Es geht immer weiter, nur anders - Christel Tarras - E-Book

Es geht immer weiter, nur anders E-Book

Christel Tarras

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Beschreibung

Erzählt wird eine Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland der 50er und 60er Jahre vor dem Hintergrund einer sprachlosen Gesellschaft auf der einen Seite und den Prägungen der Eltern durch eine preußische Erziehung und den Verlust des Sohnes im 2. Weltkrieg mit dem Tod als ständigem Begleiter im Alltag. Die Tochter erfährt mit 13 Jahren, dass sie adoptiert wurde, geschildert wird in den Jugendjahren der verzweifelte Versuch eine eigene Identität zu finden

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Erzählt wird eine Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland der 50er und 60er Jahre vor dem Hintergrund einer sprachlosen Gesellschaft auf der einen Seite und den Prägungen der Eltern durch eine preußische Erziehung und den Verlust des Sohnes im 2. Weltkrieg und dem Tod als ständigem Begleiter im Alltag.

Die Tochter erfährt mit 13 Jahren, dass sie adoptiert wurde, Geschildert wird in den Jugendjahren der verzweifelte Versuch eine eigene Identität zu finden

geb. 1944

Mit fast 78 Jahren blicke ich auf ein aufregendes und oft schwieriges Leben privat und beruflich zurück. Dennoch: den Kopf trage ich noch immer oben und weiß, dass in allem auch etwas Gutes liegt.

Jetzt bin ich Unruheständlerin und allein erziehende Großmutter, summa summarum: Lebenskünstlerin

Bevor ich alles vergesse, schreibe ich es lieber auf und mache den Anfang mit diesem Buch.

Mal sehen, wie weit ich komme......

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Die Zeit vor dem Krieg

Die Eltern

Mami

Papi

Sohn

Die Zeit nach dem Krieg

Kindheit

Jugendzeit

Wer will mich haben

Wie hältst du es mit der Religion?

Vielleicht die Politik

Und was ist mit der Liebe?

Für Christoph, Philipp und Hendrik

Das Leben ist ein Haufen Scheiße - doch:

aus Scheiße wird Dünger, und je mehr Scheiße du hast, desto mehr Dünger kriegst du

Prolog

Niemand sollte von einer Mutter verlangen, dass sie entscheiden soll, wann es an der Zeit ist die Geräte abzuschalten. Automaten, die lebensnotwendig sind, Automaten, die im schlimmsten Fall nur Leben vortäuschen, wo doch das Leben sich längst heimlich davongeschlichen haben kann, wer will das beurteilen? Narrte mich das regelmäßige Fauchen und Zischen des Beatmungsgerätes nur? Wieder und wieder lieβ ich die Blutwerte kontrollieren in der Hoffnung, dass sie mir zeigen, da kämpft ein Mensch für sein Leben, um sein Leben, er ist todkrank aber nicht lebenskrank, nicht krank am Leben. Doch Stunde um Stunde verging, die Ergebnisse zeigten nur weiter nach unten, dahin, wo kein Leben mehr existieren kann. Zwischendurch steckte ein junger Arzt seinen Kopf ins Zimmer mit fragendem Blick: wie sieht’s aus, haben Sie sich entschieden? - die Krankenschwester am Bettende trippelte nervös von einem Bein aufs andere, wagte jedoch nicht weg zu gehen, obwohl andere Patienten sie sicher dringender benötigten, denn diese hier war doch schon längst tot, das konnte doch jeder sehen. Und mein Sohn saβ am Bett seiner Schwester, streichelte ihren Arm und redete leise auf sie ein, ebenfalls in der Hoffnung, sie könne ihn hören, seine Bitten erhören, sie möge am Leben bleiben, und sei es nur für das Kind. Das Kind braucht dich, flüsterte er ins Ohr und mied dabei meinen fragenden Blick. Nein, er wollte nicht entscheiden, nicht mittragen an solch einer Entscheidung und tat es dann doch. Nickte mir zu, und seine Augen sagten, tu es, mach ein Ende. Sie will es sicher auch. Und so streckte ich den Rücken gerade, hob den Kopf hoch, wechselte den Blick zwischen Tochter und Armaturen weg zum Stationsarzt und sprach den endgültigen Satz: Schalten Sie ab.

Ich hatte keine Tochter mehr.

