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Wie leben, wenn die Welt vor dem Abgrund steht? Über zwei Menschen, die einander Halt geben, in einer Zeit, die haltlos ist Er ist ehemaliger Informatiklehrer, arbeitet an der Entwicklung von Computerspielen und schreibt; schreibt an seinem Wörterbuch der Verluste, in dem er festhält, was im Laufe der Zeit verloren gehen kann; schreibt von den Haaren, der Stimme, dem Verstand. Er taumelt durch eine Welt, die immer kurz vor der nächsten Katastrophe steht, verdrängt, womit er sich nicht beschäftigen will. Doch dann trifft er auf Mascha, Biologin und Prepperin. Mascha, von der er nicht mehr loskommt. Mascha, die ganz anders als er mit der andauernden Bedrohung umgeht. Sie bereitet sich vor. Gemeinsam ziehen sie sich mehr und mehr zurück, in Maschas Haus auf dem Land. Ein Ort, der sicher ist, sicher scheint, der als Versteck dienen soll. Aber sie bleiben nicht unentdeckt. Eine Füchsin nähert sich ihnen an, begleitet sie auf Spaziergängen, dringt schließlich in das Haus ein; verweilt. Real und fantastisch zugleich: von unserer Gesellschaft, von Natur und Zivilisation, Verflechtungen und Verwicklungen Martin Peichl vermag es in poetischer, dichter Sprache von einem Alltag zu erzählen, der weit entfernt und doch so unglaublich nah scheint, vom Zustand unseres Planeten, von ständigen Krisen und einem Zurechtfinden der Menschen und Tiere in dieser Umgebung. Eindrücklich schreibt er über Trauer und Trost, Liebe und Freundschaft – und über ein Dasein, das gelebt werden will, gelebt werden muss, trotz aller Widerstände.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Es kommt nicht auf die Sirenen, sondern auf den Gesang an.
(Marija Knežević: Das Buch vom Fehlen)
For a while it was forever, and then things started to fall apart.
(Rebecca Solnit: A Field Guide to Getting Lost)
This is not the time, the time to start a new love. This is not the time, the time to sign a lease.
(Bloc Party: Mercury)
Füchse sind gut getarnt, mit ihrem kupferroten Fell, das sie in die Umgebung sinken lässt. Mit leisen Schritten bewegen sie sich durch das Dickicht, zwischen Licht und Schatten, hinein in die Graustufen der Nacht. Wenn wir Menschen Füchse sehen, dann, weil sie es wollen. Oder ein Instinkt versagt hat, von einem anderen überschrieben worden ist.
Noch bevor die Füchsin ihren Bau verlässt, wittert sie, was der Wind in ihre Richtung trägt, was Hunderte Meter von ihr entfernt passiert ist und auf der Strecke dazwischen. Es hat geregnet, nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Von den Bäumen tropft der letzte Rest, landet auch im Fell der Füchsin, die unbeirrt ihre Pfoten in den feuchten Waldboden setzt. Sie kennt den Weg.
Es kommt vor, dass Füchse den Atem anhalten und sich totstellen, um Beute anzulocken. Meistens sind es Vögel, die auf diesen Trick hereinfallen, als könnten sie nicht anders, als sich in das schöne Rot hineinzusetzen. Aber die Füchsin ist nicht hungrig, will auch nichts jagen, es ist ein anderer Trieb, der sie zum Waldrand bringt, wo in ihrem Sichtfeld ein Haus auftaucht. Durch die Wolkenschicht am Himmel ziehen sich erste Risse.
Die Füchsin bleibt stehen, sie bellt, dreimal kurz, dann noch einmal, sie bellt das Haus an. Es ist der Versuch einer Kontaktaufnahme, das Warten auf ein Lebenszeichen vielleicht. Als sie keine Antwort bekommt, setzt sie ihren Weg durch das hohe, nasse Gras fort. Ihr Ziel: ein offenes, ein nur angelehntes Fenster. Mit einem schnellen Sprung wechselt sie von dem einen in das nächste Habitat.
Ein Büschel Haare bleibt am Fensterrahmen hängen. Füchse mussten schon immer um ihr Fell fürchten, diese äußerst begehrte Trophäe. Das Überstreifen von toten Tieren als Ausdruck einer tief sitzenden Sehnsucht, zumindest vorübergehend Schluss zu machen mit dem Menschsein. Die Füchsin denkt nicht daran, in eine andere Haut zu schlüpfen, erst recht nicht in die eines Menschen, warum auch.
