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Als Herbert mit der geheimnisvollen Deutsch-Norwegerin Maria zu einer Nordlandreise zu Fuß und ohne viel Geld aufbricht, die sie an den gewaltigen Malstrom des Saltstraumen über dem Polarkreis führt, ist schon einiges schief gelaufen in seinem Leben. Die neue Zahnarztpraxis in Kiel hat Höhen und Tiefen erlebt und ihn mit dem Gesetz in Konflikt gebracht. Beide stehen sie an einem Wendepunkt ihres Lebens und Herbert ahnt nicht, welche Fäden ihr Schicksal miteinander verknüpft hat. Die Wege durch Deutschland, Skandinavien und Brasilien führen durch atemberaubende Natur und in die Tiefen der Seele. Die Suche nach dem Spirit der Schöpfung führt auch zum Nachdenken über Religion und Mythos, Schuld und Vergebung und darüber, was wirklich zählt im Leben…
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Thomas Herholz
Es ist nie zu spät...
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kurzbeschreibung und Widmung
2. Über Buch und Autor
3. Prolog
4. Reise ins Nordland - 1995
5. Die Zahnarztpraxis - 1992 / 1993
6.
7.
8.
9.
10.
11. Marias Geschichte
12.
13.
14.
15.
16. Wendungen und Aufbrüche - 1993 / 1994
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24. Ein Neues Leben – 1995 / 1996 / 1997 / 1998
25.
26.
27.
28. Epilog
29. Textnachweise
30. Dank
Impressum neobooks
Eine spannende Reise in die Welt und zu sich selbst.
Zwischen Kiel, Norwegen und Brasilien.
Eine Geschichte über Verbrechen und Liebe, Menschen- und Gotteserkenntnis, Religion und Spiritualität, Missachtung und Respekt, Schuld und Umkehr.
Geschrieben mit Humor und Poesie und Achtung vor der Schöpfung und allen Geschöpfen.
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Für Gerda
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Das vorliegende Buch ist ein Roman, auch wenn ein paar Charaktere vage Vorbilder in der Realität haben, von denen einige Eigenschaften mein Schreiben inspiriert haben mögen.
Dennoch bleiben es frei erfundene Kunstfiguren.
Ihre Beschreibungen, Handlungen und die sich ergebenden Ereignisse sind rein fiktiv.
Als Herbert mit der geheimnisvollen Deutsch-Norwegerin Maria zu einer Nordlandreise zu Fuß und ohne viel Geld aufbricht, die sie an den gewaltigen Malstrom des Saltstraumen über dem Polarkreis führt, ist schon einiges schief gelaufen in seinem Leben.
Die neue Zahnarztpraxis in Kiel hat Höhen und Tiefen erlebt und ihn mit dem Gesetz in Konflikt gebracht.
Beide stehen sie an einem Wendepunkt ihres Lebens und ahnen nicht, welche Fäden ihr Schicksal miteinander verknüpft hat.
Die Wege durch Deutschland, Skandinavien und Brasilien leiten sie durch atemberaubende Natur und in die Tiefen der Seele.
Die Suche nach dem Spirit der Schöpfung führt auch zum Nachdenken über Religion und Mythos, Schuld und Vergebung und darüber, was wirklich zählt im Leben…
Neben seiner Arbeit als Zahnarzt hat sich der Autor jahrzehntelang in seiner Pfarrgemeinde ehrenamtlich besonders für Eine-Welt-Partnerschaften und caritative Aufgaben engagiert und ist natürlich auch an den ewigen Menschheitsfragen nach dem Göttlichen, der Schöpfung und dem Sinn des Daseins interessiert. Er liebt und beschreibt seine Heimat an der Ostsee, hat aber auch mit offenen Augen Skandinavien und Südamerika bereist. Seit seiner Studentenzeit hat er hunderte von Gedichten über Gott und die Welt, Natur, Liebe und andere Gemütslagen verfasst.
Manches aus diesen Berufs- und Lebenserfahrungen findet sich in teils humorvollen, teils nachdenklichen oder poetischen Passagen des Romans wieder.
Eingebunden in eine spannende Beziehungsgeschichte zweier junger Menschen mit kriminalistischen und dramatischen Elementen entwickelt sich auch eine deutsch-norwegische Familiengeschichte über mehrere Generationen, und es ergeben sich Einblicke in christliche Projektarbeit im „Armenhaus“ Brasiliens.
Thomas Herholz studierte und promovierte in Tübingen, bevor er 40 Jahre lang als Zahnarzt in Norddeutschland praktizierte.
Mit seiner Frau lebt er in Kiel. Das Paar hat vier erwachsene Kinder.
Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir.
HERR höre auf meine Stimme…
So du willst, HERR, Sünden zurechnen,
HERR, wer wird bestehen?
Denn bei dir ist die Vergebung,
daß man dich fürchte.
Ich harre des HERRN,
meine Seele harret,
und ich hoffe auf sein Wort…
(aus Psalm 130, de Profundis)
Als Herbert nach unruhiger Nacht mit dickem Kopf und schweren Gliedern erwachte, fiel es ihm wieder ein: Er war jetzt 35 Jahre alt und wollte wieder Ordnung in sein Leben bringen. Er schob die dicke Gardine ein Stück weit zur Seite und ließ einen Strahl Sonne herein, der seinen guten Vorsatz zu unterstützen schien…
Im Bad wusch er sich nachlässig und putzte ausgiebig seine Zähne: Das war ihm immer das Wichtigste gewesen.
Er bereitete den altertümlichen Mokka-Kocher vor, setzte sich ins unaufgeräumte Wohnzimmer und schaltete den neuen PC seiner Eltern ein: mit Pentium Prozessor und Windows 95, der neueste Stand der Technik. Nach nur drei Minuten war er hochgefahren und lief zuverlässig, nicht wie sein alter 3-86er Kasten, der ständig abgestürzt war.
Ein Gutes hatte es also schon mal, dass er wieder bei Mutter und Vater in Burgwedel untergeschlupft war. Er holte sich einen dampfenden Espresso und schob das USB-Ende des Verbindungskabels zur Digitalkamera in den Computer. Digicams waren gerade der letzte Schrei, und als immer schon Technikbegeisterter hatte er sich schnell entschieden und die 1200,- D-Mark dafür zusammengekratzt.
Ein paar Mouse-clicks und auf der vollen Fläche des großen Röhrenmonitors erschien ein Bild, das ihn wieder aufwühlte: der große Strudel im Saltstraumen!
Er hatte mindestens 20 Fotos davon gemacht, die zwar nur einen milden Abklatsch des Erlebten vermittelten, doch als er die Augen schloss, fühlte er sich gleich wieder mitten drin im unwirklichen Geschehen: Er hatte Maria bei der Hand gefasst und blickte von der Plattform des kleinen Leuchtturms aus ungläubig ins Getöse. Ein großer, blasser Vollmond hing tief über dem Wasser. Es war Ende Mai 1995 und Mitternacht, aber hier, über dem Polarkreis, wurde es jetzt nicht mehr dunkel, obwohl die Sonne vor einer halben Stunde sich kurz verabschiedet hatte.
Ein grollendes Rauschen war zu hören, und man konnte geradewegs in die tosenden Strudel schauen, die den Blick unweigerlich in die Tiefe zogen, die der gewaltige Malstrom aufgerissen hatte. Ihm war aber so gewesen als würde er aus der Tiefe emporgehoben und aus einem Höllenschlund nach oben katapultiert, und eine Melodie aus einem uralten Gesangbuch fiel ihm wieder ein, die er seit Kindertagen nicht mehr gehört hatte: „Denn aus dem Wasser und dem Geist wurden wir neu geboren“.
Schon zum zweiten Mal hatten sie jetzt das Schauspiel gesehen, und die 6 Stunden zwischen den Höhepunkten waren ihnen wie im Fluge vergangen.
Schon der alte Gruselpoet Edgar Allan Poe hatte den unheimlichen Strudeln im frühen 19. Jahrhundert in seiner Novelle „Hinab in den Maelström“ ein unvergleichliches Denkmal gesetzt.
Maria hatte hier ihre Kindheit verbracht und sie kannte nicht nur die berühmte Stelle unter der mächtigen Salt-straumen-bru, wo immer einige Angler und Touristen standen. Hier wogten 400 Millionen Kubikmeter Gezeitenwasser durch einen nur 150 Meter breiten Sund vom atlantik-nahen Saltfjord in den inneren Skjerstadfjord und zurück und bewirkten den stärksten Malstrom der Erde. Sie kannte auch die geheimen Angelplätze, wo die Einheimischen seit Jahrhunderten die hier überreich einschwimmenden Seelachse, Köhler und Steinbeißer herauszogen, die verschwiegenen kleinen Buchten, an denen man lagern und dank des Golfstroms im Sommer baden konnte und die grün bewachsenen höheren Plateaus, von wo aus man weit über die Fjorde und bis nach Bodøam Nordmeer die Blicke schweifen ließ.
In Bodø lebte Marias schräger Vater und ihre gemeinsame Reise würde hier enden. Am übernächsten Tag schon hatte Herbert seinen Flug mit Norvegian Airshuttle, der Regionallinie der Braathens-Fluggesellschaft, gebucht, der ihn über Oslo nach Hannover bringen würde.
Ole freute sich über ihr Kommen, zumindest über Marias Kommen, obwohl ihr Verhältnis nicht immer unbelastet gewesen war. Er war vor 32 Jahren, also 1963 in den Norden gekommen, nachdem seine kleine Flensburger Malerfirma in Konkurs geraten war.
Hier oben waren fleißige deutsche Handwerker gesucht gewesen, und er hatte gutes Geld verdient und eine blonde norwegische Frau gefunden: Siv war aber vor fünf Jahren an Krebs gestorben, und mit Ole war es bergab gegangen.
