Es geschah in einer Sommernacht - Annie West - E-Book

Es geschah in einer Sommernacht E-Book

Annie West

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Beschreibung

Die Sonne versinkt im Meer, die letzten Boote gehen vor Anker und in Sydneys nobelstem Hotel amüsieren sich die Gäste bei einem rauschenden Sommerfest. Gerade will Marina die Party verlassen, da erleidet sie einen Schwächeanfall - und wird von starken Armen aufgefangen. Ihr Retter in der Not ist Ronan Carlisle. Spontan entführt der attraktive Milliardär sie auf sein Anwesen und überrascht sie mit einem gewagten Plan: Sie soll seine verführerische Geliebte spielen. Natürlich nur um seinen Gegenspieler, der schon Marinas Bruder in den Ruin getrieben hat, in die Falle zu locken. Doch dann prickelt es zwischen ihnen immer sinnlicher, immer heißer …

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Seitenzahl: 261

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Annie West

Es geschah in einer Sommernacht

IMPRESSUM

JULIA SAISON erscheint im CORA Verlag GmbH & Co. KG, 20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

Redaktion und Verlag: Brieffach 8500, 20350 Hamburg Telefon: 040/347-25852 Fax: 040/347-25991
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Cheflektorat:Ilse BröhlProduktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)Vertrieb:asv vertriebs gmbh, Süderstraße 77, 20097 Hamburg Telefon 040/347-27013

© 2006 by Annie West Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA SAISONBand 0065 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Übersetzung: Sandra Stricker

Fotos: mauritius images / Hannah L | Lebendige Fotografie

Veröffentlicht als eBook im 05/2009, überarbeitete Version 01/2023

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86295-393-6

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Ronan Carlisle warf einen prüfenden Blick in die glamouröse Runde, die sich in der Empfangshalle des Hotels versammelt hatte. Eine Schlange wie Wakefield konnte doch unmöglich so viele Freunde haben!

Nun, offenbar gab es immer noch genug Leute, die die Nähe der Reichen und Mächtigen suchten. Er selbst hatte zwar keine Zeit für solche Kriecher. Aber er musste ja auch nicht wie Wakefield ständig im Mittelpunkt stehen.

Ohne auf die wunderbare Aussicht auf den Hafen von Sydney zu achten, schaute er dorthin, wo Wakefield inmitten seines Hofstaats posierte. Von dem Anblick wurde ihm schlecht. Am liebsten hätte er diesem Mann in sein eitles Gesicht geschlagen, aber das hätte ihn nur vorübergehend befriedigt.

Bald schon würde Wakefield bekommen, was er verdiente. Sehr bald. Er selbst, Ronan Carlisle, würde dafür sorgen.

Plötzlich war er aufgeregt. Heute Nacht würde er eine Bemerkung über ein angebliches Geschäftsvorhaben fallen lassen. Sicher würde Wakefield schon am nächsten Morgen anbeißen. Und dann würde er ihn in die Knie zwingen. Es war einfach, schonungslos und längst überfällig.

Ronan lockerte seine Schultern, die sich steif anfühlten. Er wandte sich um und wollte gehen. Doch etwas in dem lauten, vollen Raum erregte seine Aufmerksamkeit: eine Frau, die so gar nicht hierher zu passen schien.

Über die sorgfältig aufgetürmten Frisuren der Damen hinweg beobachtete er, wie sie sich vom Eingang auf die Menge zubewegte. Sie war allein. Im Gegensatz zu den Begleiterinnen, mit denen sich die meisten Männer hier schmückten, war sie unauffällig gekleidet. Eine Frau, die weiß, was sie will, dachte Ronan. Er sah es an dem geheimnisvollen Funkeln ihn ihren dunklen Augen und an ihrem entschlossenen Gang.

Jetzt blieb sie stehen, schien einen der Gäste etwas zu fragen und ging dann in die andere Richtung weiter. Wakefields Richtung.

Ronan beschloss, etwas länger zu bleiben.

Irgendetwas sagte ihm, dass die Party gerade erst interessant wurde.

Marina holte tief Luft. Während sie sich ihrem Ziel näherte, spürte sie eine Mischung aus Triumph und Panik in sich aufsteigen. Ihr Herz schlug schneller, und obwohl ihre Handflächen feucht waren, zwang sie sich, sie nicht an ihrem Rock abzuwischen. Gleichzeitig versuchte sie, ihre zittrigen Knie und das nervöse Magengrummeln zu ignorieren.

Du schaffst das. Du musst da jetzt durch. Es ist deine letzte Chance.

Am liebsten hätte sie sich ein Gläschen Mut angetrunken, aber sie brauchte einen klaren Kopf. Und Glück. Den Luxus einer Niederlage konnte sie sich nicht leisten, ihre ganze Zukunft und die ihrer Familie stand auf dem Spiel.

