Es waren drei Sommer - Beatrix Rudolph - E-Book

Es waren drei Sommer E-Book

Beatrix Rudolph

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Beschreibung

Die 14-jährige Betti liebt Anton. So einfach ist das – denkt sie! Sobald erste Schwierigkeiten auftauchen, z. B. Antons Alkoholkonsum oder seine Sturheit, ahnt Betti, dass die Liebe doch nicht so einfach ist. Die Clique der beiden in der DDR der 80er-Jahre erlebt dieselben Abenteuer wie die Gleichaltrigen im Westen. Da wie dort sind die Themen dieselben. Liebe, Eltern, Party und Schule. Auch Anton und Betti durchleben ihre Jugendliebe mit aller Leidenschaft … bis die Beziehung an einer Lappalie zerbricht. Betti trauert um ihre Liebe, sie kämpft um diese und versucht alles, um die Beziehung noch zu retten. Noch schlimmer wird es, als Anton Republikflucht begeht und infolgedessen verhaftet wird. Was soll nun aus ihnen werden? Gibt es eine Chance? Doch Anton hat seine eigenen Pläne …

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-649-7

ISBN e-book: 978-3-99131-650-3

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfotos: Siraphol, Taweesak Sriwannawit, Maxim Kostenko | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

Wer kennt sie nicht – die Jugendliebe, die erste große Liebe.

Dieses Buch erzählt die Geschichte von Betti und Anton. Hat es auch nur 3 Sommer gedauert, im ersten Sommer lernten sie sich kennen, die beiden anderen waren sie richtig zusammen, so hat diese Zeit Spuren hinterlassen, als ob sie ein ganzes Leben zusammen waren. Keine andere Zeit ist Betti so in Erinnerung und so lebendig geblieben wie diese. Auch wenn Zeit vergänglich ist und die heutige schneller an einem vorüberzieht, als es noch zu Kindertagen war, so ist diese Zeit, welche 3 Sommer dauerte, doch stehen geblieben. Denn diese Zeit ist nicht vergänglich, und die Erinnerung daran ist, als ob es gestern gewesen wäre. Anton war die große Liebe, und die vergisst man bekanntlich nicht, obwohl Betti lange Zeit dachte, sie wäre die Einzige, der es so gehen würde, dass nur sie noch an ihre erste Liebe oft zurückdenken würde. Doch dem ist bei Weitem nicht so. Vielen geht es ähnlich wie Betti, natürlich spricht keiner darüber, denn jeder denkt wahrscheinlich so im Stillen, dass es nur ihm oder ihr so geht. Vielleicht ist es auch einem ein wenig komisch, oder es kommt einem nicht normal vor, mit der Vergangenheit doch so in der Gegenwart zu sein. Und wem soll man auch immerzu von seiner ersten Liebe vorschwärmen? Was soll der Zuhörer denn denken? Dass man irgendwie gestört ist? Betti war ja selbst mal der Meinung, dass es irgendwann vorbei sein muss. Sie war sogar der festen Überzeugung, es war ein Kapitel in ihrem Leben wie viele andere auch, und irgendwann verblasst die Erinnerung daran, oder sie findet es gar nicht mehr der Rede wert, darüber nachzudenken. Schließlich kann man sich doch nicht ein Leben lang an diesen Erinnerungen festhalten. Doch Betti kann. Und so schwelgt sie mal wieder in Erinnerungen. Und zu einem bestimmten Lied einer bekannten Sängerin muss man gar nichts mehr sagen. Wenn sie dieses Lied hört, dann sieht sie sich und ihre Jugendliebe. Diese Sängerin bringt es auf den Punkt. Ebenso ist es bei vielen Liedern von ihrem Lieblingssänger, dann denkt Betti:Diesen Titel hat er wohl für mich geschrieben.Trifft ja mal wieder komplett auf sie zu. Worum es in diesen Songs geht? Na, um die Liebe, und wie man eine große Liebe sprengt, aber man nicht weiß, wie dies zu tun ist. Oder, dass man sich so lange nicht gesehen hat und doch wissen will, wie es dem anderen geht. Genauso ergeht es Betti in ihren Momenten, wenn sie mal wieder in der Vergangenheit – in ihrer Jugendzeit – kramt. Sie ist jetzt im besten Lebensalter, wenn sie sich das schönredet. Denn die Jugendzeit ist nun doch schon eine Weile her, würde Betti sich quälen wollen, dann würde sie sagen, es ist über dreißig Jahre her, aber dies hat so etwas Negatives, da sagt sie sich lieber, es sind zweimal 15, zweimal 16 oder eben auch schon zweimal 17 Jahreher. Hört sich gleich viel besser an. Und die Erinnerungen sind eh so frisch, als ob es gestern gewesen wäre. Dabei hat sie damals, als sie noch ein Teenager war, von ihrer Mutter und Oma, die immer noch von ihrer ersten Liebe schwärmten, gedacht, nun muss ja auch mal gut sein. Ihre Mutter hatte damals einen Matrosen als Freund, der auch dazu noch total super aussah – weiß Betti von ihrer Mutter. Sie hat zwar nie ein Foto des Freundes gesehen, aber dem Erzählen ihrer Mutter nach war dieser ja ein einziger Leckerbissen. Ab und zu sieht ihre Mutter ihre Jugendliebe von damals noch in der Zeitung, aber vom Leckerbissen ist nicht viel übriggeblieben. Manchmal fuhr Betti auch mit ihrer Mutter durch die Stadt, wo die einstige Liebe wohnte, um ihn vielleicht wie ganz zufällig zu sehen. Nie hat es funktioniert. Aber so ewig, wie das bei denen her war, kann man doch nicht mehr so in die Schwärmerei verfallen. Als Betti das erste Mal von der Schwärmerei ihrer Mutter hörte, war dessen Jugendliebe so an die 30 Jahre her und bei ihrer Oma weitere 20 Jahre dazu. In den ganzen Jahren muss man doch damit mal abgeschlossen haben. Aber Betti wurde eines Besseren belehrt. Jetzt ist sie ebenfalls klüger, denn bei ihr ist die große Liebe, wie bereits erwähnt, auch eine Ewigkeit her. Es ist nicht bei dieser ersten Lieben geblieben, doch sie ist und bleibt für ewig – das weiß Betti nun inzwischen – etwas ganz Besonderes. Anton war die erste wahre Liebe, auch wenn es am Anfang nicht danach aussah. Es gibt Tage, da muss Betti mindestens einmal am Tag an ihn denken, an die schöne und auch weniger schöne Zeit. Doch sie hat festgestellt, wenn sie so zurückdenkt, dann überwiegen die schönen Momente. So ist dies wohl bei Erinnerungen. Und die nicht schönen Momente sind in der Erinnerung auch gar nicht mehr so schlecht, wie sie damals schienen. Im Nachhinein muss Betti sogar manchmal schmunzeln, wenn sie sich an die Streitereien erinnert. Damals waren dies für sie große Probleme, heute würde sie damit ganz anders umgehen. Ja, die Erfahrungen von heute und das Alter von damals, das wär schon was. Und irgendwie hat sie das Gefühl, da ist immer noch ein unsichtbares Band, welches die beiden zusammenhält. Wenn Betti erfährt, dass er mal wieder in der Stadt ist, ist die Aufregung groß. Doch meistens sieht sie ihn nicht, immer nur die anderen. Denn gerade, wenn sie denkt, vielleicht sehe ich ihn, dann passiert natürlich nichts. Denkt sie jedoch nicht an ihn, dann kann es sein, dass er plötzlich vor ihr steht, sie nicht mal mehr die Chance hat, sich zu verstecken und er sagt: „Hallo Schätzchen, wie geht’s?“ Warum sie sich wiederum dann gern verkriechen würde, weiß sie nicht, wünscht sie sich doch des Öfteren, dass sie ihn sieht. Gut nur, dass er ihre Aufregung nicht sehen kann. Vielleicht ahnt er es ja. Doch so cool, wie er tut, ist er in Wirklichkeit ebenso wenig wie Betti. Sie tut jedoch ganz gelassen und sagt dann nur. „Na, bist du auch mal wieder da?“ Etwas Schlaueres fällt ihr dann in solchen Momenten nicht ein. Sie denkt dann nur darüber nach, ob sie denn heute einigermaßen gut aussieht, liegen die Haare und hat sie Klamotten an, die ihrer Figur schmeicheln? Er soll ja schließlich nicht denken, nur gut, dass wir nicht mehr zusammen sind, sondern vielleicht:Mensch, die sieht ja noch ganz passabel aus. Ein bisschen zugenommen vielleicht, aber das steht ihr.Bettis Trost ist dann in diesen Momenten, dass er ja auch nicht mehr wie 20 aussieht und auch ein wenig zugenommen hat. Doch kurioserweise interessiert sie das Aussehen gar nicht so. Die Stimme ist immer noch die gleiche, von welcher sie seit jeher angetan war. Leicht rauchig und cool. Nachdem der erste „Schock“ dann jedenfalls überwunden ist, wird ein wenig geplaudert, und mit der Zeit legt sich die Anspannung. Nur, wer schon etliche Jahre mit seiner großen Liebe auseinander ist, kann dies wohl verstehen. Und wenn sich beide wieder verabschieden, sich alles Gute wünschen, und Betti zu Anton sagt, er könne sich mal sehen lassen, wenn er wieder in der Stadt ist, denn er weiß ja schließlich, wo sie wohnt, dann ist von Anspannung nichts mehr übriggeblieben, doch Betti ist danach immer ganz verwirrt. Und will sie wirklich, dass er ohne Weiteres bei ihr vor der Tür steht, wenn er mal wieder in der Stadt ist? Was wäre, wenn er an der Tür klingeln würde, Betti ist nicht darauf vorbereitet, reißt die Tür auf und Anton steht vor ihr? Und sie hat sich die Haare nicht zurechtgemacht und die Jogginghose an. Nicht auszudenken. Dann ist es doch schon besser, er kommt nicht unverhofft vorbei. Würde er sich jedoch vorher anmelden, könnte Betti das Beste aus sich rausholen, wäre aber wiederum zu aufgeregt, und würde Wochen vorher schon nicht mehr schlafen können. Nach solchen nicht vorhersehbaren Aufeinandertreffen dauert es dann immer ein paar Tage, bis Betti sich wieder eingekriegt hat, darüber nachdenkt, hat sie in Bezug auf Anton die richtige Entscheidung getroffen, und letztlich kommt sie zu dem Entschluss, alles ist gut so, wie es ist. Jedoch ist ihr nach den vielen Jahren klar geworden, dass es wirklich nur die eine große Liebe gibt. Man kann sich neu verlieben, das war ja bei Betti – ohne Frage – auch der Fall. Und sie war in einen jungen Mann so verliebt, dass sie wirklich dachte, er wäre ihre große Liebe, oder zumindest die zweite große Liebe. Als die Beziehung jedoch zu Ende und sie über den Verlust hinweg war, hat sie keine Gedanken mehr an ihn verschwendet. So nach und nach sind wieder die Erinnerungen an ihre Jugendliebe zurückgekehrt. Alles andere ist in den Hintergrund gerückt und war nicht mehr wichtig, so tief der Schmerz auch mal war. Betti ist überzeugt davon, dass man nur von einer großen Liebe sprechen kann. Und wenn es bei der zweiten oder dritten Liebe erst so weit ist, dann kann die erste Liebe nicht die große Liebe gewesen sein.

