Es ist hell und draußen dreht sich die Welt - Dita Zipfel - E-Book

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt E-Book

Dita Zipfel

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Beschreibung

Ein kraftvoller und abgründiger Roman, ebenso wütend wie zart, über weibliche Selbstbestimmung, über Körper und wem sie gehören, über das Kinderhaben und die Sehnsucht danach.

Nach diesem Urlaub, so ist der Plan, wird Linn ein perfekt gereifter Embryo eingesetzt und sie wird sein, was sie sich schon lange wünscht: schwanger. In den schicken Bungalow am Strand hat der Jugendfreund ihres Partners und wohlhabende Selfmademan Felix sie beide eingeladen. Während Matze und Felix sich mit Crémant betrinken, angeln gehen und versuchen, die Statusunterschiede zwischen ihnen zu ignorieren, beobachten sich die Frauen distanziert. Linn, zerrissen zwischen dem unbedingten Wunsch, Mutter zu werden, und dem Zweifel, ob sie das überhaupt kann, eine »gute« Mutter sein, blickt mit einer Mischung aus Neid und Widerwillen auf Eva, die geduldig mit ihrem Sohn buddelt, ihn eincremt und tröstet und Sandkörner aus Babyaugen wischt. Doch im Laufe der Urlaubstage entwickelt sich zwischen geflüsterten Gesprächen und heimlichem Kiffen eine Nähe, die festgefahrene Bilder ins Wanken bringt. Eva und Linn verschieben sachte die Regeln und werden mehr als Freundinnen: Sie werden Verbündete.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Titel

Dita Zipfel

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt

Roman

Insel

Impressum

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Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

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Die Autorin dankt der Stiftung Preußische Seehandlung für das Literaturstipendium 2023, das die Arbeit an diesem Roman erst möglich gemacht hat.Das Motto dieses Buches stammt aus: Rachel Cusk, Lebenswerk.Über das Mutterwerden, Suhrkamp Verlag 2019, S. 9.

eBook Insel Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2026

© Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2026

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: Paul Nelson Photography, Minneapolis

eISBN 978-3-458-78666-5

www.insel-verlag.de

Motto

Frauen müssen mit der Möglichkeit einer Schwangerschaft leben.

Rachel Cusk

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Motto

Freitag

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Sonntag

Epilog

Informationen zum Buch

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt

Freitag

Etwas stört im Bild. Vor dem Bungalow überkommt Linn eine Müdigkeit, die ihr fast die Beine wegzieht. Sie will sich hinlegen und den Urlaub verschlafen. Vielleicht ist es das Progesteron. Wahrscheinlich aber der Anblick. Dieses Haus schwebt in der Landschaft wie ein Ufo aus Glas und Beton, von hier sieht die Treppe, die zum Eingang führt, aus, als wäre sie aus Licht. Als sie näher kommen, stellt sich heraus, dass sie aus Plexiglas besteht, was fast ebenso absurd ist. Innen dann: bodentiefe Fenster. Statt Wänden Ausblick, kaum Türen, so scheint es.

»Die Schlafzimmer sind da und da.« Eva zeigt nach links und rechts.

»Welches wollt ihr?«, fragt Matze.

»Was meinst du, Felix? Bubu?«, ruft Eva in den Raum.

»Mir egal!«

»Dann nehmen wir das?« Eva zeigt auf die rechte Seite, die weiter weg ist von der Küche und näher dran an der Terrasse.

»Topp!«, sagt Matze und zieht seinen Koffer ratternd nach links.

Die Rollen der Koffer von Eva gleiten geräuschlos über den Steinboden. Linn bleibt stehen und sieht ihr nach. Und da weiß sie plötzlich, was stört, was nicht ins Bild passt. Sie selbst.

