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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Das sieht richtig gut aus!« Zufrieden betrachtete Dr. Daniel Norden die Narbe an der Hand von Eva Herbst. »Ein Glück!«, seufzte seine langjährige Patientin erleichtert auf. Vor ein paar Tagen war sie mit einer stark blutenden Wunde bei Daniel aufgetaucht. Die beiden hatten sich seit Längerem nicht gesehen, und die Wiedersehensfreude war groß gewesen. Sie waren Kollegen und hatten sogar zur selben Zeit an derselben Universität studiert, auch wenn sie damals nie viel miteinander zu tun gehabt hatten. Umso mehr schätzten sie sich jetzt. »Diese neumodischen Messer sind wirklich nichts für mich. Viel zu scharf!«, bemerkte Eva und bewunderte den Zeigefinger der rechten Hand, dessen Kuppe der Arzt kunstvoll wieder angenäht hatte. »Wie mir überhaupt das moderne Leben immer fremder wird. Ich hätte es ja nie gedacht, aber inzwischen gehöre ich auch zu den Leuten, die finden, dass früher alles besser war.« Die Augenärztin lachte, als hätte sie einen guten Witz gemacht. Aber der Ausdruck in ihren warmen braunen Augen sprach eine andere Sprache. »In mancherlei Hinsicht haben Sie sicherlich recht. Die Zeiten sind so schnelllebig geworden, dass man manchmal gar nicht mehr mitkommt.« Daniel Norden erzählte von dem Kinofilm, der erst vor Kurzem angelaufen war. Bis er aber mit seiner Frau Fee einen Termin gefunden hatte, war der Film schon wieder abgesetzt worden.
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Das sieht richtig gut aus!« Zufrieden betrachtete Dr. Daniel Norden die Narbe an der Hand von Eva Herbst. »Ein Glück!«, seufzte seine langjährige Patientin erleichtert auf. Vor ein paar Tagen war sie mit einer stark blutenden Wunde bei Daniel aufgetaucht. Die beiden hatten sich seit Längerem nicht gesehen, und die Wiedersehensfreude war groß gewesen. Sie waren Kollegen und hatten sogar zur selben Zeit an derselben Universität studiert, auch wenn sie damals nie viel miteinander zu tun gehabt hatten. Umso mehr schätzten sie sich jetzt. »Diese neumodischen Messer sind wirklich nichts für mich. Viel zu scharf!«, bemerkte Eva und bewunderte den Zeigefinger der rechten Hand, dessen Kuppe der Arzt kunstvoll wieder angenäht hatte. »Wie mir überhaupt das moderne Leben immer fremder wird. Ich hätte es ja nie gedacht, aber inzwischen gehöre ich auch zu den Leuten, die finden, dass früher alles besser war.« Die Augenärztin lachte, als hätte sie einen guten Witz gemacht. Aber der Ausdruck in ihren warmen braunen Augen sprach eine andere Sprache. »In mancherlei Hinsicht haben Sie sicherlich recht. Die Zeiten sind so schnelllebig geworden, dass man manchmal gar nicht mehr mitkommt.« Daniel Norden erzählte von dem Kinofilm, der erst vor Kurzem angelaufen war. Bis er aber mit seiner Frau Fee einen Termin gefunden hatte, war der Film schon wieder abgesetzt worden. »Jetzt müssen wir warten, bis er auf DVD erhältlich ist.«
»Diese Probleme möchte ich auch gern haben«. Eva konnte sich ein leises Seufzen nicht verkneifen. »Seit ich allein lebe, hab ich mehr Freizeit als genug.«
Inzwischen waren die beiden in Dr. Nordens Sprechzimmer zurückgekehrt. Eva Herbst hatte auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz genommen und sah ihrem Kollegen dabei zu, wie er sein Untersuchungsergebnis in den Computer eingab. Diese Bemerkung ließ Daniel aber endgültig hellhörig werden. Er beendete seine Eingabe und lehnte sich im Stuhl zurück. Sein nachdenklicher Blick ruhte auf Evas Gesicht. Die feinen Falten, die sich inzwischen eingeschlichen hatten, konnten ihrer Attraktivität nichts anhaben. Ganz im Gegenteil verliehen sie ihr eine reife Schönheit und sinnliche Verletzlichkeit, die äußerst anziehend wirkte. Umso mehr verwunderte ihn die Bitterkeit in ihrer Stimme.