Manchmal denkt Betti auch, was wäre, wenn …

Sie noch immer mit Anton zusammen wäre. Sie hätte, so wie jetzt auch, bestimmt zwei Kinder und wäre verheiratet. So hatte sie es sich damals in ihrer jugendlichen Naivität vorgestellt. Zu DDR-Zeiten war es ganz normal, dass man sehr früh heiratete und Kinder bekam. Anders als heute, hatte man mit 18, 19 Jahren schon die Lehre beendet und dann gearbeitet, sofern man nicht studierte. Zum damaligen Zeitpunkt hätte Betti sich auch nicht vorstellen können, jemals einen anderen Mann zu haben. Die Generation vor ihr hatte ebenfalls jung geheiratet, und die meisten blieben für ewig zusammen. So schnell trennte man sich nicht. Sicherlich gab es auch Scheidungen, aber Betti hatte nicht das Gefühl, dass sich viele scheiden ließen. Und sie war sich in ihrer Beziehung zu 100 % sicher. Natürlich traf all dies nicht zu, und so kam es anders. Das Schicksal hatte andere Pläne mit ihr vor. Ist schon komisch zu wissen, dass das Leben auch hätte ganz anders ablaufen können. Jeder hat doch sein Schicksal irgendwie und in gewisser Weise selbst in der Hand. Manche Dinge kann man steuern, während andere wieder ihren ganz eigenen Verlauf nehmen. Wäre ihr Leben anders verlaufen, hätte sie heute nicht die Kinder, die sie hat, es wären andere usw. Und eigentlich ist es nicht schlimm, denn wenn dies so eingetreten wäre, dann wären heute die Erinnerungen bestimmt nicht mehr so präsent. Denn die „Sehnsucht“ nach damals wäre ja nicht da. Betti hätte ihn ja jeden Tag um sich gehabt. Sie hat mal bei anderen Leuten nachgefragt, die noch mit ihrer ersten Liebe zusammen sind, wie das denn so ist. Na ja, Alltag eben, und die Schwärmerei ist auch weg. Von den Leuten sagt keiner, wie toll die Zeit damals war. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile. Eine Freundin von Betti hatte sich auch von ihrer großen Liebe getrennt, dann irgendwann einen anderen Mann geheiratet und wurde schwanger. Das ist auf den ersten Blick alles wunderbar, doch nun kommt es: Das Kind war nicht von ihrem Mann, sondern von ihrer großen Liebe. Sie hatte sich zwischenzeitlich wieder mit ihm getroffen. Sicherlich war es ein großer Schock für die Leute um sie herum, wie konnte sie, die noch nicht lange verheiratet war, ein Kind von ihrem Ex bekommen. Doch Betti fand dies gar nicht schlimm. Im Gegenteil, ihre Freundin bekam ein Kind von der großen Liebe. Darüber hat Betti auch oft nachgedacht, wie es gewesen wäre, wenn sie von Anton ein Kind gehabt hätte. Vielleicht wäre eine große Ähnlichkeit mit dem Vater vorhanden gewesen, Betti hätte öfter mal sagen können: „Ganz der Vater.“ Sie wären noch zusammen und wenn nicht, wäre der Kontakt zwischen Betti und Anton intensiver. Aber vielleicht wären dann die Erinnerungen an die Zeit des Zusammenseins ganz anders. Denn so ein Kind hätte das Leben vermutlich anders verlaufen lassen. Ganz abwegig war der Gedanke an ein Kind nicht, doch dazu später mehr. Um einen kleinen Einblick zu bekommen, wer ist Betti überhaupt, beginnen wir mit der Kindheit.