Das Wohnzimmer ist das Esszimmer ist die Küche. Und riesig. Jeder könnte in seiner eigenen Zimmerecke Urlaub machen. Vielleicht wäre das das Beste. Jeder in seiner Ecke. Alles ist weiß und poliert, der Boden glänzt. Ein Sideboard aus teurem Holz vor der Wand aus offenem Beton, darauf dezente Verweise auf das Mittelmeer vor der Haustür. Ein Meeresschneckenhaus neben einem Kiefernzapfen in einer feinen Porzellanschale. Ein schmaler Kugelschreiber auf einer Muschel. Zwischen Küchen- und Wohnbereich ein Esstisch, an dem man gerne ein Start-up gründen würde. Alles von einer Sauberkeit, die fast virtuell wirkt. Als Linn das letzte Mal eine Ferienwohnung gemietet hat, wurde sie dort durchgängig von Schildern und Wandtattoos angebrüllt. »Recycle!«, »Türen ab 22 Uhr geschlossen halten!«, »Every Drop Counts!«, »Smile, das Leben ist schön!«. Vielleicht ist es ein Privileg der Reichen, vom Interieur in Ruhe gelassen zu werden. Es gibt eine Kücheninsel und ein weißes L-förmiges Sofa, das man ohne Übertreibung Landschaft nennen kann. Linn berührt es ungläubig. Echtes Leder. Dieses Sofa hat die Oberfläche von mindestens vier ausgewachsenen Galloways. In der Ecke des Wohnzimmers hängt ein Vogelkäfig mit einem ausgestopften Kanarienvogel darin.

»Was ist das?« Felix beugt sich über die Spüle.

Otto ist vier Jahre alt, war früher mal drei und wird sehr bald fünf sein. Das hat er Linn auf dem Hinflug sehr ernst und ausufernd erklärt. Er sitzt auf dem Sofa und spielt plingende Spiele auf dem iPad. Auf seinem T-Shirt steht Plays well with others, weil er noch in einem Alter ist, in dem seine Eltern ihm ein ironisches Kleidungsstück anziehen können, wie einem Hund ein Regencape. So wie Otto jetzt dasitzt, schlägt sein Shirt eine Falte und es ist, als würde selbst dieser Vierjährige Linn ermahnen: Play well with others.

»Komm mal, was ist das denn?«, fragt Felix wieder und Linn geht zu ihm an die Küchenzeile. Als sie ins Edelstahlbecken guckt, sieht sie nichts. »Was meinst du?«

»Das da.« Felix zeigt mit seinem Finger ins Nichts.

»Ah.« Kleine graue Teilchen, wie winzige Monde. Bestimmt zehn oder mehr.

»Silberfische?«, sagt sie.

»Die würden sich bewegen.«

»Tot vielleicht«, sagt sie und greift nach einem der länglichen Dinger.

»Nicht anfassen!«

»Nee. Fingernägel.« Linn lässt den Nagel in ihre Handfläche fallen und hält sie Felix vors Gesicht. »Oder Fuß!«

»Mach das weg!« Felix verzieht das Gesicht. Sie lässt den Nagel wieder ins Becken fallen und macht das Wasser an. Spült alles weg.

»Wie kann so was passieren? Wofür bezahlen wir denn?«

Auf dem Start-up-Esstisch liegt eine Karte, auf der steht: Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren Aufenthalt. Das Haus wurde für sie vorbereitet von/Nous vous souhaitons un excellent séjour. La maison a été préparée pour vous par/We wish you a very pleasant stay. The house was prepared for you by. Auf einem dünnen Strich darunter steht von Hand geschrieben: Latifa. Linn hält die Karte hoch und sagt: »Kannst ja ’ne schlechte Rezension deswegen schreiben.« Als ihr Felix die Karte aus der Hand nimmt und sie sich in die Tasche steckt, bemerkt sie ihren Fehler.

»Das war ein Scherz! Du willst doch nicht im Ernst –«

»Momo!«, ruft er, und Linn sieht vor sich, wie sich Matzes Ohren aufstellen, wie bei einem Labrador, dessen Herrchen ruft. »Lass mal Rundgang machen.«

Der Ausblick von der Dachterrasse des Bungalows ist fantastisch. Wenn man weiter oben steht als der Rest, wird man entweder demütig oder überheblich, denkt Matze. Die Schönheit strömt von allen Seiten auf sie ein. Der Himmel, so blau, kleine Wölkchen zur Zierde freundlich hingetupft. Der Horizont fern und das Mittelmeer davor ein unendlicher Glanz in Türkis. Der Strand weiß, die Kiefern knorrig und duftend, die Luft so gesund.

»Das Geilste kriegt man immer umsonst«, sagt Felix und breitet die Arme aus.

Matze nickt und denkt: Den Ausblick muss man sich schon leisten können. Manchmal hat er Linns Gedanken, nicht seine.