Tapfer schob sie sich weiter durch die Menschenmenge, auch wenn sie sich völlig fehl am Platz vorkam. Als sie die neugierigen Blicke auf sich spürte, hob sie stolz den Kopf. Sie hatte eine wichtige Angelegenheit mit Charles Wakefield zu klären, und gar nichts, weder seine Ausflüchte noch ihre eigene Unsicherheit, würden sie davon abhalten. Bisher hatten seine Leibwächter sie immer abgewimmelt, aber heute Abend gab es für ihn keinen Ausweg.

Als sie aufblickte, wäre sie vor Schreck beinahe gestolpert. Ein intensiver Blick aus dunkelblauen Augen schien sie bis tief in ihr Innerstes zu durchbohren. Ihre Kehle fühlte sich trocken an, als sie in das Gesicht eines fremden Mannes sah, der alle anderen Gäste um ein gutes Stück überragte.

Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Es war nicht Wakefield, das wusste sie von den Fotos in der Zeitung. Dennoch verwirrte sie die Art, wie dieser Mann sie mit seinem Blick fixierte, zutiefst.

Das Partygemurmel drang kaum noch zu ihr durch. Stattdessen hörte sie das Blut in ihren Ohren rauschen. Der Blick des Fremden hielt sie in seinem Bann.

Er hatte ein markantes, ausdrucksstarkes Gesicht, das weit mehr als nur gewöhnlich schön war. Durch seine Größe und die breiten Schultern wirkte er zudem überaus maskulin. Aber was Marina wirklich beeindruckte, war nicht so sehr sein Äußeres: Dieser Mann strahlte eine kaum zu bändigende Kraft aus, wie ein Raubtier auf der Jagd, und sie fühlte sich wie magisch davon angezogen.

Kraftvoll. Lebendig. Stolz. Diese Worte schossen ihr durch den Kopf. Sie schluckte und kämpfte gegen die Hitze an, die in ihr aufstieg.

Plötzlich hörte sie lautes Gelächter, von hinten schubste sie jemand. Sie hatte ihr Ziel fast erreicht.

Wakefield stand am Fenster und lächelte das selbstsichere Lächeln, das zu ihm passte. Als Sprössling einer mächtigen Wirtschaftsdynastie war er einer der reichsten Männer Australiens.

Da war sie also: ihre große Chance. Sie musste sich auf ihren Plan konzentrieren! Auf Wakefield. Aber sie rührte sich nicht. Sie starrte Wakefield an und konnte doch nur an den dunkelhaarigen Mann in ihrer Nähe denken. Noch immer spürte sie seinen Blick auf sich. Ihre Haut begann zu prickeln.

Marina zwang sich, sich nicht umzudrehen. Keinesfalls durfte sie sich jetzt aus dem Konzept bringen lassen.

Sie atmete tief durch und ging geradewegs auf Wakefield zu. Auf den Mann, der ihr ganzes Leben durcheinander gebracht hatte.

Er war kleiner, als sie gedacht hatte. Gerade mal so groß wie sie selbst. Aber er hatte ein solches Haifischgrinsen, dass es ihr kalt den Rücken hinunterlief.

„Mr. Wakefield.“

Ihre Stimme klang ein wenig schrill. Einige Gäste drehten sich nach ihr um. Das Blut schoss ihr in die Wangen, als die Gespräche um sie herum verstummten. Im gleichen Moment sah sie aus den Augenwinkeln, wie sich der Fremde näherte – umgeben von aufgetakelten Frauen, die versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Marina ärgerte sich, dass sie es überhaupt bemerkte, und konzentrierte sich wieder auf Wakefield.

Er musterte sie von oben bis unten, ließ seinen Blick über ihr einfaches Kostüm, die flachen Schuhe und ihre strenge Frisur gleiten und hob amüsiert die Brauen. Marina zog unter der offenen Geringschätzung die Schultern zurück. Sie wollte verdammt sein, wenn sie sich so von ihm abkanzeln ließ.

„Mein Name ist Marina Lucchesi, Mr. Wakefield.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. Vermutlich fiel ihr Lächeln steif und gekünstelt aus, aber es war das beste, was sie zustande brachte.

In seinen Augen sah sie für eine Sekunde Wiedererkennen aufflackern. Doch schnell hatte Wakefield seine Maske überheblicher Gleichgültigkeit wiedergefunden.

„Ms … Lucchesi.“ Er grinste sie an, und sie hätte am liebsten ihre Hand weggezogen. „Willkommen auf meiner kleinen Party.“ Sein Händedruck war lasch. „Arbeiten Sie für mich?“

Bevor sie antworten konnte, fuhr er fort. „Wenn Sie eine Nachricht aus dem Büro für mich haben, sagen Sie es meinem Assistenten.“ Er wandte sich halb um. „Damien! Eine Nachricht.“

„Nein, Mr. Wakefield. Ich arbeite nicht für sie.“ Ihre Stimme verriet ihren Ärger, aber es war ihr egal. Er wusste genau, wer sie war. „Ich bin geschäftlich hier. Ich möchte ein Treffen mit Ihnen vereinbaren.“

„Aha. Damien.“ Er wandte sich an den geschniegelten jungen Mann, der neben ihm stand. „Ms Lucchero möchte einen Termin. Geben Sie ihr einen, am besten im Personalbüro.“

„Ich heiße Lucchesi, Mr. Wakefield. Marina Lucchesi.“ Sie machte einen Schritt nach vorn. Dabei kam sie ihm absichtlich ein bisschen zu nahe. Zufrieden bemerkte sie, wie sie jetzt seine gesamte Aufmerksamkeit bekam. „Ich bin sicher, dass Sie sich an den Namen erinnern. Sie kennen meinen Bruder. Sebastian.“

Gut genug, um ihm alles wegzunehmen, was er hatte. Und was er nicht hatte.

