ihr eigenes Ich hinein und näher zu Gott geführt werden. Damals wussten sie noch, was die Flamme, das Wasser, die Blüte, was die Pforte und die Stufen, was der Berg und der spiralige Weg bedeuteten. Allmählich, so sagte jener Priester, wäre die wahre Sprache der Symbole und Weihehandlungen versunken und vergessen. Denkt an eure heiligen Orte! Jener Weise in Ägypten sagte auch, dass die Figuren der Götter aus Stein und Erz in lang vergangenen Tagen nur Eigenschaften des einen Gottes darstellen sollten.
Aus diesem Grunde, meinte mein Herr, wäre es keine Sünde, wenn er sein Haus und seinen Garten mit derartigen Kunstwerken schmückte.
Rael war nun hochbetagt und ich ständig um ihn und sorgte vornehmlich für seiner Seele Wohlbefinden, spielte täglich die Harfe und sang die alten Lieder. Dabei geschah es oft, dass mein Herr wie in einen Schlaf sank oder entrückt wurde. Dann hörte er, wie er mir kundtat, eine sanfte Stimme, und alles wäre in helles Licht getaucht.
Diese Stimme sprach: „Ich bin der Herr und außer mir ist kein anderer. Ich bin der Erste und der Letzte, und außer mir ist kein Gott. Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes. 44,6; 43,1; 11 )
Während Rael diese Worte hörte, schaute er eine göttliche Gestalt. In großer Güte strahlten die Augen, und wie Ströme des Heils floss es von den segnenden Händen. Nach solchem Erleben kehrte mein Herr jedes Mal gestärkt in unser diesseitiges Leben zurück.
Und wieder sang ich zu den Tönen der Harfe aus unseren alten Schriften:
Siehe, um Trost war mir sehr bange.
Du aber hast dich meiner Seele
herzlich angenommen. (Jes. 38,17)
Die auf den Herrn harren,
kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren
mit Flügeln wie Adler. (Jes. 40,31)
Eines Tages geschah es, dass mein Herr sprach: „Heute wird meinem Hause Gnade widerfahren. O Seele, zittere nicht und mache dich bereit, Ihn zu empfangen!“
Die innere Erregung meines Herrn war sehr groß. Seine Füße trugen ihn nicht, als es an der Eingangstür klopfte und der Türhüter meldete, Männer in galiläischer Gewandung ständen draußen.
Mein Herr gab ein Zeichen, sie einzulassen. Gestützt auf mich, schritt er ihnen dann entgegen.
In der Vorhalle, deren Wände und Boden mit Mosaiken ausgelegt waren, warteten die Fremden.
Einen erkannte man sogleich als ihren Führer. Sein Antlitz war von einer solchen Güte beseelt, wie ich sie derartig noch nie gesehen. Es schien ein Leuchten von ihm auszugehen. Meine Seele fühlte ein Geborgensein jetzt und in Ewigkeit. Ich wollte in die Knie sinken, aber ich musste meinen Herrn stützen.
Der greise Rael geriet in ehrfürchtiges Staunen. Zitternd sprach er: „Gegrüßet seiest du und die deinen im Namen des Herrn! Mir ist großes Heil widerfahren. Ich stehe vor dem, der in meinen Gesichten erschienen. Gnade hat mir der Herr erzeiget. Ich bitte, sieh dieses Haus als das deine an. Meine Diener sollen euch Wasser zur Reinigung bringen und die besten Speisen, euch zu stärken.“
„Friede sei mit dir!“ sprach der Fremde. „Selig bist du, Rael, da deine Sehnsucht so groß war. Nun ist der gekommen, auf den du lange gewartet hast.“
Mit allen Ehren wurden die Gäste aufgenommen, die köstlichsten Speisen auf die Tafel gesetzt. Dunkelroter Wein, vom Besten, ward in kostbare Kelche gefüllt. Es war jedoch nicht ein Gelage, sondern wie eine Weihe auch über diesen Dingen. Eine Weihe war es, wie der hohe und wiederum so schlichte Gast das Brot brach, wie er den Kelch an die Lippen setzte und trank.
Seine Augen strahlten in nie gesehenem Blau. Seine Haare waren lichtblond und sanft gewellt, ebenso der Bart, seine Hände schmal und durchgeistet.
Er saß zur Rechten Raels und sprach mit ihm. Und da ich zur Linken saß, hörte ich alle Worte.
Der Gast erinnerte den Hausherrn daran, dass dieser vor zwanzig Jahren einen Knaben im Tempel gesehen, in dem Raum, wo die Prüfungen der Zwölfjährigen stattfanden. Dieser Knabe, Jesus von Nazareth, hatte alle Priester und Schriftgelehrten in Staunen versetzt und auch in Verlegenheit gebracht. Viele von ihnen waren über die freimütigen Reden des Knaben zornig. Aber jene Reden zeugten von so großem Wissen und von so hohem Geist, dass die Templer immer wieder verstummen mussten.