Vom Fensterbrett springt sie auf die Anrichte in der Küche, verharrt dort einen Moment regungslos, man könnte sie mit einem ausgestopften Tier, mit einer taxidermischen Meisterleistung verwechseln. Die Füchsin kann sich ab jetzt nicht mehr auf ihren Geruchssinn verlassen, zu viele Eindrücke dringen aus allen Richtungen auf sie ein. Sie springt von der Anrichte, schleicht hinaus in den Flur, ins Vorzimmer, bis sie sich vor einer schweren Tür niederlässt, mit ihren Krallen am Metall kratzt. Aber sie bleibt verschlossen. Wie bereits gestern. Wie am Tag davor. Die Tür geht auch heute nicht auf.
Wir beobachten tagtäglich irreversible physikalische Prozesse. In meiner Wohnung häuten sich Spinnen. Ihre Netze wirken verlassen, aufgegeben. Sie sammeln Staub, manchmal zittern sie gespenstisch im Luftzug. Gespenstisch auch das Licht, das durchs Fenster in die Wohnung sickert und sich in die Pfandflaschen hineinzwängt, wo langsam ein paar Tropfen Bier aufgewärmt werden, die zusammen vielleicht noch für einen letzten Schluck gereicht hätten.
Der Probealarm erinnert mich daran, dass ich meine Pflanzen gießen sollte. Zum An- und Abschwellen der Sirenen fülle ich die Gießkanne mit Wasser, bewege mich von Raum zu Raum, denke, wie unwahrscheinlich grausam es wäre, wenn sich tatsächlich eine Katastrophe ereignet hätte, und der Probealarm legt sich über den echten Alarm, weil irgendwo ein Atomkraftwerk explodiert oder der Krieg unerwartet ein paar hundert Kilometer näher gerückt ist, und die Menschen gießen Blumen, hängen Wäsche auf, skippen zum nächsten Song in der Playlist, während der Wind die Strahlung vor sich hertreibt, während Raketen starten, während Raketen einschlagen.
Mein Blick fällt auf die gebrochenen Sonnenstrahlen in den leeren Bierflaschen, ich drücke zwei Schmerztabletten aus der Blisterpackung, denke: Selfcare. Mein Handydisplay leuchtet auf, Sophia schreibt, dass sie mich liebt, ich dich auch, antworte ich und zünde mir eine Zigarette an. Die Tage sind zum Verwechseln ähnlich, seit ich nicht mehr in die Schule muss, die Tage sind austauschbar, aber ich weiß nicht, was ich lieber hätte stattdessen.
Die Schulleiterin war sichtlich erleichtert, als ich mit dem ausgefüllten Antrag auf Dienstfreistellung in ihr Büro gekommen bin, kaum Platz genommen, hatte ich auch schon ihre Unterschrift. Alles Gute für Ihr Projekt, hat sie gesagt und mir die Hand geschüttelt, ich musste fest zugreifen, um nicht abzurutschen.
Alles Gute für dein Buch, hat Sandra dann später zu mir gesagt, mich lange umarmt, und komm unbedingt zur Weihnachtsfeier. Nicht, wenn ich es verhindern kann, antworte ich. Sandra lacht, sie weiß, worauf ich anspiele. Unsere Weihnachtsfeiern sind eine Ausrede für schlechte Musik, für zu viel Alkohol und einmal zu eng mit dem jungen Kollegen tanzen, sich einmal zu oft von der älteren Kollegin mit nach Hause nehmen lassen. Die Kollegin mit der Puppensammlung. Ob sie zuschauen dürfen, habe ich sie gefragt, als sie mich an den in einer Vitrine ausgeleuchteten Puppen vorbei zu ihrem Bett geführt hat. Es ist nicht bei diesem einen Mal geblieben, wir brauchen schon lange keine Weihnachtsfeier mehr, um Sex zu haben.
Manchmal werde ich gefragt, ob ich das Unterrichten vermisse. Aber nur das Läuten der Schulglocke am Stundenende fehlt mir, ein akustisches Signal, dass man etwas geschafft hat. Dass es okay ist, zusammenzupacken und zu gehen. Es war nie leicht für mich, über meinen Beruf zu sprechen. Die wenigsten Menschen haben eine konkrete Vorstellung davon, was im Informatikunterricht passiert. Also hatte ich mir eine Standardantwort zurechtgelegt: Die Kunst ist, die Nullen und die Einsen zu verstecken.
