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Seit der Kaiser der Wüste ermordet wurde, herrscht sein Sohn über das Reich. Mit den Nachwehen einer brutalen Rebellion und vielen politischen Feinden im Nacken weiß Enrico nicht, wem er vertrauen kann und wer ihn lieber tot sähe. Bis, scheinbar zufällig, Kaleya in seiner Stadt auftaucht und ihm völlig neue Wege offenbart. Zeitgleich spitzt sich die Lage um die verbliebenen Rebellen immer weiter zu und Enrico und Kaleya geraten ins Kreuzfeuer einer uralten Fehde, die mehr mit ihnen zu tun hat, als sie sich je vorzustellen vermochten.
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Seitenzahl: 475
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Prolog
Ein Schatten an der Wand
Wie ein Kaiser
Die Hexe und der Dämon
Autoritätspersonen
Seine Augen
Löwenkind
Wie Phönix aus der Asche
Angelegenheiten des Rates
Der Kaiser der Wüste
Eine Feier für Rico
Dallas
Ein Freund der Familie
Narben auf der Haut
Menschen die stärker sind als andere
Eines der Geheimnisse
In meinem Bett
Der goldene Käfig
Liebhaber und Sadisten
Die Nacht danach 1
Die Nacht danach 2
Trauer und Liebe
Das Lieblingstier
Der Hund der Wüste
Kaleya
Lela und Sia
Mein Vater
Zwillinge
Menschen, die mir am Herzen liegen
Der Untergrund
Der Beschützer
Geheime Pläne
Unser Lehrer
Ein Bild von dir
Wie normale Menschen
Kalte Gedanken
Brandstifter
Auserwählte Nachfolger
Asche zu Asche
In die Arena
Mehr als mein Leben
Regen
Augen auf
Es werde Krieg
Am Boden
Damit du mich warm hältst
Epilog
Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Sie mag euch seltsam erscheinen, doch ihr könnt mir vertrauen. Ich war dabei. Sie beginnt in einem friedlichen Vorort einer großen Stadt. Sie beginnt mitten im Krieg. Sie beginnt mit ihr.
Der Wind strich durch die Gärten mit ihren Blumen und den beschnittenen Bäumen wie er es immer tat. Er war angenehm warm. Einzelne Blätter riss er von den Bäumen und nahm sie weit fort. Kaleya genoss es, dass er ihre Haare zerzauste und über ihre Haut strich. Genauso zerrte er an dem großen Baum im Garten gegenüber und zerstörte die Ordnung, die über dem Grundstück gelegen hatte. Ein Schatten fiel auf die Straße neben sie, sie drehte sich zu seinem Verursacher. Ihr Vater blickte lächelnd auf sie herab.
Tiefe Sorgenfalten zeichneten sein sonst stets gelöstes Gesicht. Was war los?
Er ging vor ihr auf die Knie, nun waren sie auf Augenhöhe.
„Kaleya, Kleines, ich muss mit dir reden.“
Sein Ton war sonst nicht so ernst gewesen. Er machte ihr Angst. Ein Blick in seine dunklen Augen, es waren vertraute
Augen, verjagte ihre Sorgen.
„Ich werde fort gehen.“
„Darf ich mit?“ Noch nie hatte er sie zurück gelassen.
Er lachte.
„Nein, das geht nicht. Es ist zu gefährlich.“
„Es ist Krieg, Kaleya“, sagte ihr Onkel, der ebenfalls aus der
Tür getreten war. „Kleine Kinder haben in einem Krieg nichts verloren.“
Der Onkel musste immer alles verderben.
„Es wird nicht lange dauern.“ Ihr Vater versuchte sie abzulenken, das spürte sie. Er sollte nicht gehen. Nicht für kurz und erst recht nicht für länger.
„Wann kommst du wieder?“
„Das weiß ich nicht genau. Aber sehr bald“, versprach er.
„In einer Woche?“
Ihr Vater seufzte. „Nein, nicht in einer Woche.“
„Eher in einem Jahr“, bemerkte ihr Onkel. Kaleya erschrak.
Sie sah den bösen Blick nicht, den ihr Vater seinem Bruder zuwarf.
Sie sah nur, dass Ihre Welt drohte, auseinander zu brechen.
Sie sah ihre Mutter im Türrahmen stehen, und begriff, dass ihr Onkel die Wahrheit sagte.
Mama trug eine Reisetasche über der Schulter. Eine prall gefüllte Tasche, die ihr Vater nun an sich nahm. Würde er gleich gehen?
Er küsste sie, erst Kaleya auf die Stirn, dann ihre Mutter.
„Ich werde wieder kommen“, schwor er noch einmal.
`Das will ich dir auch geraten haben, sonst hol ich dich´
So dachte Kaleya, und die beiden Männer zogen aus, doch zurückkommen sollte nur einer.
Seit diesem Tag sind neun Jahre vergangen. Vieles hatte sich geändert. Nichts war gleich geblieben. Der Krieg war vorbei. Doch war es kein Gewinn. Weder für die Verlierer, noch die Sieger.
Ein heiserer Schrei weckte Kaleya. Keuchend und verschwitzt setzte sie sich im Bett auf. Es war nur ein Traum. Ein Albtraum. Langsam schlich sich die Realität zurück ins Zimmer. Sie musste sich beruhigen. Die Dunkelheit schien greifbar, dicht und brutal. Sie tastete nach der Nachttischlampe. Das Licht vertrieb die Schatten und die Überreste des Traumes. Sie barg das Gesicht in den Händen. Tief durchatmen.
Seth berührte ihren Ellbogen. Sie zuckte zusammen. All diese Angst. Diese furchtbare Angst, die ihr die Kehle zuschnürte und ihren Puls rasen ließ.
„Was ist?“ Er klang verschlafen.
„Albtraum.“ Es war mehr ein Keuchen als ein richtiges Wort. Seth atmete tief durch. Sie sah seine genervte Miene und bekam ein schlechtes Gewissen. Viel zu oft waren es ihre Albträume, die ihn weckten. Es tat ihr leid. Wirklich.
„Schlaf weiter.“ Seth rollte sich zur Seite.
Schlafen? Wohl kaum. Sie musste aufstehen.
Ihre Schuhe standen neben der Tür und ihre Jacke hing an einem Hacken daneben. Sie verzichtete aufs Schuhe binden. Die Jacke war ihr viel zu groß. Es war nicht ihre. Sie gehörte Seth. Egal. Ein letzter Blick über die Schulter. Seth schlief schon wieder und seine schwarzen Haare standen, wie immer, in alle Himmelsrichtungen ab. Niemals würde es einen vertrauteren Anblick geben als diesen. Sie trat auf den Gang. Das Flackern des Lichtes brannte in ihren Augen und warf unruhige Schatten an die kalten trostlosen Wände. War das schon immer so gewesen? Sie passierte fünf Türen, dann bog sie links ab und gelangte an eine Treppe, die hinaus führte. Fort von dem flackernden Licht, in eine Welt, die nur von Mond und Sternen beschienen war.
„Schicker Mantel.“ Sie war wohl nicht der einzige Nachtschwärmer.
„Hey Edward. Das ist Seths Jacke, hab die falsche genommen.“ Sie strich eine Falte glatt.
„Steht dir.“ Edward beugte sich herunter um sie auf die Wange zu küssen. Nahe der Tür lagen große Felsbrocken. Trümmer aus einer anderen Zeit.
Mochten die Menschen auch behaupten es sei eine bessere Zeit gewesen, so dienten diese Trümmer nun einem viel höherem Zweck. Sie verbargen etwas Verletzliches, Kostbares. Etwas, das es wert war beschützt zu werden. Und sollte dieser Schatz je von den falschen Menschen gefunden werden… nun ja, vielleicht erfahrt ihr es noch.
Wenn Kaleya sich des Nachts auf diese Trümmer setzte, dann konnte sie sich fast vorstellen, sie säße daheim, auf der Steinbank, in diesem ordentlichen Garten. Wie verwildert er wohl schon sein musste? Die Vorstellung behagte ihr. All die Unordnung und niemand war da um sie zu bändigen. Mit der Zeit wurde es kalt. So heiß es tagsüber auch werden konnte, die Nächte hier waren immer kalt. Immer verlassen. Immer still. Aber so war das mit dem Tod. Er brachte Kälte, Stille, und Einsamkeit. Und Kaleya war sehr einsam seit ein Wahnsinniger ihre ganze Familie abgeschlachtet hatte.
Zurück im Bunker, der allem Stand zu halten schien, verabschiedete sie sich von Edward. Er ging seinen Weg, sie ihren. Er würde nicht fragen, sie ebenso wenig. Denn obwohl sie ihn zu ihren engsten Freunden zählte, konnte sie ihm nicht verraten was sie quälte. Ob es ihn störte? Wahrscheinlich nicht. Er vertraute sich ihr ja auch nicht an.
Seth lag noch genau da wo sie ihn zurück gelassen hatte. Zumindest fast.
„Seth du hast meine Decke.“ Sie sprach leise. Er rührte sich nicht. Sie musste lächeln. Das war alles so normal. So menschlich. Nein. Dieser Mann könnte nicht mal einer Fliege was zuleide tun. Geschweige denn einem Menschen. „Seth!“ Er schreckte hoch. Seine Augen suchten den Raum ab.