»Gib mal kurz«, sagt Felix und greift nach Matzes Handy.

Sein Freund sieht gut aus. Frisch. Weiße Zähne, kleiner Bauch. Auch jetzt wundert sich Matze mal wieder, dass Felix so erwachsen geworden ist. Er sieht ihn immer noch als Fünfzehnjährigen vor sich.

Felix fotografiert eine Liege, die nicht auf einem Stapel mit den anderen, sondern frei auf der Dachterrasse herumsteht. Das Handy liegt in seiner Hand, als gehörte es ihm. Und vielleicht tut es das auch. Wenn Felix wollte, würde Matze es ihm sofort zurückgeben. Felix kauft sich regelmäßig neue Geräte, weil das nächste Modell immer das bessere ist. Matze kriegt dann die alten. Geschenkt. Weil sie noch gut sind. Das iPhone der vorletzten Generation, der Rasierer, dessen Akku nicht mehr ganz frisch ist, das Rennrad, weil Felix jetzt Gravelbike fährt. Als Gegenleistung sagt Matze nie nein. Er weiß, dass er Felix einen Gefallen damit tut, wenn er ihm die Dinge abnimmt. Deswegen steht jetzt ein 55-Zoll-Fernseher im Wohnzimmer, den Linn hasst, weil er so riesig ist, und dann Tierdokus darauf guckt.

»Mann, Momo, du musst auch mal paar Apps schließen, sonst zerschießt du dir den Akku.«

»Ach, Scheiße, ja.«

Felix schließt die Apps. Felix bezahlt den Urlaub. Felix hat sein Leben fest im Griff.

Linn hat ihn mal ein verwöhntes Arschloch genannt und ganz selten findet Matze, dass sie recht hat. Von diesen Momenten kann er Linn nicht erzählen, sie könnte nicht anders, als sich darauf zu stürzen und alles in Frage zu stellen. Felix ist Matzes ältester Freund. Er ist großzügig, er rechnet nicht auf, er genießt das Leben in vollen Zügen, und warum auch nicht? Er hat Geld, na und? Von hier oben, vom flachen Dach des Hauses, das Felix gemietet hat, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde all das ihm gehören. Der Ausblick. Der Moment. Der Urlaub.

»Alter.« Felix blickt vom Display auf. »Ist der Pool leer?«

LittleMi86

12.05.2019

SB nach PU

Hallo. Ich bin PU+1 und habe seit heut Morgen SB. Am Anfang waren auch hellrote Schlieren dabei, jetzt ist es bräunlich und nur beim Abwischen. Meine KiWuGyn hat mich schon vorgewarnt, aber jetzt bin ich doch unsicher. Hat eine von euch damit Erfahrungen? Soll ich das Utrogest 200 einfach weiternehmen?

xxfg101 12.05.2019

Hallo @LittleMi86,

auf jeden Fall weiternehmen! Ich bin PU+13

TF+8 und hatte PU+1 und +2 hellrot, aber da wird ja Gewebe durchstochen, da ist es normal, dass es ein bisschen blutet. Wenn es zu viel wird zum Gyn gehen.

maja0203 12.05.2019

Hallo ihr :) hatte heute Vormittag Punktion von einem :( Follikel. Jetzt heißt es Daumen drücken. Ich nehme Progesteron als Spritze, das soll besser wirken. Wenn deine SB nicht aufhört, würde ich auch zum Arzt gehen.

Liebe Grüße

Linn scrollt nicht weiter, ab hier wiederholen sich die Kommentare. Wenn unter den ersten zwei Antworten nichts Brauchbares dabei ist, kommt danach auch nichts mehr. Dann muss man mit anderen Schlagworten suchen oder seine Frage selber posten. Und das würde Linn niemals tun. Um in Foren Fragen zu posten, muss man verzweifelt sein.

Das Handy liegt vor ihr auf dem Boden, ihr hockender halbnackter Körper spiegelt sich in den Bodenfliesen, so glatt ist die Oberfläche. Die Sonne hält ihre Abermillionen Watt ins Fenster und die Wände reflektieren einander das Licht zu, das Bad strahlt wie ein Kronleuchter aus Diskokugeln. Der rotbraune Streifen in ihrer Unterhose wirkt deplatziert. Würde sie sich noch ein Stück weiter nach vorne beugen, könnte sie in sich hineinsehen.