Er hatte die Sprache nie richtig gelernt; auf dem Bau reichten Gesten und ein paar kurze Sätze auf Englisch. Zuhause gab es nur Fernsehen, Bier und Schnaps. Mit 60 war er aus der Firma geflogen und hatte erstmal auch keine Lust mehr auf Angeln gehabt, dem einzigen Hobby, das ihm früher Spaß gemacht hatte. Bier, Wodka und Akvavit bestimmten jetzt sein Leben. Maria hatte sich vorgenommen, das zu ändern.
Das kleine Haus am Fjord hatte Ole längst verkauft und gegen eine noch kleinere Wohnung eingetauscht. Immerhin konnte er damit die Schulden bezahlen, die durch Sivs Krankheit und seine Trinkerei aufgelaufen waren.
Am letzten Abend hatte Herbert immer wieder nicht „nein“ sagen können und einen Schnaps nach dem anderen mit Ole geleert, als sich Maria schon längst schlafen gelegt hatte. Morgens um 6 war er dann zum nahegelegenen Airport gewankt und bekam so eben noch den 8 Uhr-Flieger nach Hause, wo er nur noch schlafen wollte.
Die Zeit in Norwegen aber war traumhaft schön gewesen. Maria hatte ihm gezeigt, wie man im teuer gewordenen Wohlstandsland auch mit wenig Geld reisen konnte:
Mit leichtem Gepäck hatten sie in Puttgarden am Fährterminal gestanden und an skandinavische LKW- Türen geklopft. Bei Igor, dem weißrussischen Trucker mit der Schiebermütze hatten sie Erfolg gehabt. Er fuhr mit polnischen Schweinehälften bis ins schwedische Helsingborg und freute sich über die Reisegesellschaft.
Natürlich wollten Maria und Herbert nicht als blinde Passagiere reisen, hatten ihre Reisepässe im Rucksack und kauften sich Landbridge-Tickets für Fußgänger. Die waren billig und galten für die Scandlines-Fähren von Puttgarden auf Fehmarn über den Belt nach Rødbyhavn auf Lolland und weiter über den Øresund vom dänischen Seeland nach Schonen in Schweden.
Die Überfahrten verliefen ruhig, und sie gönnten sich auf der ersten Fähre Tuborg Øl und rote dänische Pølser mit Kartoffelsalat und luden Igor dazu ein. Der erzählte von Frau und Kindern in Minsk und dass die schwedische Spedition die Chance seines Lebens gewesen war.
Als sie die Türme des Hamletschlosses von Helsingør schon lange im Rücken hatten, verabschiedeten sich Maria und Herbert von ihrem freundlichen Fahrer und erreichten Schweden bei strahlendem Sonnenschein.
Die Jugendherbergen hießen hier Vandrahjem, in Helsingborg war eine in der Hantverkergatan leicht zu finden; das Zweibettzimmer kostete mit Frühstück umgerechnet 30 Mark.
Es war jetzt 5 Uhr nachmittags, und sie setzten sich auf den sonnigen Marktplatz Stortorget und packten ihre Butterbrote von zuhause aus und aßen dazu Himbeereis aus der Bageri gegenüber.
Sie waren todmüde und schliefen wie die Murmeltiere. Nach einem reichlichen Frukost in der Herberge machten sie sich auf den Weg nach Norden: Zuerst wanderten sie an den steil zum Øresund abfallenden Klippen entlang, die die Halbinsel Kullen so eindrucksvoll machten. Dann ging´s durch dichte Laubwälder und über grüne Matten 25 Kilometer fleißig voran bis nach Ängelholm. Die Natur am Wegesrand explodierte in echter Frühlingslaune, und sie erreichten erschöpft aber glücklich das kleine Städtchen und checkten ein im „Familjecamping“ mit herrlichem Strand und Blick aufs Kattegat. Um diese Zeit waren noch die kleinen, preisgünstigen Stugors frei, in denen Gäste ohne Zelt schlicht, aber zünftig übernachten konnten. Schlafsäcke und Isomatten trugen die beiden zusammengerollt auf ihren Backpacker-Sachen; solange das Wetter trocken blieb, würden sie auch mal draußen übernachten können. Herbert kannte Maria jetzt seit gut einem Jahr, und seit sie ihre „Krankheit“ weit hinter sich gelassen hatte, war sein Verlangen zu spüren, ihr näher zu kommen. Er hatte es mehr als einmal versucht, und besonders jetzt, da sie so in der herrlichen Natur im Einklang miteinander unterwegs waren, zog er sie abends manchmal an sich und hoffte auf ihr stilles Einverständnis. Indes war sie nie zu mehr bereit als zu einem freundschaftlichen Kuss mit geschlossenen Lippen, und bald wurde ihm klar, dass er gut daran tat, ihr Verhalten zu akzeptieren…
Am nächsten Morgen neckten sie sich mit kaltem Wasser und zogen kameradschaftlich weiter. Nach Oslo waren es noch gut 400 Kilometer, und sie suchten nach einem Lastwagen, der sie über die E20 wenigstens bis Göteborg bringen könnte, oder sogar weiter in Richtung Norden.
Sie hatten Glück: In Höhe von Förslöv und bei einsetzendem Nieselregen erbarmte sich Bernie Hansson, der täglich mit seinem Backwarenlaster zwischen Malmö und Göteborg pendelte und heute sogar bis Trollhättan weitermusste, um einen Kollegen abzuholen.
Sie nahmen seine Freundlichkeit gerne an und revanchierten sich mit einem Strauß bunter Wiesenblumen für sein Führerhaus und mit viel Lob für sein wunderschönes und gastfreundliches Schweden. Die Küstenfahrt über Halmstad und Varberg bis Göteburg über den Europaväg 20 verlief meist mit geringem Abstand zum Kattegat, sodass man das Wasser eher selten zu Gesicht bekam, aber immer ging´s durch grüne Landschaft, auch über Brücken und durch Tunnels. Zwei Stunden vergingen wie im Fluge. Sie entschieden sich nach der kurzen Rast in Göteborg noch eine gute Stunde weiter bis Trollhättan mitzufahren und damit gut 300 Kilometer mit Bernie zurückzulegen. Nun ging es entlang des Göta älv, der sich tief in die romantische Landschaft eingegraben hat und phantastische Ausblicke ermöglicht. Die „gotische Elbe“ ist Schwedens längster Fluss, kommt vom riesigen Vänern-See her und fällt bei Trollhättan einen Wasserfall hinunter, bevor er gemächlicher weiterfließt an die Küste des Kattegat.
Wasser hatte Herbert immer fasziniert, und so wollte er unbedingt den tosenden Wasserfall erleben, der jetzt im Mai nur einmal in der Woche zu bewundern war, weil das Wasser ansonsten ein altes Kraftwerk zur ökologischen Stromerzeugung antrieb.
Es war Freitag, und am Sonnabend um 15 Uhr sollte das Spektakel beginnen, bei dem der Älv wieder in sein angestammtes Bett und sich 36 Meter in die Tiefe stürzen durfte.
Die beiden leisteten sich zur Feier des kommenden Tages wieder ein Zimmer im Vandrarhem.
Beim Abendessen in der Herberge mit deftiger Erbsensuppe und Varmkorv genannten Würstchen lernten sie Sepp aus Mittenwald kennen. Der Bayer hatte im letzten Jahr an den Olympischen Winterspielen in Lillehammer teilgenommen und war jetzt auf dem Weg dorthin, um neue Freunde wieder zu treffen und etwas auf der großen Schanze zu trainieren. Herbert verstand nicht recht: Skispringen Ende Mai?
„Aber klar“, meinte Sepp, „das ist eins der größten Sportzentren Norwegens, da gibt’s Sommertraining für Biathleten, Rennrodler und Eisschnellläufer, viele nutzen die hypermodernen Anlagen. Und der Rest rennt herum und macht Konditionstraining…“ Er lud sie ein, morgen mitzukommen, in seinem großen Volvo-Kombi wäre neben den Sprung-Ski sicher noch Platz für zwei dünne „Preiss´n“. Weil er aber einige Paletten Bier geladen hätte, Tuborg - günstig auf der Fähre nach Dänemark gekauft -, wollte er nicht über Oslo fahren, wo alle Touris ankämen und der Zoll besonders aufmerksam sei. Außerdem hätte er auch zwei Kästen Andechser Klosterbier dabei, natürlich Doppel-Maibock, 7,1 %, seine skandinavischen Freunde würden Augen machen, sowas kostete ja sonst ein Vermögen in Norwegen.
Er würde also schön am Vänern entlangfahren und dann nach Arvika und bei Charlottenberg über die „grüne Grenze“ nach Kongsvinger und weiter nach Lillehammer. Ne tolle Gegend sei das, vielleicht könnte man auf der norwegischen Seite sogar schon baden, im Storsjøen oder im Mjøsa zum Beispiel - wenn sie das 10° „warme“ Wasser nicht stören würde.
Sieben Stunden rechnete Sepp mindestens für die fast 500 Kilometer, man würde also irgendwo bei Kongsvinger auf der norwegischen Seite übernachten, nach glücklich überstandenem Alk-Schmuggel- Abenteuer. Herbert grinste süß-sauer, er hatte mit Drogen keine allzu guten Erfahrungen gemacht. Aber der Bayer sagte nur: „Bier ist kein Alkohol, sondern Grundnahrungsmittel!“ Da wollte Herbert kein Spielverderber sein, außerdem kämen sie so dem richtigen Norden wieder ein gutes Stück näher; zum Polarkreis war es allerdings dann immer noch weit.
Erst einmal kam aber das Spektakel mit dem Wasserfall: Vier „Schütze“ des Kraftwerks sollten um Punkt 15 Uhr geöffnet werden, und der Fluss mit Gurgeln und Getöse ins alte Bett zurückströmen, bis er nach fünf Minuten den „Höllenfall“ erreichen und mit Gebrüll 32 Meter in die Tiefe stürzen würde. Von der Brücke der Landbergsliden-Straße beobachteten die drei mit „ein paar“ anderen Touristen nur eine kleine Auswirkung der Urkräfte der Natur, die Skandinavien geprägt haben: Fels, Eis und Wasser. Sie würden noch einiges mehr davon zu sehen bekommen und waren jetzt schon schwer beeindruckt.
