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Aufbruch zu einem neuen Bewusstsein im 21. Jahrhundert. So könnte man das Anliegen dieses Buches beschreiben. Der Autor zeigt darin die Sinuslinie seines eigenen Lebens auf. Die Gedanken, die er sich im Laufe seines Lebens gemacht hat, beinhalten ihren eigenen Kosmos. Er spricht über die Geburt genauso wie über den Tod und den Sinn des Lebens. Obwohl von einem unerschütterlichen Glauben beseelt, setzt er sich doch kritisch mit Religionen und Gesellschaft auseinander. Sein Credo: Sieh Dich um in Vergangenheit und Gegenwart, hinterfrage und überlege, wie Du die Zukunft (mit-) gestalten möchtest. Krankheiten bis hin zu Schlaganfällen, Nah-Tod-Erlebnisse, aber auch die Beschäftigung mit der Natur haben den Autor geprägt. Er ist immer wieder aufgestanden, hat nie aufgegeben und so manchen Neuanfang gewagt. Die unterschiedlichsten Thematiken regen den geneigten Leser an, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Vielleicht gehört die Frage dazu: Wie kann ich meinen bescheidenen Teil beitragen, um die Welt freudvoller und friedlicher zu gestalten?
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2020
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12. 3. 2003 – Ein Reh-Gespräch
18. 5. 2003 – Es ist nie zu spät!
Kapitel 1 17. März 1967
Kapitel 2 Wie eine Eiche
Kapitel 3 Der Baum des Lebens
Kapitel 4 Yoga-Übungen
Kapitel 5 Die zwölf Kräfte des Menschen und die Chakras
Kapitel 6 Der Dreieckstein einer Brücke
Kapitel 7 Im Strom des Lebens
Kapitel 8 Auf den Berg zum Gipfel
Kapitel 9 Angst oder Glauben
Kapitel 10 Auf der Autobahn
Kapitel 11 Das Denken
Kapitel 12 Das Gebet – was ist es?
Kapitel 13 Unity / Sufi-Segnung
Kapitel 14 Angst – Habe ich die?
Kapitel 15 Sündenfall und Erbsünde
Kapitel 16 Die Bewusstheit
Kapitel 17 Die Sinuslinie des Lebens
Kapitel 18 Krankenhaus Dachau
Kapitel 19 Allein und einsam
Kapitel 20 Krankenhaus Dritter Orden
Kapitel 21 Der Mensch und die Natur
Kapitel 22 Gottes-Einheit und das Leben auf der Erde
Kapitel 23 Siloah-Krankenhaus 2006
Kapitel 24 Das Kreuz
Kapitel 25 Über den Tod
Kapitel 26 Meine Gedanken über die Welt bzw. den Kosmos
Kapitel 27 Vergleich der zehn Gebote
Kapitel 28 Kyrillische Schrift und Bulgarien
Kapitel 29 Olympia in London 2012
Epilog
Mein Gebet
Zum Autor
Literaturverzeichnis
Mein Dank gilt besonders meinen Eltern!
Herzlichen Dank sage ich auch der Familie Baumeister!
1994 habe ich mit Herrn Hans Deidenbach im „Jäger-Hof“ (in der Nähe vom Pforzheim) ein Seminar organisiert. Eine der Teilnehmerinnen war Frau Christiana Baumeister. Mit ihr habe ich lange Gespräche und auch Telefonate geführt. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die schon 20 Jahre währt.
Mit großer Geduld und Ausdauer lektorierte ihr Gatte Wolfgang Baumeister als Fachkorrektor meine Texte über einen langen Zeitraum hinweg und gab meinem Werk die heutige Form.
Mein Gebet
Meine Vorstellungen
Credo
Ich suchte Gott in Büchern,
Ich suchte Gott im Himmel,
Ich suchte Gott in Kirchen,
Ich suchte Gott in einem Meister,
Ich suchte Gott in fernen Ländern,
Ich suchte Gott in mir und Dir,
– vergeblich.
Eines Tages wanderte ich
ohne Wege, ohne Ziel,
Da erblickte ich auf einem Berg
ihn – einen Baum, eine Eiche,
eine riesige Eiche, ungezählte Jahre alt,
x-mal von Blitzen geschlagen,
trotzdem strahlte aus ihr
Gottes ewiges Leben.