»Das klingt aber ein bisschen ernüchtert«, erwiderte Daniel bedauernd. »Es ist ja nicht so, dass mir mein Leben keinen Spaß macht. Aber seit meiner Trennung und dem Auszug meiner Tochter fällt mir doch manchmal die Decke auf den Kopf. Mein Haus ist schön, aber leider viel zu groß für einen allein«, erläuterte sie den Grund für ihre Verstimmung. »Ich könnte locker noch zwei Leuten ein Dach über dem Kopf bieten.«
»Was hindert Sie daran?«, entfuhr es Daniel, und ein verschmitztes Lächeln spielte um seine Lippen. »Früher war es doch auch gang und gäbe, in einer Wohngemeinschaft zu leben.«
»Da haben Sie recht und ich war tatsächlich einer von diesen Menschen, denen diese Art des Lebens gefallen hat«, räumte Eva bereitwillig ein und zupfte eine Fluse von ihrem bunt bedruckten Rock. »Ehrlich gesagt habe ich darüber auch schon nachgedacht. Allerdings schreckt es mich, mit fremden Menschen mein Leben zu teilen. So unkompliziert wie früher sind wir heute einfach nicht mehr.« Sie lachte und ihre Augen füllten sich mit lange zurückliegenden Erinnerungen. »Damals war mir das Chaos in der Küche egal. Genervt hat mich nur, wenn mir mal wieder jemand den Joghurt weggegessen hat, den ich mir extra gekauft hatte. So was wäre heute für mich undenkbar.«
»Stimmt. Das würde mich heute auch verrückt machen. Mir reicht es schon, wenn ich abends über die Schuhe meiner Kinder falle oder mal wieder vergeblich meine Jacke suche, die sich mein Sohn klammheimlich ausgeliehen hat«, konnte auch Daniel ein Lied von seiner Wohngemeinschaft mit dem Namen Familie singen.
»Aber mit diesen Menschen sind Sie in Liebe verbunden. Und können sich trotzdem wahnsinnig über sie aufregen«, versuchte Eva, ihren Standpunkt zu verdeutlichen. »Das stimmt allerdings. Aber haben Sie keine Bekannten, die dasselbe Problem haben wie Sie?«
»Leider nein. Ich hab sogar schon drüber nachgedacht, wie es wäre, mit den alten WG-Bewohnern wieder Kontakt aufzunehmen. Mit denen hätte ich wenigstens schon Erfahrung«, erklärte Eva Herbst, als sie aufstand und gemeinsam mit Daniel zur Tür ging. »Andererseits käme ich mir da vor wie eine Bittstellerin. Das will ich auch wieder nicht.«
»Ich werde Augen und Ohren offen halten«, versprach Dr. Norden, ehe er sich mit einem warmen Lächeln von der Kollegin verabschiedete. »Ihre Nummer hab ich ja.«
»Das ist lieb von Ihnen«, lächelte Eva, sah aber wenig hoffnungsvoll aus, als sie mit gesenktem Kopf und sehr, sehr nachdenklich durch den Flur in Richtung Ausgang ging.
*
»Der ist ja irre!«, wiederholte Tatjana Bohde immer wieder begeistert, während sie um den Verkaufswagen herumlief, den ihr Freund Danny Norden organisiert hatte. Das gute Stück parkte im Innenhof der Bäckerei Bärwald und sollte während des Umbaus des Geschäfts in den kommenden Wochen als Verkaufsraum dienen. »So schön hatte ich mir den gar nicht vorgestellt.«
Tatjanas Kolleginnen, die mürrische Dorothee Miller, und die Konditorin Marianne Hasselt begutachteten den Wagen ebenfalls. »Schön?«, schnaubte Dorothee Miller. Sie stand in der Tür am hinteren Ende des Wagens und musterte skeptisch das Innere. »Das ist der ultimative Beweis dafür, dass du so blind bist wie ein Maulwurf. Dieses Teil steht vor Dreck.«
Ehe Tatjana diese Beleidigung kommentieren konnte, ergriff Marianne das Wort.