„Was ist?“
„Du hast meine Decke.“ Seth verdrehte die Augen. Dann gab er die Decke frei.
„Geh doch in dein eigenes Bett wenn es dich stört.“
„Ich kann auch bei Edward schlafen. Hab ihn eben draußen getroffen.“ Dieser Vorschlag würde ihm gar nicht behagen. Sie setzte auf seinen Beschützerinstinkt und gewann.
„Schlaf endlich.“ Er klang genervt. Das Thema Edward nervte ihn immer.
Er verhielt sich wie ihr großer Bruder, obwohl er es nicht war. Er war ihr Cousin. Nahegestanden hatten sie sich aber schon immer. Und immer wollte er sie vor allem beschützen. Dafür würde er alles geben. Selbst sein Leben.
Sie drehte sich im Halbschlaf und fand das Bett neben sich verlassen. Das war es was sie weckte. Ins grelle Licht blinzelnd sah sie sich um. Seth war wach, angezogen, und bereit aufzubrechen. Wohin auch immer er eben musste. Er begutachtete einen Dolch mit leicht gebogener Klinge und dann ein Messer mit einklappbarer Klinge. Das Messer steckte er ein, den Dolch ließ er liegen.
„Wohin gehst du?“ Sie bekam immer ein ungutes Gefühl wenn sie ihn mit Waffen sah. Aber natürlich hatte er Einsätze. Natürlich kämpfte er. Er war wie geschaffen dafür. Er sah nicht nur aus wie ein Krieger. Er war ein Krieger. Und dennoch zitterte sie. Was wenn er einmal nicht wieder käme? So wie ihr Vater damals.
„Ich geh nur schnell zu Pain.“
„Und dafür brauchst du Waffen?“ Sie stand auf. „Du gehst nur ein paar Zimmer weiter.“
„Du solltest dich umziehen. Dich will er auch noch sehen.“
Das war ungewöhnlich. Sie hatte mit den anderen gelernt. Hatte mit ihnen trainiert. War sogar einmal mit Seth zu einem Einsatz gegangen, aber niemals verlangte Pain nach ihr. Er war genauso darauf aus sie zu schützen wie Seth.
Sie ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken und mimte die Genervte. „Ich bin noch total fertig wegen heute Nacht!“ Er strich sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Seine dunklen Augen fixierten sie über den Spiegel, der über der Kommode hing. Es waren dieselben Augen wie ihr Vater sie gehabt hatte.
„Versuchs doch mal mit schlafen.“
„Vielleicht hat Pain ja Mitleid mit mir wenn er dich gesehen hat. Du hast schon wieder deine sarkastische Phase.“
„Ich bin doch nicht sarkastisch.“ Sein Widerspruch klang wenig überzeugend.
„Oh doch, und wie du das bist!“
„Krieg dich wieder ein, Kaleya. Komm einfach nach.“ Und schon war er weg.
„Krieg dich wieder ein Kaleya!“ Sie konnte nicht widerstehen. Sie musste ihn einfach nachäffen. Jetzt da er weg war ließ sich das Grinsen einfach nicht mehr verbergen. Würde sie endlich hier rauskommen? Jeder der Jungen hier wurde mit 16 zum aktiven Dienst berufen. Sie zogen aus in die Reiche und erledigten die Aufträge, die Pain ihnen gab. Sie nicht. Insgeheim war Kaleya frustriert deswegen. Sie sehnte sich nach neuen Orten, fremden Menschen und Abenteuern. Sie lief über den Gang in ihr Zimmer. Sie zog sich um. Putzte sich die Zähne. Bürstete sich die Haare. Sie war müde, doch das dämpfte ihre Freude nicht. Wohin würde Pain sie schicken? Was sollte sie tun? Sie kehrte zurück auf den Flur. Lief die vertrauten Gänge entlang. Kein Sonnenlicht flutete durch die nicht vorhandenen Fenster. Hier unten war immer Nacht. Manchmal ertrug sie das kaum. Sie brauchte die
Sonne und die Wärme.
Während sie ging versuchte sie sich ins Gedächtnis zu rufen was Pain ihr über diesen Ort erzählt hatte.
„Hier gab es früher eine große Stadt Kaleya. Sie wurde zerstört als die Kaiser begannen gegen die Rebellen zu kämpfen. Dieser Bunker ist das einzige das dem Angriff standgehalten hat.“ Ödes Geschichtswissen. Sie hatte sich überhaupt nur wenige Details über den Krieg gemerkt. Die Kaiser glaubten sie hätten gesiegt. Doch die Rebellen agierten im Untergrund weiter und in dieser zerstörten Stadt war ihr Vater gestorben. Es fühlte sich richtig an hier zu sein. Manchmal erschien er ihr noch immer nahe. Besonders wenn sie Seth sah. Dieselben vertrauten Augen.
Vor Pains Büro standen zwei Rebellen Wache. Das war neu. Sie ging einfach an ihnen vorbei. Keiner hielt sie auf. Sie war kaum eingetreten, da hatte sie bereits eine Tasse in der Hand, aus der es wohlig dampfte. Sie nahm einen Schluck. Hmm Schokolade.
„Guten Morgen Kaleya.“ Pain lächelte sie freundlich an. Sie nickte ihm kurz zu und setzte sich dann auf seinen Bürostuhl. Ihm blieb jetzt nichts anderes übrig als sich neben Seth auf das Sofa zu setzen. Seth passte perfekt hier her. Kaleya nicht. Sie fühlte sich unwohl in beengten Räumen, wenn sie den Himmel nicht sehen konnte.
„Du wolltest mich sehen?“
„Willst du vielleicht erst was frühstücken?“
„Lenk nicht ab. Was ist los?“
„Seth und ich haben uns unterhalten und wir sind uns einig, dass wir… Also wir glaube es wäre Zeit.“
„Er schickt dich auf eine Auslandsmission“, unterbrach Seth barsch.
Kaleya war ihm dankbar. Dieses Gestammel hielt doch keiner aus!
„Welches Ausland und zu welchem Zweck?“
„Du gehst in die Wüste um ein Bündnis auszuhandeln.“ Jetzt ließ Pain alle Vorsicht fallen.
„Reicht dir die Steppe nicht mehr?“
„Der Herrscherwechsel in der Wüste ist eine passende Gelegenheit um einen Fuß in die Tür zu bekommen.“ Pain sprach sehr ernst.
„Herrscherwechsel? Was hab ich jetzt schon wieder verpasst?“
„Ich hatte es dir erzählt. Vor kurzem erst. Wir waren spazieren und… Ach vergiss es.“ Pain schüttelte den Kopf. Er war eindeutig genervt. Kaleya grinste vor sich hin. Wie amüsant.
„Der Kaiser ist vor etwa einem halben Jahr umgekommen. Man vermutet dass er von einem seiner eigenen Männer ermordet wurde“, sprang Seth ein. Er wollte es wohl schnell hinter sich bringen.
„Und wer regiert die Wüste jetzt?“
„Sein Sohn. Also, einer seiner Söhne. Er war Kriegsherr und wurde vom Volk gewählt.“
„Die gewählten Vertreter sind meistens etwas humaner“, bemerkte Seth. „Stell dir den Steppenkaiser in jung vor.“
Sie versuchte sich an den Steppenkaiser zu erinnern. Dallas war… ihr fiel einfach nichts Nettes ein. Außer dass er sein Volk nicht versklavte, wie andere Kaiser es zu tun pflegten.
„Ich mag Dallas nicht.“
„Ich weiß.“ Pain machte eine besorgte Miene. Glaubte er, sie würde abspringen? „Aber dieser Junge wäre ein ausgezeichneter Verbündeter.“
„Junge? Wie jung kann er schon sein, wenn er Kriegsherr war. Wie alt muss man dafür nochmal sein?“
„In der Wüste? 16, wenn man es richtig macht“, antwortete Seth.
„Eher 16, wenn man es falsch macht“, korrigierte Pain. „Er ist zwei Jahre älter als du.“
„Du willst mich wohl veräppeln! Welches Volk wählt freiwillig einen 19-jährigen zum Kaiser?“
„Sag Bescheid wenn dir ein guter Grund einfällt. Ich weiß nämlich keinen.“
„Ach, sei still, Seth. Es ist besser so. Nicht nur für uns, sondern für alle.“ Pain stand auf. Er zog ein Foto aus einer Schublade und reichte es Kaleya. Sie musterte es argwöhnisch.
Lindgrüne, von dunklen Wimpern umrahmte Augen blickten ihr aus einem schmalen Gesicht entgegen. Seine Haut war dunkler als ihre, doch für einen Bewohner der Wüste zu hell. Er hatte ein sehr ernstes Gesicht. Sie wollte diese Lippen lächeln sehen. Um jeden Preis.
„Okay, ich mach es.“ Sie lächelte.