Am Nachmittag ging es dann mit Sepps Volvo durch die wunderbare Landschaft der glazialen Seen bei Bengtsfors über die Grenze nach Norwegen hinein.
Am Glomma-Fluss fanden sie einen Schlafplatz in freier Natur. Hier galt das Allemannsretten, das norwegische Jedermannsrecht: Überall in der Natur darf man sich aufhalten und übernachten, solange man sich „vernünftig“ verhält und mindestens 150 Meter Abstand vom nächsten Haus hält…
Am nächsten Morgen um 7 Uhr 30 gab es trotzdem ein abruptes Erwachen: Ein gelb-weiß-schwarzer Mercedes hielt und ein freundlicher Uniformierter stieg aus: „Toll-Kontroll, bitte lassen Sie mich mal ins Auto schauen!“ Sie lagerten 30 Kilometer hinter der Grenze, aber die Beamten kannten ihre Pappenheimer und kontrollierten im Hinterland: Die Kisten mit dem guten Andechser sahen sie sofort: „Konfisziert!“, die vier Paletten Tuborg-Büchsen hatte Sepp geschickt unter seine Ski- Klamotten gewühlt, die höflichen Staatsdiener bemerkten sie nicht – oder wollten sie nicht sehen. Sie tippten freundlich an die Mützen, wünschten noch guten Aufenthalt in Lillehammer und fuhren grinsend von dannen; der nächste Vereinsabend des Polizei- und Zoll-Clubs Kongsvinger war wohl gerettet, meinte Sepp, „hätte schlimmer kommen können…, die Sportskanonen müssen dann eben mit dänischem Bier zufrieden sein, immer noch besser als die überteuerte Lightbeer-Plörre, die es hier gibt.“
Als die drei am Storsjøen zum Baden hielten, war die schlechte Laune schon wieder vergessen. „Soll hier nicht ein Seeungeheuer sein Unwesen treiben, so´ne Art norwegische Nessi?“, unkte Herbert. Aber Maria winkte ab, sie kannte die Geschichten, die wohl vor allem den Tourismus ankurbeln sollten. Das war aber im Storsjön bei Östersund, und das lag etwa 300 km nördlicher und in Schweden. Kleine Unterschiede können wichtig sein…
Sie kauften Brot, Milch und Käse, frühstückten ausgiebig und fuhren frohgestimmt noch eineinhalb Stunden bis nach Lillehammer.
Lillehammer lag 450 Meter über dem Meeresspiegel, am schmalen Nordteil des fast 100 Kilometer langen eiszeitlichen Mjøsa-Sees und schien von 1000 Meter hohen Bergen umgeben. Das klingt nach Mittelgebirge, ist aber eine wahre Alpenlandschaft, und die umliegenden Skigebiete haben es in sich und sind von Dezember bis März ziemlich schneesicher. Die Stadt mit fast 30.000 Einwohnern war jedenfalls für alle norwegischen Winter-Olympioniken ein Muss.
Sepp steuerte den großen Volvo gleich zum Besucherparkplatz am Lysgårdsbakken. Hier konnten sie lagern und etwas zum Essen brutzeln; Sepp war da mit Propangaskocher und Campinggeschirr ganz gut ausgestattet und bot den beiden Reisenden sogar an, in seinem kleinen Igluzelt zu nächtigen, er selbst war es sowieso gewohnt, auf dem flachgelegten Beifahrersitz zu schlafen.
Aber erst einmal mussten sie sich die beiden imponierenden Skisprung-Schanzen ansehen, die 200 Meter weiter in den blauen Himmel ragten, 120 Meter hoch: „Wahnsinn !!“. Die Großschanzen wirkten beängstigend steil. „Da müsst ihr hoch“ meinte Sepp und zeigte auf die schmalen Metallstufen, die wie eine schräg gelegte Leiter zwischen den Schanzenbahnen in die Höhe führten.
„Nie im Leben!“ meinte Herbert, der eingefleischter Flachländer war und zu Höhenängsten neigte. „Sei kein Frosch“ sagte Sepp, „springen brauchst´ ja net.“ Und weil auch Maria aufmunternd lächelte, fasste sich Herbert ein Herz und stapfte die enge Treppe tapfer hinter den beiden anderen bergan: 936 Stufen waren es, „nur nicht runtergucken!“
Oben angekommen weitete sich der Blick auf ein Bergplateau und der Schwindel ließ nach. Der Ausblick auf Lillehammer und den Mjøsa-See war wunderbar. Oben standen einige Blockhäuser und Tipis wie in einem Cowboy- und- Indianer- Film. Herbert erinnerte das an einen Ausflug zu den Bad Segeberger Karl-May-Festspielen, den er als Kind während eines Ostseeurlaubs mit den Eltern unternommen hatte. Einige sommertrainierende Möchtegern-Olympioniken saßen auf den Bänken in der Sonne und plauschten. Als sie Sepp erkannten, gab es ein großes Hallo und eine spontane Feier, zu der auch schnell das Bier per Auto vom Parkplatz geholt wurde. Es war früher Nachmittag und über 20° warm in der milden Maisonne. Sie erklärten das Training für beendet und ließen die Tuborg-Büchsen kreisen. Hoffentlich würden sie nicht morgen allzu enthemmt den grünen Kunstrasen hinunterfliegen…
Der Treppenabstieg verlief jedenfalls entspannt. Maria und Herbert schliefen tief und lange im Zelt und verabschiedeten sich am nächsten Morgen nach dem Frühstückskaffee vom Campingkocher von ihrem großzügigen neuen Freund aus dem fernen Bayern.
Sie gingen dann auf dem großen Parkplatz von Auto zu Auto und fragten, ob jemand sie ein Stück weit mitnehmen könnte. Die meisten dort waren Skandinavier oder Touristen aus England und Deutschland. Die wortkargen Norweger wurden sofort freundlich, als Maria sie in ihrer Muttersprache ansprach und gaben sogar Tipps, wer wahrscheinlich die Nordroute fahren würde. Ein älteres Ehepaar mit großzügigem Wohnmobil war dann schnell bereit, sie einige Tage zu beherbergen, und auf ging es über den Kongsvägen immer den langgestreckten Losna-See entlang in Richtung Fåvang. Die wenigen Komfort-Campingplätze ließen sie links liegen; die beiden Alten kannten genug ruhig gelegene Naturplätze mit herrlichen Ausblicken auf den See und waldiges Bergland. Wie viele Landsleute liebten sie ihr weitgestrecktes raues Land, das so viele Landschaften bot, dass sie jedes Jahr aufs Neue aufbrachen. Maria und Herbert lernten von ihnen viel über Land und Leute, als sie entlang des wasserreichen Gudbrandsdalslågen weit über Dovre hinausfuhren. Kurz vor Åndalsnes verabschiedeten sie sich von den netten Oldies, weil sie den berühmten Trollstigen zu Fuß erklimmen wollten. Fünf Stunden brauchten sie mit ihrem Gepäck über die engen Serpentinenwege mit immer neuen atemberaubenden Ausblicken.
Oben empfing sie eine unwirkliche Hochgebirgslandschaft aus moosbewachsenen Felsterrassen, spiegelnden Bergseen und schroff aufragenden, scharfgratigen Bergmassiven. Die Temperatur war auf 7° gefallen, und überall an den Nordseiten der Abhänge lagen weite Schneeflächen. Nach den turbulenten Tagen mit Sepp und den vielen Gesprächen mit den Wohnmobilisten tat ihnen die Ruhe in der erhabenen Weite der wuchtigen Natur besonders gut. Drei Tage brauchten sie durchs Bergland nach Geiranger: Sie mussten den Storfjord auf der Eidsdålfähre überqueren und wanderten die letzten 10 Kilometer über die sich schlängelnde, neu eröffnete Adlerstraße hinunter zum kleinen Ort am äußersten Ende des berühmten Fjords, wo vor dem kleinen Anleger ein Schiff dümpelte. „Es ist die Vesterålen der Hurtigruten“, meinte Maria, die das Schiff von früher her kannte, „ich glaube, die ankert hier für vier Stunden und wartet auf die Reisenden, die von den Busausflügen zurückkehren“.
Am Kai fragte Herbert, ob eine kurzfristige Passage nach Trondheim möglich wäre, und sie hatten wahnsinniges Glück in zweierlei Hinsicht:Das Schiff hatte Geiranger am ersten Tag des Sommerfahrplans angelaufen – im Winter war die spektakuläre Fahrt in den Fjord wegen gefährlicher Lawinenabgänge nicht vorgesehen gewesen. Außerdem war tatsächlich eine der unbeliebteren, fensterlosen Innenkabinen frei geblieben, die konnten sie noch zum Vorzugspreis von umgerechnet 73 D-Mark bekommen – einschließlich eines reichhaltigen skandinavischen Frühstücks… 365 Kronen also, das gab ihr Budget gerade noch her – in Trondheim würde er mit einem 400,- DM Euroscheck neue Kronen von der Bank holen müssen, dann war fast Ebbe auf dem Konto.
Um 13.30 Uhr sollte das Schiff ablegen und um 8.30 am nächsten Tag in Trondheim festmachen.
Hier in Geiranger gab es keinen direkten Landzugang. Die Einschiffung auf das ankernde Schiffvollzog sich über kleine Börteboote, wie Herbert es von ein paar Helgoland-Trips mit den Eltern kannte, bloß mit dem angenehmen Unterschied, dass das Wasser sich hier am Ende des 15 Kilometer langen Fjords völlig ruhig spiegelte, während die unruhige Nordsee damals öfters die offenen Boote ordentlich stampfen und das Übersteigen zum Abenteuer werden ließ…
Die beiden Reisenden kauften sich noch schnell etwas Proviant im Dorf, weil das Abendessen an Bord ihnen viel zu teuer erschien, und ließen sich dann zum Schiff übersetzen.