Erschöpft setzte ich mich
in ihren Schatten.
Plötzlich sehe ich vor mir Licht,
Gottes Licht!
Gott fand mich,
Gott fand auch ich
Gott und ich sind eins,
Gott ist in den Sternen und Planeten,
Gott ist auf unserer Erde,
Gott ist in den Bäumen, Pflanzen und Tieren,
Gott ist in allen Menschen,
Gott ist überall,
Ich danke Dir, mein Gott.
17.3.1995
Tief im Wald auf einer Lichtung schlief ein Reh, fast ein Jahr jung. Die Sonne kletterte unaufhörlich ihren Weg zum Himmel hinauf. Ihre Strahlen erwischten das kleine Reh. Es spürte die lebendige Wärme und wälzte sich hin und her und kam langsam auf die Beine. Es erblickte seine Mutter, die in der Nähe Gras äste und gleichzeitig ihr Kind beschützte.
„Mama, ich habe Durst. Darf ich zum Bach hinuntergehen? Aus dieser Pfütze dort schmeckt mir das Wasser gar nicht und es stinkt sogar“, bat das Kleine.
„Nein, mein Junge“, sagte die Mutter, „Zum Bach müssen wir eine breite Straße überqueren. Und auf der Straße fahren viele komische vierbeinige Dinge und sie fahren so schnell. Kaum können wir sie sehen, sind sie schon wieder weg und sogleich kommen andere. So ist das Überqueren der Straße für uns sehr gefährlich. Vor zwei Monaten versuchte der Junge unseres Nachbars, allein diese Straße zu überspringen. Und er kam nicht mehr zurück. Allein darfst du in keinem Fall gehen. In der Dunkelheit fahren diese Dinge weniger. Sie haben so große Augen und wir können sie von Weitem sehen und abwarten, dass die Straße für uns frei wird. Deswegen gehen wir zum Trinken fast immer in der Dunkelheit. So ist es für uns sicherer den Bach zu erreichen.“
„Warum gibt es diese komische Straße überhaupt“ – fragte das Kleine weiter.
„Du weißt das noch nicht. Du bist später geboren. Vor gewisser Zeit gab es keine solche Straße. Wir waren frei. Wir konnten überall gehen, wohin und wann wir wollten. Niemand störte uns. Da kamen viele Zweibeinige daher. Sie machten viel Krach, Feuer und Donner, wie es manchmal aus dem Himmel kommt. Sie zerstörten viele Bäume. Sie machten einen neuen Berg, siehst du dort drüben. Die Zweibeinigen sagen zu diesem Berg Fabrik. Aus dieser Fabrik kommen stinkende Wolken. Und diese Straße führt zu jener Berg-Fabrik. Auf den Straßen fahren die vierbeinigen Dinge zu der Fabrik sehr rasch hin und zurück. In diesen Dingen sitzen die Zweibeinigen. Sie machen auch viel Krach, Gestank und Staub. Davon können wir kaum saubere Luft einatmen. So müssen wir das dreckige Wasser von der Pfütze trinken, sogar das Gras stinkt scheußlich. Unser Leben ist gefährlich und schlechter geworden.“
„Warum sind diese Zweibeinigen und Vierbeinigen so böse zu uns? Woher kamen sie und kommen immer wieder her? Wer hat sie eingeladen?“, grübelte das junge Reh.
Die Mutter fand keine Antworten mehr für die Fragen des Kindes. Sie hatte keine Schule besucht und keine Ausbildung bekommen – sie wurde nur im Wald geboren, wie ihre Eltern, Großeltern und ihre Ahnen. Sie gehörte zu der Natur, zu der Freiheit.
„Können wir in einen anderen Wald gehen, ohne diese stinkenden Fabriken und die Zweibeinigen?“, fragte das Kind mit einer fast ergreifenden Stimme.
„Nein, mein Kind. Wir bleiben hier. Wir leben hier. Das ist unsere Heimat.“
Der Junge blieb still, bedrückt und nachdenklich, vielleicht über das „Warum ist es so?“.
Dieses Gespräch belauschte ich einmal bei einem Spaziergang im Wald.
Und ich schrieb es nieder – nur zum Nachdenken.
