Es gibt nur deinen Weg - Sonja Knoll - E-Book

Es gibt nur deinen Weg E-Book

Sonja Knoll

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Beschreibung

Die Wiener Psychologin Sonja Knoll reflektiert in ihrem Memoir ihren ungewöhnlichen Genesungsweg – nicht gegen, sondern "durch den Krebs", wie sie zu betonen pflegt. Mutig ehrlich, wach und poetisch beschreibt sie äußere und innere Wahrnehmungen, Konflikte zwischen Ratio und Psyche, materieller und geistiger Welt. Lange Zeit scheint das Leben der Psychologin und Alleinerzieherin "perfekt im Griff" – unabhängig und erfolgreich. Dann, mit 43, folgt die Diagnose Lymphdrüsenkrebs ("Krebs des Immunsystems"). Laut Schulmedizin gut behandel-, aber nicht heilbar. Berührend persönlich, analytisch und auch humorvoll schildert Sonja Knoll ihre Erfahrungen und Erkenntnisse – kaleidoskopisch dargestellt in verschiedenen Szenen der 14-jährigen Krankheitsphase. Die Autorin zeigt, was es bedeutet, nicht nur "medizinisch gesund" zu werden, sondern ganzheitlich zu heilen. Die Psychologin hat sich selbst zum "Studienobjekt" gemacht: "Wenn Krebs allein über den Körper zu heilen versucht wird, werden meist nur Symptome bekämpft. Eine umfassende Heilung bezieht die Wechselwirkungen von Körper, Geist und psychischen Faktoren mit ein." Die sogenannte Psychoneuroimmunologie ist hochaktuell: Im Rahmen der Resilienzforschung werden die menschlichen Selbstheilungskräfte beleuchtet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis
Es kann alles sein
Falsche Entwarnung
Dommis Augen
Bis ins Mark
Verhandlung mit Gott
Meine Haare
Schlechte Venen
Bettzeug
Verschmutzte Flüsse
Warten
Cortison
Sudoku
Grauen
Kämpfen
Nur keine Wellen!
Violettes Licht
Komm, großer schwarzer Vogel
Mika Häkkinens Frau
Die Maus
Bindegewebe
Der Krebs der Perfektionisten
Krankheitsgewinn (»Wehr-Macht«)
Schäfchen
Hightech-Check
»ER« ist zurück (2005)
Mabthera
Katzis
Namyohorengekyo
Akzeptieren lernen
Hasentraum
Die Sterbende
Aqua-fitten
Zen
Eine blaue Samtmaske
»ER« schon wieder ... (2007/08)
You’ve got mail
Butoh
Visualisieren
Das zeichnende Kind
Cortisonbäckchen
Gott ist eine Katze
Die Zahnlose
Tagebuch
Dominiques Matura
Leichte Mädchen
ER«: David gegen Goliath (2012/13)
Wolken
Übers Sterben
Der heilende Entschluss
Dommis Hochzeit
Der Kenner stirbt in Wien
Unterwegs
Die große Entscheidung
Endlich
Blick in die Zukunft
Mozart
Anhang
Literatur
Die Autorin
Copyright

Für meine Schweizer und meine Wiener Freundinnen

Es kann alles sein

Healing is a biological, psychological and spiritual process, a journey whose ancient secrets are stored in every cell of our body. The modern world has accustomed us to quick results in every realm, including the medical. We lack the patience for long journeys; we want all our travels to be by airplane. But a journey was different in the ancient world. In those days to travel meant to endure hardship and danger. Even today, healing is still more like the ancient than the modern journey. We may have learned to travel by airplane, but actual healing, cell by cell, still proceeds the old way.

Healing Lazarus, Lewis Richmond

»Es kann alles sein ...«, sagt der Arzt und schaut auf die Geschwulst an meinem Hals. Obwohl ich die Antwort scheue, frage ich nach: »Was alles?«

»Eine allergische Reaktion oder eine Viruserkrankung.«

»Was noch?«

»Es könnte ... Das ist unwahrscheinlich in Ihrem ­Alter. Mit 43 ...«

»Was?«

»Es könnte Lymphdrüsenkrebs sein.«

Da weiß ich es. Bevor es noch in irgendeinem klinischen Befund steht, weiß ich es.

Ich lächle den freundlichen Arzt automatisch an, denke, er kann ja auch nichts dafür, verabschiede mich höflich, eine Überweisung zu einem Spezialisten in der Hand, gehe ruhig aus der Ordination Richtung Wagen. Mein Körper ist auf Autopilot eingerastet, so wie damals, als man mir mitgeteilt hat, ich müsse sofort auf die Intensivstation gebracht werden, mein Leben und das meines ungeborenen Kindes sei in Gefahr.

Auf einmal sitze ich im Auto, ohne mich an den Weg, an das Suchen des Schlüssels in der Handtasche zu erinnern. In mir ist es leer – ich kann nichts denken, außer: »Was soll ich jetzt denken?« Black-out, Time-out.