Die Zeit vor dem Krieg

Die Eltern

Mami

Mami, dir hat der Krieg den Sohn gestohlen, meine Tochter holte das Feuer. 2 Tote – 2 Kinder. Bringt uns das einander näher? Schöne, stolze, traurige, strenge und harte Mami. Meine frühesten Erinnerungen an dich hängen schon mit dem Sterben zusammen, mit dem allgegenwärtigen Tod, obwohl diese Worte nie über deine Lippen kamen. Er ist gefallen, sagtest du vor dem Bild mit den immer brennenden Kerzen, ganz in schwarze Trauer gehűllt und nie ansprechbar. Und ich verstand nicht, warum solche Traurigkeit davon ausging. Wenn man fällt, steht man auch wieder auf und läuft weiter. So hatte ich es gelernt und erwartete, dass dieser fremde Sohn jederzeit an der Tür schellt, lachend hereinkommt, hier bin ich, sagt und damit die Traurigkeit wegfegt als ein lästiges Hindernis und die Freude einkehrt wie beim Gleichnis vom verlorenen Sohn. Doch als es an der Tür schellte, draußen ein junger Mann stand mit den Worten: Ich hab’ hier mal gewohnt, und ich aufgeregt schrie: Mami, komm schnell, der Ludwig ist da! Da schlugst du dem Fremden die Tűr vor der Nase zu, kreideweiß im Gesicht und zitternde Wut auf den Lippen, und deine Hände schlugen erbarmungslos auf mich ein. Erinnerst du dich? 6 Jahre war ich damals alt, als mein Glaube an die Welt in sich zusammenbrach, die Angst sich mir űberstülpte wie eine zweite Haut und anfing sich nach innen zu fressen. Warum hast du mir nie erklärt, was ‚gefallen’ bedeutet? Das es gestorben bedeutet?

Ich nannte dich Mami, aber eine Mutter warst du nie, nicht fűr mich. Mit dem Tod des Sohnes warst du eingefroren und nie wieder aufgetaut. Dieser einmalige, schöne, hoch intelligente Sohn, den der Krieg dir gestohlen hatte, war er so gewesen oder hast du ihn erst einmalig gemacht? Auch ich fing an mir einen groβen Bruder zu erdichten, einen, der mich beschűtzt vor den allgegenwärtigen Gefahren. Mami, ich strengte mich an, wollte so gut und so schlau sein wie er – aber kann ein Kind gegen einen Toten anstinken, sich mit ihm messen? Meine Versuche waren zum Scheitern verurteilt, und langsam begann sich meine Bewunderung in Hass zu verwandeln, dann in Gleichgűltigkeit. Aber ich greife vor, die Gedanken galoppieren zu schnell.

Schon frűh begriff ich, wie ich dich zum Reden bringen konnte. Ich musste nur nach Geschichten des Sohnes fragen – Mami erzähle von Ludwig – und ein Zipfel der Vergangenheit breitete sich vor mir aus. Manchmal stahl sich dabei ein Lächeln in das versteinerte Gesicht und ich ahnte deine ehemalige Schönheit.

Die Geburt deines ersten Sohnes – sie sollte auch die einzige bleiben, denn sie war lang und anstrengend, und das Kind lag verkehrt herum. Ich wäre fast dabei gestorben, sagtest du immer. Schon damals also der Tod als drohender Begleiter, und ich meinte fast so etwas wie eine stille Abmachung zwischen ihm und dir zu spűren. Denn warst du fertig mit dem Erzählen, folgte als Schlusssatz: Ich werde auch nicht alt, ich fühle es. Und ich zeigte auf eine Fotografie an der Wand: Mami du stirbst nicht, schau wie schön du bist. Aber das bin ich nicht, das ist meine Mutter, auch sie schon lange tot. Aber genauso siehst du aus, war mein Gegenargument.

Mami war Jahrgang 1895,also aus dem vorvorigen Jahrhundert, hatte den Kaiser noch persönlich gesehen, als er 1911 in Köln zur Einweihung der Hohenzollernbrücke war, hatte die Pferdebahnen noch erlebt, die vor der Elektrischen die Straßenbahnwagen zogen – die Straßen damals waren oft völlig verdreckt von den unzähligen Pferdeäpfeln, obwohl Arbeiter mit Schaufel und Karre hinterher zogen- „Kann man heute froh sein, dass die Zeit vorbei ist!“

Aufgewachsen war sie im Stadtteil Sülz auf der Marsiliusstraße, damals ein Arbeiterviertel. Sie war die Älteste von vier Kindern und wurde von der Mutter schon früh zur Mithilfe herangezogen.