Die Fahrt über die engen Kehren des Meeresarms entlang der spektakulären Wasserfälle der „Sieben Schwestern“ war ein echtes Highlight ihrer Nordlandtour. Maria liebte ihr erstes Heimatland und wusste genau, dass dieses kleine Geiranger Endpunkt der wohl schönsten Fjordlandschaft der Welt war, die ihr Herz berührte, aber ihr auch Sinnbild der zerrissenen Seele zu sein schien.
Jedenfalls würde der Anblick der dramatischen Natur mit schmalen, steil aufragenden Talwänden, schneebedeckten Gipfeln und stürzenden Wasserfällen und mit Resten verlassener Bauernhöfe und Hütten für sie beide unvergesslich bleiben. Aber auch die weitere Route mit Aufenthalten in Ålesund und Molde mal durch Sunde, mal nahe der offenen Norwegischen See war eindrucksvoll.
Auf dem Panoramadeck konnte man sich auf bequemen Sesseln ausstrecken und einfach mit Blick aufs Ufer in die Sundlandschaft hineinfahren. Der Abend wurde immer länger, und es war auch noch um 22 Uhr hell, als sie von Molde ablegten. In der kleinen Bibliothek an Bord fanden sie in einem Buch über diese klassische Hurtigruten-Tour einen zusammengefalteten Zettel, den wohl ein poetisch gestimmter Tourist hinterlassen hatte:
Zwischen Meer und Land und Sonne
zieht das Postschiff seine Bahn.
Und es zeigt uns in der Weite
Bilder, die wir noch nie sah´n.
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Richtung Norden –Meil´ um Meile:Fremdes Felsland, Fjorde, Sunde;
Eine Reise ohne Eile –
gibt von Licht und Seele Kunde.
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Wo die Mächte der Natur
und die alten Mythen wohnen,
sind wir Menschen winzig nur,
alle Sorgen dürfen schwinden.
Wir besiegen die Dämonen,
können heim zum Hafen finden…
****
Sie waren jetzt so müde, dass sie sich trotz des anrührenden späten Lichtes in ihre winzige Kabine zurückzogen und sofort in traumlosen Schlaf fielen.
Um 7 Uhr wollten sie aufstehen, um noch vor der Ausschiffung das legendäre reichhaltige Frühstück an Bord zu genießen.
„Trondheim ist ein schöner Ort: Obwohl mit fast 200.000 Einwohnern drittgrößte Kommune Norwegens mit Verwaltung, Universität und reichem Kulturangebot hat es sich einen fast kleinstädtischen Charme bewahrt - die bunten Holzhäuser in der Fjord- und der Kjöpmannsgata mit den unzähligen Segelbooten am Hafen des Nidelva-Flusses, der neben dem Hurtigrutenport in den Trondheim-Fjord mündet und die Altstadt zu einer Dreiviertel-Insel macht, die kleinen Cafés ohne urbane Hektik, die kreischenden Möwen und natürlich: Munkholmen, die Mönchsinsel, früher Domizil bierbrauender Mönche, später Gefängnis und heute sommerliches Badeparadies!“ So stand es in dem bunten Prospekt, den sich die beiden aus dem Touri- Büro im Zentrum besorgt hatten.
Maria und Herbert waren dermaßen angetan, dass sie erst mal zwei Nächte im Vandrerhjem am Weidemannsvei buchten. Nach so viel überwältigender Natur tat ihnen etwas Zivilisation gut, sie fanden auch einen Münz- Waschsalon und brachten ihre überschaubare Garderobe auf Vordermann.
Am nächsten Tag trübte das Wetter ein, und es gab ein paar Regentropfen. Weil sie nichts Besseres vorhatten, schlenderten sie zum Nidaros-Dom, dem Nationalheiligtum Norwegens – mit dem Grab des wohl größten Wikingerkönigs Olav II., des Heiligen, der um das Jahr 1000 gelebt haben soll, fast so alt waren auch die Anfänge dieser Kirche.
Die hochgotische Fassade ließ den Betrachter ganz klein erscheinen. Mit den zwei wuchtigen, quadratischen Türmen und den unzähligen figurengefüllten Nischen und dem großen Rosettenfenster erinnerte sie an englischen Westminster-Stil oder die Kathedralen von Reims und Rouen.
Herbert hatte mit seinem Vater viele Kirchen angesehen, er interessierte sich durchaus für deren Architektur und Geschichte und ließ sich immer aufs Neue von der erhabenen Atmosphäre großer Gotteshäuser beeindrucken. Er musste da unbedingt rein und wunderte sich, dass Maria Zeichen von Vorbehalt und Abwehr erkennen ließ. Gut, man musste 30 Kronen Eintritt bezahlen, aber das war es ihm wert, und er überredete Maria mitzugehen.
Der Wirkung des hohen, säulengetragenen Innenraums mit den Kreuzrippen-Gewölben konnte sich niemand entziehen. Sie setzten sich auf zwei der endlos aufgereihten Stühle der evangelisch-lutherischen Kirche und atmeten tief durch. Die schlichte Würde des riesigen Raumes tat ihnen gut.
Als sie wieder heraustraten, hatte der Regen schon wieder aufgehört, und zaghafte Sonnenstrahlen brachen durch die dunklen Wolken. Sie schlenderten durch den Bischofsgarten und Maria erzählte stockend, dass Vater Ole ihr für lange Jahre den Besuch von Kirchen strikt verboten hatte. Er hatte „diese ganze pseudo-christliche Geschichte“ gehasst, die für ihn pure Heuchelei war. Sein eigener Vater hätte hier, im Nidaros-Dom, geheiratet, am 14. April 1945, also kurz vor der Kapitulation der Deutschen, in SS-Uniform. Das war angeblich bei einer Massenhochzeit der Deutschen Wehrmacht, und die Braut war nicht seine Mutter gewesen, die hatte der Vater nämlich in Deutschland sitzen lassen, da sei Ole neun gewesen. Die Frau war jedenfalls auch schwanger, und ihre Tochter sollte im Nazi-„Lebensborn“-Heim aufwachsen, hier in Trondheim, aber dazu kam es dann wohl nicht mehr…
„Vielleicht lebt sie ja hier irgendwo, meine Halbtante – keine Ahnung“, meinte Maria, „dass die Kirche da mitgemacht hat…“
„Aber bei solchen Hochzeiten war vielleicht gar kein Pastor dabei“ sinnierte Herbert, „das war bestimmt ´ne deutsche Zivilehe.“
Jedenfalls war Maria froh, den Dom mal von innen gesehen zu haben; hier war nichts vom Nazi-Spuk zu spüren gewesen. Dieser Schatten der Vergangenheit jedenfalls hatte sich in Luft aufgelöst.
Morgen wollten sie weiterreisen, in Richtung Brønnøysund, das lag über 300 Kilometer weiter im Norden, auf halbem Wege nach Bodø.
Die beiden hatten, seitdem sie sich auf den Nordland-Trip gemacht hatten, einen gesunden tiefen Schlaf wie schon lange vorher nicht mehr. Keine Alpträume legten sich aufs Gemüt, viele Ängste der letzten Jahre schienen von ihnen abgefallen zu sein.
War es nicht ein herrliches Gefühl, alle innere Getriebenheit abzuschütteln und einfach in den Tag hinein zu gehen?
Wieder wanderten sie auf die Landstraße hinaus und vertrauten auf den lieben Gott und freundliche Menschen. Auch zu Fuß würden sie an ihr Ziel kommen, Zeit hatten sie jedenfalls im Überfluss. Trotzdem waren sie ganz froh, dass bei aufkommendem Regen ein freundlicher Milchwagen-Fahrer hielt und sie die 100 Kilometer bis Steinkjer mitnahm, immer schön am Trondheim- Fjord entlang. Er freute sich, dass die Deutschen Norwegisch verstanden, zumindest Maria, und seine Schwärmereien über seinen „Traumberuf“, so nah an der Natur, nachvollziehen konnten.
Nach zwei Stunden trennten sich ihre Wege wieder, und Maria und Herbert wanderten weiter über eine zerklüftete Halbinsel durch Täler und an Bergseen und Wasserfällen entlang und durch Birken- und lichte Föhrenwälder, bis sie bei Namsos wieder auf die Fjord- und Schärenküste stießen. Sie übernachteten zweimal auf gastfreundlichen Bauernhöfen und nahmen dann die Fähre nach Geisnes und von dort weiter nach Hofles. Die letzte Fähre hieß Olav Duun und Herbert unkte, ob sie wohl nach Marias Vater Ole benannt sei. „Blöder Witz“, meinte Maria, obwohl sie ihm selbst erzählt hatte, wie oft Ole „duhn“ und betrunken gewesen war.
Olav Duun aber, und das wusste sie noch ziemlich genau aus ihrem norwegischen Schulunterricht, war ein hochgeschätzter Heimatdichter, der eigentlich Lehrer gewesen war und aus einem gänzlich unsentimentalen Naturgefühl heraus schrieb, in einem klaren, durchaus humorvollen Stil, der ihr gut gefallen hatte, auch wenn er mythische, also eher heidnische Anklänge an die alten Sagas widerspiegelte. Sein großer Romanzyklus „Die Juwikinger“ kam in den 1930er Jahren heraus und handelte von einem edlen Bauerngeschlecht des 19. Jahrhunderts – im Kampf um Würde und Menschlichkeit… Die Bücher gab es auch als deutsche Übersetzung und ihr Vater hatte sie verschlungen, auch wenn er sonst eher wenig Neigung zum Lesen hatte.
Herbert begann sich allmählich Sorgen zu machen, was für ein abgehobener „Blut-und-Boden- Kauz“ sie in Bodøerwarten würde. Aber Maria meinte nur, mit einem Dichter hätte Ole nun wohl gar nichts gemein, eher vielleicht mit Petterson.