»Natürlich müssen wir ihn ein bisschen aufhübschen. Aber mit ein paar Putzmitteln, Schwämmen und Muskelkraft sollte das kein Problem sein.« Wieder einmal bestach die alleinerziehende Mutter, die das Team der Bäckerei erst seit Kurzem verstärkte, durch ihren gnadenlosen Optimismus. »Ich bin als Bäckerin angestellt und nicht als Putze«, tat Dorothee ihre Meinung lautstark kund und wandte sich beleidigt ab. Von Anfang an war ihr die kreative Marianne ein Dorn im Auge und die Eifersucht war seither ihre ständige Begleiterin. »Macht, was ihr wollt. Ich bin raus.« Mit Schwung warf sie die Tür des Wagens ins Schloss und machte sich auf den Rückweg in die Backstube. Im Grunde genommen war der Anblick, wie sie wutentbrannt auf ihren O-Beinen davon stapfte, zum Lachen. Doch Tatjana ärgerte sich so sehr über dieses unflätige Benehmen, dass ihr das Lachen vergangen war.
»Ganz ehrlich, manchmal frage ich mich, warum ich sie nicht längst gefeuert hab.«
»Weil sie krank ist«, erinnert Danny Norden seine Freundin an die unabänderlichen Tatsachen. »Außerdem tut sie dir im Grunde deines Herzens leid.«
»Herz? Ich habe kein Herz«, fauchte Tatjana immer noch wütend. Doch das Lächeln, das die Haut um ihre dunkelblauen Augen kräuselte, sprach eine andere Sprache. Danny legte den Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich. »Hast du schon. Mal abgesehen davon, dass du ihre Arbeitskraft brauchst, weißt du genau, dass Dorothee nie mehr wieder eine Stelle bekommt, wenn du sie rauswirfst. Und zufällig weiß ich, dass du nicht für ihren Niedergang verantwortlich sein willst.«
»Das wäre sie schon selbst«, murrte Tatjana, diesmal wesentlich milder. »Die wird sich schon wieder einkriegen.« Marianne war inzwischen in den Wagen geklettert und inspizierte das Innere. »Innen sehen die Schränke ganz passabel aus. Die Putzarbeit hält sich also in Grenzen«, konzentrierte sie sich lieber auf das Wesentliche. »Hier hinten können wir wunderbar die Körbe für die Backwaren unterbringen. Dort im Eck ist sogar Platz für eine Kaffeemaschine. Tassen und Teller kommen in die Schränke. In der Glasvitrine sind die süßen Teilchen und Kuchen gut aufgehoben. Und wenn wir den Wagen fertig hergerichtet haben, feiern wir mit unseren Kunden, Kaffee, Sekt und Torte Eröffnung«, hatte Marianne sofort einen Plan in der Tasche. Ihre Begeisterung war ansteckend, und strahlend wandte sich Tatjana an ihren Freund.
»Tolle Ideen!«, stimmte sie begeistert zu und nahm Danny an der Hand. »Apropos Torte! Du musst unbedingt reinkommen und dir die Fotos von Mariannes Kunstwerken ansehen«, forderte sie ihn auf und zog ihn mit sich. Vergessen war der Ärger über Dorothee und die damit verbundenen Sorgen. »Aber nur kurz«, erwiderte der junge Arzt und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich will Dad in der Praxis nicht so lange allein lassen.«
»Du bringst ihm einfach ein Schokocroissant mit. Das stärkt die Nerven«, machte Tatjana einen praktischen Vorschlag und reichte Danny den Torten-Ordner. Während er durch die Seiten blätterte, griff sie nach einer Tüte und füllte sie mit Croissants, Plundergebäck, Vanille-Schnecken und anderen Leckereien aus ihrer Backstube. »Das ist ja der Wahnsinn!«, erklärte Danny Norden und betrachtete staunend die Fotos der essbaren Kunstwerke, die mit echten Blüten und Früchten oder aus Zucker und Marzipan nachgebildeten Figuren dekoriert waren. Seine besondere Aufmerksamkeit zogen aber die Torten auf sich, auf denen kunstfertige Porträts von Menschen, herrliche Landschaften oder sogar Gebäude abgebildet waren. »Wie macht sie das nur?« Tatjana lachte.
»Dasselbe hab ich sie auch gefragt. Sie erklärte mir, dass über den Kuchen eine dünne Marzipanplatte kommt, die sie dann mit Lebensmittelfarben selbst bemalt. Als wäre es die einfachste Sache der Welt.«
Danny klappte den Ordner zu und stellte ihn zurück auf seinen Platz auf dem Tresen.
»Diese Torten gehen bestimmt gut«, mutmaßte er und dankte Tatjana mit einem Kuss für die prall gefüllte Gebäcktüte.