Eva ruft im Wohnzimmer »Scheiße!« und Linn schluckt kurz gegen den Medikamentenekel, als sie sich das Zäpfchen in die Vagina schiebt. Sie will nicht. Sie will nicht, dass das Zäpfchen sich in ihr zu einem bitteren Schaum auflöst, dass das Progesteron von der Schleimhaut aufgenommen, dass ihr Körper verwirrt wird. Und sie wünscht sich doch so sehr, dass es wirkt.

An ihrem Finger bleibt Blut kleben und sie hält ihn ins Licht, um die Farbe zu inspizieren. Inzwischen kann alles ein Symptom für alles sein. Das Blut ist alt, wahrscheinlich kein Grund zur Sorge.

Doktor Lang fand es unbedenklich, in den Urlaub zu fliegen. Genau der richtige Zeitpunkt. Die Versorgung in Frankreich vorbildlich. Zur Not. Sie soll ins Krankenhaus gehen, falls ihr Körper anschwillt und sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehr als zwei Kilo zunimmt. Auch wenn sie sich dann fühlen wird wie ein übervoller Schwamm, soll sie in dem Fall viel trinken, um nicht zu dehydrieren. Es kann passieren, dass ihre Eierstöcke sich aufblähen und dann von unten gegen ihr Zwerchfell drücken. Ist aber unwahrscheinlich. Sie hat Matze nichts davon erzählt, er würde sie jeden Tag wiegen wollen.

Sie hört Eva nach Felix rufen. »Was ist denn?«, ruft Linn zurück.

»Das kann doch nicht sein. Scheiße«, sagt Eva. »Scheiiiiße!«, ruft Otto aus dem Wohnzimmer. Es ist alles etwas kleiner als auf den Fotos. Groß genug, das schon. Aber obwohl sie beim Buchen immer den Weitwinkeleffekt einberechnet, ist sie auch dieses Mal wieder überrascht, wie das Ferienhaus dann wirklich aussieht. Nicht dass es ihr besonders wichtig wäre. Nach Sainte-Elise-sur-Mer kommt sie seit ihrer Kindheit, seit sie mit Felix reist, probiert sie gerne unterschiedliche Ferienhäuser aus. Ab einem gewissen Preis haben die meisten sowieso einen ähnlichen Stil. Schlicht, modern. Offene Küche, Wohnzimmer mit großem Sofa und Ausblick. Die Schlafzimmer und Bäder auf beiden Seiten davon abgehend, für die Privatsphäre. Dass sie und Felix sich für das Schlafzimmer mit dem besseren Ausblick entschieden haben, in die Kiefern, war ein Versehen. Sie hätte auch das andere genommen, beide sahen in der Anzeige identisch aus. Wahrscheinlich hätte sie sogar das linke genommen, das mit Blick auf den nächsten Bungalow, wenn sie gewusst hätte, dass es das schlechtere ist. Sie will auf keinen Fall, dass Linn und Matze das Gefühl haben, sie hätten einen Nachteil, weil sie nichts dazu bezahlen. Dass es im gesamten Haus ausschließlich Schiebetüren gibt, war auf den Fotos auch nicht zu sehen.

»Otto! Keine Klowörter«, sagt sie im Vorbeigehen und würde ihm über den Kopf streicheln, wenn sie eine Hand frei hätte. Aber sie hält Baby im linken und die Federwiege im rechten Arm.

»Du hast Scheiße gesagt!«, sagt Otto, als hätte er gewonnen.

»Bubu?«, ruft Eva. »Aua!« Baby hat eine Strähne ihrer Haare in der Faust und zieht. Wo sind denn alle? Eva durchquert das Haus zum dritten Mal, es darf nicht wahr sein. Baby schläft nur in der Federwiege ein, die Federwiege gibt ihr Freiheit. Als Baby das erste Mal nicht mit ihrem Nippel im Mund, sogar völlig ohne Kontakt zu ihrem Körper geschlafen hat, sind ihr die Tränen gekommen. Weinend saß sie neben dem schlafenden Kind, das rhythmische Quietschen der Metallfeder klang sanft und beruhigend. Wenn es hier keinen Türrahmen gibt, müssen sie abreisen.

»Was ist denn?« Linn ruft vom anderen Ende des Hauses.

»Hast du bei dir Türrahmen?«, ruft Eva zurück.

