Zum Limoncello eine Leiche - Heidi Troi - E-Book

Zum Limoncello eine Leiche E-Book

Heidi Troi

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Beschreibung

Marescialla Bianca Rossi wird zu einem Fall am Gardasee abkommandiert. Giulia, die Millionenerbin der Familie Facchetti, ist verschwunden. Alles deutet auf Entführung hin, doch der Entführer lässt nichts von sich hören und die Zeit drängt. Die öffentliche Bekanntgabe der Verlobung zwischen Giulia Facchetti und Benedetto Paris steht nämlich kurz bevor. Dann wird ein Boot ans Ufer des Gardasees gespült, in dem sich zwei Männerleichen befinden. Einer der Toten ist der Geschäftsführer der Facchetti-Group und Giulias Pate. Bianca Rossi stürzt sich in die Ermittlungen. Doch der ihr zugeteilte Beamte Ugo Lorenzini stiftet mehr Verwirrung, als dass er ihr assistiert und dann sind da noch Biancas eigene Dämonen, gegen die sie kämpfen muss. Ein süß-saurer Krimi wie Limoncello.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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ZUM LIMONCELLO EINE LEICHE

EIN FALL FÜR BIANCA ROSSI

BUCH 1

HEIDI TROI

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Mai 2024 Heidi Troi

c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen, Köstlaner Straße 28, 39042 Brixen (BZ), ITALY

www.heiditroi.me

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.

Lektorat: Stefanie Stoltenberg - www.stefaniestoltenberg.de/

Korrektorat: Bianca Kober

Covergestaltung: Buchcoverdesign.de / Chris Gilcher – https://buchcoverdesign.de

Bildmaterial: Adobe Stock 102149310

Ornamente: @dustick (Canva)

Dies ist eine fiktive Geschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in fiktivem Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

INHALT

Klappentext

Er

1. Akt

Dienstag, morgens – Gardesana Est

Vormittag – Stazione Carabinieri di Malcesine

Vormittag – Bar Beppo

Mittag – Villa Facchetti

Nachmittag – Malcesine

Abend – Verona, Via Cappello

Mittwoch morgens – Malcesine

Vormittag, Stazione Carabinieri di Malcesine

Abend – Verona, Via Cappello

2. Akt

Er

Donnerstag vormittags – Stazione Carabinieri Malcesine

Abend – Verona, Via Cappello

Er

Freitag morgens – Malcesine, Café Corner

Vormittag – Villa Paris

Später Vormittag – Malcesine, Stazione Carabinieri

Mittag – Zia Pina

Später Nachmittag – Stazione Carabinieri

Später Nachmittag – Zia Pina

Abend – Malcesine, Porto Nuovo

Sonntagabend - Die Liebenden

Samstag morgens – Zia Pina

Vormittag – Stazione Carabinieri

Vormittag – Malcesine, Strand

Abend – Malcesine, Porto Nuovo

Abend – Malcesine, Santo Cielo

Sonntag frühmorgens – Zia Pina

Vormittag – Malcesine, Stazione Carabinieri

Vormittag – Limone, Anlegestelle

Nachmittag – Malcesine, Carabinieri-Station

Abend – Malcesine, Porto Nuovo

Montag morgens – Carabinieri-Station von Malcesine

Vormittag – Malcesine, Carabinieri-Station

Nachmittag – Rovereto, Via Castel Dante

Abend – Malcesine, Porto Nuovo

Nacht – Malcesine, Via Casella

Die Liebenden

3. Akt

Dienstag morgens – Malcesine, Via Casella

Vormittag – Malcesine, Carabinieri-Station

Vormittag – Malcesine, Dottor De Moniga

Vormittag – Malcesine, Via Casella

Nachmittag – Fahrt von Malcesine nach Verona

Nachmittag – Verona, Firma Facchetti

Nachmittag – Fahrt von Verona nach Malcesine

Abend – Malcesine, Via Casella

Abend – Malcesine, Da Gigi

Mittwoch vormittags – Malcesine, Carabinieri-Station

Vormittag – Fahrt von Malcesine nach Limone

Vormittag – Limone

Mittagszeit – Malcesine, Restaurant Da Gino

Nachmittag – Malcesine, Via Casella

Abend – Malcesine, Porto Nuovo

Abend – Malcesine

Abend – Malcesine, Isola del Sogno

Freitag abends – Via Cappello

Er

Danke

Kriminelles Südtirol

Krimis vom Gardasee

Andere Krimis von Heidi Troi

Über die Autorin

Italienische Begriffe

KLAPPENTEXT

Marescialla Bianca Rossi wird zu einem Fall am Gardasee abkommandiert. Die Millionenerbin der Familie Facchetti, Giulia, ist verschwunden. Alles deutet auf Entführung hin, doch der Entführer lässt nichts von sich hören und die Zeit drängt. Die öffentliche Bekanntgabe der Verlobung zwischen Giulia Facchetti und Benedetto Paris steht nämlich kurz bevor. Dann wird ein Boot ans Ufer des Gardasees gespült, in dem sich zwei Männerleichen befinden. Einer der Toten ist der Geschäftsführer der Facchetti-Group und Giulias Pate.

Bianca Rossi stürzt sich in die Ermittlungen. Doch der ihr zugeteilte Beamte Ugo Lorenzini stiftet mehr Verwirrung, als dass er ihr assistiert, und dann sind da noch Biancas eigene Dämonen, gegen die sie kämpfen muss.

