Espresso mit Schuss - Heidi Troi - E-Book

Espresso mit Schuss E-Book

Heidi Troi

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Beschreibung

Als die Juniorchefin einer Kaffeerösterei am Gardasee erdrosselt aufgefunden wird, steht Carabinieri-Marescialla Bianca Rossi vor einem scheinbar unlösbaren Fall. Ramona Desideri war beliebt, hatte keine Feinde – und doch wurde sie kaltblütig ermordet. Nur einen Tag später stirbt ihr Vater, mit dem sie ein zerrüttetes Verhältnis hatte, an einem Herzinfarkt. Zufall? Oder steckt mehr dahinter?

 Während Bianca verzweifelt nach einem Motiv sucht, holen sie in Malcesine die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit ein. Ist der Mann, den sie überall zu sehen glaubt, wirklich ihr Ex und damit ihr Peiniger? Oder geht die Fantasie an diesem Ort, der voller böser Erinnerungen für sie ist, mit ihr durch?

 Ein Fall voller Intrigen, Abgründe – und eine Ermittlerin, die selbst um ihr Leben fürchten muss.

 Die Fortsetzung des Bestsellers »Zum Limoncello eine Leiche« – bitter wie ein Espresso mit Schuss.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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ESPRESSO MIT SCHUSS

EIN FALL FÜR BIANCA ROSSI

BUCH 2

HEIDI TROI

INHALT

Er

1. Samstagmorgen, Via Cappello, Verona

2. Samstagvormittag, Kaffeerösterei Oro Nero, Malcesine

3. Samstagnachmittag, Carabinieri-Station von Malcesine

4. Sonntagmorgen, Café Corner, Malcesine

5. Sonntagvormittag, Carabinieri-Station von Malcesine

6. Sonntag, gegen Mittag, Villa Desideri in Malcesine

7. Sonntagmittag, vor der Carabinieri-Station von Malcesine

8. Sonntagnachmittag, Carabinieri-Station von Malcesine

9. Sonntagabend, Da Gino, Malcesine

Er

10. Montagmorgen, Carabinieri-Station von Malcesine

11. Montagvormittag, Carabinieri-Station von Malcesine

12. Montagmittag, Café Corner in Malcesine

13. Montagnachmittag, Carabinieri-Station von Malcesine

14. Montag, später Nachmittag, am Hafen von Malcesine

Er

15. Montagabend, Limone, Dachterrasse des Restaurants Bellavista

16. Dienstagmorgen, Hafen von Malcesine

17. Dienstagvormittag, Kaffeerösterei Oro Nero, Malcesine

18. Dienstagmittag, Café Corner in Malcesine

19. Dienstag, früher Nachmittag, Kaffeerösterei Oro Nero, Malcesine

Er

20. Mittwochmorgen, Carabinieri-Station von Malcesine

21. Mittwochvormittag, Altstadt von Malcesine

22. Mittwochabend, Via Cappello, Verona

23. Mittwochnacht, Ospedale Civile Maggiore, Verona

24. Donnerstagvormittag, Ospedale Civile Maggiore, Verona

25. Donnerstagvormittag, Gefängnis Montorio, Verona

26. Freitagvormittag, Carabinieri-Station von Malcesine

27. Samstag Nachmittag, Besuchszeit im Ospedale Civile Maggiore

Danke

Kriminelles Südtirol

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Über die Autorin

Italienische Begriffe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© April 2025 Heidi Troi

c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen, Köstlaner Straße 28, 39042 Brixen (BZ), ITALY

www.heiditroi.me

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.

Lektorat: Alexandra Garelli-Leo -

https://leoktorat.jimdosite.com

Korrektorat: Christian Scholte

https://bumblebook.de

Covergestaltung: Buchcoverdesign.de / Chris Gilcher – https://buchcoverdesign.de

Bildmaterial: Adobe Stock 102149310

Ornamente: @burjoborju (Canva)

Dies ist eine fiktive Geschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in fiktivem Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

"Espresso mit Schuss" ist ein Kaffeekrimi. Eine Geschichte von Intrigen und Lügen und sie endet mit einem Schuss … Oder mit mehreren. Man wird sehen.

KLAPPENTEXT

Eine Carabiniera, eine Leiche und der Duft von Kaffee.

Als die Juniorchefin einer Kaffeerösterei am Gardasee erdrosselt aufgefunden wird, steht Carabinieri-Marescialla Bianca Rossi vor einem scheinbar unlösbaren Fall. Ramona Desideri war beliebt, hatte keine Feinde – und doch wurde sie kaltblütig ermordet. Nur einen Tag später stirbt ihr Vater, mit dem sie ein zerrüttetes Verhältnis hatte, an einem Herzinfarkt. Zufall? Oder steckt mehr dahinter?

Während Bianca verzweifelt nach einem Motiv sucht, holen sie in Malcesine die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit ein. Ist der Mann, den sie überall zu sehen glaubt, wirklich ihr Ex und damit ihr Peiniger? Oder geht die Fantasie an diesem Ort, der voller böser Erinnerungen für sie ist, mit ihr durch?

Ein Fall voller Intrigen, Abgründe – und eine Ermittlerin, die selbst um ihr Leben fürchten muss.

Die Fortsetzung des Bestsellers »Zum Limoncello eine Leiche« – bitter wie ein Espresso mit Schuss.

ER

Er ist ein Opfer.

Ein Opfer, das notwendig ist, um dich zu treffen.

Du bist zu weit gegangen, Mäuschen. Einen Schritt zu weit.

In Schuhen, die zu groß sind für deine zarten Füße.

