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Einen sorglosen Urlaub in der Natur verleben, fernab von der Zivilisation, das ist der Plan. Sechs Studenten campieren in einer romantischen Lichtung mitten im Wald. Doch das Paradies ist nicht so idyllisch, wie es den Anschein hat. Mückenschwärme tauchen auf und hinterlassen Stiche mit sonderbaren Folgen. Nur eine Laune der Natur, oder steckt mehr dahinter? Der Mensch, der die Antwort kennt, schweigt beharrlich. Da gerät einer der sechs in Lebensgefahr.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Einen sorglosen Urlaub in der Natur verleben, fernab von der Zivilisation, das war der Plan. Sechs Studenten campieren in einer romantischen Lichtung mitten im Wald. Doch das Paradies ist nicht so idyllisch, wie es den Anschein hat. Mückenschwärme tauchen plötzlich auf und hinterlassen Stiche mit sonderbaren Folgen. Ist es nur eine Laune der Natur oder steckt mehr dahinter? Der Mensch, der die Antwort kennt, schweigt beharrlich. Da gerät einer der Freunde in Lebensgefahr …
Jonale Nettam lebt mit ihrer Familie im Herzen des Ruhrgebiets. Nach dem Lehramt Studium unterrichtete sie zunächst einige Jahre als Sport- und Musiklehrerin. Um ihren Wissensdurst zu stillen, erlernte sie noch weitere fünf Berufe. Zu guter Letzt siegte die Freude am Schreiben.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Julian las die E-Mail und konnte es kaum glauben. Drei Jahre hatte er nichts mehr von Oliver gehört. Das beigefügte Foto ließ ihn schmunzeln. Sie mussten damals ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Sechs Kinder lagen auf der Wiese, für die das Leben ein einziges Abenteuer war. Mit dem Finger glitt er über ihre Gesichter. Oliver war ihr Anführer. Er hatte stets die verrücktesten Ideen. So manches Mal hatten sie ihn gebremst, damit kein Unglück geschah. Sebastian war das Sprachrohr der Gruppe, er hatte immer etwas zu sagen. Julian schmunzelte bei dem Gedanken, wie oft er die Lehrer mit seinen endlosen Diskussionen beinahe zur Verzweiflung gebracht hatte. Er sagte einfach, was er gerade dachte – und nicht immer war das in wohlklingende Worte gefasst. Die Mädchen waren cool. Lena liebte Fantasiegeschichten und erzählte gerne von Feen und Trollen. Ihre zarte Figur und die langen blonden Haare ließen sie aussehen, als gehörte sie dazu. Mit ihr versanken wir in einer anderen Welt und kämpften gegen Magier und Zauberer. Katrin war unser Energiebündel. Sie turnte und kletterte über alles, was sich ihr in den Weg stellte, und brachte uns damit häufig zum Staunen. Sie wurde in der Oberstufe seine erste Liebe. Dann war da noch Annabell. Annabell war ein besonderer Schatz. Sie kümmerte sich um jeden, der Hilfe benötigte, und hatte schon damals sein Herz berührt.
Olivers Einladung, mit der alten Clique zwei Wochen im Wald der Vulkaneifel mit Mountainbikes zu verbringen, hatte alle begeistert. Es waren schließlich Semesterferien und ein besonders warmer Sommer. Die Autos sollten auf dem Touristenparkplatz von Rieden stehen bleiben. Ein erwartungsvolles Kribbeln im Magen verstärkte sich. Neben ihm lag der gepackte Rucksack. Nur noch eine halbe Stunde, dann musste er losfahren. Wie konnte es passieren, dass sie sich aus den Augen verloren hatten? Sie waren doch eine eingeschworene Clique seit der fünften Klasse. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie sehr er seine Freunde vermisst hat, als er nach Heidelberg gezogen war. Kann man Kummer einfach ausblenden, fragte er sich. Es hatte ihn damals beinahe aus der Bahn geworfen, als jeder Einzelne von ihnen nach dem Abi in eine andere Stadt ging, um dort mit dem Studium zu beginnen. Julian atmete tief durch. In wenigen Stunden würde er sie also wiedersehen. Mit einer frischen Tasse Kaffee setzte er sich an den Tisch. Plötzlich klingelte sein Handy.
»Hallo, hier Sebastian, hast du schon gepackt?«, erklang es, bevor Julian sich melden konnte.
»Sebastian?« Ungläubig blickte er kurz auf sein Smartphone. »Woher hast du meine Nummer?«
»Von Oliver, dem Forscher nach Adressen und Telefonnummern«, lachte Sebastian. Seine Stimme klang immer noch so energiegeladen wie damals. Mit seiner Lebensfreude wusste er alle um sich herum anzustecken.
»Warum fragst du?«
»Ich kenn dich doch, immer auf letztem Drücker. Schmeiß die Badehose in den Rucksack. Das reicht. Gleich gehts los. Oder willst du mit deinem Outfit die Mädels beeindrucken? Bist du noch solo?«
»Ähm, ja, bin ich.« Mist, jetzt wird er mich die ganze Zeit damit aufziehen.
»Keine Sorge«, sagte er, als hätte er seine Gedanken gehört, »damit bist du nicht allein. Ich weiß, die Girls sind auch noch zu haben. Im Moment ist das Studium wohl wichtiger als die Liebe. Für mich auch.«
»Du hörst dich an wie ein Streber.«
»Man tut, was man kann. Auf der Uni herrschen eben neue Regeln.«
»Sag mal, hatten Olivers Eltern nicht eine Hütte im Wald bei Kempenich?« Vielleicht könnte man auch darin übernachten, hoffte Julian. Im Freien zu schlafen, war ihm nämlich schon als Kind unheimlich.
»Hatten sie: ein stattliches Ferienhäuschen aus Holz. Also ein Blockhaus meine ich. Ganz versteckt im Wald. Steht aber schon lange unbenutzt herum. Vielleicht ist mittlerweile ein Grizzly dort eingezogen. Ich weiß, dass Oliver seit der Party zu seinem achtzehnten Geburtstag nicht mehr da war, und seine Eltern fliegen ja beruflich in der ganzen Welt herum. Da reizt so ein Idyll wohl nicht besonders. – Oh, es läutet an der Tür. Mach‘s gut, wir sehen uns gleich.«
*
Die Sonne brannte heiß vom Himmel, als Julian am vereinbarten Parkplatz ankam. Durstig holte er eine Flasche Mineralwasser aus dem Kofferraum und trank gierig. Mit dem Rücken ans Auto gelehnt, beobachtete er die Zufahrt. Als ein buntes Schmetterlingspärchen an ihm vorbeiflog, lächelte er.
»Du bist ja gut drauf!«, ertönte eine Stimme hinter ihm. »Hast du dir gerade einen Witz erzählt?« Dabei klopfte Oliver ihm zur Begrüßung auf die Schulter.
Vor Schreck spuckte Julian das Wasser, das er gerade trinken wollte, im hohen Bogen aus. »Wo kommst du denn her?«, fragte er hustend.
»Ich bin schon eine Weile hier. Wie war deine Fahrt?«
»Entspannt, kein Stau«, antwortete Julian.
In dem Moment fuhren Katrin und Lena auf den Parkplatz. Sie sprangen jubelnd aus ihrem Auto und stürmten auf sie zu. Die Jungen bekam große Augen, denn sie sahen super aus, mit ihren modernen Kurzhaarfrisuren. Da beide Sport studierten, waren sie außerdem herrlich durchtrainiert. Begeistert umarmten sich alle zur Begrüßung.
»Sind die anderen noch nicht da?« Katrin schaute sich suchend um.
»Sebastian steht im Stau und Annabell kommt erst morgen. Ihre Oma ist krank geworden. Die wollte sie erst noch versorgen. Eine Nachbarin wird sich dann um sie kümmern. Zum Glück hat sie nicht ganz abgesagt.« Natürlich hatten beide Oliver informiert. »Lasst uns zum Fahrradverleih gehen und die Räder holen! Sebastian bringt sein eigenes mit.«
Julian schluckte. Hoffentlich kommt sie bald. Ich habe mich ganz besonders auf sie gefreut. In dem Moment zog sich eine leichte Wolkendecke über den Himmel.
Als sie mit den Leihrädern wieder am Parkplatz ankamen, hob Sebastian gerade sein Mountainbike vom Dach des Autos.
»Da bist du ja!«, begrüßte ihn Oliver. »Dann kann es losgehen. Sattelt die Hühner!«
Gut gelaunt luden sie ihr Gepäck auf die Räder und fuhren hinter Oliver her. Es dauerte nur einen Moment, bis sie ihre alte Verbindung spürten, als hätten sie sich erst gestern das letzte Mal gesehen.