Bettis Kindheit

Betti wuchs in einem kleinen Ort mit ca. 12.000 Einwohnern in der ehemaligen DDR auf. Hier hatte sie alles, was sie brauchte, was sie nicht kannte, konnte sie nicht vermissen. Ihre Eltern hatten ein Haus, in welchem sich zwei Wohnungen in der oberen und eine Gaststätte in der unteren Etage befanden. In der zweiten Wohnung lebte Bettis Oma zusammen mit ihrem Lebensgefährten und ihrem Sohn, das heißt, Bettis Onkel. Dieser war nur vier Jahre älter als Betti. Aber das fand Betti unheimlich toll, der Altersunterschied gefiel ihr. Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass sie des Öfteren zu ihrem Onkel Dirk, der ja nebenan wohnte, rübergegangen ist. Sie klopfte immer an die Kinderzimmertür und steckte dann den Kopf durch. Zu diesem Zeitpunkt war sie ca. 12 Jahre alt, Dirk also schon 16 und hatte immer Kumpels da. Da das Zimmer sehr klein war, war die Hütte immer voll. Die großen Jungs hörten laut Musik und tranken auch schon Bier. Manchmal durfte Betti für die Jungs das Bier von unten holen. Sie bekam einen großen Krug mit, den ließ sie vom Wirt füllen und ging stolz wieder in das Kinderzimmer, wo die Jungs sich das Bier schmecken ließen. Bettis Oma arbeitete ebenfalls in der Gaststätte, doch sie hatte kein Problem damit, dass ihr Sohn mit 16 Jahren sich Bier holte. In dem Punkt war sie recht entspannt. Und von der lauten Musik hat sich auch nichts mitbekommen, da sie ja immer bis in den späten Abend arbeiten musste. Und die Gaststätte war immer gut besucht. Das hing auch damit zusammen, dass dort nach der Spätschicht die Arbeiter, welche in einem großen ansässigen Werk arbeiteten, sich auf ein Feierabendbier dort einfanden. Die Fahrradständer vor der Gaststätte waren immer belegt, und es gab genug davon. Betti mochte aber dieses Feeling, wenn sie aus der Gaststätte das laute Murmeln der Gäste in ihrem Zimmer mitbekam. Ihr Zimmer und das ihres Bruders – sie teilten sich die ersten 12 Jahre ein Zimmer – lag genau über dem Gastraum. Oftmals gab es unter den Gästen auch Streit, dann eilten Betti und ihr Bruder immer zum Fenster, öffneten es dann und lehnten sich so weit heraus, dass sie sehen konnten, was da unten los war. Des Öftern bekamen sie die Schlägereien mit, welche manchmal nicht ohne waren. Worum es bei diesen Streitigkeiten ging, wussten sie nicht, war ihnen auch egal. Hauptsache, es war etwas los. Manchmal stand auch ein Stuhl der Gaststätte auf dem Flur zum Trocknen. Dann konnte ein Gast nicht mehr an sich halten und hat ihn nass gemacht. Des Öfteren saß aber auch ein betrunkener und mit Blut verschmierter Gast auf den Treppenstufen. Das fand Betti immer unheimlich, und so huschte sie dann ganz schnell an den Betrunkenen vorbei. Und wenn sie in der Stadt betrunkene Männer sah, die auch noch auf dem gleichen Bürgersteig unterwegs waren wie sie, dann bekam sie leichte Panik, wechselte sofort die Straßenseite und rannte und fuhr so schnell sie konnte weg. Diese Betrunkenen waren ihr immer suspekt. Bettis Bruder war ein Jahr älter als sie, und dies war nicht sehr schön. Sie stritten sich sehr oft, das kann schon am Altersunterschied gelegen haben, der ja nun wirklich nicht sehr groß war, aber wenn ihr Bruder eine Zeit lang nicht zu Hause war, war ihr dies genauso wenig recht. Ihr Bruder Remo musste aufgrund seines Asthmas des Öfteren zur Kur, und diese dauerte immer 6 Wochen. Dreimal war Remo zur Inlandkur, und danach durfte er sogar ins Ausland nach Zypern. Dort war das Klima mediterran, ein gutes Klima für Asthmakranke. Als klar wurde, dass Remo eine sechswöchige Kur bekommen sollte, war die Aufregung für die gesamte Familie groß. Betti hat ihren Bruder aber nicht beneidet, da sie es ohne ihre Familie so lang, besonders ohne ihre Mutter, nicht ausgehalten hätte. Remo war ebenfalls nicht sonderlich erbaut darüber, hat er doch schon dreimal erfahren müssen, wie lang sechs Wochen sind. Sicher war dies jetzt etwas anderes, konnte er doch ins Ausland fliegen und eine ganz andere Welt kennenlernen. Aber in seinem Alter, er war wohl gerade 12 Jahre alt, ist man auf das Die-Welt-Kennenlernen noch nicht so aus. Also wechselten sich Freude und Trauer bei Remo ab. Am Tag der Abreise haben Betti und ihre Eltern Remo nach Berlin gebracht, von dort ging dann der Flieger. Das war für Betti schon Abenteuer pur, denn wann kam man schon mal in Hauptstadt Berlin und dann auch noch zum Flughafen. Als Betti mit ihrer Familie wieder zu Hause waren, da fehlte Remo doch schon. Die Tage ohne ihren Bruder waren sehr einsam, zumal sich beide zu diesem Zeitpunkt noch ein Zimmer teilten. Jetzt war keiner da, der mit Betti stritt. Es war sehr ruhig. Betti hat ihn in diesen Zeiten seiner Kuren ganz schön vermisst. Und nachts war es am schlimmsten, denn sie hatte jetzt das Zimmer für sich allein und natürlich kroch die Angst im Dunkeln in ihr hoch. Es war eine ganz schöne Umstellung, so allein im Zimmer zu schlafen, und sie hat sich in den sechs Wochen auch nicht daran gewöhnt. Das Gute an der Abwesenheit ihres Bruders war, dass Betti ihm Briefe schreiben konnte, denn sie schrieb gern und viel und hatte natürlich auch sehr hübsches Briefpapier. Die Briefbögen waren in einer festen Mappe geheftet, und die Briefumschläge lagen in einem extra in der Mappe dafür vorgesehenem Fach. Die Briefumschläge glichen dem Muster des Briefpapieres. Meistens bekam Betti Briefpapier zu Ostern oder zum Nikolaus geschenkt. Sie hat sich darüber immer sehr gefreut. Jedenfalls konnte Betti ihm nun Briefe schreiben, und dies tat sie regelmäßig. Meistens jeden Tag, außer, wenn sie mal wirklich viel zu tun hatte oder viel für die Schule lernen musste, dann kam sie nicht mehr dazu. Remo schrieb natürlich nicht so gern, es kamen von ihm vielleicht zwei Ansichtskarten, auf welchen dann stand, wie das Wetter und das Essen sind. Viel erfahren haben Betti und ihre Familie nicht und so zählte sie die Tage, bis er wieder da