Durch die regennasse Windschutzscheibe sehe ich die Autos auf der Autobahnbrücke vor mir von Tropfen zu Tropfen hüpfen, rasen. Sie verdichten sich zu farbigen Schlieren, wo der Regen nasse Felder auf dem Glas hinterlässt. Ich sehe die Autos, nehme sie nicht wahr. Ich höre den Verkehrslärm, nehme ihn nicht wahr. Ich sitze eine ganze Weile. Denke kurz: Ich muss hier weg, der Parkschein läuft ab. Ich kann mich nicht bewegen. Nur sitzen. Ich muss heim. Dommi wartet.

Ich massiere mit meinen Fingerknöcheln das Brustbein, das in einem Schraubstock eingeklemmt ist. Atme tief durch. Mein Kopf ist ein mit Nichts prall gefüllter Ballon, was hereindringt klingt dumpf, hohl, als würde jemand mit dem Finger von außen an den Ballon schnippen.

Ich verstehe nichts, denn da ist kein Problem, ich suche keine Antwort, denn da ist keine Frage. Da ist nichts außer den vorbeirasenden Autos, die mich nichts angehen. Ich sitze, schaue, warte – nein, ich warte nicht einmal.

Auf einmal wird alles in mir wieder lebendig. Das Hirn wacht auf, beginnt zu plappern. Auto starten, auf die Autobahn, nach Hause fahren, auf dem Weg einkaufen, zuerst noch zum Bankomaten ...

Das Hirn sagt, was zu tun ist, erklärt mir die Welt, wie immer. Ich will nicht aufwachen, will nur still und schmerzlos sitzen.

Meine Seele ist wund. Eine Brandblase. Was tue ich hier? Wer bin ich? Ich bin nichts. Ein Furz im All. Ich bin alles. Alles, was ich bin. Nichts und gleichzeitig 100% »Ich«.

Ich halt’s nicht aus. Ich bin nichts und alles. Ich habe Krebs. Ich habe ein Kind. Dommi. Ich muss es ihr sagen. Was denn sagen, ich weiß ja selbst nichts ...

Ich sehe Autos, Menschen, Schirme, Hunde, Häuser, Straßenbahnen, Bäume im Wind, eine nasse Katze. Alles wie immer. Ich muss mich jetzt konzentrieren. Ich muss heimfahren. Ich kann das. Es ist alles wie immer.

Und es wird auch alles weitergehen wie immer. Die Autos werden fahren. Die Hunde werden spazieren geführt werden. Die Bäume werden sich im Wind biegen.

Alles wird sein wie immer.

Nur ich werde tot sein.

Als ich den Motor starte, schaltet sich automatisch das Radio ein.

Mozart-Requiem. Lacrimosa.

Falsche Entwarnung

Es ist Freitag, ein grauer Jännertag 2001, es schneegrieselt vor den hohen Fenstern. Ich stehe neben meinem Kollegen Tom in einem SBB-Seminarraum in Zürich.

Vor 17 Jahren bin ich der Liebe wegen in die Schweiz gekommen, habe einen Schweizer geheiratet. Die Liebe ist verflogen, ich bin in der Schweiz hängengeblieben, vor allem, um meiner damals noch kleinen Tochter den Kontakt zum Vater zu ermöglichen. Wäre ich damals ungebunden und allein gewesen, hätte mein Heimweh mich gleich zurück nach Wien gezogen.

Nicht an zu Hause denken!

Personalbeurteilungsseminar in Zürich: Tom trägt seinen Part des Kurses vor, die Teilnehmer hören zu, lassen sich erklären, wie man Mitarbeiterbeurteilungen korrekt durchführt. Ich habe meinen Teil des Seminars geleistet, bin unkonzentriert, mache ein interessiertes Gesicht und warte auf die Pause.

Ich gehe zum Fenster, während die Kursteilnehmer den Raum Richtung Cafeteria verlassen, winke dem Kollegen zu, dass ich gleich nachkomme. Ich rufe in der Ordination des Hals-Nasen-Ohren-Arztes an, der mir vor ein paar Tagen einen Lymphknoten hinten am Hals entfernt hat, um zu schauen, ob die Geschwulst vorne am Hals Krebs ist oder nicht. Das Ergebnis wird für Anfang nächster Woche erwartet, »wenn Sie Glück haben, ist es schon am Freitagnachmittag da.«

Eigentlich bin ich mir sicher, dass ich Krebs habe – schon seit dem ersten Besuch beim praktischen Arzt. Trotzdem zittere ich, als ich die Handytasten drücke. Die Unsicherheit ist schlimmer als jede Sicherheit. Seit Tagen hänge ich in der Luft zwischen Alltag und Arzt-Urteil, kann kaum schlafen und möchte mir meine Anspannung vor Dommi, der ich die Untersuchungen schließlich doch erklären musste, nicht anmerken lassen.

