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'Es geschah' am Heiligen Abend des Jahres 1913, 1944, 1989 und 2010: Die erste Geschichte markiert das Ende dessen, was man gemeinhin mit der 'guten alten Zeit' verbindet, als man noch hoffen durfte, so etwas wie göttlich legitimierte Autoritäten könnten am Ende immer alles zum Guten wenden. Es dreht sich um den Sohn eines verarmten Kerzenziehers, der in der letzten Friedensweihnacht des Kaiserreiches noch einmal Glück und Elend dieser sterbenden Epoche erlebt. 1944 und 1989, die beiden "Sonntagsheiligabende, markieren das herannahende Ende dunkler Zeiten: des Dritten Reiches und des Kalten Krieges. In ''Die Heimkehr' könnte sich für ein Mädchen im Bombenhagel ihr großer Lebenswunsch erfüllen und "Engel über Berlin' erzählt von einem Heimkind auf der Flucht, für das die Mauer noch einmal zum traumatischen Hindernis wird. 'Zwanzigzehn' rankt sich um einen ausgemusterten Weihnachtsengel – im Jahr der Agenda in einer Republik, die von manchem schon als 'Viertes Reich' wahrgenommen wird. Vier spannende, zu Herzen gehende Weihnachtserzählungen, zeitgeschichtliche Impressionen aus hundert Jahren deutscher Geschichte.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Titel: Es geschah 1913 1944 1989 2010
Untertitel: Weihnachtserzählungen aus hundert Jahren
Autor: Rudolf Nottebohm
Impressum:
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: © 2013 Rudolf Nottebohm
ISBN 978-3-8442-7097-6
In den Weihnachtstagen des Jahres 1913 liegt das Land in tiefem Frieden. Doch dem Kerzenziehermeister Anton Lechner ist gar nicht friedlich zumute. Er ist zwar ein gottesfürchtiger Mann, doch er fühlt sich ungerecht behandelt, weil er gleich zweifach geschlagen ist. Zum einen ist da sein Sohn Sebastian. Der hat nichts als Flausen im Kopf. Wachslichter will er machen und Modelstecher will er werden, anstatt bei seinem Onkel in die Fleischerlehre zu gehen. Denn, und das ist die zweite Kränkung, das Kerzenzieherhandwerk will einfach nicht mehr seinen Mann ernähren, schon gar nicht mit Talglichtern.
Am Samstag braucht er schon nicht mehr zu arbeiten. Zum einen ist der Talg meist schon am Freitag aufgebraucht, und zum anderen finden die in der Woche hergestellten Lichter ohnehin kaum ihre Abnehmer.
In der Werkstatt aber rumort es trotzdem: ein kleines Schaben und Kratzen an der Tauchwanne, so leise, dass man es hinter der geschlossenen Tür kaum hört. Sebastian haucht seine rot gefrorenen Finger an. Die tiefe Dezembersonne scheint durch die Eisblumen an den Fenstern und lässt jeden Spritztropfen auf der schwarzen Wanne und auf dem Steinboden weiß aufschimmern. So kann Sebastian kein Klümpchen entgehen. Immer, wenn er zwei oder drei auf dem Schaber hat, streicht er ihn in eine Blechdose ab, die er jetzt, weil sie voll ist, in ein halb gefülltes Leinensäckchen ausleert.
Die Räder der Tauchwanne spart er sich immer bis zum Schluss auf. Dort setzen sich beim Hin- und Herrollen ganze Klumpen von Talg an. Und wenn sie herausbrechen, klaubt sein Vater sie auf, um sie zu den anderen Resten in den Schmelzbottich zu werfen. Doch dazu ist es schon lange nicht mehr gekommen, genauer, seit Sebastian heimlich die Talgreste sammelt, um eine große Schmuckkerze daraus herzustellen. Mit der will er seinem Vater beweisen, dass nicht nur ein tüchtiger Kerzenzieher in ihm steckt, sondern vielleicht sogar ein Modelstecher.