ER

Er sah genau in dem Moment aus dem Fenster, in dem sie dem Wagen entstieg. Sah, wie sie die Wagentür hinter sich zuschlug, den Rücken streckte und das Kinn hob. Sie war eine Kämpferin. Das merkte er sofort. Kein Mäuschen, mit dem er leichtes Spiel haben würde. Aber er würde trotzdem gewinnen. Denn er war ein Tiger. Und sie nur eine Frau. Er grinste selbstgefällig. Der Vorhang hob sich.

1. AKT

DIENSTAG, MORGENS – GARDESANA EST

Die Carabinieri-Marescialla Bianca Rossi trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad ihres Fiat Cinquecento. Dass der Verkehr auf der Gardesana, der Gardasee-Uferstraße, der Wahnsinn war, hatte sie gewusst. Dass sie aber bereits um diese Zeit in einer stockenden Kolonne nur im Schritttempo weiterkommen würde, hatte sie nicht geahnt.

Genervt beobachtete sie einen jungen Mann mit sonnengebräunter Haut, der am Straßenrand entlangspazierte – einen Gehweg gab es auf der Gardesana ja auf langen Abschnitten keinen – und ein Surfsegel transportierte. Ein Windstoß fuhr in das Segel und brachte den jungen Mann aus dem Gleichgewicht. Der Wagen, der knapp dahinter fuhr, bremste scharf ab, die Reifen quietschten auf dem Asphalt.

Bianca drückte das Bremspedal ebenfalls voll durch. Hinter ihr ertönte wütendes Hupen.

»Stronzo⁠1«, knurrte sie. Kurz überlegte sie, ob sie aussteigen, sich als Marescialla outen und dem ungeduldigen Kerl hinter sich einen morgendlichen Schrecken einjagen sollte, da überquerte eine Familie mit zwei Kindern die Straße – natürlich nicht zwanzig Meter weiter vorn, wo ein Zebrastreifen eingezeichnet war, sondern einfach blindlings dort, wo es am praktischsten war. Wieder musste Bianca scharf abbremsen.

Als ihr Tenente Suppa gestern Abend eröffnet hatte, dass sie die Ermittlungen im Fall Facchetti leiten sollte, war sie nicht begeistert gewesen. Auch wenn der Gardasee eines der schönsten Plätzchen auf der Erde war, konnte sie dieser Tourismus-Hochburg nichts abgewinnen. Zu viel Trubel, zu viel Gewimmel, alles auf Hochglanz poliert, auf die Touristen ausgerichtet. Linkerhand lag der See, blau glitzernd. Hier, kurz vor Torri del Benaco, verengte er sich und man konnte das westliche Seeufer gut erkennen.

Der Traghetto, das Passagierschiff, das die Uferstädte miteinander verband, hatte gerade abgelegt und fuhr Richtung Süden davon, wahrscheinlich nach Sirmione, eine der vielen malerischen Städte, die rund um den Gardasee gelegen waren.

Wieder geriet die Autoschlange vor ihr ins Stocken und kam kurz darauf ganz zum Stillstand. Bianca seufzte. Das machte ja ein tolles Bild, wenn sie gleich am ersten Tag zu spät kam. In der Carabinieri-Station von Malcesine erwartete man sie in einer guten Viertelstunde. Das war nicht einmal bei autofreier Straße zu schaffen.

Bianca ließ ihren Blick über den See schweifen. Eine leichte Brise kräuselte die Seeoberfläche. Boote dümpelten im Wasser. Der schmale Uferstreifen war bereits um diese Tageszeit dicht an dicht mit Menschen bevölkert, die sich wie die Sardinen von der Sonne braten ließen. Die Hänge rechts von ihr waren mit Olivenhainen überzogen, dazwischen Zypressen und protzige Villen. Eine fiel ihr besonders auf. Gewaltige Säulen erinnerten an einen griechischen Tempel, davor ein Meer an rosafarbenen und weißen Oleanderblüten. So oder ähnlich würde die Villa der Facchettis aussehen, überlegte Bianca, deren einzige Tochter Giulia spurlos verschwunden war. Eine Entführung lag nahe, doch bisher hatte sich kein Entführer mit Lösegeldforderungen gemeldet, konnte man den Angaben der Familie glauben. Was wusste sie über die Facchettis?

Bianca zog die Augenbrauen zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren. Die Facchettis waren eine der großen Industriellenfamilien Norditaliens. Ihnen gehörte ein Imperium, das aus einer Vielzahl aus großen und kleinen Unternehmen bestand, von denen man oft nicht einmal wusste, dass sie zu diesem Imperium gehörten.

Erst kürzlich war Bianca ein Artikel in einer der größten italienischen Tageszeitungen La Repubblica untergekommen, die Signor Bruno Facchetti als einen der zehn reichsten Männer Italiens porträtiert hatte. Mehrere Milliarden Umsatz machte sein Unternehmen jährlich. Ein verlockendes Sümmchen für einen Entführer.

Doch bisher hatte sich niemand mit einer Forderung an die Facchettis gewandt und das machte Bianca stutzig. Steckte doch etwas anderes dahinter?

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war neun. Noch gute zwanzig Kilometer und der Verkehr wurde nicht besser. Bianca beschloss, in der Carabinieri-Station von Malcesine anzurufen.

VORMITTAG – STAZIONE CARABINIERI DI MALCESINE

Eine gute Stunde später stieg Bianca aus ihrem Cinquecento. Sie war schweißgebadet. So praktisch der Kleinwagen in ihrer Heimatstadt Verona war, für eine längere Fahrt im Schritttempo eignete er sich nicht. Vor allem die Klimaanlage nicht, die am besten bei 100 Stundenkilometern auf der Autobahn arbeitete. Je langsamer man fuhr, desto weniger kühlte die Klimaanlage. Im Stau war ihre Leistung gleich null. Trotzdem hätte Bianca ihren Cinquecento nie gegen einen anderen Wagen eingetauscht. Er war Ausdruck ihres Nationalbewusstseins und außerdem ein Statement für italienischen Lebensstil.

