Es war einmal ... - Gerhard Wolf - E-Book

Es war einmal ... E-Book

Gerhard Wolf

0,0
14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Alexander und Bernhard sind dankbare Jungs. Beide lernen gut in der Schule und helfen ihren Eltern, wo auch immer sie können. Dennoch hat die Familie gerade nur so ihr Auskommen. Gut, dass der König des Landes einen Wettbewerb ausruft. Dem Gewinner winkt eine fürstliche Belohnung. Alles was die Jungs benötigen, um zu gewinnen, ist ein besonderes Fensterputzmittel. Angetrieben vom Bedürfnis, ihren Eltern etwas zurückzugeben, als Dank für ihre schöne Kindheit, machen sich Alexander und Bernhard auf die Suche nach diesem Spezialfensterputzmittel. Auf ihrer langen Reise treffen die beiden Jungen auf die verschiedensten Märchenfiguren, die ihnen hilfreich zur Seite stehen. Und das ist auch gut so, denn der feine Herr König und seine schmarotzenden Minister spielen nicht mit offenen Karten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Impressum 3

Vorwort 4

Es war einmal … 5

Der Weg ins Abenteuer 16

Die sieben Zwerge 17

Die Goldmarie 20

Ali Baba und die vierzig Räuber 24

Indianerhäuptling Winne-one 29

Das tapfere Schneiderlein 32

Die Bremer Stadtmusikanten 35

Der alte Fischer 37

Tischlein deck dich 41

Dornröschen 44

Die Prinzessin auf der Erbse 49

Aschenputtel 51

Das Schlaraffenland 53

Rapunzel 55

Der fliegende Teppich 62

Doktor Allwissend 66

Die Ankunft in China 70

Der Geist aus der Flasche 77

Die große Stadt 80

Das Wettessen 82

Das Originalrezept 88

Der Rückweg beginnt 94

Die Ballonfahrt 97

Die Wiederbegegnungen auf dem Rückweg 101

Koh-i-Noor 118

Zuhause angekommen 124

Quarantäne 128

Der politische Gefangene 133

Des Königs neue Kleider 143

Der große Coup 152

Aus der Traum? 156

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-629-9

ISBN e-book: 978-3-99131-630-5

Lektorat: Laura Oberdorfer

Umschlagfoto: Elena Schweitzer | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorwort

Diese abenteuerliche Geschichte soll einen Bezug zwischen der bunten Welt der fantastischen Märchen und dem nüchternen Grau unseres heutigen Alltags herstellen.

Ich wünsche allen aufmerksamen Lesern, sowohl den älteren Kindern als auch den Erwachsenen, die sich ihr kindliches Gemüt bewahrt haben, ein ebensolches Vergnügen beim Lesen wie ich es beim Schreiben dieser Geschichte hatte. Es wäre schön, wenn es mir gelungen ist, auch dem grauen Alltag, der uns umgibt, etwas „Farbe“ zu verleihen.

Gerhard Wolf

Es war einmal …

… so beginnen eigentlich alle Märchen, so also auch dieses.

Es war einmal ein Land, welches von der Flächenausdehnung her nicht viel kleiner und auch nicht viel größer als andere Länder war. Dieses Land, es war ein Königreich, begann weit hinter dem Wald, in dem sich einst Hänsel und Gretel verlaufen hatten und wo sie schließlich an das Pfefferkuchenhaus der bösen Hexe gelangt waren.

Dieses Königreich war auch noch weit hinter dem Wald gelegen, in dem Rotkäppchen die kranke Großmutter besucht hatte, die kurz davor aber vom Wolf verschlungen worden war.

Dieses Land erstreckte sich ungefähr dort, wo einst die sieben Geißlein vom Wolf gefressen worden waren und nur das jüngste Geißlein überlebte, weil es sich im Uhrkasten versteckt hatte.

Das Land war auch gar nicht weit entfernt von dem Wald hinter den sieben Bergen, in dem die sieben Zwerge einst Schneewittchen beherbergt hatten.

