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Über einem kaltwerdenden Kaffee sein vorgestanztes Leben und das anderer Leute zu betrachten, kann eine ziemlich depressive Angelegenheit sein. Damit das nicht so ist, hat Mutter Natur einigen Menschen Humor mitgegeben, anderen Ironie, noch anderen Sarkasmus. Manche haben sogar alles zusammen. Und trotzdem nur eine 08/15-Biografie. So wie dieser namenlose Held, dem man eine Stunde beim Ichsein zuhören darf, respektive muss.
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Martin Münster
Espresso für alle
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 0
Impressum neobooks
Espresso für alle
Novelle
Martin Münster
Impressum
Texte: © Copyright by Martin Kruse
Umschlag: © Copyright by Martin KruseVerlag: Martin Kruse
Horner Straße 1028203 [email protected]
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Es ist Donnerstag, das Café ist so gut besucht wie ein Provinztheater zur Premierenfeier, und das ist schon mal eine gute Nachricht: Es ist nicht Sonntag, es ist nicht Feiertag, es ist nicht Wochenende; alles ertrage ich jetzt, nur nicht ein Wochenende. Auf der Straße vor der Schaufensterfront regiert um kurz vor 14 Uhr das was man Geschäftigkeit nennt – der Vorgang, wenn Rentner, Studenten und Halbtagskräfte, Schichtarbeiter, Schulkinder und Drogendealer ihren Geschäften nachgehen, und einer wie ich also hinter der gut geputzten Caféhausscheibe sitzt und dasTreiben beobachtet, während der Kaffee langsam seine Crema verliert, wie der Kenner sagt. Und ein Kenner bin ich bestimmt nicht, ich sage immer nur einen kleinen Americano zum hier trinken, wenn ich reinkomme, höre das macht 2,30, lege 2,30 hin und lasse noch zehn oder zwanzig Cent hörbar laut in das Tipping-is-not-a-town-in-China-Glas klirren, nur um das danke zu ignorieren, das mir die Bedienung ohne aufzublicken entgegnet – eine Bedienung, die gar keine Bedienung ist, denn ich muss am Tresen warten bis sie und die Maschine ihre Arbeit beendet haben, Americano braucht immer am längsten bis er durchgelaufen ist, und die also gar kein Trinkgeld verdient hätte, weshalb die mickrigen zehn oder zwanzig Cent auch nicht zu mickrig sind. Und dann sitze ich da. Blick nach draußen, auf die geschäftige Welt. Da laufen sie, denke ich, die Bremerinnen und Bremer, so sagt man das heutzutage ja, sprachlich fein säuberlich nach Mumu und Pippimann getrennt. Und schaut man ihnen in die Augen, diesen geschäftigen Bremerinnen und Bremern, oder besser ins Gesicht, so sieht man – naja, eigentlich nichts. Ganz normal gucken sie, so wie die Nürnbergerinnen und Nürnberger jetzt wahrscheinlich auch, oder wie die, was weiß ich, Düsseldorferinnen und Düsseldorfer – wobei, die sind vielleicht tatsächlich nochmal ein anderer Fall. Die Bremerinnen und Bremer jedenfalls flanieren, hetzen, streunen am Fenster vorbei, Coffee Corner, eine ganze Kreuzung bildet hier den zeitgenössischen Holzschnitt eines Bremer Alltags, und der Blick in die Gesichter der Leute lässt einen – lässt mich – nach den Unterschieden fahnden, mit denen die Nuancen der Gewöhnlichkeit hier durch die Stadt getragen werden. Und ich komme, wer hätte das gedacht, anders als an anderen Tagen sogar auf eine Formel: Es sind die Jungen und die Alten, die sich besonders deutlich voneinander unterscheiden. Während man vielen Älteren ansieht, was es heißt, als armes Schwein seinen täglichen Geschäften nachzugehen, während