„Petterson mit dem hohen gelben Hut, der immer mit seiner Katze spricht?“ fragte Herbert. Er kannte die großformatigen Bilderbücher und hatte sie als Student manchmal Kindern beim „Babysitten“ vorgelesen, weil sie sonst nicht eingeschlafen wären. Damit konnte er sich in Tübingen seinen Monatswechsel aufbessern.
„Ja genau den Petterson meine ich, von Sven Nordquist ist der“, schwärmte Maria „die Katze ist ein Kater und heißt Findus, die Bücher sind eigentlich aus Schweden, aber das ist egal. Mein Vater ist auch so ein Chaot gewesen, den berühmten „Tischlerschuppen“ hatten wir auch, überall lagen kaputte Angeln herum, die er irgendwann einmal reparieren wollte, wozu er natürlich nie kam, kaufte sich lieber eine neue… Eine Katze hatte er früher auch, und überall hörte er das Gras wachsen.“
„Bei dem alten Schweden gab es doch auch diese skurrilen wuseligen Wesen, kleine Naturgeister oder so“, sagte Herbert, und Maria nickte. „Der in den Büchern ist doch eigentlich ganz lieb, oder?“, fragte er.
„Ja, aber er kann auch sehr jähzornig werden“, flüsterte Maria und hatte auf einmal Tränen in den Augen, „und dann der Wodka und der Akvavit dazu…“
„Womit wir wieder bei „Olav Duun“ wären“, meinte Herbert lakonisch, „der Kahn legt übrigens gleich an – in Hofles“. Sie nickte wieder. Soviel hatte sie seit Tagen nicht geredet…
Ein paar Tage später erreichten sie Brønnøysund, das hübsche Hafenstädtchen hatte früher einmal Bodø fast den Rang abgelaufen als Hauptstadt der Nordprovinz.
Die erstaunlich große Feldsteinkirche war offen. Drinnen saßen einige Besucher und lauschten himmlischer Orgelmusik. Die blonde Organistin übte wohl für den kommenden Sonntag, es lagen Zettel für das bevorstehende Konzert aus: „Präludium und Fuge in C Dur von Johann Sebastian Bach“. Es klang wirklich überirdisch – und so kam ihnen auch der Blick auf die weitgespannte Brücke im Abendrot vor, die sie zur Insel Torget führen würde.
Hier wollten sie sich unbedingt den „Torghatten“ ansehen, den berühmten Berg mit dem 35 Meter hohen Loch, das gut 10 Meter breit und begehbar sein sollte.
Sie stiegen den beschwerlichen Weg hinauf und wanderten durch das 160 Meter lange Loch, das der wütende Sohn des Trollkönigs mit einem Pfeilschuss geschaffen haben soll. Er zerstörte damit auch das, was er liebte, die flüchtende Jungfer Lehamøya. Denn der König der Sømnaberge ließ zur Strafe alles versteinern.
„Ziemlich nah am Leben“, dachte Maria an ihren oft unberechenbaren Vater.
Jedenfalls war der Blick durch das hohe Tunnelloch auf die Schärenlandschaft überwältigend und lohnte alle Mühen.
Weiter ging es per Anhalter nach Nesna und Konsvikosen, wo ein freundlicher Wohnmobilfahrer die beiden zu einem köstlichen Fischessen einlud. Die Seelachse und Dorsche hatte er gerade an der Außenmole des kleinen Sportboothafens geangelt. Nur in Butter gebraten und mit ein paar Salzkartoffeln serviert schmeckten sie besser als in jedem Sternerestaurant. Dankbar kehrten sie dann im winzigen Hotel ohne Sterne ein, wo die Wirtin ihnen Gruselgeschichten erzählte.
Wenige Kilometer weiter nach Norden überquerten sie den Polarsirkelen auf 66°33´55´´ nördlicher Breite. In dem kleinen Fischerdorf mit Sporthafen und Anglergeschäft gab es nur eine ziemlich unscheinbare Erdkugel aus Stahlbändern, die am Kai aufgestellt und beschriftet war.
Ab hier würde es also nach der Sonnenwende am 21. Juni Mitternachtssonne geben. Das heißt, der rote Sonnenball würde kurz das Wasser berühren und dann wieder höher steigen, ein magisches Theater.
Jetzt waren es nur noch 200 Straßenkilometer bis zur Saltstraumen-Brücke, die sich auf 40 Meter Höhe fast einen Kilometer lang über den Gezeitenstrom schwingt.
Der freundliche Wohnmobilfahrer und seine Frau griffen die beiden direkt am Polarkreis auf und luden sie ein, mit ihnen dort hinzufahren. Am Saltstraumen-Camping, wo das Ehepaar sein Mobil aufbockte, gab es tatsächlich noch ein paar günstige Hytten zu mieten und Grillmöglichkeiten genug für die Gäste.
Die meisten zogen hier so viel Fisch aus dem Strom, dass sie die Hälfte verschenken konnten; Maria und Herbert, die keine Tiere töten konnten, aber mit dem Essen toter Exemplare merkwürdigerweise keine Probleme hatten, würden hier also nicht verhungern.
Aber jetzt musste Herbert auch unbedingt den Malstrøm mit eigenen Augen und Ohren erleben, nicht nur wegen der Gruselgeschichten eines Edgar Allen Poe, sondern auch, weil er für seine zierliche Begleiterin eine gewisse Bedeutung zu haben schien…
Zwei Tage später erreichten sie Bodø, und Maria konnte endlich ihren altgewordenen Vater in die Arme schließen.
Der Mai 1992 brachte Bilderbuchwetter in ganz Norddeutschland.
Herbert Möller begann gerade sein Leben zu genießen: Er hatte sich für seinen ersten Ostseesommer kürzlich ein gebrauchtes Golf-Cabrio geleistet und fuhr an der Kieler Förde entlang auf der Landstraße in Richtung Eckernförde. Rechts und links blühende – und intensiv duftende – Rapsfelder, im Hintergrund blitzten immer wieder weiße Segel und Flecken blauen Meeres auf. Herbert hatte den rechten Arm lässig auf die Lehne des Beifahrersitzes gelegt, auf dem seine Freundin Britta sich den Wind um die Nase wehen ließ. Britta war eine hanseatische Schönheit mit schulterlangen, blonden Haaren, über die sie jetzt ein bunt getupftes Kopftuch gebunden hatte. Hinter ihrer übergroßen, stylischen Sonnenbrille hatte sie die Augen geschlossen und summte vor sich hin: „Knock-knock-knockin´ on heaven´s door…“, den alten Bob Dylan- Song, den die Guns N´Roses neu gecovert hatten und der gerade die Charts stürmte. Sie machte sich keine weiteren Gedanken zum Text des Songs, nur, dass es sich für sie himmlisch anfühlte, hier durch die duftende Mailuft und diese Traumlandschaft rauschen zu dürfen.
Die beiden kannten sich schon vier Jahre. Sie hatten 1990 zusammen ein gutes Examen in Tübingen hingelegt, wo Herbert auch sein Zahnmedizin- Studium begonnen hatte. Britta hatte in ihrer Heimatstadt Hamburg angefangen zu studieren, es aber richtig gefunden, die Uni einmal zu wechseln, da bot sich das idyllische Tübingen an für die letzten zweieinhalb Jahre, mal ganz was anderes…
In Höhe „Schwedeneck“ verlangsamte Herbert die Fahrt, und der Rapsgeruch intensivierte sich. Er bog ab nach Surendorf und steuerte den großen Strandparkplatz an. Es war zwar noch lange keine Ferienzeit, aber durch die frühe Wärme in diesem Mai wurde der Strand unterhalb des Campingplatzes zumindest am Wochenende schon gut besucht. Oben, vom Kurtax-Kassenhäuschen aus, hatte man einen herrlichen Blick bis weit über die Eckernförder Bucht, und die Nachmittagssonne blendete etwas und glitzerte in den Wellen. In einem Szene-Heftchen, das in allen Kieler Studentenkneipen auslag, hatten sie gelesen, dass hier eine Surf-Schule mit Board- Verleih betrieben wurde. Und tatsächlich – dort war geöffnet.
Herbert hatte Badehose, seinen surftauglichen „Longjohn“-Anzug und Surfschuhe dabei, Britta wollte erstmal gucken, wie´s läuft…
„Erfahrung?“ fragte der eher wortkarge Vermieter. „Jahrelang …, nullo problemo“ antwortete Herbert. Schließlich hatte er es vor Jahren schon auf dem heimatlichen Maschsee versucht und später auf dem Kirchentellinsfurter Baggersee in der Nähe von Tübingen.
„Na gut“ brummte der Wortkarge, „Stunde 20 Mark“. Er hatte Herbert einen kurzen „Glider“ empfohlen und auf die Frage, wie denn das Schwert runterzulassen wäre, nur mit den Achseln gezuckt: „Gibt´s hier nich´, geht von selbst…“
Das Board auf dem Baggersee war ein schwerer alter „Verdränger“ gewesen, mit halblangem Schwert, das den Kurs stabilisierte; aber dieses hier war so viel leichter und schien einfacher zu sein in der Handhabung. Ein leichter Schönwetter-Ostwind blies fast parallel zur Küste, da könnte er glatt Eckernförde erreichen.
Die anfänglichen Wackler waren schnell ausbalanciert, und das bekannte Gefühl stellte sich wieder ein, als Herbert den Segeldruck des Riggs auf das jetzt stabiler liegende Board übertrug und sein Körper Teil des Sportgeräts wurde – mit Wasser, Wellen und Wind in vollkommenem Einklang. Er schloss die Augen und genoss es. Er war 32 Jahre jung, joggte dreimal die Woche durch den Kieler Schrevenpark und war mit seiner Kraft und Fitness ganz zufrieden.
Britta hatte sich einen Strandkorb genommen und döste in der schon sommerlich warmen Frühlingssonne. Sie freute sich, dass Herbert seinen Spaß zu haben schien und offenbar gut zurechtkam. Dann war sie eingenickt und erwachte erst, als es merklich kühler geworden war und der Wind auffrischte, hatte er nicht auch die Richtung gewechselt? Auch die Sicht war jetzt schlechter und Nebelschwaden zogen übers nun rauere Wasser. Herbert war nirgends zu entdecken. Es mochte eine Dreiviertelstunde vergangen sein, und sie rannte zur Surfschule und suchte nach dem Vermieter.