Endlich hebt eine der Sprechstundenhelferinnen ab. Das Schweizer Begrüßungsritual dauert heute nervtötend lange. »Ordination Doktor N. Grüessech, mein Name ist XY. Was kann ich für Sie tun?«»Guten Tag Frau XY.« Man muss das Gegenüber immer mit Namen ansprechen – Gott sei Dank habe ich den Namen der Ordinationshilfe verstanden. »Hier spricht Knoll.« Dann muss ich warten. Die Bernerinnen und Berner sind gemächliche Menschen, es vergehen ein paar Sekunden bis eine Antwort, quasi die Gegenbegrüßung, folgt. Erst wenn sie mich ebenfalls begrüßt hat, darf ich zu meinem Anliegen kommen. »Grüessech Frau Knoll.« Eigentlich müsste ich jetzt noch einmal ihren Namen sagen.

»Haben Sie meine Ergebnisse schon bekommen?«, platze ich heraus.

Die junge Frau raschelt in Unterlagen. »Ja, hier habe ich etwas, Frau Knoll. Laut dem Befund, den ich vorliegen habe, haben Sie keinen Krebs. Sie sind, wie ich das sehe, gesund.«

Ungläubigkeit, Überraschung und Skepsis. Ich fühle mich wie auf den Kopf geschlagen. Wie konnte ich mir so sicher sein, dass das Ergebnis positiv – also für mich negativ – sein würde? Wie konnte ich nur meiner Intuition vertrauen? Oder wollte ich mir irgendein Drama einreden? Ich weiß nicht, was ich denken soll. In all dem Gefühlswirrwarr kommt ein Gefühl nicht vor: Erleichterung.

»Frau Knoll, Sie haben am Mittwoch den Termin zum Entfernen der Fäden.«

»Danke, ich weiß. Auf Wiederhören.«

Mein Kollege meint, die Anspannung der letzten Tage durch das Warten auf den Befund sei wohl sehr groß gewesen, die Erleichterung würde schon noch kommen. Er lädt mich auf einen grauslichen Automatenkaffee in Plastikbechern ein, wir stoßen auf die gute Nachricht an.

Am übernächsten Tag, den 21. Jänner, feiert meine Tochter ihren 13. Geburtstag.

In mir hat sich immer noch keine Freude eingestellt, ich bin immer noch erstaunt über den ärztlichen Befund und ärgere mich vor allem über mich selber, dass ich so genau zu wissen geglaubt hatte, dass ich krank sei. Wie dumm kann man sein? Ich sollte mich einfach freuen, und nicht sinnlose und destruktive Gedanken wälzen.

Wieso bin ich so undankbar?

Ich habe eine Torte gebacken und zur Feier des Tages – und meiner Gesundheit – stoßen meine Tochter und ich mit Prosecco an. Wir umarmen einander, halten uns fest, ich spüre, wie Dommis Anspannung abfällt.

Drei Tage später, am 24. Jänner, gehe in zu meinem Termin. Der Arzt steht hinter seinem Schreibtisch, vor ihm ein paar Bogen Papier, er schüttelt mir die Hand, fragt mich, wie es mir geht.

»Danke, gut! Nach den erfreulichen Neuigkeiten!«

»Was für Neuigkeiten? Hat Sie das Warten nicht belastet?«

»Ihre Ordinationshilfe hat mir am Freitag Entwarnung gegeben!?«

»Wie, am Freitag? Die Befunde sind doch gerade erst gekommen!«

In meinem Magen und in meinem Herzen verschiebt sich etwas.

»Es tut mir leid, Frau Knoll. Sie haben ein Non-Hodgkin-Lymphom ...«

Also doch!

In mir ist es auf einmal ganz ruhig. Ich warte auf einen Schreck, auf Angst, auf Wut, auf Tränen – nichts. Weinen wäre jetzt angemessen, denke ich. Erwartet der Arzt, dass ich in Tränen ausbreche? Oder zu schreien anfange? Meine Augen sind staubtrocken. Da ist nichts. Es ist still. In mir und im Raum. Natürlich, wie dumm von mir: Das ist der Schock. Dann: Wie sag ich es Dommi?

»Frau Knoll?! Sie wissen, Lymphome sind sehr gut behandelbar!«

»Ich weiß.«

Der Arzt hatte rund um die Lymphknotenentnahme gebetsmühlenartig wiederholt, selbst wenn ich Krebs hätte, würde man den beim heutigen Stand der Medizin gut in den Griff bekommen können.

»Hätten Sie gerne etwas zur Beruhigung ...«

Ich bin ganz ruhig.

»... eine Spritze, oder Tabletten?«

Wie sag ich es Dommi?

»Nein, danke. Aber vielleicht können Sie mir etwas für später mitgeben? Vielleicht brauche ich zu Hause dann etwas.«

Plötzlich bin ich unendlich müde. Ich merke kaum, wie der Arzt mir die paar Fäden aus der Narbe am Hals zieht und dabei beruhigend auf mich einredet. Ich mag den Arzt. Obwohl ich nicht zuhören kann und seine Worte an mir vorbeigehen, gibt er mir das Gefühl, dass, wenn schon nicht alles »gut«, dann doch zumindest große Zuversicht angebracht ist.

»Kennen Sie einen Onkologen, Frau Knoll?«

So weit habe ich bisher dann doch nicht zu denken gewagt, Intuition hin oder her.