ihre gründlich gepflügten Gesichter den Stumpfsinn der Routine in Mimik übersetzen, sagen die jungen, frischen Gesichter vor allem eines: Ich werde entkommen! Ich weiß noch nicht wie, aber das mach ich nicht mit. Und natürlich, das weiß man als mittelalter Mensch, natürlich irren sie sich. Einige von ihnen ahnen es schon, sie machen vielleicht eine Lehre oder haben den ersten stressigen Job nach ihrem Studium angenommen, hetzen nun also geschäftig im Auftrag anderer durch ihren Tag, der schon nicht mehr ihr Tag ist, der schon zur Hälfte verkauft ist, acht von sechzehn wachen Stunden sind schon weg, wenn sie das erste Mal die Augen aufschlagen, sie leben quasi nur noch halb, und das wissen sie, und dass sich das nicht abschalten lässt, nicht umgehen, nicht ändern und man sich nicht durchmogeln kann, das ahnen sie mittlerweile, wenn ihre jungen, frischen Gesichter hinter der Selbstsicherheit einer neugewonnen Routine die Angst durchschimmern lassen. Und ich, ich sitze in meinem Café vorm Kaffee, und der Kaffee verliert nicht nur seine Crema, sondern auch zusehends die Temperatur, und ich überlege, ihn jetzt langsam mal zu trinken, was aber bedeuten würde, dass ich ihn schnell trinken müsste, damit ich nicht viel zu kalten Kaffee in mich hineinschüttete, was ja wirklich nicht lecker ist; doch eigentlich will ich ihn nicht trinken, denn wenn ich das tue, steht die leere Tasse vor mir wie eine Aufforderung jetzt doch endlich mal zu gehen, und wenn ich eines nicht will, heute, gegen 14 Uhr in der Coffee Corner, dann: gehen. Und so lasse ich ihn schweren Herzens kalt werden, denke, wenn es die Bedienung, die ja nie vorbeikommt, nicht merkt, dann kann ich ja gleich noch einen bestellen: einen zum Trinken, einen zur Gesellschaft. Aber das wäre womöglich auffällig, hier, wo die nicht ganz so langweilig seien wollenden Bremerinnen und Bremer ihre Nachmittage rumbringen, wo man einen Latte bestellt, einen Prosecco vielleicht, irgendwas das Schaum vorm Mund macht jedenfalls, wo ich als lächerlicher Americanotrinker eine ganze Weile googeln müsste, bis ich die Getränketafel vollends entschlüsselt hätte. Neben mir sitzen drei Damen, man muss das so sagen, drei Damen, denn eine der drei hat das Gesicht dazu, die zweite das Alter und die dritte derart einschüchternde Stiefel, die auch noch irritierend nah an meinen Füßen stehen (auf den Ballen, die Absätze zu mir zeigend), dass ich Damen sagen muss und dankbar bin, dass mich nichts zwingt mit ihnen zu reden, sonst würde ich sie womöglich siezen, und das würde, komisch, komisch, negativ auf mich zurückfallen: Was ist das denn für einer, der in der Coffee Corner sitzt und die Leute siezt, würde man sich fragen, und natürlich würden auch die drei Damen desselben Abends in ihren Altbremer Häusern unterm Dach in ihre Betten steigen und sich fragen, warum hat der mich gesiezt, war ich nicht genug geschminkt, lag es an den Stiefeln, oder doch bitte lieber an meinen zwei faltigen Freundinnen. Diese drei Damen, ich weiß es ganz genau, könnte ich jetzt aussitzen. Ich habe ein Buch von fast 600 Seiten dabei und die haben nur sich, es ist klar wem hier die Puste zuerst ausgeht, doch ich weiß auch, dass diese Ausdauerspiele zu nichts führen als Ernüchterung, denn wenn sie weg sind – vielleicht in einer halben Stunde oder so – dann ist es vielleicht wieder viel zu leer, und genau deswegen bin ich ja hier: damit es nicht leer ist und