Man spielt nicht mit einem wie mir.

Bald wirst du dir wünschen, dass du dich niemals von mir abgewandt hättest.

Bald.

1

SAMSTAGMORGEN, VIA CAPPELLO, VERONA

»Aus den Federn, Schlafmütze.«

Die warme Stimme ihres Lebensgefährten Amedeo holte Bianca Rossi aus ihren Träumen.

»Zu früh«, murmelte sie und wollte sich die Decke wieder über den Kopf ziehen.

»Nein, eher zu spät. Es ist acht. Außerdem läutet dein Telefon nonstop. Ich fürchte, du wirst gebraucht.«

Mit einem unwilligen Knurren schlug Bianca die Decke zurück und ging nackt, wie sie im Sommer immer schlief, in den Flur, wo ihr Telefon am Ladekabel hing. Genau in dem Moment, als sie es in die Hand nahm, verstummte es.

»Porca miseria⁠i!«, entfuhr es ihr, als sie sah, wer versucht hatte, sie zu erreichen – ihr Vorgesetzter Tenente Suppa vom Comando Provinciale Carabinieri di Verona⁠ii – und wie oft er das versucht hatte! Neun Anrufe in Abwesenheit leuchteten bereits auf.

Bevor sie auf den Rückrufbutton drücken konnte, ging es schon wieder von vorn los, also nahm sie das Gespräch entgegen. »Pronto⁠iii?«

»Marescialla Rossi, wo stecken Sie, verdammt noch mal?«

»Auf dem Weg zur Arbeit«, log sie.

»Kehren Sie um und fahren Sie sofort nach Malcesine. Die Kollegen erwarten Sie bereits.«

Malcesine …

Der Name der kleinen Stadt am Gardasee löste ein leichtes Unbehagen in ihr aus. Zu viel war dort geschehen. Zu viel Schreckliches, auch wenn sie am Ende triumphiert hatte. »Was ist passiert?«

»Ein Mord.«

»Wer wurde ermordet?« Während Bianca in ihre Hose schlüpfte, hielt Amedeo ihr das Mobiltelefon ans Ohr.

»Ramona Desideri, Juniorchefin der Kaffeerösterei Oro Nero⁠iv.«

»Und wer ist der zuständige Staatsanwalt?«

»Dottor Quirino Moretti. Warten Sie … ziehen Sie sich gerade an?«

Bianca seufzte und nahm das Telefon wieder selbst in die Hand. »Sie haben mich ertappt. Ich habe verschlafen.«

Diesmal war es Suppa, dem ein Fluch entfuhr. »Bleiben Sie, wo Sie sind. Zanatta wird Sie abholen. Bis Sie mit Ihrer Schrottkarre an Ort und Stelle sind, ist der Mord aufgeklärt – oder es gibt weitere Tote zu beklagen.«

»Sissignore⁠v!« Er hatte ihr Auto beleidigt. Der Fiat Cinquecento war weniger ein fahrbarer Untersatz als Ausdruck ihres Nationalstolzes und ein Lebensgefühl. Niemand durfte es als Schrottkarre bezeichnen, obwohl die Klimaanlage erst bei einer Geschwindigkeit von mehr als hundert Stundenkilometern zu arbeiten begann und kein Lautsprecher der Welt das knatternde Geräusch des Motors übertönen konnte. Aber Suppa war ihr Vorgesetzter, also hielt sie die Klappe. »Ich wohne in der Via Cappello, Nummer –«

»Jaja, ich weiß, wo Sie wohnen. Machen Sie weiter.« Damit beendete er das Gespräch. Bianca ließ das Mobiltelefon sinken.

»Probleme?« Amedeo reichte ihr das Hemd ihrer Uniform.

Während sie hineinschlüpfte, sagte sie: »Ein Mord. In Malcesine.«

Auch seine Miene verdüsterte sich. »Wirst du dort übernachten müssen?«

Sie hob die Schultern. »Das wird sich herausstellen. Wenn ja, weißt du, wo du mich findest.«

»Ja, bei Zia Pina.« Er verzog das Gesicht. »Und ich weiß auch, was sie von Männerbesuch hält.«

»Jetzt, wo es auf Ferragosto⁠vi zugeht, kommst du ohnehin nicht so leicht aus der Stadt, oder? Hast du nicht gesagt, dass zurzeit gefühlt jeder auf der Wache in Urlaub ist?«

Er nickte. »Nur ich bin wieder einmal der Idiot, der arbeitet, wenn alle anderen blaumachen.«

Bianca schloss lächelnd den letzten Knopf ihres Hemdes und küsste Amedeo. »Mein edler Ritter. Ich werde dich auf dem Laufenden halten. Kümmerst du dich um Gattopardo?«

»Natürlich.« Er schnalzte und der Siamkater kam herbeigeschossen, als habe er nur auf das Zeichen gewartet. Die beiden waren innerhalb kürzester Zeit dicke Freunde geworden. Bianca konnte das verstehen. Amedeo war einfach ein liebenswerter Mann. Liebenswert und sexy mit seinen schwarzen Haaren, die von ein paar Silberfäden durchzogen waren, und den braunen Augen, in denen so viel Zuneigung zu sehen war.

»Verräter!«, schimpfte sie ihren Kater trotzdem.

»Wir werden dich vermissen.« Amedeo zog sie noch einmal an sich heran und küsste sie. Da klingelte es auch schon an der Tür.