Ein korpulenter Mittfünfziger in Carabinieri-Uniform eilte ihr mit einem eilfertigen Lächeln entgegen. Mit einiger Genugtuung registrierte sie die kleinen Schweißtropfen auf seiner Stirn.

»Pacifico?«, vermutete sie.

Er salutierte und wischte sich dabei unauffällig den Schweiß von der Stirn. »Zu Diensten, Marescialla Rossi. Willkommen, willkommen! Der Gardasee zeigt sich gleich von seiner besten Seite, nicht wahr?« Er wies auf den strahlend blauen Himmel und das verlockend funkelnde Wasser, vor dem sich die Scaligerburg abhob – das Wahrzeichen von Malcesine.

»Wenn Sie den Verkehr meinen: ja«, sagte Bianca kurzangebunden.

»Ja, der Verkehr«, sagte Sergente Pacifico und grinste verschmitzt. »Wir sagen hier: Man kann nicht schneller schwimmen als der Strom. Es nutzt eh nichts, wenn man sich darüber aufregt. Im Gegenteil: Es werden mehr und immer mehr Touristen. Ist einfach zu schön bei uns.«

Bianca schnaubte. Dann meinte sie: »Ich brauche eine Klimaanlage. Können wir?« Sie deutete auf die Carabinieri-Station.

Es war ein großer gelber Kasten, auf dem groß das Schild CARABINIERI prangte. Im Schatten einer hohen Pinie parkte ein alter Alfa Romeo. EI stand noch auf seinem Nummernschild. Esercito Italiano – italienisches Heer. Der Wagen musste Nostalgiewert für jemanden in der Station haben. Inzwischen stand nämlich auf dem Autokennzeichen aller Carabinieri-Wagen CC für Corpo Carabinieri im Nummernschild. Rund um das Carabinieri-Areal verlief ein hoher Zaun, auf dem alle paar Meter das Schild mit der Aufschrift Zona militare. Confine invalicabile hing – Militärzone. Unpassierbare Grenze.

Bianca folgte Pacifico die paar Stufen hoch zu dem Portal und betrat hinter ihm die Station. Es empfing sie das übliche Sammelsurium an Büromobiliar, das eher praktisch als schön war, die sauber getünchten Wände voll gehängt mit Fotorahmen, in denen italienische Politiker irgendwelchen Carabinieri jovial die Hände schüttelten, der Ventilator, der müde an der Decke rotierte. Vier Männer, keine Frau. Alles wie gehabt.

»Di Bello? Faustini? Lorenzini? Darf ich vorstellen? Marescialla Bianca Rossi. Sie wurde uns vom Hauptsitz in Verona für den Fall Facchetti zugeteilt.«

Drei Männer musterten sie aufmerksam. Die zwei jüngeren waren die üblichen Jungspunde, die den Beruf der Uniform wegen gewählt hatten und weil sie die Hoffnung hatten, irgendwann in ihrer Karriere einen Einsatz mit dem Lamborghini der Carabinieri fahren zu dürfen. Sie saßen da mit erwartungsvollen Gesichtern, die Haare mit Wachs gestylt und den Waffengürtel immer am Leib – der Coolness wegen. Sie würden keine Probleme machen.

Der Dritte im Bunde war ein anderes Kaliber. Das erkannte sie sofort. Er ging auf die Fünfzig zu und verkörperte das Ideal eines Italieners. Glutäugig, durchtrainiert, gutaussehend. Er strahlte eine gewisse Arroganz aus, die den Frauen vermitteln sollte, dass sie sich geschmeichelt fühlen konnten, wenn er ihnen seine Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ und mit dieser Arroganz musterte er Bianca, während Pacifico all ihre Verdienste aufzählte. Bianca wusste sofort, woran sie an ihm war und hob kaum merklich das Kinn. Wie sie diese Typen hasste.

Sergente Pacifico hatte geendet und sah sie erwartungsvoll an.

»Wer hat bisher die Ermittlung geführt?«, fragte sie eine Spur kühler, als sie es vorgehabt hatte.

Wie auf Kommando wandten sich aller Augen dem ältesten der drei Beamten zu und Bianca sandte einen innerlichen Stoßseufzer aus. Warum hatte der Himmel nie ein Einsehen mit ihr? Warum geriet sie immer an denselben Schlag von Männern – sei es in ihren Beziehungen, sei es beruflich. »Ihr Name?«

»Lorenzini«, war die Antwort.

»Stehen Sie auf, wenn ich mit Ihnen spreche«, verlangte Bianca. Sie wusste, sie ließ sich gerade auf einen Machtkampf ein, aber das verächtliche Verhalten dieses Kerls reizte sie.

Betont lässig wälzte sich der Carabiniere aus dem Bürosessel.

Sergente Pacifico schnappte nach Luft, doch Bianca legte ihm die Hand auf den Unterarm.

Mit diesem Kerl musste sie selbst fertigwerden. Nein, falsch. Mit diesem Kerl würde sie selbst fertigwerden. Genau wie sie immer mit diesem Schlag fertig wurde. Fast immer …

In ihrem Magen bildete sich ein Knoten, wenn sie an Tiziano dachte, der ein Zwilling dieses Lorenzini hätte sein können – schwarzhaarig, sehnig, ein Mittvierziger, der sich sehen lassen konnte und doch ein arrogantes Arschloch.

