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Das hier wird nicht Ihr erstes oder letztes Buch sein, so hoffe ich es für Sie zumindest. Es entstand - wie so viele meiner Gedanken, um in meiner eigenen Welt zu leben und mich nicht mit den realen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Dass sich auf diese Weise nichts an meiner Situation ändert, ist mir durchaus bewusst. Doch nun, nach Beendigung meiner Gedanken, kann ich in ihnen weiterleben, so wie ich es will. Als wären sie wirklich meine eigene Welt.
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2022
L. S. Quentin
ESTIMOPH
Erster Akt
L. S. Quentin
ESTIMOPH
Novelle
Impressum
Texte: © 2020 Copyright by L. S. Quentin
Umschlag:© 2020 Copyright by L. S. Quentin
Verantwortlich
für den Inhalt: Lukas Quentin
Yorckstraße 6
44789 Bochum
Druck:neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Inhaltsverzeichnis
Erste Stunde der ersten Nacht. Vorhang auf.
Zweite Stunde der ersten Nacht. Die Zigaretten werden weniger.
Dritte Stunde der ersten Nacht. Die Standuhr ertönt.
Vierte Stunde der ersten Nacht. 3 Uhr morgens. Kein Anzeichen einer Bewegung abgesehen vom Rauch.
Fünfte Stunde der ersten Nacht. Mitten in der Nacht.
Sechste und letzte Stunde der ersten Nacht. Vor dem Bewusstseinsverlust.
Erste Stunde der zweiten Nacht.
Zweite Stunde der zweiten Nacht.
Vierte Stunde der zweiten Nacht. Alptraum ist passé.
Sechste Stunde der zweiten Nacht. Zweiter Alptraum passé.
Erste Stunde der dritten Nacht. Ein neues Glück.
Zweite Stunde der dritten Nacht.
Dritte Stunde der dritten Nacht. Halluzinationen und Tabletten.
Vierte Stunde der dritten Nacht.
Fünfte Stunde der dritten Nacht. Jetzt.
Wir stehen kurz vor dem Bankrott. Genauer gesagt, bleiben uns drei Tage. Ich kann es weder leugnen, dementieren noch verstehen. Was habe ich falsch gemacht, frage ich Sie. Auf die Billett-Verkäufe habe ich geachtet, auf die Gesundheit und Fitness meiner Akrobaten, ja sogar auf das Futter für die Tiere habe ich strengste Richtlinien verhängt. Jedes Detail dieses riesigen Zahnrades habe ich mit schweizerischer Genauigkeit geprüft und kontrolliert. Und bald sitzen wir allesamt auf dem Trottoir. Nur dass ich befürchte, niemand wird neben mir sitzen bleiben. Jeder für sich hat ein Talent und die Möglichkeit, den Zirkus zu wechseln oder sich sonst wie über Wasser zu halten. Aber was soll der große Begnini tun, ohne seine Manege des Begnini? Ich kann nicht ohne sie leben. Wenn ich wenigstens für sie sterben könnte, wie ein Kapitän, der das sinkende Schiff mit Tapferkeit in die sturmumkämpfte Tiefe der See begleitet, ohne eine seiner faltigen Mienen zu verziehen. Und ziehen kann ich uns nicht aus den roten Zahlen. Wieso gehen die Leute nicht mehr in den Zirkus wie früher - mit denselben kindlich leidenschaftlich großen Augen und dem Herz, das bis zum Halse schlägt? Wieso wird die Haltung der Tiere und der Artistinnen gleichzeitig so viel teurer? Wie soll ich mir das leisten können? Ich weiß es nicht. Und fragen will ich nicht mehr. Ich will handeln.
Der Einzige, der mich zu verstehen scheint, ist unser Clown. Ein miesepetriger Griesgram, aber wenn er für etwas ein Herz hat, dann ist es wie ein Sonnenuntergang über dem Meer. Die Sonne scheint nur für den Betrachter unterzugehen, weil die Reflektion auf dem Wasser sich für jedes Auge individuell bricht. So verhält es sich auch mit dem Clown, wenn er liebt. Und er liebt diesen Zirkus, sowie er den alltäglichen Zirkus bei uns hasst. Besonders den eingebildeten stärksten Mann diesseits des Rheins, der nur seine Muckis im Kopfe hat, verabscheut er aus ehrlichster Seele. Das ist vielleicht das Beste an ihm. Er liebt oder er hasst, aber ich weiß, woran ich an ihm bin – was ich an ihm habe. Ich habe so ein tiefes Verständnis für ihn und eine gewisse Art der Zuneigung, die ich keinem anderen Menschen gegenüber habe. Was nicht schwer ist, da ich die meisten Menschen meide. Oder vielmehr meiden sie mich. Ach, wer weiß das schon so genau. Doch das hat mich nie gestört, zumindest nicht seit ich den Clown kenne. In den fast 20 Jahren, die er nun für mich arbeitet, habe ich keinen Gedanken an die Mühseligkeit mit den anderen Menschen vergeudet. Es ist etwas Rohes, etwas animalisch Treues an ihm, was mich so fasziniert. Ich bin nicht verliebt in ihn und in niemanden außer meinen Mann. Wahrscheinlich bin ich nicht mal in ihn verliebt. Aber kein Mensch hat mich berührt wie mein Clown.