war, damit er ihr natürlich genauestens darüber berichten konnte, wie es im Ausland war, und wie es dort aussieht. Sie freute sich auf den Tag, als sie ihn vom Bahnhof in Berlin abholen konnten. Das blieb an diesem Tag jedoch nicht die einzige Freude für Betti, sondern es gab noch eine Überraschung. Betti und ihr Bruder bekamen den Zauberwürfel, der damals ganz aktuell war, und auch heute wieder Kinder begeistert. Diesen gab es im Laden auf dem Bahnhof. Dass ihre Eltern diesen kaufen konnten, war wohl richtig Glück, denn eigentlich bekam man diese Würfel nur unter der Hand. Jedenfalls waren beide total glücklich und haben den Würfel gedreht und gedreht. Ohne Anleitung hat Betti bis zu vier Seiten wieder in die richtige Farbe gebracht. Irgendwann hatte sie mal diese Anleitung, und so konnte sie alle sechs Seiten fertigstellen. Doch es dauerte zu Hause nicht lange und sie stritten sich wieder oder gingen sich aus dem Weg. Mit wem Betti sich deutlich besser verstand, war ihr Onkel. Und da dieser ja nur vier Jahre älter war als sie, gingen sie auch in die gleiche Schule. Dort gab sie immer an, dass sie ihren Onkel holen würde, sobald ihr einer etwas Schlechtes wollte. Sie brauchte auch nur den Namen zu nennen, schon hatte sie ihre Ruhe. Betti ging in die Polytechnische Oberschule (heute Realschule), welche nicht weit von ihrem Zuhause entfernt war. Insgesamt gab es drei dieser Schulen mit einem Unterschied. In Bettis Schule begann man ab der 3. Klasse mit dem Russischunterricht, und somit waren sie die sogenannte R-Schule. Da diese Schule die Einzige dieser Art im gesamten Umkreis war, kamen viele mit dem Schulbus aus den umliegenden Städten und Dörfern. Und so hatte auch Betti ab der 3. Klasse einige neue Mitschüler und -schülerinnen. Betti war zu diesem Zeitpunkt noch sehr schüchtern und bewunderte die Neuen, dass diese einfach so ihre bisherige Schule verlassen und zu ihr auf die Schule kamen. Das hätte sie nicht gekonnt. Sie stand in der 2. Klasse ziemlich zum Ende des Schuljahres auch vor der Frage, will sie den Russischunterricht ab der 3. Klasse machen oder nicht. Sofern sie sich dagegen entschieden hätte, wäre sie auf eine andere Schule gekommen. Da es für sie nicht feststand, ihre bisherigen Mitschüler zu verlassen, brauchte keine Entscheidung getroffen werden. Lieber wollte sie den Russischunterricht machen. Und tatsächlich hat ihr dies in den ersten beiden Jahren Spaß bereitet. Ab der 5. Klasse ließ das Interesse an der russischen Sprache nach, aber nicht an den Brieffreundschaften, die daraus entstanden sind. Obwohl die Schule von Bettis Zuhause nicht weit weg war, ging sie trotzdem immer sehr zeitig dorthin. Wenn sie mal cool sein wollte, ging sie mit ihrem Onkel und dessen Freunde zusammen. Sie war dann immer unheimlich stolz darauf, mit den großen Jungs zu gehen, aber im Grunde genommen war das für Betti Stress pur. Ihr Onkel ging natürlich immer ziemlich spät, und so musste Betti dann die letzten Meter zur Eingangstür sich sehr beeilen, dass sie dort noch reinkam. Wenn die Türen erst mal geschlossen waren, musste man sehen, wie man reinkam. Meistens hatte man Glück, da der Hausmeister immer irgendwo in Sichtweite war. Doch diesem musste man auch erklären, warum man denn so spät dran war. Darauf hatte Betti keine Lust, und außerdem fand sie es immer blöd, wenn man als Letzter in der Klasse ankam. Manchmal hat Betti auch geheult, wenn sie gesehen hat, dass die Türen schon geschlossen waren. Ja, Betti war in der Unterstufe sehr schüchtern und ängstlich. Und trotzdem gefiel es ihr in der Klasse recht gut. Sie hatte dort auch eine Freundin, welche sie schon vom Kindergarten her kannte. Doch ab der dritten Klasse ging die Freundin in eine neue Schule. Nicht, dass sie ab der dritten Klasse nicht am Russischunterricht teilnehmen wollte, sondern ihre Eltern hatte ganz in der Nähe der neuen Schule ein Haus gebaut. Und so lag es nahe, dass sie die Schule wechselte. Die beiden spielten nach dem Schulwechsel zwar noch eine Weile zusammen, doch wie das so ist, hatte ihre Freundin in der neuen Klasse natürlich noch eine weitere Freundin. Und so flaute die Freundschaft bald ab. Es dauerte jedoch nicht lange, da hatte Betti schon eine beste Freundin gefunden. Sie hieß Christine. Zum damaligen Zeitpunkt war es noch so, dass man eine beste Freundin oder einen besten Freund in der Klasse hatte. In der heutigen Zeit ist es doch etwas anders. Dies sieht Betti bei ihren beiden Jungs. Deren Freunde waren bzw. sind nicht unbedingt aus der gleichen Klasse, und bei vielen anderen Kindern ist es ebenfalls so. Aber damals ging man ja noch 10 Jahre zusammen zur Schule. In diesem Jahrhundert ist dies eher eine Seltenheit. Das ist ein Kommen und Gehen, sodass später keiner mehr weiß, wer ging denn nun mit wem zur Schule. Wenn diese Generation nach vielen Jahren mal ein Klassentreffen veranstalten möchte, wird dies bestimmt nicht einfach sein. Betti hat inzwischen vier Klassentreffen gehabt. Eines nach 10 und das andere nach 20, das dritte nach 26 Jahren und das letzte nach 30 Jahren. Alle waren sehr schön, und das letzte Klassentreffen fing in der Schule an. Sie nahmen noch mal eine „Unterrichtsstunde“ und bekamen sogar ihre Prüfungsarbeiten. Diese wären in dem Jahr vernichtet worden, da sie „nur“ 30 Jahre aufbewahrt werden müssen. Nach der „Unterrichtsstunde“ sahen sie sich ihr Schulgebäude noch mal an und tauschten Erinnerungen aus. Es ist schon erstaunlich, wer welche Erinnerungen noch hat. Nicht alle erinnern sich ja schließlich an das Gleiche. Nach dem Rundgang durch das Schulgebäude ging es dann weiter in eine Gaststätte. Hier aßen sie Abendbrot und tranken und plauderten. Ein wirklich gelungener Abend. Da viele nach der Wende von zu Hause weggezogen sind, war es sehr interessant, zu erfahren, was aus ihnen geworden ist. Auch wenn nicht alle kommen konnten, so waren einige dabei, die Betti lange nicht gesehen hat.