Forschend blickte Rael seinen Gast an: „Fürwahr, du bist jener Knabe und der Prophet, von dem man mir Kunde brachte, dass er im Lande umherziehe, Barmherzigkeit lehre, die Kranken heile und Wunder wirke. Du bist der Erlöser!“
Ein Schauer durchrann meinen Herrn, dann sprach er weiter: „Nachdem ich nun dich gesehen, nimm bald diese schwere Bürde meines Körpers von mir, damit mein Geist erschaue deine Herrlichkeit, die sich verhüllt in eines Menschen Kleid!“
Seltsam, nach diesen Worten streckte sich seine gebeugte Gestalt. Er schien gestärkt, als wären Ströme der Kraft in ihn übergegangen. Er war sogar fähig, ohne Stütze die Gäste in den Garten und durch die Laubengänge zu führen.
Voller Scheu betrachteten die Jünger die weißen Marmorskulpturen in den Nischen. Untereinander sprachen sie, dass es den Juden doch verboten sei, solche Bildnisse zu besitzen.
Ihr Meister erklärte ihnen, dass die Kunstwerke in diesem Hause nicht der Anbetung dienen und somit nicht unter das Verdikt fallen. Rael erfreue sich lediglich an ihrer Schönheit. Da dem Menschen von Gott schöpferische Kräfte verliehen, so sei es ihm wohlgefällig, wenn sie in der rechten Weise gebraucht werden. Die Gabe des Gestaltens wird sich in dem Maße vollenden, wie der Künstler sich müht, seine Seele vom Geist in höhere Sphären tragen zu lassen. Dort schaut er die Urbilder, nach denen alles geschaffen.
„In der Schrift heißt es: Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde. Jene Ebenbildhaftigen haben jedoch schon lange ihre Seele und ihr Antlitz verdunkelt. Als Diener Luzifers sind sie in Bosheit und Finsternis gefallen. Sie haben sich im Dornengestrüpp dieser Welt so sehr verfangen, dass es weder Engeln noch Propheten gelang, sie ins Licht zurückzuführen. So zog Gott selbst das Erdenkleid der Menschen an, um ihre Seelen zu erlösen.“
Seine Stimme war Wohllaut in Schmerz und Trauer, wie im Erbarmen. Die unermessliche Tiefe dieses Gedankens machte mich schwindeln, so dass ich die Hand über die Augen decken musste. Im Geiste sah ich eine Strahlenbrücke, die bis hinauf ins Empyreum führte. Am Ende der Brücke stand dieser Gottmensch, wie ein Vater die Arme ausbreitend, die heimkehrenden Kinder zu empfangen. Das Gefühl, das ihr Agape nennt, erfüllte mich bis zum Rande. Ich hätte alle wie Brüder umarmen wollen.
Er trat zum Brunnen inmitten des Gartens und hob vom Marmorrand den silbernen Becher. Darauf war eine Distel gleich einer Sonne gebildet.
„Ihr werdet auch fürderhin meinen, durch Dornen und Disteln zu gehen und Durst zu leiden. Aber dieses geschieht nur im Irdischen und währt nur ein Kleines. Die Gnadensonne wird euch leuchten, und die ewigen Worte werden euch laben, wenn ihr Gott über alles liebt und eure Mitmenschen wie euch selbst. Selig sind die Barmherzigen.“
Wieder schien er mir wie in einer Glanzwolke zu stehen.
Als wir das Abendmahl zu uns genommen und der Tag sich neigte, sprach Rael zu mir: „Theophilus, setze dich nieder bei deiner Harfe und singe dem Herrn ein Lied!“
Mir war bange, vor diesem Großen zu spielen und zu singen. Aber während ich mich niedersetzte auf den Schemel bei der Harfe, wurde meine Seele so leicht, als würde sie erhoben und schaute himmlische Scharen, die alle sich neigten vor dem Einen, der bei uns war. Die Hände griffen in die Saiten, als schlug sie ein anderer. Meine Stimme fand Worte und Töne in Harmonien, wie sie noch nie erklangen. Eine unsägliche Wonne erfüllte und erleuchtete mich.
In der Nacht, da wieder Zeit und Raum um mich waren, schrieb ich die Worte beim Schein der Öllampe aus der Erinnerung nieder:
Jauchze meine Seele und
singe dem Herrn ein neues Lied!
Klinget ihr Saiten meiner Harfe
ihm zur Freude, der uns annimmt
in Barmherzigkeit!
Freuet euch, ihr Sterblichen,
denn fürder werdet ihr nicht
im Reiche der Schatten wohnen,
sondern wandeln im Licht!