bitteschön kein Sonntagnachmittagsgefühl in mich hineingekrochen kommt, mit zur Roulade gewickelten Zeit in der ungewürzten Langeweilesoße eines nicht zweckgebundenen Tages; ein Stillstand, den man aushalten muss wie einen Tauchgang ohne Sauerstoffflasche, und der einen, wenn das Wasser dann endlich abgeflossen ist, bleiern am Grund zurücklässt, anstatt dass man es aus eigener Kraft geschafft hätte, wieder aufzutauchen. Aber so verschrottet fühlt sich der Tag noch nicht an, Gott oder der Spülmaschine sei Dank, der ich dieses Aufraffen gegen elf Uhr verdanke, als alles zu Hause so scheiße aussah, dass ich wusste: Jetzt versackst du völlig, oder du tust mal was. Und ich habe was getan: Spülmaschine ausräumen, Zeug wegräumen, Maschine neu einräumen. In meinem Buch, bei Stuckrad-Barre, findet sich eine sehr treffende Beleidigung: Wer mit dem Kochen einmal anfange, überhaupt, wer seine Küche benutze, steht da sinngemäß, der habe die Eintrittskarte in die Spießerhölle gelöst. Und da kann man noch so lange lamentieren, welchen Sinn das Wort Spießer in unserer Zeit überhaupt noch hat, und ob nicht diejenigen Spießer sind, die die Welt in Spießer und nicht-Spießer unterteilen, es bleibt dabei: Wenn du deine Küche benutzt, bist du verloren. Da hat Stuckrad-Barre, den ich noch in keiner TV-Kochsendung als illustren Gast ausmachen konnte, wohl Recht. Und so steht meinem Spießer-Seelenheil das Gottseidank zur Seite, das einem als Küchenbenutzer in den Unsinn kommt, wenn man der Erfindung der Spülmaschine gedenkt: Gäbe es sie nicht, wäre mein Aktivitätsniveau am heutigen Tag wohl dem einer Schildkröte nahegekommen. So komme ich wenigstens auf den Aktionsradius einer Hauskatze: Nur wegen meiner spießigen Küchennutzung und dieser technischen Bereicherung bin ich aus meinem Wachkoma erwacht und konnte mich unter dem Anschein sprudelnder Geschäftigkeit bis in die Coffee Corner schleppen, um dort arme Schweine beim armes-Schwein-sein zu beobachten; nicht zu vergessen ihre jüngeren Pendants, die meinen, ihre Coolness reiche aus um eben jenem Schicksal zu entgehen, was natürlich nicht der Fall ist; es wäre, gelänge ihnen das, genau andersherum: Man entkommt der Maschine nicht, weil man cool ist. Richtig ist: Man ist erst dann cool, wenn man der Maschine entkommen ist. Aber solcherlei Weisheiten sind den Fashion Victims der Stadt wohl nur unter Schmerzen, bei Nüchternheit und mit der Überzeugungskraft einiger Jahrzehnte in Festanstellung beizubiegen; denke ich nur an diesen Beau von neulich, der kurz vor mir bei Regen mit Kapuze und Sonnenbrille die Coffee Corner betrat und den ich nur schwer aufhören konnte anzustarren, wie er da mit seiner blonden Giraffe am Tresen stand und Latte wollte, und dessen verwegene Coolness erst verflog, als er nach links und rechts schauend der Bedienung von seinem nächtlichen Ausflug erzählte, der seine heutige Desorientierung verursacht habe; ein Vorgang, den die Giraffe, die genauso perfekt aussah wie sein rassiger Vollbart, mit ungerührter armes-Schwein-Mimik an sich vorbeiziehen ließ. Sie sagte kein Wort, er aber hörte gar nicht mehr auf zu reden, auch noch, als ich schon längst mit meinem Americano auf der Empore saß und er mit seinem schönen armen Schwein vorn am Fenster, halb zur Bedienung gedreht und von anderen Gästen, die keine Stammgäste waren, wohl aber den Anschein machten, Stammgäste sein zu wollen, mit freundlichen Blicken verfolgt. Hätte