Sie sagte es nicht laut, aber sie wussten es beide. Sie spürten es. WakefieldsAugen weiteten sich, und Marina wartete darauf, dass er endlich zugab, sie zu kennen.

Aber das tat er nicht.

„Es tut mir leid, Ms … Lucchesi, aber ich erinnere mich nicht. Ich treffe so viele Leute.“ Er breitete die Arme aus. „Nur wenige beeindrucken mich.“

Marina achtete nicht auf das unterdrückte Gekicher der umstehenden Gäste. Sie hielt den Blick auf Wakefield gerichtet. Erneut schoss ihr die Röte ins Gesicht, ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Noch nie war sie so wütend gewesen. Jede Faser ihres Körpers war davon durchdrungen. Sie hatte erwartet, dass er sie abwimmeln würde. Oder Bedauern heuchelte. Oder, im besten Fall, widerwillig einem Treffen zustimmen würde. Sie war wirklich so naiv gewesen zu glauben, mit diesem Mann reden zu können, ihn um mehr Zeit bitten zu können.

Aber Verachtung hatte sie nicht erwartet.

„Sie überraschen mich, Mr. Wakefield.“ Ihre Stimme klang rau und brüchig, aber sie würde jetzt nicht nachgeben. Er mochte ihren Bruder kleingekriegt haben, aber sie war ein ganz anderes Kaliber.

„Sicher erinnern Sie sich an den Namen des Mannes, dem Sie die Firma gestohlen haben.“

Das Flüstern um sie herum verstummte. Marina spürte, wie ihr Herz heftiger schlug. Einmal, zweimal, dreimal. Dann fuhr sie fort: „Oder passiert das auch so häufig, dass Sie sich nicht an jedes einzelne Mal erinnern?“ Sie starrte in zornige Augen.

Das frostige Schweigen zog sich in die Länge. Wakefields Anhänger drängten sich dichter heran. Plötzlich bemerkte Marina eine entschlossene Bewegung links von sich. Sie sah auf …

… und hinein in die faszinierendsten tiefblauen Augen, diesiejemalsgesehenhatte. Tintenblau undvonschwarzen Wimpern umrahmt. Es waren die gleichen Augen, die sie kurz zuvor in ihren Bann gezogen hatten. Doch jetzt funkelten sie gefährlich.

Aus der Nähe war dieser Mann schier unglaublich. Nicht nur wegen der hohen Wangenknochen, des markant geschnittenen Kiefers, der geraden Nase und der schmalen dunklen Augenbrauen. Es war diese Mischung aus Kraft und natürlicher Autorität, die ihm seine atemberaubende Aura verlieh. Kein Wunder, dass die Frauen sich um ihn rissen.

Plötzlich unterbrach der Fremde den Blickkontakt und wandte sich an die umstehenden Gäste. Er murmelte etwas in ihre Richtung, worauf die Leute auf der Stelle ein Stück zurückwichen.

Bestimmt auch einer von Wakefields Lakaien, entschied Marina. Sie war noch wie benommen von dem Gefühlsrausch, den dieser Mann in ihr ausgelöste. Noch nie hatte sie etwas Vergleichbares empfunden. Und jetzt musste sie feststellen, dass er für den Feind arbeitete. Dass er zu den Bewunderern Charles Wakefields gehörte … Ihre Enttäuschung zerstörte die Magie des Augenblicks.

Wakefield erholte sich von seiner Sprachlosigkeit. Seine schmeichelnde Stimme klang so giftig, dass sie Marinas gesamte Aufmerksamkeit forderte.

„Ich fürchte, Sie sind im Unrecht, Ms Lucchesi.“ Seine Augen waren kalt wie Eis. Marina schauderte. „Sie sollten niemanden beschuldigen, wenn Sie die Tatsachen nicht genau kennen.“ Er senkte seine Stimme ein wenig. „Das gehört sich nicht, Schätzchen. Und es kann Sie teuer zu stehen kommen.“

Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Sie schnappte hörbar nach Luft. Was wollte dieser Mann denn noch? Wollte er sie wirklich am Boden sehen? Er hatte ihr doch schon alles genommen!

