Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
»Warum bist du eigentlich damals aus Spanien weggegangen?«, fragen nun auch ihre Enkel, die noch viel zu klein sind, um zu verstehen. Und die längst erwachsene Tochter torkelt haltlos durchs Leben. Alle Wurzeln gekappt, kein Blick zurück, das geht so lange gut, bis eines Tages ein fremder Mann vor der Tür steht und Esperanza aus vertrauten Augen ansieht. Vor Jahrzehnten hatte sie Spanien verlassen, als Gastarbeiterin in Deutschland eine Anstellung und in Karl-Otto einen guten Mann gefunden. Beinahe vergessen sind die Sprache ihrer Kindheit, Gerüche und Farben der Landschaft, die Armut, alle Erinnerungen, aller Schmerz. Über die Vergangenheit spricht Esperanza nie, doch als Juan in Berlin auftaucht, beginnt die Familie zu ahnen, dass Esperanza in Spanien vieles zurückgelassen hat. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende, und Esperanza macht sich, begleitet von ihrer Tochter, auf die Reise nach Spanien, um das Schweigen zu brechen und sich ihren Dämonen zu stellen. Der raffiniert gebaute Familienroman erzählt von Gastarbeiterschicksalen und der Erfahrung der Fremdheit, von den Abgründen der spanischen Geschichte und vom Umgang mehrerer Generationen mit den blinden Flecken der eigenen Biographie.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Roman »Alice im Wunderland« von Lewis Caroll wird zitiert nach der Übersetzung von Harald Raykowski. München 1987.
E-Book-Ausgabe 2016
© 2016 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung Julie August unter Verwendung einer Fotografie von Jerónimo Alba/Age/F1online.
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN: 9783803141910
Auch in gedruckter Form erhältlich: 9783803132758
»Wohin ich komme, ist nicht so wichtig …«, sagte Alice.
»Dann ist es auch gleich, wie du gehst«, meinte die Katze.
»… solange ich nur irgendwohin komme«, fügte Alice erklärend hinzu.
»Irgendwohin kommst du sicher«, sagte die Katze,
»wenn du nur lange genug weiterläufst.«
Lewis Caroll, Alice im Wunderland
»Diese Räumlichkeiten wirken, als hätten sie nicht das Geringste mit dem Haus zu tun, in dem sie sich zufällig befinden, und wenn Clarissa eintritt und die schwere, knarrende Tür mit den vier Schlössern (zwei davon kaputt) hinter sich zuzieht, kommt sie sich jedesmal vor, als hätte sie einen Zeitsprung getan oder, genauer, als wäre sie durch Alices Spiegel gegangen; als befänden sich das Foyer, das Treppenhaus und der Flur da draußen in einer völlig anderen Welt, einer anderen Dimension.«
Michael Cunningham, Die Stunden
»Die Uhrzeiger waren im gegenwärtigen Augenblick
stehengeblieben. Es war das Jetzt. Wir selbst.«
Virginia Woolf, Zwischen den Akten
Esperanza schloss die Augen, wünschte sich, sie wäre noch in Berlin, hätte diese Reise nie angetreten. Die Sonne drückte sich durch die getönte Scheibe, legte sich schwer auf ihren Kopf, machte sie hilflos. Sie wollte anhalten, sofort, aber der Bus fuhr weiter. Benommen zog sie den Vorhang halb zu, gerade so weit, dass sie sich vor der Sonne verstecken konnte. Der Stoff fühlte sich rau an, auf der verbogenen Vorhangschiene quietschten die schmutzigweißen Plastikrädchen. Wie oft hatte sie die Sonne in Berlin vermisst. Das ist doch keine Sonne, da hat jemand bloß eine altersschwache Glühbirne eingeschraubt, schimpfte sie jeden Winter aufs Neue. Und jetzt? Was wollte sie hier? Schlafen, nur noch schlafen… An ihre Ohren drang ein leises, unangenehmes Schaben. Wieder dieses Schaben. Esperanza schaute aus dem Fenster, starrte zwischen Vorhang und Fensterrand auf die vorbeifliegenden Elektromasten. Der Stoff rieb, schaukelnd im Rhythmus der Fahrbewegungen, an ihrem Sitz. Sie bekam eine Gänsehaut. Ihr Blick verfolgte die Überlandleitungen, raste an ihnen entlang und blieb an den Masten hängen, bis ihr schwindelig wurde. Hinter den Leitungen lag die Landschaft, karg und trocken. Die Farben der Erde wechselten zwischen kräftigen rotbraunen, gelbsandigen und schwarzbraunen Ockertönen und zeichneten in schnellem Wechsel großzügige Bilder.
Ein weißer Vorhang im Wind, der Flur ist schattig und kühl, das Fenster steht offen, und der Vorhang, sonnenbeschienen, flattert. Es ist beruhigend, wie der Vorhang raschelt. Sie mag auch, wie das Licht sich ändert, je nachdem, ob der Vorhang hineingedrückt oder hinausgesogen wird. Wenn es im Hochsommer so heiß war, aber ein Lüftchen wehte, dass man atmen konnte, das war schön. Der Vorhang wehte in den Flur, stand waagerecht, sodass das Fenster eine gleißende Öffnung wurde, sie blendete und vergessen ließ, was sie am anderen Ende des Flures erwartete. Dann schwang sich der Vorhang noch einmal hinauf, als ob er sich verabschieden wollte, senkte sich wieder und hing schließlich matt am Fensterrahmen. Das Sonnenlicht war wie ausgeknipst, der Flur wieder schwarz, und die junge Frau schaute auf das runde Tablett mit den Mokkatassen, wusste wieder, wo sie war. Ihre Hand wurde unruhig, die nachtschwarze Kaffeeoberfläche in den feinen Tassen zitterte, es bildeten sich Wellen, die die winzigen Zuckerkristalle gegen die Tassenwände schleuderten.
Der Reisebus fuhr in eine scharfe Kurve, die Sonne fiel nun genau auf Esperanza, sie blinzelte. Vorsichtig schaute sie neben sich. Ihre Tochter schlief immer noch, die wilden Strähnen fielen ihr ins Gesicht, der Mund stand leicht offen, das war ein wenig verrutscht. Esperanzas Blick fiel auf Karlas Schultertätowierung, ein halber Flügel und ein Vogelkopf mit einem hässlichen Schnabel, der Rest war verdeckt. Esperanza hatte nicht grundsätzlich etwas gegen Tattoos, auf eine verwirrende Weise fand sie sie sogar aufregend, aber die Tätowierung ihrer Tochter war abscheulich. Zwar hatte sie verstanden, was Karla damit wollte, auch mit den Flügeln und dem aggressiven Schnabel, aber es war verlogen, es passte nicht zu der sonst so empfindlichen Art ihrer Tochter. Warum nur war sie ihr hinterhergefahren? Das machte alles noch schwerer. Esperanza hatte nun keine Möglichkeit mehr umzukehren. Wäre Karla nicht dabei, vielleicht würde sie jetzt noch alles abbrechen. Einfach aussteigen, umkehren und wieder nach Hause fahren, nach Berlin, zu Carlotto…
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