»Das ist sicher Zanatta. Er muss wie der Teufel gefahren sein. Ich sollte wohl.« Mit einem unglücklichen Lächeln wand sie sich aus seinen Armen und packte ihre Notfalltasche, die griffbereit neben der Tür stand. Darin befanden sich ein paar Alltagsklamotten, Unterwäsche und ihr Hygienebeutel. Schließlich konnte sie nie wissen, wohin sie ihr nächster Einsatz bringen würde. »Ich lasse was hören.«

Dann huschte sie zur Tür hinaus, direkt in die Arme ihrer Vermieterin. »Signora Pedrotti!« Hoffentlich hörte die alte Dame die mangelnde Begeisterung in ihrer Stimme nicht.

»Nicht so schnell, meine Liebe, nicht so schnell! Ich bin hier, um die Miete zu kassieren.«

Ein schlechtes Gewissen durchflutete Bianca. War es schon wieder so weit?

Als könnte die Pedrotti ihre Gedanken lesen, sagte sie: »Es ist der 3. August. Die Miete wäre eigentlich immer am 25. des Vormonats fällig, aber bei Ihnen bin ich kulant. Schließlich sind Sie bei den Carabinieri.« Der Ton, in dem sie das sagte, machte klar, dass sie sich fragte, ob der Umstand, dass ihre Mieterin Carabiniera war, ausreichte, um ihr weiterhin entgegenzukommen.

Bianca zwang sich zu einem Lächeln. »Ich bringe sie Ihnen heute Abend. Versprochen!«

Auf ihre mentale To-do-Liste setzte sie die Aufgabe, an einem Automaten vorbeizuschauen und das Geld für die Miete abzuheben. Isabella Pedrotti verlangte es in contanti⁠vii, also bar. Und sie hielt auch wenig von einem Beleg, was den Schluss nahelegte, dass sie das Geld nicht versteuerte. Dafür war die Miete für eine Wohnung mitten in Verona, genauer gesagt in der Via Cappello mit Blick auf den Balkon der Julia, erschwinglich.

Bianca wollte sich schon dem Treppenhaus zuwenden, da hielt ihre Vermieterin sie noch einmal zurück. »Noch eine Sache, Signora Rossi …«

»Ja?« In Biancas Wohnung ertönte erneut die Klingel. Zanatta war in Eile, wie es schien.

»Da Sie die Wohnung ja nun zu zweit bewohnen, muss ich leider auch die Miete anpassen. Was Sie gerade zahlen, ist die Miete für eine Person. Aber da der Agente ja nun beinahe jede Nacht bei Ihnen übernachtet …« Sie ließ den Satz offen, dafür ihre Augenbrauen hochschnellen.

Bianca verstand. »Wie viel?«

»Ich würde sagen, wir erhöhen um die Hälfte.«

»Das ist Wucher!«

»Wenn es Ihnen zu viel ist …«

»Ja.«

»… können Sie sich ja nach einer anderen Wohnung umschauen. Für zwei Personen ist das Appartement ja vielleicht auch zu klein, nicht wahr?« Mit einem listigen Lächeln wartete Isabella Pedrotti ihre Reaktion ab.

Sie wusste genau, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, in Verona eine bezahlbare Wohnung zu finden, noch dazu für eine Carabiniera. Selbst in den höheren Gehaltsebenen verdiente man dort gerade genug, um über die Runden zu kommen. Nach Begleichung der Miete blieb nicht mehr viel zum Leben übrig.

»Ich spreche mit Amedeo«, versprach Bianca frustriert. »Jetzt muss ich los. Mein Kollege wartet schon.«

»Oh, ist etwas passiert?« Der Gesichtsausdruck der Vermieterin verwandelte sich in Sensationsgier.

»Ich darf über laufende Ermittlungen nicht sprechen.«

»Aber wohin Sie müssen, dürfen Sie mir sagen?«

»An den Gardasee. Und jetzt entschuldigen Sie mich.«

Damit entzog sich Bianca dem Verhör ihrer Nachbarin und rannte die Marmortreppe hinunter in die Via Cappello, wo Capitano Zanatta bereits ungeduldig auf sie wartete.

»Marescialla, auch schon da?« Er betonte das A am Ende ihres Titels und sie ärgerte sich. Als reiche es noch nicht, dass es für eine Frau unermesslich schwierig war, sich in der von Männern dominierten Welt der Carabinieri zu behaupten, gab es nicht einmal eine weibliche Bezeichnung für den Rang des Maresciallo. Trotzdem bestand Bianca darauf, als Marescialla bezeichnet zu werden. Dass Zanatta sich darüber lustig machte, bestätigte nur, dass er sich wie alle männlichen Vertreter ihres Berufsstandes ihr – der Frau – gegenüber für überlegen hielt. Obwohl er Capitano und ihr daher übergeordnet war, fiel ihre Antwort schnippischer aus, als sie beabsichtigt hatte. »Sie haben wohl Angst, dass die Leiche Beine bekommt, bevor wir in Malcesine sind, Capitano.«

»Würde mich nicht wundern, wenn die Leiche inzwischen verwest wäre, meine Liebe. Bei den Temperaturen geht das schneller, als man meint.« Er sah vielsagend zu dem dunstigen Himmel hoch, der sich über Verona spannte. Keine Wolke, dafür eine Luftfeuchtigkeit, die beinahe tropisch anmutete. Im Sommer staute sich die Luft im Becken von Verona und machte das Atmen schwer. Wer irgendwie konnte, floh an die Küste oder in die Berge. Nur die Verdammten blieben in der Stadt.

»Dann sollten wir hier nicht herumstehen und uns lieber auf den Weg machen.« Bianca setzte sich in den Einsatzwagen, der mit laufendem Motor mitten in der verkehrsbeschränkten Via Cappello stand.