Dieses Königreich war etwas weiter entfernt von dem Haus, in dem die Goldmarie und die Pechmarie der alten Frau Holle zur Hand gegangen waren.

Aber dieses Land war auf keinen Fall so weit entfernt, dass es dort so eisig kalt war wie im Märchen von der Schneekönigin.

In diesem Land also, sehr weit entfernt von hier und heute, lebte einmal ein König mit seinem Hofstaat in einem prächtigen Palast.

Auf dem höchsten Berg des Landes war dieser prächtige Palast errichtet worden. Von dort oben gab es eine herrliche Aussicht auf die Wälder und Felder, die Flüsse und Seen und auch auf die Häuser in den winzigen Dörfern und den kleinen Städten dieses Königreiches.

Der Palast hatte vier hohe Türme. Ebenso viele wie es Jahreszeiten gibt. Der Königspalast war zwölf Etagen hoch. Die gleiche Zahl wie es Monate im Jahr gibt. Und es gab dort dreihundertfünfundsechzig Fenster, so viele wie das Jahr Tage hat.

In den vielen Fenstern des Palastes spiegelte sich am Tage das Sonnenlicht und am Abend, wenn die Sonne unterging, färbten sich die Fenster glutrot im Widerschein des Abendrots.

Der Palast funkelte und leuchtete stets wie ein riesiger Diamant. Denn auch in der Nacht strahlte das Licht der zahlreichen Kronleuchter, die im Palast angezündet wurden, aus den Fenstern heraus, weit in das Land hinein. Es war eine wahre Pracht!

Der König war sehr stolz auf diese Pracht und hatte schon vor Jahren befohlen, sämtliche Fenster des Palastes jeden Tag sehr gründlich zu putzen und zu polieren.

Demzufolge gab es in seinem Land viele, viele Fensterputzer. Es gab mehr Fensterputzer als Bauern. Bauern, die die Felder bestellten und das Vieh versorgten, damit es stets ausreichend Gemüse und Obst zu kaufen gab und auch saftiges Fleisch und gesunde Milch. Natürlich bauten die Bauern auch Getreide an, dessen Körner der Müller dann zu Mehl mahlte, aus dem der Bäcker wiederum duftendes Brot und knusprige Brötchen backen konnte.

Es gab auch mehr Fensterputzer als Handwerker. Handwerker, die wichtige Dinge produzierten, die man in den Haushalten benötigte. Wie zum Beispiel Töpfe und Pfannen, Kochlöffel und andere Küchengeräte. Auch Teller und Schüsseln, Bekleidung und Schuhe.

Es gab auch mehr Fensterputzer als Bauarbeiter. Bauarbeiter, die neue Häuser errichteten und die alten Häuser reparierten und modernisierten. Mehr als Arbeiter, die Straßen und auch Brücken bauten.

Es gab ein wahres Heer an Fensterputzern, die tagein tagaus die Glasfenster im Palast reinigten. Weil dem König diese Arbeit überaus wichtig war, bezahlte er seinen Fensterputzern auch einen wahrhaft fürstlichen Lohn für ihre tägliche Arbeit.

So waren alsbald die Fensterputzer reicher als die Ackerbauern und die Viehzüchter. Reicher als die Schlosser, die Tischler, die Bäcker, die Bauarbeiter und all die anderen fleißigen Werktätigen im Land.

Das setzte diese sehr unter Verdruss! Natürlich wollten sie auch so viel Geld verdienen. Aber die Arbeitsstellen für Fensterputzer waren schon alle besetzt. Zudem konnten ja die Bauern nicht so einfach ihre Ackerfelder im Stich lassen und dort nur noch das Unkraut wachsen lassen. Die Rinder, Schweine, Schafe, auch die Hühner und alles andere Nutztier, was da kreuchte und fleuchte, mussten ja gefüttert werden. Und wenn man die Kühe nicht molk, gab es ja auch keine Milch, die man trinken konnte. Milch aus der man einen leckeren Schokoladenpudding kochen oder einen würzigen Käse reifen lassen konnte.