Gerade stellt Sebastian sich wieder vor, wie er seine Kerze unter den Weihnachtsbaum stellt und wie sein Vater sie dann hoch nimmt und mit ungläubigem Staunen begutachtet. Da hört er draußen auf dem Flur Schritte. Unwillkürlich duckt er sich noch tiefer hinter die Tauchwanne. Eigentlich kommt es nie vor, dass sein Vater am Samstag Morgen in die Werkstatt geht. Meistens ist er nicht einmal zu Hause, sondern sitzt mit dem pensionierten Lehrer und dem alten Steinhof-Bauern in der Gastwirtschaft.
Jetzt aber hört Sebastian mit Schrecken, wie die Werkstatttür geöffnet wird und die mürrische Stimme seines Vaters: "Nicht einmal am Samstag hat man seine Ruh!" Dann hört er ihn zum Packtisch schlurfen und sieht, wie er zwei Bündel Kerzen herunternimmt. Und weil Sebastian sich jetzt noch einmal tiefer herunterduckt, kommt er mit der Schulter an den Kettenzug und der stößt mit einem kleinen Klick an die Bottichwand.
"Sebastian?” fragt sein Vater in die Stille und dann noch einmal: "Sebastian?"
Sebastian hört ihn näher kommen. Da stößt er den Sack mit den Talgresten unter die Tauchwanne und steht auf.
"Ich hab' nur Talg gesammelt", stammelt er.
Wenn sein Vater ihn am Ohr hat, sagt Sebastian immer die Wahrheit:
"Für was?"
"Eine Kerze".
Das genügt dem Kerzenmacher nicht und Sebastian muss auf die Zehenspitzen. "Eine Schmuckkerze", wimmert er, "mit Verzierungen, wie sie in der Kirche stehen!"
Der Zug am Ohr lässt nach. Sebastian steht wieder fest auf seinen Füßen.
"Einen Dreck wirst du machen!” sagt sein Vater, während er Sebastians Ohr loslässt und die Hand aufhält. Sebastian hebt die schon wieder halbgefüllte Blechdose auf und gibt sie seinem Vater. Der Meister schaut hinein, schüttelt den Kopf und leert sie in den Schmelzbottich.
"Mein Sohn macht keine Kerzen, keine kleinen, keine großen und mit Verzierungen schon gar nicht,” sagt er dabei.
Sebastian beißt sich auf die Lippen, doch es hilft nichts, ihm schießen die Tränen in die Augen.
"Aber ich mag nicht zum Onkel Franz!"
Sebastian tritt einen Schritt zurück.
"Sei froh, dass er einen Narren an dir gefressen hat!"
Sein Vater tritt einen Schritt vor. "Ein Metzger kriegt heut zehn Lehrlinge, wenn er mag. Und jetzt gehst hin und holst unsern Talg!"
Wenn Sebastian am Samstag gegen elf mit dem Leiterwägelchen die Dorfstraße herunterkommt, um den Talgbottich von seinem Onkel zu holen, sitzt sommers wie winters der Huber Ferdl, Sohn des Gastwirtes, auf der Steinmauer vom Biergarten, um den armen Sebastian mit einer seiner ausgesuchten Gemeinheiten zu traktieren:
"Einen sauberen Rausch hat er heut Nacht wieder gehabt, dein Alter", lässt er sich heute vernehmen, wobei er einen hart gepressten Schneeball von der einen Hand in die andere rollen lässt, "zum Schluss ist ihm zum Glück das Geld ausgegangen, sonst hätten wir ihn noch Heim tragen müssen!"
Sebastian schaut auf die andere Straßenseite und macht, dass er vorbeikommt. Der Huber Ferdl ist ein ganzes Jahr älter und größer als er.
Die zweite vorhersehbare Begegnung hat Sebastian an der Kirche. Kaum ist er am Friedhofstor vorbei, schlüpft die kleine Miriam mit der Einkaufstasche aus dem Mesnerhaus. Mal mit größeren, mal mit kleineren Schritten weiß sie es dann so einzurichten, dass sie am Brunnen mit Sebastian zusammentrifft. Und dann ist es doch das Natürlichste von der Welt, wenn sie das kurze Stück bis zum Metzger miteinander gehen.