»Ich kann Ihnen helfen bei der Suche. Es gibt einen sehr guten Arzt – mir fällt zwar sein Name nicht ein, warten Sie ...« Er setzt sich an den Computer und tippt herum, schreibt mir einen Namen auf. Später wird sich herausstellen, dass es doch nicht der Onkologe war, den der HNO-Arzt gemeint hatte, denn mit diesem, einem kleinen zynischen Mann, werde ich so meine Schwierigkeiten haben. Erst nach einem Wechsel werde ich einen sehr guten, kompetenten, mitfühlenden Onkologen finden – und viele Jahre bei ihm bleiben.

»Kann ich noch etwas für Sie tun?«

Ich merke, wie schwer es dem Arzt fällt, das Gespräch zu beenden – einerseits hat er mir die Krebsdiagnose mitteilen müssen, er hat sich viel Zeit für mich genommen, andererseits warten draußen noch andere Patientinnen.

Bevor ich gehe, entschuldigt er sich noch einmal für den gravierenden Fehler seiner Ordinationshilfe. Er deutet an, dass er überlegt, sie hinauszuwerfen – so ein schweres Versehen darf einfach nicht passieren. Das will ich nicht, und ich bitte ihn, sie von mir aus gebührend zurecht zu weisen, aber Fehler passieren halt, wo Menschen arbeiten. Und wegen ihres Irrtums hatte ich wenigstens noch ein friedliches Geburtstagsfest mit Dominique – so möchte sie eigentlich lieber genannt werden als »Dommi«.

Ich verlasse die Ordination, höre noch, wie der Arzt seine Praxishilfe barsch zu sich ins Zimmer ruft, dann stehe ich auf der Straße.

Ein absurder Gedanke: In einem Film würde ich jetzt »ziellos durch die Gegend laufen, ich habe gar nicht darauf geachtet, wo ich bin, plötzlich bin ich dort-und-dort wieder zu mir gekommen ...«

Ich weiß, wo ich bin und wohin ich will. Zum Zug und nach Hause.

Ich muss mich konzentrieren: Es muss jetzt schnell viel getan werden. Was zuerst?

Ich rufe meinen Chef an und sage, dass ich auf unbestimmte Zeit ausfallen werde, weil ich – ich sage das Wort jetzt zum ersten Mal von unzähligen folgenden Malen – weil ich Krebs habe. Es müssen alle meine Termine der nächsten Monate auf die Kolleginnen und Kollegen verteilt werden.

Ich arbeite im Diagnostik-Team der Schweizerischen Bundesbahnen, einem Team von zehn Psychologinnen und Psychologen. Wir testen Lokführer-Anwärter/innen und führen Assessments durch zur Personalrekrutierung im Management. Ich beurteile also Menschen. Täglich bewerte ich Persönlichkeitsmerkmale, Verhalten und Leistungen von Kandidaten (meistens sind es Männer) auf ihre Tauglichkeit für bestimmte Berufspositionen bei der Bahn, und ich verfasse darüber psychodiagnostische Berichte. Ich liebe meinen Job.

Mein Vorgesetzter, ein junger Mann und großer Zyniker, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat, antwortet lange nicht. Ich habe nicht viel Geduld, beende das Gespräch mit dem Versprechen, mich zu melden, wenn ich besser abschätzen kann, wie lange ich nicht werde arbeiten können.

Dann rufe ich Sylvia an, meine beste Freundin. Die wird einen kühlen Kopf behalten – in meinem geht es drunter und drüber, weil mir auf einmal alles einfällt, was nun organisiert werden muss. Zwar kann ich lauter klare Gedanken fassen – aber es sind viel zu viele. Der drängendste: Wie sage ich es Dommi? Ich mag mir nicht vorstellen, wie entsetzt sie sein wird. Mir wird flau im Magen. Sylvia verspricht, sich auf den Heimweg zu machen und sofort zu mir nach Hause zu kommen, um dabei zu sein, wenn ich mit Dominique reden muss.

Mittlerweile bin ich beim Bahnhof Bern angekommen. Ich rufe meine Eltern in Wien an, meine Mutter hebt ab – »Mama, ich muss euch was sagen – ich hab Krebs ...« Rund um mich eilen Pendler zu ihren Intercity- und Regionalzügen. »Um Gottes willen ...« Ich mag plötzlich nicht mehr: »Ich bin unterwegs. Ich melde mich am Abend.« Trotz des schwierigen Verhältnisses zu meinen Eltern tut es mir leid, dass ich sie so erschrecken muss.

In Wünnewil angekommen habe ich eine Idee: Der Weg vom Bahnhof zu meiner Wohnung führt am Haus von Dominiques Klassenlehrers vorbei. Auf gut Glück läute ich an, er ist daheim. Ich erkläre kurz und trocken, dass ich Krebs habe (jetzt habe ich das Wort schon ein paar Mal gesagt – es klingt fremd und löst keinerlei Gefühl in mir aus). Ich frage ihn, ob ich meine Tochter die kommenden beiden Tage aus der Schule nehmen darf, um über ein langes Wochenende mit ihr nach Wien zu fliegen. Denn mir ist auf der Zugfahrt klar geworden: Ich muss unbedingt heim, nach Wien. Zu meinen ältesten Freunden. Zu meinen Eltern. In meine Stadt, in meine Heimat. »Mein Land« wird die Schweiz, bei aller Liebe und bei all ihren Vorzügen, und trotz all meiner wunderbaren Freundinnen hier, nie sein.