Auf meinem Schreibtisch liegt das Kuvert mit dem Befund. Ich habe den Brief wieder zusammengefaltet und in den Umschlag gesteckt. Am liebsten würde ich ihn zurück in den Briefkasten legen. Wie geht es dir heute, schreibt Sophia, wie geht es deinem Wörterbuch? Mein Wörterbuch ist in Wahrheit ein Zettelkasten. Auf Karteikarten sammle ich Geschichten über das Verlieren und habe in den letzten Jahren immer wieder die Idee geäußert, daraus ein Buch machen zu wollen, ein Wörterbuch der Verluste, habe in zu kurzer Zeit zu vielen verschiedenen Menschen von meinem Vorhaben erzählt, jetzt denken sie, ich würde tatsächlich daran arbeiten. Manchmal, an Tagen mit Sirenenalarm zum Beispiel, überkommt mich das Bedürfnis, die Karteikarten zumindest zu sortieren. Mir ein Ordnungssystem zu überlegen, das nicht nur für mich Sinn ergibt.
Ich ziehe ein paar Karten heraus, es fällt mir schwer, meine eigene Handschrift zu entziffern, nicht alle Einträge habe ich nüchtern verfasst, ich stecke sie wieder zurück und setze mich an den Computer, um nachzusehen, was heute im Workflow auf mich wartet. Seit ich nicht mehr unterrichte, arbeite ich ein paar Stunden in der Woche für ein Entwicklerstudio, das gerade sein erstes Videospiel veröffentlicht hat. Zu meinen Aufgaben gehört es, die neuesten Patch-Notes zu kommunizieren, auf unserer Website und in diversen Foren. Die anderen im Team sind gut darin, Bugs und Glitches zu beseitigen, ich muss nur die richtigen Worte dafür finden. Sie haben mir eine Liste geschickt mit allen Änderungen, ab morgen soll die neue Version zum Download angeboten werden. Ich beschließe, mich später darum zu kümmern.
Ich stelle fest, dass ich nur die Hälfte meiner Pflanzen gegossen habe. An manchen Tagen bin ich mir nicht sicher, ob ich eine Aufmerksamkeitsstörung habe oder mich einfach nicht einlassen will. Auf diese Welt, dieses Leben. Ich zünde mir eine Zigarette an, rauche zum Fenster hinaus, in einem der Innenhofbäume haben Vögel ihr Nest gebaut. Vögel, hat mir einer der Programmierer gesagt, findet er am schwierigsten. Er kennt kein Videospiel, das sie auch nur ansatzweise überzeugend darstellt. An diesen Satz denke ich oft. Und dem Rauch von der ausgedämpften Zigarette wachsen Federn.
Ich weiß noch nicht, wo dieser Text hinführt. Womöglich in ein Labyrinth. Was gäbe ich für einen Ariadnefaden, für einen klaren Anfang, ein eindeutiges Ende.
Stell dir eine Datingshow vor: Zehn Männer werben um eine Frau, müssen aber vorher durch ein Labyrinth gehen, dort etwas umbringen für sie, anschließend wieder rausfinden. Je nachdem wie sympathisch und attraktiv sie die Männer findet, gibt sie ihnen mehr oder weniger Meter Faden mit auf den Weg. Und wenn sie es richtig anstellt, wenn sie sich nicht verrechnet hat, überlebt ihr Favorit. Oder zumindest einer, der ihr halbwegs gefällt.
Eine besondere Form des Irrgartens ist das Spiegelkabinett. Aber nicht die nach innen oder außen gewölbten Spiegel mit ihren Verzerrungen machen uns zu schaffen. Es sind die ebenen Flächen, die wir kaum aushalten, wo jeder auftreffende Lichtstrahl den Spiegel im selben Winkel auch wieder verlässt und wir uns eingestehen müssen: Ja, das sind wir.