Miriam überlegt sich immer schon vorher, was sie zu Sebastian sagen soll. Dass der einmal als erster den Mund aufgemacht hätte, das ist noch nie vorgekommen.
Heute wird es ihr leicht gemacht. Kaum sind sie ein paar Schritte zusammen gegangen, da hören sie Pferdegetrappel und das Rattern einer Kutsche hinter sich.
"Der Kronprinz!” ruft Miriam, die sich als erste umgedreht hatte.
Sebastian zieht seinen Wagen von der Mitte der Straße und Miriam stellt sich neben ihn, um dem Kronprinzen zuzuwinken, falls er aus dem Fenster schauen sollte.
"Er fährt auf sein Schloss!” ruft sie aufgeregt und, "in so einer Kutsche möcht' ich auch einmal fahren!"
"Kannst ihn ja fragen", meint darauf Sebastian mit finsterer Miene, "aber vorher musst dich recht schön machen!"
"Ach geh! Ich und der Kronprinz!” lacht Miriam und fängt an, jetzt wo die schwarze Kutsche mit den vier braunen Pferden näher kommt, wie wild mit beiden Händen zu winken.
Als der Kutscher sie sieht, lässt er ihr zu Gefallen ein paar Mal die Peitsche knallen. Oder war das ein Zeichen für den Kronprinzen? Der nämlich beugt sich nun ans Fenster und winkt den Kindern freundlich zu.
"Da hast du 's selbst gesehen! Zugewinkt hat er uns!” ruft Miriam begeistert und lässt kein Auge von der Kutsche bis sie hinter der Metzgerei verschwunden ist.
Nun, als sie wieder allein sind, weiß Miriam, weil Sebastian noch immer so finster dreinschaut, nichts weiter zu sagen.
"Warum macht ihr eigentlich keine Wachslichter", fragt sie dann schließlich. Darüber hatten sie eben zu Hause geredet.
Als Sebastian schweigt, setzt sie hinzu: "Mein Vater sagt, Talglichter wird's bald gar nicht mehr geben."
"Was versteht der schon davon!” gibt Sebastian jetzt zurück und geht einen Schritt schneller.
"Mehr vielleicht als du denkst!” entschlüpft es Miriam, während ihr das Wasser in die Augen steigt, denn Streiten ist das Letzte, was sie mit dem Sebastian will.
Als sie vor der Metzgerei seines Onkels ankommen, denkt Sebastian noch immer darüber nach, was sie wohl mit ihrem "Mehr vielleicht als du denkst!" gemeint hat und Miriam rätselt, was Sebastian ihr so übel genommen haben könnte. Doch dann nimmt sie sich noch einmal ein Herz und fragt: "Kommst du mich mal besuchen? Dann zeig ich dir meine Kasperlpuppen."
"Wenn ich Zeit hab'”, murmelt Sebastian und verschwindet mit seinem Wägelchen in der großen Einfahrt.
Im Hof zerrt ein Geselle gerade eine Kuh zur Schlachtbank, während ein mageres Bäuerlein mit einem Stock von hinten auf sie einschlägt. Die Kuh rollt angstvoll mit den Augen und aus ihren Nüstern steigen weiße Wölkchen.
Sebastians Onkel steht mit einer blütenweißen Mütze und einer ebenso weißen Schürze, die Hände auf dem Rücken, in der Hintertür zum Laden und schaut den Dreien mit Kopf schüttelnder Verachtung zu. Als er Sebastian sieht, ruft er: "Komm her und schau dir an, wie man's nicht macht!” wobei er eine dicke, etwa handlange Fleischwurst hinter seinem Rücken hervorzaubert.
Was nun kommt, erlebt Sebastian immer in einer Art Tagtraum: Der strenge, würzige Geruch der Wurst, die der Onkel unter seine Nase hält, die freundliche Aufforderung hinein zu beißen, das Kauen unter dem zufriedenen Lächelblick des Onkels, noch einmal und wieder abbeißen – bis zum Zipfel. Natürlich weiß der Onkel und Sebastian weiß, dass der es weiß und auch der Geselle weiß es, dass Sebastian die Wurst viel lieber mit nach Hause genommen hätte. Ein ganzes Sonntagsessen hätte die Mutter daraus gemacht. Die Mutter, die immer sagt: "Du sollst es mal besser haben!" und "Sei doch nicht dumm, Sebastian, der Onkel hat keine Kinder!"