Wie dieser Carabiniere, mit dem sie bis zur Aufklärung des vorliegenden Falls wohl oder übel würde zusammenarbeiten müssen. Der jetzt hinter seinem Schreibtisch stand und sie mit verächtlichem Blick taxierte.

»Gibt es einen Besprechungsraum?«, fragte Bianca, ohne ihren neuen Kollegen aus den Augen zu lassen. Sergente Pacifico wuselte auf eine Tür zu, öffnete sie und deutete einladend auf das Innere. »Nach Ihnen«, sagte Bianca und nahm mit Genugtuung Lorenzinis Ärger zur Kenntnis, als er als Erster den Blickkontakt abbrechen musste, um in das Besprechungszimmer zu gelangen.

VORMITTAG – BAR BEPPO

»Sie kennen den Weg. Fahren Sie«, sagte Bianca, als sie nach der ausgesprochen kurzen Besprechung die Stazione Carabinieri di Malcesine verließen, und steuerte auf den alten Alfa Romeo zu.

Lorenzini schaute auf die protzige Armbanduhr, die sein Handgelenk schmückte. »Ehí no«, sagte er bedauernd. »Zeit für die gesetzlich vorgeschriebene Kaffeepause.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er das Hoheitsgebiet der Carabinieri und überquerte die Straße zum Café am Eck.

Bianca schnaufte hörbar durch. Am liebsten hätte sie diesen arroganten Schnösel von Appuntato⁠1 am Ohr gepackt und wie ein trotziges Kind in den Alfa Romeo Typ Giulia gesetzt. Doch sie wusste, dass das nichts bringen würde, und entschloss sich zu einer anderen Taktik.

Gleich hinter Lorenzini betrat sie das Café. Ein paar hässliche Aluminiumsessel scharten sich unordentlich um ebenso hässliche Tische. An einem saß ein deutsches Urlauberpaar, das aussah, als hätte es noch ein paar Stunden Schlaf nötig. Die anderen Tische waren leer. Der Italiener frühstückte im Stehen am Tresen – am Banco – und wurde dafür mit einem besseren Preis belohnt.

Auch Lorenzini steuerte den Banco an und Bianca stellte sich wie selbstverständlich neben ihn.

»Due«, rief sie dem Betreiber des Cafés mit einem liebenswürdigen Lächeln zu. »Und sie gehen auf mich.«

Der glatzköpfige Mann in Schwarz nickte wortlos und nahm eine zweite Espressotasse von der Kaffeemaschine.

Bianca stellte sich neben Lorenzini an die Theke und sah zu, wie der Kaffee in die Tassen lief. »Auch noch ein Croissant für meinen Kollegen und mich.«

»Crema, cioccolato oder marmellata«, fragte der Mann, ohne sie anzusehen.

»Crema.«

Ein Croissant mit Vanillecreme landete auf einem kleinen Teller, auf dem Teller, den er Lorenzini zuschob, ein Croissant mit Schokolade. Er war Stammgast hier, das erkannte man an diesen Kleinigkeiten. Trotzdem würde Bianca den Betreiber des Cafés für sich einnehmen und über ihn vielleicht auch Lorenzini.

»Schönes Café«, sagte sie freundlich.

Der Glatzkopf nickte unverbindlich und wandte sich Lorenzini zu. »Gestern? Hellas?«

Lorenzini nickte. »Chebatosta⁠2!«

Bianca war froh darüber, dass sie gestern beim Bügeln zufällig das Serie-A-Spiel zwischen dem Fußballverein Hellas Verona und Juventus hatte laufen lassen und an den richtigen Stellen – nämlich dann, wenn aus den umliegenden Wohnungen kollektives Stöhnen oder Jubeln laut wurde – auch die Wiederholungen der spannenden Szenen angesehen hatte.

»Wirklich, ja«, pflichtete sie Lorenzini bei. Dann wiederholte sie, was ihr Nachbar gestern über seinen Balkon zum gegenüberliegenden Nachbarn gemeint hatte: »Der Schiedsrichter war entweder besoffen oder geschmiert.«

Als wäre sie nicht im selben Raum, meinte Lorenzini. »Wenn da mal nicht in ein paar Tagen rauskommt, dass der Schiedsrichter geschmiert war.«

Der Glatzkopf nickte. »Tät mich nicht wundern. Was hast du heute vor?«

Wieder setzte Bianca zum Sprechen an, doch Lorenzini kam ihr zuvor. »Nochmal mit den Facchettis reden.«

Der Glatzkopf nickte. »In bocca al lupo⁠3.« Dann wandte er sich an Bianca. »Sechs Euro, Signora.« Während Bianca in ihrer Geldbörse nach den passenden Münzen kramte, verließ Lorenzini das Lokal.

MITTAG – VILLA FACCHETTI

Es war mittlerweile halb elf. Die Sonne stand hoch über dem Gardasee und ließ seine Oberfläche glitzern, dass es in den Augen schmerzte. Auf der anderen Seite konnte man das Städtchen Limone erkennen, das Bianca von einem Schulausflug in der Oberschule kannte. Damals hatten sie den Limonaio besucht, in dem die Zitronen wuchsen, die jeder mit dem Gardasee in Verbindung brachte. »Das Land, wo die Zitronen blüh’n«, hatte Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gedicht geschrieben und damit sicher den Gardasee im Kopf gehabt – der ihn im Übrigen nicht allzu freundlich empfangen hatte. Der Dichterfürst war ausgerechnet in Malcesine der Spionage verdächtigt und für einige Wochen in ein Verlies gesperrt worden.