Liebe Leserin und lieber Leser
In den siebziger Jahren hat mir eine alte Dame einmal folgendes erzählt:
„Mein Mann lag sterbenskrank im Bett. Eines Tages eröffnete er mir: „Ich möchte dir sagen, ich habe dich nicht geliebt.“ Kurz danach starb er. Und sein Geheimnis nahm er mit sich.
So hat mir meine Bekannte ihr Geheimnis anvertraut.
Ich habe mir lange Zeit Gedanken darüber gemacht, warum ihr Mann so etwas am Sterbebett gesagt haben könnte.
Deshalb fasste ich den Entschluss, diese Geschichte weiterzudenken und so entstand: „Es ist nie zu spät!“
Möglicherweise kommen Ihnen beim Lesen andere Gedanken in den Sinn. Dann schreiben Sie sie doch ganz einfach auf.
18. 5. 2003
Es ist nie zu spät!
Es sind jetzt fünfzig Jahre vergangen.
Robi, mein Mann, schläft heute in einer Liege auf der Terrasse. Das ist sein Lieblingsplatz, von dort hin öffnet sich ein herrlicher Blick zum See und der Kampenwand, wo wir beiden ungezählte Male gewandert und geklettert sind. Er genießt dieses malerische, bunte oder schneebedeckte Panorama.
Auf einem Stuhl daneben sitzend halte ich mit meinen beiden Händen seine rechte Hand, weich und warm, wie immer. Eine plötzliche Erinnerung versetzte mich in Erregung: Warum hat er mir seine Hände nie gereicht? Nur einmal, an diesem Abend! Immer nahm ich zuerst seine Hand. Warum tut er das, fragte ich mich.
Ich spüre den Schlag seines Herzens, manchmal ist er impulsiv und sprunghaft, manchmal verändert und sehr schwach, welch eine Beängstigung! Ich mache mir große Sorge um ihn. Früher hatte er deshalb nur gelegentliche Beschwerden, jetzt aber treten sie heftig auf. Die Ärzte diagnostizieren es so: Der Grund liegt bei seinem starken Rauchen und dem Alter. Es ist nicht ratsam etwas zu operieren. Wir haben schon einige konsultiert, jeder vertritt seine Thesen, einer verschreibt nur wenige Medikamente, der andere sehr viele, ich meine zu viel. Wem sollten wir vertrauen?
Ich wollte seine Haare, die bis heute ihre natürliche dunkelbraune Farben erhalten haben, am Kopf ein wenig zärtlich streicheln. Immer wenn ich dies tue, räkelt er sich wohlig wie unsere Katze, aber er schläft jetzt ganz tief, und ich verzichte darauf, ich lasse ihn deshalb in Ruhe weiterschlafen.
Gestern habe ich seine Lieblingstorte, die Sachertorte, gemacht. Sie ist im Kühlschrank. Wenn er aufwacht, feiern wir beide unseren Hochzeitstag, den goldenen.
Es fühlt sich fast wie damals an.
Ich war damals 19, ein verzärteltes Mädel, das soeben das Gymnasium beendet hatte. Und er hieß Robi oder richtig Robert? Manche Schüler haben ihn Robi genannt, das hat mir gut gefallen, und ich habe diesen Kosenamen übernommen. Unsere Jungen beneideten uns ganz schön und waren fast schon eifersüchtig, weil wir, die Mädchen, ihn sehr verehrten. Es gab fast keine von uns, die nicht von ihm schwärmte. Einige waren insgeheim in ihn verliebt, eine wollte sich vor der Liebe sogar umbringen. Und er war mein Lehrer, Klassenlehrer dazu. Gleich bei dem Abiturball schnappte er mich unter dem Schutz der Dunkelheit auf dem Balkon der Stadthalle: „Liebe Rosi, darf ich deine Hand nehmen?“ Bevor ich erfassen konnte, was das bedeutete und ihm antworten konnte, nahm er meine Hand und küsste sie. Ich spürte, mein Blut begann beinahe zu kochen, eine bis jetzt unbekannte, aber sehr angenehme Wärme überfiel meinen Körper, meinen Kopf und mein Gesicht färbte sich rot wie eine Rose. Gott sei Dank, dass es dunkel war und niemand es bemerken konnte. Als ich seine Worte „Ich will dich heiraten, liebe Rosi. Willst du meine Frau werden?“ hörte, ergriff mich eine komische Panik, mein Herz raste wie ein Radrenner, ich fand keine Antwort. Mir ist nichts anderes eingefallen als: „Ich muss aber meine Eltern fragen.“
Also habe ich weder ja noch nein gesagt. „Nein, liebe Rosi, ich will dich heiraten und nicht deine Eltern. Lange Zeit habe ich darauf gewartet, du bist jetzt nicht mehr meine Schülerin. Ich liebe dich Rosi“. Bevor ich etwas dagegen oder dafür tun konnte, umarmte er mich, küsste meinen Mund, seine Lippen waren heiß. Langsam öffnete ich auch meine, seine Zunge berührte meine, und ich umarmte ihn auch und presste mich an ihn. Unsere Lippen waren so heiß, wurden wie verschweißt, und wir konnten uns lange nicht trennen. Das war unsere unvergessliche, einmalige und für uns ewige Begebenheit. So war dieser Abend, unser gemeinsamer Lebensanfang.