er besser mal die Klappe gehalten, dann würde ich seinen Auftritt jetzt noch bewundern. Nein, diese Leute werden es wohl nicht begreifen, dass Coolness nicht das Kriterium ist. Das Kriterium, das habe ich – meiner Meinung nach leidvoll – erfahren, das Kriterium ist auch nicht klug zu sein, auch nicht die geilste Frau oder den geilsten Mann oder das geilste Trans- Inter- oder sonstwie sexuelle Wesen auf dem Kissen neben sich zu betten. Das Kriterium ist immer nur: Geld. Es geht nur darum, nicht reich zu sein. Das ist alles. Wäre die Kohle da, wäre der Rest geklärt. Das war immer klar. Und dazu muss man kein Kapitalist sein; auch kein Prolet (was ja nicht selten dasselbe ist). Ich würde mir, wenn der Eurojackpot den Umweg über mein Girokonto nähme, ja auch nicht einen Luxus-Swimmingpool in meine neue Villa einbauen lassen, die Einfahrt mit weißem Kies bestreuen und meine Kakteen mit Granderwasser gießen: nix da! Ich würde más o menos genauso weiterleben wie bisher, würde nur aber ein menschliches Paradox mit einem Schlag aufgelöst haben: Ich hätte Freiheit und Sicherheit auf einmal erworben. Schwer zu glauben, aber möglich: Ich wäre frei, nicht arbeiten zu müssen und stattdessen tun zu können was auch immer ich wollte, und ich hätte die Sicherheit, dass meine Grundbedürfnisse und die der Leute um mich herum befriedigt wären. Mehr kann man vom Leben kaum erwarten. Und wenn die drei Damen neben mir, denen ich das jetzt erklären könnte, mich dann mit ihrem Latteblick aus ihren Proseccoaugen anguckten wie ein Schokobrownie, dann wäre mir das nur die höchstrichterliche Bestätigung dafür, dass sie dieses Geschenks nicht würdig sind: Disqualifiziert für den ersten Preis im Eurojackpot, das wären sie! Immerhin mit garantierten zehn Millionen pro Woche, das muss man erstmal in Kaffee umsetzen. Aber wer fragt schon nach Qualifikation, wenn es ums Lotto geht; das ist ja gerade der Trick, dass es nicht um Qualifikation geht, gerade nicht um Leistung, die sich lohnen müsse oder sonstwas, sondern einfach nur um: Glück. Und zwar, wichtig, kitschig, aber nicht zu verachten: um luck-Glück, nicht aber happieness-Glück, denn ersteres will von einem lucky Lottogewinner erstmal in das zweite umgewandelt werden; sonst bringt das ja alles nichts, und der Deutsche, in seinem redundanten Glücksverständnis, meint, er habe mit dem ersten schon das zweite erstanden, was freilich Unsinn ist und also, als folgliches Ausbleiben von Glück verstanden, zu Unglück führen muss. Man sieht also: Das Glück steht nicht jedermann offen der kein Pech hat. Es braucht stattdessen eine Bedienungsanleitung, und zwar eine, die etwas komplizierter ist als die, die die Bedienung hinter mir am Tresen ganz offenbar nicht gelesen hat, die Bedienungen-Bedienungsanleitung nämlich. So wie sie den nuschelnden Kunden grade behandelt, der sich offenbar verirrt hat und wohl nur auf der Suche nach einer Bäckerei war, hat sie keine Ahnung von ihrem Beruf. Nein, das Glück ist eine vernagelte Angelegenheit, und man sollte sich mit der Kneifzange davon mindestens genauso fernhalten, wie ich mich von Sprachbildern wie diesen. Lotto gespielt habe ich jedenfalls schon, denn ich habe ja auch den Mechanismus des Gewinns verstanden: Lebe einfach genauso weiter und sei die lausige Sorge mit der Arbeit und dem Einkommen los. Allerdings könnte man jetzt als Richter über die Lottoglücksverteilung einwerfen, ich käme für einen