Die Stadt, in der ich lebe, könnte auch jede andere Stadt sein. Oft brauche ich ewig von einem Ort zum nächsten, weil ich in den Schaufenstern irgendwelche Details entdecke und nicht wegschauen kann. In der Auslage eines Spielzeugladens ist ein Teddybär zur Seite gekippt und liegt jetzt mit dem Kopf vor den Reifen eines roten Rennwagens. Ich mache ein Foto und schicke es Sophia. Auf den letzten paar Metern zu meinem Stammlokal gehen die Straßenlaternen an und flackern, als wollte etwas zu Ende gehen. Ich überlege, noch eine zu rauchen, aber dann sehe ich durch das Fenster Julian, er hat schon zwei große Bier bestellt.
Julian ist Arzt, aber ich weiß nicht genau für was. Es ist nicht so, dass er mir nichts von seiner Arbeit im Krankenhaus erzählen würde, aber beim Zuhören wird mir immer schwindelig von dem Geruch nach Desinfektionsmittel, von den langen Korridoren mit den an den Rand geschobenen Betten, von den Aufzugstüren und den Menschen, die dahinter auftauchen, vom Wort „Besuchszeiten“. Es war eine harte Woche, so viel bekomme ich mit, wir stoßen an, wir trinken, bis die Gläser halb leer sind. Mit einem Arzt befreundet zu sein bedeutet nicht automatisch, ein gesundes Leben zu führen.
Ich habe das Kuvert in der Jackentasche, ich könnte es jederzeit herausziehen und Julian hinschieben. Immer wieder greife ich nach dem Umschlag, das Papier schon dünn von den vielen Berührungen, wenn das so weitergeht, brauche ich bald ein neues Bier. Es hilft, dass Julian jetzt von seiner Beziehung erzählt, von dem uneindeutigen Ende, das sich anbahnt, ich denke an Sonnenstürme, an die Wahrscheinlichkeit, dass gleichzeitig so viele geladene Teilchen die Erde bombardieren, dass überall der Strom ausfällt, ich überlege, wo in meiner Wohnung ich die Taschenlampe aufbewahre, wo die Batterien. Julian sagt, er weiß auch nicht mehr weiter. Also bestellen wir noch eine Runde.
Was Julian und ich noch nie geschafft haben: gleichzeitig verlassen zu werden. Im Moment, habe ich das Gefühl, sind wir nah dran. Die Menschen, mit denen wir uns umgeben, könnten auch andere sein. Aber hier bin ich genau richtig, mit Julian an diesem Tisch, mit der Kellnerin, die uns die Getränke bringt, mit einem Song aus den Lautsprechern, der klingt, als müssten wir morgen nicht aufstehen.
Auf dem Heimweg fällt mir auf, wie scheiße der Mond aussieht heute Nacht. Wie ein Hustenbonbon, das jemand ausgespuckt hat. Was für ein hässlicher Mond, ich mache ein Foto, schicke es Sophia, frage, ob bei ihr auch so ein furchtbarer Mond am Himmel klebt, aber sie schläft wahrscheinlich schon, ich weiß nicht einmal in welcher Stadt. Bevor ich die Haustür aufsperre, klingle ich bei meiner eigenen Wohnung. Ich warte ein paar Sekunden. Erst als ich mir sicher bin, dass mir niemand aufmachen wird, stecke ich den Schlüssel ins Loch.
Dreimal belügt Samson Delila, als sie ihn nach dem Geheimnis seiner Stärke fragt. Mit sieben Seilen soll sie ihn festbinden, mit neun Stricken fesseln, mit einem Webstuhl seine Haare flechten, dann würde er schwach werden. Aber keines der Fesselspiele führt zum gewünschten Ergebnis, befriedigt höchstens Samson und seinen Fetisch. Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, dass Samson irgendwann nachgibt, nicht mehr lügen möchte, dass ihm im Schlaf die Haare abgeschnitten werden und er seine übermenschlichen Kräfte verliert. Wie es mit Delila weitergeht, erfahren wir nicht: Nach Samsons Gefangennahme wird ihr Name in der Bibel nicht mehr erwähnt.
Ein Gemälde von Rubens zeigt den auf Delila eingeschlafenen Samson, ihre Brüste entblößt, sein Schlaf so tief, dass er die Schere nicht hört, die seine Haare schneidet, die Wärme der Kerze nicht spürt, die ihm die letzten Stoppeln wegbrennen wird.
Heute bin ich lange vor dem Spiegel gestanden und habe versucht die Haare so zu legen, dass sie wieder voll aussehen. Am Ende war das Waschbecken übersät mit noch mehr Haaren. Bald werden meine, werden auch Sophias Finger ins Leere fahren.