Nach einer Weile erreichten sie eine kleine Lichtung mitten im Wald, versteckt hinter Sträuchern und Felsbrocken. Man musste sie kennen, um sie zu finden. Erst hier nahmen sie das Zwitschern der Vögel und das leise Rauschen des Windes wahr, der in den Blättern der Bäume die Melodie untermalte, so viel hatte sie sich zu erzählen. Als sie ihre Räder abstellten, fand ein Sonnenstrahl, wie ein Spot aus der Disco, den Weg durch die Wolken und erhellte ein kreisrundes Stückchen vom Rasen.
»Wow, ist das romantisch«, flüsterte Lena, stellte sich in den Lichtkegel und breitete ihre Arme aus. Dann hob sie das Gesicht mit geschlossenen Augen zur Sonne und begann, sich langsam zu drehen. Vom Sonnenschein umflutet, schienen die blonden Haare plötzlich aus purem Gold zu sein. Das leicht gebräunte Gesicht strahlte wie poliertes Kupfer. Man konnte meinen, eine Elfe würde auf der Wiese tanzen.
»Was ist das?«, flüsterte Julian, um die sonderbare Stimmung nicht zu zerstören.
»Magie!«, antwortete Oliver ebenso leise und verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen.
Die Wolkendecke schloss sich und Lena kehrte in die Wirklichkeit zurück. »Das ist der ideale Platz. Lasst uns das Lager aufschlagen! Ich habe Hunger.« Sie griff nach ihrem Rucksack und blickte fragend zu den anderen. Noch immer standen die vier regungslos da. Sie wagten kaum zu atmen.
»Hej, was ist los? Was steht ihr hier rum wie die Ölgötzen?«, fragte Lena verwundert.
Langsam löste sich die Starre aus ihren Körpern. Niemand wusste, was er antworten sollte. Sie drehten sich einfach um und begannen, in ihren Rucksäcken nach Essbarem zu suchen. In kürzester Zeit veranstalten sie ein heilloses Durcheinander: Schlafsäcke, Vorratsdosen und Essgeschirr lagen wild durcheinander.
»Ich glaube, wir sollten die Lebensmittel in die Mitte legen. Das andere Gepäck hat Zeit. Ich habe Hunger.« Julian begann, seine Sachen zu sortieren. »Zeigt mal her, was habt ihr Gutes mitgebracht?«
Makrelen, Nudelsalat, Frikadellen, Garnelensalat, Laugenstangen, diverse Brotsorten und eine Menge Obst wurde aufgetischt. Auffallend war, dass alle ausschließlich Wasser als Getränk mitgebracht hatten.
Katrin starrte auf die Glasflaschen. »Hej, das ist ja prima. Unsere Vereinbarung von damals steht noch: Achte auf die Umwelt und vermeide Plastik! – Wer hätte das gedacht?«
»Frau Kronenberg hat uns zu umweltbewussten Menschen erzogen. Ihr Unterricht war eben nah am Geschehen und deshalb einprägsam.« Schmunzelnd biss Sebastian in sein Baguette. »Erinnert ihr euch, wie sie mit uns die Mülltonnen der Schule durchgewühlt hatte? Der arme Viktor saß im Container und musste uns den Dreck anreichen.«
Die Stimmung wurde immer besser. Erst spätabends, als es längst dunkel war, breiteten sie die Schlafsäcke aus. Julian legte sich ebenfalls auf den Waldboden, spürte aber sofort, dass er so auf keinen Fall schlafen konnte. Es war ihm immer noch zu unheimlich. Die Bäume sahen in der Dunkelheit bedrohlich aus und die Geräusche des Waldes ließen ihn ständig aufschrecken. Seine Muskeln spannten sich an und ein ungutes Gefühl im Magen machte sich bemerkbar. Als alle eingeschlafen waren, stellte er sein kleines Zelt, das er vorsichthalber mitgenommen hatte, am Rand der Lichtung neben den Felsen auf. Erleichtert, dass es niemand bemerkt hatte, kroch er hinein und schlief auch sofort ein.
Katrin dagegen war entspannt in ihren Schlafsack geschlüpft und hatte zufrieden die Augen geschlossen. Schon bald fiel sie in einen tiefen Schlaf. Doch plötzlich weckte sie ein lautes Knacken dicht hinter ihr. Erschrocken riss sie die Augen auf und versuchte, die Ursache dafür zu finden. Lief da etwa jemand? In der Dunkelheit konnte sie aber nichts erkennen. Angespannt suchte sie die Lichtung ab. Als sich ihre Augen an das fahle Mondlicht gewöhnt hatten, entdeckte sie das Zelt. Sie setzte sich auf und zählte die Schlafsäcke. Julian fehlt! Sie überlegte nicht lange, nahm ihren Schlafsack und schlich zu ihm ins Zelt. Wer weiß, was das Knacken verursacht hatte. Bei ihm fühle ich mich sicher. Julian schlief so fest, dass er nichts merkte. Morgen wird er staunen, wenn er die Augen öffnet, war ihr letzter Gedanke, bevor sie wieder einschlief.
Lena erwachte als Erste, als die Sonne aufging. Sie war immer schon eine Frühaufsteherin. Ein leises Lachen entglitt ihr, als sie das Zelt entdeckte. Mit einem Blick bemerkte sie, dass Julian und Katrin nicht zu sehen waren. »Holla, geht das jetzt schon los?« Leise ging sie hin und klatschte mit der flachen Hand auf das Zelt.
»Was …?«, brummelte Katrin.
»Aaahh …!«, kreischte Julian. »Katrin, was machst du hier?«
»Na pennen, genau wie du«, kicherte sie.
Er krabbelte aus seinem Schlafsack und öffnete den Reißverschluss des Zelts. Durch die Unruhe wurden auch die anderen wach. War das ein Fest! Alle machten sich über die beiden Angsthasen lustig. Doch in Windeseile, hatte Julian das Zelt zusammengeklappt und verpackt, als wäre es nie dagewesen.
»Sag doch, wenn du ein Dach über dem Kopf haben musst. Wir sind hier, um zu Genießen.« Sebastian hatte dafür Verständnis. »Ich will jetzt duschen. Kann es vielleicht kurz regnen?« Er streckte die Hände in die Luft und schaute in den wolkenlosen Himmel.
»Spinnst du? Wir brauchen keinen Regen. Ich kenne einen kleinen Bach in der Nähe. Der hat super klares Wasser. Kommt, legen wir uns rein und lassen den Dreck der Nacht einfach wegspülen!« Oliver lief voraus, nur mit einer Badehose bekleidet.
Nach dem Frühstück klingelte Olivers Handy. Annabell kündigte an, dass sie in einer Stunde am vereinbarten Parkplatz eintreffen würde.
»Ich hole sie ab. Ihr könnt in der Zwischenzeit die Umgebung erkunden. Vielleicht findet ihr ein paar Beeren oder sonst was Gutes, das wir zum Nachtisch essen können. Ich denke, in ungefähr zwei Stunden werden wir bei euch sein.« Oliver machte sich auf den Weg.
Julian, dem die Situation am Morgen noch immer peinlich war, wollte im Moment lieber nicht mit den Mädels zusammen sein. Daher schlug er vor, mit Sebastian Holz zu sammeln, um in der Nacht ein Lagerfeuer zu machen. »Ich halte die erste Nachtwache«, tönte er freudig. Lena und Katrin zogen grinsend los, um Kräuter und Beeren zu suchen.
*
Als Oliver und Annabell auf der Lichtung ankamen, saßen die anderen bereits mit Körbchen voller Leckereien um das gestapelte Holz und erzählten von ihren Erlebnissen an der Uni. Sebastian studierte Natur und Umwelt in Freiburg und wollte die Erlebnisse der Auszeit in seine nächste Ausarbeitung einfließen lassen. Julians Studium der angewandten Geografie an der Uni Aachen hatte seine Neugierde auf die hier immer noch aktiven Vulkane geweckt.
»Wer hätte damals gedacht, dass wir alle sofort einen Studienplatz bekommen und dann in ganz Deutschland verteilt sein würden.« Sebastian erinnerte sich an die entsetzten Blicke seiner Eltern, als er ihnen mitteilte, dass er nach Freiburg ziehen würde. »So weit willst du weg, Junge? Das kannst du uns nicht antun«, hatte sein Vater gejammert. Aber was sollte er machen? In Kreuztal bei Siegen, wo sie alle aufgewachsen waren, konnte er nicht bleiben.
Annabells Augen weiteten sich, als sie die romantische Lichtung sah. Der Duft des Waldes war hier besonders intensiv und die unterschiedlichen Grüntöne ringsherum erzeugten eine harmonische Stimmung. Ihre Freunde sprangen sofort auf, als sie sie sahen.