Während Lorenzini noch einmal ins Büro sprang, um den Wagenschlüssel zu holen, ließ Bianca den Blick über die kleine Stadt schweifen. Links die hässliche Kirche von Malcesine, rechts die Scaligerburg, die irgendwann im 13. Jahrhundert auf den Ruinen einer langobardischen Festung von den Scaligern, einem alten Veroneser Adelsgeschlecht, erbaut worden war. Erhaben ragte der Bergfried aus dem Gewirr von Gassen und Gässchen, und Bianca hoffte, dass sie irgendwann Zeit haben würde, die alte Burganlage zu besichtigen.

Da kam Lorenzini aus der Carabinieri-Station, ließ den Autoschlüssel triumphierend um seinen Zeigefinger kreisen. »Ich hoffe, Sie haben einen starken Magen, Marescialla.« Mit diesen Worten stieg er ins Auto und drückte zweimal kurz auf die Hupe.

Bianca unterdrückte den Impuls, ihn zurechtzuweisen. »Fahren Sie schon los«, schnappte sie und griff, als er mit mehr Schwung als nötig durch das schmale schmiedeeiserne Gatter fuhr, haltsuchend nach dem Türgriff. Beinahe hätte er dabei noch die Seite des Carabinieri-Wagens aufgeschrammt.

Als sie sein selbstzufriedenes Grinsen sah, biss sie sich wieder auf die Wange. Sie musste ihre Rügen wohldosiert einsetzen. Das wusste sie. Nicht eingehen auf seine Provokationen. Ihm den Wind aus den Segeln nehmen. Durch ihre Professionalität triumphieren … und ihn dumm aus der Wäsche gucken lassen.

Ihre Finger krallten sich um ihre kleine Handtasche, malträtierten das Leder, und am liebsten hätte Bianca mit Lorenzini dasselbe getan.

Genauso schwungvoll, wie er die Ausfahrt genommen hatte, jagte ihr neuer Kollege jetzt das Dienstauto eine schmale Straße hoch, die in mehreren Serpentinen an Herrschaftsvillen vorbeiführte.

Wer hier seine Villa stehen hat, nagt mal sicher nicht am Hungertuch, dachte Bianca bewundernd. Je höher sie aufstiegen, desto prachtvoller wurden die Gebäude und desto weitläufiger die dazugehörigen Grünanlagen. Pools und teure Schlitten unterstrichen den Reichtum – zumindest da, wo man Einsicht in die Grundstücke hatte. Die meisten Villen waren durch hohe Hecken oder Mauern vor neugierigen Blicken geschützt.

»Ehi sí«, sagte Lorenzini, der ihre Blicke wahrnahm. »Hier leben die Reichen und Schönen. Keine 0815-Touristen, die mit einem Koffer voller Badesachen kommen und sich von Pizza Al Taglio ernähren.«

Bianca antwortete nichts, dachte aber, dass es sich hier sicher gut leben ließ, inmitten von duftenden Olivenhainen, Palmen und Oleander. Sie betrachtete im Vorbeifahren die an die antike Sagenwelt angelehnten Statuen aus weißem Marmor, die die Eingänge schmückten, registrierte die gut versteckten Videokameras, die garantiert bei der kleinsten Bewegung eine Warnung an die Besitzer der Villen und die Carabinieri verschickten. Bianca konnte sich vorstellen, wie oft die Carabinieri des Ortes wegen einer zu fett geratenen Katze aufbrechen mussten.

Was war das doch für eine andere Welt als die, in der sie sich bewegte …

Nach mehreren Serpentinen, die ihren Magen Dank Lorenzinis Fahrstil stark strapazierten, erreichten sie das Sommerdomizil der Facchettis, eine Villa ganz im Stil der alten römischen Wohnhäuser, die zwischen blühenden Oleanderbüschen und Palmen hoch über Malcesine thronte und einen herrlichen Ausblick auf den Gardasee und das Städtchen bot.

Kaum blieb Lorenzini vor dem Tor der Villa stehen, glitt es automatisch zur Seite und sie rollten in den kleinen gepflasterten Vorhof, der mit Einsatzwagen der Kollegen vom RIS⁠1 vollgeparkt war.

»Però«, ließ Lorenzini ehrfurchtsvoll verlauten und sah sich staunend um. Zwei bronzene Löwen bewachten eine geschwungene Steintreppe, die hoch zu einem stattlichen Wohnhaus führte. Eine Bougainvillea rankte sich an einer der Säulen empor und überzog sie mit einem Teppich von pinken Blüten.

Im Honigduft der Oleanderblüten schwang auch eine Nuance Chlor von einem Swimmingpool mit, den Bianca hinter einer dichten Thuja-Hecke vermutete.

Ihr Telefon vibrierte. Eine unbekannte Nummer leuchtete auf. Vielleicht Sergente Pacifico? Sie nahm den Anruf entgegen. »Pronto?«

»Können wir reden?«

»Tiziano …« Ihr Körper ging in den Alarmmodus. »Ich habe schon alles gesagt, was ich sagen musste.«

»Aber ich nicht.«

»Das ist dein Problem.« Bianca fing Lorenzinis neugierigen Blick auf und drehte sich weg. »Hör auf, mir nachzustellen.«

»Bianca«, Tizianos Stimme klang drängend. »Du kannst doch nicht so einfach … ohne mich …«

»Ich bin bei der Arbeit. Ich muss auflegen.«

»Dann heute Abend …«

Bianca unterbrach mit zittrigen Fingern das Gespräch. Sie wollte diese Stimme nicht mehr hören. Nicht jetzt und nicht heute Abend. Unter das Kapitel Tiziano hatte sie einen Schlussstrich gezogen. Wurde Zeit, dass auch er das verstand.