Zu denen, die in der Heimat geblieben sind, hat Betti noch mehr oder weniger Kontakt. Christine ist ihrem Stil treu geblieben. Sie leitet eine große Modekette, hat keine Kinder, aber einen Hund und etliche Tattoos. Und wenn Christine mal wieder in der Heimat zurück ist, und Betti ihr begegnet, dann quatschen beide erst mal eine Runde. Nun aber zurück zum Thema. Mit Christine traf sich Betti bald jeden Tag. Sie wohnten dicht beieinander und konnten stundenlang zusammen spielen. Betti brauchte zu Hause nicht viel tun, und so zog es sie am Nachmittag immer zu ihrer besten Freundin. Die Hausaufgaben hatte Betti bereits im Hort erledigt, hier war sie immer bis 16.00 Uhr, dann eilte sie nach Hause, brachte die Schulmappe in ihr Zimmer und fuhr mit dem Fahrrad zu Christine. Diese besuchte nicht den Hort, da sie Oma und Opa hatte, welche schon im Rentenalter waren und dicht bei der Schule wohnten. Dort aß sie Mittag und machte ihre Hausaufgaben und ging dann nach Hause. Auch auf dem Weg zur Schule ging Christine immer noch bei ihren Großeltern vorbei und kam mit einem Sirupbrötchen auf dem Schulhof an. Betti konnte man mit diesem Zeug jagen und sie isst auch heute noch keinen Sirup. Betti war gern bei ihrer Freundin zu Hause, auch wenn Christine einige Aufgaben zu erledigen hatte. Manchmal musste sie abwaschen, noch etwas einkaufen oder Unkraut jäten. Betti half ihr dann dabei, es machte ihr nichts aus, und ruckzuck waren sie fertig. Hätte Betti die gleichen Aufgaben zu Hause gehabt, dann fände sie das gar nicht lustig und hätte sicher rumgemault. Doch so zu zweit ging es zügig voran, sodass sie noch Zeit zum Spielen hatten. Sie besaßen beide die gleiche Puppe und sogar das gleiche Fahrrad. (Na gut, so viel Auswahl an Fahrrädern gab es in der DDR nun mal nicht.) Im Sommer waren beide viel mit dem Fahrrad unterwegs, gingen baden oder fotografierten auch sehr viel. Da war der Sommer noch Sommer. Sie spielten bei Christine im Garten oder gingen zu ihren Großeltern. Hier spielten sie ebenfalls sehr gerne. Die Großeltern hatte noch alte Ställe und Pferde. So fuhren sie oft auf der Kutsche des Opas mit. Manchmal, wenn er gerade vom Hof fuhr, liefen sie noch hinterher und schwangen sich auf die Kutsche. Das war immer ein Spaß. Manchmal fuhren sie zu ihrer anderen Oma aufs Dorf. Dort gab es einen schönen See, und Christine und Betti paddelten dann mit dem Ruderboot quer über den See und gingen vom Boot aus baden. Das war jedes Mal ein riesiger Spaß. Und die Sommerferien dauerten immerhin acht Wochen. Das war so viel Zeit, dass Betti sich wirklich nach den Ferien auf die Schule freute. Ihr gefiel es dann, wieder die Bücher neu einzuschlagen und die neue Federtasche einzuräumen. Alles roch so neu. Im Winter hatten sie wieder zwei Wochen Ferien, dann zogen sie mit ihren Schlitten los zum Rodeln. In ihrer Stadt gab es einen Rodelberg, wo sich wirklich fast alle Kinder trafen, und man musste verdammt aufpassen, dass man sich beim Rodeln nicht in die Quere kam. Der Berg war auch ziemlich hoch – aus damaliger Sicht. Wenn Betti sich diesen „Berg“ heutzutage mal ansieht, muss sie leise lachen. Es ist ja fast nichts. Nicht mal als Hügel würde Betti dies heute bezeichnen. Als Betti mit 11 Jahren endlich ihre ersten eigenen Ski bekam, war die Freude groß. Diese waren zwar gebraucht, doch das störte sie nicht weiter. Und von da an ging es oft in den Wald zum Skilanglauf. Der Wald sah im Winter so wunderschön märchenhaft aus. Hier konnten die beiden Freundinnen Stunden verbringen, bis sie irgendwann durchgefroren waren und dann den Heimweg antraten. Übrigens hatte Bettis Bruder selbstgebaute Ski. Ihr Vater hatte diese gebaut und sogar die Spitze ein wenig gebogen. Doch so wirklich funktionierten diese Dinger nicht, ihr Bruder blieb oft damit im Schnee stecken. Dazu sahen die Ski auch etwas seltsam aus. Doch es war eben nicht einfach, an Ski heranzukommen. Betti und Christine hatten neben ihren Skiern auch noch Gleitschuhe. Doch ob es in der heutigen Zeit noch Gleitschuhe gibt, weiß Betti gar nicht. Diese Dinger waren richtig gut. Sie hatten eine Sohle aus Metall, diese wurde natürlich mit Kerzen eingewachst. Mit den Schuhen stellte man sich auf die Sohle, und die Schuhe wurden mit Lederriemen befestigt. Solange die Lederschnüre in Ordnung waren, ging alles gut. Doch waren sie erstmal porös, dann dauerte es nicht mehr lange und die Schnüre rissen. Damit war dann der Spaß vorbei. Doch die Winter waren immer toll. Schnee gab es in Hülle und Fülle. Oft bauten sich die Freundinnen richtig große Iglus und machten es sich darin gemütlich und erst, wenn die Füße kalt und die Handschuhe total nass waren, gingen sie rein, wärmten sich auf und spielten mit ihren Puppen. Oft waren sie auch bei dem Nachbarssohn Steffen, welcher ebenfalls in ihre Klasse ging. An dessen Haus grenzte ein großer Garten, der von mehreren Leuten bewirtschaftet wurde. In diesen Garten gingen die Freundinnen ebenfalls sehr gerne, sie naschten dann, was der Garten hergab oder kletterten einfach nur auf die Bäume. Da der Vater von Steffen Pastor war, hatte die Familie vieles aus dem „goldenen Westen“. Wenn Betti und Christine mal bei ihm im Haus waren, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was es da alles zu entdecken gab. Die Katzen bekamen Whiskas zu fressen, und zu den Kindergeburtstagen gab es immer die Marsriegel. Dort hat Betti auch das Spiel Monopoly kennengelernt. Selbst die Möbel sahen anders aus, als Betti es kannte. Der Vater hatte ein Arbeitszimmer mit einer zweiflügligen Tür, die Decken unwahrscheinlich hoch, und im Arbeitszimmer gab es rundherum Regale, welche über und über mit Büchern befüllt waren. Das beeindruckte Betti ungemein. Auch heute noch mag sie dieses Flair. Ja, das war schon eine andere Welt. Die Familie hatte auch einen Trabant über Genex bezogen. Betti hatte zwar als Kind davon des Öfteren gehört, doch was es so richtig bedeutete, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass es irgendetwas mit dem Westen zu