Gewinn nicht infrage, schließlich sei ich bereits die Arbeit los, denn ich sei arbeitslos, was natürlich faktisch richtig wäre, nicht aber vollkommen: Nach der Arbeit ist vor der Arbeit, und die ist nicht rund, und sie dauert bis zum renteneintrittsalter – man weiß ja wie das weitergeht. Nicht arbeiten zu wollen ist ja auch an sich nicht das Thema, das Thema ist vielmehr, nicht arbeiten zu müssen, und da liegt ein fundamentaler Unterschied, den die Freunde der Freiheit sicherlich besser verstanden haben als die der Sicherheit. Ich bin, wenn ich es genau bedenke, kein Freund von beidem, denn beide haben Schattenseiten, die weit über das Trinken kalten Kaffees hinausgehen. Vielleicht kann man es so sagen: Freiheit lässt einen gut wach sein, Sicherheit gut schlafen. Draußen nun, direkt vor meinem Fenster: ein Bekannter. Wir haben uns seit einigen Wochen nicht gesehen, reden auch nur gelegentlich miteinander; er ist ein geschäftig gehender Beamter, kein Witz; ich ein im Café sitzender Arbeitsloser. Ein Statusgefälle, das er nie offen ins Spiel bringen, das er nicht einmal unterschwellig anklingen lassen würde, es sei denn, ich brächte es, offensichtlich wie es ist, im Scherzton ins Gespräch ein, ginge also offensiv mit meiner Situation um, hielte nicht hinter den Berg, ja, provozierte sogar ein bisschen, was er, wie mir seine Mimik sagen würde, dann wertschätzte, denn das wäre ja ein gutes, ein aufmunterndes Zeichen, dass es mit meiner Arbeitslosigkeit bald vorüber sein könnte, nicht wahr. Natürlich wird es dieses Gespräch doppelt geben und auch gar nicht, denn wir beide denken es nur, wenn wir einander jetzt entdecken und uns freuen, dass der jeweils andere nicht entdeckt hat, dass man ihn entdeckt hat, und so gucken wir also schnell woandershin, damit das gerade noch unentdeckte Entdecken auch unentdeckt bleibt und es gar nicht erst zu so einem unsäglichen Gespräch kommt, in dem wir einander die Anerkennungsbroschen ans Revers heften, die wir daraufhin in Retour verliehen kommen, das Begrüßungsgeld eines Bekanntentreffens eben, dem wir nun aber in einträchtiger gegenseitiger Ignoranz entgehen können: auch das eine Form von Glück. Ich habe nun als statischer Part den Vorteil, ihn von hinten beim Weiterlaufen beobachten zu können, wie er geht, wohin er geht, was er trägt. Interessiert es mich? Nein. Gucke ich? Ja. Es ist das Muster, aus dem Dorftratsch entsteht: Erst interessiert es einen nicht, dann guckt man doch, dann weiß man es, man denkt es interessiere vielleicht andere, man spricht darüber, und schon interessiert es einen doch ein bisschen und man schaut beim nächsten Mal genauer hin. Furchtbar. Aber auch schön. Wenn Interesse für anderes oder andere entsteht ist das fast immer schön. Empathie. Liebe vielleicht sogar. Horror in jedem Fall. Er jedenfalls – meinen Blick im Rücken wissend – flaniert in Richtung Drogerie, schaut am kleinen Kino, wo die Heldenbar ist, über die Straße auf die Filmplakate, schlenkert einen Beutel. Die forcierte Beiläufigkeit des Beutelschlenkerns erinnert mich, ich weiß nicht warum, an meine Kindheit. Ich trage echt ungern solche Beutel. Früher hatten wir immer welche, vor allem unglaublich hässliche. Ich besitze auch heute noch welche, zum Einkaufen, aber die hole ich erst an der Supermarktkasse raus, vorher sehen die kein Tageslicht. Er aber schlenkert den Beutel in die Gegenverkehrslücken auf dem Fußweg, es wird sein Portemonnaie