»Gut gehen ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Schon jetzt können wir uns vor Aufträgen kaum retten. Dorothee platzt fast vor Eifersucht. Sie hat doch mit mir gewettet, dass diese Torten zu kitschig sind und sich kein Käufer finden wird. Tja!« Unbarmherzig zuckte Tatjana mit den Schultern. Dorothee werkte in der Backstube, doch sie senkte noch nicht einmal ihre Stimme. Sie hatte so viel einstecken müssen, dass es ihr egal war, was Dorothee von diesem Gespräch mitbekam oder nicht. »Pech gehabt.«
»Was war der Wetteinsatz?«, erkundigte sich Danny interessiert.
»Sie musste versprechen, mit der ewigen Nörgelei aufzuhören.«
»Und? Klappt es?«
»Nicht immer. Aber ich geb die Hoffnung nicht auf«, gab Tatjana zurück und begleitete ihren Freund durch den Hintereingang wieder nach draußen, um sich mit einem Kuss und dem Versprechen, den Abend wie so oft im Kreise seiner Familie zu verbringen, zu verabschieden. Obwohl ihre Sinne aufgrund einer Sehbehinderung auf fast magische Art und Weise geschärft waren, bemerkte sie nicht, dass Dorothee an die Tür getreten war und sie aus schmalen Augen fixierte. Ihre Miene verhieß nichts Gutes.
*
»Ist das unsere Schrankwand?« Sinnend stand Hubert Kühn im Wohnzimmer der Wohnung, die er für günstiges Geld an Jochen Querndt vermietet hatte.
»Ja, die gehört euch«, erwiderte der Rechtsanwalt zähneknirschend. Seit Jahren hatte er sich ganz der Verteidigung finanziell schlecht gestellter Menschen verschrieben, die unverschuldet in Not geraten waren. Das war auch der Grund dafür, dass er nie viel Geld verdient hatte. Trotz dieser guten Taten meinte es das Schicksal im Augenblick nicht gut mit ihm. Seine Kanzlei war in finanzielle Schieflage geraten, und er hatte erst vor Kurzem seine Zulassung verloren. Und nun sollte er auch noch die Wohnung räumen, in der er seit so vielen Jahren lebte. Dieser Gedanke war mehr, als Jochen ertragen konnte, und er dachte an Flucht. »Brauchst du mich noch?«, fragte er seinen Vermieter schroff.
Hubert Kühn entging der scharfe Tonfall nicht. Er machte ein paar Schritte auf Jochen zu. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er ihm tröstend die Hand auf die Schulter legen. Doch er tat es nicht.
»Es war doch immer ausgemacht, dass mein Sohn die Wohnung bekommt, wenn er in München leben will«, erinnerte er seinen Kollegen an die unabänderlichen Tatsachen. »Findest du eine andere, bezahlbare Wohnung?«
»O ja, natürlich. In Niederdupfingen. Oder in Hinterhaubach. Da soll es auch ganz nett sein, hab ich mir sagen lassen.« Jochens Stimme troff vor Ironie. »Tut mir wirklich leid. Aber ich denke, ich habe für dich getan, was ich konnte«, seufzte Hubert Kühn bedauernd. »Ich weiß.« Einen Moment lang stand Jochen reglos da. Dann schüttelte er sich wie ein Hund und traf eine Entscheidung. »Ich weiß. Es tut mir leid, dass ich dir die Laune verdorben habe. Zieh einfach die Tür zu, wenn du gehst.« Er nickte seinem Kollegen zu, ehe er sich abwandte und die Wohnung verließ, die ihm so lange ein Zuhause gewesen war. Auf der Straße empfing ihn ein wütender Windstoß, der perfekt zu seiner Stimmung passte. Er schlug den Kragen seiner Jeansjacke hoch, steckte die Hände in die Hosentaschen und marschierte los. »Früher war alles besser!«, schimpfte er vor sich hin. »Damals hatten die Leute noch Gemeinsinn. Heutzutage denkt jeder nur an sich. Damals, als wir alle noch im selben Boot saßen, in unserer WG …« An dieser Stelle hielt er in seinem Selbstgespräch inne und blieb so abrupt stehen, dass eine Passantin von hinten fast in ihn hineingelaufen wäre. »Sie sind nicht der einzige Mensch auf der Welt!«, schimpfte sie.