Zeit ist wie Brot, das leicht bröselt, meine Erinnerungen die Butter, die versucht alles zusammenzuhalten. Ich kann nicht der Reihe nach erzählen. Dass ich chronologisch durch den Tag muss, chronologisch existieren soll, ist anstrengend genug. Wer mich fragt, wie lange ich Menschen bereits kenne, Sophia zum Beispiel oder Julian, bekommt meistens keine Zahl als Antwort, nicht einmal eine ungefähre Schätzung bekomme ich hin. Stattdessen macht mein Hirn ein Fotoalbum auf, die meisten Bilder unscharfe oder wie auch immer falsch belichtete Polaroids und direkt darunter eine nur schwer zu entziffernde Handschrift mit vagen Hinweisen auf die Situation, in der diese Momentaufnahme entstanden ist.
Ich erinnere mich an Menschen so, wie ich mich an die Getränke vom letzten Abend erinnere, weil ich in der Jackentasche die dazugehörige Rechnung finde. Wie ich mich an die Refrains von Songs erinnere, die ich schon jahrelang falsch mitsinge. Wann ich Julian kennengelernt habe, ist ein schwarzes T-Shirt, das ich neben die anderen schwarzen T-Shirts auf den Wäscheständer hänge, wann ich Sophia das erste Mal gesehen habe, ist ein Herbsttag, der genauso gut ein Tag im Frühling hätte sein können, ein Tag, an dem man sich darüber unterhält, dass es nie das richtige Wetter für Übergangsjacken gibt.
Zeit ist wie ein Ortsname, den ich nie richtig schreiben kann, ein Kreisverkehr und keine der Ausfahrten ist beschildert. Wenn ich im Wochenplaner des Vorjahres blättere, irritieren mich meine Einträge, die vielen Namen und Uhrzeiten, das viele Leben, das da anscheinend in ein Jahr gepasst hat, und wie wenig davon einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ich werfe den Kalender in den Müll, nur um ihn wenig später wieder herauszuholen. Ich muss etwas übersehen haben.
In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wenn ich meine Mutter anrufe, sehe ich sie vor einem Festnetztelefon mit Wählscheibe stehen, obwohl die Nummer schon lange abgemeldet ist, sie es mittlerweile sogar schafft, mir Fotos mit dem Handy zu schicken. Ihre Stimme klingt nach Filterkaffee, sie ist überrascht, dass ich sie am Vormittag anrufe, ob ich nicht unterrichten muss. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, ist eine Schneekugel. Nur wenn ich sie schüttle, passiert etwas.
Vielleicht würde es mir helfen, Zeit nicht in Sekunden, Minuten, Stunden, vielleicht müsste ich neue Einheiten erfinden, um Zeit nicht nur zu messen, sondern auch zu begreifen. Zum Beispiel: Wie lange braucht das Herz, wie lange die Leber, die Niere, die Lunge, wie lange brauchen Organe, um sich von einem Abend wie gestern zu erholen, wie lange die Haut? Oder: Wie viel Zeit vergeht zwischen dem ersten Geburtstag, den deine Mutter vergisst, und dem Moment, von dem an sie dich regelmäßig mit ihrem toten Bruder verwechseln wird?
Aber heute hat sie einen guten Tag, nur das Gras wächst ihr zu schnell, sie hat keine Lust, schon wieder den Rasen zu mähen. Ich muss auflegen, sage ich, ich bekomme einen zweiten Anruf, arbeite nicht zu viel, sagt meine Mutter, sie wollen jetzt doch Vögel ins Spiel einbauen, sagt der Programmierer, und ob ich mich darum kümmern könnte. Ich habe Kopfschmerzen und nicht genug geschlafen, also sage ich Ja, reagiere wie so oft, wenn ich eine Aufgabe annehme, die mir ein paar Nummern zu groß ist: Ich werfe eine Schmerztablette ein, später vielleicht eine zweite, und bestelle alle Bücher zu dem Thema, die mir unterkommen. Ich muss alles wissen über das Balz-, Brut- und Migrationsverhalten von Vögeln, auch ein Buch über Dinosaurier lege ich in den Warenkorb und klicke den Bestellbutton.