Wenn keiner mehr Töpfe, Pfannen und anderes Küchengerät herstellte, worin sollte man dann sein Essen zubereiten?

Was sollte man zum Frühstück essen, wenn niemand mehr knusprige Brötchen backte? Worauf sollte man die Butter schmieren und mit Wurst belegen, wenn kein Brot mehr gebacken würde?

Wo sollte man wohnen, wenn keiner mehr Häuser baute?

Wer sollte die Kinder in der Schule unterrichten, wenn es keine Lehrer mehr gab?

Alle Menschen meinten, dass ihr Beruf eigentlich wichtiger war als der eines Fensterputzers. Die vielen fleißigen Handwerker, Bauern, Viehzüchter und Bauarbeiter im Königreich meinten einhellig, dass eine blitzblank geputzte Fensterscheibe zwar sehr schön anzusehen war, aber man davon nicht satt werden würde.

Das größte Problem war, dass der König viel Geld benötigte, um die Fensterputzer zu entlohnen. Und wo nahm der König dafür das Geld her?

In einem kleinen Ort ganz in der Nähe des hohen Berges, auf dem der Königspalast thronte, lebte ein Möbeltischler mit seiner Familie in einem bescheidenen, kleinen Häuschen. In einem ebenso kleinen Anbau befand sich seine Tischlerwerkstatt. Dort fertigte er Stühle, Bänke, Tische, Schränke und Kommoden sowie Bettgestelle.

Der Tischler hatte eine gute Frau und zwei gesunde Kinder, zwei Jungs. Der ältere hieß Alexander und der jüngere wurde Bernhard gerufen. Wenn sie noch ein drittes Kind gehabt hätten, würde es wohl einen Namen mit „C“ tragen, vielleicht Christian. Beide Jungs gingen schon einige Jahre in die Schule.

Eines Tages fragten die beiden Jungs ihren Vater, woher der König denn all das Geld hernähme, um sich solch einen Palast bauen lassen zu können. Mit welchem Geld er die köstlichen Speisen bezahlte, die er jeden Tag aß. Woher das Geld kam, mit dem er die vielen Fensterputzer bezahlte.

„Ganz einfach“, sagte der Vater, „der König hat schon vor langer, langer Zeit festgelegt, dass von allen Waren, die im Lande verkauft werden, die Hälfte des Verkaufspreises an ihn abzugeben sei!“

„Wie das?“, fragten Alexander und Bernhard, wie aus einem Munde.

„Also“, erklärte der Vater, „wenn zum Beispiel der Bauer mit viel Fleiß seinen Acker im Frühjahr gepflügt, dann Getreide gesät, später dann das reife Getreide gemäht und gedroschen hat, kann er die so gewonnenen Getreidekörner an den Müller verkaufen. Dafür verlangt er einen Preis, der das Entgelt für alle seine bis dahin geleisteten Tätigkeiten ist. Der Lohn für die Arbeit des Bauern. Der Müller zahlt dem Bauern die vereinbarte Summe und der Bauer muss davon die Hälfte dem König geben.“

„Ein anderes Beispiel“, fuhr der Vater fort. „Der Müller mahlt dann aus den Getreidekörnern das Mehl, das er zum Schluss dem Bäcker verkauft, damit dieser dann daraus Brot und Brötchen backen kann. Dafür verlangt der Müller dann einen Preis, der das Geld beinhaltete, was er dem Bauern für die Getreidekörner bezahlt hat, zusätzlich seiner Mühen und seiner fleißigen Arbeit, die er aufwenden musste, um aus dem Getreide Mehl zu mahlen. Von diesem Geld muss er aber auch die Hälfte in die Staatskasse des Königs zahlen!“

Den beiden Jungs standen vor Staunen die Münder offen.

„Der König arbeitet überhaupt nicht und bekommt dennoch die Hälfte von dem Verdienst derer, die fleißig arbeiten?“, fragten Alexander und Bernhard ungläubig.

