Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Es ist Ewigkeiten her, seit Hobo Highbrow etwas geschrieben hat, obwohl er einst davon überzeugt war, ein berühmter Schriftsteller zu werden. Er hat sein altes Leben weitestgehend hinter sich gelassen und ist in eine Gegend gezogen, von der er sich neue Inspiration erhofft hatte. Eines Tages taucht ein alter Bekannter vor seiner Wohnung auf und bietet ihm einen Job an. Aber nicht nur das, er bietet ihm sogar die Möglichkeit, sein beinahe vergessenes Idol Pål Waaktaar Savoy zu treffen. -Mit einem Vorwort von Pål H. Christiansen-
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Tessa Weitemeier
Es regnet in Manglerud
„It is stupid, but it is human, and that is how it is.”-Álvaro de Campos
Vorwort
Ich war ein wenig überrascht, als ich an einem kalten Wintermorgen meine E-Mails durchgesehen habe und eine von einer jungen deutschen Schriftstellerin namens Tessa Weitemeier fand. Sie hatte eine Fortsetzung zu einem Roman geschrieben, den ich vor fast 20 Jahren veröffentlicht habe, Drømmer om storhet (deutsche Version: Die Ordnung der Worte, 2007). Sie fragte mich, ob ich ihr Manuskript lesen möchte und ob sie es vielleicht veröffentlichen könnte.
Die Idee, meine Charaktere und mein fiktionales Universum einem anderen Schriftsteller zu leihen, klang ziemlich lustig. Ich fand Intertextualität schon immer interessant und die meisten meiner Bücher haben Elemente davon. Und da es sich herausstellte, dass Tessas Manuskript, meiner Meinung nach, von hoher Qualität ist, habe ich nicht lange gezögert, bevor ich zugestimmt habe, dass sie mit diesem Projekt weitermachen kann.
Hobo Highbrow tauchte ursprünglich als einer von mehreren Charakteren in meinem ersten Roman Harry var ikke ved sine full fem von 1989 auf. Mehr als zehn Jahre später wollte ich einen neuen Roman mit ihm als Hauptcharakter schreiben, wollte aber auch gerne einen Essay über die Popgruppe a-ha schreiben, die dort gerade, nach ihrer ersten Pause, in die Musikwelt zurückkehrte. Hobo zu einem a-ha Fan zu machen, und besonders zu einem Fan von dem Gitarristen und Hauptsongwriter Paul Waaktaar Savoy, stellte sich als guter Twist für die Geschichte heraus.
Auch wenn Tessas Schreibstil anders ist als meiner und weniger von Dialogen getrieben wird, denke ich, dass sie die Hobo-Atmosphäre ziemlich gut einfängt. Ihre Geschichte ist eine mögliche Version, von dem, was nach dem Ende von Drømmer om storhet mit Hobo passiert.
Oslo 15.6.2021
Pål H. Christiansen
1
Ich sehe aus dem Fenster und starre die Außenfassade der Polizeiwache an. So, wie ich es seit Tagen jeden Tag tue. Vielleicht sogar schon seit Wochen. Oder Monaten. Wer weiß das schon so genau? Ein schwerer, schaler Geruch liegt in der Luft und ich weiß, dass ich den Müll hinausbringen sollte. Das weiß ich schon seit Tagen. Vielleicht auch schon seit Wochen. Ich hebe die Hand, die meine Kaffeetasse umklammert, langsam Richtung Mund und schlürfe einen Schluck der braunen Flüssigkeit. Ob es wirklich Kaffee ist, kann ich allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, in letzter Zeit Kaffee gekauft zu haben. Mit einer schwerfälligen Bewegung wende ich meinen Blick ab und stelle die Tasse neben die Spüle zu den anderen Tassen, die sich dort stapeln und lasse mich langsam auf mein viel zu kleines Bett fallen. Es war eine dieser Entscheidungen, die ich treffen musste, als ich in diese Wohnung, wenn man es so nennen möchte, gezogen bin. Ob ich den begrenzten Platz wirklich mit einem Bett vollstellen oder ihn lieber sinnvoll nutzen will. Für einen Schreibtisch, an dem ich dann mein nächstes Buch schreiben könnte. Rückblickend habe ich das Bett weitaus mehr benutzt als den Schreibtisch und meine Entscheidung war ganz offensichtlich falsch. Ich ziehe mir die Bettdecke bis unters Kinn und seufze schwer. Nachdem kein einziger Verlag in Norwegen meinen Roman über den Nistkastenmann auch nur lesen wollte und ich einen verzweifelten Versuch gestartet hatte, das übersetzte Manuskript an einige Verlage in England zu schicken, habe ich den Schreibtisch eigentlich eher