„Gut, über die Einzelheiten reden wir später. In Ordnung?“
„Fein. Und jetzt erklär mir mal bitte wieso vor deiner Türe Wachen postiert sind.“
„Weil dein Cousin einen Sicherheitswahn hat.“
„Den hatte er schon immer.“ Sie verwarf seine Aussage mit einer flotten Handbewegung. „Warum stehen Wachen vor deiner Tür?“ Pains Blick huschte zu Seth. Irgendwas verschwiegen sie ihr. Das spürte sie ganz genau. Sie kannte diese Mienen bis ins letzte Detail.
„Hammar ist mit zwei seiner Leute zu Besuch“, gab Pain schließlich nach.
Seth schnaubte sichtlich gereizt. Stand auf. Verließ das Büro.
„Hammar hat eine Kooperationsgruppe vorgeschlagen. Ich ziehe es in Erwägung, aber Seth…Naja du weißt ja wie er zu Hammar steht.“
„Das liegt nicht an Seth. Hammar ist ein Arsch und wenn du mich in diese Gruppe steckst, muss ich dich leider im Schlaf erdolchen.“ Die Drohung verfehlte ihre Wirkung. Pain lachte leise.
„Ich finde es nicht gut wie ihr über meinen kleinen Bruder redet.“
„Erstens ist er nicht dein echter Bruder sondern war nur ein Pflegekind und zweitens hat er es sich doch selbst zuzuschreiben. Nur seinetwegen sind die Rebellen gespalten.“
„Manche Menschen verfolgen eben andere Interessen.“ Er wollte sie besänftigen. Der Versuch schlug fehl.
„Seine Interessen kosten andere Menschen ihr Leben. Ich werde nicht mit einem von seinen Killern zusammenarbeiten! Ich dachte du willst ein Bündnis! Wenn du dich mit Hammar zusammen tust unterschreibst du das Todesurteil dieses Jungen!“ Ihr Puls überschlug sich. Was sollte das?
Sonst war Pain doch auch nicht so leichtgläubig! Aber immer wenn es um seinen Pflegebruder ging wurde er sentimental.
Kaleya hätte würgen können, so sehr verabscheute sie Hammar.
„Kaleya beruhige dich!“
„Ich beruhige mich erst wenn du von diesem Wahnsinn ablässt!“
„Hör sofort auf! Du wirst dir anhören was er zu sagen hat und objektiv entscheiden ob du dabei bist oder nicht.“ Pain schaltete auf den Anführer-Modus um. „Du wirst dem Ganzen eine Chance geben. Außerdem glaube ich, dass deine Partnerin dir gefallen wird. Ihr seid euch sehr ähnlich.“ Das blieb abzuwarten, doch etwas anderes blieb ihr ja wohl kaum übrig.
Vor der Tür wartete Seth. Er grinste auf eine unbestimmte Art, was Kaleya verriet, dass er ihren Wutausbruch mitbekommen hatte und zufrieden war.
„Kann ich erwarten, dass ihr beide euch zusammenreißt?“,
fragte Pain ernst.
„Nein“, antworteten Seth und Kaleya wie aus einem Mund.
„Von mir aus. Dann tut wenigstens so als wärt ihr mit meiner Entscheidung einverstanden.“
„Oh, das würde ich wirklich gerne. Aber meine guten Taten für diesen Monat sind aufgebraucht.“
„Kaleya, ich warne dich nur noch einmal.“ Jetzt wurde Pain böse. Sie hielt den Mund. Schweigend trottete sie hinter dem Anführer der Rebellen her. Sie gingen in einen abgelegenen Teil des Bunkers, in dem es keinerlei Privaträume gab. Pain machte sich also doch Sorgen. Sonst hätte er Hammar in seinem Büro empfangen. Vor einer Tür, die sich nicht von den anderen Unterschied, außer darin, dass sie halb offen stand, blieben sie stehen. Pain ließ Kaleya den Vortritt.
„Vergiss es! Ich mach das nicht!“ Die Stimme klang kalt und unheimlich boshaft. Kaleya zögerte. Sie blickte zu Pain. Er sah aus als hätte er in eine Zitrone gebissen. Sollte das etwa…?
„Aber Miss Duvessa!“ Diese Stimme gehörte Hammar. Kaleya erinnerte sich nicht genau an ihr letztes Treffen, doch diese Stimme hätte sie überall herausgehört. Sie klang als hätte jemand ein Ölfass umgekippt. Triefend und schleimig.
„Schieb dir dein `Miss Duvessa´ sonst wo hin!“
„Das ist eine einmalige Chance.“ Hammar versuchte anscheinend sie zu beruhigen. Ähnlich erfolgreich wie wenn Pain es bei Kaleya versuchte.
„Und wenn es die Rettung der Welt wäre! Ich arbeite mit niemandem zusammen! Erst Recht nicht mit so einem Kind!“
„Manchmal braucht man Hilfe“, schaltete eine dritte Stimme sich ein. Noch ein Mann. Sein Einmischen blieb nicht lange unbemerkt und wurde mit einem abfälligen Schnauben kommentiert, das vor Selbstbewusstsein nur so strotzte.
„Das gilt vielleicht für dich, aber nicht jeder von uns ist so ein feiges Arschgesicht!“ Es blieb still und Kaleya hoffte es wäre nun vorbei, doch zu früh gefreut. Polternd flog der Körper eines Mannes, nicht Hammar, in ihr Blickfeld. Eine schlanke Hand lag um seine Kehle und drückte ganz gemächlich immer weiter zu. Der Mann versuchte sich zu befreien.
Kaleya wich erschrocken zurück. „Ich arbeite allein“, betonte die Frau noch einmal ihr Anliegen und ließ den Mann los. Keuchend ging er zu Boden.
Und dieses Monster sollte ihr ähnlich sein? Kaleya war manchmal aufbrausend, aber im Grunde friedlich. Diese Frau war einfach nur brutal. Sie sah Pain an. Schüttelte den Kopf.
Pain stieß einen leisen Seufzer aus. So hatte er sich das Aufeinandertreffen nicht vorgestellt, das war Kaleya klar. Aber sie war nicht bereit jemandem eine Chance zu geben der selbst seinen eigenen Leuten gegenüber solch ein Verhalten an den Tag legte. Sie drehte sich um und ging zurück zum belebten Teil des Bunkers. Seth folgte ihr. Sie hörte es an seinen leichten Schritten. Pain blieb hinter ihnen zurück. Sollte das Monster ihn doch attackieren! Vielleicht würde er dann endlich seine Lektion lernen.
Eine weitere entscheidende Rolle in dieser Geschichte spielt Enrico Malek, der Kaiser der Wüste. Was im Wüstenvolk vorging, als sie ihn zum Kaiser wählten, kann wohl kaum jemand nachvollziehen. Es gab etliche Gründe die dagegen sprachen. Aber seht selbst… „Die Sonnenreflektoren sind wieder von Sand verschüttet worden. Wir müssen sie irgendwie besser schützen.“
„Das ist eine gute Möglichkeit den Kleinen los zu werden bis wir das neue Steuergesetz vorbereitet haben.“ Talib. Seltsam dass es immer Talib war, der auf eine Steuererhöhung bestand. Rico lehnte am Türrahmen und lauschte dem Gespräch. Sein Ältestenrat, den er gezwungenermaßen unverändert von seinem Vater übernommen hatte, war schwer beschäftigt. Sie planten die Arbeit für die kommende Woche, wie sie es immer taten, ohne ihn. Wann sie ihn wohl bemerken würden?
„Schon wieder eine Steuererhöhung?“, fragte eine ruhige Stimme neben Rico. Sie war angenehm vertraut. Marek war zu spät zur Sitzung. Das störte Rico nicht. Den Rest des Rates auch nicht.
„Ist eine Erhöhung der Steuern denn notwendig?“ Die Stimme war aus dem Sitzungsraum gekommen. Enes, das absolute Gegenteil von Talib. Ihn hätte Rico auch ohne die Regelung behalten.
„Wir haben erhebliche Kosten zu bewältigen. Eine Einrichtung wie diese ist sehr kostspielig.“
„Das Gehalt dieser Schnösel ist auch ziemlich kostspielig“, bemerkte Marek. Da hatte er wohl Recht. Ein Glück das die Frist bald abgelaufen war und Rico sich seinen Rat dann selbst zusammenstellen konnte. Er strich sein Hemd glatt und betrat den Raum. Sofort verstummte die Unterhaltung.
„Was gibt’s Neues?“
„Die Sonnenreflektoren sind“
„Voller Sand“, beendete Rico das Ratsmitglied. „Das hab ich schon gehört. Was noch?“ Ein kurzes betretenes Schweigen setzte ein.
„Wir müssen die Steuern erhöhen.“ Talib sprach bestimmt.
„Wozu?“
„Um die steigenden Kosten zu decken.“
„Ich wüsste nicht, dass wir mehr Ausgaben hatten als sonst.“
„Mit Verlaub, mein Kaiser.“ „Mit Verlaub, Ältester, rechne lieber nochmal nach.“
„Selbstverständlich.“ Talib biss die Zähne zusammen.