Ihre Mutter: noch eine Generation frűher. Und schon wieder eine Tote. Geboren 1865 in Eupen. Katharina, das jűngste von 12 Kindern, der Vater Konditor. Einfach ging es dort zu trotz eines gewissen Wohlstands, 12 hungrige Mäuler zu stopfen war selbst fűr einen Geschäftshaushalt keine leichte Aufgabe. Und dann kamen noch 4 Kinder von Vaters verstorbener Schwester dazu. Ihr Vater besah sich nur den Tisch und meinte, da kann man noch ein Brett dran machen, dann haben alle Platz. So hat ihre Mutter es ihr erzählt. Nun erzählte sie es mir und gab ihrer Stimme den Stolz der eigenen Mutter, die lesen, schreiben und rechnen konnte, was damals nicht selbstverständlich fűr ein Mädchen war. Auch Frauen műssen in der Lage sein, einen Haushalt selbständig zu leiten, war die Devise des Familienoberhauptes, und fähig sein Personal anzuweisen. Ach, vergaβ ich zu erwähnen, dass Mutter das einzige Mädchen unter all den Geschwistern war? Leider heiratete sie dann nicht einen Kaufmann sondern einen Weber, und 1895 wurde ich geboren. Da ging es den Eltern noch gut, doch durch die Industrialisierung verloren die Hausweber Lohn und Brot, und als ich 5 Jahre alt war, mussten wir Eupen verlassen und nach Köln ins Rheinische ziehen.

Aus war es mit der Bűrgerlichkeit. Jetzt war der Vater Fabrikarbeiter. Geld bekam er nur, wenn er arbeitete. Es fehlte an allen Ecken und Enden, eine harte Kindheit, die Mutter oft kränklich nach der Geburt der Zwillinge und dann kam noch ein Mädchen, meine Schwester, deine Tante Mia. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie das damals war ohne Kranken- und Sozialversicherungen, das es das heute alles gibt, verdanken wir der SPD und Bismarck, sollte man nie vergessen, meinte sie. Auch ich sollte nach der Schule in die Fabrik, erzählte sie weiter, aber ich habe mir das nicht gefallen lassen. Lehrerin wollte ich werden, da hat sogar die Schule sich eingeschaltet, den Eltern gesagt, dass ich ein Stipendium bekäme. Und die Kleidung, wird das auch bezahlt, hat mein Vater gefragt. Nein, das nicht, bekam er zur Antwort. Dabei wären es nur 2 Schűrzen gewesen, seufzte meine Mutter. Nun gut, Lehrerin bin ich nicht geworden, durfte nicht auf die Präparandie, aber eine Lehrstelle habe ich mir gesucht und auch gefunden als Bankkauffrau. Bei Lambert & Danberg! Und bin nach der Lehre sofort eingestellt worden. Verdient habe ich gut, aber auch viel gearbeitet, sogar an Heiligabend bis in die halbe Nacht. Die Eigentűmer waren Juden, bei denen gab es keine christlichen Feiertage. Und das im katholischen Köln. Immer wenn sie das erzählte, zitterte ihre Stimme vor Empörung. Dann eine Pause, um mit ruhiger Stimme weiter zu sagen, ich hatte nichts gegen Juden, nur Weihnachten hätten sie uns eher gehen lassen sollen. Eine Stunde Fuβweg war es bis nach Sűlz, gut, ich hätte die Tram nehmen können, aber das war zu teuer, den meisten Lohn gab ich doch zu Hause ab, und so eine Bahnfahrt kostete 10 Reichspfennige. Und weil ich nicht gefahren bin, habe ich immerhin meinen Mann, deinen Vater kennen gelernt. Höchster Triumph.

Papi

Er war ihr Lottogewinn. Ein feiner Mann, ein Ingenieur, kein Arbeiter, kein Abstieg in die verhasste Arbeiterklasse sondern ein Aufstieg. Sie ging nach Hause, hatte auf dem Markt noch Äpfel gekauft, und dann riss die Tűte. Zwei junge Männer halfen ihr beim Auflesen und der eine sagte keck zu ihr: Schönes Fräulein, darf ich wagen Ihnen Arm und Geleit anzutragen, und sie antwortete wie aus der Pistole geschossen: Bin weder Fräulein weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn. Sie begleiteten sie dann doch, und der eine redete und redete, aber mich machte der andere, der Schweigsame neugierig. Das hätte ich aber niemals gesagt, und doch stand der einige Tage später vor unserer Tűr. Da war es wieder, das zufriedene Lächeln.

Sie wurde sein Röschen, er ihr Herr. Negierte das Hindernis, dass er evangelisch, doch sie katholisch war, den Protest der Eltern – ihre sowie auch seine – mit dem Ergebnis, dass niemand zur Hochzeit kam auβer einem Bruder – was machte das schon, sie hatten ja sich. Sechs lange Jahre hatten sie aufeinander gewartet, fast vier Jahre davon war er im Krieg gewesen im Russlandfeldzug und jeden Tag wurden 2 Postkarten auf die weite Reise geschickt, eine von Köln, die andere von Russland aus. Dann war er wieder da, auch noch gesund an Leib und Leben – die Seele wurde nicht gefragt. Der katholische Pastor am Altar wollte nur wissen, ob sie tatsächlich bereit sei die Sünde auf sich zu nehmen und einen Protestanten zu heiraten. Dabei war es nicht nur die Religion, die sie trennte, es war der Klassenunterschied, der sich im späteren Leben immer stärker bemerkbar machen sollte.