gar nicht benutzt. Ich habe meinen alten Schreibtisch auf die Mülldeponie geworfen und mir dann diesen neuen Schreibtisch gekauft. Es war ja nun ganz eindeutig, dass mein Misserfolg am Schreibtisch lag. Helle hatte darüber gelacht und mich freundlich darauf hingewiesen, dass das Holz, auf dem man schreibt, nicht beeinflusst, was man schreibt. Nach meinem lauten Einwand hatte sie dann damit gedroht, mich auch auf die Mülldeponie zu werfen. Schließlich hatte sie gerade ihr Baby bekommen und sie sagte, ein Schreihals würde ihr reichen. Ich habe daraufhin das einzige Vernünftige getan und bin noch lauter geworden. Ich muss mich nun wirklich nicht als Schreihals bezeichnen lassen. Die Situation hatte sich unangenehm hochgeschaukelt und irgendwann warf sie ein Exemplar meines Buches „Der Brief“ nach mir. Damit war alles gesagt und ich hatte die Wohnung verlassen. Meine eigene Wohnung hatte ich in einem undefinierbaren Übermut gekündigt und so landete ich erstmal bei Haagen. Ein wahrer Freund. Der mich allerdings am nächsten Morgen wieder zu Helle schickte, um das zu klären. Er ließ mir gar keine andere Wahl. Ich bin also zurück zu Helle und habe meine Sachen gepackt. Die nächste Nacht habe ich bei Higgins verbracht. Und dann hat alles angefangen seltsam zu verschwimmen. Mal saß ich im „Vier Hühner“, mal saß ich bei Higgins auf der Couch, mal habe ich bei Herman im Laden zwischen den Regalen geschlafen. Mein Abgang von Helle war vielleicht filmreif, das, was danach folgte, erstmal nicht. Solange nicht, bis ich endlich herausgefunden hatte, wie ich neue Inspiration finden könnte und endlich ein neues, und gutes, Buch schreiben könnte. Ich musste nach Manglerud. Dorthin, wo Magne und Pål von a-ha sich kennengelernt hatten. Wo sie begannen zu träumen. Ich musste an den Ort, an dem mein Vorbild, der große Pål Waaktaar Savoy, die erste Inspiration gefunden hatte. Und meinen neuen Schreibtisch musste ich natürlich mitnehmen. Das wäre eine unschlagbare Kombination, dachte ich. Ich fand schneller eine Wohnung als erwartet, was natürlich ein eindeutiges Zeichen war. Higgins und Hagen haben mich in ihrem umgebauten Poesie-Express nach Manglerud gefahren. Meinen Schreibtisch und das neue, viel zu kleine Bett hineingetragen und mich dann gefragt, ob ich mir sicher bin, dass ich eine Wohnung gemietet habe und nicht aus Versehen nur den dazugehörigen Kellerraum. Ich hatte gelacht und mich, als sie weg waren, gefragt, ob hier vielleicht wirklich ein Irrtum vorlag. Jetzt war ich in Manglerud, aber konnte mich kaum einmal im Kreis drehen, ohne mich an einem der wenigen Möbelstücke zu stoßen. Es steht außer Frage, dass es an dem begrenzten Platz lag, dass meine erhoffte Inspiration nicht kam. Sie kam bis heute nicht. Nicht einmal schüchtern an die Tür geklopft hat sie. Ebenfalls nicht gekommen war Geld. Und das ist natürlich der einzige Grund, warum ich heute noch immer hier wohne. In der Våronnveien, im Keller und mit einem ausgezeichneten Blick auf die Polizeistation gegenüber. Es lohnt sich gar nicht mehr, die Wohnung zu verlassen, um das magische Manglerud zu erkunden und die Orte zu suchen, die Pål mal irgendwann in einem Interview erwähnt hat. Ich habe all diese Orte gesehen und magisch ist Manglerud, bei näherer Betrachtung, irgendwie auch nicht wirklich. Eher das Gegenteil von magisch. Und so verschwammen die Tage und wurden langsam zu Wochen. Ich habe gar nicht richtig mitbekommen, wie die Monate dann schließlich zu Jahren wurden. Und wie aus mir, dem nächsten Knut Hamsun, ein verzweifelter Mann geworden war, der jetzt eher Gunvor Hofmo glich. Was vielleicht gar nicht so schlecht war, schließlich hatte Pål viel Inspiration aus ihren Texten gezogen. Aber was nützt es mir, gemeinsam mit meiner Verzweiflung eine Inspiration zu sein, wenn niemand von mir weiß? Wenn niemand von meinem Leiden weiß? Wenn es keinen Pål gibt, der auf die Idee kommt, tiefgründige Liedtexte zu schreiben, die auf meinen nicht vorhandenen Aufzeichnungen, Gedichten und Texten basieren? Ich seufze erneut, ziehe die Decke noch höher und drehe mich zur Seite.