tun hatte. Genex war eine DDR-Firma, bei der man schneller an sein geliebtes Auto herankam. Man musste nur Westmark und Westverwandte haben. Dann brauchte man nicht wie üblich über 10 Jahre warten, sondern war nach etwa 6 Wochen stolzer Besitzer eines Autos. Eine andere Klassenkameradin der beiden hatte ebenfalls viel aus dem Westen. Und diese Familie war eine der wenigen, welche zu DDR-Zeiten selbstständig sein durften. Sie besaßen ein Schreibwarengeschäft, welches sehr geordnet war. Es war das einzige Schreibwarengeschäft weit und breit. Daher war es in diesem Laden immer voll. Trotzdem ging Betti dort gern hinein und nahm auch die längeren Wartezeiten in Kauf. Dies war so ziemlich der einzige Laden, vom Intershop mal abgesehen, in welchen Betti sehr gerne ging. Es war zwar kein Selbstbedienungsladen, doch das war Betti egal. Beim Betreten des Ladens kam man direkt auf die Ladentheke zu, sie nahm die gesamte Breite des Verkaufsraumes ein, dort hinter standen meistens zwei oder drei Verkäuferinnen und gaben die gewünschten Artikel heraus. Die meisten Leute hatten einen Einkaufszettel dabei, welchen sie der jeweiligen Verkäuferin hinüberreichten und diese dann die Dinge raussuchte. Das Schöne war auch, dass es hier wirklich alles gab, was man so zum Schreiben, Zeichnen etc. brauchte. Betti war von diesem Laden fasziniert, da es hier immer eine Superordnung gab. Vielleicht lag es daran, dass die Einrichtung so „westlich“ wirkte. So sahen die Schaufenster schon anders aus als in der restlichen Stadt. Die Rahmen waren aus Metall und sahen sehr ordentlich und robust aus, wobei die Schaufensterrahmen der übrigen Geschäfte aus Holz bestanden und diese einen Anstrich seit längerer Zeit verdient hätten. Betti durfte sogar mal in das Lager von dem Geschäft, da wie gesagt, ihre Klassenkameradin die Tochter der Ladeninhaber war. Hier hatte auch alles seine Ordnung, und so viel Ware auf einmal hatte Betti noch nicht gesehen. Was es dort für schöne Kugelschreiber und Füller gab. Einfach unglaublich. Christine und Betti waren bei der Klassenkameradin auch ein paarmal zu Hause. Die gesamte Einrichtung der Wohnung war so anders, als man es kannte. Das Kinderzimmer der Klassenkameradin war super eingerichtet, der Kleiderschrank voller Westklamotten, und das Zimmer war perfekt aufgeräumt. Die beiden Freundinnen kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Wenn Betti dann von dort nach Hause kam, packte sie die Lust, ihr Zimmer ebenfalls aufzuräumen. Doch so sehr sie auch auf- und sogar umräumte, mit diesem Kinderzimmer konnte man nicht mithalten. Betti konnte sich jedoch westmäßig ebenfalls nicht beklagen. Ihre Familie bekam hin und wieder Pakete aus dem „goldenen Westen“, wie die Erwachsenen zu sagen pflegten. Ihre Uroma hatte in Hannover eine Schwester wohnen, und so kam es, dass sie Westkontakt hatten. Dies ging jedoch nur, da Bettis Eltern nicht in der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland) waren. Und so schickte der Kontakt etwa viermal im Jahr die Pakete an die armen Ostler. Meist waren es lange schmale Pakete, welche dann mit dem Fahrrad von der Post abgeholt und erst einmal zu Bettis Uroma transportiert wurden. Die langen schmalen Pakete stammten aus dem Blumengeschäft, welches die Westverwandtschaft besaß. In diesen Paketen wurden ihre Blumen geliefert. Jedenfalls konnte es gar nicht schnell genug gehen, das Paket zu öffnen, um zu sehen, was alles drin war. Schon allein das Öffnen des Paketes war eine reine Freude. Wie es duftete. Da die Familie, welche die Pakete schickte, eine Tochter und einen Sohn hatte, die ein wenig älter waren als Betti, passten ihr die meisten Sachen, nur die Hosen waren immer viel zu eng. Das war jedoch kein Problem, konnte man ja bei den Hosen noch den Keil hinten rauslassen. Heute würde natürlich so keiner mehr gehen, aber damals hat Betti dies in keinster Weise gestört. Sie war so stolz auf ihre Cord- oder Jeanshosen. Bettis Bruder bekam von den Sachen so gut wie nichts ab, da er größer als der andere Junge war. Er bekam dann eben die Füller oder die Tintenkiller. Meistens waren noch Kaffee, Schminkproben und Seife im Paket. Die Seife wurde jedoch nicht einfach so benutzt, dann wäre diese ja viel zu schnell weg gewesen, nein, diese legte man in den Wäscheschrank, damit die Wäsche immer gut roch. Was Betti jedoch nie verstand, warum jedes Mal ein Zettel mit im Paket lag, auf welchem sämtliche Sachen vermerkt waren. Einer las den Zettel vor, der andere suchte im Paket danach und bestätigte dann den Inhalt. Es war immer alles da. Bettis Mutter erklärte ihr eines Tages, dass die Pakete vorher durch die Stasi aufgemacht und durchsucht wurden. Sofern etwas im Paket war, bei dem die Stasi meinte, dies war zu kapitalistisch oder aus welchen Gründen auch immer, wurden die Dinge herausgenommen, und man hatte auch keine Chance, diese Sachen zurückzubekommen. Aber warum taten sie dies? Betti konnte sich keinen Reim darauf machen. Dafür war sie noch zu jung, sie hat von den ganzen schlimmen Dingen der Stasi keine Ahnung gehabt. Denn im Staatsbürgerkundeunterricht hieß es ja immer, wie gut der Sozialismus und wie schlecht der Kapitalismus ist. Dies wurde den Kindern so eingetrichtert, dass natürlich jeder daran glaubte. Der Lehrer war so ein überzeugter Sozialist und Kommunist, dass man sogar schon eine Eins bekam, wenn man nur sagte: „Der Sozialismus ist gut, der Kapitalismus schlecht.“ Betti kann sich noch an ein Bild im Lehrbuch erinnern, wo ein Motorradfahrer gestürzt war und nun auf dem Straßenpflaster lag. Unter diesem Bild stand ein Text, der Betti total schockierte, und sie froh war, dass sie nicht im Westen leben musste. Sinngemäß hieß es: „Hat der Motorradfahrer keine Krankenversicherung, wird ihm nicht geholfen.“ Aber mit solchen Unwahrheiten wurden die Kinder zu guten Sozialisten erzogen. Die meisten jedenfalls.Nach der Wende hatte es der Lehrer sehr schwer. Er konnte sich damit nicht abfinden, dass es „seine“ DDR nicht mehr gab und wurde depressiv.