drin sein, vielleicht noch ein Knirps, oder sein Handy. Er wäre auf jeden Fall ein Knirps-und-Handy-im-Beutel-Schlenkerer, das traue ich ihm zu. Versichert gegen nordischen Nieselregen, aber bloß keine Sucht nach Aktualität, lieber schnell in der Drogerie noch Deo und Klopapier holen. Ich dagegen habe vor mir meine Tasche liegen, und auf der Tasche liegt mein Handy, und unter der Tasche ein Paket, das ich zur Post bringen muss - Aufgabe, Verpflichtung, Verantwortung! – und wenn das Telefon mal zwanzig Minuten lang nichts sagt, dann drücke ich die große Appletaste und gucke nach, ob es nicht doch irgendwas vor mir verheimlicht. So auch jetzt, und ich darf sagen, ja, es gibt Nachrichten, nur eben nicht für mich sondern für Oliver Pocher, denn laut Spiegel Online ist seine Großmutter gestorben. Das ist natürlich traurig, und dass meine Gedanken nun bei den Angehörigen von Oliver Pochers Großmutter sind, versteht sich von selbst, auch, dass die Finger schneller sind als diese Nachricht und also auf dem Bildschirm weiterscrollen, so dass ich sehe, wie viel Geld man als Nationalspieler für den Gewinn der EM bekommen würde: 300.000 Euro nämlich. KeinPappenstiel, gähn, aber auch als Reihenhaus gedacht jetzt eher nicht so zentrumsnah, was ja aber egal ist, weil man als Nationalspieler sowieso keine Reihenhäuser erwirbt, und für 300.000 Euro kauft man einen Aston Martin oder einen Lamborghini, das sollte man sich schon mal vor Augen halten: Der Mensch, der fast alles hat und sich das meiste vom Rest auch noch leisten kann, wird mit einem Batzen Geld gelockt, das in seiner Einkommensklasse in etwa einem Monatsgehalt entspricht. Und das noch für circa einen Monat harter Arbeit in einer Zeit, in der er eigentlich Urlaub hätte. Also, wenn man da als Fußballer schwach wird, dann war man vorher vielleicht auch nie stark. 300.000 Euro! Der Eurojackpotgewinner lächelt, denkt an den neuen Brillantring seiner Frau oder die Renovierungskosten seiner Finca auf Malle, wenn er solche Summen hört; der Eurojackpotspieler hingegen fragt sich, ob er sich mit einem Kredit von 200.000 Euro zusätzlich dann nicht doch so ein mittelgroßes Altbremer Haus leisten könnte – ein Vorgang, der das Leben bedeuten würde für den Spieler (den Eurojackpot-, nicht aber den Fußballspieler), der im Ereignisalbum seiner Biografie einer bedeutenden Wegmarke, einem Wendepunkt gar gleichkäme, der Glück in Form von luck in Glück in Form von happieness zu übertragen verspräche, der ihn – und jetzt klingelt mein Telefon. Ich gehe aber nicht ran, denn es ist meine Frau, und ich will nicht mit meiner Frau vor diesen drei Damen sprechen, sowas wie Privatsphäre hat man auf der Hühnerstange am Fenster der Coffee Corner nun mal nicht, und so lasse ich es bimmeln. Kurz darauf schreibe ich ihr you just called – to sayyyy – you love meeee! und warte darauf, dass sie mir ihr Anliegen bitte schriftlich vorträgt, was sie aber nicht tut, es muss also kompliziert sein, und ich hoffe, dass sie nicht noch einmal anruft, denn ich fürchte es geht um die Post, die sie nach Hause kommend vielleicht schon vorgefunden und geöffnet hat, um den Brief, der uns verkündet, ob unserem Antrag stattgegeben wurde und unsere Tochter eine andere als die für unsere Straße vorgesehene Schule besuchen darf – besuchen, so als könne man nach dem Kaffeetrinken wieder gehen –, denn auf diesen Brief warten wir seit Wochen, und zwar in Angst und