Er, der im höchsten der Himmel thronet,
unschaubar im gleißenden Glanz,
er stieg herab, um die Himmel zu öffnen,
auf dass seine Kinder schreiten über Brücken,
die gold- und purpurfarben.
Sehet, er wartet am anderen Ufer
und breitet die Arme,
die Heimkehrenden zu empfangen.
O glänzet im Golde der Reinheit!
O leget an den Purpur der Liebe!
Am nächsten Tage nach dem Morgenmahl bereiteten sich alle zum Abschied. Rael stand mit Tränen in den Augen vor dem hohen Gast.
Dieser tröstete ihn: „Nicht lange mehr wird es währen, und du wirst im Reiche des Lichtes sein.“
Nach dem Segen — er hatte eine unvergessliche Art, die Hände zu heben — schritt der Meister mit den Jüngern hinaus in die Morgenfrühe.
Nun, meine Lieben, will ich euch weiter berichten von den Geschehnissen, die so groß und so seltsam hier offenbar wurden.
Der Winter suchte das Land mit heftigen Regengüssen heim und mit starker Abkühlung, so dass ich oft meinen Herrn mit wärmenden Decken umhüllen musste. Es ist schwer für einen jungen Menschen, die Hinfälligkeit eines Greises mit anzusehen. Man möchte dann wünschen, von hohem Alter bewahrt zu bleiben. Jedoch dieses entscheidet ein anderer, höherer.
Als es zum Frühling ging, auf den Fluren die Anemonen zaghaft zu blühen begannen und die Juden zum Passahfest rüsteten, wurde mein Herr immer abwesender. Sonderbare, leise Gespräche führte er, so als wären seine Eltern und Vorväter um ihn. Er hatte einen Blick, als sähe er in die jenseitige Welt. Ich sollte immer noch die Harfe schlagen, doch sehr leise. Alles musste jetzt behutsam geschehen. Mehr und mehr löste er sich von dieser Welt, und Freude auf jene Welt des Lichtes, die wir mit diesen Augen nicht schauen können, war in ihm.
Eines Morgens fand ich Rael, meinen Herrn, sanft entschlafen auf seinem Ruhelager. Schon lange vorher hatte er angeordnet, dass es an seinem Totenbett keine Klageweiber geben dürfe. Und niemand sollte sich, wie hier üblich, Asche aufs Haupt streuen. Rael war hinüber zu seinen Vorvätern gegangen, und es bestand kein Grund zur Klage. Seine Kinder und Kindeskinder hatten eigenen Besitz. Der älteste Sohn erhielt diesen dazu. Es wurde ihm anempfohlen, gerecht zu teilen und mich in seine Dienste zu übernehmen. Wenn ich jedoch andere Wünsche hätte, möge man mich mit dem mir bestimmten Geld und reich mit Kleidung versehen, mit der Harfe und einem guten Esel ziehen lassen.
War es, dass ich die Ehrfurcht, die ich Rael gegenüber empfunden hatte, nicht auf seinen Sohn übertragen konnte, oder trieb mich etwas Unsagbares nach Jerusalem — ich wusste es nicht. Als mein Herr in der Gruft seines Besitztums feierlich bestattet war, nahm ich Abschied von dem Hause, das mir, so lange ich denken kann, Heimstatt gewesen. Wenn man jung ist, lockt die Ferne. Man möchte sehen, erleben, nicht nur von anderen hören, was in der Welt vorgeht. Man scheut keine Gefahren, achtet sie gering.
Es war am Tage vor dem großen Sabbat, als ich von der Höhe auf Jerusalem hinabschaute. Der weiße Marmor und das Gold des Tempels erstrahlten nicht wie sonst im Sonnenlicht. Es war, als läge Aschenstaub in der Luft, der alles verfinsterte. Die Vögel verstummten im Gesträuch. Mein Herz bangte vor etwas Unbekanntem. Der Esel schrie auf wie im Schmerz und drängte sich an einen Hang. Immer dunkler wurde es ringsum, obgleich die Nacht noch fern war. Ich hob meine Hände und betete um Schutz gegen die Mächte der Finsternis. Die Erde bebte. Vom Toten Meer wehten schweflige Dünste herauf. Ich wagte nicht tief Atem zu holen, denn ich fürchtete, etwas Böses in mich aufzunehmen.
Zu Jesus von Nazareth flüchteten meine Gedanken, zu dem Sanftmütigen, der gesagt hatte: ‚Selig sind die Barmherzigen.‘ (Mt. 5,7) Wie mochten die Priester, die so wenig Barmherzigkeit kannten, ihn verfolgen!
Langsam lichtete sich wieder der Himmel. Eine Wolke formte sich einem Kelche gleich, und das Abendrot schien sich wie roter Wein in breiten Strömen daraus zu ergießen. Welch große Schuld der Menschen und welch ein Schauer des Heiligen erfüllte diesen Tag?