Zanatta quetschte sich auf den Fahrersitz, und kurz darauf durchschnitt der durchdringende Ton der Sirene die Luft.

Bianca schloss die Augen. Wenn ihr Kollege den ganzen Weg nach Malcesine mit heulender Sirene zurücklegen wollte, konnte sie sich auf brüllende Kopfschmerzen gefasst machen. Eineinhalb Stunden Fahrt, und sie hatte noch nicht einmal einen Kaffee gehabt. »Was wissen wir von dem Fall?«

»Ramona Desideri war die Juniorchefin. Sie führte das Unternehmen zusammen mit ihrem Ehemann Omar Tel.«

»Das Unternehmen ist eine Kaffeerösterei?«

Zanatta nickte. »Oro Nero. Ich liebe die Marke.«

»Dann hoffe ich mal, dass ich am Tatort eine Kostprobe bekommen kann.«

Er warf ihr einen Seitenblick zu. »Stehen Sie unter Koffeinentzug?«

Sie schnitt eine Grimasse. »Ich will ehrlich sein: Ich habe verschlafen.«

Ihr Kollege lachte. »Sie könnten ja behaupten, dass Sie die Produkte kosten müssen, um den Fall zu lösen.«

»Oder ich könnte einfach Sie bitten, mich in Malcesine zum Café Corner zu begleiten. Das ist gleich neben der Carabinieri-Station und –«

»Wir fahren direkt zur Rösterei«, unterbrach er sie. Dann schaltete er zum Glück die Sirene aus.

Sie hatten die Stadt verlassen und fuhren auf der Autostrada del Brennero⁠viii Richtung Norden. Draußen zogen die Lessinischen Hügel vorbei, auf denen sich ein Weinberg an den nächsten reihte. Dazwischen sah man Zypressen und alte Ansitze, Olivenbäume und blühende Oleander.

Bei Affi verließen sie die Autobahn und fuhren auf der Landesstraße weiter nach Garda und von dort aus auf der Gardesana⁠ix am See entlang. Das war der Moment, in dem Zanatta die Sirene wieder einschaltete. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Die Gardasee-Uferstraße war eng und dicht befahren. Autos mit den fremdartigsten Kennzeichen fuhren auf ganzen Abschnitten im Schritttempo hintereinander her, und zwar in beiden Richtungen. Da nutzte die Sirene wenig. Irgendwann sah das auch Zanatta ein und schaltete sie wieder aus.

»Rufen Sie an, dass es ein wenig dauert.«

Bianca mochte es nicht, herumkommandiert zu werden, aber sie griff gehorsam zum Telefon und wählte die Nummer der Carabinieri-Station.

»Pronto?«

»Haben Sie noch immer nicht gelernt, sich richtig zu melden, Faustini?«, fauchte Bianca den Appuntato an, der das Unglück hatte, an diesem Morgen den Telefondienst innezuhaben.

»Marescialla Rossi!« Statt sich der Rüge wegen zu schämen, klang er begeistert. »Ich habe schon gehört, dass man Ihnen unseren Fall zugeteilt hat. Brauchen Sie ein Zimmer? Soll ich meiner Tante sagen, dass Sie kommen? Sie hat, glaube ich, gerade ein deutsches Ehepaar zu Gast, aber wenn Sie ein Zimmer brauchen, wird sie dafür sorgen, dass Sie eines bekommen.«

Bianca lächelte. Sie traute Faustinis Tante Pina durchaus zu, ihre Gäste einfach auf die Straße zu setzen, nur um das Zimmer für die Carabiniera frei zu haben. »Wir werden sehen.«

»Ich gebe ihr Bescheid.«

Bevor Faustini in seinem Diensteifer auflegen konnte, sagte Bianca schnell: »Wir sind erst ein paar Kilometer nördlich von Garda und stecken im Stau. So schnell werden wir also nicht kommen.«

»Das war klar. Wäre besser, Mörder hätte die Tat ein paar Stunden früher begangen. Jetzt ist der Verkehr am schlimmsten.«

»Nur dumm, dass sich Mörder nicht nach unseren Wünschen richten.«

»Ja, zu dumm. Egal. Ich gebe den anderen Bescheid, dass es bei Ihnen noch dauern könnte. Sonst noch was?«

Organisieren Sie mir einen Kaffee, war Bianca drauf und dran zu sagen, doch sie ließ es bleiben. Sie war eine Frau und durfte sich keine Schwächen erlauben. Und ihre Koffeinsucht konnte zu leicht als Schwäche interpretiert werden.

»Nein. Außer, dass Capitano Zanatta auch später kommt. Er … hat mich abgeholt.«

»Dann sollen die Leute von der Spurensicherung auch noch warten? Die sind nämlich schon da.«

Bianca warf ihrem Kollegen einen fragenden Blick zu. Sie hatte ihr Telefon zwar nicht auf Lautsprecher gestellt, aber auf diesem engen Raum hatte er sicher trotzdem mitgehört, was Faustini gesagt hatte.

Zanatta nickte. »Sie sollen den Tatort abriegeln und dafür sorgen, dass die Zeugen warten. Vielleicht besänftigen sie sie mit etwas Kaffee.« Er grinste Bianca an.