2
Es hat etwas mystisches, poetisches nachts durch die Straßen von Manglerud zu laufen. Nachts das Haus zu verlassen, wenn alle anderen schlafen und nur bei der Polizei gegenüber noch ein schwaches Licht brennt. Heißt es nicht, dass Künstler oft nachtaktiv sind und nachts die besten Gedanken sprudeln? Ich glaube noch immer daran, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich eine bahnbrechende Idee habe, die mir endlich die Anerkennung einbringen wird, die mir bisher als Schriftsteller verwehrt wurde. Und als Mensch. Geht es nicht eigentlich nur darum, etwas zu erschaffen, weswegen sich andere Menschen an einen erinnern? Im besten Falle natürlich etwas Positives. Menschen erinnern sich auch gerne an negative, einprägsame Dinge. Eigentlich wollte ich jede Nacht durch die Straßen flanieren und so tun, als wäre ich einfach nur ein total beschäftigter Künstler, der es nur nachts schafft, nochmal kurz das Haus zu verlassen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Mit der Zeit habe ich allerdings mein Zeitgefühl verloren und weiß beim besten Willen nicht mehr, wann ich das letzte Mal draußen war. Es war mit Sicherheit nachts, es könnte aber auch schon einige Zeit her sein. Ich biege nach rechts ab und komme an der Manglerud Skole vorbei, wie immer. Kurz bleibe ich stehen und betrachte das Gebäude. War das die Schule, auf die Pål gegangen war? Als ich hier hergezogen bin, war ich mir da absolut sicher, aber jetzt kann es auch sein, dass ich mir das nur eingeredet habe. Was spielt es denn auch für eine Rolle? Ich muss mich einfach von der romantischen Vorstellung lösen, dass mich irgendwas mit ihm verbindet. Nur, weil ich jetzt hier wohne, wo er einmal gewohnt hat, schafft das kein Band zwischen uns. Und mein erster und einziger Versuch wirklich mit ihm Kontakt aufzunehmen und ihm mein Buch zu geben, endete damit, dass er die Polizei rief, die mich von seinem Grundstück entfernte. Ich kann es ihm nicht verübeln, habe aber trotzdem vorsichtshalber alle a-ha-Platten in den Müll geworfen. In der neuen Wohnung wäre sowieso kein Platz für einen Plattenspieler gewesen. Und neu ist sie eigentlich auch nicht mehr, aber ich rede mir gerne ein, dass dieses Kellerloch nur eine Übergangslösung ist. Nur für kurze Zeit. Es ist längst zu spät, um dort nur für kurze Zeit zu wohnen, aber wie gesagt, mein Zeitgefühl ist mit der Zeit davongelaufen. Ich sollte wohl mal einen Laden aufsuchen und mir einen Kalender besorgen, um wenigstens zu wissen, welches Datum wir haben. Oder zumindest zu wissen, in welchem Monat ich gerade lebe. So könnte ich vielleicht auch mal wieder den Herbst abpassen, um die herbstliche Welle der Melancholie mitzunehmen und daraus ein Buch zu machen. Einen neuen Roman oder wenigstens eine Sammlung herbstlicher Gedichte. Aber gibt es überhaupt noch genug über den Herbst zu sagen? Über die matschigen Wege, den dunkelgrauen Himmel, den Regen? Bunte Blätter, die bei näherem Hinsehen doch einfach nur braun wirken? Kahle Bäume, von denen man nicht weiß, ob sie tot sind oder im nächsten Frühling wieder auferstehen werden. Vielleicht wurde einfach alles schon gesagt. Seit Jahrhunderten beschreiben Dichter, Denker und Kunstschaffende aller Art die Jahreszeiten. Pål beschreibt den Rolling Thunder, Vivaldi gleich alle vier Jahreszeiten und Mörike lässt sein blaues Band durch den Frühling flattern. Ich wurde einfach zu spät geboren, um noch etwas wirklich Neues erschaffen zu können. Ich setze meinen Spaziergang durch die Nacht nachdenklicher fort als zuvor und frage mich, ob