Schweiß. Wir kennen Eltern, die sogar eine Einzimmerwohnung im entsprechenden Schuleinzugsgebiet angemietet haben, dort amtlich gemeldet sind und den Mietvertrag nach der Schulzuweisung wieder kündigen werden. Die eigentlich für uns vorgesehene Schule sichert die Betreuung der Kinder täglich eben nur bis 13 Uhr, alles Weitere wird in vier verschiedenen Horteinrichtungen über das Viertel verteilt abgeleistet. Man brächte, so die Logik, das betreuungsbedürftige Kind also in die Schule, nach dem Mittag ginge es bei Wind und Wetter in seine Aufbewahrungsanstalt und würde dort – jeweils sehr weit entfernt von unserem zu Hause – nach der Arbeit von uns abgeholt werden. Apropos Arbeit: Ich habe keine, wie gesagt, und das hat zur Folge, dass unsere Chancen auf besagten Hortplatz rapide sinken würden; hortübergreifend beworben haben wir uns schon, natürlich ohne nach der Qualität des Angebots zu fragen, denn man hat ja gehört: fünf bis zehn Prozent der Kinder bleiben ohne Platz und sind entsprechend ab 13 Uhr vogelfrei. Also bitte: Wenn nun der Brief gekommen ist – für diese Tage ist er angekündigt worden –, dann möchte ich keine Nachricht in das Café der entrückten Löffeldreher bekommen, in die Corner der Alltagsstoiker; denn hier gibt es bitteschön keine schlechten Nachrichten, das gehört zum Konzept. Wie auch immer; meine Frau schreibt gerade nicht zurück. Ich weiß noch immer nicht, was soll ich machen: neuen Kaffee bestellen, alten trinken? Alkohol, vielleicht wäre das jetzt das Richtige? Wie gut, dass ich kein Raucher bin, Nichtraucher haben ein Nichtproblem im Sitzenbleibenkönnen, wenn die Raucher vor die Tür müssen, sie sind eine Antigruppe, die sich nur durch ihr Dagegensein formiert, wir rauchen nicht, vielen Dank, und jetzt atmen Sie Hölle nochmal woandershin, sie gefährden meine Gesundheit! Bei den Atheisten führt das Dagegensein ja eher in die Leere, man ist halt nichts, ist aber auch nicht unbedingt aktiv dagegen und findet sich ziemlich tolerant, angesichts der Kirchgänger im Freundeskreis und der Muslime, denen man im Supermarkt an der Ecke des Müsliregals mit derselben Großzügigkeit den Vortritt lässt, wie älteren Damen, die Rollatoren schieben. Ich als Nichtraucher jedenfalls darf sitzenbleiben, und das ist schon mal gut so, allein schon um den Sitzplatz zu wahren und den Ausblick. Und so starre ich weiter in die steinige Visage meiner Mietheimatstadt, der ich nichts schulde und die mir nichts schuldet, aus der ich also verschwinden könnte, wenn es nicht andere Menschen gäbe, die mich hier halten; vornehmlich Familie genannte. Familie, das Spinnennetz der emotionalen Bindungen, die Kinder, die man nicht mehr loswird, weil man sie a) nicht mehr loswerden will und b) nicht mehr loswerden kann, denn selbst wenn sie weg wären, ginge das Leben ja nicht ohne die Erfahrung weiter, sie gehabt zu haben. Wenn sie weg wären, ragte für immer die baugrubentiefe Leerstelle ins Leben, die sie hinterlassen würden, man wäre sozusagen ein Ruinenort, es sei denn, man wäre als Fluchtwilliger klug genug gewesen, diese Beziehung nie aufzubauen, was aber den Kindern gegenüber jetzt auch nicht ganz fair gewesen wäre, so dass man sagen muss: Wenn, dann ganz. Egoist, bleib bei deinen Kondomen. Und da mir das Schicksal diese Entscheidung abgenommen hat, indem es mir einen Kinderwunsch ebenso mit in die Wiege legte wie die zur Erfüllung notwenige Potenz, bleibt für mich wohl nur: ganz