»Santo cielo⁠2«, kam es da wieder von Lorenzini, der einen Feigenbaum entdeckt und sich kurzerhand daran bedient hatte. »Sind die süß!«

Bianca war versucht, ihm auf die Finger zu klopfen. Hatte sie es mit einem Kleinkind zu tun, das nicht zwischen Mein und Dein zu unterscheiden wusste? »Wir sind im Dienst, Lorenzini!«, rief sie ihn mahnend zur Räson.

Er zog seine Hand zurück und setzte eine sauertöpfische Miene auf. Ihr entging jedoch nicht, dass er sich im Vorbeigehen eine weitere Feige vom Baum pflückte. Sie seufzte. Warum hatte das Schicksal ihr nicht eine der anderen beiden Lachnummern zugedacht. Warum diesen aufmüpfigen Kerl?

»Putzen Sie sich zumindest den Saft vom Kinn«, zischte sie, während sie auf den Klingelknopf drückte. »Die Leute sollen nicht auf den ersten Blick erkennen, dass die Carabinieri ihr Personal im Schweinestall rekrutieren.«

Ein melodischer Dreiklang ertönte, in dem das dahingeknurrte Sissignora von Lorenzini beinahe unterging, vielleicht auch deswegen, weil er hektisch mit dem Ärmel seiner Uniformjacke über sein Kinn rieb. Na bravo!

Mit einiger Genugtuung registrierte Bianca die kleinen Schweißtröpfchen, die sich auf der Stirn dieses missratenen Kollegen gebildet hatten. Energisch drückte sie noch einmal auf die Klingel. Der Dreiklang ertönte wieder und endlich wurden hinter der Türe Schritte laut.

Ein großer Mann in dem weißen Overall der Spurensicherung öffnete. Kapuze und Mundschutz ließen nur seine stechend blauen Augen sehen. Sein Blick glitt über ihr Dekolleté und seine buschigen Augenbrauen hoben sich anerkennend.

»Marescialla? Marco, mein Name.« Noch so einer, dachte Bianca und hob wieder gebieterisch ihr Kinn, worauf er schnell »Zanatta. Capitano Zanatta.« hinzufügte.

»Marescialla Bianca Rossi. Haben Sie schon Informationen für mich, Capitano?«

Zanatta pendelte vage mit dem Kopf hin und her. »Es deutet alles auf eine Entführung hin. Oben in ihrem Zimmer herrscht ein ziemliches Durcheinander, umgeworfene Möbel, Schleifspuren am Boden – aber bisher haben wir keinen Hinweis auf den Täter gefunden.«

Bianca ließ ihren Blick über den spiegelglatten Boden der Eingangshalle aus Carrara-Marmor wandern. »Fingerabdrücke? Fußspuren?«

»Nichts. Als wäre der Täter geschwebt.«

Sie zog ungläubig eine Augenbraue hoch. »Dann haben wir es also mit einem Geist zu tun? Passen Sie bloß auf, dass das die Presse nicht hört. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Il fantasma di Malcesine⁠3!«

»Ja, was das angeht …« Der Beamte der RIS druckste herum.

»Was?«

»Die Eltern des Mädchens bestehen darauf, dass nichts an die Öffentlichkeit dringt. Sie haben uns sogar eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben lassen. Das wird Ihnen auch noch …«

»Wie bitte?« Hatten die Facchettis nichts Besseres zu tun, als die Beamten mit einer Geheimhaltungserklärung von der Arbeit abzuhalten? »Wo finde ich die beiden?«

Zanatta deutete mit dem Kinn in die Richtung einer Glastür. Dahinter lag ein gepflegter Garten, in dessen Mitte ein unverhältnismäßig großer Pool lag, dessen Wasseroberfläche in der Sonne glitzerte. An seinem Rand ließ eine Frau in den Fünfzigern gedankenverloren ihre Beine im Wasser baumeln. Ihr Gesicht wurde von einem überdimensionalen Sonnenhut überschattet.

Im Schatten einer Pinie saß ein Mann auf einem Liegestuhl und blätterte gelangweilt in einer Zeitung. Neben ihm stand ein bunter, professionell gemixter Cocktail auf einem Tischchen – mit Ananasscheibe und Schirmchen.

Ein friedliches Bild, das von einem lautlos über die grüne Rasenfläche rollenden Mähroboter noch unterstrichen wurde.

»Besorgte Eltern schauen anders aus«, stellte Lorenzini leise fest.

»Oh, sie sind besorgt, das können Sie mir glauben.« Zanatta verzog verächtlich das Gesicht.

»Nur nicht um ihre Tochter«, ergänzte Bianca seinen Kommentar sarkastisch. »Sondern um die Aktienkurse ihrer Firma.«

Capitano Zanatta nickte.

Bianca straffte sich. »Lassen Sie sich nicht aufhalten, Capitano.«

Zanatta verstand den Wink, sich wieder an seine Arbeit zu begeben, salutierte und verschwand ins obere Stockwerk. An der Art, wie er davonstiefelte, glaubte Bianca zu erkennen, dass er beleidigt war.

Gut gemacht, dachte sie grantig. Und wieder hast du einen Freund mehr gewonnen. Aber was sollte sie machen? Wenn man in dieser von Männern dominierten Welt nicht lernte, den Kollegen – gleich welchen Ranges – sofort bei der ersten Begegnung den Schneid abzukaufen, hatte man verspielt.

Das war eine der ersten Lektionen gewesen, die sie am Beginn ihrer Karriere schmerzhaft gelernt hatte. Die zweite war gewesen, dass dieses Spiel eine Gratwanderung war, dass man dafür mehr Feingefühl brauchte, als ein Herzchirurg beim Einsetzen eines Stents, denn die Machos fühlten sich leicht auf den Schlips getreten und machten einem danach das Leben schwer. Auch bei Zanatta hatte sie diese Grenze offenbar überschritten.