Dann wuchten auch schon zwei Lehrlinge den randvollen Talgbottich auf den Leiterwagen und die schwere, rote Hand seines Onkels legt sich auf Sebastians Schulter: "Dann mal los, junger Mann!" und "Grüß deine Mutter!" und "Besuch uns mal!" Noch ein aufmunternder Klaps und es ist vorüber.
Auf dem Heimweg muss Sebastian alle Sinne zusammennehmen, damit der schwere Talgkübel auf der holprigen Dorfstraße nicht das Gleichgewicht verliert und mitsamt dem Leiterwagen umkippt.
Im Anblick der Kirche hat der Sebastian plötzlich eine Idee. Wie er das am Morgen verlorene Wachs mit einem Schlag wiedergewinnen könnte und vielleicht noch mehr. Er stemmt sich gegen die Deichsel seines Wagens, bringt ihn zum Stehen, wendet vorsichtig und stellt seine kostbare Last hinter der Friedhofsmauer ab.
In der Kirche ist es eisig kalt. Beim Niederknien vor dem Altar, sieht Sebastian das ewige Licht flackern und denkt: unreines Wachs, sogar da tun sie sparen!
In der Seitenkapelle betet eine alte Frau vor einer langen, dünnen Opferkerze. Sebastian stellt sich hinter einen Pfeiler und wartet. Die Kerze der Alten auf dem Opferstock brennt schief und flackert. Irgendwo muss eine Luke in einem Kirchenfenster offen stehen. Hinter dem Opferstock ist eine Art Grotte in die Wand gemauert. Darin hockt, eine eiserne Dornenkrone auf dem Kopf, der Heiland auf einem braunen Gipsbaumstumpf. Kaum einen Blick hat Sebastian für die großen Votivkerzen auf dem dreigeschossigen Holzgestell neben dem Gnadenbild des Schmerzensmannes. Ein Dutzend oder mehr mochten es sein, rundherum auf das Feinste verziert, bis zu einem Meter hoch und so dick, dass Sebastian sie nicht mit beiden Händen hätte umfassen können. Einige haben Jahreszahlen und er weiß, eine von ihnen ist erst in diesem Jahr gestiftet worden: Anno Domini 1913 steht darauf. Die meisten sind offensichtlich von der gleichen Hand gemacht und alle haben kleine Aufstecklichter. Die beiden größten Kerzen sind aus tief gelbem Bienenwachs. Doch die sind sicher um einen Holzkern gezogen. So einen reichen Mann nämlich, der eine so schwere Bienenwachskerze stiften könnte, gibt es in der ganzen Gegend nicht. „Christus in der Rast“ wird der Schmerzensmann genannt und ist weithin bekannt. Sebastians Mutter kommt oft her zum Beten, wenn sie eine größere Sorge plagt. Und der Vater hat seinen Spaß daran, Sebastian nach der Messe beim Vorbeigehen am Nacken zu packen und ihn mit dem Anblick des gepeinigten HERRN zu konfrontieren – aus Erziehungsgründen. Nach der letztjährigen Christmette, als er ihn wieder am Kragen hatte, hat er ihn dabei gefragt: „Weißt, wer das ist?’“ und als Sebastian keine Antwort gab, es ihm gesagt: „Das ist das Christkind, wenn’s auf Ostern geht! Und so wird's dir auch einmal gehen, wenn dir nicht bald ein Licht aufgeht!“
Endlich erhebt sich die Alte, bekreuzigt sich und schlurft zum Hauptportal. Kaum ist sie draußen, huscht Sebastian hinüber zu dem Kerzenständer unter dem Gnadenbild. Die Schatten des Opferstockgestänges liegen wie Ruten auf dem weißen Fleisch des blutüberströmten Schmerzensmannes. Drei der verloschenen Kerzen waren nicht ganz heruntergebrannt. Die verschwinden als erstes in Sebastians Hosentasche. Dann, nach kurzem Zögern, bläst er auch die Kerze der Alten aus, bricht sie in zwei Teile und stopft sie in seine Taschen. Nun beginnt er die Zapfen und Türmchen aus Tropfwachs vom Opferstock abzubrechen – ganze Hände voll herrlichen, weißen Wachses!