„Vadder is grad mit dem Boot raus“ rief ihr der etwa 10-jährige entgegen, der die Bude bewachte, „da hat sich wieder so´n Touri überschätzt, wenn er in 15 Minuten nicht zurück is, soll ich die Seenotrettung anrufen.“
Der Junge schien unaufgeregt, er kannte solche Sachen. Britta dagegen fühlte, wie ihr der Angstschweiß ausbrach: „Was, wenn sie allein zurückblieb, was wäre mit der Praxis – und den Schulden?“
Dann hörte sie das Tuckern eines alten Motorboots, dessen Konturen sich langsam aus dem Nebel schälten. Im Schlepptau schwamm das Surfbrett, auf dem sich ein erschöpfter Herbert festkrallte. Das Rigg hatte der Skipper auseinander gebaut, um den Widerstand von Wind und Wasser zu reduzieren. Er fluchte, schien aber doch zufrieden: „Hundert Mark“, brummte er, als Boot und Board samt Besatzung wieder an den Strand gezogen waren, „so´n Einsatz der Walter Rose von Schilksee wech wär´n beeten dürer worn for em…“
Die „Walter Rose“ war das nächstgelegene SAR-Schiff der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“. „Save and rescue“ hatte aber ja gerade noch mit Bordmitteln geklappt…
Herbert hatte offensichtlich seine Kräfte überschätzt, zahlte zähneknirschend und wickelte sich in Handtücher und Stranddecken, um den Körper aufzuwärmen und sein angeknackstes Selbstbewusstsein zu pflegen.
Dies war nicht der schwäbische Baggersee, und technisch hatte er bei den modernen Brettern wohl auch Nachschulungsbedarf.
Auf dem Parkplatz klappten die beiden das Verdeck des Cabrios herunter und fuhren betreten zurück nach Kiel in ihre frisch angemietete Wohnung. Hoffentlich war das alles kein schlechtes Omen für ihren Praxis-Start …
Seit Anfang März wohnten Britta und Herbert jetzt in Kiel. Es war ihre erste gemeinsame Wohnung, und sie hatten sich darauf gefreut, sie gemeinsam zu gestalten. Sie befand sich in einem nüchternen Mietsblock der Nachkriegszeit – Kiel war im letzten Krieg besonders stark zerstört gewesen -, war aber im begehrten Viertel rund um den Blücherplatz gelegen, wo zweimal wöchentlich buntes Markttreiben stattfand und es immer mal wieder Stadtteilfeste gab.
Besonders im Sommerhalbjahr traf man „auf dem Kiez“ ein gemischtes Publikum aus Gutsituierten, Studenten und Alternativen.
Hier gab es noch bürgerliche Geschäfte, Restaurants und Handwerksbetriebe in Familienbesitz. Aber auch immer mehr alternative Kinderläden, Fahrradshops, Buchhandlungen und ökologische Hofläden schossen wie Pilze aus dem Boden.
In ihrer Assistentenzeit hatten die beiden getrennt und möbliert gewohnt, und auch als sie ihre paar Einrichtungsgegenstände zusammenschmissen, fehlte immer noch viel am eigenen Hausstand. Dafür gab es in Hamburg das angesagte schwedische Möbelhaus, aus dem sie sich im Stil der Zeit mit reichlich Kieferholzteilen einrichteten: Bald schliefen sie im Nordli, saßen in Søderhamn- Polstern, verstauten im Torsvig und stapelten im Billy.
Das Aufbauen stellte die jungen Zahnärzte vor keinerlei Probleme…
Die Praxis hätte eigentlich pünktlich zum Beginn des zweiten Quartals Anfang April starten sollen; daraus wurde nichts: Der alte Vorgänger war zwar gutwillig, verlangte nur moderaten „Abstand“ und hatte auch schon wegen „seines kaputten Dentistenrückens“, wie er es sarkastisch ausdrückte, vor Weihnachten sein Bohren eingestellt, damit den Nachfolgern genug Zeit für den Umbau bliebe. Er hatte aber die Tücken des nötigen neuen Mietvertrags völlig unterschätzt: Nicht nur, dass eine 91-jährige den „Nießbrauch“ für die Praxisetage innehatte und sich von ihrem ewig verreisten Sohn vertreten ließ, das restliche Haus und auch die Rechte an der Praxiswohnung nach dem Ableben der freundlichen Alten gehörten auch noch einer Erbengemeinschaft, die nur mit List und Tücke zu Unterschriften zu bewegen war: Da flossen dann einige Tausender, die nicht im Vertrag standen, und ein alter Junggeselle war erst nach etlichen Restaurantbesuchen mit viel Rotwein und bestem Cognac dazu bereit, nach „klugem“ Geschnacke und gönnerhafter Geste seine Paraphe unter den Vertrag zu setzen: „Wat mutt, dat mutt!“
Dann kamen die Probleme mit den Handwerkern, die jetzt, wo es aufs Frühjahr zuging, ja alle sooo viel zu tun hatten; überall mussten Eigenheime neu verputzt, Gartenzäune repariert und Dachstühle ausgeflickt werden; auch Elektro- und Klempnermeister kratzten sich bedenklich am Kinn und wälzten ihre dicken Auftragsbücher.
Nur das beauftragte Dentaldepot stand schon seit Monaten mit den bestellten Gerätschaften „Gewehr bei Fuß“ und begann allmählich damit, Lagerhaltungskosten anzudrohen, nur die Aussicht auf spätere gute Geschäfte ließ die Buchhalter dort noch eine Weile stillhalten.
Bezahlt waren die Sachen sowieso schon lange im Voraus, und die Zinsuhr für den 400.000 D-Mark-Kredit hatte längst zu ticken begonnen. Herbert bereute nun bitter, dass er sich das Geld für die Bauaufsicht hatte sparen wollen und jetzt die Handwerksmeister und Vorarbeiter fast auf den Knien anbetteln musste, Termine einzuhalten oder zu verschieben, ranzuklotzen oder sich in Geduld zu üben.
Der freundliche Vorgänger hatte in seinen letzten 25 Praxisjahren kaum noch etwas verändert: Außer den zahnärztlichen Handinstrumenten und einem bombastischen Büroschreibtisch musste fast die gesamte alte Einrichtung entsorgt werden, was weiteres Geld und Nerven kostete.
Am wichtigsten bei jeder Übernahme sei ohnehin der ideelle Wert, auch „goodwill“ genannt, hatte Britta und Herbert der smarte Vertreter der KZV belehrt. Das war auf einem halbtägigen Kursus der kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe gewesen, den sie zur Erlangung der Kassenzulassung verpflichtend hatten besuchen müssen. Es ging da besonders um das „Sozialgesetzbuch Ⅴ“, um Notdienst und Krankenscheine; von Krediten, Bürgschaften mit persönlicher Haftung und Praxisumbau, von nicht erscheinenden Handwerkern und störrischen Vermietern war keine Rede gewesen…
Als der alte Schrott entfernt war, stellte sich heraus, dass auch alle Rohre ausgewechselt werden mussten: Die Zuläufe waren aus ungesundem Blei, die Abläufe für moderne Dentaleinheiten zu dünn und die Heizungsrohre hässlich über Putz geführt.
Wo hatte beim Vorgänger eigentlich der Druckluft-Kompressor gestanden, ohne den keine Praxis auskommt? – Zum Rumpüstern mit der Luft-Wasser-Spritze und zum Betrieb des einprägend singende Geräusche verbreitenden Turbinenbohrers war er unerlässlich.
Der Alte hatte nur einen kleinen, völlig veralteten, schwachen Kompressor besessen, der in einer Ecke seines „moderneren“ Behandlungszimmers stand. Im anderen war er mit einem Edelstahl-Püster mit Gummibalg immer gut ausgekommen. Dort hatte ja auch der „Frisörstuhl“ mit der schönen antiken Einheit gestanden mit dem alten „Doriot-Gestänge“, das früher in jedem gezeichneten Zahnarztwitz zu bewundern war. Über den langen Transmissionsriemen hatte der Kollege immer mal wieder schnurrende Wattebäuschchen laufen lassen – zur Belustigung seiner Kinderpatienten…
Auch eine Absaugeinrichtung hatte es bei ihm nicht gegeben, wozu gab es schließlich Gaze-Tupfer oder die berühmte „Wasserstrahlpumpe“ für den suckelnden Speichelzieher?
Der Mensch vom Dentaldepot wusste Rat: Die „große Lösung“: „Fußboden aufreißen, Ab- und Zuflüsse neu, ebenso wie Leitungen für Absaug- und Druckluft sowie Heizungsrohre auf und absteigend - alles komplett bis in den Keller geführt, dann gibt´s auch keine überflüssigen Glucker-Geräusche in den Praxisräumen.“ Dann erzählte er noch die wahre Geschichte, die vor einigen Jahren in allen Zeitungen gestanden hätte, dass nämlich ein ziemlich alter Kollege seine sehr junge Auszubildende mit seltsamen Rülps- und Gurgelgeräuschen aus dem Speibecken zum Narren halten wollte, die er im Nachbarzimmer selber produzierte - über die alten „kommunizierenden Röhren“. Die Bildzeitung hätte einen halben Sommer lang über die „Spukgeschichte“ geschrieben.
Schon gut, sie waren ja zur „großen Lösung“ bereit. Das Problem war bloß, dass der Weg vom ersten Stock in den Keller mitten durch die Erdgeschosswohnung eines treuen älteren Mieters führte…
Der hatte tatsächlich noch Respekt vor dem jungen Doktor, nickte brummend und erbat sich nur eine neue Tapete aus über den ausgestemmten Rohrmulden.