Wie aus weiter Ferne nahm sie wahr, wie die Gäste erneut zu plaudern und zu scherzen begannen. Im Angesicht des Mannes, der ihre Zukunft und die ihres Bruders auf dem Gewissen hatte, war sie ganz allein.

„Wie ich sehe, glauben Sie Ihre Anschuldigungen selbst nicht ganz.“ Sein kalter Blick ließ sie nicht los, während um seine Mundwinkel ein selbstgerechtes Lächeln spielte.

Es war das Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er gewonnen hatte.

Zum Teufel! Sie hatte nichts zu verlieren. Er hatte ihr bereits alles genommen.

„Doch“, entgegnete sie. „Und ich meine sehr ernst, was ich gesagt habe. Sie und ich wissen, dass ich recht habe. Wie würden Sie es denn nennen, wenn man einen Unschuldigen um sein Erbe bringt?“

Zu Marinas Überraschung warf Wakefield dem Unbekannten neben ihr einen verärgerten Blick zu. War es ihm etwa unangenehm, vor einem seiner Mitarbeiter schmutzige Wäsche zu waschen? Die waren doch sicher daran gewöhnt, hinter ihm aufzuräumen!

„Ms Lucchesi.“ Wakefield hob beschwichtigend die Hände und lächelte milde. Hätte sie den Ausdruck in seinen Augen nicht gesehen, sie wäre ihm fast auf den Leim gegangen. „Es gab da offenbar ein Missverständnis. Ihr Bruder hat Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt.“

„Sie geben also zu, dass Sie Sebastian kennen?“

Er zuckte die Achseln. „Ja, ich erinnere mich. Ein sehr … ungestümer junger Mann. Von unschuldig kann in seinem Fall ganz und gar keine Rede sein.“

Nicht mehr, seit er in deine Fänge geraten ist, dachte Marina bitter. „Würden Sie es als ehrenhaft bezeichnen, eine gut laufende Firma zu stehlen?“

„Na, kommen Sie, Ms Lucchesi. Als Diebstahl kann man das wohl kaum bezeichnen.“

Er leugnete es also. Stritt einfach alles ab. Marina ballte die Fäuste, damit niemand sah, wie ihre Hände zitterten. Sie hatte noch nie jemanden geschlagen. Aber jetzt, mit dem Gesicht dieses schmierigen Weiberhelden vor Augen, war sie kurz davor.

„Sie finden es also normal, einen einundzwanzigjährigen Jungen so betrunken zu machen, dass er nicht mehr weiß, was er tut? Und ihn dann dazu zu bringen, einenVerkaufsvertrag zu unterschreiben?“

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann sprach Wakefield wieder, so langsam und geduldig, als rede er mit einem kleinen Kind. „Ihr Bruder wusste natürlich, dass Sie sich aufregen würden. Deshalb hat er Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt.“

„Sie lügen! Ich weiß genau, was passiert ist, und …“ Marina holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. „Hören Sie, Mr. Wakefield. Sollten wir dieses Gespräch nicht besser woanders fortsetzen? Das hier ist kaum der richtige Ort dafür.“

Wakefield schnaubte verächtlich.„Ich soll Ihnen noch länger zuhören? Danke, aber das ist Zeitverschwendung. Um meine Geschäfte kümmere ich mich immer noch selbst.“

„So, wie Sie sich um die von Ms Lucchesis Bruder gekümmert haben?“, erklang plötzlich eine dunkle Stimme. Marina fuhr herum und sah in das Gesicht des unbekannten Mannes mit den unglaublichen Augen.

Er hatte es tatsächlich gewagt, dem Tycoon zu widersprechen! Spöttisch eine Augenbraue gehoben, blickte er Wakefield herausfordernd an. Sein Kiefer war angespannt, doch seine Stimme klang völlig beherrscht. Es schien ihn nicht weiter zu beunruhigen, dass er seinen eigenen Chef zum Rasen brachte.

Wer auch immer dieser Kerl war, eines war sicher: Er hatte keine Angst.

„Ich rate Ihnen, sich da rauszuhalten, Carlisle!“ Aus Wakefield sprach der blanke Hass. „Diese Frau ist doch völlig gestört!“ Er blickte über Marina hinweg. „Ah, da kommt ja der Sicherheitsdienst.“

„Den brauchen wir nicht“, erklärte der Fremde. „Ich begleite Ms Lucchesi hinaus.“

Oh, das sollte er mal versuchen! Sie war noch lange nicht fertig.

„Nein! Ich habe hier noch einiges zu besprechen.“ Ihre Stimme bebte.„Wenn Sie glauben, dass ich über das schweige, was Mr. Wakefield getan hat, dann irren Sie sich!“

Langsam schüttelte der Mann, den Wakefield soeben Carlisle genannt hatte, den Kopf. Sie glaubte, in seinem Blick so etwas wie Verständnis zu lesen. Dennoch machten sein energischer Gesichtsausdruck und seine breiten Schultern klar, dass er seine Pflicht erfüllen würde.