Erst später erhielt ich Antwort auf meine bebende Frage.
Vom Tempel her klang der lange, traurige Ton des Schophar, des Widderhorns, gefolgt von den sechs rituellen Trompetenstößen. Sie verkündeten den Anbruch des Passah-Sabbats. Blass ging der Mond des Monats Nisan über den Bergen auf.
Ich barg mich mit meinem Tier in eine Höhle und verbrachte die nächsten Stunden darin. Vom Schlaf gestärkt, legte ich am Morgen den Rest des Weges zurück, der über Bethanien führte.
Zu meiner Linken lag ein Garten. Zypressen ragten steil und ernst. Mir war, als wehten sie einen Hauch von Schmerzen herüber. Die Blätter der Feigenbäume flüsterten im Morgenwind. Einer dieser Bäume stand allein, wie abgesondert von den anderen. Verdorrt und kahl dräute sein Geäst. Mich überrieselte Kälte, als wäre dieser Garten von Geistern bewohnt. Mehrere Menschen mussten vor kurzem hier gewesen sein, denn das Erdreich zeigte viele Fußspuren. Von einem Dornstrauch am Wege hatte jemand einen Ast abgeschlagen und ihn mit sich geschleift. Warum hatte man sich diese Mühe gemacht?
Mein Grautier schüttelte sich und ging nun rasch bergab über die Brücke, die den Kidronbach überquert.
In seinem Tal hatten unzählige Pilger, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, ihre Zelte aufgeschlagen. Gewiss waren die Herbergen der Stadt überfüllt. Gesänge schallten zu mir herauf:
Vergesse ich dein, Jerusalem,
so möge der Herr meine Rechte vergessen!
Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben,
so ich dein nicht gedenke!
Jerusalem soll meine höchste Freude sein.
(Ps. 137,5-6)
Durch die Goldene Pforte gelangte ich zum Portikus Salomonis. Hier herrschten Gedränge und so großer Lärm, dass meine Ohren wie betäubt waren. So lange in der Stille und Abgeschiedenheit gelebt, war mir dieses Treiben fremd. Die Menschen schrien aufeinander ein mit eifernden Gebärden. Beizender Geruch und Qualm vom verbrannten Fett der Opfertiere und der Blutdunst von den Altären erfüllte die Luft, in der ich zu ersticken meinte.
Und dies sollte das Haus des Herrn sein? Ich konnte nicht glauben, dass er hier jemals Wohnung genommen hatte. Ob es die Priester glaubten? Da ich hohen Wuchses bin, vermochte ich einen von ihnen zu sehen, wie er in seinem Festgewand, mit Borten und Fransen geschmückt, eilig die Stufen hinanschritt. Andere eilten ihm entgegen. Es schien eine besondere Aufregung unter ihnen.
Der Menschenstrom hatte mich zu einer Gruppe von Schriftgelehrten geführt. „Der Vorhang vor dem Allerheiligsten zerrissen. Welch ein Zeichen! Wenn dies die Menge erfährt!“ So hörte ich.
In der Stille hätte ich diesem Geschehen nachsinnen können. Hier hatte ich Mühe, meine kostbare Harfe und mein Grautier zu schützen. Wechsler und Händler schrien und feilschten. Die Tiere in den Käfigen, zum Opfer bestimmt, vermehrten den Lärm und die üblen Gerüche.
Ich wandte mich ab und dankte dem Herrn, als ich mit meiner Habe wohlbehalten auf den Xystus gelangte.
Dieser einzige größere Platz, vom Hasmonäer-Palast im Norden begrenzt, ist ein Platz der Reichen. Die Düfte von Myrrhe, Narde und Balsam, die den Sänften entströmten, konnten in diesen Tagen nicht den ekelerregenden Qualm aus dem Tempel überwehen. Ich kam mir nicht wie in der hochgelobten heiligen Stadt vor, sondern wie in den Klüften der Verdammnis.
Was hatte mich nur nach Jerusalem gezogen? War ich in die Irre gegangen? Viele Jahre war ich nicht mehr hier gewesen. Wo würde ich eine Unterkunft finden? In vielen Herbergen fragte ich darum. Nicht einmal um einen hohen Preis wollte es gelingen.
So stieg ich die Stufen zur Armenstadt hinunter, ins Tal der Käsemacher.
Wie seltsam wird man doch in manchen Stunden des Lebens an die Hand genommen und geführt!
Zwei Männer in galiläischer Tracht gingen raschen Schrittes an mir vorbei, blickten sich scheu nach mir um. Jetzt erkannte ich sie. Im Hause Raels waren sie gewesen, in der Begleitung Jesu von Nazareth. Freudig rief ich sie an. Sie sahen meine Harfe und erinnerten sich. Ich klagte meine Not um eine Herberge und durfte mit ihnen kommen. Es wäre viel geschehen. Wenn wir in Sicherheit, wollten sie mir berichten.