Als dann vier Wochen später die schwere neue Behandlungsliege direkt über seinem Schlafzimmer aufgestellt wurde und die Handwerker eine Spätschicht einlegten, war er schon nicht mehr so gleichmütig: Das Bohren der dicken Dübellöcher im Fußboden der Praxis ließ bei Langes den Putz von der Decke rieseln – mitten aufs alte Ehebett, in das sie sich gerade zur Ruhe begeben hatten.
Drei Tage später zeigte sich an der Zimmerdecke ein gelblicher Fleck, der sich bedenklich auszubreiten begann, da war der Ofen erst mal aus…
Es musste sich wohl eine Schelle am Frischwasserzulauf für die Zahnarzteinheit gelockert haben, sowas konnte bei Neuinstallation natürlich mal passieren.
Trotzdem dauerte es etliche Wochen, bis Britta und Herbert wieder Frieden mit der biederen Familie Lange schließen konnten: Der Haftpflichtschaden wurde geregelt und das eheliche Schlafzimmer komplett renoviert.
Die Praxis-Großbaustelle hatte sich jetzt auch entwickelt: Der Fußboden war verlegt und jede Wand verputzt. Auch der große, handgearbeitete Wandschrank mit den zahllosen Schubladen war immerhin schon mal eingebaut für die vielen Karteikarten, die man zum Ordnen der Patientenmassen brauchen würde, die in Kürze anrollen müssten.
Alle Gerätschaften waren installiert und die letzten Designerlampen im stylischen Wartezimmer aufgehängt; am 21. April, dem Dienstag nach Ostern, konnte endlich die Eröffnung gefeiert werden.
Zur Feier des Tages kamen die Leute von der Dentalfirma, die Handwerker und natürlich die drei schon am 1. März eingestellten Zahnarzthelferinnen. Mit dickem Blumenstrauß war es Britta gelungen, sogar Familie Lange zum Erscheinen zu überreden, und die Studenten- WG aus dem 2. Stock war auch fast vollständig da und in Feststimmung. – Das junge Zahnarztpaar wollte gute Nachbarschaft demonstrieren.
Bei Sekt und Schnittchen wurde es fast schon gemütlich und mancher Handwerker lustig: „Wenn dat man good geiht“ feixte der Tischler mit dem Gas- und Wassermann, „de ganze Straat is doch full mit Tein-Klempners“.
Am Nachmittag kam auch der korrekte Herr von der Kreditabteilung der Apa-Bank vorbei und drückte Britta einen ziemlich schlichten Nelkenstrauß in die Hand. Sofort fiel ihr wieder ein, dass sie Einladungen des Herren, angesichts der mehrfachen Krediterhöhungen absichtlich „vergessen“ hatte. Herr Nielsen würdigte sie keines Blickes und drängelte sich zu Herbert durch: „Da müssen wir doch nochmal über Zinsen und Sicherheiten reden, wenn wir Ihren Betriebsmittelkredit auch noch verlängern sollen“ zischelte er mit wichtiger Miene.
„Ich glaube, wir machen erst mal einen Praxistermin aus“ antwortete Herbert geistesgegenwärtig, „ich höre schon, da besteht dringender Handlungsbedarf.“ Als er merkte, dass Herr Nielsen rot anlief und sich ein Taschentuch vor den Mund hielt, setzte er nach: „Über Eigenanteile lassen wir mit uns reden und – eine Hand wäscht doch die andere“, meinte er augenzwinkernd, ließ den verdutzten Bankmenschen stehen und wandte sich zwei jungen Zahntechnikern zu, die schon auf ihn gewartet hatten und jetzt freundlich die Gläser hoben, weil sie mit ihm möglichst bald ins Geschäft kommen wollten.
Als Schnittchen, Sekt und Säfte verzehrt und die letzten Gäste am späten Nachmittag gegangen waren, ließen sich Britta und Herbert erst einmal entspannt in ihre bequemste Zahnarztliege fallen. Doch bevor es richtig schmusig werden konnte, drückte Herbert den Knopf für „aufwärts“. „Ab jetzt geht unser Geschäft durch die Decke!“, frohlockte er und ließ den Stuhl wieder herunterfahren.
Zusammen gingen sie zum großen Rezeptionsschreibtisch und griffen nach dem Bestellbuch, das die unausgelasteten Helferinnen in den letzten drei Wochen mit Terminen hätten füllen sollen: Für den morgigen Mittwoch standen tatsächlich „schon“ zwei Leutchen drin, und Herbert dämmerte, dass es lange brauchen würde, bis mehr Menschen hier durchgelaufen sein würden als am heutigen Festtag da waren.
Am nächsten Morgen war dann „Jobsharing“ angesagt: Britta blieb vormittags zuhause und kümmerte sich um das Waschen und Aufhängen der „schwedischen“ Gardinen, Herbert fand sich um 9 Uhr in der Praxis ein.
Die erste Patientin saß schon auf der neuen Liege. „Machen Sie es sich doch bequem“ meinte Herbert, der eher die liegende Patientenposition gewohnt war.
Er hatte während seiner Assistenzzeit in Hannover in einer hochmodernen Innenstadtpraxis gearbeitet. Gleich zu Beginn hatte sein noch recht junger Chef ihn angewiesen, keine Diskussion über die Lagerung aufkommen zu lassen: Der Patient hatte flach zu liegen, den Mund zu öffnen und möglichst still zu halten. Auch ein Spuckbecken hatte es in jener Praxis nicht gegeben, dafür aber die perfekte Absaug-Assistentin. Und das wollte Herbert hier auch so.
„Wie geht bequem-machen, wenn ich mich nicht anlehnen darf?“ grinste Frau Hafter und entspannte sich nicht, bis der junge Zahnarzt widerwillig die Rückenlehne steiler anwinkelte. „Ihr Vorgänger hatte einen sehr bequemen Stuhl aus schwarzem Leder“ meinte die resolute Rentnerin, und Herbert dachte an das handverstellbare Monster mit Fuß-Ölpumpe für „hoch“ und „runter“. „Der ist verschrottet“, meinte er mit überlegener Miene, „völlig veraltet und unergonomisch.“ „Ergo – was?“ fragte die alte Dame und schwenkte unheildrohend einen größeren Plastikbeutel vor seiner Nase herum. Herbert zuckte mit den Achseln und bat sie, den Mund zu öffnen und die Zähne zu zeigen.
„Das tue ich doch schon die ganze Zeit“, meinte sie vergrätzt und leerte den Inhalt der Tüte auf die chromblitzend hygienische Fläche auf dem Behandlungsschwenktisch: acht mehr oder weniger saubere, trockene Vollprothesen klirrten darauf, vier für oben und vier für unten.
„Schleimhäute gut durchblutet, zahnlose Alveolarfortsätze leicht atrophiert, sonst ohne Befund“ diktierte Herbert sachlich seiner Helferin zum Eintrag in die Patientenkarte, um erst einmal seine Fassung wiederzufinden.
„Dann sind Sie ja bestens versorgt, liebe Frau…“ „Eben nicht, junger Mann“, meinte Frau Hafter und schob sich flugs ein Prothesenpaar ins Gesicht: „Das sind die für alle Tage, die sind hässlich abgekaut!“ „Nehmen Sie doch die anderen, die wirken deutlich schöner!“ „Ja, das sind die für sonntags, aber mit denen kann ich nichts essen – außer vielleicht Torte – die sind auch gar nicht von Ihrem netten Herrn Vorgänger…. Dann liegen da noch die viel zu großen – nehm ich nur, wenn die ersten drücken!“
„Und die letzten beiden, mit den ganz weißen Zähnen?“ stammelte Herbert zunehmend ratlos.
„Ja, die find ich persönlich am schönsten – aber die bring ich nicht rein – und nun kommst du! Ich brauche welche, die gut aussehen, fest saugen, nicht drücken – und möglichst für werktags und sonntags; außerdem hab ich kein Geld, bei ihrem Vorgänger war das umsonst.“
„Ich glaub, da gibt´s sowas wie ´ne Härtefallregelung“, murmelte Herbert verblüfft.
„Tun Sie mir bloß nich weh, ich bin eher zart besaitet“ meinte die energische Oma, schaufelte die Resultate aus vier Jahren zahnärztlicher Behandlung wieder in ihre Tüte und sperrte den Mund weit auf.
„Wir nehmen erstmal nur Vorabdrücke und stellen den Kassenantrag“ meinte Herbert mit leichtem Zweifel in der Stimme, „Sie bekommen dann einen Termin, wäre doch gelacht, wenn wir es nicht besser hinkriegen würden…“
„Sie machen das schon, junger Mann, is doch alles super modern hier“ meinte die 1. Patientin und stemmte sich ächzend aus der Liege. „Morgen wiederkommen?“
Angesichts des ziemlich leeren Bestellbuchs hatte Herbert auch schon daran gedacht, doch dann siegte die Vernunft: „Nie den Zahnersatz ohne genehmigten Antrag anfangen“, hatte der KZV- Mensch damals doch gesagt und den Satz auf dem Flip-Chart dreimal unterstrichen. „Lieber in zwei Wochen, wir warten besser den Kassenantrag ab…“
Jetzt also nur schnell noch zwei Alginat-Abdrücke nehmen, das beherrschte er natürlich aus dem FF. Die Helferin beherrschte es im Prinzip auch, also das Anrühren; er hatte sie vom verehrten Vorgänger übernommen, seit Weihnachten war sie allerdings etwas außer Übung. Außerdem wunderte sie sich, dass das Alginat in seiner Praxis jetzt grün aussah, nicht mehr rosa wie sie es von früher her kannte. Daher geriet die Mischung aus Pulver und Wasser etwas dünn, aber fest wird das Zeug ja irgendwann trotzdem… Also schnell die Paste in den Abdrucklöffel geklatscht, der dem Doktor mit unschuldigem Blick hingehalten wurde. Elegant drehte der das Ganze auf den dargebotenen Oberkiefer der Patientin. Beim Hochdrücken kleckerte die Hälfte der weichen Masse herunter, und Frau Hafter würgte. „Jetzt gaaanz ruhig bleiben und durch die Nase atmen“, spulte der Behandler routiniert ab, während die alte Dame mit den Füßen zu strampeln begann. Siedend heiß fiel ihm jetzt ein, was sein erster Chef ihm beigebracht hatte: „Immer mit dem harmloseren Unterkiefer-Abdruck beginnen, besonders bei KFO-Kindern und aufgeregten Alten, sonst können Sie den zweiten Löffel glatt vergessen.“ Wie wahr!, aber die Helferin hatte ihm doch ungefragt gleich den OK gereicht…
„Sag jetzt bloß nichts dazu“, dachte Herbert, „sonst ist das Klima hier gleich ganz vergiftet.