„Ja, so ist es!“, bekräftigte der Vater seine Worte. „So geht es dann auch dem Bäcker, wenn er aus dem Mehl, was er dem Müller abgekauft hat, knusprige Brötchen und lecker duftendes Brot gebacken hat und es in seinem Bäckerladen verkauft. Auch er muss die Hälfte davon an den König zahlen!“

Die beiden Jungs schüttelten erneut ungläubig ihre Köpfe.

„Auch alle anderen Handwerker, Bauarbeiter und Viehzüchter zahlen die Hälfte ihres Arbeitslohnes an den König“, fuhr der Vater fort. „Das geht schon viele, viele Jahre so. Und alle fügen sich drein und zahlen. Der König wurde so immer reicher und kann sich ein schönes Leben machen. Er braucht nicht zu arbeiten und hat trotzdem Geld. Viel Geld! Es wird erzählt, dass es im Königspalast eine große Schatzkammer gibt. In der stünden riesige Geldtruhen, die so voll mit Bergen von Münzen gefüllt sind, dass man die wuchtigen Deckel gar nicht mehr zuklappen kann.“

Die beiden Jungs hatten vor Staunen die Augen und ihre Münder weit aufgesperrt.

„Es geht noch weiter“, fuhr der Vater fort, „unser König ist zwar ein kluger Mann, aber er kann natürlich nicht alles wissen. Deshalb suchte er sich die klügsten Leute in unserem gesamten Königreich, die als seine Berater fungieren. Der König verlieh ihnen den Titel Minister und gab jedem von ihnen eine große, prachtvolle Wohnung im Palast. So hat er seine weisen Ratgeber stets in seiner Nähe und wenn plötzlich eine Frage auftaucht, die er nicht sofort allein beantworten kann, sind seine Minister da, die er um Rat fragen kann!“ Der Vater räusperte sich kurz und erzählte dann weiter: „Diese Minister wohnen nicht nur im Palast, sie speisen dort auch. Es gibt einen riesigen Speisesaal mit einem ebenso riesengroßen Esstisch. An dem nehmen alle zu den Mahlzeiten Platz und ihnen werden ebenso die köstlichsten und erlesensten Speisen kredenzt, die auch dem König serviert werden!“

Alexander sagte spontan: „Wenn ich mal groß bin, will ich auch Minister werden!“

„Und ich auch!“, rief der etwas jüngere Bernhard.

„Dann müsst ihr aber in der Schule weiter sehr fleißig lernen, damit ihr die Klügsten seid!“, empfahl der Vater.

Damit war die kleine Fragestunde zunächst beendet. Die beiden Jungs widmeten sich wieder ihren Schulsachen und der Vater setzte seine Arbeit fort, die er kurz unterbrochen hatte.

Seit einiger Zeit machte sich aber im gesamten Königreich das Gerücht breit, dass die Geldvorräte in der Schatzkammer des Königs stetig weniger wurden. In einer der riesigen Truhen könnte man wohl schon gar den Boden sehen. Und andere Truhen waren nur noch halbgefüllt.

An Gerüchten ist stets ein wenig Wahrheit dran. Das wussten alle Bewohner des Landes. Die Bauern, Handwerker, Bauarbeiter und alle anderen, die Waren produzierten, die man für Geld verkaufen konnte, wurden nicht ängstlich. Sie hatten ja stets etwas Geld. Wenn auch nicht viel.

Nur das Heer der Fensterputzer bekam es jedoch mit der Angst zu tun. Was würde geschehen, wenn eines Tages der König kein Geld mehr hätte, um sie für ihre Putzarbeiten zu entlohnen? Wären sie dann arbeitslos? Wovon sollten sie dann leben? Womit könnten sie dann Brot kaufen? Müssten sie dann hungern?

Sie konnten ja auch nicht zu den Bauern, den Handwerkern, den Bauarbeitern und den anderen Werktätigen gehen, um dort zu arbeiten. Diese Tätigkeiten hatten sie ja nie gelernt. Zudem hatten diese auch nur so viel Arbeit, dass es gerade ausreichte, um die eigene Familie zu ernähren.