"Was soll denn das werden?"
Sebastian fährt herum und sieht in das strenge Gesicht des Pfarrers.
"So etwas! Stiehlt uns das Tropfwachs!"
Sebastian richtet sich auf und sagt mit fester Stimme: "Ich hab' noch nie was genommen!"
Gut, dass es so dunkel ist in der Kirche, sonst hätte der Pfarrer gesehen, wie Sebastian die Röte ins Gesicht steigt. Nicht nur wegen seiner Lüge, sondern auch, weil ihm jetzt ins Bewusstsein kommt, dass er die zerbrochene Kerze in seiner Hosentasche nicht nur der alten Frau gestohlen hat, sondern, was noch schwerer wiegt, auch dem Schmerzensmann, dem sie geweiht ist.
"Ja glaubst du denn, Sebastian, das Tropfwachs gehört niemandem?” fragt nun der Pfarrer und gibt auch gleich die Antwort: "Das musst du doch wissen als Sohn eines Kerzenziehers oder lasst ihr das Tropfwachs etwa verkommen bei euch in der Werkstatt? Oder hat dich gar dein Vater geschickt?"
"Nein", gibt Sebastian zurück, "der tät mich sauber durchprügeln, wenn ich damit ankäme!"
"Und wofür brauchst du's dann?"
Sebastian sieht den Pfarrer kurz an und sagt dann mit niedergeschlagenen Augen, während er mit dem Kopf auf den Opferstock unter dem Gnadenbild deutet: "Für so eine Kerze."
"Ach so ist das!” meint daraufhin der Pfarrer mit einem spöttischen Lächeln, "Weil du so fromm bist! Jetzt tust dich auch noch aus der Sünde stehlen! Als ob dem Heiland eine Kerze aus gestohlenem Wachs gefallen könnte!"
"Weihen lassen wollte ich sie ja gar nicht", wehrt sich Sebastian, "nur machen wollte ich halt eine!"
Da kann der Pfarrer nur doch den Kopf schütteln: "Sebastian, Sebastian! Als ob ihr nicht genug Wachs zu Hause hättet, und als ob du nicht wüsstest, dass man mit Lügen und Stehlen beim Heiland ganz am Falschen ist, und als ob du jemals so eine Kerze machen könntest!"
"Werden Sie es meinem Vater sagen?” fragt Sebastian. Vom Schmerzensmann hatte er vielleicht eine zeitweise Ungnade zu erwarten, von seinem Vater aber eine fürchterliche Tracht Prügel.
"Du tust jetzt säuberlich alles weitere Wachs abkratzen", sagt der Pfarrer nach kurzem Überlegen, „und dann bringst du es zum Mesner hinüber, weil es dem gehört. Und die nächsten Samstage kommst du wieder her und tust das gleiche, drei Wochen lang!"
Als Sebastian an die Tür des Mesnerhauses klopft, ist der unerwartet glimpfliche Ausgang seines Raubzuges bereits soweit vergessen, dass er überlegt, wie er vielleicht doch noch einen Teil des Wachses in seinen Hosentaschen retten könnte. Dass er es für den Mesner sammeln soll, damit der es dann verkaufen kann, das mochte aus der Sicht des Pfarrers zwar gerecht sein, nicht aber gemessen an der Ungerechtigkeit, die ihm vorhin von seinem Vater widerfahren war.
"Der Sebastian!” ruft Miriam und macht die Tür, die sie erst nur einen kleinen Spalt geöffnet hatte, weit auf.
"Der Pfarrer schickt mich", meint Sebastian mit verschlossenem Gesicht, "ich muss zu deinem Vater."
"Ach so", Miriam darauf, "und ich dachte schon, du kämst mich besuchen."
"Ein anderes Mal vielleicht, mein Wagen steht noch an der Kirche."
"Fünfzehn verschiedene Köpfe hab' ich!” versucht Miriam ihn zu locken.