„Es geht nicht darum, dass Sie schweigen.“ Er senkte die Stimme und trat so nah an sie heran, dass sie seine Körperwärme spürte. „Sie können jetzt nicht gewinnen. Nicht hier, nicht so.“

Um sie herum teilte sich die Menge, und Marina sah mehrere kräftige Männer in dunklen Anzügen auf sich zukommen. Wakefield hatte also wirklich vor, sie hinauswerfen zu lassen.

„Die Leute vom Sicherheitsdienst“, bemerkte der Fremde leise. „Sie haben die Wahl: Sie können sich von denen rausschleifen lassen. Die werden Sie sicher festhalten, bis die Polizei kommt. Wakefield wird behaupten, dass Sie hier eingedrungen sind, um seine Party zu stören.“

Er hielt inne. Sein Blick fixierte sie.

„Oder Sie kommen mit mir mit.“

Ob sie ihm trauen konnte? Einem von Wakefields Männern? Eine innere Stimme warnte sie, es nicht zu tun. Er führte etwas im Schilde.

Wütend fuhr Marina herum, doch einer der Muskelprotze versperrte ihr den Weg. Er bedachte sie mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß.

Nun, vermutlich hatte dieser Mann recht. Man würde sie unsanft und vor aller Augen hinauswerfen. Wakefield würde es nicht zulassen, dass seine Gäste von den schmutzigen Details ihrer Geschichte erfuhren.

„Ich verspreche Ihnen, dass Sie hier rauskommen, ohne sich zu blamieren.“ Carlisles flüsterte die Worte mit tiefer, verführerischer Stimme in ihr Ohr.

Flucht. Entkommen. Sicherheit! Beinahe wurde sie schwach.

Aber sie durfte nicht nachgeben! Das hier war ihre einzige Chance, Wakefield zur Rede zu stellen, und sie musste es weiter versuchen. Egal mit welchen Folgen.

Energisch schüttelte sie den Kopf. Dann spürte sie Carlisles starke Hand auf ihrem Arm. Er berührte sie nur leicht, aber mit Bestimmtheit.

„Das ist kein Weglaufen“, erklärte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Sie ziehen sich nur zurück. Sie brauchen einen besseren Plan.“ Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut und schauderte vor Erregung.

„Es sei denn, Sie möchten lieber verhaftet werden.“

Im gleichen Moment spürte sie eine zweite Hand an ihrem Ellbogen. Der Griff fühlte sich fest und unnachgiebig an. Die Finger bohrten sich in ihr Fleisch. Als sie sich zu dem groben Sicherheitsmann umdrehte, sah sie keine Spur von Mitleid.

Das Spiel war aus.

Dabei hatte sie Seb versprochen, sich um alles zu kümmern! Wie immer, wenn er in Schwierigkeiten steckte. Aber stattdessen hatte sie sich von ihren Gefühlen hinreißen lassen und ihre einzige Chance vertan.

Marina war hin- und hergerissen zwischenWut undVerzweiflung. Sie hatte versagt.

Und plötzlich war die körperliche Schwäche wieder da, gegen die sie den ganzen Abend angekämpft hatte. Erschöpfung übermannte sie, sodass sie sämtliche Willenskraft aufbringen musste, um nicht in Ohnmacht zu fallen.

Der Arzt hatte sie davor gewarnt, sich zu überanstrengen. Sie musste sich noch schonen, damit ihreVerletzungen heilen konnten. Mit einem Mal war ihr so schwindelig, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Aber das wäre die größte Erniedrigung: vor Charles Wakefield auf den Boden zu sinken.

Doch dann passierte es. Ihre Knie gaben nach, die Umgebung verschwamm vor ihren Augen. In diesem Moment legte sich ein starker Arm um ihre Taille.

Carlisle stützte sie. „Wir finden allein hinaus“, bemerkte er knapp zu den Sicherheitsmännern. „Ich bringe Ms Lucchesi nach Hause.“

Wakefield verzog verärgert das Gesicht. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder.

„Gute Nacht, Charles. Meine Herren.“ Carlisle nickte der Gruppe höflich zu. „Es war ein unerwartet … interessanter Abend. Wir werden Sie jetzt verlassen.“

Gemeinsam gingen sie langsam Richtung Ausgang. Zumindest hoffte Marina, dass es so aussah. Nur sie beide wussten, dass einzig und allein seine Stärke verhinderte, dass sie neben ihm zusammenbrach.

Entschlossen konzentrierte sie sich auf die Tür am Ende des riesigen Saals und zwang ihre zittrigen Beine, ihr zu gehorchen. Sie war außer Atem, so als hätte sie gerade einen Hundertmeterlauf hinter sich. Außerdem waren die Schmerzen wieder da.

„Schaffen Sie es bis zur Tür?“ Seine Stimme drang als sanftes Flüstern an ihr Ohr. Wieder spürte sie eine Welle der Erregung durch ihren Körper gleiten.

Normalerweise hätte es sie alarmiert, dass sie sich so stark zu einem Fremden hingezogen fühlte. Aber im Moment beschäftigte sie nur eins: dass sie es schaffte, den Saal zu verlassen, ohne ohnmächtig zu werden und womöglich verhaftet zu werden.