»Alles klar. Abriegeln. Kaffee. Und warten«, fasste Faustini zusammen und Bianca lächelte, als sie ihn sich vorstellte. Er hatte sich bei ihrem letzten Fall als Freund herausgestellt, obwohl sie ihn anfangs ein wenig herablassend als Jungspund eingeordnet hatte. Die mit zu viel Wachs nach hinten gestylten Haare, der Waffengürtel, den er der Coolness halber immer am Leib getragen hatte. In Wirklichkeit war das die übergroße Begeisterung für seinen Job gewesen. Er hatte bloß eine etwas professionellere Führung gebraucht, und das hatte gereicht, um ihn sich fantastisch entwickeln zu lassen. Später mal würde er einen brauchbaren Carabiniere abgeben.

»Korrekt«, sagte sie, verabschiedete sich und beendete das Gespräch.

»Warum haben Sie ihm nicht befohlen, Ihnen eine Thermoskanne voller Kaffee zu bringen?«, wollte Zanatta wissen.

»Weil meine Untergebenen nicht dazu da sind, meine persönlichen Bedürfnisse zu befriedigen.«

»Sie sehen das zu eng.«

»Ich sehe das genau richtig. Dieses Ausnutzen von Macht, das in Italien gang und gäbe ist, muss endlich aufhören. Und das fängt damit an, dass ich meine Untergebenen nicht dazu missbrauche, für mein Wohl zu sorgen.«

Zanatta kniff die Lippen zusammen, während sich Biancas Mundwinkel kaum merklich nach oben bogen. Da hatte sie bei ihrem Kollegen wohl einen empfindlichen Nerv getroffen.

Schweigsam legten sie das nächste Stück des Weges zurück. Bianca genoss den Anblick des Gardasees, der zu ihrer Linken lag: die blitzblaue Wasseroberfläche mit dem kiesigen Seeufer, an dem es sich Sonnenanbeter auf ihren Liegen oder Handtüchern gemütlich gemacht hatten, die Kinder, die im Wasser planschten, Tretboote, weit draußen der traghetto⁠x, das Schiff, das die Dörfer des Sees miteinander verband. Obwohl die Fenster des Wagens der Klimaanlage wegen geschlossen waren, bildete sie sich ein, den Duft des Sees wahrzunehmen. Diesen leichten Geruch nach Seetang, gemischt mit Sonnencreme.

Es war ein bisschen, wie nach Hause zu kommen.

Auch wenn sie nicht nur angenehme Erinnerungen mit diesem See verband.

»Suchen Sie die Rösterei auf dem Navi«, befahl Zanatta.

Bianca gehorchte. Sie tippte Oro Nero ein und bestätigte die Route. Bald lotste das Navigationsgerät die beiden den Berg hoch, mitten hinein zwischen Olivenhaine und die Villen der Reichen und Schönen aus ganz Norditalien und Deutschland, die sich hier einen Platz im Paradies gesichert hatten. Kurve um Kurve fuhren sie immer höher, bis sie vor einem modernen Firmengebäude standen. Ein ungewöhnlicher Standort für ein Unternehmen, fand Bianca. Aber die Familie Desideri hatte bestimmt ihre Gründe dafür.

Die ganze Front des Gebäudes bestand aus Glas. Im linken Teil standen blinkende Gerätschaften aus Inox-Stahl, deren Zweck Bianca nicht kannte, die aber sicher mit der Produktion von Kaffee zu tun hatten, rechts schien sich ein Shop zu befinden.

Kaum war sie dem Auto entstiegen, trieb ihr der Duft von frisch geröstetem Kaffee beinahe die Tränen in die Augen. Das war es, was sie jetzt brauchte. Genau das. Alles andere konnte warten. Sie schloss die Augen und sog den Geruch in sich ein.

Nur ein Kaffee, dachte sie. Nur ein kleiner Kaffee.

»Marescialla!«, schallte die Stimme eines Mannes über den Platz. »Endlich! Kommen Sie.«

2

SAMSTAGVORMITTAG, KAFFEERÖSTEREI ORO NERO, MALCESINE

»Sergente Pacifico.« Bianca konnte nicht anders, als beim Anblick des Dienstältesten der Carabinieri-Station zu lächeln. »Wie geht es Ihnen?«

»Gut, außer dass schon wieder jemand in meiner Stadt ermordet worden ist. Sie werden schon sehnlichst erwartet. Die ganze Famiglia Desideri wartet im Konferenzraum auf Sie.«

»Ich möchte zuerst die Leiche sehen.«

»Die Leiche ist meine Angelegenheit«, erklärte Zanatta barsch.

»Und meine Angelegenheit ist die Aufklärung des Falls. Also werde ich mir die Leiche ansehen. Ihr habt doch dafür gesorgt, dass niemand etwas verändert?«, wandte sie sich wieder an den Sergente.

Zanatta schnaubte, während Pacifico nickte. »Natürlich. Wir sind hier auf dem Land, aber wir sind keine Anfänger.«

»Gut. Dann lasst uns reingehen. Und, Pacifico …«

»Ja, Marescialla?«

»Wenn Sie mir irgendwo einen Kaffee auftreiben könnten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.«

Zanatta zog vielsagend die Augenbrauen hoch, sagte jedoch nichts.

Der Sergente nickte. »Das sollte hier kein Problem darstellen.«

»Und ich möchte zuerst mit dem Ehemann der Toten sprechen.« Auf den Ehemann würden sich auch ihre Ermittlungen konzentrieren. Wenn eine Frau ermordet wurde, war der Mörder in den allermeisten Fällen der Lebensgefährte, Ehemann oder feste Freund.