»Hi, schön dass du da bist!« Julians Herz begann schneller zu schlagen, als sie ihn anlächelte. »Wie geht es deiner Oma?« Er kannte die Ängste nur zu gut, die man um einen lieben Menschen haben konnte, denn erst vor einem halben Jahr war sein Bruder nach einem Verkehrsunfall gestorben.
»Ihr geht es schon wieder ganz gut. Sie litt plötzlich unter Atemnot. Das hatte mir einen riesigen Schreck eingejagt. Aber der Arzt verordnete ihr ein Spray, mit dem sie nun gut zurechtkommt. Sie ist jetzt bei ihrer Freundin, die zum Glück gleich nebenan wohnt.« Annabells Gesicht zeigte deutliche Spuren der Anspannung. Am liebsten wäre sie bei ihrer Oma geblieben, aber die hatte sie weggeschickt. »Verbringe gefälligst Zeit mit deinen Freunden und nicht an meinem Krankenbett!«, hatte sie gesagt.
»Sei willkommen in unserem Kreis!« Sebastian umarmte sie. Da gab es kein Halten mehr. Alle wollten Annabell begrüßen.
»Das Essen ist angerichtet«, ließ Lena ertönen, »mir hängt der Magen schon in den Kniekehlen.«
Es war eine köstliche Mahlzeit. Die Reste vom Vortag, die frisch gesammelten Früchte und Annabells Mitbringsel ließen alle herzlich zugreifen. Gut gesättigt, luden sie das Gepäck auf und machten sich mit den Mountainbikes auf den Weg. Oliver hatte eine supertolle Badestelle im kleinen See versprochen.
»Kommen wir am Abend wieder hierher zurück?« Katrin hätte gerne noch eine Nacht auf dieser wunderschönen Lichtung verbracht. Da hatte sie nämlich einen Traum, den sie unbedingt weiter träumen wollte. Manchmal gelang ihr das.
»Mal sehen, vielleicht – vielleicht auch nicht. Lass uns abwarten, was der Tag noch bringt.« Damit setzte sich Oliver an die Spitze und raste los. Sie mussten heftig in die Pedale treten, um mitzuhalten und kamen schnell ins Schwitzen, denn die Sonne schien ungewöhnlich heiß.
Der See war eine Augenweide und gar nicht so klein. In der Mitte schwammen weiße Seerosen. Am nahen Ufer wuchs Riedgras doch an den meisten Stellen säumten Sträucher den See. Weiter hinten dümpelten an einem Steg kleine Ruderboote. Am Ende des lang gezogenen Sees erkannten sie einen abgetrennten Teil, der als Schwimmbad diente, weit genug von ihnen entfernt. Der kleine Sandstrand, an dem sie standen, war gut versteckt. Sie ließen das Gepäck fallen, zogen ihre Badekleidung an und liefen ins Wasser, um zu plantschten wie die Kinder. Ein Maler hätte seine Freude an diesem Anblick. Bis zum Abend genossen sie das herrliche Fleckchen Natur.
»Autsch«, schrie Katrin plötzlich, »mich hat was gestochen!«
»Das sind die blutsaugenden Mückenweibchen.« Oliver verstellte seine Stimme, als würde er eine Gruselgeschichte erzählen und sah sich dabei Katrins Bein an. »Die brauchen Proteine für ihre Eier und was sonst noch alles an guten Nährstoffen in deinem Blut ist.«
»Wird das jetzt eine Vorlesung?«, wollte Sebastian wissen. Er griff nach seinem Rad und Rucksack und radelte los. »Lasst uns fliehen, bevor noch mehr kommen!«
*
Zur Freude aller hatte sie Oliver wieder zur Lichtung geführt. »Lasst uns gleich das Lagerfeuer anzünden. Das schützt vor ungebetenen Gästen.« Oliver kramte in seinem Rucksack nach dem Feuerzeug. Da fühlt er plötzlich das kleine Döschen, das ihm Nicolas mitgegeben hatte. Ach, das hatte er ganz vergessen! Den Inhalt sollte er über die Eier der Mücken verteilen und außerdem seine Beobachtungen notieren und sie ihm später geben. Es ist mein Anteil vom Experiment der Uni, hatte Nicolas gesagt. Also mussten sie morgen noch einmal zum See. Hoffentlich finde ich welche. Schließlich sind die so klein, dass man sie kaum sehen kann.
Es wurde ein gemütlicher Abend. Irgendwann kroch einer nach dem anderen in seinen Schlafsack. Auch Julian blieb dieses Mal ohne Zelt. Oliver übernahm die erste Wache. Als alle schliefen, telefonierte er mit Nicolas, um das Experiment abzusagen, denn irgendwie hatte er plötzlich ein ungutes Gefühl dabei – woran das lag, wusste er nicht.
»Du hast es versprochen! Was ist los mit dir?«, Nicolas war enttäuscht.
»Ich mache mir so meine Gedanken und würde gerne wissen, warum du das nicht selbst machst? Mückeneier gibt es auch in Stuttgart.« Oliver lief unruhig hin und her. Hoffentlich war er weit genug von den anderen entfernt, damit er sie nicht aufweckte.
»Ach komm, du bist da dicht am Wasser. Hier ist nur der See im Park. Da laufen zu viele Leute herum. – Hej, bist du noch dran?«
Oliver wusste nicht, ob er antworten sollte. Wenn er einfach so täte, als wäre die Leitung unterbrochen, müsste er nicht weiter diskutieren.
»Ich höre dich atmen. Bitte bleib bei deiner Zusage. Ich melde mich in zwei Tagen bei dir.« Damit war die Leitung tot.
Leise schlich Oliver zurück zur Lichtung. Nicolas war viel mehr für ihn als nur ein Freund, dem er vertraute. Trotzdem wollte er Informationen zu dem Experiment.
»Warst du pinkeln? Ich habe dich schon vermisst. Mann, wie siehst du denn aus? Ist dir unterwegs ein Ungeheuer begegnet? Leg dich hin und schlaf ‘ne Runde. Ich übernehme.« Sebastian grinste.
*
Am nächsten Morgen war die Stimmung etwas gedämpfter. Die Euphorie über das Wiedersehen war verflogen und alle hatten noch eine Menge Müdigkeit im Gesicht.
»Ich werde noch verrückt, das juckt so! Die Mückenstiche machen mich fertig.« Katrin schüttelte ihr Bein in der Hoffnung, dass der Juckreiz dadurch etwas erträglicher würde. Außerdem war sie enttäusch, statt den schönen Traum weiter zu träumen, hatte sie einen Albtraum, an den sie sich aber nicht mehr richtig erinnerte, lediglich daran, dass alle plötzlich fliehen mussten.
»Spitzwegerich bringt Linderung. Wer kommt mit suchen? Der wird helfen. Oder willst du lieber Salbe?« Annabell schaute sie von der Seite an. Als Medizinstudentin sollte sie zwar mit der Pharmaindustrie konform gehen, aber sie würde immer die Alternativmedizin bevorzugen.
»Ne, keine Chemie.«
»Gute Antwort.« Annabell stürmte los.
»He, wie sieht das Zeug aus und wo muss ich suchen?« Sebastian trottete hinter ihr her, war aber noch zu müde zum Denken.
»Wie der Name schon sagt: wächst am Wegesrand und hat lange, spitze Blätter«, amüsierte sich Annabell. Sie kannte sich aus, doch Sebastian half ihre Information nicht wirklich. Sein Gehirn schlief noch so früh am Morgen. Für ihn sahen die Pflanzen im Moment alle ähnlich aus. Wohin er auch schaute, es schien keine der Beschreibung zu gleichen. »Wozu gibt es Salben?« Warum war er überhaupt mitgegangen?
Zum Glück fand Annabell schnell, wonach sie suchte. Sie knetete kurz die Blätter, bis eine weiße Substanz sichtbar wurde. »Das binden wir für zwei Stunden auf dein Bein. Damit geht es dir besser.«
Nach dem Frühstück wollten alle gleich wieder zum See. Die Sonne schien bereits heiß vom Himmel, da würde ihnen die Erfrischung im Wasser guttun. Oliver war erleichtert. So konnte er doch Nicolas Wunsch erfüllen. Was sollte schon passieren? Beinahe ein wenig zu schnell schwang er sich auf sein Fahrrad.
*
»Kommst du nicht ins Wasser?«, rief Lena vergnügt.