Endlich war das Alginat halbwegs fest, und er zog den Löffel schmatzend der leicht blau verfärbten Patientin aus dem Mund: „Ausspülen!“, keuchte die, doch er zuckte mit den Achseln: „Geht bei uns nicht, wir können aber alles absaugen.“
Frau Hafter war sprachlos, sie zog aus der Tiefe der Behandlungsliege ihre riesige Handtasche hervor, nestelte ein Tempotuch heraus und spuckte kräftig hinein: „Müll!!“
Wortlos klappte Herbert den Treteimer auf und sie feuerte das Tuch hinein.
Etwas derangiert fühlte sie sich und rannte zum Sanitärbereich, um die klebrigen Reste aus Gesicht und Frisur zu bekommen. Dann zur Garderobe, in den Mantel und raus!
Herbert musste sich kurz setzen und verschnaufen. Jetzt ganz ruhig bleiben! Die würde schon wiederkommen, schließlich lag ja das Prothesensäckchen auf dem Schwenktisch. Bald würde er dann - nach etwas gutem Zureden vielleicht – den Unterkiefer-Abdruck nehmen und den Termin vergeben…
Wer würde wohl als nächstes erscheinen?
Für 11 Uhr war noch jemand eingetragen, noch Zeit also für einen Kaffee und ein kleines Dienstgespräch mit den beiden Helferinnen – die dritte hatte sich pünktlich zum allerersten Behandlungstag krankgemeldet.
Um 10 Uhr 30 klingelte es Sturm an der Praxistür, gefolgt von lautem Pochen. Herr Krefelder begehrte Einlass, er war ein einsamer Mieter aus dem Nachbarhaus und schien ein größeres Alkoholproblem zu haben. Herbert erinnerte sich mit leichtem Schauder wie er ihn nach der Praxiseinweihung nach zu vielen Gläsern Bier und Rotwein hinauskomplimentieren und die Treppe herunter begleiten musste, um ein Unglück zu vermeiden. Heute wirkte er noch um einiges ungepflegter als damals: unrasiert, mit strähnigen Haaren, das karierte Holzfällerhemd hing ihm aus der halboffenen Hose. Sein Atem verströmte widerlichen Schnapsgeruch, Hose und Jacke waren mit Erbrochenem und anderen Körperflüssigkeiten beschmiert. „War ´ne kurze Nacht“ krächzte er, „gut, dass nich mehr kalt is…“
Offenbar hatte er irgendwo draußen gepennt, mit der Jacke als Kopfkissen. „Ich bin Eishockeyspieler“, grinste er, kam mit seinem Gesicht Herberts bedrohlich nahe und zeigte auf einen abgebrochenen Schneidezahn und blutiges Zahnfleisch, „jezz kans´ ma zeigen, was de drauf hast, Dokter!“
Herbert konnte gerade noch ein paar Papierhandtücher auf der Sitzfläche verteilen, da saß Herr Krefelder auch schon auf der schönen neuen Luxusliege.
Das wurde dann also die erste Wurzelbehandlung in der neuen Praxis, denn natürlich hatte die Fraktur den Zahnnerv freigelegt. Eigentlich war das eine anspruchsvolle Prozedur, die im Normalfall viel Sorgfalt erforderte, sollte sie erfolgreich zu einem guten Ende geführt werden.
Normalerweise sollten Zahnärzte auch ziemlich ekelresistent sein: Von millimeterdicken gelb-braun-grünen Zahnbelägen über übelriechenden Kariesbrei und dicke vergorene Speisebrocken zwischen den Zähnen bis hin zu blau-lividen und eitrig-blutigen Zahnfleischtaschen war auch Herbert alles schon begegnet und wurde als berufstypisch nicht auszuschließen angesehen; man musste sich damit arrangieren.
Die Gerüche aber, die der Kleidung dieses Herrn entströmten, konnte er auch bei weit geöffnetem Fenster kaum ertragen. Dabei dauerte es eine ganze Weile, bis die Betäubungsspritze wirkte, der offensichtliche Alkoholiker brauchte einfach eine deutlich höhere Dosis als andere Patienten.
Immerhin konnte der unrettbare Nerv jetzt gezogen und eine desinfizierende Einlage in den Zahn gelegt werden. Ein Kunststoff- Aufbau war ohnehin nicht gleich zu machen.
„Haben Sie denn einen Krankenschein für uns dabei“ flötete die Helferin, während sie sich dezent die Nase zuhielt und dem Patienten den Merkzettel für den nächsten Termin in die Hand drückte. „Brauch ich nich, bin Privatpatient“, raunzte der, „ich komm wieder, wenn´s weh tut… auf gute Nachbarschaft“, lispelte er dann noch und zerknüllte den Zettel, trollte sich und schlug die Praxistür von außen zu.
Durch den zufallenden Türspalt gewahrte Herbert noch eine gepflegte Dame mittleren Alters, die offensichtlich auf dem Absatz kehrt machte und fluchtartig zurück zum Treppenhaus lief, denn die Klingel betätigte jetzt niemand mehr…
Das musste Frau Berger gewesen sein, die für 11 Uhr im Bestellbuch stand mit dem Vermerk „vornehm – privat“. Ob sie noch einen zweiten Anlauf machen würde, die neue Praxis zu betreten, stand natürlich in den Sternen.
Nach einer viertel Stunde kam Herbert auf die Idee, Praxis und Treppenhaus gründlich durchzulüften, vielleicht gäbe es ja dann noch Chancen auf „Laufkundschaft“.
Er öffnete also die Wohnungstür – und wäre fast über Herrn Krefelder gefallen, der laut schnarchend auf der Schwelle lag und seinen Rausch ausschlief.
Es half nichts: Er musste ihn hochziehen und wie einen betrunkenen Kumpel unterfassen, beide Helferinnen verweigerten jegliche Hilfeleistung. Also musste es so gehen: Stufe für Stufe bis auf die Straße und dann zwei Stock hoch im Nachbarhaus. „Schlüssel in de Jacke“, keuchte der Kerl, „danke, mein Freund!“
Herbert schloss auf und schob den anderen in die Wohnung. Erstaunlich behände löste der sich von ihm, drückte ihm einen feuchten Kuss auf die Stirn und stammelte: „Keine Rechnung, Herr Nachbar, Geld is so wie so alles verpfändet.“ Darauf schlug die Tür der Wohnhöhle von innen zu und Herbert blieb verdattert im Treppenhaus zurück. Er tappte die Stufen wieder herunter, lief zurück zu seiner Praxis und klingelte, weil er keinen Schlüssel in der Tasche hatte. Die Rezeptionshelferin drückte den Summer und ließ ihn herein. Ein kräftiger junger Mann hatte sich am Tresen aufgebaut – doch noch ein „normaler“ Patient an diesem „erfolgreichen“ Vormittag?
Aber auch er suchte schnell das Weite, und die Helferin erklärte, er wäre der Paketbote und jetzt wieder richtig glücklich und dankbar. Vier Monate sei ja geschlossen gewesen und er hatte Nicht-Zustellbares wieder mitnehmen müssen, um in zwei bis drei Tagen einen neuen Versuch zu starten. Jetzt funktioniere endlich das alte System wieder. Herberts Vorgänger hätte offenbar jahrelang die Pakete fürs ganze Haus angenommen. Da käme durch Tele-shopping und Katalogversand einiges zusammen und jetzt sollte in USA ja auch bald so was wie online- Handeleingeführt werden…
Wenn die Empfänger nach Tagen ihr Zeug vom Stapel holten, hätte es immer nette Plaudereien gegeben. Selbstverständlich wollte sie das weiterhin so halten, meinte die freundliche Rezeptionistin, Freundlichkeit sei doch schließlich das Aushängeschild jeder Praxis.
Herbert waren aber schon gleich ihre geröteten Wangen aufgefallen, der kräftige Paketbote schien ihr also auch nicht ganz gleichgültig zu sein.
„Gut, dann können Sie beide für heute Schluss machen, wenn alles wieder sauber ist“ meinte er, „heute haben wir ja Mittwoch und nachmittags ist frei!“
Erst als er allein war, merkte er, wie kaputt er sich fühlte und ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen; die Freiberuflichkeit war kein Zuckerschlecken.
Langsam wurde ihm klar, dass nicht alles optimal verlaufen war: Verdienst gleich Null, über die Praxiskosten wollte er gar nicht nachdenken…
Morgen sollte Britta ihr Glück versuchen, und er würde zuhause auf andere Gedanken kommen.
Britta ließ die Sache eher ruhig angehen. Sie war durch und durch Hanseatin und neigte nicht zu selbstproduzierten Katastrophen. Ihr ganzer Lebensweg war bisher geradlinig und leistungsorientiert verlaufen: Mit 19 Abitur im Hamburger Wilhelms-Gymnasium, mit 20 Studienbeginn. Zahnmedizin konnte man schließlich auch nebenan in Eppendorf studieren, und sie war sofort zugelassen worden – mit Abi-Durchschnittsnote 1,4 – das hatte gerade noch gereicht. Sie war effektives Arbeiten gewohnt und wusste, was sie wollte.
Schon an der Schule hatte sie immer nur so viel getan wie unbedingt nötig war, um zwischen 15 und 10 Punkten in ihren Kursen zu erzielen, das war zwischen 1 und 2.