In Italien starb jeden dritten Tag eine Frau durch die Hand des Menschen, an dessen Seite sie lebte. Die Schlagzeilen der Tageszeitungen waren voll von Berichten über Femizide. Sie kamen in allen Bevölkerungsschichten vor, viele der toten Frauen hatten Schutz bei den Behörden gesucht, dort aber erfahren, dass man nichts tun könne, solange ›nicht wirklich etwas passiert‹ sei. Die Täter wurden geschützt, die Opfer alleingelassen. Man verlangte Maßnahmen zum besseren Schutz der Frauen, aber die Tendenz war weiter steigend.

Bianca selbst konnte ein Lied von Gewalt in der Beziehung singen. Sie hatte am eigenen Leib erfahren, wie schwierig es für die Opfer war, sich überhaupt Hilfe suchend an andere zu wenden. Wie sehr es ihnen widerstrebte, dem geliebten Menschen Probleme zu bereiten. Wie bereitwillig sie litten, um nur ja nichts von dieser toxischen Beziehung an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Und wie schrecklich unpassend die Reaktionen waren, wenn man es doch tat. Mit Schaudern erinnerte sie sich an das Telefonat mit ihrem Vorgesetzten, als sie öffentlich Stellung bezogen hatte, damals, als Tiziano sie inmitten vieler Restaurantbesucher verprügelt hatte.

Doch jetzt war nicht Zeit für solche Gedanken. »Wo ist er?«

»Im Ausland. Eine Geschäftsreise. Zypern. Er ist bereits verständigt worden und sollte morgen zurückkehren.«

Okay, das war weit genug weg. Dann war hier wohl ausnahmsweise ein anderer der Täter. Natürlich würde sie sein Alibi trotzdem überprüfen lassen.

»Geben Sie mir Bescheid, wenn er wieder hier ist. Und jetzt der Kaffee.« Sie verspürte schon leichte Kopfschmerzen.

Pacifico reckte den Daumen hoch, zum Zeichen, dass er verstanden hatte, dann wandte er sich ab und sie betrat direkt hinter Zanatta die Rösterei. Der Geruch nach frisch geröstetem Kaffee verstärkte sich und alles in ihr zog sich sehnsüchtig zusammen.

Nur einen kleinen Schluck, dachte sie verlangend. Einen Espresso. Mehr brauchte sie nicht. Aber genau den brauchte sie mehr als dringend.

Betretene Stimmung lag über dem Verkaufsraum, in dem sie sich nun befanden. Ein Angestellter, der es kaum wagte, ihnen ins Gesicht zu sehen, führte sie durch eine Glastür direkt in die Produktionsräume, wo keine fünf Schritte vom Ausgang entfernt ein regungsloser Frauenkörper lag.

Ramona Desideri. Ihre zierliche Gestalt steckte in einem leichten Sommerkleid. Schwarzes, lockiges Haar umfloss ihr bleiches Gesicht, ihre blauen Augen starrten ins Leere. Sie war eine schöne Frau gewesen.

Sogar aus der Entfernung konnte Bianca die Hämatome an Ramona Desideris Hals erkennen, die sich schwärzlich verfärbt hatten und eindeutig darauf hindeuteten, dass sie erdrosselt worden war. »Sie wurde erwürgt?«, fragte sie dennoch.

»Ich weiß auch nicht mehr als Sie, aber ja, sieht so aus.« Zanatta war neben ihr stehen geblieben. Genau wie Bianca schaute er sich in dem Raum um und sein Blick blieb an der hohen Glasfront hängen. »Jeder hätte zusehen können. Der Platz hier ist ausgestellt wie eine Bühne. Fehlt nur noch der Scheinwerfer.«

Ein Räuspern hinter ihnen ließ sie beide herumfahren. Es war der Angestellte, welcher sie in die Produktionsräume geführt hatte. »Nachts sind alle Lichter eingeschaltet. Wenn es nachts passiert ist, haben auch die Scheinwerfer nicht gefehlt und …« Er brach ab.

»Und?«, fragte Bianca scharf nach.

»Und es muss nachts passiert sein. Die Produktion ist bis achtzehn Uhr im Gange, danach schließen wir normalerweise, aber gestern hatten wir noch ein exklusives Tasting, das sie geleitet hat. Es fand um zwanzig Uhr statt. Also waren wahrscheinlich bis zweiundzwanzig Uhr noch Menschen in der Rösterei.«

»Können Sie mir eine Aufstellung aller Personen machen, die gestern an diesem Tasting beteiligt waren oder sich in der Rösterei befanden?« Bianca sah ihn eindringlich an.

Er nickte und wollte sich schon davonmachen, da hielt sie ihn zurück. »Verraten Sie mir Ihren Namen?«

»Rodrigo Sanchez, Signora.«

»Spanier?«

Er schüttelte den Kopf. »Kolumbianer. Aber ich lebe seit meiner Geburt in Italien. Bereits meine Eltern –«

Mit der Hand wedelte Bianca ungeduldig in der Luft herum. »Nachher. Jetzt besorgen Sie mir diese Liste.«

Er nickte und verschwand. Die Glastür klappte hinter ihm zu und es kehrte wieder Stille ein.

»Was sagen Sie?« Bianca wendete sich Zanatta zu.

»Noch gar nichts. Zuerst würde ich gern meinen Job machen. Und das sollten Sie auch tun.«

Sie nickte knapp. Dann verließ auch sie den Produktionsraum und betrat durch die Glastür den Shop. Der hohe Raum war ganz in Braun gehalten. Hinter einer großzügigen Theke befanden sich etwa ein Dutzend verschiedener Behälter mit Kaffee. Die Abfülltrichter glänzten golden. Die Bohnen hinter den Glasscheiben der Kaffeebehälter sahen alle gleich aus. Doch Bianca wusste, dass die verschiedenen Kaffeesorten sich im Geschmack und im Geruch unterschieden, selbst wenn sie keine Expertin war.