»Doch, gleich«, brummelte Oliver, »ich will mir nur erst noch einmal die Beine vertreten. Hatte gerade einen Krampf in der Wade. Bin halt nicht so trainiert wie ihr.« Betont humpelnd, umkreiste er seinen Rucksack. Wie er das Lügen hasste! Erst als er sicher war, dass keiner es sah, holte er das Döschen heraus und verschwand hinter den Sträuchern am seitlichen Ufer. Ein gutes Stück weiter entdeckte er endlich die Mückeneier im Schlamm. Schnell verteilte er das weiße Pulver. Plötzlich tauchte vor seinen Augen für einen Moment ein Bild von hunderten Mücken auf, die sich erhoben und auf ihn zuflogen. Erschrocken steckte er das leere Döschen in seine Hosentasche.
Es gelang ihm bis zum Abend nicht, seine Leichtigkeit wiederzufinden. Immer wieder kamen ihm dunkle Gedanken. Wer weiß, was Nicolas da zusammengemischt hatte? Warum vertraute er ihm plötzlich nicht mehr? Hatte es vielleicht gar nichts mit der Forschungsarbeit der Uni zu tun und war nur sein eigenes Ding? Warum sonst machte er so ein Geheimnis darum? Seine Fantasie ließ ihm keine Ruhe, denn jetzt war er auch daran beteiligt.
»Hört ihr das?« Julian hielt inne und lauschte.
»Ne, was denn?« Lena schüttelte den Kopf. Aber dann blickte sie auf. Das Summen war nicht mehr zu überhören. »Das kommt aus dem Wald.«
Sechs Augenpaare weiteten sich erschrocken, als sie eine graue Wolke sahen, die auf sie zukam.
»Was ist das?« Oliver hielt den Atem an. »Mücken!«, rief er, als er sie beim Näherkommen erkannte. »Die greifen uns an! Weg hier!«
Die ersten Mücken waren im Nu bei ihnen und setzten sich auf ihre Haut. Schnell packten die Freunde ihre Sachen und radelten los. Ohne sich noch einmal umzudrehen, rasten sie durch den Wald. Weil plötzlich das Summen verstummte, bremste Sebastian so abrupt, dass Julian nicht mehr ausweichen konnte und stürzte. Entsetzt bemerkten sie, dass sein Vorderrad verbogen war.
»Wo sind sie geblieben? Haben wir sie etwa abgehängt?« Sebastian konnte das selbst nicht glauben.
Suchend schauten sie sich um. Julian hatte keine Chance, weiterzufahren. Zum Glück war er nicht verletzt. Weil niemand auf den Weg geachtet hatte, wussten sie nicht, wo sie gelandet waren. Oliver versuchte, sich zu orientieren. Überrascht entdeckte er hinter den Büschen das alte Blockhaus seiner Eltern. Blitzschnell griff er ins Schlüsselversteck und öffnete die Tür, als erneut das Summen begann. Sie stürmten hinein und stolperten dabei beinahe über ihre eigenen Füße.
»Tür zu!«, schrie Julian und schon standen sie im Dunklen. Einen Moment lauschten sie. Von den Mücken war nichts mehr zu hören.
»Mann, haben wir ein Glück. Das ist unser Ferienhaus, unsere ‚Hütte‘«, erklärte Oliver erfreut und holte sein Handy aus der Hosentasche, um die Taschenlampe anzustellen. »Hier machen wir es uns gemütlich.« Er staunte, dass er den Weg unbewusst gefunden hatte. »Es ist Platz für alle da. Ich werde mit Sebastian und Julian in meinem Zimmer schlafen. Ihr Mädchen könnt das Schlafzimmer meiner Eltern nutzen. Es stehen in jedem Zimmer zwei Betten und eine Schlafcouch. Lasst uns sauber machen! Wir haben hier schon viel zu lange keinen Urlaub mehr gemacht. Wäre ein Wunder, wenn es noch Strom gibt.« Erwartungsvoll betätigte er den Lichtschalter. »Wow, sie zahlen weiterhin regelmäßig die Rechnung. Also funktionieren auch Herd und Kühlschrank. – Mama, Papa, habt Dank dafür.«
Beim Aufräumen fanden sie allerlei nützliche Dinge, vor allem Kerzen. Später würde Oliver nach den Campinglampen suchen. Davon mussten bestimmt einige im Schuppen sein. Die könnten sie auf die Terrasse stellen und gemütliche Abende dort genießen. Julian freute sich, weil damit das Schlafen im Freien überstanden war.
Nach einer Weile öffnete Katrin die Terrassentür einen Spalt und lauschte. »Die Luft ist rein.« Eilig holten sie das Gepäck, versteckten die Räder hinter dem Blockhaus und verschlossen sorgfältig die Tür. Bloß keine Mücken reinlassen! »Gelüftet wird morgen«, sagte sie noch schnell. »Ich mache eben die Fensterläden auf. Es ist noch hell genug. Dann brauchen wir keine Lampen.« Annabell fühlte sich bereits wohl in der unerwarteten Unterkunft.
»Haben wir ein Glück, ein festes Dach über dem Kopf und nicht zu vergessen – ein Bad.« Lena war begeistert. »Oliver, probiere mal, ob auch Wasser aus der Leitung kommt, dann können wir gleich duschen.«
Es quietschte und klopfte in der Leitung, als Oliver den Wasserhahn aufdrehte, dann blubberte eine dunkelbraune Flüssigkeit heraus.
Nicolas überlegte, ob er noch zum Fitnessstudio gehen sollte, denn dort würde Jens ihn gleich mit zahlreichen Fragen bombardieren, worauf er aber keine Lust hatte. Oliver hatte sich noch nicht gemeldet, deshalb konnte er nichts Neues sagen. Hoffentlich kneift Oli nicht. Das Klingeln seines Handys riss ihn aus den Gedanken. »Yep, was geht?«, meldete er sich, ohne nachzusehen, wer dran war.
»Hej Alter, schwing die Hufe und komm zum Training! Ich warte schon seit einer Stunde.«
»Hallo Jens, bin schon unterwegs«, log er und legte schnell auf. Hätte ich mich bloß nicht darauf eingelassen. Jetzt war es nicht mehr zu ändern. Übellaunig machte er sich auf den Weg.
»Da bist du ja endlich!« Jens stand rauchend vor der Tür des Fitnessstudios. »Hat dein Lover das Zeugs verteilt?«
»Du mich auch.« Nicolas begrüßte ihn gereizt mit einer Ghettofaust. Jetzt nur nichts Falsches sagen. »Wird er schon. Wie oft soll ich dir noch sagen, der ist nicht mein Lover.« Warum musste Jens letzte Woche ausgerechnet in die Umkleide kommen, als mich Oliver umarmt hatte? Wir wollten es doch für die Zeit des Studiums geheim halten.
»Wer‘s glaubt, wird selig!« Jens klopfte ihm kräftig auf die Schulter und schmiss die Kippe auf die Erde. »Komm rein und berichte!«
»Ich zieh mich erst mal um. Wir treffen uns am Stepper beim Aufwärmen«, versuchte Nicolas Zeit zu gewinnen. Er hatte einfach keine Lust, mit Jens über das Experiment zu sprechen. Warum habe ich mich nur dazu überreden lassen? Um Jens zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen? Wahrscheinlich wird das gar nicht gelingen. Dafür habe ich jetzt Stress mit Oliver. Schon der Gedanke daran raubte ihm jegliche Kraft. Sämtliche Energie schien aus seinem Körper zu fließen. Lustlos ging er ins Studio. Ein widerlicher Schweißgeruch empfing ihn im Umkleideraum. Mechanisch öffnete er ein Fenster. Gedankenverloren setzte er sich auf die Bank und schreckte sofort wieder hoch, als Jens plötzlich die Tür aufriss. »Hej, pennst du? Ich bin so gespannt. Drehen die Viecher jetzt durch, oder werden sie groß wie dicke Fliegen? Der Chef will auch wissen, was los ist.«
Nicolas schüttelte verzweifelt den Kopf. »Wie soll das denn gehen? Oliver hat das Zeug doch erst gestern über die Mückeneier gestreut, jetzt müssen die zu Larven werden und dann schlüpfen sie. Ich habe keine Ahnung, was aus denen wird. Und ob es dann überhaupt wirkt? Hab Geduld!« Wie sollte er es ihm nur erklären. Sein Kopf ist bestimmt schon wieder zugekifft. Dabei hatte er versprochen, aufzuhören, wenn ich ihm die Arbeit im Studio besorge. Sorgenvoll blickte er ihn an.
Jens begann plötzlich sein sonderbares gackerndes Lachen. »Wie hat er denn die Eier bestreut? Hat er die Mücken aufs Kreuz gelegt und dann begattet?« Wie verrückt tanzte er durch den Raum. Sein Gesicht verzog er dabei maskenhaft.