Schon einen Monat später heirateten wir. Meine Eltern opponierten zwar zuerst, haben aber dann doch nachgegeben. Er war 27, ein gut aussehender, geachteter Lehrer und Bürger in unserer kleinen Provinzstadt. Ich schwebte im siebten Himmel vor Glückseligkeit. Er hat sich einen guten und gesicherten Platz in meinem Herzen erobert, aber auch ich bei ihm.
Aber heute? Was ist heute von dem großen Glück und der brennenden Liebe übrig geblieben?, fragte ich mich selber. Ehetreue, Familiensinn, schönes Haus einrichten, Kindererziehung und Sorgen, dass der Kontostand stimmt – sind alle diese Dinge nur wie Luftballons? Unsere Kinder, Tochter und Sohn, haben schon eigene Kinder. Bald kommt die Zeit, wo diese Kinder auch Kinder bekommen könnten. Na, ja, noch vergessen sie den Muttertag nicht. Ab und zu kommen sie kurz im Urlaub zu uns. Weihnachten ist ein Familienfest, sagt man, aber sie blieben bei ihren Familien. So ist es im Leben.
Warum verblasst die Liebe?, frage ich mich weiter: Sie kommt und glüht für ein paar Jahre und verweht schnell, wie der Föhn über die Alpen. Ist die Liebe heute nur purer Sex? Existiert die Liebe nur bei einer Sonntagspredigt in der Kirche? Unsere Gutenachtküsse gehören schon längst der Vergangenheit an. Das Umarmen und Kuscheln seien Kinderspiele, sagt man. Sie sind nur noch Erinnerungen aus jüngeren Jahren.
Am Tage vorher erklärte mir dazu noch mein Mann Robi:
„Meine liebe Rosi, ich muss dir heute gestehen, dass ich dich nicht geliebt habe.“
„Was hast du gesagt, Robi?“, konnte ich nur aus meinem Munde herausbringen.
„ Ach nichts, vergiss es.“ Seine Stimme klang verdrossen.
Ich kann es ganz einfach nicht begreifen. Seine Worte habe ich wohl verstanden, aber was soll das bedeuten? Nach 50 Jahren? Warum hat er mir dies gesagt und darüber dann nicht mehr sprechen? Oder wollte er mich nur wieder necken?
Meine Grübelei wurde durch sein Erwachen unterbrochen und ich wollte unsere Feier auch nicht verderben.
Nun ging es an den Verzehr unsrer „goldenen“ Hochzeitstorte. Robi war jetzt sehr launisch, er zeigte sich nicht sehr gesellig. Seine Gedanken schweiften ab, das merke ich bei ihm sofort.
„Rosi, kann ich noch ein Stück Torte bekommen? Du kochst immer fabelhaft, aber diese Torte ist fantastisch, einmalig. Du hast es noch nicht verlernt.“ Das waren seine einzigen Worte zu unserem Jubiläum.
„Du magst doch die Sachertorte sehr gerne, sie ist für unseren Hochzeitstag.“ Mir fiel nur diese Antwort ein. Heute will ich ihn nicht ärgern, da er in einer Woche ins Krankenhaus gehen muss. Solche Herausforderungen in der Ehe mit ihm habe ich immer mit Ruhe und Gelassenheit bewältigt.