„Verzeihung, mein Kaiser“, begann nun wieder der andere Rat. „Aber die Reflektoren müssen umgehend gereinigt werden.“
„Überlegt euch lieber eine dauerhafte Lösung. Ich bin euer Kaiser, nicht eure Putzfrau.“
„Selbstverständlich. Natürlich nicht. Also ich meine…“
„Die Schüler aus dem Waldreich kommen heute Mittag an“, unterbrach Enes das nervöse Gestammel. Dieses Thema war auch nicht sehr viel besser.
„Wie lange bleiben die noch gleich?“
„Zwei Wochen dann ziehen sie weiter an die Küste. Sie sollen ihre Nachbarländer kennenlernen.“
„Gut. Wo wollt ihr sie unterbringen? In der Schule?“
„Wohl kaum. Sie werden hier untergebracht. Wo anders ist nicht genug Platz.“
„Na schön. Sorgt dafür dass sie nett empfangen werden.“ Rico wollte eben wieder gehen. Ein Räuspern. Er drehte sich um.
„Ja Enes?“
„Nun da der Neffe der Kaiserin dabei ist… Wir sind der Meinung es wäre nur angemessen wenn der Kaiser sie persönlich abholt.“
„Jannik?“
„Ich weiß nicht wie er heißt. Verzeih.“
„Na gut. Dann werde ich das übernehmen. Kümmert euch um die Reflektoren. Ich will nicht, dass es einen Stromausfall gibt.“
„Natürlich.“ Diesmal hielt ihn niemand auf als er ging. Marek folgte pflichtbewusst, als einziger.
„Sie nennen mich `Kleiner´“
„Talib nennt dich Kleiner. Aber das hat er doch schon immer getan.“
„Wenn ich mit diesem Idioten nicht verwandt wäre würde ich ihn umgehend rauswerfen. Er ist so nutzlos.“
„Talib mag vielleicht den gleichen Namen tragen wie du, aber das ist schon alles. Er stammt nicht aus der gleichen Linie. Wenn du mich fragst, war es damals reine Höflichkeit von deiner Großmutter ihn im Rat zuzulassen.“
„Ich habe sechs Räte von denen ich nur zweien vertrauen kann. Du ahnst gar nicht wie froh ich bin, dass die sechs Monate bald vorbei sind.“
„Ich denke es wird der Regierung gut tun wenn der Rat neu aufgebaut wird.“
„Schön, dass wenigstens du das so siehst.“ Die Treppe in den ersten Stock lag nun vor ihnen.
„Vergiss die Schüler nicht. Die Wachen am Tor werden Bescheid geben sobald sie die Stadt betreten. Dann wirst du rechtzeitig vorgewarnt.“
„Okay. Danke Marek.“
Marek verließ die Residenz, Rico ging die Treppe nach oben.
Er war schon auf halbem Weg zur nächsten Treppe.
„Rico!“ So ein Mist. Genau das hatte er befürchtet. „Rico warte mal! Wie ist es gelaufen?“
Er drehte sich um. Etwas anderes blieb ihm ja wohl kaum übrig. Terra. Schwester. Aufpasser. Nervensäge. Der wichtigste Mensch in seinem Leben.
„Die Reflektoren sind wieder voll Sand. Aber der Rat überlegt sich was.“
„Das meinte ich nicht.“
„Ach nein?“ Er hob eine Augenbraue.
„Du gehst mir aus dem Weg, das wird aber nicht ewig funktionieren.“ Tadelte sie ihn etwa?
„Okay, alles klar, Terra. Ich muss noch ein paar Sachen erledigen.“
„Was zum Beispiel?“
„Die Schüler aus dem Waldreich kommen heute an.“
„Und?“
„Jannik ist dabei, also werde ich sie persönlich begrüßen.“
„WOW, das ist ja richtig nett von dir.“
„Ja, nett. So kann man es auch nennen.“ Er musste weg hier.
Bevor sie sich noch weiter unnötig sorgen konnte. „Ich muss jetzt wirklich los.“ Er drehte sich um.
„Rico!“ Er ignorierte sie und stieg zielstrebig die Treppe hoch. Wie im Schlaf ging er den Weg zu seinem Büro. Es war so vertraut und doch fühlte es sich fremd an. Die Tür zu öffnen ohne vorher klopfen zu müssen. Nicht dieses verhasste Gesicht hinter dem Schreibtisch vorzufinden, sondern nur einen leeren Stuhl. All diese Kleinigkeiten, die sich geändert hatten. Rico blieb vor dem Schreibtisch stehen. So viel zu tun. So wenig Zeit.
Das Ostviertel der Stadt war noch immer ein einziges Trümmerfeld. Der Markt kam nur langsam wieder auf die Beine.
Die Regenzeit verspätete sich offensichtlich. In der Palastküche fehlten zwei Gehilfen. Mehr als genug Probleme und ein Ältestenrat der all diese Probleme guten Gewissens übersah.
Die Gehilfen. Das war leicht zu bewältigen. Ein halbes Dutzend Bewerbungen. Rico nahm die Formulare und setzte sich. Nicht an den Schreibtisch. Nein. Das Sofa war um einiges gemütlicher und von der Tür nicht direkt einsehbar. Perfekt. Alle Bewerber waren Frauen. Alle etwa in seinem Alter.
Alle würden sich sehr freuen angenommen zu werden. Das entnahm er den Bewerbungen, die fast schon trieften, so voll der Freude waren sie. Ob sie sich auch noch so sehr um die Stellen bemühen würden wenn sie wüssten weshalb die letzten Beiden hatten gehen müssen?
„Kleiner Bruder? Wo…? Ach da steckst du!“ Aufblicken musste Rico nicht.
„Ich ersetze gerade deinen Verschleiß.“ Sein Bruder lachte leise. Vermutlich sah er die beiden jungen Frauen gerade genau vor sich. Rico erinnerte sich nicht mal an ihre Namen, geschweige denn ihre Gesichter.
„Jemand Interessanter unter den Bewerbern?“ Wie scheinheilig. Wie unbedarft. So lebte ein Kronprinz eben. Doch was blieb von jenem Kronprinz wenn er nicht Herrschen durfte?
„Für dich oder für mich?“
„Was ist für dich an Mädchen bitte interessant?“
„Wenn ich sie nicht nach einem Monat wieder ersetzen muss. Das wäre interessant.“ Er blickte auf. Kahn sah aus wie immer. Größer als Rico. Muskulöser als Rico. Beschwingter als Rico. Ja, wirklich ein schönes Leben, das der Kronprinz geführt hatte.
Kahn fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Er grinste, bereute wohl gar nichts. „Ach Rico, ich gebe mir ja Mühe, aber ich bin nicht derjenige der zu ihnen geht. Sie kommen zu mir.“ Kahn zwinkerte ihm zu. Skeptisch zog Rico eine Augenbraue hoch. Er konnte sich einfach nicht zügeln. Diese freche Ader seines Bruders war beinahe lästig. „Sie würden auch zu dir kommen wenn du sie lassen würdest“, bemerkte Kahn schmunzelnd. Themawechsel! Das war zutiefst unangenehm.
„Such dir doch einfach selbst zwei aus.“ Rico reichte ihm die Bewerbungen. Kahn sah ihn irritiert an.
„Im Ernst jetzt?“
„Nein, nur zum Spaß. Natürlich ernst!“ Er stand auf. „Dir müssen sie gefallen, mir ist es gleich, solange sie ihre Arbeit machen.“
„Aber Rico! Jetzt sei doch nicht so!“
Das errettende Klopfen an der Tür. Na endlich. „Herein!“ Ein Soldat streckte den Kopf zur Tür herein.
„Rico? Unsere Gäste treffen in zehn Minuten am Haupttor ein. Marek hat mich gebeten dich zu begleiten.“
„Gut. Gehen wir.“
„Was ist mit den Bewerbungen?“, rief Kahn ihm nach.
„Such dir einfach zwei aus.“
Der Soldat, er war um die dreißig Jahre alt, war ein erfahrener Kämpfer. Von Rico mal abgesehen, gehörte er zu den jüngsten Soldaten, die es in der Wüste aktuell gab. Sie hatten oft Seite an Seite gestanden wenn die Kämpfe begannen. Marek hatte ihm vertraut und Rico traute Marek. So einfach war es längst nicht mehr. Der Weg vom Palast zum Haupttor nahm kaum eine Viertelstunde in Anspruch. Rico versuchte die nervösen Blicke der Leute zu ignorieren. Viel zu leicht könnte er vergessen, dass er jetzt ihr Kaiser war. Wann würde er sich endlich daran gewöhnen?
Marek wartete am Tor. Das würde sich wohl nie ändern.
„Rico! Bist du gut hergekommen?“
„Ich brauch keinen Geleitschutz, Marek.“
„Natürlich nicht. Es macht nur einen besseren Eindruck.“
Marek versuchte ein Lächeln, wenig überzeugend.
„Wo sind sie?“
„Vor dem Tor. Der Lehrer wollte noch etwas Stadtgeschichte mit ihnen pauken bevor sie sich ausruhen dürfen. Ein echter Sklaventreiber wenn du mich fragst.“
„Wohl kaum.“ Rico ging durch das Tor. Die Wachen deuteten eine knappe Verneigung an, aber das war auch nicht mehr als sie früher schon getan hatten. Früher, als Rico noch ihr Anführer gewesen war. Auf der anderen Seite der Mauer stand eine Gruppe von nicht ganz 30 jungen Erwachsenen.