Vor einem der armseligen Häuser, die stufenförmig sich mit der Gasse abwärts reihten und aneinander zu kleben schienen, hielten die Freunde und klopften dreimal an die Tür. Vorsichtig wurde geöffnet.
Wir traten in einen dämmrigen Raum zu ebener Erde. Mehrere Männer waren hier versammelt, auch einige Frauen. Ängstlich blickten sie mich als Fremden an, wurden aber von den Jüngern beruhigt und ihnen mein Herkommen erklärt. Man half mir, meine Harfe loszubinden und sie in eine Ecke zu stellen. Der Esel wurde in den Hof gebracht.
Scheu und leise sprachen die Frauen und bedauerten, dass sie mir nur Gerstenbrot trotz des Feiertages vorsetzen konnten und auch nur Wasser statt Wein. Sie bargen ihre Tränen mit den Händen und setzten sich wieder in die Nähe des Herdes. Auch die Männer waren alle verstört.
Andreas, einer von denen, die mich hergeführt hatten, sagte: „Joseph von Arimathia hat von Pilatus die Erlaubnis erhalten. Wir haben seinen Leichnam in Josephs Felsengruft gebettet. Es musste alles schnell geschehen wegen des Sabbats. — O Herr, du hast deine Herde allein gelassen!“ Schluchzend ließ er seinen Kopf auf die Tischplatte sinken.
Allmählich begann ich zu verstehen, aber noch fragend blickte ich die anderen an.
Tonlos gaben sie mir Antwort „Sie haben Jesus gekreuzigt.“
Tiefe Trauer, die keine Worte fand, überfiel auch mich. Wie konnten diese Priester so blind, so hasserfüllt und grausam sein? Hatten sie nicht gefühlt, wer da vor ihnen stand? Welch eine Schuld hatten sie auf sich geladen!
Der Jünger, der neben mir saß, sagte: „Es geschah, als die Erde bebte und die Sonne ihren Schein verlor. Seine letzten Worte waren: „Es ist vollbracht Vater, mein Geist kehrt zurück zu dir!“ (Joh. 19,30)
Der Schmerz lastete schwer auf allen. Sie fühlten ihre Schwachheit und Unzulänglichkeit.
Auch meine Seele war tief betrübt. Hatte der Mächtige der Finsternis hohnlachend gesiegt? War die Brücke ins Empyreum, die ich ehemals zu schauen vermeinte, zerbrochen, so als wäre sie auf tönernen Pfeilern erbaut gewesen? Stand niemand am jenseitigen Ufer, und breitete niemand die Arme, um die geliebten und liebenden Kinder zu empfangen? Tot und finster erschien mir unsere Welt, da der Gute, Strahlende von uns gegangen.
In die Stille hinein klopfte es. Angstvoll hoben alle die Köpfe und blickten sich an. Langsam ging einer auf leisen Sohlen zur Tür und spähte durch einen Spalt. Aufatmend schob er den Riegel zurück.
Einer, den sie Philippus nannten, trat ein und berichtete, dass Judas, der Verräter, sich erhängt habe. Joseph von Arimathia gewährte den Jüngern in einem seiner Häuser beim Tor Ephraim Unterkunft. Die Mutter Jesu, Johannes und Petrus und andere der Ihrigen seien auch dort. Am Morgen, wenn viel Volk zum Tempel ströme, wollte er uns dort hinführen.
So verbrachten wir in Trauer und trüben Gedanken die Nacht. Beim ersten Morgenschein verzehrten wir schweigend ein karges Mahl. Danach rüsteten wir zum Aufbruch.
Ich dankte den Frauen, legte heimlich eine Münze in den Tonteller, belud meinen Esel mit der Harfe und meiner sonstigen Habe und folgte den Jüngern nun wieder die Stufengassen hinauf zur Oberstadt. Viel Volk war schon unterwegs zum Tempel, und niemand achtete unser.
Es war das Haus eines Wohlhabenden, zu dem wir geführt wurden. Die Türe aus dem harten Holz der Sykomore gefügt, mit großen Kupfernägeln beschlagen, und alles wohl gepflegt.
Nach dreimaligem Klopfen wurde uns geöffnet. Eine Magd in griechischer Tracht nahm sich meines Esels an. Die Harfe stellte ich in die Vorhalle.
Nun sollte ich Seine Mutter sehen! Ich erkannte sie sofort. Das Ebenmaß der Züge in dem zeitlosen Antlitz, von tiefem Schmerz gezeichnet, war unvergleichbar allem bisher geschauten.