Doch zugedröhnt. »Mann, die Eier liegen im Schlamm, du Blödmann! Du knallst dir noch dein letztes bisschen Hirn aus dem Schädel mit den Drogen!«
»Ja, ja, schon recht. Morgen höre ich auf, versprochen!« Dabei leckte er seine Handfläche und erwartete von Nicolas, dass er ihm Fünf gab, um sein Versprechen zu besiegeln. Aber das war zu viel verlangt.
»Ich geh jetzt trainieren und du solltest eine kalte Dusche nehmen!«
»Na klar, Mann, zu Befehl.« Jens nahm Haltung an, legte kurz die Handkante an seine Stirn und begann, sich auszuziehen.
Hat auch seinen Vorteil, wenn er so daneben ist, er gehorcht aufs Wort. Beruhigt, nichts weiter erklären zu müssen, ging Nicolas in den Fitnessraum und begann mit dem Training. Danach verschwand er, ohne zu duschen, und unbemerkt von Jens.
Abends fand Nicolas nicht in den Schlaf. Er musste Oliver rechtgeben. Woher hatte Jens das offizielle Döschen der Unistudie und welche Substanzen waren darin? Wieso interessiert sich Mühlenberg, der Chef des Fitnessstudios, überhaupt für die Mücken? Sie sollen vitaler und leistungsfähiger werden, meinte Jens. Und wenn sie dann die Kunden stechen, sollen sie die Kraft übertragen. So ein Unsinn! Aber als Jens völlig verzweifelt und gleichzeitig euphorisch vor ihm gestanden hatte, konnte er nicht anders. Es lag so viel Hoffnung in seinen Augen. Wenn alles erfolgreich ablaufen würde, bekäme er in Zukunft von Mühlenberg einen monatlichen Scheck. Mit dem Geld kann ich mir endlich eine neue Zukunft aufbauen, hatte er gesagt. Nur dabei wollte Nicolas ihm helfen. Wenn doch endlich Oliver anrufen würde. Außerdem fehlte er ihm. Doch sein Handy schwieg die ganze Nacht. Irgendwann schlief er endlich ein. Gegen Mittag wachte er auf. Der erste Blick galt dem Telefon: kein Anruf! »Oliver, lass mich nicht im Stich!«, murmelte er flehend.
Oliver wälzte sich unruhig hin und her. Im Traum sah er Missbildungen von Mücken, die so groß waren wie die Hütte und sich in Scharen darum platzierten. Er hatte keine Möglichkeit, ihnen zu entkommen. Sie saßen unbeweglich dort, den Blick gespannt auf die Tür gerichtet, als warteten sie auf ihre Beute. Er schlich zum Fenster. Doch als er den Vorhang zur Seite schob, sah er direkt in Nicolas‘ Augen. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzogen und grinste ihn an. Laut schreiend sprang Oliver zurück. In diesem Moment fiel er polternd aus dem Bett. Kalter Schweiß überzog seinen Körper, als er aufwachte. Heftig atmend versuchte er, sich aufzurichten.
»Schaut euch unseren Oliver an, liegt auf dem Boden wie ‘ne Schildkröte und hechelt, als hätte er einen Marathon hinter sich«, murmelte Sebastian schlaftrunken. »Was treibst du da?«
»Leise, du weckst die anderen.«, beschwerte sich Oliver.
»Schon passiert,« trällerte Lena, die gleich munter aus dem Bett gehüpft war und ins Zimmer der Jungen kam, um zu sehen, was passiert war.
»He, ich will noch schlafen«, stöhnte Julian aus dem anderen Bett und drehte sich zur Wand.
Doch daran war nicht mehr zu denken, denn auch Annabell und Katrin steckten ihre Nasen durch die Tür. Als sie Oliver mit sich selbst kämpfen sahen, brachen sie in herzhaftes Gelächter aus. »Brauchst du Hilfe?«, trällerten sie und zogen an seinen Armen.
»Lasst das, ich schaffe allein aufzustehen.« Oliver wehrte sich, als hätte er einen Kampf zu gewinnen.
*
Beim Frühstück schmiedeten sie Pläne für den Tag. Oliver wollte mit Julian zum Fahrradverleih gehen und das demolierte Rad eintauschen. Sie würden bis mittags brauchen, weil sie den gesamten Hinweg laufen mussten.
»Wir Mädels fahren zum See und Sebastian kommt mit«, erklärte Lena vergnügt.
»Besorgt doch gleich ein paar Vorräte, wenn ihr schon im Ort seid. Am besten für die ganze Woche.« Annabell hatte keine Lust mehr, Beeren zu sammeln und Salate zu suchen. »Nun sind wir im Blockhaus gestrandet und sollten es genießen. Wer ist dafür?«
Doch bevor auch nur einer antworten konnte, schrillte Oliver Handy.
»Mann, was für ein ätzender Klingelton.« Sebastian rannte zur Anrichte, holte das Smartphone und hielt es ihm hin. »Geh endlich dran!«
Oliver erkannte sofort die Nummer. Mit bleichem Gesicht verließ er die Hütte. Der fehlt mir jetzt gerade noch. Ob er schon Bescheid weiß? - Es ist doch nur ein harmloses Experiment, hatte Nicolas gesagt. »Guten Morgen, Herr Professor Jäger«, meldete er sich unsicher.
»Oh, habe ich Sie geweckt? Tut mir leid. Ich weiß von Ihrem Freund Nicolas, dass Sie gerade in der Nähe von Kempenich Urlaub machen. Deshalb rufe ich an. Können Sie mir bitte einen Gefallen tun? Ich hatte vor einer Woche mit meinem Kollegen Professor Hilpert gesprochen, der Tests mit Probanden macht, die bereit sind, sich von Mücken stechen zu lassen. Allerdings kann ich ihn telefonisch nicht erreichen und auf meine Mails antwortet er auch nicht. Können Sie bitte einmal zu ihm fahren und fragen, wo die Ergebnisse bleiben? Ich brauche sie dringen! Er schaltet manchmal alles aus, um seine Ruhe zu haben, und vergisst leider, Computer und Telefon wieder zu aktivieren. Werden Sie dafür Zeit erübrigen können? Es ist wirklich wichtig!«
Erleichtert atmet Oliver aus. »Natürlich, Herr Professor, dafür habe ich Zeit. Schicken Sie mir die Anschrift aufs Handy, dann fahre ich gleich hin.«
»Wunderbar, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Urlaub.«
Oliver wartete einen Moment, bevor er wieder hineinging, und atmete tief durch. Erleichtert öffnete er die Tür. »Julian, lass uns gleich losgehen. Wir haben noch einen Auftrag zu erledigen. Und ihr anderen genießt das schöne Wetter.«
*
Sebastian fühlte sich pudelwohl allein mit den Mädels am See. Aus den Kindern waren fesche junge Frauen geworden. Wenn er sich für eine entscheiden sollte, wüsste er nicht, für welche. Jede hatte ihren besonderen Reiz. Annabell war schon in der Schule immer die mit dem Überblick gewesen. Sie strahlte Ruhe und Weisheit aus. Bei ihr konnte man sich geborgen fühlen. Katrin hingegen machte auf ihn den Eindruck, dass sie noch gerne experimentierte. In einem Moment war sie munter und aufgedreht und plötzlich wieder nachdenklich oder vollkommen abwesend. Sie würde vielleicht einen Mann brauchen, der ihr eine gewisse Sicherheit geben konnte. Lena war die Frohnatur in Person. Sie träumte von Feen und Gnomen genauso wie von der perfekten Welt. Nichts schien sie umzuhauen. Mit ihr wäre das Leben sicher ein reines Abenteuer.
Ein kühler Wasserschwall beendete abrupt seine Gedanken. Die Mädchen tanzten vor Begeisterung. »Spinnt ihr? Wie alt seid ihr eigentlich?« Blitzschnell sprang er auf, schnappte sich Annabell und zerrte sie zum See. Kreischend gingen beide in dem kühlen Wasser unter. Eine wilde Schlacht begann – wie in Kindertagen.
Die Zeit verging wie im Flug, ohne dass Oliver und Julian auftauchten. »Wo die wohl geblieben sind? Hoffentlich gab es keinen Stress wegen des kaputten Fahrrads.« Sebastian machte sich langsam Sorgen. »Soll ich ihnen hinterhertelefonieren?«
»Auf keinen Fall. Lasst uns zurückfahren, ich habe Hunger. Außerdem wird mir langsam kühl.« Katrin schaute zum Himmel, über den See und dann in den Wald. Hatte sie da was gehört? Sofort kam die Erinnerung an die Mücken. »Hört ihr das auch?«
Annabell lauschte. »Meinst du die gackernden Enten da hinten?«
»Da summt doch was!« Katrin ließ sich nicht beirren.