Rico hätte einer von ihnen sein können. Wäre er nicht als Prinz auf die Welt gekommen. Besser, wäre er nicht als Enrico Malek auf die Welt gekommen.
Der Lehrer erzählte etwas über die jüngste Geschichte der Wüste. Sprach vom Bruderkrieg und der Rebellion. Nun ja, zumindest über den offiziellen Teil wusste er bestens Bescheid. Was hinter den Kulissen geschehen war, dass würde die Mauern dieser Stadt nie verlassen.
Rico steckte die Hände in die Taschen seiner Hose und lauschte dem Bericht des Lehrers. Vielleicht könnte er ja noch etwas über seine eigene Geschichte dazu lernen. Aus der Masse der Schüler heraus traf ihn ein Blick aus himmelblauen Augen. Fröhliche Augen. Augen eines Freundes.
„Rico!“ Jannik löste sich von der Gruppe und kam eilig auf ihn zu. Es war lange her das Rico ihn das letzte Mal gesehen hatte. Zuletzt vor rund sieben Jahren. Doch sein Anblick war vertraut. Die blonden Haare die ihm ins Gesicht hingen. Die leicht gebräunte Haut. Das aufrichtige Lächeln. Er freute sich wirklich.
„Jannik.“ Rico nickte ihm knapp zu. „Wie ist es dir ergangen die letzten Jahre?“
„Musste ein Schuljahr wiederholen und du?“
„Hab einen Krieg geführt.“
„Das übertrifft meine Geschichte ja wohl um Längen.“ Jannik grinste. Mittlerweile ruhten alle Blicke auf ihnen.
„Was meinst du? Ist die Geschichtsstunde vorbei? Meine Leute sehen es nicht so gerne wenn ich außerhalb der Mauern bin.“
„Ach, da hört eh keiner hin.“ Sein Grinsen erlosch. „Klingt ja als hätten sie dich in einen goldenen Käfig gesteckt.“
„Die wollen bloß vermeiden, dass Kahn durch einen blöden Unfall zum Kaiser wird.“ Rico zuckte mit den Schultern.
„Weißt du Rico, ich war mir nicht sicher, ob du immer noch der gleiche sein würdest, wie damals. Du ahnst gar nicht wie erleichtert ich bin, dich jetzt hier stehen zu sehen.“ Jannik umarmte ihn.
Einatmen. Ausatmen. Bald würde es vorbei sein. Jannik ließ ihn wieder los. Einatmen. Ausatmen. Beruhigen.
„Okay. Sollen wir rein gehen?“, schlug Rico vor. Er musste dringend hier weg.
Seht ihr? Nicht gerade eine passende Wahl für einen Kaiser.
Wenn es einen Menschen gab, den man nicht zum Feind haben wollte, dann war es Kimberly-Ann Duvessa. Oder wie manche sie nannten, die Hexe. Und doch… Mir erschien sie nie wie das Monster, das alle in ihr sahen.
Schritte erklangen auf dem Gang. Kim riss den Kopf herum.
Die Tür stand einen Spalt breit offen. Noch mehr Schritte, Schritte die sich eilig entfernten. Sie ließ den Mann los. Er gehörte zu den Forschern. Widerwärtig. Warum er überhaupt mitgekommen war blieb ein Rätsel. Eines, das es sich nicht lohnte zu lösen.
Die Tür wurde aufgeschoben. Das leise knirschende Geräusch, das dabei entstand klang unnatürlich laut in der plötzlichen Stille. Der Mann, der eintrat war groß, schlank und doch muskulös. Sie erkannte das markante Kinn, die braunen Haare und die klugen braunen Augen sofort wieder.
Pain. Eigentlich hatte sie ihn immer gemocht. Schade eigentlich. Jetzt war er ihr Feind. Aber das wusste er noch nicht.
„Und?“, fragte Hammar.
„Sie ist gänzlich abgeneigt.“ Pain fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Hammar lächelte. Es war absehbar gewesen. Keiner würde je freiwillig mit ihr zusammen arbeiten.
Kim grinste.
„Miss Duvessa auch. Wie man sieht.“ Hammar wies mir einer Hand auf den Mann der am Boden saß und röchelnd ein und aus atmete. Fast hätte sie ihn vergessen. Dämlicher Schwächling.
„Schade“, murmelte Pain. Was auch immer die beiden sich erhofft hatten, sie bekamen es nicht. Was nicht ungewöhnlich war. Zumindest auf Hammars Seite. Kim vermied es grundsätzlich ihm zu geben was er wollte.
„Okay, stellen wir ein neues Team zusammen. Vielleicht klappt das besser.“ Pains Vorschlag klang vernünftig. Solange Kim nicht in dieses neue Team musste.
„Ich würde nur einen anderen deiner Leute akzeptieren und wir wissen beide, dass ich ihn nicht bekomme.“
„Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Du benimmst dich ja immer wie ein Arsch, wenn du ihn triffst.“
Diese Diskussion war zweifellos das Sinnfreieste seit sie angekommen waren. Kim gähnt mit einer Hand vor dem Mund. Wie langweilig. „Ich werde Kim alleine losschicken.“
Sie horchte auf. Er nannte sie nur beim Vornamen wenn er fest entschlossen war.
„Es ist, denke ich, besser wenn wir mein Mädchen gehen lassen.“
„Blödsinn! Miss Duvessa ist präzise und schnell. Der Junge wird gar nicht wissen wie ihm geschieht, bis er seinen letzten Atemzug tut!“Wie recht er damit doch hatte.
„Wir waren uns doch einig ihn nicht zu töten!“
„Falsch! Du warst dir einig. Ich habe nie zugestimmt.“ Jetzt ging das schon wieder los.
„Hammar, ich werde ihn nicht ans Messer liefern, wenn die Chance besteht, dass …“
„Die Chance auf was? Ein Bündnis? Die Kaiser wissen doch nicht mal, dass es uns gibt! Und wenn sie es wüssten, glaubst du wirklich sie würde uns nicht jagen und einen nach dem anderen hinrichten, wie sie deinen Vater hingerichtet haben?!“ Hammar wandte sich ab. Zweifellos um sein vor Aufregung rotes Gesicht zu verbergen. Er war so leicht zu durchschauen. Seine Schultern zitterten vor unterdrückter Wut und Anspannung. Ein Blick zu Pain und Kim erkannte, dass er zutiefst betroffen war.
„Wir müssen es wenigstens versuchen.“ Er ließ seine Stimme extra sanft klingen, sprach bedächtig, beruhigend. „Lass es mich versuchen.“
„Und wenn du Recht hast? Mal angenommen er wäre an einem Bündnis interessiert. Wie willst du ihn an uns binden?
Mit einem Vertrag? Eine Unterschrift auf Papier ist nichts wert und das weist du genauso gut wie ich.“
„Wollte ich einen Vertrag würde ich wohl kaum Kaleya schicken.“ Pains Stimme klang als hätte das Hammar klar sein müssen. „Also? Sind wir uns einig? Wir versuchen es erst auf meine Weise?“
Hammar nickte. „Von mir aus.“
„Gut. Ich nehme an ihr findet alleine nach draußen? Ich muss unbedingt nach Kaleya sehen. Du hast ihr einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Kim.“ Er zwinkerte ihr zu. Wie bedauerlich. Ja, sie hatte ihn wirklich immer sehr gemocht.
Der Weg zurück zur Basis war kurz und sie legten ihn schweigend zurück. So nah die beiden Einrichtungen nebeneinander lagen, hätte man eigentlich erwarten müssen, dass sie sich ständig über den Weg liefen. Doch dem war nicht so.
Sie stiegen durch eine Falltür hinunter in das unterirdische Tunnelsystem. Die schwüle Luft und das schummrige Licht waren ihr so vertraut wie ihr eigener Körper.
„Bitte versuch heute zum Training zu gehen.“
„Ich gehe immer zum Training.“ Sie lächelte Hammar an.
Boshaft.
„Lüg nicht. Ich weiß, dass du die letzten drei Einheiten verpasst hast. Wenn es sich wenigstens auf dich beschränken würde, aber du ziehst Silas jedes Mal mit rein.“ Er straffte die Schulter und hob das Kinn an. Ein kläglicher Versuch Autorität auszustrahlen.
„Silas zieht sich selbst mit rein. Ich kann da nichts dafür.“
„Bitte, bitte, bitte, geh zum Training!“ Hinreißend wie er flehte. Kim seufzte.
„Ist ja schon gut. Ich geh ja.“ Sie drehte sich um. Ihre Schritte klangen hohl an den kahlen Wänden. Training war gar keine so schlechte Idee. Es täte ihr gut. Endlich wieder etwas Dampf ablassen. Wie lange hatte sie Rin schon nicht mehr gesehen? Eine Woche? Zwei? Zu lange für ihren Geschmack.
Das könnte amüsant werden.
„Dieses fiese Grinsen heißt nichts Gutes.“ Warme Hände hielten sie an den Hüften fest. Die sanfte, tiefe Stimme schmeichelte ihren Ohren. Sie erschauderte.