Was es bedeutet, am Leben zu sein: von Tag zu Tag die To-do-Listen verlängern, den Schmerz betäuben, das Blut verdünnen, das Herz beruhigen, Appetit entwickeln, aber für die richtigen Dinge, den Körper müde machen, damit er später auch schläft.
Ich ziehe die Bettwäsche ab. Die Hautschuppen von ich weiß nicht wie vielen Menschen steigen als feiner Nebel auf, schweben ein paar Millimeter von einem Nistplatz zum nächsten. Sophia ruft an, sie hat ein neues Profilfoto. Ich gehe nicht ran. Beim Abwaschen später rutscht mir ein Glas aus der Hand, fällt auf den Küchenboden und zerspringt. Um die Scherben werde ich mich morgen, werde ich mich in einem anderen Leben kümmern.
Vögel werfen regelmäßig ihre von Umwelteinflüssen, von ultraviolettem Licht abgenutzten Federn ab. Es gibt Arten, die ihr Gefieder in kurzer Zeit fast vollständig abstoßen, vorübergehend ihre Flugfähigkeit verlieren.
Weil das Federnlassen und der damit verbundene Erneuerungsprozess eine große energetische Belastung darstellen, finden sie außerhalb der Paarungszeit statt. Rechtzeitig zur Brutzeit wechseln die Männchen in ein auffälligeres Prachtkleid und anschließend wieder zurück, in Federn, die sie besser tarnen.
Es ist nicht überliefert, wie viele Federn Dädalus für seine Flügel verwendet hat, auch nicht die genaue Menge Wachs. Oder wie oft er seinen Sohn Ikarus gewarnt hat, vor dem feuchten Meer unter ihnen, vor der Hitze der Sonne über ihnen, bevor passiert, was passieren muss.
Als Kind habe ich von meinem Vater einen Drachen in der Form eines Steinadlers geschenkt bekommen, der nicht und nicht abheben wollte, egal wie stark der Wind, der nicht einmal hoch genug gestiegen ist, um sich in einem der Obstbäume in unserem Garten zu verfangen. Wie auch, so ganz federlos.
Ich habe meine Wohnung nicht eingerichtet. Die Möbel und die Gegenstände haben sich an den naheliegendsten Orten niedergelassen, wie Staub, der irgendwann so schwer wird, dass er sich nur noch selten bewegt. Und zu den von mir mitgebrachten Dingen sind neue hinzugekommen und die Halde der Besitztümer ist gewachsen, bis ich mich kaum noch bewegen konnte in den Zimmern, ohne an etwas erinnert zu werden, was ich lieber verdrängt oder vergessen hätte, ohne auf etwas zu treten, was in die Fußsohle, was noch viel weiter eindringt in mich.
Gegenstände speichern Erinnerungen. Nicht nur die Bücher mit den unterstrichenen Sätzen oder die Hemden mit den fehlenden Knöpfen oder die Kaffeetassen mit den fast unsichtbaren Sprüngen. Mit mir eingezogen sind alle meine früheren Beziehungen, ein paar tote Verwandte und meine Angst vor vollen Briefkästen und nicht rechtzeitig erkannten Geschwüren. Bald war die kritische Masse erreicht, ich musste ein Ritual erfinden: Jeden Tag nehme ich beim Verlassen der Wohnung einen Gegenstand mit, den ich weggebe. Einen leeren Blumentopf zum Beispiel, weil eine der Pflanzen eingegangen ist, ein Buch, das ich nicht mehr lesen werde, oder ein Souvenir von einem Ort, der in meiner Erinnerung wie eine Postkarte ausschaut.
Ich nehme die Gegenstände in die Hand, ich fühle ihr Gewicht, sie sind schwerer als physikalisch möglich sein sollte. Seit drei Wochen betreibe ich diese systematische Reduktion, langsam werden erste kleine Lichtungen sichtbar, schmale Schneisen, und das Licht bewegt sich anders, muss weniger Umwege auf sich nehmen.
Als ich das Haus verlasse, ist es noch dunkel, in meinem Rucksack ein Buch, das ich auf dem Weg auf einer Parkbank liegen lassen werde. Die U-Bahn bringt mich an den Stadtrand, von dort ist es nicht mehr weit ins Augebiet, nicht mehr weit zum ausgemachten Treffpunkt. Es war nicht schwer, die Gruppe im Internet zu finden. Sie sind nicht der einzige Birdwatching-Verein in der Stadt, aber ihre Website hat mich am meisten angesprochen. Auf der Startseite: das Foto eines Eisvogels, der die Wasseroberfläche durchbricht und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftaucht.