Alsbald stellte sich noch ein anderes Problem ein. Das Spezialmittel zum Putzen der Palastfenster war in einem riesigen Fass in einem der Kellergewölbe des Königspalastes gelagert. Unten an dem hölzernen Fass war ein Hahn angebracht, aus dem man jeweils ein wenig der Spezialflüssigkeit zum Fensterputzen zapfen konnte.

Bisher kam die Flüssigkeit immer mit dickem und kräftigem Strahl aus dem unten angebrachten Zapfhahn gelaufen. Seit einiger Zeit hatte der Druck jedoch nachgelassen und das Putzmittel tröpfelte beinahe nur noch. Eine große Sorge machte sich unter den Palast-Fensterputzern breit. Womit sollten sie die Palastfenster reinigen, wenn es kein Spezialreinigungsmittel mehr gab!

Selbst der König hatte von dieser Angelegenheit gehört. Sofort hatte er seine Minister zusammengerufen, um sie um Rat zu fragen. Er hatte sie alle in den großen Thronsaal gerufen. Nun standen sie dicht bei dicht zusammen. Es versammelten sich so viele Minister, dass man beinahe die Saaltüren nicht schließen konnte. Und die sollten ja streng verschlossen sein, denn die Beratung hatte ja einen sehr vertraulichen Charakter!

Sämtliche Minister verzogen ihre Gesichter in Sorgenfalten, kratzten sich am Hinterkopf und einige schauten gar zur prächtig bemalten Saaldecke empor, als käme von dorther die Antwort zur Lösung dieses staatswichtigen Problems.

Es war nicht auszudenken, wenn eines Tages die dreihundertfünfundsechzig Palastfenster nicht mehr blitzblank wären und die Sonne sich nicht mehr darin spiegeln könnte! Das wäre ein großer innenpolitischer Skandal!

Weder der König noch irgendeiner seiner klugen Minister konnte sich erinnern, woher eigentlich diese Spezialflüssigkeit zum Putzen der Fenster einst gekommen war.

„Als mein Vater starb und ich den Thron bestiegen habe, stand dieses riesige Fass schon im Keller!“, meinte der König voller Überzeugung.

Der Angriffs- und Verteidigungsminister, General von Itzenplitz, polterte sofort mit donnernder Stimme: „Diese Angelegenheit gehört nicht zu meinem Verantwortungsbereich!“ Dann holte er nochmals tief Luft und polterte weiter: „Tja, wenn anstatt dieses Fensterputzmittels Schießpulver oder gar Sprengstoff in diesem Fass gelagert worden wäre, dann schon!“ Erleichtert sah er nun seine anderen Ministerkollegen an. Sollten die doch auch endlich mal was sagen und nicht nur Löcher in die Luft starren oder sich verlegen am Kopf kratzen.

Etwas umständlich und besonders gründlich putzte der Minister für Erziehung, Bildung und Kultur, Siegmund Rohrstock, die Gläser seiner dicken Brille. „Ich weiß überhaupt nicht, dass es so ein Fass gibt“, erklärte er dann und wirkte wie immer ein wenig hilflos dabei.

Der Gesundheitsminister Bach nuschelte wie üblich und seine Worte blieben so wie immer fast unverständlich.

„Lauter, Bach!“, forderte ihn der König energisch auf.

Doch auch als der Gesundheitsminister dann etwas lauter sprach, blieb seine Rede unverstanden. Es hörte sich alles ein wenig konfus an und seine Amtskollegen kicherten verholen.

Der Minister für Straßen- und Wohnungsbau, Hugo Sandstein, breitete hilflos seine Arme aus und versicherte dem König: „Von diesem Fass mit Fensterputzmittel habe ich noch nie gehört!“

Ähnlich äußerten sich auch der Minister für Straßenverkehr, der Minister für Landwirtschaft, der Minister für Speisen und Getränke, der Minister für Sport und Freizeit und auch der Minister für Finanzen.