»Was?«

»Gibt’s bei euch einen Türrahmen?«

»Ich gucke.«

Eva ist dankbar, dass sie nicht weiterfragt. Wenn sie in diesem Zustand ist, zu flach atmend, unkontrolliert fluchend, guckt Felix sie manchmal mit diesem Blick an. Mitleidig. Als hätte sie womöglich den Verstand verloren. Meistens hat er dann so schnell eine Lösung für ein Problem, dass sie selbst an sich zu zweifeln beginnt.

Linn kommt aus ihrem Schlafzimmer und zieht sich im Gehen die Hose zurecht. »Bei uns ist keiner.«

»Nimm mal«, sagt Eva und hält ihr Baby hin. Linn nimmt es, als wäre es eine dicke Katze und sie dagegen allergisch. Mit der frei gewordenen Hand öffnet Eva vorsichtig die Babyfaust und befreit ihre Haare.

»Wo ist denn Felix?«, fragt Linn.

»Ich krieg das schon hin.«

Otto sollte nicht so lange am iPad sein und er braucht etwas zu trinken. Die Koffer liegen unausgepackt im Schlafzimmer. Aber bevor die Wiege nicht hängt, kann sie sich nicht darum kümmern. Sie macht einen großen Schritt über den geöffneten Rollkoffer. Die Wiege hat oben eine Art Klammer, eine einfache Aufhängung, sie nehmen sie überallhin mit. Eva hat schon abendelang mit Freunden am Tisch sitzen können, während Baby von der Wiege auf und ab geschaukelt wurde und selig schlief. Der Frau, die ihr Geld damit verdient, diese Wiege auf Instagram zu empfehlen, ist Eva ewig dankbar. Nur – wenn es keinen Türrahmen gibt, nichts, an dem man diese verdammte Klammer befestigen kann, ist das Ding wertlos.

»Eva?«, ruft Linn aus dem Wohnzimmer. Sie hört Baby jammern.

»Gleich.«

Alles glatt. Kein Vorsprung. Sie hat den Türrahmen aufgegeben und sucht nach anderen Möglichkeiten, die Klammer zu befestigen. Woraus würde Felix’ Lösung bestehen? Wenn er jetzt wiederkäme und mit drei Handgriffen eine Aufhängung gebaut hätte, würde sie sich wie ein dummes Kind fühlen. Baby wird lauter. Hat Hunger.

»Eva?« Linn klingt leicht verzweifelt.

»Ich fass es nicht, Bubu. Der Pool ist leer.« Felix steckt seinen Kopf in ihr Schlafzimmer.

»Ich glaube, es will was«, sagt Linn und kommt rein. Sie hält Baby noch immer von sich weg. Als es Eva sieht, streckt es die Hände nach ihr aus.

»Was stand da in der Anzeige?«, fragt Felix.

»Was?« Die Federwiege zieht schwer an Evas Arm.

»Stand da Pool?«

»Ja?«

»Wenn da einfach Pool stand, dann geht man davon aus, dass der benutzbar ist, oder? Also ich würde davon ausgehen.«

Das Baby wird lauter und strampelt.

»Is doch egal.« Evas Stimme ist dünn, sie übertönt Baby kaum.

»Kann mal jemand das Baby nehmen?«, fragt Linn.

»Wieso egal, wenn da Pool steht, will ich auch drin schwimmen können.« Eva sagt nichts und nimmt Baby.

»Was ist denn?«, fragt Felix. »Du wirkst so –«

»Was? Hysterisch?«

»Das hast du gesagt«, sagt Felix und hebt die Arme, als würde er sich ergeben.

»Ich kann hier nicht bleiben«, flüstert Linn.

Matze hält inne, einen Stapel ihrer Shirts in den Händen, den er gerade in den Einbauschrank räumen wollte.

»Was?«, flüstert er zurück.

»Wir müssen hier weg, ich kann hier nicht bleiben.«

»Setz dich erst mal.«

»Ich will mich nicht setzen. Pack das wieder ein.« Sie nimmt ihm die T-Shirts aus den Händen, wirft sie in den offenen Koffer, der auf dem Boden liegt.