Woher kommt das Geständnis des Verständnisses? Er kam nicht zu mir, noch kam ich zu ihm. Wir kamen zueinander. Ich habe in kleinen Sälen den Moderator für Varieté-Shows gegeben, um mich am Leben zu halten. Das war eine undankbare Aufgabe in einer Zeit, die ich mir lieber in Schwarz-Weiß vorstelle, damit die Hässlichkeit abgestumpfter wirkt und besser eingebettet liegt. Sie war wie der erste Stich eines rostigen alten Schwertes in den Bauch. Wenn ich daran denke, kommt mir das Blut den Halse hoch. Das und das viele Rauchen sind daran schuld. Die Schuld empfinde ich, ehrlich gesagt, als ein dummes Konstrukt. Schuld sollte nicht mehr sein als die kausale Ursache, die sie ist. Schuld klingt negativ, nicht nur weil das Wort `Schul` darin steckt und die Schule schrecklich war, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich ihr fernblieb. Aber Schuld zeigt einfach einen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen, die zeitversetzt stattfinden. Allein die Verneinung des Wortes, also die Unschuld, treibt mich in den Wahnsinn. Wer unschuldig ist, kann nichts dafür, und warum könnte es was mit Sex zu tun haben? Ist die angeborene Keuschheit nichts, wofür man was kann, wenn man ins Alter kommt? Egal, lassen wir die Semantik meiner Wortwahl ruhen. Konzentrieren wir uns auf die Kurzfassung unserer ersten Begegnung: Ich kannte ihn nicht, als ich ihn ankündigte. Man kennt nicht jeden dahergelaufenen Scharlatan, der sich auf eine solche (schwarz-weiße) Bühne verirrt hat, wenn man damit beschäftigt ist, das Nicht-Sterben ernst zu nehmen und deswegen Moderator eines solchen Etablissements ist. Es kamen allerlei komische Gestalten auf die Bühne. Und wer sie auf der Bühne für skurril hält, sollte sie nicht hinter der Bühne kennenlernen. Es gab eine verwirrte Schwertschluckerin. Verwirrt ist leider das einzige Wort, was mir zu ihr einfällt. Sie hat immer geredet, aber ich habe sie nie verstanden. Wenn sie aggressiv auf jemanden eingeredet hat, pflegten diese zu antworten und ich weiß nicht, wie das Gespräch am Laufen gehalten werden konnte, denn ihren Part konnte ich immer noch nicht verstehen, obwohl es sie nicht zu stören schien, was die anderen antworteten. Die wenigen Momente, in denen sie schwieg, waren solche, in denen sie ein Schwert im Rachen hatte. Ansonsten lief sie durch die Flure im Hintergrund und schmiss mit Sachen um sich, aus einer Laune heraus, die mir immer ungewiss blieb. Doch ich schaffte es, sie weitestgehend zu meiden und nicht mit ihr zu sprechen. Einige Male murmelte sie mir etwas hinterher, aber ich ging nie darauf ein. Auch hier gab es eine Reihe von Akrobaten, die im Hintergrund gerne mal Oberkörperfrei ihre Bahnen zogen. Ich denke, sie haben tatsächlich vergessen sich anzuziehen, denn ganz klar waren sie auch nicht im Kopf. Zumindest gehe ich davon aus, weil die Hosen, die sie angenehmerweise immer trugen, häufig im Schritt mit Urin getränkt waren. Sie werden merken, dass sich das Varieté nicht großartig vom Zirkus unterscheiden mag in einigen Punkten und das stimmt, hier habe ich viele meiner späteren Attraktionen zum ersten Mal gesehen.