In der Schweiz gibt es so gut wie keine stichhaltigen Gründe, um ein Kind auch nur für einen einzigen Tag aus dem Unterricht zu nehmen. Der Lehrer ist ehrlich erschüttert. Selbstverständlich soll ich mit Dominique nach Wien fliegen. Er umarmt mich.

Dann muss ich nach Hause, zu Dommi, in die Wohnung. Ich, die sonst nie langsam gehen kann, die immer ins Rennen und Hetzen kommt, muss mir Zeit lassen, damit Sylvia, die auch erst mit dem Zug heimfährt, etwa gleichzeitig mit mir ankommt. Die letzten Meter kann ich meine Beine kaum vom Boden heben. Es ist wie in einem Albtraum, einerseits will ich weiterkommen, andererseits kann ich mich nur im Zeitlupentempo bewegen.

Wie soll ich es Dommi sagen?

Dommis Augen

Ich werde Dommis entsetzte Augen nie vergessen.

Mit einem Schrei – »Mami!« – springt sie auf und rennt aus der Wohnung. Ich fühle mich ohnmächtig und hilflos. Mir wird schlecht. Mein Herz klopft ohnehin seit Minuten zum Zerspringen. Ich bin zu schwach, um aufzustehen und ihr nachzugehen.

Meine Freundin Sylvia, in dieser Situation – und in all den folgenden Jahren – eine liebevolle, zuverlässige, unterstützende Freundin, sagt, ich solle sie besser einen Moment alleine lassen.

Tausend Gedanken jagen einander in meinem Hirn: meine Tochter ist 13 Jahre alt und in der Pubertät. Ich erinnere mich sehr ungern an diese Zeit in meinem Leben, die geprägt war von Unsicherheit, Scham und von erster, zaghaft aufkommender Kritik an den bestehenden Verhältnissen und den Eltern, was damals sofort im Keim erstickt wurde mit den Worten, die als Befehl gemeint waren:

»Nur keine Wellen!«

In dieser ohnehin schwierigen Phase der Selbstfindung, der Zweifel und aller möglicher Ungewissheiten, in dieser Phase des Unverstandenseins von den Eltern – in diesem Fall der Mutter, weil ich Dominique alleine erziehe – , in dieser Phase der Stimmungsschwankungen und des Gefühlschaos, mitten in dieser sensiblen Lebensphase platzt nun eine Bombe.

Ich fühle Schuldgefühle und schlechtes Gewissen sich in mir als Klumpen in meinem Herzen aufbauen, den ich viele Jahre mit mir herumschleppen und an dem ich lange leiden werde. Ich muss meine Tochter, die ich doch liebe und die ich vor den Härten des Lebens beschützen möchte, mit meinem Krebs schockieren, ich muss sie belasten mit meiner Krankheit, die möglicherweise bald zu meinem Tod führt. Ich bin so müde.

Als Dominique irgendwann wiederkommt, nehmen wir einander in die Arme. Wir haben keine Tränen. Es ist noch zu früh. Wir halten einander lange fest. Dann beginnt Dommi zu fragen. Doch ich kann immer nur antworten: »Ich weiß es nicht.«

Später setzen wir uns zusammen vor den Fernseher und schauen gemeinsam Dommis Lieblingssendung »Gute Zeiten, schlechte Zeiten.«

Life must go on.

Bis ins Mark

Die Entnahme des Lymphknotens hat gezeigt, dass ich ein Lymphom habe, ein niedrig malignes, heißt: es wächst langsam, und dass es sich »in einem fortgeschrittenen Stadium befindet«. Als nächstes muss in einer Operation untersucht werden, wie weit der Krebs sich in mir ausgebreitet hat. Ganz schlecht wäre es, wenn er schon das Knochenmark angegriffen hätte.

Diese Untersuchung hat den Ruf, sehr schmerzhaft zu sein. Ich bin nervös, fahre am Morgen mit der Bahn ins Spital. Ich habe das Angebot einer Freundin abgelehnt, mich zu begleiten – so schlimm wird’s nicht werden. Und ich bin schon mit so vielem allein fertig geworden. Da muss sie nicht ihren freien Tag opfern.

Der Arzt, der erste der beiden Onkologen, weht weißmantelig heran, würdigt mich kaum eines Blickes. Beim letzten Besuch in seiner Ordination hat er gefragt, wie es mir gehe. Auf meine Nachfrage, ob er psychisch oder physisch meine, war seine Antwort: »Psychisch interessiert mich nicht«. Ich werde mir einen anderen Arzt suchen. Jetzt, vor dem Eingriff, erklärt er mir ungern und knapp die Details der Beckenkamm-Stanzung. Nach einer örtlichen Betäubung wird mittels einer Hohlnadel ein ca. 2 cm langer Zylinder aus dem Beckenknochen gestanzt und das Knochenmark später mikroskopisch untersucht. Daran wird man sehen können, wie weit fortgeschritten der Krebs ist.