Sie spürte ihn in ihrem Rücken. Unnachgiebig und stark.
Warm und vertraut. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite. Ein sanfter Kuss streifte ihren Mundwinkel.
„Ich hab kein fieses Grinsen.“ Sie lächelte. Liebevoll.
„Oh doch, und wie.“ Ein Arm wurde um ihre Schulter gelegt.
Sie hob den Kopf. Silas bedachte sie mit einem wissenden Blick. Kichernd legte sie einen Arm um seine Taille. „Wohin gehst du?“
„Hammar hat mich dazu verdammt mich heute beim Training blicken zu lassen.“
„So ein Pech. Und das, wo ich dich gerade zum Schwimmen abholen wollte.“ Sein bedauerndes Lächeln täuschte sie nicht. Nicht eine einzige Minute.
„Hm, später vielleicht. Jetzt treffe ich mich erst mal mit Rin.“
„Immer musst du dich mit den großen Jungs anlegen. Kannst du dir nicht ein Kätzchen besorgen und damit spielen?“
„Schenkst du mir ein Kätzchen?“
„Auf keinen Fall! Ich kann die Viecher nicht leiden. Die erinnern mich immer an Hammar.“ Sie lachte über seinen angewiderten Gesichtsausdruck.
„Erst vor kurzem hat er wieder bewiesen, dass er unseren Hass durchaus wert ist.“ Kim ging dazu über, sich die Haare zu einem Zopf zu flechten. Rin würde keine Rücksicht nehmen. Sie genauso wenig.
„Also gut. Ich muss dann auch mal los. Kommst du vorbei wenn du mit Rin fertig bist?“
„Na klar doch.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen raschen Kuss auf die Lippen. Er lächelte auf diese unvergleichliche Weise. Absolut erotisch. Ihr Herz machte einen wilden Hüpfer. Oh ja, sie würde Rin besiegen und dann würde sie sich ganz und gar ihm widmen. Silas folgte einem Gang, weg von ihr. Oh, wie sie ihn liebte. Seinen geschmeidigen Gang. Die harten Muskeln. Das pechschwarze Haar. Der Traum aller Frauen, und er gehörte ihr ganz allein.
Die Tür zur Trainingshalle quietschte leise. Das Geräusch lenkte die Blicke aller Anwesenden zu ihr. Unter den bekannten Gesichtern befanden sich drei neue. Jungen, jünger noch als Kim selbst, die vor Aufregung unruhig auf und ab liefen. Wie Tiger im Käfig. Angespannt, bereit zuzuschlagen.
Sie würden den nötigen Respekt schon noch lernen. Spätestens wenn sie mit Rin zusammentrafen.
„Miss Duvessa! Schön dass du dich mal wieder blicken lässt.“
Kasim. Er war Lehrer und Mentor gleichermaßen. Und außerdem das einzige akzeptable Vorbild in dieser verfluchten Höhle.
„Ich war bedauerlicherweise verhindert.“ Kim vollführte einen eleganten Knicks und erhob sich mit einem spöttischen Grinsen wieder.
„Ich habe da so was gehört ja.“ Kasim deutete mit der Hand auf die anderen Teilnehmer. „Sitz.“
„Ich bin kein Hund.“
„Sicher?“ Er gab sich überrascht. Es war ein allzu vertrautes Spiel.
„Wo ist Rin?“ Sie stand immer noch abseits.
„Hinter dir, Süße“, ertönte Rins Bassstimme. Er schlang die Arme um sie und riss sie in eine knochenzertrümmernde Umarmung.
„Rin! Luft!“, japste sie. Er warf sie sich über die Schulter und trug sie zu den anderen.
„Wirst du jetzt ein braves Mädchen sein?“
„Niemals!“ Schwungvoll setzte er sie auf dem Boden ab. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah demonstrativ weg.
„Gut, da wir jetzt alle versammelt sind, habt ihr sicher bemerkt, dass wir drei Neuzugänge haben. Bevor wir mit dem Training beginnen, wollen wir doch mal sehen, ob wir sie beeindrucken können.“
„Bitte nicht ich, bitte nicht ich, bitte nicht ich.“ Doch das Murmeln brachte nichts.
„Rin? Kim? Wollt ihr uns vielleicht etwas vorführen?“
Die Jungen kicherten. Sie zweifelten an ihr. Weil sie ein Mädchen war. Die würden noch ein Wunder erleben.
„Ich will nicht, dass Rin schon wieder zum Arzt muss.“
„Und ich befürchte, dass Kim sich etwas brechen könnte. Das letzte Mal ist doch schon ein Weilchen her.“
„Keine Ausreden ihr beiden. Ab in den Ring.“
Kim kletterte in den Ring. Rin folgte ihr. Er stand noch nicht mal wieder aufrecht, da schlug sie zu. Der rechte Hacken saß perfekt und riss seinen Kopf nach hinten. Sie nutzte die Gelegenheit für einen Schlag in die Nierengegend und wollte ihn eben mitten ins Gesicht schlagen, doch da kam Rin wieder zu sich. Er fing ihre Hand ab und bog sie nach hinten, bis ihr Handgelenk beinahe brach. Sie drehte sich und er musste den Griff lösen. Ein Sprung, ein Tritt. Rin taumelte. Er zog sie am Handgelenk mit und schlang einen Arm um ihren Hals. Die Luftzufuhr war augenblicklich blockiert. Sie hatte nicht viel Zeit um seinen Griff zu lösen, sonst hätte sie verloren. Wie ein kleines Kind trat sie ihm gegen das Schienbein. Es wirkte. Ein Hauch von Luft stahl sich ihre Kehle hinab in die Lungen. Mit dem freien Ellbogen boxte sie ihm in die Seite. Noch ein Atemzug. Sie schob eine Hand unter seinen Arm, tastete sich bis zum Handgelenk, ergriff seine Hand und zog. Ein wütendes Brüllen entfuhr Rin als er den Griff lösen musste. Kim stieß sich ab, machte einen Salto und landete in Kauerstellung vor ihm.
Jubelrufe waren vom Rand zu hören. Kim genoss sie, denn sie galten ihr. „Gibst du auf?“, fragte sie grinsend.
„Wir fangen doch gerade erst an.“ Er lächelte breit und stürzte sich auf sie. Kim schoss vom Boden hoch. Es endete wie meistens in einem rasenden Wirrwarr von Körperteilen und mit einer gebrochenen Nase. Rins Nase. Und einer ausgekugelten Schulter. Kims Schulter.
Rin lag am Boden und hielt sich die Nase. Sein Atem kam stoßweise. Kim versuchte mit dem unverletzten Arm ihre Schulter zu stabilisieren. Sie stand noch. Gewonnen!
„Kann einer bitte Rin zum Arzt bringen?“ Kasim kam zum Ring. Er bot Kim die Hand an und half ihr sorgsam auf den Boden. „Alles okay?“ Er klang besorgt.
„Ich werde es überleben.“
„Soll dich jemand zum Arzt begleiten?“
„Nein, ich komm schon klar.“
„Gut.“ Kasim entließ sie. Sie spürte die Blicke der Neuen in ihrem Rücken als sie ging. Mühsam schob sie die schwere Tür auf. Silas. Er konnte ihre Schulter einrenken. Außerdem war es eine gute Ausrede um ihn aus dem Training zu entführen.
Na schön, sie war ein Monster. Absolut tödlich. Aber wie die meisten anderen hatte sie wohl kaum eine andere Wahl. Und wie die meisten anderen machte sie das Beste daraus.
Trotz seiner offensichtlichen Unfähigkeit war Enrico nicht grundlos zum Kaiser gewählt worden. Denn obwohl das Volk Angst vor seinen verborgenen Fähigkeiten hatte, erkannten die Menschen dahinter eine Chance. Sie hofften auf ein besseres Leben, ohne einen Tyrannen an ihrer Spitze.
Jannik ging mit weit aufgerissenen Augen neben Rico her. Staunend. Kaum nachvollziehbar. Es war alles so gewohnt. Die einfachen Häuser. Der Sand. Die karge Vegetation aufgrund des konstanten Wassermangels. Wasser! Er musste dringend nach den Wasservorräten sehen. Wenn der Regen noch länger auf sich warten ließ, musste das Wasser rationiert werden. Nicht schon wieder. Nochmal so ein Jahr wie damals und das Volk würde endgültig zerbrechen.
„Woran denkst du?“ Jannik. Er klang genauso wie Terra.
Noch jemand, der sich um ihn sorgte. Na wunderbar. Sah er wirklich so zerbrechlich aus?
„Ich muss nachsehen wie lange der Wasservorrat noch reicht. Der Regen ist spät dran dieses Jahr.“
„Was passiert wenn es gar nicht regnet?“ Krankheit. Tod.
Leid. Rebellion. Vieles was passieren konnte. Nichts davon würde er Jannik sagen.
„Dann muss ich das Wasser rationieren. Wir haben schon mal ein Jahr ohne Regen geschafft. Das schaffen wir wieder.“
„Muss ziemlich anstrengend sein, all diese Verantwortung.“
„Die Verantwortung ist weniger mein Problem.“
„Sondern?“
„Dass ich jetzt alles auf diplomatischem Weg regeln muss.“
Jannik lachte.