Nach zwei Monaten Aufenthalt im Krankenhaus kam Robi wohl und gut erholt nach Hause. Er beginnt den Garten zu pflegen, liest die Zeitungen, geht allein in die Stadt spazieren, besucht die Spiele unseres Fußballclubs, wo er als Junge gespielt hatte. Er ist in erstaunlicher Weise wieder lebenstüchtig geworden.
Heute Früh hat er mir eine Überraschung vorbereitet:
„Liebe Rosi, wir haben vor Kurzem unsere goldene Hochzeit gefeiert. Damals konnte ich dir keine 50 roten Rosen bringen, du weißt es. Statt dessen machen wir eine Reise. Seit Langem haben wir keine mehr unternommen. Morgen fahren wir ab. Pack den Koffer, Rosi. Einverstanden?“.
So ist mein Robi. Er hat eine natürliche Begabung für solche spontanen Ideen. Ich habe ihm nie widersprochen und jetzt auch nicht. Ich lasse mich von ihm führen, wie damals bei dem Ball. Robi macht es aber auch gut so. Ich freue mich darüber. Er genießt Unternehmungen dieser Art.
Wir fuhren nach Süden. Er lenkte das Auto sicher und ich kümmerte mich überhaupt nicht, wohin. Auf einmal landeten wir vor dem Berghotel „Blauer Enzian“, ganz oben über Madonna di Campiglio. „Das kommt mir doch bekannt vor“, dachte ich mir, ah ja, gleich kam es mir wieder in den Sinn. Ich habe das Hotel sofort wieder erkannt, wohin wir vor 50 Jahren unsere Hochzeitsreise gemacht haben. Ich umarmte meinen Robi und küsste ihn so heiß, wie ich es in diesem Maße seit langer Zeit nicht mehr getan habe. Robi hat mir die richtige Überraschung beschert.
Die damaligen Wirte sind schon längst in den Ruhestand gegangen, die Jungen haben das Hotel übernommen. Sie haben uns sehr herzlich empfangen, als sie unsere Geschichte erfuhren. Wir hatten gar keine Eile. Wie es unsere Kräfte zuließen, wanderten wir tagsüber oder lagen in der Sonne, fuhren mit der Gondelbahn zu dem Gipfel Cima del Grostè hin und übernachteten dort in der Hütte. Wir genossen ganz einfach unsere Zeit.
Eines Abends am Kaminfeuer begann Robi über seine Enthüllung zu reden: „Meine Rosi, ich habe im Krankenhaus über Vieles nachgedacht – über mich selbst natürlich, über dich, über uns und unser Leben nach 50 Jahren Ehe und über das Leben überhaupt. Viele Dinge gingen mir dabei durch den Kopf. Philosophisch ist es einigermaßen klar, aber praktisch gibt es manche Probleme. Du bist eine tüchtige, treue Ehefrau. Nein, den Begriff Ehefrau halte ich für nicht angebracht. Du warst und bist noch heute die richtige Lebensgefährtin, ein Teil von meinem Leben. Das ist die Wahrheit. Du hast viel mit mir ertragen und durchgestanden. Als ich damals in die junge Kollegin verliebt war, hast du mir sehr herzlich verziehen und mich und unsere Ehe gerettet. Es war noch einmal ein Abenteuer, aber du hast dir nichts anmerken lassen. Das hat heute keine Bedeutung mehr und auch keine Spuren hinterlassen. Es bleibt in der Vergangenheit.“ „Robi, das habe ich auch gewusst. Aber ich wollte uns keine Probleme damit machen. Ich liebe dich und kenne dich gut“, entgegnete ich und ließ Robi weiterreden. „Ich war mehr als ein Egoist, ich wollte immer mehr und habe dich nie gefragt, ob du damit einverstanden bist oder nicht. Ich war sehr dominant, wie ein König, und betrachtete dich wie eine Leibeigene, so kann ich das heute sagen. Bitte unterbreche mich nicht (ich wollte ihm gerade widersprechen). Deswegen habe ich dir am Tag vor unserem 50. Jubiläum gesagt: „ich habe dich nicht geliebt“. Heute frage ich mich, wo es diese viel gepriesene Liebe gibt? Was ist eigentlich die Liebe? Ich habe Biologie studiert und mehr noch. Darin unterrichtet, einige Artikel und ein Buch darüber herausgegeben, aber darin waren nur pure Theorien, Fachbegriffe, Lehren usw. Biologie im ursprünglichen Sinne heißt Leben. Aber da ist keine Rede über die Liebe. Leben ohne Liebe? Das ist eine menschliche Paradoxie, nicht wahr?