Die Frau neben mir heißt Mascha. Sie ist die Einzige in der Gruppe, die außer mir noch raucht. Ausgerüstet mit Ferngläsern suchen wir in den Baumkronen, suchen wir den Himmel über uns nach Vögeln ab, in dieser von Überschwemmungen, von der Dynamik des Wassers geprägten Landschaft, die Morgenluft so feucht, dass sich die Seiten meines Bestimmungsbuchs wellen. Ob ich das höre, fragt Mascha, ich lausche angestrengt, sie zieht eine Streichholzschachtel aus der Jackentasche, hält sie nah an mein Ohr und schüttelt, hörst du die Elster, fragt Mascha, ihr Ruf wie das Schütteln einer halb vollen Streichholzschachtel.
Ich schließe die Augen, versuche ein Geräusch herauszufiltern, das wie Zündhölzer klingt, die gegen andere Zündhölzer, die gegen Karton stoßen, höre aber nur Maschas Atem, dann ihre Stimme, es ist falsch, sagt sie, dass sich Elstern nur für Gegenstände interessieren, die glitzern, tatsächlich nehmen sie alles mit, was sich zum Nestbau eignet. Schade, denke ich, ich mochte die Vorstellung von gefiederten Kleptomanen, interessant, sage ich, mache die Augen wieder auf und höre immer noch keine Elster.
Der Auwald riecht nach verregneten Urlaubstagen, nach Zeit für Brettspiele und ein, zwei Stunden Schlaf am Nachmittag. Ich hätte zumindest wasserdichte Schuhe anziehen sollen, denke ich, hätte daran denken können, eine Wasserflasche einzupacken. Mascha bietet mir einen Schluck an, ich schüttle den Kopf, halte ihr im Gegenzug meine Zigarettenpackung hin, sie greift zu. Mascha bewegt sich so leise, dass ich mich alle paar Minuten umdrehe nach ihr. Unter keinen Umständen hätte ich sie aus der Unterwelt retten können. In genau diesem Moment hebt nur ein paar Meter vor uns ein Vogel ab. Zurück bleibt ein zitternder Busch, seine fluchtartig zurückgelassene Startrampe. Zaunkönig, flüstert Mascha, ein Männchen.
Ob sie nächste Woche auch wieder dabei ist, will ich später wissen, als wir uns von den anderen verabschiedet haben. Wir stehen vor ihrem Auto und rauchen noch eine Zigarette. Mascha zieht ihr Baseballcap ein wenig tiefer in die Stirn und lächelt, schau, ich weiß, worauf das hinausläuft, sagt sie und fasst in die Jackentasche, kramt Zettel und Stift hervor, schreibt mir eine Telefonnummer auf. Wenn du magst, ich bin immer wieder mal in der Stadt. Dann steigt sie in ihr Auto und ist weg. Ich speichere die Nummer ein, stecke den Zettel in mein Bestimmungsbuch.
Am Abend schreibe ich dem Programmierer, dass ich jetzt Mitglied in einem Birdwatching-Verein bin, er schickt mir ein Daumen-hoch-Emoji als Antwort. Julian hat heute keine Zeit, Sophia ist nicht allein. Ich durchsuche die Wohnung nach Streichhölzern, finde aber nur Feuerzeuge, blättere in einem der Vogelführer auf meinem Schreibtisch. Elstern, lese ich, leben in lebenslanger Monogamie. Wenn einer der Partner stirbt, wird er rasch ersetzt.
Und während ich lese, dass Elstern mit der Paarung nicht warten wollen, bis ihr Nest fertig ist, stürzen über der Stadt Raketenstufen ab, verglühen über Kilometer hinweg sichtbar in der Atmosphäre. Es dauert nicht lange, bis Handyvideos im Internet auftauchen, kleine, verwackelte Mosaiksteine, die zusammengesetzt etwas Größeres ergeben. Die Medien berichten von einem Meteorschauer, wenig später heißt es: ein geplanter Satellitenabsturz, kein Grund zur Beunruhigung. Ich schreibe Mascha: Bist du noch wach? Und bekomme wenig später auch schon eine Antwort.