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Im einen Moment ist man Heerführer und dann soll man plötzlich brav hinter einen Schreibtisch sitzen.“ Jannik schüttelte sich. Die Vorstellung behagte ihm wohl gar nicht. Er ahnte nicht mal ansatzweise wie es Rico damit ging.
Enrico wurde plötzlich klar, dass Jannik ebenso ein Kronprinz war wie Kahn. Was für ein leichtes Leben er führte, weil er nichts von den Problemen oder Sorgen verstand, die ein Kaiser im Allgemeinen und Enrico im Besonderen zu bewältigen hatte.
Im Palast angekommen übernahm einer der Soldaten die Zimmerverteilung und die Führung durch den Palast. Einzig der Lehrer blieb zurück. „Von außen sieht der Palast viel kleiner aus.“ Er lächelte, doch es erreichte seine Augen nicht.
„Was sie gesehen haben ist nur ein kleiner Teil. Am Anfang lebte des gesamte Wüstenvolk im Gebirge. Deswegen liegen die ältesten Häuser so nah am Fuß des Berges. Mehr als zwei Drittel des Palastes und ein Großteil der ursprünglichen Stadt ist in den Fels geschlagen worden. Mein Urgroßvater hat das hier gebaut.“ „Sieh einer an, man lernt wohl nie aus. Er ist ein wahres Kunstwerk, dieser Ort.“ Ein Kunstwerk? Sicher. Eine Leinwand bemalt mit Schlamm, Dreck, Sand und Blut.
„Falls das dann alles wäre? Ich habe noch zu tun.“ Schultern straffen. Kopf aufrecht. Irgendwie versuchen Autorität auszustrahlen. Seine neueste tägliche Übung.
„Ich hatte mich, ehrlichgesagt, gefragt, ob ich wohl einmal einem Kaiser bei der Arbeit über die Schulter blicken dürfte.“
Der Lehrer lächelte immer noch. Rico hatte kein gutes Gefühl dabei. Lehrer waren angesehene Leute. Nicht selten wurden sie als Berater hinzugezogen. Er sollte ihn abweisen.
Es wäre besser so.
„Natürlich. Allerdings befürchte ich, dass es heute nichts mehr allzu Interessantes zu tun geben wird.“ Blöde Diplomatie! Rico führte den Lehrer in den zweiten Stock des Palastes und auf direktem Weg zu seinem Büro. Er ließ ihn eintreten.
„Der Ausblick ist fantastisch“, bemerkte der Lehrer und zum ersten Mal seit sie sich begegnet waren, klang es nach aufrichtiger Freude.
„Ja, das ist er wohl.“ Rico warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Das Ostviertel war eine echte Trümmerlandschaft.
Darum musste er sich dringend kümmern. Er musste die betroffenen Familien vorladen. Das Bauvorhaben mit dem Rat besprechen. Die finanziellen Mittel prüfen. Bauarbeiten engagieren. Vermutlich würde es sowieso am Rat scheitern.
Kein Geld? Von wegen! Die Staatskasse war prall gefüllt.
Aber auch das übersahen die Ratsmitglieder wohlweislich.
So wie alles andere.
„Verzeiht, aber es ist ungewohnt einen so jungen Kaiser… Ich meine ihr könntet mein Schüler sein.“ Der Lehrer schmunzelte und rückte seine Brille zurecht.
„Ein ganz ähnlicher Gedanke kam mir heute auch schon“, murmelte Rico.
„Ach herrje! Was machen die denn da?“ Aufgeregt winkte der Lehrer ihn zum Fenster. Rico seufzte. Das würde ein langer Tag werden. Er blickte in die Richtung in die der Lehrer gedeutet hatte. Die Sonnenreflektoren. Zumindest das von ihnen, was nicht unter Sandmassen begraben lag. Ein paar Männer schaufelten den Sand beiseite. Wenigstens das hatte der Rat hinbekommen.
„Die Sonnenreflektoren sind verschüttet worden. Das passiert manchmal. Jetzt müssen sie wieder freigelegt werden damit es keinen Stromausfall gibt.“
„Ich habe der Kaiserin schon häufiger vorgeschlagen die Sonnenenergie zu nutzen. Bedauerlicherweise ist das Wetter bei uns dafür zu unstet.“ Er schniefte leise.
„Liefern die Windräder nicht mehr genug Energie?“
„Die Stadt wächst und wir brauchen immer mehr Strom. Um diesem Wachstum gerecht zu werden, müssen wir immer neue Windräder bauen und dafür müssen wir den Wald roden. Man nennt uns das Waldreich, doch wenn es so weiter geht gibt es bald keinen Wald mehr.“ Okay, das war jetzt eindeutig ein Seufzer des Bedauerns. Rico wand den Blick von den Männern ab. Es war unglaublich heiß da draußen. Wenn man körperlich arbeitete umso mehr. „Ach, die Armen. Bei dieser Hitze! Ich hab richtig Mitleid mit ihnen.“
„Man gewöhnt sich daran.“ Falls der Lehrer gehofft hatte eine weiche Seite an Rico zu finden, so war seine Hoffnung jetzt zerstört. Geschah ihm Recht. Diese Büromenschen übersahen allzu oft die Leute, die ihnen ihr Leben finanzierten.
„Ihr habt leicht reden. Was habt ihr in eurem jungen Leben denn bisher getan?!“ Der Lehrer zeigte sich empört.
`Einen Krieg geführt. Die Rebellion zerschlagen. Den alten Kaiser getötet´ So vieles was er hätte aufzählen können.
Nichts davon konnte er aussprechen. Sein Blick fiel auf den Boden nahe des Schreibtisches. Dort, wo sich langsam eine Lache aus Blut um den Körper des Kaisers gebildet hatte. Bis es ihn ganz umgab wie ein Kranz. Ein Gedenkkranz. Wie um alles in der Welt hatten die den Fleck da weg bekommen?
„Es tut mir leid, ich wollte euch nicht zu nahe treten.“ Rico hob den Blick. Dem Lehrer war die Situation sichtlich unangenehm. Er hatte sein Schweigen falsch gedeutet.
„Ich bin sicher sie meinten es nicht so.“ Rico würde ihn nicht darüber aufklären weshalb er geschwiegen hatte. Dafür fand er die Situation viel zu amüsant. Es war so typisch erwachsen.
Keiner konnte oder wollte sich vorstellen dass Enrico tatsächlich selbst an den Kämpfen beteiligt gewesen war. Wenn man die Menschen fragte, so sagten sie stets, es sei nur ein Schachzug gewesen um die Soldaten unter den direkten Befehl des Kaisers zu bringen. Keiner von ihnen kannte die Wahrheit und keiner würde sie je erfahren. Sie blieb verborgen, begraben unter Tonnen von Sand, eingeschlossen in den Herzen des Wüstenvolkes.
„Nun gut. Äh…, was machen wir jetzt?“ Der Lehrer rieb sich die Hände. Begierig. Hoffnungsvoll.
„Jetzt“ Rico nahm einen massiven Messingschlüssel aus einer Schreibtischschublade. „Sehen wir nach wie lange der Wasservorrat noch reicht.“
Pünktlich zum Mittagessen lieferte Rico den Lehrer im Speisesaal ab. Die Schüler, so auch Jannik, hatten sich bereits eingefunden und bedienten sich fleißig. Im Vorbeigehen nahm Rico einen Apfel aus der Obstschale. Jetzt schnell weg hier bevor… „Rico! Setzt dich doch zu uns!“ So ein Mist! Jannik winkte ihm. Er könnte einfach gehen, keiner würde ihn aufhalten. Einen Augenblick später saß Rico neben Jannik. Die anderen Jungen am Tisch musterten ihn. Besorgt? Kritisch?
Rico konnte es nicht richtig deuten.
„Willst du denn gar nichts essen?“, fragte Jannik.
„Doch.“ Rico zeigte ihm den Apfel. „Aber ich muss noch einiges erledigen.“
„Du wirst doch wohl Zeit fürs Mittagessen haben!“
„Hab ich aber nicht, Jannik. Vielleicht sehen wir uns zum Abendessen.“ Er stand auf und als Jannik diesmal nach ihm rief, ignorierte er es. Er musste den Palast verlassen. Andernfalls würde Jannik ihn irgendwann finden und dann käme er nicht drum herum mit seinem alten Freund zu sprechen. Das musste um jeden Preis vermieden werden! Zu viel war passiert von dem Jannik nichts wissen durfte. Nicht zuletzt weil er der Neffe der Kaiserin und Kronprinz war. Es war alles so viel leichter gewesen als Rico noch Soldat gewesen war. Wie er die Männer an der Tür beneidete.
„Rico“, begrüßte einer der Soldaten ihn. „Heute schon zum zweiten Mal unterwegs? Pass auf, dass du nicht zu gesellig wirst.“ Es war ein gut gemeinter Scherz. Zwischen ihnen würde es nie ein „mein Kaiser“ oder dergleichen geben. Zum Glück.