ich mir nicht vielleicht einfach eingestehen muss, mir die falsche Berufung ausgesucht zu haben. Ich hätte Tischler werden können. Oder Lehrer, so wie Helle, ich hätte aber auch Ingenieur werden können. Ich hätte wirklich die Welt verändern können, mit einer bahnbrechenden Erfindung oder einfach mit den besten Tischen in ganz Norwegen. Meine Schuhe schleifen bei jedem Schritt über den Boden und ich glaube bereits die Sonne aufgehen zu sehen. War es wirklich schon so spät oder besser gesagt früh, als ich das Haus verlassen habe? Neben einem neuen Kalender, sollte ich mir auch eine Uhr zulegen. Nur so zur Sicherheit. Es wäre schließlich fatal, wenn der nächtlich flanierende Künstler aus Versehen am helllichten Tag durch die Straßen trapst. Meine Schritte werden langsam hektischer, als ich den Blumenladen links liegen lasse und kurz darauf nach rechts abbiege. Wenig später biege ich wieder rechts ab, um die Abkürzung durch die Havreveien zu nehmen. Ich habe beinahe Angst vor der Sonne, Angst vor Licht und dem Tag. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur Angst davor, anderen Menschen zu begegnen. Die nächtliche Isolation und Einsamkeit haben sich um mich gelegt wie eine warme Decke, aus der ich mich nur äußerst ungern befreien möchte. Es ist wie ein Wettlauf gegen das Licht, aber meine Beine werden mit jedem Schritt schwerer, also gebe ich auf und trotte der aufgehenden Sonne entgegen. Ich vermeide es, einen Blick nach rechts zu werfen, wo ich den hellen Feind vermute, aber ich weiß, dass er da ist. Als ich endlich den Eingang sehen kann, der mich zurück in meine zweite Variante der Isolation führt, erblicke ich dort allerdings einen völlig unerwarteten Feind, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Holm.
3
Meine Füße bleiben stehen, ohne dass ich sie bewusst darum gebeten habe. Mein Oberkörper kippt leicht nach vorne, weil er nicht mit so einem Stopp gerechnet hat. Ich federe zurück und starre Holm an. Wenn ich es ganz genau nehme, ist er doch auch schuld an allem. Er hatte mich damals gefeuert und mir meinen Job als Korrektor weggenommen, mit dem ich zumindest Geld verdient hatte. Und jetzt steht er plötzlich da und grinst mich an. Er weiß vermutlich genau, dass ich in einem Kellerloch wohne, in dem nicht einmal Ratten gerne hausen würden. Und er weiß mit Sicherheit, dass ich keinen Erfolg in den letzten Jahren zu verzeichnen hatte. Er winkt mich zu sich und wieder entwickeln meine Füße ein Eigenleben und gehen langsam los, ohne, dass ich es wirklich will. „Hobo! Schön dich zu sehen“, ruft er und grinst noch breiter. Ich hoffe er ist sich seiner Schuld bewusst. „Mmpfh.“, macht mein Mund und ich bleibe zwei Meter vor ihm stehen. Wir stehen uns ein paar Sekunden stumm gegenüber und ich sehe, wie er mich mustert, während ich registriere, dass er mindestens zwanzig Jahre älter aussieht, als bei unserem letzten Zusammentreffen. „Wie geht’s denn so?“, fragt er unbeholfen und zuckt mit den Schultern. Ich nicke: „Ja, ja, gut.“ Er nickt ebenfalls. Erwartet er, dass ich mich nach seinem Befinden erkundige? So weit kommt das noch. Ist mir doch egal, wie es ihm geht oder was er in den letzten Jahren gemacht hat. Wahrscheinlich hat er immer weiter Leitartikel gelesen und, meiner Abwesenheit geschuldet, mit jedem noch so kleinen Fehler veröffentlicht. Er wird sich vermutlich selbst lächerlich gemacht haben. Mit all seinen grammatikalischen Fehlern. Holm kratzt sich am Kopf und fummelt am Reißverschluss seiner Jacke herum. „Ich habe in den letzten Monaten viel Zeit mit Higgins verbracht. Er hat mir erzählt, dass du jetzt hier wohnst.