Irgendwann bekam Bettis Familie keine Pakete mehr, da die Schwester von Bettis Uroma gestorben war. Diese Nachricht erhielten sie per Telefon. Wenn man aus dem Westen einen Anruf erhielt, dann fragte die Dame vom Amt, ob man das R-Gespräch annehmen möchte. Wenn man bejahte, bekam man den Anruf, wenn nicht, dann war das Gespräch damit beendet. R-Gespräche waren Telefonate, bei denen man bereit war, die Kosten zu übernehmen. Betti war zu diesem Zeitpunkt so 12 Jahre alt und schon ein wenig traurig. Weniger, dass die Schwester gestorben war, denn diese kannte sie ja gar nicht, sondern mehr, dass es keine Pakete mehr gab. Die schöne Zeit war vorbei. Ab jetzt hieß es, die Ostklamotten kaufen. Nicht, dass diese unbedingt hässlich waren, doch man musste schon wissen, wann es wieder Ware gab, um auch noch etwas Gescheites zu bekommen. Da war es wieder gut, dass Bettis Oma in einem Laden arbeitete, welcher alles für den Herrn anbot. Das ist die Oma, welche erst als Kellnerin gearbeitet hat. Doch irgendwann legte ihr der Arzt nahe, sich eine andere Tätigkeit zu suchen, da ihre Lunge durch den Zigarettenrauch nicht mehr die beste war. Bettis Oma selbst hat nie geraucht, doch da die Kneipe ja immer gut besucht war, war der Gastraum eben auch immer „blau“. Also arbeitete Bettis Oma jetzt in einem Herrengeschäft, was umso besser war. Und dieser Laden lag direkt gegenüber von Bettis Zuhause. Wenn Betti hier auch nicht viel „abstauben“ konnte, da es ja ausschließlich Sachen für den Herrn gab, so bekam sie aber mal einen Herrenanorak, der einfach nur toll war. Diesen hütete Betti wie einen Schatz und trug ihn natürlich in der kalten Jahreszeit tagein, tagaus. Natürlich trugen diesen Anorak auch einige Männer, welche sie kannte, zum Beispiel ein Kumpel ihres Vaters. Doch der Anorak war so toll, dass es Betti gar nicht störte. Was die Männer bei ihrem Anblick dachten, war ihr egal.