»Stimmt«, sagte Sebastian und klatschte ihr mit der flachen Hand auf den Rücken. »Eine Mücke umschwärmte dich. Jetzt ist sie tot.«
»Autsch, spinnst du?«
»Ich glaube, die hat dich schon gestochen. Auf jeden Fall sieht die Stelle rot aus.« Sebastian tippte mit dem Finger auf die kleine Beule, die sich bereits auf ihrer Haut bildete.
»Lass das! Annabell, sieh du mal nach!«
Annabell machte große Augen. »Tatsache, sie hat dich gestochen. Ich sehe ein tiefes, schwarzes Loch an der Stelle«, unkte sie. »Lasst uns verschwinden, ehe noch mehr kommen!«
Unterwegs wurden Katrin und Lena noch einige Male gestochen. In der Hütte zählten sie die roten, juckenden Beulen. Katrin hatte sieben und Lena fünf.
»Und ihr habt keine?«, Katrin konnte es nicht fassen.
»Lass uns schnell etwas drauf tun, damit sie nicht schlimmer werden.« Annabell holte ihre Reiseapotheke, und bevor einer etwas dagegen sagen konnte, verteilte sie Salbe auf den Einstichstellen.
»Tut das gut!« Doch plötzlich setzte sich Katrin schwankend auf einen Stuhl und rieb ihre Augen.
»Was ist mit dir?«, besorgt sah Annabell sie an. »Hast du was ins Auge bekommen?«
»Es verschwimmt plötzlich alles und schwindelig ist mir auch. Was hast du mir da draufgeschmiert? Ich kann nicht mehr richtig sehen.«
»Komm, leg dich auf die Couch und ruh dich aus! Bist du vielleicht allergisch gegen Insektenstiche oder hast du zu viel Sonne getankt?« Geschickt packte sie Katrins Arm und führte sie zum Sofa. »Bring bitte ein Glas Wasser für Katrin!«
»Mach ich«, murmelte Lena. Doch bevor sie den Schrank mit den Gläsern erreichte, stieß sie mit dem Fuß ans Tischbein und fiel dann beinahe über Sebastians Füße.
»Halt, stehen geblieben!« Sebastian schnappte zu und fing sie auf. »Was ist los mit euch? Habt ihr etwa einen Sonnenstich? Am besten, du legst dich gleich neben Katrin.« Irritiert schaute er zu Annabell. »Fällst du auch gleich um?«
»Nein, ich fühle mich gut und du?«
»Bei mir ist alles prima.«
Nachdem Julian das verbeulte Fahrrad gegen ein neues getauscht hatte, machte sich Oliver mit ihm sofort auf den Weg zu Professor Hilpert. Die beiden staunten nicht schlecht, als sie bei ihm ankamen. Eigentlich hatten sie eine große Villa erwartet, die von einer hohen Mauer umgeben war, wie es sich für einen Professor im Ruhestand gebührt hätte. Stattdessen standen sie nun vor einem irischen Cottage mit duftenden Kletterrosen an den Wänden und einem verwunschenen Vorgarten. Kleine Feen lugten unter blühenden Sträuchern hervor und ein Glöckchen klang irgendwo leise im Wind. Über der grünen Tür hing ein grünes, dreiblättrigen Kleeblatt aus Holz. Weil Oliver keine Klingel fand, benutzte er den bronzenen Türklopfer und machte reichlich Lärm damit. »Haben wir irgendwann den Kontinent gewechselt?« Erneut klopfte er einige Male. Aber nichts rührte sich. »Sollen wir hinten nachsehen?«
Julian nickte. Sie stellten die Räder neben der Tür ab und schlichen ums Gebäude.
»Schau dir das an!« Julian war begeistert. Ein riesiger Garten mit wunderschönen, blühenden Rosensträuchern unterschiedlicher Farben tat sich vor ihnen auf, und weiter hinten entdeckten sie einen Teich mit weißen Seerosen. Der Rasen duftete, als wäre er gerade frisch gemäht worden. An der rechten Seite war ein kleiner Nutzgarten angepflanzt. Zahlreiche Scheinakazien und bunter Schmetterlingsflieder umsäumten das gesamte Grundstück. Emsig flogen Bienen und Schmetterlinge von Blüte zu Blüte. Eine knorrige Sitzgarnitur aus Holz machte die Terrasse aus Natursteinplatten gemütlich. Auf dem wettergegerbten Tisch standen eine Flasche Wasser, ein halbvolles Glas und ein Ständer mit einer Pfeife, die vor sich hin räucherte. Irische Volksmusik klang aus dem Cottage. Sie gingen zur offenen Terassentür.
»Hallo? – Professor Hilpert?« Julian steckte seinen Kopf durch die Tür. »Professor Hilpert, sind Sie da? – Wir kommen im Auftrag von Professor Jäger.«
Oliver gesellte sich zu ihm. Neugierig schaute auch er ins Zimmer. »Wie kann man sich so ein Haus hier hinstellen, mitten in die Zivilisation? Das muss doch aus einer anderen Welt sein.«
»Mir gefällt es. Ist doch gemütlich.« Julians Augen begannen zu glänzen.
»Mir gefällt es auch«, ertönte plötzlich eine sonore Stimme dicht hinter ihnen.
Die beiden machten vor Schreck eine Kehrtwendung und standen beinahe Nase an Nase Professor Hilpert gegenüber. Als dieser die verdutzen Gesichter sah, begann er herzhaft zu lachen. Verlegen stimmten sie mit ein.
»Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?«, fragte der Professor und machte mit der Hand eine einladende Geste zum Tisch.
»Gerne«, stammelten beide und setzten sich auf die rustikalen Korbsessel.
»Sie kommen im Auftrag meines jungen Kollegen Jäger aus Stuttgart, sagten Sie? Was kann ich für ihn tun?«
»Der Professor erwartet dringend die Ergebnisse der Studie von den Mücken und den Folgen bei den Menschen, die durch ihre Stiche verursacht wurden. Wir sollen Sie bitten, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Er konnte Sie nicht erreichen.« Oliver hatte plötzlich einen trockenen Mund und nahm einen großen Schluck Wasser.
»Konnte er nicht?«, wunderte sich der Professor. »Sonderbar, trotz Telefon und Internet.« Er griff nach seiner Pfeife und lehnte sich gemütlich rauchend zurück. Dabei summte er das Lied mit, das gerade aus seinem Haus tönte. »Kennen Sie meine Heimat? Leider habe ich sie als junger Student verlassen.«
Was sollte Oliver nur darauf antworten? Hilflos rutschte er auf seinem Sitz hin und her. Anscheinend hatte der Professor vergessen, worüber sie gerade gesprochen hatten. »Nein, ich war noch nie in Irland. Das ist doch Ihre Heimat, oder?«
»Oh, erkennt man das? – Ja, das erkennt man wohl.« In seinem Gesicht konnten sie die grenzenlose Liebe zu diesem Land erkennen.
Oliver blickte hilfesuchend zu Julian. »Mensch, sag du doch auch mal was«, flüsterte er ihm zu.
Julian räusperte sich und versuchte, die richtigen Worte zu finden. »Professor Hilpert, …?«, setzte er zaghaft an. Doch dessen verträumter Blick ließ ihn sofort wieder verstummen. Er nahm sein Glas, nippte daran und beobachtete den Professor.
Nach einer kurzen Weile schien dieser wieder im Hier angekommen zu sein. »Was hatten Sie gesagt? Entschuldigung, ich war wohl gerade etwas abwesend.«
Am liebsten hätte Julian allerdings gesagt, wenn es nicht so unhöflich gewesen wäre. »Wir sollten Sie nach den Ergebnissen der Studie fragen. Professor Jäger benötigt dringend die Statistiken und bittet Sie darum, diese möglichst noch heute per Internet zu senden.«
»Studieren Sie an seiner Uni?«
»Nein, ich nicht, aber Oliver. Ich studiere in Freiburg Natur und Umwelt«, sagte Julian mit Stolz in der Stimme.
»Sehr interessant. Und was machen Sie in Kempenich?« Dabei blickte er abwechselnd von Julian zu Oliver. Seine Augen leuchteten plötzlich, als wäre sein Interesse endlich geweckt.
»Wir machen eine kleine Auszeit mit ein paar Freunden aus der Schulzeit in unserem alten Ferienhaus in den Semesterferien.« Oliver hatte das Gefühl, in die Kindheit zurückversetzt worden zu sein, so verlegen war er plötzlich. Was strahlte der Professor eigentlich aus, das ihn so unsicher machte? Vorsichtig versuchte er, ihn zu taxieren.
»Die schönste Zeit des Studiums«, nickte der Professor. Schon wieder kehrte der abwesende Blick in seine Augen zurück.