Auf dem Bauch liegend höre ich, wie er den Schwestern Anweisungen gibt. Nach dem kurzen Stich der Lokalanästhesiespritze spüre ich nichts mehr, nur hin und wieder einen leichten Druck auf das Becken. Eine der Schwestern steht neben mir, legt mir ihre Hand auf den Arm, und berichtet mir auf meine Bitte hin, was hinter beziehungsweise in meinem Rücken vor sich geht. Ich will immer alles genau wissen.

Sie kommentiert: Jetzt wird überprüft, ob die Anästhesie wirkt, jetzt wird die Spezialnadel hergerichtet, jetzt sticht der Arzt in die Haut über dem Beckenkamm, jetzt muss er kräftig drücken und drehen, um den Knochen anzubohren. Ich höre ihn atmen. Die Krankenschwester an meiner Seite kann sich einen leisen Kommentar nicht verkneifen: »Das ist die einzige Gelegenheit, bei der man Onkologen bei der Arbeit schwitzen sehen kann ...« Alle haben es mitbekommen, denn es ist sehr still im OP, ich höre gedämpftes Lachen hinter den grünen Gesichtsmasken.

Der Arzt klingt ein bisschen verzweifelt: »Mein Gott, sind das harte Knochen!« Ich murmle in die Liege: »Österreichische Nachkriegsqualität.«

Dann geschieht eine Zeitlang nichts. Ich spüre keinen Druck mehr auf den Knochen, die Schwestern scheinen sich leise über irgendetwas zu unterhalten, was mit der Operation nichts zu tun hat. Der Onkologe entfernt sich ein paar Schritte von der Liege, die Atmosphäre hat sich merklich entspannt. Was ist los? Ist es schon vorbei, darf ich aufstehen?

»Nein«, erklärt mir meine »Beruhigungsschwester«, es ist noch nicht vorbei, aber der schwierigste Teil ist geschafft, »die Hohlnadel steckt nun in Ihrem Beckenknochen.« Ja – und jetzt? Mittagspause?

»Jetzt müssen wir alle kurz warten, bis jemand mit einem speziellen Behälter kommt, um das Knochenmark, wenn es dann aus dem Körper gezogen werden wird, sofort zu kühlen. Die Kühltasche wird erst bestellt, wenn die Nadel im Knochen steckt.«

Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Szene von außen betrachtet wirkt: ich liege auf dem Bauch, aus dem Rücken ragt eine lange Nadel, rundum heitere Gespräche.

Eines muss ich sagen: So völlig unsensibel sich der Onkologe im persönlichen Umgang mit mir erwiesen hat, so begabt scheint er auf technischem Gebiet zu sein. Ich habe von diesem gefürchteten Eingriff gar nichts gespürt. Später wird mir eine der Schwestern in allen Punkten Recht geben: der Arzt sei ein Holzklotz im persönlichen Umgang, aber bei dieser OP könne ihm keiner das Wasser reichen.

Als die Türe zum OP sich öffnet, ist plötzlich die anfängliche Konzentration wieder da. Es geht jetzt schnell, und ein kleiner Teil meines Rückenmarks wird gekühlt abtransportiert. Jetzt können wir alle aufatmen, es ist gut gegangen.

Ich möchte sofort aufstehen – es ist ja vorbei –, aber die Krankenschwester rät mir, es langsam angehen zu lassen. Immerhin sei das gerade ein Eingriff gewesen. Aber ich bin doch stark, so etwas kann mir doch nichts anhaben. Dennoch bleibe ich halt noch liegen. Wenn ich schon nicht aufstehen soll, möchte ich mir – weil ich ja immer alles genau wissen will – wenigstens noch diese spezielle Hohlnadel anschauen.

Das war keine gute Idee. Als ich die blutverschmierte lange Metallnadel sehe, und mir vorstelle, wie die in mich gebohrt wurde, wird mir flau im Magen. Mit einem Mal beginne ich unkontrolliert zu zittern.

Die Krankenschwester legt ihre warmen Hände auf meinen Rücken und redet beruhigend auf mich ein. Wieder einmal habe ich meine Nervenstärke überschätzt. Mit einem Mal bin ich sehr dankbar dafür, dass mein lieber Freund Fritz darauf bestanden hat, mich nach dem Eingriff mit dem Auto nach Hause zu bringen. Wahrscheinlich wartet er schon draußen auf dem Gang.

Die Schwester hilft mir beim Anziehen, ich bin wackelig auf den Beinen, stütze mich erst auf ihren Arm, hänge mich dann bei Fritz ein. Kaum sitze ich auf dem Beifahrersitz überfällt mich wieder ein so heftiger Schüttelfrost, dass ich mir beim Versuch zu sprechen auf die Zunge beiße. Der treffende Wienerische Ausdruck »scheppern wie ein Kluppensackerl«fälltmirein:klappernwieeinSackWäscheklammern.Genauso»scheppere« ich, mir ist eiskalt. Es ist immer dasselbe mit mir: Ich will so taff sein – und habe auch nur Nerven.