»Linn. Warte mal.«

»Ich dreh hier durch. Das Baby schreit die ganze Zeit und was soll der Scheiß mit der Wiege und guck dir mal die Einrichtung an!«

»Echt? Ich finde das Baby eigentlich ziemlich entspannt.«

»Weißt du, was das kostet?«

»Ist doch egal.«

»Ist nicht egal. So ein Haus, direkt am Strand? Wir können das niemals zurückzahlen.«

Linn setzt sich und Matze legt seine Hand auf ihr Bein. »Darum geht’s auch nicht«, sagt er.

»Worum denn dann? Dass der arme beste Freund und seine kaputte Freundin auch mal schön rausgucken können?«

»Fünf Tage, Linn.«

»Der Strand gehört zum Haus! Da darf niemand hin, hast du das gesehen?«

»Fünf Tage. Und wir können’s gebrauchen.«

Und dann sagt sie nichts mehr. Weil er wir sagt und eigentlich sie meint. Sie und ihre Launen, die sich seit Monaten völlig unberechenbar abwechseln. Weil er meint, dass sie immer seltener Sex haben und er sie immer häufiger fragt: Ist irgendwas? Und sie dann nein sagt, obwohl immer irgendwas ist. Und ohne es auszusprechen, erinnert er sie jetzt an den Plan: fünf Tage Côte d’Azur und dann: Rückkehr als besserer Mensch. Bereit, einen der Zellhaufen, der gerade sehr, sehr weit weg unter künstlichem Licht heranwächst, in ihren Körper aufzunehmen. Es ist ein bisschen wie bei Jurassic Park, findet Linn. Überall auf der Welt stehen Gebäude voller Eier und Spermien, in denen Kreaturen entstehen, die es eigentlich nicht geben sollte.

An diesen fünf Tagen, das ist der Plan, werden alle Regeln befolgt, alle Tabletten zur richtigen Zeit genommen, kein einziges Zäpfchen im Klo runtergespült. Kein Stress, kein Zweifel: Linn ist so gut wie schwanger.

»Vielleicht müssen wir nur ein bisschen so sein wie sie. Ich kenne niemanden, der so glücklich ist wie die beiden«, sagt Matze.

Und so reich, sagt Linn nicht.

Linn bläst den Dampf aus dem Fenster des gemieteten VW-Busses, den sie gerade auf dem Supermarktparkplatz abgestellt hat. Der Bus riecht neu und ist elektro. Er wirkt wie beschichtet von innen, der Grasgeruch wird daran abperlen. Ihre Vape mit in den Urlaub zu nehmen, ist der eine kleine Regelbruch, den Linn sich erlaubt hat. Sie will es mögen, hier zu sein, und Brigitte hilft ihr dabei. Eine Vape namens Brigitte. Das ist lächerlich. Wegen der Zeitschrift, aber auch, weil es ein Ding ist.

Namen gibt man Kindern. Linn hat keine.

Wenn Matze Brigitte finden würde, könnte Linn entschuldigend gucken und sagen: »Gegen die Schmerzen.« Es wäre fast nicht gelogen. Ihr Uterus krampft. Das Gummi ihrer Stoffhose drückt auf den Bauch und aufrecht zu sitzen ist eine körperliche Überforderung. Heute Morgen wurde ihr mit langen Nadeln in die Eierstöcke gestochen, um die sechs gereiften Eier zu entnehmen. Sie fühlt sich wie eine erschöpfte Zuchtstute kurz vor dem Abdecker. Vielleicht ist das Selbstmitleid.

Als Linn sich selbst im Spiegel der Supermarktfenster entdeckt, erschrickt sie, als sie ihren Bauch sieht. So, wie sie es schon ihr Leben lang tut. Immer sieht er anders aus, als er sollte. Sie zieht ihn so weit ein, dass das T-Shirt aufhört zu spannen. Natürlich stand sie mal vor dem Spiegel, betrachtete sich im Profil mit vorgewölbtem Bauch und wünschte, sie müsse sich dafür nicht so anstrengen. Könnte eine wohlgeformte Kugel mit der Selbstverständlichkeit tragen, die sie an anderen gesehen hat. Aber das, wovor sie erschrickt, ist keine Kugel, es ist eine weiche Wölbung. Ein nutzloser Makel.

Die automatischen Schiebetüren öffnen sich mit dem Geräusch, das Sand macht, wenn er ist, wo er nicht sein soll. Es knirscht und surrt und sie steht im typischen grellen Licht und fischigen Geruch eines südfranzösischen Supermarktes. Die zu weit heruntergekühlte Luft lässt sie frösteln.