Fünfzehn Kasperlköpfe, das kommt dem Sebastian nun doch recht unglaubwürdig vor, und fast hätte er sie nachzählen wollen. Dann aber, als Miriam ihn wieder mit ihren hellen Augen so anschaut, dass gar kein Auskommen ist, sieht er lieber auf seine Zehenspitzen und murmelt: "Was du dir alles kaufen kannst!"
"Aber die hat doch alle der Papa gemacht!", lacht Miriam, "du würdest staunen, was der alles kann!"
"Was denn alles?” zischt Sebastian und seine Lippen werden ganz schmal dabei aus Eifersucht, dass Miriam so stolz auf ihren Vater ist.
Doch anstatt nun ordentlich aufzutrumpfen, beißt sich Miriam auf die Unterlippe, wie eine, die schon zuviel gesagt hatte und meint nur: "Wart', ich hol ihn!"
Während Sebastian so auf den Mesner wartet, macht er einen Schneeball und wirft ihn auf das steile Dach des Mesnerhauses, um ihn dann wieder aufzufangen. Gerade da tritt der Kirchendiener aus seiner Tür, so dass der Schneeball, der auf dem Dach beim Herunterrollen um das Mehrfache gewachsen ist, ihm auf die Schulter fällt und dort zerplatzt.
Als Sebastian den nassen Fleck auf dem Hemd des Mesners sieht, tritt er unwillkürlich einen Schritt zurück.
"Nun, was führt dich zu uns, Sebastian", fragt der Mesner, "außer dieser nasskalten Begrüßung?"
Sebastian greift in seine Hosentasche und hält ihm eine Hand voll Wachskrümel und Kerzenreste hin: "Ich bring' Ihnen die Wachsreste."
"So?” fragt der Mesner, "das ist aber nett von dir. Und wer hat gesagt, dass du die gerade zu mir bringen sollst?"
"Der Herr Pfarrer."
Sebastian ist nicht recht wohl bei diesem freundlichen Empfang.
"Das wundert mich aber. Und wieso schickt der Herr Pfarrer gerade dich?” bohrt der Mesner weiter.
Als Sebastian kurz aufschaut und das freundliche Gesicht des Mesners sieht, gibt er sich einen Ruck und meint so obenhin, wie es ihm nach allem möglich ist: "Eigentlich hätte ich es selber gern gehabt, nicht zum Verkaufen, sondern weil ich eine Kerze machen will, mit Verzierungen, so eine, wie sie in der Kirche unter dem Gnadenbild stehen."
"Da schau her!” wundert sich der Kirchendiener und sieht mit einem belustigten Kopfschütteln auf Sebastian herunter.
"Ja, wenn das so ist, dann komm einmal herein!"
Der dunkle Vorraum ist so klein, dass man erst die Haustür hinter sich schließen muss, bevor man die Tür zur Küche öffnen kann und der Türstock ist so niedrig, dass Sebastian unwillkürlich den Kopf einzieht.
In der Küche ist es warm, und es riecht nach Lebkuchen. Am Tisch steht Miriam und sticht kleine Kapuzenmänner aus dem braunen Teig, während ihre Mutter gerade ein Blech aus dem Rohr zieht und auf den Stuhl daneben stellt. Nun wendet sie sich zum Herd, um den Deckel von dem größten der drei Töpfe darauf abzunehmen. Da steigt eine Dampfwolke heraus und in den Lebkuchenduft mischt sich der wunderbare Geruch von Kartoffelsuppe mit Bauchspeck.
"Grüß dich, Sebastian", sagt sie jetzt, während sie die Suppe umrührt, "wie geht's daheim? Habt ihr ein gutes Weihnachtsgeschäft?"
"Wie jedes Jahr", murmelt Sebastian.
"So gut oder so schlecht wie jedes Jahr?” fragt nun Miriam.
"Wie es halt gehen kann mit Talglichtern und wenn man keine Maschinen hat!” gibt Sebastian zurück.
Der Mesner hat unterdessen eine kleine Tür in der Wand neben dem Herd geöffnet. Als seine Frau das sieht, sagt sie zu Sebastian: "Da kannst du aber stolz sein. Da lässt er sonst niemanden hinein."