Man kann hier gar nicht alle die Minister des Königs aufzählen. Es waren ihrer so viele! Dennoch konnte keiner dieser Ratgeber mit einer brauchbaren Lösung aufwarten.

Das machte den König sehr wütend!

„Da habe ich hier um mich herum eine riesige Schar von klugen Ratgebern, aber wenn es ein ernsthaftes Problem gibt, sind sie alle am Ende ihres Lateins!“, grollte er laut.

Verlegen schauten die Minister nun nicht mehr zur Saaldecke empor, sondern verschämt auf ihre Schuhspitzen hinab.

„Ich betone erneut, dass die Bevorratung von Fensterputzmittel nicht zu meinem Aufgabengebiet gehört“, meldete sich erneut der Angriffs- und Verteidigungsminister zu Wort. „Ich schlage vor, Herr König, dass sie nach einer geeigneten Person im Königreich Ausschau halten lassen, die für den Posten des Ministers für Fensterputzmittel geeignet ist!“

Ein zustimmendes Raunen ging durch die Schar der versammelten Minister.

„Deshalb haben wir aber jedoch noch lange kein neues Fensterputzspezialmittel zur Hand, mit dem wir das große Fass im Keller auffüllen können!“, lamentierte der König. Er bangte sehr um seine blitzblanken Palastfenster.

Da meldete sich der Minister für Forschung und Entwicklung, Albert Zweistein, zu Wort. Er hatte die ganze Zeit etwas abseitsgestanden und wahrhaft und angestrengt nachgedacht. „Wir alle hier kennen nicht die Zutaten, die nötig sind, um ein Spezialfensterputzmittel herzustellen. Wir haben auch keine Zeit, um lange Laborversuche und gründliche Tests durchzuführen. Uns sitzt die Zeit im Nacken!“, argumentierte er. „Ich meine, wir sollten unsere Landsleute bei der Beschaffung eines Spezialfensterputzmittels zur Mithilfe auffordern!“

Alle Minister klatschten begeistert Beifall! So waren sie die Verantwortung los! Den „Schwarzen Peter“ hatten nun die Untertanen!

„Ich schlage vor“, meldete sich erneut der Minister für Forschung und Entwicklung, „wir rufen die Bevölkerung zu einem landesweiten Wettbewerb auf! Der Erste, der eine Rezeptur für ein Spezialfensterputzmittel beschafft, erhält eine stattliche Geldsumme als Prämie und bekommt zusätzlich einen Posten als Minister zugesprochen!“

Gerade wollte die Meute der Minister begeistert johlen, als Finanzminister Pfennigfuchser zu bedenken gab: „Eine riesige Summe für eine Prämie kann es nicht werden, wir müssen mit dem Landeschatz haushalten! Sonst fehlt es alsbald an Geld, um unsere monatlichen Ministergagen auszuzahlen“ Ein entsetzter Aufschrei ging durch die Reihen der Minister! Das fehlte noch, dass ihre Gehälter gekürzt werden würden!

Auch der Minister für Speisen und Getränke, Michelin, bremste die euphorische Stimmung etwas: „Am großen Tisch im Speisesaal ist jetzt schon kein Platz mehr frei! Wir sitzen ziemlich eng bei den Mahlzeiten! Wenn noch ein weiterer Minister dazu käme, müsste ein noch größerer Tisch gefertigt und aufgestellt werden. Das kostet auch nicht wenig!“

Der König hatte sich bis jetzt alle Diskussionsbeiträge sehr geduldig angehört. Nun aber ergriff er das Wort: „Wir werden den Wettbewerb ausrufen und wir werden auch mit den beiden lukrativen Prämien locken! Wenn das Spezialfensterputzmittel dann wirklich gefunden wird, können wir ja erneut beraten, wie wir um die Auszahlung der Geldprämie und die Vergabe des Ministerpostens herumkommen!“

Die umstehenden Minister klatschten sich vor Vergnügen auf die Schenkel und krümmten sich vor Lachen! Am liebsten hätten sie dem König auf die Schultern geklopft, aber so etwas hätte der sich wohl sehr verbeten!