“, sagt er schließlich. Ich habe nicht danach gefragt, woher er weiß, wo ich wohne. Aber wie nett, dass er mir noch unter die Nase reiben muss, dass er viel Zeit mit meinem Freund verbracht hat. Er muss doch ganz genau wissen, dass ich Higgins seit Jahren nicht gesehen habe. Oder vielleicht waren es auch nur ein paar Monate? Mein Vorhaben, mir einen Kalender zu kaufen, muss ganz oben auf die Prioritätenliste. „Okay.“, sage ich als verspätete Antwort. Mir fehlt die Energie, um laut zu werden und ihn anzuschreien, aber ich spüre, wie sich in meiner Brust ein wütendes Ungetüm aufbaut. Holm sieht sich suchend um und tritt von einem Bein aufs andere. „Also ich arbeite jetzt schon länger nicht mehr beim VG und…“, beginnt er und bringt mich damit unweigerlich zum Grinsen. Ich wusste es. Er ist selbst schuld. „Ich habe meine eigene Zeitung gegründet, erst vor ein paar Wochen und ich suche Mitarbeiter…hättest du vielleicht Interesse?“ Er sieht zu Boden, während er die Frage stellt. Ich mache einen Schritt zurück. „Erst schmeißt du mich raus und jetzt willst du, dass ich für dich arbeite? Das wird ja immer schöner!“, erwidere ich bemüht ruhig. Ich will endlich dem Licht entkommen. Ich vermisse mein kleines Bett. Holm hebt beschwichtigend die Hände und macht einen Schritt auf mich zu. Mein gewonnener Abstand ist somit wieder hinfällig. „Es gibt viele gute Korrekturleser und Journalisten da draußen, aber ich suche jemanden der sich für Musik interessiert. Und Higgins hat gesagt, dass du dich für Musik interessierst.“, er setzt wieder sein scheinheiliges Lächeln auf. So, so, das hat Higgins also gesagt. „Machst du immer noch so viele Fehler in deinen Artikeln?“, frage ich schnippisch, obwohl es überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hat. Er schwingt seine Hände in der Luft. „Ich suche niemanden, der meine Texte korrigiert, ich suche jemanden, der selbst Texte schreiben will. Interviews führen will, Backstage-Reportagen machen will und so.“, er erklärt es so ruhig, dass ich mich frage, wie ich es schaffen könnte, ihn zum Explodieren zu bringen. Wie ich es schaffen könnte, dass er so richtig an die Decke geht. Dieser Verräter und Ausgangspunkt allen Übels. „Ich weiß ja nicht.“, sage ich ausweichend. Holm verzieht den Mund: „Es würde dir bestimmt ganz gut tun.“ Mein wütendes Ungetüm hämmert gegen meinen Brustkorb, aber ich erlaube ihm nicht, die Überhand zu gewinnen. „Wieso sollte mir das gut tun?!“, frage ich zickig und verschränke die Arme vor der Brust. Vielleicht, auch um das Ungetüm zu unterdrücken. Holm schwankt von links nach rechts. „Higgins macht sich Sorgen um dich. Er war schon ein paar Mal hier, aber du hast nie aufgemacht. Ich bin auch schon zum dritten Mal hier. Wir wollen nicht, dass du den ganzen Tag nur in deiner Wohnung sitzt, dafür bist du doch viel zu überqualifiziert. Los, komm schon. Ein bisschen schreiben, ein bisschen im Büro Musik hören und vielleicht mal einen Musiker interviewen. Das wäre doch was für dich, Hobo.“ Er sieht mir direkt in die Augen. So ist das also. Higgins hat ihn geschickt, um den Versager Hobo zu einem Job zu überreden. Mein neuer Kalender und meine neue Uhr schießen mir durch den Kopf. Ich brauche Geld, um dieses Vorhaben umsetzen zu können. Ich könnte ein paar Wochen für Holm arbeiten, solange bis ich genug Geld habe, um mir einen Kalender, eine Uhr und vielleicht sogar ein größeres Bett kaufen kann. Der Schreibtisch kann dann rausfliegen, den brauche ich sowieso nicht mehr. Ich müsste meine Wohnung nur für kurze Zeit verlassen, um es danach nie wieder tun zu müssen. „Ich mach’s.