An einem Tag beobachtete ich ein Paar Tauben vom Balkon des Krankenhauses. Sie spielten auf dem Boden, unterhielten sich in ihrer Sprache, die kein Mensch verstehen kann, sie „guu - guugten“ sich an, kuschelten und küssten sich einander mit den Schnabel. Ich wollte wissen, was und wie sie es nun tun würden. Sie spielten fast eine Stunde. Ich habe diese Stunde meiner Beobachtung gut ausgehalten. Dann kam plötzlich der körperliche Liebesakt, er dauerte nicht mehr als eine Minute. Heute nennt man dies Sex. Bei den Tauben war es kein purer Sex, sondern eine echte natürliche Liebe oder besser zu sagen Liebesbeziehungen zueinander und miteinander. Meiner Ansicht nach kann ich heute sagen, ich habe nicht so wie diese Tauben gelebt.
Ich wollte dir mehr Liebe geben, aber unsere Zeit dafür kam dabei zu kurz. Die Arbeit, die Verpflichtungen hatten immer den Vorrang. Durch die materiellen Dinge vernachlässigte ich die Liebe. Ich bin ein bisschen beunruhigt, warum leben und lieben z. B. die Tauben so viel einfacher und die Menschen komplizieren es, leiden darunter, manche machen es sogar kaputt. Man sagt, die Tiere haben nur Instinkte. Nein, ich bin anderer Meinung, die Natur zeigt uns das Gegenteil, die Tiere haben auch Liebe, aber ihre eigene Liebe und nicht wie die der Menschen.
Eines Tages nahm ich die Bibel zur Hand, die in jedem Zimmer im Krankenhaus liegt. Seit meiner Schulzeit habe ich sie nicht mehr angerührt. Darin fand ich die Stellen, wo Jesus über die Liebe sagte: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie du dich selbst.“ (Mt. 22/39) Jetzt habe ich dies begriffen, ohne meine eigene Liebe kann ich sie den Anderen nicht weitergeben. Meine Liebe war leer. Ich muss wieder Liebe tanken, mich für die geistige Energie Gottes öffnen, die ist immer da, wie das Wasser im Fluss oder im Strom. Es ist unheimlich stark und wirksam, wenn es durch einen Kanal zu der Turbine geleitet wird, sich in Strom verwandelt und seine nützliche Wirkung zeigt. Aber wenn es nicht durch einen Kanal fließt, ist es wild, und verursacht Schaden. Übrigens Schaden ist nur eine menschliche Auffassung bzw. Begriff. Das Wasser verändert sich und trägt zur ewigen Umwandlung der Natur auf der Erde bei. Bis jetzt habe ich nur mit meinem Kopf, meinem Verstand gelebt und gehandelt. Ich und jeder Mensch braucht die geistige Energie, die Liebe, nicht nur bei der Geburt, bzw. der Zeugung, sondern jeden Tag, wo auch immer.
„Die Taubenliebe“ hat mich verändert, mein Herz wurde für die Liebe geöffnet, für dich meine Rosi, für uns und für die Anderen.
Wir saßen lange Zeit in der Stille, jeder in sich selber versunken. Er legte seinen linken Arm um meine Schulter und ich kuschelte mich an ihn. Wir hielten uns an den Händen und küssten uns wie damals. Da spürten wir, dass unsere Liebe nicht erloschen ist, sondern noch lebendiger als früher. Nein, der heutige Kuss ist heißer, inniger. Er nährte sich aus der Tiefe unserer Herzen, viel länger, unvergesslich, unbeschreiblich, er bleibt nur zwischen uns beiden, für immer.
Als das Feuer im Kamin langsam zu erlöschen begann und seinen Platz die nächtliche Kühle einnahm, gingen wir ins Zimmer und Robi sagte zu mir: „Gestern ist gestern, es ist Vergangenheit. Der Morgen ist noch nicht da, heute ist jetzt, nun beginnen wir unser neues Leben durch die Liebe, ich liebe dich meine Rosi.“
„Ja, mein Robi, wir beginnen nun ein neues Leben, für uns. Es ist nie zu spät, Robi.“ „Einverstanden meine liebe Rosi“.