„Wie lange wird es diesmal dauern bis Marek davon erfährt?“
„Tut mir leid, aber es ist meine Pflicht, Marek darüber zu informieren wenn du ohne Geleitschutz unterwegs bist.“
„Ich brauche keinen Geleitschutz.“
„Wissen wir.“ Der Soldat verneigte sich und hielt Rico die Tür auf. Er würde seinen Vorsprung gut nutzen. Marek konnte gerne nach ihm suchen wenn er wollte. Rico war es Recht. Er würde sich einen kleinen Spaß daraus machen.
„Im Moment hasse ich dich echt!“, bemerkte Marek etwa zwei Stunden später, als er keuchend und verschwitzt neben Rico zum Stehen kam.
„Ich weiß.“ Den Blick auf die Arbeiter gerichtet, die immer noch die Reflektoren frei schaufelten, saß Rico im warmen Sand. Die Hitze war unerträglich.
„Wieso machst du das immer?“ Marek klang aufgebracht, fast schon wütend.
„Keiner verlangt von dir nach mir zu suchen“, entgegnete Rico kühl. Marek nuschelte irgendetwas vor sich hin, dann ließ auch er sich in den Sand sinken.
„Terra bringt mich um wenn dir etwas zustößt. Das weißt du genauso gut wie ich.“
„Vor wem hast du mehr Angst Marek? Vor Terra oder vor mir?“
„Willst du eine ehrliche Antwort?“ Rico nickte. „Terra. Bei dir weiß ich, dass du mir nie absichtlich etwas tun würdest.“
Nie Absichtlich? Das stimmte wohl. Doch Marek wusste ebenso gut wie Rico selbst, dass Unfälle eben geschahen. Und in Ricos Fall zahlten die Menschen einen hohen Preis, sollte ihm ein Unfall passieren.
„Dann haben wir wohl beide ein Problem.“ Seufzend stand er auf. „Wann versteht sie endlich, dass ich keinen Aufpasser brauche?“
„Sie sagt, du warst schon wieder nicht beim Mittagessen.“
Marek nestelte am Saum seines Hemdes herum.
„Ich war da. Ich habe mir einen Apfel geholt und unterwegs gegessen.“
„Rico, du musst etwas besser auf dich aufpassen. Du bist jetzt nicht mehr nur eine Figur auf dem Spielfeld, die man beliebig ersetzen kann. Wenn dir etwas passiert, dann ist das Spiel vorbei. Verloren.“
„Marek, sag mal glaubst du wirklich mir könnte irgendetwas zustoßen?“ Er konnte den Blick nicht von den Arbeitern lösen. Es würde noch ewig dauern den Sand vollständig zu beseitigen. „Marek, glaubst du das?“ Rico erhob die Stimme, nur ganz leicht. Doch es genügte. Marek seufzte.
„Natürlich nicht“, gab er schließlich nach.
Rico lächelte. Nein. Ihm würde nichts geschehen. Denn er war, wer er war. Der Kaiser der Wüste. Herrscher über den Sand.
„Lass uns gehen. Sonst reißt Terra dir noch den Kopf ab.“
„Danke.“ Marek stand auf. „Ich lebe nämlich wirklich gerne.“
Auf dem Rückweg scannte Marek ununterbrochen die Umgebung mit den Augen. Was erwartete er? Einen Anschlag?
Seit dem Tod des Kaisers hatte niemand mehr versucht Rico umzubringen. Doch Marek zeigte sich nervös. Was zum einen amüsant, zum anderen aber auch nervig war.
Sie kamen am Ostviertel vorbei. Rico verharrte einen Moment und betrachtete die Trümmer. Hier hatte es geendet.
Hier hatte ER es beendet. Am Rand des Viertels waren noch ein paar unversehrte Häuser. Bewohnte Häuser.
Ein schrilles Lachen. Rico hob den Blick. Auf einem Balkon im zweiten Geschoss des Gebäudes spielte ein kleines Mädchen. Sie kletterte auf einen Stuhl und zog sich am Geländer hoch. Blickte darüber hinweg zu den Trümmern, dann zu der Stadt und schließlich… „Papa schau mal!“ Sie verlor das Gleichgewicht, kippte nach vorne. Ein Mann kam auf den Balkon, doch zu spät. Gerade als er nach ihr greifen wollte verlor sie den Halt und stürzte. Rico streckte eine Hand aus.
Er war zu weit weg. Das wusste er. Aber wie immer beugte sich der Sand seinem Befehl. Eine Säule, wie eine Hand schoss in die Höhe und fing das Mädchen auf bevor sie auf dem Boden zerschellte. Rico hörte Marek erschrocken keuchen. Und dann Schritte. Leute. Viele Leute und sie alle beobachteten mit gebannten Augen den Sand. Geflüster. Überall wurde geflüstert. Er atmete durch, ließ die Hand sinken, ging auf das Mädchen zu. Er fasste sie sanft an der Taille, gerade als der Sand sich vollständig zurückzog und in Schwaden über den Boden wallte. Behutsam setzte er sie auf dem Boden ab. Sie strahlte ihn an.
„Nochmal!“
„Ich werde mich hüten.“ Doch ihr Blick war magisch. Wie ein Bann. Er lächelte. Vergaß für einen Moment die Gaffer.
„Rico! Ist alles in Ordnung?“ Marek. Besorgt. Immer besorgt.
Wie albern.
„Ich bin nicht von einem Balkon gefallen.“
„Kara!“ Der Vater des Kindes stolperte aus dem Haus.
„Papa, ich bin geflogen!“, rief das Mädchen. Ihre Augen strahlten vor Freude.
„Kara, Liebes, geht es dir gut?!“ Der Mann war kreidebleich. So sah Angst aus. Pure unverfälschte Angst. Doch hatte er sie nicht für sich selbst empfunden, sondern für dieses Kind.
Sein Kind.
„Ich glaube es geht ihr gut. Ich für meinen Teil habe mich mehr erschreckt als die Kleine.“ Marek lächelte den Mann an.
„Schau mal Papa, der da sieht aus wie der Kaiser.“ Kara zeigte auf Rico. Oh nein. Er hatte gehofft irgendwie unbemerkt davon zu kommen. Doch scheinbar war es ihm nicht vergönnt.
Der Mann hob den Blick von seiner Tochter und erstarrte.
„Der Kaiser!“
Heute war eindeutig kein guter Tag.
Ja, so war das mit dem Kaiser. Seit jeher wurden solche Fähigkeiten in den kaiserlichen Familien weitergegeben. Erst so war die Entstehung der Kaiserreiche überhaupt möglich gewesen. Enrico war also längst nicht der Einzige, dem sich ein Element beugte. Sicherlich aber einer der bekanntesten. Dieser kleine Angeber.
Nach der „Begegnung“ mit der Hexe blieb Kaleya den Rest des Tages verschwunden. Keiner wusste wo sie war oder was sie tat. Keiner suchte nach ihr.
„Kaleya?“
„Hey Pain.“ Kaleya stand vor Seths Tür. Pain zog sie eben hinter sich zu. Sein hellblaues Hemd hatte ein paar Knitterfalten, die graue Weste war nicht zugeknöpft und seine dunkel kupferfarbenen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. Sonst so elegant, wirkte er jetzt zerzaust.
„Wo warst du denn? Wir haben uns Sorgen gemacht.“ Ein Schulterzucken würde ihm genügen müssen.
„Was machst du hier?“ Ablenkung funktionierte meistens.
Pain strich sich das Haar glatt. Eine leichte Röte stahl sich auf seine Wangen. War er verlegen? Wieso?
„Ach, ich hatte noch was mit Seth zu besprechen. Wegen morgen.“ Er verheimlichte ihr etwas. Was?
„Was ist morgen?“
„Du gehst in die Wüste.“
„Nicht wenn SIE mitkommt.“ Auf keinen Fall!
„Sie ist nicht immer so. Eigentlich seid ihr euch sehr ähnlich.“
„Wohl kaum.“ Ein Schnauben entschlüpfte ihr.
„Naja, du gehst jedenfalls alleine. Hammar will kein Bündnis, er will den Tod des Jungen. Wir müssen ihm zuvor kommen.“
„Ich äußere mich besser nicht dazu.“
„Danke. Ich durfte mir das alles schon von Seth anhören.“
„Dann bist du definitiv gestraft genug.“
Sie ging an ihm vorbei, streifte ihn, legte eine Hand auf die Türklinke.
„Gute Nacht Kaleya. Wir sehen uns dann morgen.“
„Gute Nacht.“ Sie sah sich nicht nach ihm um. Seine Schritte verklangen. Sie öffnete die Tür. „Seth?“ Im angrenzenden Bad rauschte Wasser. Die Dusche? Ja, definitiv. Sie setzte sich auf das Bett, legte den Kopf in den Nacken. Wenn das mal kein ereignisreicher Tag war. Zu gerne wollte sie die Zeit zurück drehen und am Morgen einfach liegen bleiben, anstatt zu Pain zu gehen.
Am nächsten Morgen erinnerte sich Kaleya nur vage daran wie Seth aus dem Bad gekommen war und sie zugedeckt hatte. Schlaf war wichtig. Schlaf war gut. Schlaf war viel zu selten geworden.