Seit der Heimfahrt vom Spital weiß ich, wie wichtig eine starke Sitzheizung ist.

Verhandlung mit Gott

Ich möchte sie drücken, uns beide trösten, ihr – wie in einer Seifenoper – zuversichtlich lächelnd versprechen, dass »alles wieder gut« wird. Dass ich ihre Matura erleben werde. Dass wir beide feiern werden. Ich bin für die zweite Chemotherapie im Spital. Mein Herz tut weh – ich möchte Dominique bei mir haben.

Die junge Krankenschwester kommt schwungvoll ins Zimmer, den Galgen vor sich herrollend, an dem vier Plastikbeutel unterschiedlicher Größe baumeln, jeder mit einer durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt. Ich weiß, der kleinste ist der schlimmste. Vor dem hab ich Angst. Von diesem Mittel habe ich nach der ersten Therapie Halluzinationen bekommen – so stelle ich mir einen Drogen-Horrortrip vor. Grauenvolle Fratzen sind auf mich herabgestürzt, ich bin bewegungsunfähig auf dem Boden gelegen, mein Körper hat sich angefühlt wie ein Luftballon mit einer kleinen Bleikugel irgendwo in der Leere – mein Herz, das schmerzhaft geklopft hat.

Ich weiß, diese Wirkung muss nicht unbedingt jedes Mal auftreten, aber ...

Auf dem Spitalsnachttischchen stapeln sich weise Bücher über Selbstheilung, Spontanremissionen, Buddhismus und Spiritualität. Was habe ich vor kurzem gelesen? Ich soll mich nicht schon im Vorhinein fürchten. Ich solle die Angst loslassen. Ich kann das Wort nicht mehr hören. Wie soll das gehen? In den Büchern steht, Loslassen bedeutet, im viel zitierten Hier und Jetzt leben. »In Situationen, die scheinbar aussichtslos sind, verstärkt sich zunächst der normale Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment – und somit das Leid – um ein Vielfaches. Das Jetzt wird fast unerträglich. Es innerlich zuzulassen, das »so-Sein« des Jetzt zu akzeptieren, scheint unmöglich und sinnlos.« (E. Tolle)

Genau!

Die Schwester hängt die erste Flasche an, die größte, die Flüssigkeit tropft in den Schlauch und von dort in meine Vene.

Also: »hier und jetzt«, also: Chemotherapie, also: Spitalsbett, also: Desinfektionsgestank.

Wie geht es mir hier und jetzt?

Ich habe das Glück, allein in einem Zweibettzimmer zu liegen.

Und das erste Mittel, das gerade in mich rinnt, vertrage ich gut. Und ich habe nur leichte Kopfschmerzen.

Und durchs Fenster scheint die Sonne.

Also hier und jetzt: alles gut.

Und mehr ist im Moment nicht.

Also: entspannen.

In meinen schlauen Büchern steht, es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Schmerzen und Leiden. Schmerzen gehören zum Leben und sind nicht zu vermeiden. Punkt. Klingt schlimm, ist es auch. Dennoch versuchen wir, Schmerz zu vermeiden und zu leugnen. Psychopharmaka, Schmerzkiller und alle Arten von Ablenkungen versprechen uns, uns das Wahrnehmen des Schmerzes zu ersparen. Doch Schmerzen sind unausweichlich.

Im Gegensatz zum Leiden: Das Leiden kann man vermeiden. Denn das Leiden »macht man sich selber«. Leiden bedeutet, den Schmerzen etwas hinzufügen. Darüber nachdenken. Damit hadern. Sich ausmalen, was alles passieren könnte. Phantasieren, wie es wäre, wenn alles anders wäre. Bewerten, wie aussichtsreich oder aussichtslos eine Situation ist.

In den weisen Büchern steht sinngemäß: Verstehe die direkten Ursachen in dir selbst für dein Leiden. Und höre auf, zu den Ursachen beizutragen. Dann verschwindet auch dein Leiden. Der Buddhismus ist ein großer Befürworter der Eigenverantwortung. Unsere Gedanken betrachten das Hier und Jetzt als Hindernis auf dem Weg, wo wir eigentlich hinwollen: in die Zukunft, in irgendeine Situation, in der dann alles gut sein wird. Alles, nur nicht jetzt. Überall, nur nicht hier. Das ist Leiden.

In unserem Kulturkreis bewerten wir ständig. Wir merken es gar nicht. Dauernd beurteilen wir Situationen, andere Menschen, uns selbst. Alles wird eingeteilt in gut versus schlecht, freundlich versus aggressiv, schön versus hässlich, angenehm versus schmerzhaft, erstrebenswert versus vermeidend und so weiter.

Natürlich können wir im Alltag nicht nicht bewerten. Bewertungen sind nützlich und zeitsparend, wenn z.B. Entscheidungen gefällt werden müssen. Andererseits tragen sie zum Leiden bei.