Petrus — dieses ist sein Beiname, eigentlich heißt er Simon — und Johannes saßen ihr zur Seite. Sie schwiegen. Was sollten auch Worte? Mit Gebärden luden sie uns ein, am Tisch Platz zu nehmen.
Die Tochter des griechischen Hausverwalters brachte uns Wein und Weizenbrot. Ich schalt mich insgeheim, weil ich bemerkte, dass sie ein edles Profil hat und eurer Schwester Lydia ähnelt. Euridike nennt man sie.
Plötzlich ertönten sehr heftige Schläge zu drei Malen draußen am Tor. In der Halle hörte man aufgeregte Stimmen.
Danach wurde die Tür zu unserem Raum hastig geöffnet. Ein schönes Weib mit rotblondem, jetzt sehr verwirrtem Haar, stürzte außer Atem herein. „Der Leib des Herrn ist fort! Das Grab geöffnet! Ich habe ihn aber unter den Zypressen stehen gesehen. Sehr hell und leuchtend. Ich lief auf ihn zu. Er aber sprach: ‚Rühre mich nicht an!‘ (Joh. 20,17) — Auch die Maria-Hanna erblickte ihn. Wir fielen ihm zu Füßen. — Petrus, Johannes, kommt, dass auch ihr ihn seht.“
Die beiden eilten mit der Frau — sie hieß Maria Magdalena — zur Felsengruft. Diese lag in einem Garten des Joseph von Arimathia an der Straße, die nach Joppe führt.
Maria, seine Mutter, saß mit geschlossenen Augen. Es schien, als lauschte sie nach innen. Sie brauchte nicht wie die anderen zu seinem Grab zu eilen.
Nach geraumer Zeit kehrten die Jünger mit mehreren Frauen zurück: Ein Jüngling im weißen Gewand hatte ihnen bedeutet, hier in diesem Raum zu verweilen, betend und in aller Liebe des Herrn gedenkend.
Maria Magdalena trug ein Leinentuch über dem Arm, das sie wohl als Andenken aus der Gruft mitgenommen hatte. Später erfuhr ich, dass sie als Tänzerin in den Häusern der Reichen aufgetreten war. Jesus hatte sie von Besessenheit geheilt. Seitdem führte sie ein bußfertiges Leben und zählte zu seinen Anhängern. Es schien aber, als hätte sie ihn auch auf irdische Weise und nicht nur mit der reinen Agape geliebt. Wohl deshalb hatte er zu ihr gesprochen: Rühr mich nicht an! — Ihr Antlitz war jetzt sehr verstört. Das des Petrus schien noch eine besondere Qual widerzuspiegeln.
Johannes sprach in die Stille: „Herr, du hast die Welt überwunden. Deine Worte sind uns geblieben. ‚Meinen Frieden lasse ich euch. Nicht gebe ich, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht! (Joh. 14,27) Denn mein Reich ist nicht von dieser Welt. (Joh. 18,36) Wer in mir bleibt und ich in ihm, der wird nicht verloren sein. (Joh. 15,5) In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden, wie auch ihr sie überwinden werdet! (Joh. 16,33) Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14,6) Der Vater hat mich geliebt, ehe denn die Welt gegründet ward. (Joh. 17,24) Ich habe seine Herrlichkeit und Liebe kundgetan, auf dass die Liebe auch in euch sei.‘ (Joh. 17,26)
Herr, hilf, dass wir dein Wort behalten und danach tun und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen! Dein Geist führe uns! Amen.“
Die meisten waren im Gebet versunken. Nur leise und selten wurde gesprochen. Die Speisen, die Euridike auftrug, wurden kaum angerührt.
Nun hob Petrus das Haupt, wandte sich zu mir und sagte: „Sänger, hole deine Harfe und lass sie leise tönen uns zum Trost!“
Als ich sie aus der Halle hereinbrachte, wurde das Tor doppelt verriegelt. Auch der Hausvater mit seiner Tochter und seinem Sohn Stephanus kamen hinzu.
Wieder war mein Herz bange wie ehedem, als ich im Hause Raels vor Ihm spielte. Leise schlug ich die Saiten und sang:
Herr, der du in deinem Heiligtum wohnest,
in deiner Liebe!
Herr, der du zurückkehrtest,
von wannen du ausgegangen,
bleibe noch eine Spanne der Zeit bei uns!
Schenke noch einmal uns
dein Licht und deine Erbarmung!
Siehe, wir wandeln im finsteren Tal
zwischen Dornen und Disteln.
O reiche uns wieder
das Wasser des Lebens,
auf dass wir nicht dürsten!
Allmählich war es Abend geworden. Mild duftete das Wachs der entzündeten Kerzen. Sie erhellten nur spärlich den Raum, wie es sich für eine Feier der Andacht und Wehmut geziemt.