Die Einkaufsliste ist ein zerknülltes Stück Papier. Sie nimmt es aus der Hosentasche und streicht es glatt. Einkaufen für alle. Sie ist mittendrin im Spiel »Urlaub mit Freunden«. Das Selfie, das sie vor dem Abflug am Flughafen gemacht haben, als Auftakt.

Ihre Köpfe zusammengedrängt, glückliche Gesichter von Leuten, die gucken, als würden sie einander wirklich mögen. Bis auf Eva sind sie alle alt genug, um ihrer Jugend hinterherzutrauern, und jung genug, um sich in ein paar Jahren ihr jetziges Alter zurückzuwünschen. Felix’ Haaransatz zieht sich zurück wie das Meer bei Ebbe. Seine Stirn nimmt auf dem Bild viel Platz ein, die Wangen sind weich und glänzen, er hat nie einen überzeugenden Bartwuchs entwickelt. Er ist der Glücklichste von allen, hält die Kamera, obwohl seine Arme die kürzesten sind. Er ist klein und breit, alles an ihm wirkt etwas gestaucht. Es ist ein Klischee, dass er eine so schöne, junge Frau hat. Zehn Jahre jünger als die anderen auf dem Bild – Eva, die Einzige, deren Lächeln nicht durch unvorteilhafte Falten gestört wird. Ein Mund wie ein Bett mit zu vielen Kissen, jeder will sich hineinwerfen. Augen, als hätte jemand extra Farbe reingetupft. Ihre Haare haben diese fast schon lächerlich schöne, leichte Welle und schimmern golden. Jedes Mal wenn Linn Eva sieht, sucht sie nach einem herausgewachsenen Ansatz oder anderen Anzeichen dafür, dass ihre Haare gefärbt sind. Sie hat nie etwas entdeckt. Wo sind die Kinder auf dem Bild? Der Säugling, der keinen Namen zu haben scheint, und Otto, der Vierjährige, der aussieht wie sein Vater, nur mit mehr Haaren. Matze hat einen Arm um Linn, den anderen um Eva und Felix gelegt. Er guckt hoffnungsvoll. Linns eigenes Gesicht ist nur zur Hälfte auf dem Bild. Und vielleicht passt das ganz gut. Halb da.

Aber jetzt ist sie hier im Supermarkt, kauft ein, sammelt Punkte. Sie weiß, sie wird sie brauchen.

Es ist zu bunt. Es ist insgesamt zu. Laut, kalt, viel. Ihr Gehirn macht den altbekannten Fehler, nicht die Masse der Dinge als eine Einheit, sondern jedes einzelne Ding, jede Packung, Tüte, Konserve einzeln wahrzunehmen. Die Vorstellung, dass das alles gegessen, verbraucht und geleert werden will, legt sich schwer auf ihre Brust. Sie hält an, massiert den weichen Teil zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Stelle, die sie drücken soll, wenn sie den festen, unbarmherzigen Griff um ihre Luftröhre spürt. »Pardon«, sagt eine stark geschminkte Seniorin vorwurfsvoll und schiebt ihren massiven Einkaufswagen so dicht an Linns vorbei, als wäre der Gang nicht zehn Meter breit. Sie veratmet einen Fluchtimpuls und spürt die Wut darüber aufblühen, dass es notwendig ist. Dass sie diesem Leben nur mit Atemübungen gewachsen ist.

Sehen Sie das hier?

Nein?

Hier.

Doktor Lang machte eine schnelle Bewegung, kreiste mit dem Kugelschreiberhinterteil auf dem Display irgendetwas Unsichtbares ein. Linn stemmte sich hoch, halb nackt und breitbeinig. Das Gerät, das in ihr steckte, drückte ihr von innen in die Seite.

Das ist Ihr Eierstock.

Ah.

Linn war sich nicht sicher. Vielleicht ein Grund zur Freude? Sie fand keine Anzeichen dafür bei der Ärztin. Hier kann man normalerweise die Eibläschen erkennen, die sich bereit machen zum Eisprung. Das kann ein ziemliches Gedränge sein.

Doktor Lang lachte auf. Dann schwieg sie. Bei Ihnen kann ich erst mal keine Eibläschen ausmachen.