Schon am nächsten Tag ritten nun Herolde durch das ganze Land und verkündeten in allen Städten und Dörfern den Aufruf des Königs zur Beschaffung des Spezialfensterputzmittels. Sie verkündeten auch, dass eine stattliche Geldsumme und ein Ministerposten als Belohnung in Aussicht gestellt sei.

Das brachte eine große Unruhe und Aufregung über das Land. Das Geld konnte jeder gebrauchen und der Posten eines Ministers war auch sehr verlockend. Aber wie und wo sollte man nach dem Spezialfensterputzmittel suchen? Wo könnte man es finden?

Und eine noch wichtigere Frage war: Wer übernahm solange die Arbeit auf den Feldern und in den Viehställen? Wer mahlte das Korn zu Mehl, wer backte daraus Brot? Wer unterrichtete solange die Schulkinder? Denn allen war klar, dass man solch ein Spezialfensterputzmittel nicht binnen weniger Stunden herbeischaffen könne!

Am Abend nach dem Abendessen und dem Zähneputzen lagen Alexander und Bernhard noch lange aufgeregt in ihren Betten. An Schlaf war zunächst überhaupt nicht zu denken!

Beide wollten sehr gern an dem ausgerufenen Wettbewerb teilnehmen! Die versprochene Geldprämie wollten sie innerhalb der Familie aufteilen. Mit dem größten Teil der Summe wollten sie sich bei ihren Eltern für deren bisherige Erziehung und Bildung, Ernährung und Kleidung, insbesondere deren Güte und wahre Elternliebe bedanken.

Den Ministerposten wollten sie sich zur Hälfte teilen. Also Alexander sollte den Ministerposten am Vormittag bekleiden und Bernhard sollte am Nachmittag Minister sein.

Dann begannen sie sehr ausführlich einen Plan auszuklügeln, wie sie bei der Suche nach dem Spezialfensterputzmittel vorgehen wollten. Bernhard konnte sich erinnern, dass ein kluger Mann einst gesagt hatte, dass ein Ziel ohne Plan nur ein Wunsch bleiben würde.

In der Schule hatten sie gelernt, dass es weit im Osten der Welt ein Königreich gab, dass China hieß. Die Einwohner dieses Landes, die Chinesen, wären wohl allesamt sehr kluge und fleißige Leute und hätten zahlreiche Dinge erfunden, die inzwischen in der ganzen Welt nützlich waren. So zum Beispiel das Schießpulver. Damit konnte man Patronen füllen und Waffen laden, um Tiere zu schießen. Man konnte aber auch im Falle eines Krieges Menschen töten. Mit dem Schwarzpulver konnte man aber auch wunderschöne Feuerwerkskörper in den Nachthimmel abfeuern.

Die Chinesen hatten auch den Seidenstoff entwickelt. Dafür züchteten sie Seidenraupen, um aus den Gespinstfasern ihrer Nester, den Kokons, dann einen sehr feinen Faden zu gewinnen, den sie zum Weben von Seidenstoffen verwendeten.

Auch sehr dünnwandiges, feines Porzellan hatten die Chinesen entwickelt. Diese feinen Porzellane, Tassen, Teller und Teekannen waren sehr schnell weltweit begehrt und wurden wie Gold bezahlt.

Die Chinesen hatten auch das Papier erfunden und auch die Tusche zum Schreiben darauf. Auch den Kompass, mit dem man die Himmelsrichtungen und den Weg, den man gehen musste, um ans Ziel zu kommen, bestimmen konnte.

Alexander und Bernhard wollten unbedingt dorthin. Sie waren der festen Meinung, dass die Chinesen inzwischen sicherlich auch ein Spezialmittel zum Fensterputz entwickelt hatten.

Der Weg ins Abenteuer

Von den Nadelspitzen der Fichten und von den Blättern der hohen Laubbäume entlang des Weges fielen noch vereinzelte Wassertropfen herab. Es hatte in der Nacht geregnet.