Weit oben befanden sich Regale mit alten Kaffeemühlen. Ein Hobby des Inhabers, vermutete Bianca.

Die junge Blondhaarige hinter der Theke wirkte eingeschüchtert.

»Wo finde ich alle?«

»Im Konferenzraum. Die Treppe hoch und dann rechts.« Bianca nickte ihr zu und wollte sich eben abwenden, da sagte die Blondhaarige: »Ihr Kollege meinte, Sie hätten gern einen Kaffee?«

Pacifico, du bist ein Goldstück. »Ja. Könnte ich denn einen bekommen?«

»Schwarz?«

Bianca nickte und sah zu, wie die Blondhaarige den Platz hinter ihrer Theke verließ und zu einem anderen Tresen ging, hinter dem eine glänzende Barkaffeemaschine stand. Die Frau drehte ihr den Rücken zu und kurz darauf erklang das typische Mahlgeräusch.

Bianca war, als würde sich das Kaffeearoma in dem Raum noch verstärken, und sie näherte sich dem Tresen. Genau in dem Augenblick, als sie ihn erreicht hatte, drehte sich die Angestellte mit einer Espressotasse in der Hand herum, stellte sie auf eine Untertasse und schob sie der Marescialla zu.

Wie eine Süchtige – wahrscheinlich war sie das tatsächlich – stürzte sich Bianca auf die Tasse, setzte sie an die Lippen und sog noch einmal das Aroma ein. »Herrlich!«, stöhnte sie. Dann trank sie den Kaffee in einem Schluck aus. Das Aroma füllte ihre Mundhöhle aus, und sie hatte das Gefühl, das Koffein würde direkt in ihre Blutbahnen übergehen und ihren Kreislauf in Schwung bringen. »Schmeckt gut«, sagte sie.

»Das ist ›Mona‹, unsere meistverkaufte Kaffeemischung. Hundert Prozent Arabica, und wenn ich ›hundert Prozent‹ sage, dann meine ich das auch. Anders als andere Röstereien führen wir den tatsächlichen Arabica-Anteil auf der Verpackung an. Alles andere ist laut Meinung des Seniorchefs Betrug.«

»Der Seniorchef heißt …?«

»Bernardo Desideri. Er ist … war der Vater von …« Die Barista erbleichte und senkte den Blick.

»Und hat Bernardo noch in der Firma zu tun? Weil Sie ›Seniorchef‹ sagten. Hatten nicht Ramona Desideri und ihr Ehemann die Führung inne?«

»Doch. Signora Ramona Desideri und ihr Ehemann Omar Tel haben die Firma vor etwa einem halben Jahr übernommen. Aber Signor Desideri hat die Zügel noch nicht ganz aus der Hand gegeben.«

Bianca nickte. »Und er ist auch oben im Konferenzraum?«

Die Blondhaarige nickte.

»Und Sie?«

»Ich habe den Auftrag, hier die Stellung zu halten und eventuelle Kunden auf morgen zu vertrösten. Wenn Sie mit den anderen gesprochen haben, stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung – auch wenn ich Ihnen wahrscheinlich nicht weiterhelfen kann.«

»Oh, Sie haben mir schon geholfen.«

Die Frau erbleichte. »Wie …?«

»Mit dem Kaffee.« Bianca lächelte sie gewinnend an. »Danke!« Und dann ging sie endlich die Treppe hoch zu dem Konferenzraum, in dem ihre Zeugen saßen. Ihre Zeugen und mit höchster Wahrscheinlichkeit auch ein Mörder.

Den Gedanken hatte sie, als sie wenig später den dunklen Raum betrat, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift ›Konferenzraum‹ befestigt war.

Etwa ein Dutzend Menschen, die an in U‑Form angeordneten Tischen versammelt saßen, wandten ihr die Gesichter zu, die meisten von Betroffenheit gezeichnet; ein paar der Menschen schluchzten leise. Bianca unterdrückte ein Seufzen und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht.

»Guten Morgen!«, begann sie. »Danke für Ihre Geduld! Wer hat die Leiche gefunden?«

Ein pickeliger Mann um die zwanzig hob schüchtern die Hand.

Bianca nickte ihm zu. »Dann möchte ich mit Ihnen beginnen. Alle anderen dürfen gehen. Bitte halten Sie sich zur Verfügung. Meine Kollegen haben sicher Ihre Personalien und Kontaktdaten aufgenommen?« Sie wechselte einen Blick mit Pacifico, der in einer Ecke stand und ihr stumm zunickte.

Die Anwesenden standen zögernd auf. Nur der pickelige Jüngling und ein älterer Herr blieben sitzen. Er saß breitbeinig auf seinem Stuhl, beide Hände auf den golden glänzenden Knauf eines Gehstocks gelegt. Seine Haltung war so majestätisch, dass Bianca ahnte, mit wem sie es zu tun hatte.