»Signora Facchetti?« Mit geradem Rücken trat Bianca auf den Rasen hinaus. »Marescialla Rossi vom Comando Provinciale der Carabinieri von Verona.« Ihr Lächeln, das wusste sie, drückte gleichzeitig Mitgefühl und geschäftige Professionalität aus. Sie streckte Signora Facchetti die Hand hin und nickte in die Richtung ihres Ehemanns. »Dürfte ich ein paar Worte mit Ihnen wechseln?«

»Natürlich«, sagte Signora Facchetti, machte jedoch keine Anstalten, sich zu erheben.

»Vielleicht an einem passenderen Ort«, sagte Bianca und lächelte freundlich. »Ich warte auch gern, bis Sie sich angezogen haben.« Reich hin oder her. Die Leute sollten sich gefälligst an die Regeln des Anstands halten.

Mit Genugtuung beobachtete sie, wie Signora Facchetti ihre Beine aus dem Wasser zog, wobei leises Plätschern ertönte. Dann stemmte sie sich hoch, hangelte ein Strandkleid von einem Liegestuhl und warf es sich über, während ihr Ehemann sein Hawaiihemd nachlässig über seinem Wohlstandsbauch zuknöpfte.

»Kommen Sie.«

Bianca folgte der Dame ins Innere des Hauses, wo sie mit einer manierierten Geste eingeladen wurde, auf einem protzigen schwarzen Ledersofa Platz zu nehmen.

»Bevor wir irgendetwas unternehmen, möchten wir Sie bitten, diese Geheimhaltungserklärung zu unterschreiben«, sagte Signora Facchetti und schob ein Formular über ein Glastischchen in ihre Richtung.

Bianca ging über die Forderung hinweg. »Wann haben Sie Ihre Tochter zuletzt gesehen?«

»Ich sage nichts, bevor Sie dieses Formular nicht unterschreiben.«

»Wie wär’s damit: Wenn Sie nicht mit mir zusammenarbeiten, werde ich sofort nach Verlassen Ihres Hauses eine Pressemitteilung an alle regionalen und überregionalen Tageszeitungen rauslassen, in denen Ihre Tochter abgebildet ist – darüber riesengroß: Giulia Facchetti – Chi l’ha visto⁠4?«

Signora Facchetti zuckte zusammen und knickte ein. »Wir haben sie vorgestern am Abend zum letzten Mal gesehen. Das haben wir bei der Vermisstenmeldung bereits angegeben.«

Bianca wechselte einen Blick mit Lorenzini, dessen Miene pure Herablassung ausdrückte. »Signora Facchetti, Maresciallo Rossi …«

»Marescialla«, korrigierte ihn Bianca automatisch. Auch wenn bei den Carabinieri die männliche Anrede für alle Geschlechter üblich war, bestand sie immer auf der weiblichen Anrede.

Natürlich gab das Lorenzini wieder Anlass, seine Verachtung zu zeigen. »Marescialla«, wiederholte er, betonte dabei das A am Ende und grinste süffisant Richtung Ehepaar Facchetti. »Marescialla Rossi wurde vom Comando Provinciale mit der Ermittlung beauftragt. Wir werden ihr natürlich zur Seite stehen.« In seinen Worten schwang mit, dass er der Meinung war, dass Bianca ohne die Unterstützung der männlichen Besatzung der Carabinieri-Station di Malcesine nicht in der Lage war, sich selbst die Schnürsenkel zuzubinden.

Als Signora Facchetti auch noch zufrieden bei seinen Worten nickte, fühlte Bianca, wie die Wut in ihr hochkochte, und sie musste sich zwingen, das professionelle Lächeln auf ihrem Gesicht zu halten. Sie atmete durch, bevor sie ihrem Kollegen scheinbar zustimmte.

»Ja, Sie sind wirklich eine große Hilfe, Lorenzini«, sagte sie freundlich lächelnd in seine Richtung und versuchte, allen Zynismus aus ihrer Stimme herauszuhalten. »Ich wurde ja bereits umfassend von Ihnen über den Fall informiert. Trotzdem möchte ich alle Einzelheiten noch einmal von Ihnen persönlich hören, Signora Facchetti. Also. Am Sonntag haben Sie Ihre Tochter zum letzten Mal gesehen, sagten Sie?«

Die Signora nickte. »Giulia ist mit Freunden vom Yachtclub ausgegangen. Ihre Clique. Alles nette Leute. So gegen zwei Uhr morgens ist sie wieder nach Hause gekommen.«

»In welcher Verfassung war sie da?«

Ein verlegener Ausdruck erschien auf Signora Facchettis Gesicht. »Ich habe sie nicht gesehen, nur … gehört. Wenn sie … getrunken hat, ist sie beim Heimkommen immer etwas lauter.« Es war ihr sichtlich peinlich, zuzugeben, dass ihre Tochter offenbar auch mal ein Gläschen zu viel konsumierte.

Bianca ging nicht darauf ein. »Gestern haben Sie Giulia dann nicht mehr gesehen?«

Signora Facchetti verneinte. »Wir hatten um zehn Uhr ein Aktionärstreffen und mussten früh raus.«

Bianca kommentierte das mit einem Stirnrunzeln. Früh war bei ihr fünf Uhr morgens, ein normaler Arbeitstag begann bei ihr um halb sieben. Diese Reichen hatten keine Ahnung davon, was früh war. Doch sie ging nicht darauf ein. Dafür fragte sie: »Die Carabinieri haben Sie aber erst heute Morgen verständigt?«

Die Facchettis wechselten einen Blick.