“, sage ich kurz entschlossen und sehe an ihm vorbei zu der Haustür. Ich will endlich aus dem Licht und in mein Bett. Ich habe schon viel zu viel Zeit hier draußen verbracht. Die Nacht hat sich längst verkrochen und ich will es auch tun. „Super!“, ruft Holm und vergräbt seine Hand tief in der Jackentasche. „Hier ist meine Visitenkarte, da steht die Adresse drauf. Dann sehen wir uns Montag. Du kommst einfach zu mir ins Büro und dann besprechen wir alles Weitere.“ Er streckt mir eine kleine bläuliche Karte entgegen und lächelt mich an. Sein Lächeln kann ich langsam nicht mehr sehen. Ich stecke die Karte in meine Hosentasche und nicke. „Gut. Dann bis Montag.“, sagt er noch einmal und setzt sich in Bewegung. „Mmpfh.“, macht mein Mund wieder und dann schließe ich endlich die Haustür auf.
4
Heute gibt es etwas, das mich mit Pål von a-ha verbindet. Die Sonnenbrille. Nachdem ich sonst nur durch Nachfragen auf der Straße vor meinem Haus herausgefunden habe, welcher Tag denn ist, habe ich es heute Morgen immerhin am richtigen Tag und zur richtigen Zeit aus dem Haus geschafft. Mein Feind, das Licht, hat mich bereits erwartet und so bin ich schnell wieder zurück, um mir eine Sonnenbrille zu holen. Nicht auszudenken, wie schlimm es sich anfühlen würde, wenn heute auch noch die Sonne scheinen würde. Ich betrete das schmale Haus, zu dem mich Holms Visitenkarte geführt hat und habe das Gefühl einen bekannten Geruch wahrzunehmen. Ich bleibe kurz stehen, um den Geruch zu definieren. Es riecht nach Druckerschwärze, die einen Kopierer verlassen hat, es riecht nach überhitzten Druckern und Computern und noch viel wichtiger, es riecht nach Schreiben. Nach Tippen, nach Denken und nach Erfolg. Eine Tür auf der linken Seite öffnet sich wie von selbst und Holm erscheint im Flur. „Da bist du ja! Ich dachte schon du kommst doch nicht!“ Er grinst wieder. Ich brauche auf jeden Fall ein Büro weit weg von ihm und seinem blöden Grinsen. „Ich bin doch pünktlich.“, rechtfertige ich mich und sehe ihn ernst an. Er sieht auf seine Armbanduhr und zieht ein bemitleidendes Gesicht. Mitleid brauche ich nun wirklich nicht. Ich bin bestimmt nur so viel zu spät, wie es gedauert hat, meine Sonnenbrille zu holen. „Dann komm mal mit, ich zeige dir deinen Arbeitsplatz.“ Er wedelt mit seiner Hand und ich trotte ihm nach. Wir verlassen den Flur und betreten einen großen Raum. Vielleicht ist es, neben seinem Büro, auch der einzige Raum hier. An den Wänden stehen Schreibtische und in der Mitte ein großer Konferenztisch. Er klatscht einmal in die Hände. „Alle mal hergehört! Das ist Hobo, er arbeitet ab heute hier.“ Holm zeigt mit beiden Händen auf mich. Eine Reihe von Augen sieht mich kurz an und nach wenigen Sekunden einfach wieder runter. Es wirkt nicht so, als hätten die Mitarbeiter hier sonderlich viel Lust auf Kommunikation. Gut so. Damit haben wir hier schon eine Gemeinsamkeit. Holm deutet auf den letzten freien Schreibtisch und, nachdem ich mich auf den weichen Bürostuhl gesetzt habe, kniet er sich neben mich. „Ich habe hier sechs CDs, die sind kürzlich erschienen. Hör sie dir bitte mal an und schreib dann eine Rezension für jede davon. Ruhig ausführlich, wir haben viele Seiten zu füllen.