„Ja, ich schaffe es.“ Sie biss die Zähne zusammen.

Alle starrten sie an. Das Flüstern der Gäste wurde lauter, als sie vorbeigingen. Die Leute tuschelten bestimmt über ihren Streit mit Charles Wakefield. Doch dann merkte Marina, dass sich hauptsächlich weibliche Köpfe nach ihnen umdrehten. Allein ihrem Begleiter galt die ganze Aufmerksamkeit, für sie schien sich keiner mehr zu interessieren.

Verschiedene Leute redeten auf ihn ein. Immer wieder hörte sie seine tiefe Stimme antworten, aber er blieb kein einziges Mal stehen. Bis ein Mann ihnen den Weg versperrte, der ihr bekannt vorkam. Carlisle stellte sie vor. Sie zwang sich zu lächeln und streckte die Hand aus. Von der Unterhaltung der beiden Männer bekam sie nichts mit, die Schmerzen überschatteten alles. Schließlich gingen sie weiter, langsam aber zielstrebig auf den Ausgang zu.

Und dann, endlich, öffnete sich die Tür und sie waren im Foyer, wo es ruhig und beinahe leer war. Marina fühlte sich sicher und geborgen. Keine Wachmänner, keine Polizei. Sie spürte eine Woge der Erleichterung, auch wenn sie immer noch gegen die Schmerzen ankämpfte.

„Kommen Sie.“ Carlisles Stimme klang bestimmt, als er sie zu einem der Sofas in der Ecke führte.

„Danke. Mir gehts gut.“ Sie versuchte, sich aus seinem Arm zu lösen.

„So sehen Sie aber nicht aus“, erwiderte er und musterte sie skeptisch. „Sie sehen aus, als würden Sie gleich umkippen.“

Sie gab es auf, seinen Arm abstreifen zu wollen, und blickte ihn fest an. „Dann bin ich wohl stärker, als ich aussehe“, sagte sie mit der Kraft ihres früheren Ichs.

Dunkelblaue Augen erwiderten ihren Blick. Es war, als könne er alles sehen, was sie zu verbergen versuchte. Das Gefühl machte sie nervös. Sie schluckte und senkte den Blick.

„Bitte lassen Sie mich los.“ Zu ihrer Überraschung ließ er ihren Arm tatsächlich los. Wieder schauderte sie, diesmal, weil seine Berührung so plötzlich vorbei war. „Danke für Ihre Hilfe. Ich weiß das zu schätzen. Aber ich komme jetzt allein zurecht.“

Er ging immer noch nicht, sondern blickte sie unbeirrt weiter an. Seinen Kopf hatte er dabei schräg zur Seite gelegt, als müsse er über ihre Worte nachdenken.

Und dann konnte sie ihm nichts mehr vormachen. Ihre Knie gaben nach. Sie klappte direkt über dem weichen Sofa zusammen.

„Nicht bewegen“, befahl er und eilte zurück in den Festsaal.

Als ob sie dazu in der Lage gewesen wäre!

Marina verzog das Gesicht und fragte sich, wie sie es wohl aus eigener Kraft hier herausschaffen sollte. Sie ließ den Kopf in die Kissen sinken und spürte, wie sich ihre erschöpften Muskeln langsam entspannten.

„Hier. Trinken Sie das.“ Eine starke Hand nahm sanft die ihre und legte sie um ein kühles Glas.

„Danke, aber das schaffe ich gerade noch selbst.“ Ihrer Hand fehlte schließlich nichts. Sie nahm das Glas und nippte an dem kalten Wasser. Carlisles verärgerten Gesichtsausdruck ignorierte sie, als er sich neben sie hockte.

Trotzdem bereute sie sofort, dass sie so gereizt reagiert hatte. Es war schließlich nicht seine Schuld, dass sie ihre Chance beiWakefield vertan hatte. Oder dass sie so schwach war wie ein Fohlen. Und schließlich hatte er sich ihretwegen mit seinem Boss angelegt.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Sie waren großartig.“ Sie seufzte. „Es ist nur, dass …“

„Schon gut.“ Er unterbrach sie schroff.

Er sah sie direkt an, und sie fragte sich erneut, warum so ein Mann für Wakefield arbeitete. Seine energische Art und seine intelligenten Augen passten gar nicht dazu.

„Kann ich Sie jetzt allein lassen?“ Er unterbrach ihre Gedanken, indem er plötzlich aufstand. Seine Körpergröße machte ihr noch deutlicher, wie klein und schwach sie war.

„Natürlich. Ich ruhe mich nur noch etwas aus.“

Er nickte kurz und drehte sich um. Als er die Lobby durchquerte, zog er ein Handy aus seiner Hosentasche.

Es war idiotisch, aber sie war enttäuscht, dass er sie beim Wort genommen hatte. Sie hatte ihn darum gebeten zu gehen, aber jetzt fühlte sie sich mit einem Mal schrecklich allein.