»Wissen Sie, es ist nicht unüblich, dass wir Giulia ein paar Tage lang nicht zu Gesicht bekommen«, meldete sich da endlich auch der Vater zu Wort. »Aber …«

»Die Reinigungsfrau hat Alarm geschlagen«, beendete Signora Facchetti seinen Satz. »In ihrem Zimmer herrschte ein furchtbares Chaos, dabei ist Giulia eine ordentliche junge Frau. Unsere Veronica hatte kein gutes Gefühl beim Anblick des Durcheinanders oben und hat mich verständigt. Ich wollte der jungen Dame eine gehörige Standpauke halten, aber …«, ihre Augen füllten sich mit Tränen, »sie hat ihr Mobiltelefon im Zimmer liegen gelassen. Das ist für sie … ungewöhnlich.«

»Wir haben dann zuerst ihre Freundin Raffaella kontaktiert, aber die hatte Giulia ebenfalls vorgestern Abend zum letzten Mal gesehen«, machte Signore Facchetti weiter und seine Ehefrau fuhr fort: »Raffaella hat dann alle in der Clique kontaktiert, aber niemand wusste was. Marescialla, glauben Sie, dass Sie sie bald finden werden?« Signora Facchetti sah die Beamtin verzweifelt an. »Es ist … dringend. Am Samstag soll nämlich die Verlobungsfeier stattfinden.«

Zum ersten Mal bot sich eine Pause, in der Bianca auch zu Wort kam. »Eine Verlobungsfeier?«

»Ja, Giulia gibt ihre Verlobung mit Benedetto Paris offiziell bekannt«, erklärte Signora Facchetti und ihr Mann erklärte stolz: »Benedetto Paris – von der Paris Group. Sie haben vermutlich davon gehört, dass unsere beiden Firmen eine Fusion anstreben?« Bianca nickte, obwohl sie natürlich nicht davon gehört hatte. Das waren nicht die Nachrichten, die in ihren Kreisen kursierten. »Nun, die Verlobung der beiden besiegelt dieses Bündnis auch noch auf privater Ebene.«

»Die Aktienkurse sind durch die Decke geschossen, seit durchgesickert ist, dass es zu dieser Verlobung kommen wird«, erklärte Signora Facchetti nun selbstgefällig und Bianca ahnte, dass dieses Durchsickern wohl nicht ganz zufällig vonstattengegangen war. »Er ist Alleinerbe der Firma seiner Eltern, dasselbe ist bei Giulia der Fall. Die Aktionäre sehen das mit Wohlwollen und … sie sind so ein schönes Paar«, endete sie schwärmerisch und wechselte einen begeisterten Blick mit ihrem Ehemann.

Doch Bianca hatte keine Lust auf Tüll-Romantik und bremste das Hochgefühl der Brauteltern herunter. »Von diesem Paris haben Sie sicherlich Kontaktdaten.«

»Sie glauben doch nicht …«, Signora Facchettis Gesichtsausdruck wechselte von romantisch-verklärt zu skeptisch, »dass Benedetto seiner Verlobten etwas angetan haben könnte?«

Nein, aber vielleicht sind die beiden einfach abgehauen, um dem Verlobungs-Brimborium zu entgehen, dachte Bianca, ging jedoch auf die Frage der besorgten Mutter nicht weiter ein.

»Haben Sie die Kontaktdaten oder nicht?« Die hochgezogene Augenbraue wirkte auch diesmal.

»Natürlich habe ich sie.« Signora Facchetti langte nach ihrem Mobiltelefon, wischte ein paarmal drauf herum und hielt Bianca dann das Display vor die Nase. »Hier.«

Bianca bedeutete Lorenzini mit einem Nicken, die Nummer abzuschreiben, was er auch tat. Widerwillig zwar, aber immerhin. »Bei der Meldung haben Sie angegeben, dass bisher keine Erpresserbriefe oder -anrufe bei Ihnen eingegangen sind. Ist das immer noch so?«

Die Facchettis nickten.

»Sie halten mich auf dem Laufenden, wenn doch noch etwas eingehen sollte?«

Wieder nickten die Facchettis. Die Visitenkarte, die Bianca ihnen über das Glastischchen hinschob, ließen sie jedoch unberührt.

»Eine letzte Frage: Haben Sie ein Bild Ihrer Tochter, auf dem sie gut zu erkennen ist?«

Signora Facchetti riss die Augen auf. »Ich habe Ihnen doch jetzt auf alle Fragen geantwortet. Sie werden doch nicht an die Öffentlichkeit …«

»Signora Facchetti.« Bianca unterbrach das Gestammel der Mutter mit scharfer Stimme. »Wollen Sie Ihre Tochter finden oder nicht? Ich will sie nämlich finden. Und dazu werde ich alle Kanäle nutzen, die mir zur Verfügung stehen. Solange sich kein Erpresser meldet, gehe ich davon aus, dass Ihre Tochter einfach nur abgehauen ist und da ist die Öffentlichkeit äußerst hilfreich. Wenn Sie mir kein Bild zur Verfügung stellen, wende ich mich an die Boulevardpresse. Ich bin sicher, in der Gente⁠5gibt es ein paar Bildchen, die ich verwenden kann. Wobei ich die Redakteure in dem Fall nicht davon abhalten kann, ihrerseits Vermutungen anzustellen …« Bianca ließ den Gedanken im Raum stehen und sah zu, wie es hinter der Stirn der Facchettis arbeitete.

Endlich gab sich die Signora einen Stoß. »Ich habe eines. Hier. Kann ich es Ihnen irgendwie schicken?«

---ENDE DER LESEPROBE---