Ich bin sozusagen »programmiert« auf’s Bewerten und Beurteilen, habe ich doch einen Beruf, in dem ich tagtäglich Menschen psychodiagnostisch bewerten, in Kategorien einteilen und über sie gewisse Urteile fällen muss. Dafür werde ich bezahlt. Und als analytischem Menschen fällt mir diese Arbeit leicht, in der ich erfolgreich bin.

Und ich soll jetzt das Bewerten loslassen.

Es geht mir plötzlich alles auf die Nerven. Der Krebs, die Chemo, die weisen Bücher, die buddhistischen Ratschläge, der Berner Dialekt, die freundliche Onkologieschwester. Alles. Aber es nützt ja nichts und wenn ich schon hier liege, kann ich ja versuchen, etwas zu lernen.

Ich reiße mich zusammen.

Wenn ich also sage: diese Situation hier und jetzt ist relativ angenehm – allein im Zimmer, fast nichts tut mir weh, die Sonne scheint –, dann merke ich natürlich nichts vom Leiden durch Bewerten, denn ich fälle eine positive Bewertung. Aber wenn ich Schmerzen hätte, und ich würde mir vorsagen: meine Situation ist schlimm, niemand kann verstehen, wie es mir geht, wieso bin ich so gestraft mit dem Krebs, niemand wird mich besuchen kommen, das letzte Chemo-Mittel wird mich wieder furchtbar hernehmen, ich werde nicht schlafen können, ich belaste Dominique mit meiner Krankheit, ich gehe ihr damit auf die Nerven – dann leide ich. Aber es sind nicht die Schmerzen, an denen ich leide, sondern die Gedanken, die ich mir dazu selbst mache. Das ist alles außerhalb des Hier und Jetzt des Spitalsbettes. Irgendwo habe ich gelesen: »Leiden stellst du ab, indem du das abstellst, was in dir das Leiden erzeugt.«

Wenn man – ich? – es schafft, alles das, was ist, zu akzeptieren, kann man – ich? – sich vom Leiden befreien und das Leiden loslassen. Alles, was nicht gerade jetzt passiert, ist unwichtig. Jetzt – jetzt – jetzt ...

Jetzt habe ich keine Venenentzündung.

Nicht gut, nicht schlecht. Es ist, wie es ist.

Jetzt habe ich starke Kopfschmerzen.

Nicht schlecht, nicht gut. Es ist, wie es ist.

Jetzt scheint die Sonne durchs Spitalzimmerfenster.

Nicht gut, nicht schlecht. Es ist, wie es ist.

Jetzt fehlt mir meine Tochter.

Es ist, wie es ist.

Jetzt bin ich traurig. Ich spüre einen Druck auf der Brust. Ich kann nicht weinen. Es ist, wie es ist.

Neben mir beginnt das Kontrollgerät am Galgen zu piepsen. Die Schwester kommt, hängt den leeren Beutel ab und den nächsten an. Sie schaut mich fragend an. Ich signalisiere ihr: alles »normal«, nur traurig halt. Sie drückt mir leicht den Unterarm, lächelt mich kurz an und geht wieder. Ich bin froh und dankbar um diese Geste – sie scheint mich zu verstehen. Ich würde gar nicht sprechen wollen.

Mein Magen verkrampft sich ein bisschen. Ist das Ärger? Dass ich mich schon wieder in vorausschauenden Gedanken verliere, anstatt im Hier und Jetzt zu bleiben? Dass ich schon wieder überlege, wie ich die Nebenwirkungen der letzten Chemo-Flasche überstehen werde, ob ich für die Nacht um ein Schlafmittel bitten soll, ob es dumm ist, noch ein Medikament mehr einzunehmen, oder ob das auch schon egal ist.

Aber vielleicht sind die Magenschmerzen auch nur Hunger. Ich habe kaum gefrühstückt. Es ist später Vormittag. Eigentlich sollte man doch erwarten dürfen, dass man in einem Spital etwas zu essen bekommt. Jetzt bin ich eindeutig verärgert. Und hungrig. Aber noch ist nicht Mittagessenszeit.

Wieder fallen mir die buddhistischen Texte ein: Wer Dinge erwartet – wer sich Erwartungen macht – kann enttäuscht werden. Wer keine Erwartungen hat – sich keine Erwartungen macht – kann auch keiner Täuschung unterliegen. Der Täuschung, andere wüssten, was ich brauche. Oder der Täuschung, andere seien da, um mir meine unausgesprochenen Wünsche zu erfüllen.

Aber haben wir Menschen nicht sozusagen automatisch Erwartungen? Darf ich nicht erwarten, ein stilles, unbedeutendes Leben zu führen und im Gegenzug dafür, dass ich nichts Böses tue und mich bemühe, ein halbwegs guter, sozial verträglicher Mensch zu sein, von Schicksalsschlägen verschont zu werden?

Wie viele Idioten werden gesund steinalt?! Ups – das ist nicht gerade buddhistische Gelassenheit, die da aus mir flucht. Naja – ich habe ja auch erst angefangen zu üben: das Loslassen, das Keine-Erwartungen-Haben, die Gelassenheit.