Bettis Uroma durfte zu DDR-Zeiten mal nach Hannover reisen, um ihre damals noch lebende Schwester zu besuchen. Die Stasileute haben wohl gedacht, die Dame ist schon etwas älter, die bleibt nicht im Westen bzw. wenn sie dortbleibt, dann braucht die DDR nicht mehr die Rente zahlen. Aber Bettis Uroma kam zurück und erzählte nach ihrer Reise von ihren Erlebnissen. Es hat sie doch ein wenig überfordert. So staunte sie, dass die Butter unterschiedlich kostete. So etwas kannte sie aus der DDR nicht. Hier gab es Einheitspreise. Des Weiteren berichtete sie auch davon, dass es im Westen Arbeitslose gab und keine Krippenplätze. Betti kann sich noch gut daran erinnern und hatte gedacht, wie furchtbar muss es dort sein. Ihr taten all die Leute leid, die dort wohnten.

Nun zurück zu Christine und Betti. Beide fotografierten – wie bereits erwähnt – sehr gern, und deswegen beschlossen sie, in die Arbeitsgemeinschaft (AG) Fotografie einzutreten. Die Arbeitsgemeinschaft bestand aus ein paar Mädchen und zwei Jungs. Alle verstanden sich toll und die Arbeitsgemeinschaft machte großen Spaß. Die Fotos, welche sie gegenseitig von sich gemacht haben, konnten sie ohne Probleme im eigenen Labor entwickeln. Es war immer so spannend in der Dunkelkammer. Natürlich war ständig der AG-Leiter anwesend. Dies war nicht immer von Vorteil, da sich Betti und die anderen aus der AG irgendwann für Westmusik interessierten. Da Steffen – der Pastorensohn – auch die „Bravo“ oder andere Zeitschriften aus dem Westen besaß, haben die Mitglieder der AG Bilder von Westgruppen, wie z. B. Modern Talking oder Wham, abfotografiert und im Labor entwickelt. Sie durften aber nicht vom AG-Leiter ertappt werden. Das wäre eine Katastrophe gewesen. Sie hätten dann sicherlich Stellung beziehen müssen und wären vermutlich aus der AG ausgeschlossen worden. Also wurde er durch ein Mitglied abgelenkt, und der Rest der Gruppe hat sich um die Entwicklung der Bilder gekümmert. Es hat immer geklappt. Und so hatte Betti stolz ihre Bilder in ihrem Zimmer an der Wand hängen, allerdings immer in Schwarz-Weiß. Aber anders kannten sie es nicht. Wenn Betti daran denkt, wundert sie sich schon ein bisschen. Damals hat man sich Farbfotos gewünscht, so wie es schon Nina Hagen besungen hat, und heute kosten Schwarz-Weiß-Fotos mehr und sehen manchmal noch besser aus. Manchmal bekam Betti große und kleinere Poster aus irgendeiner Westzeitung geschenkt, wie z. B. von Herbert Grönemeyer oder auch Bob Marley und Neil Young. Diese waren natürlich in Farbe. Umso mehr die Wand zugepflastert mit Postern und Bildern war, desto besser fand Betti ihr Zimmer. Im Alter von 10 Jahren bekam Christine noch einen Bruder. Als Betti ihn das erste Mal sah, war sie hin und weg. Wie er so dalag in dem viel zu großen Kinderbettchen, in seinem süßen Strampler eingepackt, einfach toll. Sie konnte gar nicht genug von ihm bekommen. Christine und Betti schoben nun des Öfteren den Kinderwagen und holten ihn später oft aus der KITA ab. Für Betti war dies immer ein Vergnügen, sie wollte später ohnehin Krippenerzieherin werden. So konnte sie schon mal üben. Für Christine war dies mehr Anstrengung, da sie ihn nach der Schule ständig um sich hatte. Aber welcher Bruder ist schon ein Vergnügen, egal ob der nun 10 Jahre jünger oder ein Jahr älter ist. So schön die Zeit mit Christine und später dann mit dessen Bruder war, irgendwann merkten beide, dass sie sich in verschiedene Richtungen entwickelten.

Eine neue Freundin kommt

Eines Sommers fuhr Christine ins Ferienlager. Betti wäre vielleicht mit ihr mitgefahren, doch die Ferienlager wurden nach der Arbeitsstätte der Eltern ausgesucht. Und da Bettis und Christines Eltern in unterschiedlichen Betrieben arbeiteten, war ein gemeinsames Ferienlager nicht möglich und so blieb Betti daheim. Christine lernte natürlich andere Teenies, was sie ja inzwischen waren, kennen, welche sich schon mehr für eine Musikrichtung und für einen Kleidungsstil interessierten. Sie hörten u. a. Depeche Mode, stylten sich die Haare hoch, verbrauchten eine Menge Haarspray und trugen schwarze Kleidung. Als Christine von ihrer Reise zurückkam, schwärmte sie Betti vor, welch coole Leute sie kennengelernt hat und wie diese aussehen. Betti merkte schon, dass sich ihre Freundin ein wenig verändert hatte, doch dachte sie auch nicht daran, dass sich an ihrer Freundschaft irgendetwas ändern könnte. Da diese neuen Bekanntschaften aus den nahe gelegenen Dörfern kamen, wollte Christine den Kontakt nicht abreißen lassen und fuhr nun hin und wieder mit dem Bus oder dem Zug dorthin. Christine nahm Betti wohl zwei oder höchstens dreimal mit zu ihren neuen Freunden. Betti hoffte immer noch, dass auch sie Gefallen an der Musik und dem Outfit dieser Teenies finden würde, doch sie merkte ziemlich schnell, dass dies nicht ihr Ding ist. Christine war zu diesem Zeitpunkt mittlerweile 14 Jahre alt, Betti ein halbes Jahr jünger, doch es machte schon was aus. Das Interesse an Jungs oder dieser besagten Musik hatte Betti nicht. So wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, in welche Richtung sie mal gehen würde. Betti blieb erst einmal, wie sie war. Eine ganze Weile später entdeckte sie dann die Liebe zur Reggae-Musik, zu Trampern (das waren die Wildlederschuhe, die man nicht ohne Weiteres kaufen konnte. Es gab zwar einen Abklatsch davon, aber das war ja nicht das Gleiche) und zu langen Haaren bei den Jungs. So kam es, dass Christine und Betti jetzt getrennte Wege gingen, sie sahen sich fortan nur noch in der Schule und in der AG Fotografie. Dadurch, dass dieser Prozess jedoch langsam vonstatten ging und beide wussten, dass eine so tiefe Freundschaft nicht mehr möglich sein würde, war keiner der anderen in irgendeiner Art böse. Sie sahen sich ja weiterhin in der Schule, verbrachten auch die Pausen zusammen und verstanden sich trotzdem sehr gut. Es war für beide so in Ordnung. In der Zeit der Neuorientierung merkte Betti, dass sie sich zu einer Person immer mehr hingezogen fühlte, und auch die Interessen schienen zu passen. Und so kam es dann, dass Betti bald eine neue beste Freundin in ihrer Klasse hatte. Sie hieß Annett, war sehr ruhig und fiel nicht weiter auf. Sie war Klassenbeste und hat Betti in den oberen Klassenstufen des Öfteren zu einer guten Zensur verholfen, wenn diese mal wieder nicht durchsah. Annett war ebenfalls seit der 1. Klasse dabei. Dadurch, dass sie jedoch so ruhig war, wurde sie von Betti eben sehr spät bemerkt. Sie weiß noch, als die Klassenlehrerin in der Unterstufe Annett in der Stunde aufgerufen hat. Betti hat erst mal geguckt und dann gedacht:Ah, die ist auch in meiner Klasse.