Mir schien der Begriff „Off“ für den Rand der Bühne als einer der wenigen sinnvoll eingesetzten Wörter in dieser Welt zu sein. Denn dort geht alles aus, was ausgeschaltet werden kann. So verhielt es sich auch mit meinem Clown, wie ich im Nachhinein zumindest stark vermutete, da ich ihn bei späterer Gelegenheit dort im Off beistehen würde. Ich pries ihn an mit Lügen und mir spontan einfallenden Titeln, als ob es um mein Leben ging – zumindest stimmte dieser Teil. Das tat ich bei jedem Artisten und jeder Künstlerin, zum einen, weil es mein Auftrag war, zum anderen, weil ich es liebte. Ich liebte es, als wäre jedes einzelne geflunkerte Wort mein eigen Fleisch und Blut. Dann ging ich von der Bühne, während er sie betrat. Dort in dem versifften alten Schuppen roch ich zum ersten Mal im Vorübergehen den Mann, den ich nie mehr verlassen würde. Das versprach mir sein Geruch. Ist Ihnen sowas schon mal passiert? Sie werden es wahrscheinlich erst bei vergangenen und plötzlich für einen kurzen Moment wiederauftauchenden Gerüchen spüren, was ich meine. Sie denken dann vielleicht an einen Ort, den sie als Kind besucht hatten, um dort Urlaub zu machen oder an eine ehemalig geliebte Person, die immer ein gewisses Parfum zu tragen pflegte. Aber selten kommt es vor, und bei mir nur zwei Mal, dass man einen Geruch kennenlernt und er dann schon das Versprechen der Ewigkeit flüstert. So konnte ich mich nicht hinter der Bühne verlieren und blickte aus dem Off die ganze Zeit auf den Clown. Er war nicht wie Chaplin oder Keaton, aber das schwarz-weiße und die Melancholie beherrschte er, als würde er sie wirklich leben. Da war es zum zweiten Male in kürzester Zeit um mich geschehen. Doch nach seiner Nummer, die beim Publikum nicht anzukommen schien, konnte ich ihn nicht ansprechen und er ging leer an mir vorbei und aus der Tür, die mir dann noch nie so geschlossen vorkam wie in dieser zeitlosen Sekunde. Es dauerte viele Abende bis zu unserem ersten Gespräch und ich bin froh, dass ich nicht die Initiative ergriffen habe, obwohl ich es mir oft vorgestellt habe, denn sonst hätte alles anders laufen können. Meine Intros für seine Auftritte gefielen ihm nicht, sie seien zu pompös gewesen. Er hätte viele Stunden damit vergeudet, sich selbst ein Intro auszudenken und bat mich, folgende Worte in präzise dieser Reihenfolge zu sagen, bevor er die Bühne betreten würde…
„Welch eine Nacht
Welch eine Bühne
Beides falsch verbracht
Hier in dieser Sühne.
Lasst die Hände ruhen
Nur eine viertel Stunde
Beginnt danach zu buhen
Und spendiert ihm eine Runde.
Vorhang auf“
Worte seien nicht seine Stärke, aber besser könnte er es nicht und immerhin entspräche dies mehr der Wahrheit. Und ich tat, wie mir geheißen. Von nun an sprach ich fast jeden Abend diese Worte, die mir schnell im Gedächtnis blieben und insgeheim zu einer Art Mantra für mich wurden. Bald darauf kam das zweite Gespräch und diesmal bekam ich Lob für meine Vortragsweise. Ich schien ihm zu gefallen. So trugen wir uns Gedichte vor und brachten extra Bücher mit zu den Vorstellungen, um uns gegenseitig daraus vorzulesen. Darüber hinaus wechselten wir kein einziges Wort.
Ich lege mich hin zu dem Wissen, dass ich nicht schlafen werde können, welches stets im Bette auf mich wartet. Aber irgendwann muss ich mich ja hinlegen und es gibt den Gedanken, dass sich, wenn ich lange genug liege, mein Körper schlussendlich dazu entscheidet, das Bewusstsein aufzugeben und zu schlafen. Denn darum schlafe ich – um mein Bewusstsein zu verlieren. Es gibt nachts nichts, was mich am nächsten Morgen aufwachen lassen will, doch tue ich es dennoch. Als hätte ich keine Kontrolle über meinen Körper – über meinen Willen. Mein Geist scheint nicht mit dem fleischlichen Dasein, mit meiner Hülle, verbunden zu sein, sonst müsste etwas anders sein. Ich weiß auch nicht was, das können Sie mir glauben, aber ich spüre, etwas müsste dann anders sein. So kann das nicht normal oder gar richtig sein. Obwohl ich richtig und falsch sowieso ablehne. Sie sind das Einzige, was ich wirklich falsch finde, was eine sich selbsterklärende und anschreiende Ironie in sich trägt. Damit könnte man auch meinen Clown beschreiben. Als die einzige Ausnahme eines obsoleten Prinzips oder Konzepts.