Die Sonne war gerade aufgegangen und ihre Strahlen schimmerten waagerecht zwischen den Baumstämmen hindurch. Die aufkommende Wärme ließ die am Boden herrschende Feuchtigkeit als Dunst aufsteigen. Ein intensiver, würziger Duft nach Baumharz, Holz, feuchtem Moos, modrigem Unterholz und Pilzen machte sich breit.

Alexander und Bernhard hatten ihre derben Wanderschuhe an den Füßen und windundurchlässige Jacken an. So machte ihnen die Feuchtigkeit nichts aus. Jeder von ihnen hatte einen stabilen Wanderstock in der Hand. Damit ließ es sich besser laufen. So kamen sie gut voran.

Sie liefen in Richtung Osten, also der aufgehenden Sonne entgegen. Sie waren auf dem Weg nach China!

Die sieben Zwerge

Sie waren schon sehr weit gelaufen. Die Sonne war inzwischen weit aufgestiegen und schickte ihre wärmenden Strahlen nun beinahe senkrecht auf die Erde hinunter. Die hohen Bäume ringsum spendeten jedoch einen kühlenden Schatten. So war das Wandern relativ angenehm. Zudem führte der Weg, den Alexander und Bernhard eingeschlagen hatten, stetig, aber fast unmerklich leicht bergab.

Sie kamen an eine Lichtung. Saftig grünes Gras wuchs hier, auch zahlreiche wunderschön blühende Wildblumen. Es wehte ein betörender Duft über diese freie Fläche mitten im Wald.

Es mischte sich jedoch noch ein anderer Duft darunter. Es roch nach frisch gebrühtem Kaffee und leckerem Kuchen!

Auf der anderen Seite der Lichtung erkannten Alexander und Bernhard ein flachgestrecktes Haus. Vor dem Haus, an einem langen Tisch sitzend, machten sie sieben kleinwüchsige Gestalten aus. Auf dem Tisch war eine rotkarierte Tischdecke ausgebreitet und in der Mitte stand eine große, runde Platte mit einem mit Schokolade überzogenen Rührkuchen darauf. Daneben stand eine dickbauchige Kanne, aus der dieser köstliche Kaffeeduft entwich.

Die Wichtelmänner hatten die beiden Ankömmlinge zwar bemerkt, ließen sich jedoch nicht davon abbringen, sich gegenseitig große Stücke von dem leckeren Kuchen zu reichen und sich Kaffee einzuschenken.

Alexander und Bernhard gingen bis dicht an den Tisch heran. „Seid ihr etwa die sieben Zwerge?“, fragten sie, wie aus einem Munde.

„Bingo!“, sagte einer der Zwerge und lachte dabei. „Ja, wir sind die sieben Zwerge, die man aus dem Märchen kennt“, sagte er. „Hier bei uns ist es jedoch üblich, dass man sich den Tagesgruß erbietet! Guten Morgen, ihr beiden“, fügte er hinzu.

Alexander und Bernhard stieg etwas die Schamröte in die Gesichter. Dann sagten sie auch: „Guten Morgen!“

Nun stellte sich der Zwerg selbst und alle anderen anwesenden sechs Kleinwüchsigen vor. Die nickten jeweils, wenn ihr Name genannt wurde und deuteten im Sitzen eine knappe Verbeugung an.

„Ich heiße Alexander und hier neben mir, das ist mein Bruder Bernhard“, sagte Alexander.

Die Zwerge luden die beiden Jungs zu Kaffee und Kuchen ein. Das tat gut! Bisher hatten die beiden noch keine Rast gemacht. Sie ließen sich den angebotenen Kuchen und den duftenden Kaffee gut schmecken.

„Weshalb kommt ihr denn hierher?“, fragte ein Zwerg an der anderen Seite der Tafel.

„Das ist reiner Zufall“, erklärte Alexander. „Wir laufen stets in Richtung Osten. Wir wollen nach China. Eure Lichtung liegt direkt an unserem Weg.“ Dann erklärten beide Jungs, sich gegenseitig ergänzend, weshalb sie sich auf den Weg nach China gemacht hatten.