“ Er deutet auf einen flachen Stapel CDs. Ich überfliege die Namen, die auf den CD-Hüllen stehen, aber erkenne keinen einzigen davon. Seitdem ich meine Platten auf den Müll geworfen habe, habe ich mich nicht sonderlich viel mit Musik beschäftigt und erst recht kein Auge auf die Charts gehabt. Ich habe mitbekommen, als alle Zeitungen voll davon waren, dass a-ha ihre Karriere beenden und eine Abschiedstour machen werden. Ich habe auch mitbekommen, dass sie wenige Jahre später ihr großes Comeback verkündet haben. Ich habe mich allerdings strikt geweigert, eine Träne zu ihrem Abschied zu vergießen und später dann dagegen, das neue Album zu kaufen oder auch nur reinzuhören. Interessiert mich nicht, was die machen. Ich greife nach den Kopfhörern, die auf meinem Schreibtisch bereit liegen und schiebe die erste CD in den Computer. Mein Arbeitstag wird also daraus bestehen, Musik zu hören. Ich sollte mir vermutlich erst ein Album ausführlich anhören und dann die dazugehörige Rezension schreiben und mir dann das nächste Album vornehmen, aber ich will möglichst viel Zeit verschwenden. Also höre ich alle sechs Alben zweimal durch und starre dann auf den Bildschirm. Ich habe keine Ahnung, wie sich die Musik in den letzten Jahren entwickelt hat, mit welchen Künstlern man diese Bands vergleichen könnte und ich habe noch weniger Ahnung davon, was der aktuelle moderne Sound ist. Mir schwirren Take On Me und The Sun Always Shines on T.V. im Kopf herum und dann tauchen die Gesichter von Morten, Pål und Magne auf. Ich kann aber schlecht die neuen Alben mit a-ha vergleichen. Dazu besteht nun wirklich kein Anlass. „Der Sound ist frisch und neu…“, beginne ich zu tippen und sehe mich dann einmal unsicher um, ob vielleicht jemand hinter mir steht und beobachtet, was ich hier tippe. Seit Jahren habe ich nicht getippt und meine Finger tanzen leicht und glücklich über die Tastatur. Als hätte ich sie aus ihrem Käfig gelassen. Ich suche nach nichtssagenden Formulierungen in meinem Kopf und vergebe für jedes Album nichtssagende vier oder fünf von sechs möglichen Sternen. Es ist doch sowieso subjektiv, wie ich diese Alben bewerte, also kann es auch kein richtig oder falsch geben. Wäre natürlich nur peinlich, wenn ich DAS Album des Jahres mit nur vier, statt sechs Sternen bewertet habe. Ich mische in jede Rezension eine gewisse Enttäuschung über eine fehlende Kleinigkeit ein und bin dann mit meinen Rezensionen sehr zufrieden. Sie sind wasserdicht und absolut nichtssagend. Ich rutsche ein Stück vom Schreibtisch zurück und drehe mich dann um. Ich ziehe verwirrt die Augenbrauen hoch, als ich feststelle, dass ich ganz allein im Raum bin. Wo sind die anderen alle hin? Ich setze langsam meine Sonnenbrille ab und frage mich, wie sich Pål wohl fühlt, wenn er nach einem Interview die Sonnenbrille absetzt. Ist es ihm zu hell oder ist es eher befreiend? Für mich ist es gerade irgendwie beides. Ich durchschreite den Raum und sehe aus dem Fenster. Draußen auf der Straße wabert das Leben an mir vorbei. Leute eilen über die Straße, andere stehen in kleinen Gruppen zusammen und halten ein Schwätzchen und wieder andere hetzen so schnell durch mein Blickfeld, dass es wirkt als würden sie vor etwas unsichtbarem weglaufen. Als würden sie vom Leben verfolgt werden. „Du hast ja richtig Durchhaltevermögen!“, höre ich Holm hinter mir und drehe mich zu ihm um. „Wo sind die anderen?“, frage ich ihn und setze mich wieder auf meinen Stuhl. „Die haben vor zwei Stunden Feierabend gemacht. Du warst so vertieft in deine Arbeit, dass wir dich nicht aus deiner Trance reißen wollten. Hast du alle Rezensionen auf einmal geschrieben?“, er sieht irritiert auf meinen Bildschirm. Ich nicke ähnlich irritiert. Er lacht: „Man Hobo, das war deine Arbeit für die ganze Woche!“
5