Das konnte noch heiter werden. Dabei wollten sie so schnell wie möglich zu den anderen zurückkehren. Und einkaufen sollten sie auch noch! Außerdem wollte er unbedingt zum See und nach den Mückeneiern sehen. Vielleicht waren sie schon verschwunden, von den Fischen aufgefressen. Oliver wurde immer unruhiger.
»Oh, entschuldigen Sie, da will ich mal gleich nach den Ergebnissen sehen. Ihre Zeit möchten Sie sicher lieber mit Ihren Freunden verbringen, statt mit einem alten, verträumten Professor.« Sonderbar intensiv blickte er in Olivers Augen. Dann stand er abrupt auf und ging ins Cottage, um sein Laptop zu holen. »Hier, sehen Sie sich die Fotos an. Ist das nicht entsetzlich?«
»Sind das etwa Wunden durch Mückenstiche? Die sehen aber gefährlich aus.« Oliver war entsetzt. Mehrere kreisförmige Flächen, so groß wie Ein- und Zwei-Euro Münzen, überlappten sich, waren blutig oder nässten auf der Haut. Ein anderes Foto zeigt einen angeschwollenen Unterschenkel mit einer riesigen Eiterblase, die in einem feuerroten Hof lag. Im Gesicht wirkte das Ganze noch bedrohlicher, die Schwellung ließ das Auge beinahe verschwinden. Die Bilder aus der Uni hatten ihn schon erschrocken, aber diese jetzt …!
»Ja, sind es. Ein einziger Stich genügt, um solche Flächen zu kontaminieren und manchmal sogar einen Menschen zu töten. Der Speichel der Mücke bewirkt, dass sich die Blutgerinnung verringert und damit die Durchblutung verstärkt. Körpereigene Streptokokken gelangen von der Haut in den Einstichkanal und breiten sich in kürzester Zeit im Körper aus. Da hilft nur noch Antibiotikum oder Penizillin. Sie dürfen nicht vergessen, die Flächen jucken wie Hölle, und kratzen würde zu noch schlimmeren Entzündungen führen.« Der Professor war in seinem Element. »Das scheint Sie tatsächlich zu interessieren.« Prüfend sah er Oliver an.
Dieser nickte mit offenem Mund. Mit solchen Auswirkungen hatte er nicht gerechnet. Was wird das Pulver anrichten, das er verstreut hat, wenn aus den Eiern einmal Mücken geworden sind? Er musste unbedingt erfahren, welche Substanzen darin waren. »Ich arbeite mit in der Forschungsgruppe unserer Uni«, erklärte er verlegen.
»Oh, dann kann ich Ihnen sicher noch einiges zeigen. Kommen Sie mich doch in den nächsten Tagen wieder besuchen. Wie lange bleiben Sie hier?«
»Noch fast zwei Wochen. Mal sehen, wenn es uns gefällt, vielleicht auch länger.«
»Dann sind Sie also herzlich eingeladen. Bringen Sie Ihre Freunde mit. Ich kann Ihnen noch weitere Informationen zu den aktuellen Mückenpopulationen geben. Das wird sicher helfen bei Ihrer Forschungsarbeit. – Aber jetzt will ich Ihnen Ihre Zeit nicht weiterhin stehlen. Also, ich schicke das Ergebnis sofort los, muss nur eben meinen Computer wieder starten. Ich wollte eine Weile meine Ruhe haben. Am besten mache ich das sofort.« Mit einem Lächeln ergänzte er: »Dann können Sie beruhigt Ihre Semesterferien genießen.« Damit stand er auf, reichte seine Hand zum Abschied und verschwand im Cottage.
»Wow, der ist ja der Knaller!« Julian war begeistert von dem Professor. »Ich will ihn auf jeden Fall noch einmal besuchen. Es gefällt mir hier. Hoffentlich kommen die anderen auch mit.«
Oliver war sich nicht so sicher, ob er das noch ein weiteres Mal tun wollte. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Professor ihn durchschaute. Aber wie sollte er?
*
»Da seid ihr ja endlich! Wir dachten schon, ihr übernachtet im Ort. Habt ihr alles bekommen?« Annabell machte ein verärgertes Gesicht.
Mit einem solchen Empfang hatten sie nicht gerechnet, denn so spät war es ja nun wirklich nicht, gerade einmal später Nachmittag. Julian schaute sie ungläubig an und stellte zwei Tüten mit Einkäufen auf den Tisch. Oliver legte den Rest dazu.
»Habt ihr unterwegs eure Stimmen verloren?«, auch Sebastian blökte sie an.
Oliver schaute von einem zum anderen. Die beiden schienen tatsächlich genervt zu sein. Als er die Mädels auf der Couch entdeckte, konterte er. »Habt ihr etwa die ganze Zeit verpennt?«
»Verpennt? – Verpennt also! Schaut mal genauer hin! Die zwei liegen da und haben ein Flimmern in den Augen, dass sie nicht mehr sicher stehen können. Sie reagieren seltsam und ich weiß nicht, woran das liegt. «Annabell war außer sich.
»Was?« Eigentlich wollte er sagen, dass sie doch Medizin studiert und am besten Bescheid wissen müsste. Doch dann erkannte er die Angst in ihrem Gesicht. »Was ist passiert?«
»Wenn ich das wüsste. Wir waren am See und haben einfach den Tag genossen. Dann wurde Katrin wieder von den Mücken gestochen. Auf dem Weg zur Hütte dann auch Lena. Ich habe ihnen Salbe draufgetan, damit das Jucken nachlässt.«
»Und wieso haben die beiden das Flimmern in den Augen?« Sofort tauchten die Bilder der Studie vor ihm auf. Oliver befürchtete, Schreckliches angerichtet zu haben. Aber das konnte nicht sein, denn die Eier entwickelten sich gerade erst zu Larven. Ihn traf also keine Schuld.
»Vielleicht kannst du mir das sagen, du Klugscheißer. Ich weiß es eben nicht.« Annabells Geduld verabschiedete sich. Wie ein Tiger im Käfig lief sie hin und her. Wenn sie doch nur ihr Lehrbuch mitgenommen hätte. »Morgen fahre ich zur Stadt, wo ich Internetempfang habe. Dann suche ich nach den möglichen Ursachen.« Damit ließ sie sich stöhnend auf einen Stuhl fallen.
»Soll ich dir einen Kaffee machen?« Julian holte eine Tafel Schokolade aus der Einkaufstüte und legte sie mit einem Augenzwinkern auf den Tisch. »Nervennahrung.«
»Wunderbar!« Annabell griff gierig zu. Das war genau das Richtige.
Professor Jäger blickte auf, als sein Computer eine ankommende Nachricht signalisierte. Er wusste, dass auf seinen ehemaligen Doktorvater Verlass war. »Die Testergebnisse sind da. Wurde aber auch Zeit. Morgen ist mein Vortrag bei der Ärztekammer. Wie soll ich das nur schaffen? Hoffentlich hat Hilpert gut vorgearbeitet.« Er redete und redete. Seit er allein war, sprach er häufig mit dem Foto seiner Frau. Früher hörte sie ihm zu, aber letztes Jahr musste sie gehen: Der Krebs hatte sie besiegt. Dabei war sie noch viel zu jung, gerade einmal vierzig, so wie er. Oh, sie fehlte ihm an jedem Tag. Tränen schimmerten in seinen Augen.
»Jetzt ist keine Zeit zum Traurig-Sein«, schien sie ihn zu ermahnen.
»Du hast recht, meine Liebe. Wirst du mich morgen begleiten?« Sie hatte ihm immer allein durch ihre Anwesenheit bei den Kongressen die nötige Kraft gegeben. Manchmal zwinkerte sie ihm dann ein Äuglein zu. Dadurch verlor er einmal sogar den Faden. Und als sie dann vor Schreck ihre Hand auf den Mund legte, musste er schmunzeln.
Die Fotos und die Statistiken von Professor Hilpert zeigten ihm, dass es höchste Zeit war, zu reagieren. Irgendetwas hatte das natürliche Gift im Speichel der Mücken verändert. Die Reaktionen der Probanden auf ihre Stiche verschlimmerten sich deutlich. Möglicherweise benötigten die Ärzte neue Medikamente. Nun war dringend die Pharmaindustrie gefragt. Wer wusste schon, ob Penizillin und Antibiotikum bald noch helfen würden?
»Was meinst du, meine Liebe, ob die übertriebene Düngerei daran schuld ist oder sind es die Pestizide, die sogar schon durch die Luft über den Feldern verstreut werden? Ich denke, es hat mit der Nahrungskette zu tun.« Liebevoll sah er ihr Foto an und nickte. »Schau dich doch um, was die Menschen mit der Natur treiben. Lieben sie ihre Erde eigentlich noch? Oder denken sie nicht daran, dass es keine andere für sie gibt? – Ich glaube, es wird eine lange Nacht für mich«, sagte er und holte sich eine Tasse Kaffee.