"Nun geh schon", sagt Miriam, "sonst überlegt er sich's noch!"
Das erste, was Sebastian sieht, als er durch die Tür schlüpft, ist ein tiefes Holzgestell an der Wand gegenüber mit allerlei düsterem Gerümpel. Dann erst, als der Mesner beiseite tritt, bemerkt er die dicke, gut einen Meter hohe Kerze, die zwischen zahllosen Zangen, Zwickern und Modelliereisen auf dem Tisch unter der Petroleumlampe steht. Darauf, umgeben von einem feinen gotischen Rahmenwerk, ist eine Krippenszene dargestellt. Über dem Stall, der eher aussieht wie eine gotische Kapelle, flattern halbfertige, steifflügelige Engel. Der Josef hält eine Laterne, die wie eine winzige Kapelle aussieht und über Marias Kopf schwebt, wie ein Krönchen, eine Säulenverzierung. Auch die Geschenke der heiligen drei Könige sind als winzige Kirchlein dargestellt und die Könige selbst sehen, weil sie schon fertig sind, aus wie flache Marzipanplätzchen.
Da denkt Sebastian an Miriams fünfzehn Kasperlköpfe und fragt: "Haben Sie das gemacht?"
"Hm", brummt der Kirchendiener nicht ohne Stolz, wobei er die Ofentür öffnet, um nach dem Feuer zu sehen, "zum Dreikönigstag werde ich sie stiften."
"Dem Gnadenbild in der Kirche?” fragt Sebastian und greift mit der bangen Erkenntnis in seine Hosentasche, dass die Wachsstückchen darin nun dem Schmerzensmann beinahe zweimal verloren gegangen wären: Einmal, weil er die Kerze vor seinem Bildnis ausgeblasen hat und zweitens weil der Mesner vom Tropfwachs des Opferstockes neue Votivkerzen für das Gnadenbild macht.
Der Mesner stochert noch immer im Feuer herum und Sebastian merkt erst jetzt, dass er die ganze Zeit dabei geredet hat.
"Die Leute müssen es aber nicht wissen", sagt er gerade und während Sebastian weiter seine Taschen auf dem Tisch ausleert, fährt er fort: "damit man mich nicht für frömmer hält, als ich bin. Wenn ich ehrlich bin, tu ich es wohl eher mir zu Gefallen als den Gnadenbildern."
"Und die ganze große Kerze ist aus Tropfwachs?” fragt Sebastian.
"Ein Jahr hab' ich dafür gesammelt", nickt der Mesner mit einem kurzen Blick auf Sebastians Wachskrumen und -stücke auf dem Tisch, "überall in den Kirchen rundherum. Drinnen hat sie natürlich einen Holzkern, sonst würde es ja Jahre dauern."
Damit nimmt er eine Blechdose aus dem Bord und streicht liebevoll das Wachshäuflein über die Tischkante in sie hinein.
"Ich habe einen ganzen Sack voll zu Hause", sagt Sebastian mit einem trockenen Schlucken, "Spritzwachs aus der Werkstatt -"
"Aber ihr macht doch nur Talglichter", unterbricht ihn der Mesner.
"Das geht schon", antwortet Sebastian, "man kann es nur nicht schneiden, weil es so leicht splittert. Man muss halt alles mit dem warmen Eisen machen."
"Reden tust du ja schon wie ein Meister, aber als solcher müsstest du auch wissen, dass man Votivkerzen niemals aus Talg machen darf!"
"Wieso?” fragt Sebastian zurück, "wenn man nix anderes hat!"
"Talglichter für ein Gnadenbild!" Der Mesner schlägt die Augen gen Himmel, "das wäre ja wie ein Bischofsornat aus grober Wolle!"
Ehe Sebastian etwas darauf sagen kann, steckt Miriam den Kopf herein und meint: "Papa, das Essen steht auf dem Tisch!"
Das Essen! Sebastian weicht vor Schreck das Blut aus dem Kopf: sein Vater am Tisch, Messer und Gabel aufgestellt in den Fäusten und der Platz gegenüber leer -