Trotzdem ließ sie sich nicht einschüchtern. »Signore«, sprach sie ihn an, »Sie dürfen gehen.«

»Ich bleibe.«

Sie sah stirnrunzelnd zu Pacifico hinüber, der mit den Schultern zuckte, als wollte er sagen: »Ein harter Brocken ganz nach Ihrem Geschmack.«

»Das ist eine Zeugenbefragung. Bitte verlassen Sie den Raum.«

Er richtete sich auf seinem Stuhl auf, dabei stützte er sich auf seinen Gehstock. »Das ist meine Firma. Und es sind meine Angestellten, die Sie befragen. Zum Tod meiner Tochter. Ich bleibe.«

Bianca schüttelte den Kopf. »Nein, Sie bleiben nicht.«

»Es stört mich nicht, wenn Signor Desideri bleibt«, meldete sich das Pickelgesicht schüchtern zu Wort. Sein Boss vollführte eine Geste, die so viel bedeutete wie: »Da siehst du.«

Bianca atmete tief durch. »Lassen Sie uns beginnen.«

Sie packte einen der Stühle und trug ihn durch das U vor den Platz ihres Zeugen. Dann setzte sie sich. »Ist es für Sie in Ordnung, wenn ich das Gespräch aufzeichne?«

Der junge Mann nickte.

Bianca nestelte in ihrer Handtasche nach ihrem Mobiltelefon, stellte die Diktierfunktion ein und drückte auf Aufnahme. »Zeugenbefragung im Fall Ramona Desideri. Zeuge 1. Bitte nennen Sie zuerst klar und deutlich Ihren Namen.«

Das Pickelgesicht beugte sich zum Telefon hinunter und sprach überdeutlich: »Sergio Bragagna.« Seine Stimme zitterte, er war sichtlich aufgeregt.

Bianca lächelte ihm beruhigend zu. »Signor Bragagna, erzählen Sie mir bitte zuerst, was Ihre Aufgabe in der Firma ist.«

»Ich bin … Reinigungskraft.«

»Die Räume werden morgens gereinigt?«

»Meistens abends. Aber gestern war ein exklusives Kaffeetasting und da konnte ich nicht gleichzeitig putzen. Also habe ich heute Morgen geputzt.«

»Wann waren Sie in der Firma?«

»Um fünf Uhr.«

»So früh?«

Er nickte. »Es muss ja alles wieder trocknen, bevor die Produktion beginnt. Daher wollte ich früh genug hier sein.«

»Die Produktion beginnt wann?«

»Um acht Uhr.«

Bianca nickte. »Also haben Sie die Leiche um fünf Uhr entdeckt.«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe zuerst den Shop geputzt, die Toiletten und … und hier oben im Konferenzraum. Der wurde für das Tasting auch gebraucht.«

»Warum?«

»Warum der Raum gebraucht wurde?«

»Nein, ich möchte wissen, warum Sie nicht mit den Produktionsräumen begonnen haben.«

»Weil … Signor Desideri …«, er warf einen raschen Blick zum Seniorchef, »er sagt immer, dass die Leute einen guten ersten Eindruck von der Firma haben sollen. Daher wollte ich den Shop als Erstes putzen. In den Produktionsräumen wische ich ohnehin nur einmal kurz durch, weil die eigentliche Reinigung von den Arbeitern selbst erledigt wird.«

»Ach so?«

»Ja, das … hat Signor Desideri so bestimmt.«

Der Seniorchef räusperte sich. »Darf ich das kurz erklären? In der Vergangenheit hat die unsachgemäße Reinigung der Werkzeuge und Arbeitsgeräte oftmals zu Schäden geführt. Das Reinigungspersonal beseitigt Schmutz häufig mit zu aggressiven Mitteln, die Rückstände beeinträchtigen den Geschmack des Kaffees. Um das zu verhindern, gehört es zu den Aufgaben des Röstpersonals, die Arbeitsoberflächen zu reinigen.«

Bianca nickte ihm kurz zu, dann wandte sie sich wieder an Sergio. »Wie spät war es also, als Sie sich den Produktionsräumen gewidmet haben?«

»Etwa sieben Uhr.«

»Sie haben zwei Stunden für den Shop und die Toiletten gebraucht?«

Sergio wurde rot, als habe sie ihn bei einer Unregelmäßigkeit entdeckt. »Im Konferenzraum war noch das ganze Geschirr von dem Tasting.«

»Und das haben Sie reinigen müssen?«

»Nicht müssen, nein. Aber ich habe es getan. Damit Gabriella weniger Arbeit hat. Also habe ich es in den Shop getragen, wo die Bar ist, und in die Spülmaschine geräumt.«

»Gabriella ist die Blondhaarige im Shop?«

Sergio nickte. »Sie ist mit mir zur Schule gegangen und … Egal.«

»Nichts ist egal.«

Er wurde wieder rot. »Ich mag sie.«

Bianca lächelte. »Okay, das ist für die Ermittlung vielleicht doch nicht relevant. Zurück zum Fall. Sie wollten also gegen sieben Uhr die Produktionsräume wischen, da haben Sie Signora Desideri gesehen.«

Er nickte. »Ich dachte zuerst, sie sei einfach früher in die Firma gekommen und vielleicht genau in diesem Augenblick gestürzt, aber dann …«, er schluckte, »dann hat sie sich nicht bewegt und ich bin zu ihr gerannt, habe sie gerüttelt und …«

»Und?«, hakte Bianca nach, als er nicht mehr weitersprach.

»Und sie war so seltsam steif. Und kalt. Ich wusste sofort, dass sie tot sein muss. Es war … schrecklich.« Seine Hautfarbe war deutlich blasser geworden und die Pickel stachen rot von den bleichen Wangen ab.

»Was haben Sie dann getan?«

»Ich glaube, ich habe geschrien«, flüsterte er. »Ich bin schreiend nach draußen gerannt. Ins Freie. Der tote Körper hat mir Angst gemacht. Und draußen war mir schwindelig, also habe ich mich hingesetzt, und dann …« Er brach ab.

---ENDE DER LESEPROBE---