Plötzlich war da ein Licht wie eine weiße Wolke. — Und Jesus stand mitten unter uns, ganz wie wir ihn zu seiner Erdenlebzeit gekannt hatten.
Er hob die Hände, in denen wir die Wundmale erblickten, und sprach: „Friede sei mit euch und fürchtet euch nicht! Sehet, ich habe den Tod überwunden. Auferstanden ist auch mein Leib, denn auch er ward lauter Licht und wurde zum Kleid der Seele. Ich habe gelitten, wie jeder Mensch Schmerzen leidet. Denn der göttliche Geist zog sich zurück und ließ meine Seele allein. Ich hätte ihn rufen können und hätte alle Kraft und alle Macht gehabt, die Diener des Bösen zu vernichten. Doch ich tat es nicht, und so konnte ich leben in Demut und Liebe bis zum letzten meiner Tage im irdischen Kleid. So konnte ich neu erschaffen die Erde, auf der ich schaubar ward den Menschen als Bruder. So konnte neu ich ordnen die Himmel, da ich mit gebreiteten Armen warte auf die Heimkehr meiner Kinder. Ich gab euch das Brot des Lebens, meine Liebe. Esset dieses Brot, dann seid ihr verbunden mit mir. Ich reichte euch den Wein der Weisheit. Ihr habt getrunken, so viel ihr zu fassen vermochtet. Nun seid gestärkt und gewiss, dass ich wiederkommen werde. Und gebet Kunde den Kleingläubigen! Friede sei mit euch!“
Nachdem Jesus dieses gesprochen hatte, war wieder die helle Wolke um ihn, und er entschwand unseren Blicken inmitten des Raumes, da wir saßen.
Sagt, meine Lieben zu Korinth, ob ihr je wohl Ähnliches erlebtet zu Delphi oder Eleusis?
Ich hoffe, dass ich diesen Brief bald einem verlässlichen Handelsmann, der eure Küste ansteuert, mitgeben kann. Indessen werde ich mir neue Pergamentbogen und Schreibrohre beschaffen, um euch weiter zu berichten. Friede sei mit euch!
Theophilus, Verkünder einer frohen Botschaft
So will ich euch nun weiter schreiben, was hier geschehen nach der Auferstehung Jesu Christi.
Nachdem der Auferstandene uns allen im Hause des Josephs von Arimathia erschienen, zu uns geredet hatte und wieder entschwunden war, so wie der Samenflaum manch einer Blüte im Winde verweht, saßen wir eine lange Weile wie gebannt, ohne Sprache. Niemand wagte sich zu rühren.
Der junge Stephanus, der neben mir, aber etwas vorgerückt saß, hatte das Antlitz eines Engels, auf dem himmlischer Glanz liegt. Euridike hatte das Haupt geneigt, so als lauschte sie nach innen. Es schien mir, alle in diesem Raum, die den Auferstandenen geschaut und gehört, hatten eine Weihe empfangen. Unsere Seelen waren verbunden und eingetaucht in himmlische Sphären.
In dem geräumigen Haus verbrachten wir alle die Nacht.
Als ich im Frühlicht am sprühenden Wasserstrahl im Atriumgarten mich erfrischte, hörte ich aus einem der Frauengemächer eine zarte Stimme singen:
Gleich wie die Blume,
vom Strahle der Sonne geweckt,
entsteiget im hellen Gewande
dem Reiche der Erde,
so ist Er erstanden und strahlet
im himmlischen Glanze.
O freue dich, jauchze o Seele!
Jauchze, o Seele!
Im ersten Augenblick waren meine Sinne verwirrt. Ich kannte diese Weise. Erinnert ihr euch? Ich war ehemals in einem Hain in der Nähe des großen korinthischen Tempels eingeschlafen. Tempeljungfrauen — Hierodulen nennt man sie bei euch — hatten einen Mysten, der wieder zur Sonne emporstieg, mit diesem Liede begrüßt. Ich war ungesehener Zuhörer gewesen.
Geschah in solch gleichnishaftem Tun nicht schon seit langen Zeiten eine Offenbarung über das ewige Leben der Seele? Sie wird aus der Dunkelheit dieser Erde erstehen und gleich einer Blume erblühen und die Gnade des Lichts empfangen.
Ich holte meine Harfe aus der Halle und spielte unter den Arkaden dieses Lied. Auf leisen Sandalen kam Euridike. Ihr Antlitz war lieblich wie eine Blume. Sie lauschte, und als ich geendet, fragte sie: „Woher kennst du dieses Lied?“
„In der Heimat meiner Eltern hörte ich es. Ist es nicht seltsam, welch eine Tiefe es birgt?“
Ich wiederholte die Weise, und Euridike neben mir sang mit verhaltener Stimme. Nie werde ich diesen Morgen vergessen. Von nun an war eine zarte Verbindung zwischen uns.