Um nicht zuzusehen, wie er zurück an die Arbeit ging, schloss sie die Augen. Sie überlegte, wie sie nach Hause kommen sollte. Sie war mit verschiedenen Bussen gekommen. Hatte sie genug Bargeld bei sich, um sich den Luxus eines Taxis zu gönnen? Wenn nicht, dann hatte sie ein Problem. Sie hatte nicht mehr genug Kraft, um die vier Straßenblöcke zur Bushaltestelle zu laufen.

Marina seufzte und lehnte sich zurück in die Kissen. Sie war unendlich müde. Ihr Kopf schmerzte. Wahrscheinlich wegen der Anspannung. Und ihre Hochsteckfrisur machte die Sache nicht besser. Erschöpft zog sie die Nadeln aus ihrem widerspenstigen Haar. Egal, wenn sie jetzt eine wilde Mähne hatte. Sie hatte ihre Chance bei Wakefield verpasst – und er war der Einzige, den sie heute Abend wirklich beeindrucken wollte.

Sie stöhnte, als sie sich an die Katastrophe erinnerte. Jetzt musste sie so schnell wie möglich von hier weg. Sie rutschte vor zur Kante des Sofas, ohne sich darum zu kümmern, dass ihr Rock weit hochrutschte.

Marina öffnete die Augen, um die Kraft zum Aufstehen zu finden. Ihr stockte der Atem, als sie sah, von wem sie beobachtet wurde.

Es war Carlisle, der wie angewurzelt vor dem Eingang zum Partysaal stand und sie betrachtete. Zum ersten Mal erfasste sie ihn in voller Größe, sah nicht nur seine Schulter, an die sie sich lehnte, oder seine faszinierenden Augen. Das Bild, das sich ihr bot, brachte sie dazu, ihn unverhohlen anzustarren. Sie konnte nicht anders.

Er hatte es. Sex Appeal, erotische Ausstrahlung – wie man es auch nennen wollte. Es war mehr als gutes Aussehen. Lebendiger, greifbarer, fesselnder – und gefährlicher. Vor allem, wenn er sie so anblickte wie jetzt.

EineWelle desVerlangens durchfuhr sie. Es war so etwas wie Urinstinkt, mit dem die geheimsten Stellen ihres Körpers auf diesen Mann reagierten.

Sein Blick war einVersprechen. Pure Sinnlichkeit, die die Luft zwischen ihnen magnetisch auflud.

Ihr blieb fast die Luft weg, während ihr Herz rasend zu schlagen begann.

Dann, so plötzlich, als sei nichts gewesen, veränderte sich sein Blick. Kontrollierte Härte und eine gewisse Ausdruckslosigkeit waren alles, was blieb. Marina blinzelte. Hatte sie sich diesen Moment nur eingebildet?

Carlisle erwiderte ihren Blick so offen und provozierend, dass ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg.

Ja, sicher. Als ob ein Mann wie er ausgerechnet sie so anschauen würde. Marina Lucchesi, die unaufregendste Frau, die sie sich vorstellen konnte. Zu groß, zu plump, zu sehr Marina. Sie senkte den Blick auf das Glas, das sie immer noch in den Händen hielt.

„Marina.“ Widerwillig sah sie auf. Jetzt stand er direkt vor ihr, die Stirn in Falten gelegt, die Hände in die Hüften gestemmt. Schon wieder spürte sie, wie ihr Körper auf ihn reagierte. „Zeit zu gehen. Ich bringe Sie nach Hause.“

„Und warum sollte ich das zulassen?“ Sie war noch immer außer Atem.

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das sie eher verstörte, als dass es sie beruhigte. „Weil ich der Mann bin, der haben kann, was Sie wollen – Charles Wakefield. Ich präsentiere ihnen seinen Kopf auf dem Silbertablett.“

2. KAPITEL

Ein edler Ritter, der in silberner Rüstung gekommen war, um den Drachen zu töten und die Prinzessin zu retten?

Ja, klar.

Marina starrte ihn an. Sie musste sich verhört haben. Vielleicht hatte er ihr ja statt Wasser einen doppelten Wodka gegeben.

Eins war sicher: Kein Mann, außer ihrem Vater, hatte ihr jemals bei ihren Problemen geholfen. Sie war alt genug, um zu wissen, dass man sich nur auf sich selbst verlassen konnte.

„Ich glaube ihnen kein Wort“, sagte sie mit gepresster Stimme. „Niemand hat so viel Macht.“

Etwas in seinem Blick veränderte sich. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber zumindest war das Ergebnis von erschreckender Kälte. Er hätte es jetzt locker mit Charles Wakefield aufnehmen können. Sie schauderte wieder.

„Sie glauben mir nicht?“, murmelte er schließlich. „Vielleicht haben Sie recht. Sein Kopf auf dem Silbertablett wäre ein bisschen zu viel. Es würde schon reichen, ihm eine gehörige Lektion zu verpassen.“ Und immer noch verriet nichts in seinem Gesicht, dass er nur Spaß machte.