Dann gingen wir zu Bett.
Gott gibt die Nüsse.
Aber er beißt sie nicht auf.
Goethe
Der Geist baut das Luftschiff;
Aber die Liebe macht gen Himmel fahren.
Christian Morgenstern
Dem Mysterium nach gilt die Zahl 17 als die der Überwindung.
Ich bin am 17. April, einem Gründonnerstag, geboren. Aufgewachsen, gelebt und gearbeitet habe ich in Bulgarien.
Am 17. März 1967 war ich dienstlich auf einer Fachausstellung in München. Zwei Jahre zuvor habe ich einen Mann aus der BRD, Herrn Walter B., in Moskau auf einer Fachmesse über Baumaschinen kennengelernt. In München dann trafen wir uns an seinem Messestand. Damals konnte ich Deutsch nur bruchstückhaft, aber wir haben uns trotzdem verstanden. Im Laufe des Gespräches, ich hatte nur eine halbe Stunde zur Verfügung, bekam ich eine innere Eingebung. Er machte auf mich einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck und ganz spontan wagte ich ihn zu fragen: „Was würden Sie mir sagen und raten, wenn ich in Deutschland bleiben möchte?“ Wahrscheinlich erschrak er über meine unerwartete Frage. Er dachte sicher: Ist das jetzt eine Falle vom KGB oder ein aufrichtiges Anliegen?
Kurz und bündig fragte er mich deshalb: „Wenn Sie ernsthaft in Deutschland bleiben wollen, nehme ich Sie ganz einfach mit.“
„Ja “ oder „nein“. Jetzt musste ich mich ganz schnell entscheiden. Wir waren eine Delegation von vier Leuten aus Bulgarien und mussten am nächsten Tag in der Früh zurückfliegen. Wann bekomme ich wieder eine solche Gelegenheit, nach Deutschland zu reisen? Der liebe Gott wusste dies wahrscheinlich selbst nicht, dachte ich bei mir.
In diesem Moment kam ein Kollege an den Stand, um mich zu fragen, ob ich fertig wäre? (Niemand von uns durfte allein gehen, er hatte mir dies anvertraut). „Warte bitte noch ein bisschen in der nächsten Halle, ich komme gleich nach“, antwortete ich ihm.
Ich sagte Herrn Walter B. „ja“ und er hat mich tatsächlich mitgenommen.
So schloss ich mein bisheriges Leben in Bulgarien ab und begann einen neuen Weg – von null an.
Damit wurde die Überwindung und Umwandlung meines Lebens am 17. März 1967 vollzogen.
Ich wohnte fast zwei Jahre bei der Familie Walter B. mit Frau Luise, der Tochter Claudia, den Söhnen Manfred und Alexander. Sie nahmen mich sehr herzlich auf. Ich fühlte mich wie ein weiteres Mitglied der Familie. Für den unerwartet herzlichen Empfang, der mir hier entgegengebracht wurde, sagte ich ein großes Dankeschön.
1969 bekam ich ein Stipendium für ein Studium im Goethe-Institut, danach ging ich nach Oberbayern.
Dort verliebte ich mich in die Alpen und München.
Die Alpen gaben und geben mir noch heute absolute Ruhe und unendliche Freiheit.
Bei einer Baufirma in München fand ich eine Stelle. Danach wurde ich arbeitslos und begab mich auf Stellensuche. Angebote bekam ich von großen Firmen in Mannheim, Frankfurt, Karlsruhe usw. Arbeiten wollte ich aber in München, um in meine Alpen wandern zu können. Ich habe mich also bei der Firma MAN beworben. Als Antwort bekam ich Folgendes: „Sie sind zwar ein Spezialist für diese Stelle, aber Sie kommen aus dem Ostblock. MAN ist dort mit militärischen Aufgaben beauftragt und deswegen können wir Sie nicht einstellen.“
Im gleichen Monat las ich in der Zeitung, dass MTU die Stelle für einen Maschineningenieur ausgeschrieben hat. Ich bewarb mich sofort dafür. Ein paar Tage später bekam ich einen Brief mit einer Einladung zu einem Gespräch bei MTU. Ich ging hin und bekam die Stelle, obwohl diese Firma noch größere militärische Aufträge als MAN dort hatte.