Beim Morgenmahl trafen wir uns alle wieder. Behutsam sprach man über das große Erlebnis. Wir blieben — sowohl in der Hoffnung, Ihn wiederzusehen, als auch aus Furcht vor den Juden, die nach seinen Jüngern forschten — in diesem festen Hause des ehrbaren Ratsherrn Joseph, wo die Templer uns gewiss nicht vermuteten.
Später kamen Thomas und Matthias, die in Bethanien gewesen, hinzu. Diese waren ihm auch gefolgt, während er lehrte. Sie erfuhren, was sich hier zugetragen. Thomas, ein Schmalgesichtiger mit lebhaften Gebärden, schüttelte immer wieder sein Haupt und konnte es nicht glauben. Die anderen sahen ihn vorwurfsvoll an ob seines Zweifelns.
Noch zwei andere Jünger fanden sich ein, der eine Kleophas mit Namen, und hatten Seltsames zu berichten: Nach der Kreuzigung waren sie auf dem Wege zu einem Dorf nahe bei Jerusalem, ihre Herzen voll Trauer. Noch immer vermochten sie es nicht zu fassen, dass ihnen ihr Herr genommen und auf so martervolle Weise den Tod hatte erleiden müssen. Sie mochten gar nicht die Blicke heben, denn ringsum feierten Frühlingsblumen ihre Auferstehung. Ihren Meister hatte man während der Blüte seines Lebens in die Totengruft gelegt. Er hatte Liebe gelehrt und gelebt, und die Templer kannten nur Hass. Nun war er gestorben wie jeder andere Mensch und hatte doch von seiner Macht und Herrlichkeit gesprochen. War er wirklich der Messias gewesen? Wie konnte dann so Jammervolles geschehen?
Als sie so gesenkten Hauptes dahinschritten, ging unvermutet ein Fremder neben ihnen. Er musste lange Wanderungen gewohnt sein, denn er ging leicht, als ob er den steinigen Boden kaum berührte. Doch nicht das kleinste Bündel trug er in der Hand. Er fragte, warum sie so traurig wären. Verwundert schauten sie ihn an.
War er ihnen nachgesandt und sollte sie ausforschen? Nein, aus seinem Antlitz strahlte Sanftmut und Güte.
„Du kommst aus Jerusalem und weißt nicht, was da in diesen Tagen geschehen ist?“ fragte Kleophas
„So sagt es mir!“ Die Stimme klang fordernd, jedoch ohne Arg. Sie berichteten ihm über Jesus von Nazareth, wie er mächtig in Worten und Taten gewesen, so dass sie ihn für den Messias gehalten. Doch nun hatten die Priester, die seine Feinde waren, Macht über ihn gewonnen und ihn kreuzigen lassen. Einige Weiber, so hörte man, wollen das Grab leer gefunden haben und meinen er sei auferstanden. Doch Weibern kann man nicht immer glauben.
Und der Fremde sprach: „O ihr Toren, die ihr trägen Herzens seid! Hat sich nicht erfüllt, was von ihm geschrieben steht: Er wird ein Heiligtum sein, aber ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses den Bürgern von Jerusalem. (Jes. 8,14) — Und auf euch scheinen die Worte zu passen: Sie werden unter sich die Erde ansehen und nichts finden als Trübsal und Finsternis, denn sie sind im Dunkel der Angst. Doch es wird nicht dunkel bleiben über ihnen. (Jes. 8,22)
Sehet, Jesaja (53,3) sagt von ihm: „Er war der Allerverachtetste, voller Schmerzen und Qualen. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg — und weiter heißt es: Aber die Blinden will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht kennen. Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerichte zur Ebene. Solches will ich tun und sie nicht verlassen.“ (Jes. 42,16)
Verwundert blickten die beiden Jünger den Fremden an. War er ein Pharisäer und Schriftgelehrter? Er war aber einfach gewandet, nicht wie jene mit kostbaren Borten und Quasten. Woher kam ihm solche Weisheit?
„Warum aber musste solches geschehen?“ fragte Kleophas den Fremden. „Konnte der Herr nicht die Templer mit einem Hauch seines Mundes zunichtemachen, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende?“
„Ich will mit euch einen ewigen Bund machen und euch Gnade geben. So steht es bei Jesaja (55,3)“, erinnerte der Fremde.
„Unser Herz brannte, indem er das sagte“, gestand Kleophas. „Inzwischen neigte sich der Tag, und es wollte Abend werden. Wir erreichten unsere Herberge, aber unser Begleiter schien noch einen weiten Weg zu haben. Wir baten ihn, doch bei uns zu bleiben, und er kam und setzte sich mit an unseren Tisch. Eine Magd brachte uns Brot und Wein. Der Fremde nahm das Brot, dankte, brach‘s und reichte es uns.