Leise stöhnend legte er die Statistiken auf den einen Monitor und die Fotos auf den anderen. So hatte er sie ständig im Blick. »Wunderbare Technik«, murmelte er und begann, seinen Vortrag zu vervollständigen. Die Ergebnisse flossen zügig in sein Konzept ein. Er wunderte sich, dass seine Gedanken zur Studie dem Bericht von Professor Hilpert dermaßen glichen.
»Was meinst du, ob ich ihn so spät noch anrufen kann?« Dabei lächelte er erneut ihr Foto an, griff zum Telefon und wählte die Nummer des Professors. Zu seinem Erstaunen meldete dieser sich sofort.
»Hallo Jäger, konnten Sie mit dem Ergebnis was anfangen?«
»Das fragen Sie nicht wirklich, Professor Hilpert?« Er genoss es, wenn der Professor ihn ansprach, wie zu Studienzeiten. Das gab ihm eine gewisse Geborgenheit in seiner ständigen Unsicherheit.
»Nein, natürlich nicht. Nehmen Sie sich ein Gläschen Wein, und wir reden darüber. Haben Sie nicht morgen Ihren Vortrag? Vielleicht kann ich Ihnen noch einige Erklärungen dazu geben.«
»Ja, vielen Dank, aber den Wein lasse ich besser weg. Ein Gläschen Wasser tut auch seine Dienste. Sonst kann ich nachher nicht schlafen. Ich glaube, dem Vortrag wäre das nicht zuträglich.«
»Übrigens, Jäger, dieser Oliver und sein Freund – wie heißt der noch? Ach ja, Julian – scheinen wirklich an der Studie interessiert zu sein. Sie hätten ihre Gesichter sehen müssen, als ich ihnen die Fotos zeigte. Ich habe sie eingeladen, mich in den nächsten Tagen noch einmal zu besuchen. Wir müssen uns doch um unsere Studenten kümmern«, fügte er schmunzelnd hinzu. Vor allem um diesen Oliver, dachte er.
Der Professor schien sich kein bisschen verändert zu haben. Die Abende. mit einer Handvoll ausgewählter Kommilitonen bei ihm, hatte Jäger stets genossen. Dort saßen sie auf dem Boden, aßen Chips and Fish, die seine Frau regelmäßig reichte, und diskutierten endlos über die letzten Vorträge oder Überlegungen zu neuen Studien. Er hatte das auch einmal mit seinen Studenten versucht, aber ihm gelang es nicht, diese Gemütlichkeit aufkommen zu lassen.
»Sind Sie noch da?«, vernahm er die Stimme aus dem Hörer, aber seine Gedanken waren so weit weg, dass er nicht sofort antwortete.
»Hallo, Jäger, sind Sie eingeschlafen?«
Den Satz kannte er nur zu gut. Ein wohliges Gefühl durchströmte ihn, so sehr hatte er damals die Vorlesungen bei ihm geliebt. »Äh, endschuldigen Sie, ich war etwas in Gedanken. Ja, dieser Oliver ist ein intelligentes Bürschchen.« Fast beneidete er Oliver, weil der Professor Hilpert besuchen durfte.
»Da kommt mir eine Idee, Jäger. Wollen Sie auch kommen? Sie können ein paar Tage bei mir Urlaub machen. Dann diskutieren wir wie früher mit den jungen Leuten. Würde Ihnen das gefallen? Zur Not gibt es auch Chips and Fish. Oder haben Sie was Besseres vor?«
Hatte er seine Gedanken etwa laut ausgesprochen? Fragend betrachtete er das Foto seiner Frau. »Oh, das ist aber …« Ihm fehlten die Worte. Konnte man die Vergangenheit zurückholen?
»… eine gute Idee«, vervollständigte Professor Hilpert den Satz. »Also, kommen Sie? Wie wäre es gleich nächste Woche? Ich denke, so ab Montag, wenn es Ihnen passt?«
Seine Frau schien zu nicken: »Tu es einfach!«
»Ja«, stammelte er, »ja, das wäre eine gute Idee. Da haben Sie recht. Dann kann ich Ihnen vielleicht auch schon einen Bericht über meinen Vortrag geben, wenn Sie daran interessiert sind. Ja, danke für die Einladung. Ich werde kommen.« Er spürte die Freude im ganzen Körper.
»Dann schlafen Sie sich einmal gründlich aus, junger Kollege, damit Sie morgen mit Ihren Gedanken auch bei der Sache sind. Und seien Sie nicht so ängstlich, Sie schaffen das schon. Gute Nacht.«
Noch bevor er den Gruß erwidern konnte, verstummte das Telefon. Aber die Freude auf das Wiedersehen mit seinem Professor und die Diskussionen mit den Studenten wuchs und wuchs.
*
Am nächsten Tag wachte er frisch und voller Tatendrang auf. Der Vortrag war perfekt ausgearbeitet und seine Stimmung überaus gut. Was sollte also schiefgehen? Er griff seine Tasche mit dem Laptop und den Unterlagen und stieg zufrieden ins Auto. Unterwegs hielt er an, um ein kleines Frühstück einzunehmen. Bei dem herrlichen Wetter setzte er sich ins Gartenrestaurant. Kaum hatte er Platz genommen, kamen plötzlich Zweifel auf, ob er wohl alle Informationen in seine PowerPoint-Präsentation eingebunden hatte. »Typisch, wie in der Uni vor den Prüfungen. Legt man das denn niemals ab?«, murmelte er. Doch seine Kaffeetasse in der Hand gab ihm keine Antwort darauf.
Nachdem er bezahlt hatte, setzte er sich ins Auto und fuhr los. »Es wird schon gut gehen«, machte er sich selbst Mut. »Auf jeden Fall habe ich mich gründlich vorbereitet.« Zum Glück sah er noch rechtzeitig im Rückspiegel, wie die Bedienung wild gestikulierend hinter ihm herlief. Mit der Hand schwenkte sie seine Aktentasche.
Der Heilungsverlauf schien nicht voranzuschreiten. Nun litten Katrin und Lena schon den zweiten Tag an dem Augenflimmern, sodass sie ans Haus gebunden waren. Außer dem starken Juckreiz und einer kleinen Schwellung traten aber keine weiteren Symptome auf. Tagsüber lagen sie im Garten auf den Liegen. Im Wechsel versorgte sie einer von ihnen. Die anderen drei genossen den Wald oder den See, bis plötzlich auch bei Sebastian ein Flimmern in den Augen einsetzte. Er war mittlerweile ebenfalls mehrfach von Mücken gestochen worden.
»Das ist doch nicht normal«, wunderte sich Oliver, »wieso unterscheiden sich die Wirkungen der Mückenstiche bei euch so deutlich von denen aus der Studie des Professor Hilpert? Das waren doch auch Mücken von hier.«
»Telefonier mal mit dem Professor. Vielleicht hat er schon davon gehört. Dann nutzen wir seine Einladung. Und frag auch gleich, wann wir ihn besuchen können. Die drei nehmen wir auf jeden Fall mit.« Julian wusste keinen anderen Rat.
Im Prinzip fand Oliver die Idee gut, aber die Angst, dass das Pulver, das er verstreut hatte, später ähnliche Reaktionen auslösen könnte, verunsicherte ihn. Er wollte nicht Schuld haben am Leiden anderer Menschen. Bisher hatte er keine Beweise dafür, aber wenn der Professor mit seinen Informationen die negative Sicherheit dafür steigerte …? Trotzdem nickte er, um Julian zu beruhigen. Mach ich irgendwann.
*
Am Abend saßen sie gemütlich zusammen im Garten und grillten. Die Kranken wurden bedient und die Gesunden erzählten zur Aufheiterung Anekdoten aus der Schulzeit. Keiner bemerkte die Mücken, die sich nach und nach auf dem Dach des Blockhauses niederließen. Als es zu dämmern begann, gingen Sebastians Erzählungen in Gruselgeschichten über – genau wie früher bei den Klassenfahrten. In dem Moment, als sie vor Aufregung den Atem anhielten, starteten die Mücken vom Dach und umkreisten die Gruppe in einem geschlossenen Ring. Aufgrund des Zwielichts bemerkten sie die Mücken nicht sofort. Erst das immer lauter werdende Summen ließ die Freunde aufhören, als sich die Weibchen mit ihren dunklen Summtönen erhoben. – Zu spät sprangen alle auf, rannten ins Haus und verschlossen sämtliche Türen und Fenster. Die ersten Stiche hatten gesessen. Und wieder traf es hauptsächlich Lena und Katrin.