„Und sie sind derjenige, der ihm diese Lektion verpasst. Aber sicher.“

Sie beachtete seine ausgestreckte Hand nicht, die ihr das Glas abnehmen wollte, und stellte es stattdessen auf den kleinen Beistelltisch. Dann stützte sie sich mit beiden Händen auf der Sofakante ab und stemmte sich hoch.

Sofort fasste er wieder um ihre Taille, um sie zu stützen. Doch diesmal funktionierte es nicht. Ihre Knie zitterten schlimmer als zuvor. Kurzentschlossen hob Carlisle sie daraufhin mit einer einzigen Bewegung auf seine Arme.

Es ging so schnell, dass Marina ein paar Sekunden brauchte, um zu verstehen, was passierte. Wie in einem Traum spürte sie seine verführerische Körperwärme, die Sicherheit, die sie auf seinen starken Armen empfand, und dieVersuchung, sich einfach fallen zu lassen.

„Was machen Sie da?“, keuchte sie schließlich.“ Lassen Sie mich sofort runter!“

„Wieso? Damit Sie vor mir auf den Boden sinken können? So nötig habe ich weibliche Ergebenheit nun auch wieder nicht, vielen Dank.“

Die ganze Angst und der Hass und die Wut, die sie für Charles Wakefield empfunden hatte, wendeten sich plötzlich gegen diesen neuen Peiniger. Fast war ihr danach, ihn einfach zu ohrfeigen.

„Ich habe gesagt, Sie sollen mich runterlassen!“

Carlisle bewegte sich keinen Millimeter, sondern stand einfach nur da, blickte sie an und hielt sie auf seinen Armen, als ob sie federleicht wäre. Sie fühlte sich hilflos wie ein kleines Kind. Und lächerlich. Jeden Moment konnte jemand kommen und sie so sehen. Eine weitere Erniedrigung in der Geschichte ihres persönlichen Untergangs.

„Ich werde schreien“, drohte sie.

So nah, wie sie ihm jetzt war, sah sie ein belustigtes Funkeln in seinen Augen. „Ich dachte, Sie wollten mit einem letzten FunkenWürde von hier verschwinden. Oder irre ich mich? Genießen Sie es etwa, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen?“

Sie biss die Zähne zusammen. Der Kommentar war so ungerecht, dass ihr nicht einmal eine passende Antwort einfiel.

Er beobachtete genau, wie sie auf seine Frage reagierte. Sie ballte die Hände zu Fäusten, ihre Brust hob und senkte sich unruhig. Röte breitete sich über ihrem Gesicht aus. Offenbar versuchte sie vergeblich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

Als Marina jetzt seinem Blick folgte, der auf ihrem Dekolleté ruhen blieb, bemerkte sie erschrocken, dass ihre Kostümjacke offen stand. Darunter trug sie eine schlichte weiße Bluse, durch die man deutlich den ebenso schlichten weißen BH und ihre Brüste sehen konnte.

Sie wollte irgendetwas sagen, aber da blickte er ihr schon wieder in die Augen, und ihre Empörung blieb ihr im Hals stecken.

Seine Augen waren so sexy. Es gab kein anderes Wort dafür. Der Blick erschütterte sie bis ins Mark, und sie versuchte vergeblich, ihn zu entschlüsseln. Es war unmöglich. Carlisle war einfach undurchschaubar, bis auf dieses rätselhafte Leuchten in seinen Augen, vor dem sie am liebsten davongelaufen wäre.

Oder dem sie sich auf der Stelle hätte hingeben können.

Niemand hatte sie jemals so sicher gehalten. Seine Arme umfingen sie mit einer Wärme, die gleichzeitig anregend und wohltuend war. Sie hatte den Kopf an seine breite Brust gelegt und atmete den Duft ein, der von ihm ausging: rein und kräftig – sein eigener Duft, kein Aftershave oder Parfum.

„Also, was ist Ihnen lieber?“, fragte er schließlich mit einer so sanften Stimme, dass es sie im Innersten berührte. „Gehen wir, ohne Aufsehen zu erregen, oder machen wir wieder eine Szene?“

„Ich bin nicht der Typ für Szenen.“ Sie starrte ihn an, wütend darüber, dass er sie in der Hand hatte. Und wütend darüber, dass sie gerade eine neue Schwäche bei sich entdeckt hatte: Zu derVorliebe für dunkle Schokolade, romantische Schwarz-Weiß-Filme und der Angewohnheit, erst zu reden und dann zu denken, kamen jetzt also noch indigoblaue Augen.

Verdammt. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie wollte einfachnur nach Hause, wo sie in Ruhe ihreWunden lecken konnte und diesem Mann nicht länger ausgeliefert war.

Als hätte er ihre Gedanken erraten, wandte er sich um und trug sie zum Aufzug. Automatisch streckte sie die Hand aus und drückte den Knopf.