Eternal Partner - Florian Gantner - E-Book

Eternal Partner E-Book

Florian Gantner

0,0
13,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Langzeitarbeitslose Anton Krohn bewirbt sich bei »Eternal Partners«, eine Firma, die darauf spezialisiert ist, Leute zu vermitteln, die Verstorbene stundenweise ersetzen. Krohns neuer Arbeitsplatz ist an der Seite der Witwe des CEO eines multinationalen Unternehmens, mit der Krohn ab nun die Nachmittage verbringen wird. Trotz anfänglicher Skepsis und Widerwillen, findet Krohn aber immer mehr Gefallen an seiner neuen Tätigkeit, denn, obwohl die alte Dame immer mehr von ihm abverlangt, genießt er auch die feinen Anzüge und teuren Weine. Doch als er sich gerade an die Rolle des Arno Wilfing gewöhnt hat, beginnt sich auch in der Firma ein Problem anzubahnen. Dort steht man nämlich vor dem größten Deal der Firmengeschichte. Ein südamerikanischer Großabnehmer besteht auf persönliche Verhandlungen mit dem Verstorbenen. Krohn muss ab jetzt auch auf dem Chefsessel Platz nehmen. Auch wenn sich der Auftrag nur auf seine Anwesenheit reduzieren sollte, beginnt er damit, Strukturen und Abläufe in der Firma zu ändern. Ist er am Ende der bessere Arno? Gantner entwirft in Eternal Partner ein Zukunftsszenario, indem er mit spitzer Zunge auch unsere gegenwärtige Gesellschaft aufs Korn nimmt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

I

II

III

Wir bedanken uns für die finanzielle Unterstützung der Stadt Wien.

© 2024, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Ferdinand Gumpold

Cover: Jürgen Schütz

Coverbild: ©i-stock

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-99120-052-9

Printversion: Hardcover

ISBN: 978-3-99120-046-8

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.instagram.com/septimeverlag

Florian Gantner

FLORIAN GANTNER, geboren 1980 im Salzburger Land, studierte Komparatistik in Innsbruck, St. Ètienne und Wien. Er veröffentlichte bislang fünf Romane sowie Texte für Zeitschriften und Anthologien. Seit 2019 ist er Intendant des Festivals »Literatur findet Land«. Er lebt und arbeitet in Wien.

Klappentext:

Der Langzeitarbeitslose Anton Krohn bewirbt sich bei »Eternal Partners«, eine Firma, die darauf spezialisiert ist, Leute zu vermitteln, die Verstorbene stundenweise ersetzen. Krohns neuer Arbeitsplatz ist an der Seite der Witwe des CEO eines multinationalen Unternehmens, mit der Krohn ab nun die Nachmittage verbringen wird. Trotz anfänglicher Skepsis und Widerwillen, findet Krohn aber immer mehr Gefallen an seiner neuen Tätigkeit, denn, obwohl die alte Dame immer mehr von ihm abverlangt, genießt er auch die feinen Anzüge und teuren Weine. Doch als er sich gerade an die Rolle des Arno Wilfing gewöhnt hat, beginnt sich auch in der Firma ein Problem anzubahnen. Dort steht man nämlich vor dem größten Deal der Firmengeschichte. Ein südamerikanischer Großabnehmer besteht auf persönliche Verhandlungen mit dem Verstorbenen. Krohn muss ab jetzt auch auf dem Chefsessel Platz nehmen. Auch wenn sich der Auftrag nur auf seine Anwesenheit reduzieren sollte, beginnt er damit, Strukturen und Abläufe in der Firma zu ändern. Ist er am Ende der bessere Arno?

Gantner entwirft in Eternal Partner ein Zukunftsszenario, indem er mit spitzer Zunge auch unsere gegenwärtige Gesellschaft aufs Korn nimmt.

Florian Gantner

Eternal Partner

Roman | Septime Verlag

I

1

Das Logo von Eternal Partners, E und P, stellt zwei Personen dar, die sich gegenüberstehen. Anton Krohn klingelt und ist sich nicht ganz sicher, ob das Logo tatsächlich gelungen ist. Bei genauerem Hinsehen könnte der Eindruck entstehen, das E streckte dem P dieHändeentgegen, das sich in Fluchtabsicht umgedreht hat. Der Summer ertönt, die Tür öffnet sich und Krohn betritt die Zentrale aus Glas, Stahl und Marmor.

Im Spiegel des Aufzugs kontrolliert er seine Erscheinung. Er hebt die Arme, nur ein wenig, er ist nicht allein. Schweißflecken in den Achseln. Weshalb zieht er an einem so heißen Tag auch ein dunkelblaues Hemd an?

Aber um ehrlich zu sein, hat sich Krohn bei Vorstellungsgesprächen schon heftigere Schnitzer erlaubt. Etwa bei dem Termin, den ihm sein Sachbearbeiter zuschanzte, nachdem er wieder einmal leise an der Echtheit von Krohns Ambitionen bei der Arbeitssuche gezweifelt hatte. Schnell war klar, dass die Firmenphilosophie der eigenen gründlich widersprach. Was er stillschweigend hätte akzeptieren können, wäre die Bezahlung angemessen gewesen. Und wäre da nicht dieser Schnösel gewesen, halb so alt wie Krohn, aber im Glauben, doppelt so viel von der Welt verstanden zu haben. Der Personaler hatte nach wenigen Sätzen Krohns die Notbremse gezogen und erklärt, dass das Interview von seiner Seite beendet sei.

Krohn atmet einmal tief durch und klopft. Die Personalerin von Eternal Partners winkt ihn herein, bevor er aber den Stuhl erreicht, bremst sie ihn mit erhobener Handfläche:

Kurz stehen bleiben und natürliche Haltung einnehmen, bitte.

Krohn glaubt zu fühlen, wie er von Sensoren abgetastet wird.

Danke.

Die Personalerin blickt auf den Stuhl, eine Aufforderung sich hinzusetzen, und konzentriert sich wieder auf den Monitor. Sie sitzt hinter einem Glasschreibtisch, in dessen Platte eine Tastatur eingelassen ist. Ihr dunkelbraunes Haar trägt sie zu einem Dutt hochgesteckt, ihre weiße Bluse ist makellos. Mit dem Zeigefinger streicht sie über das Display und Krohn hört ein Geräusch, das an das ratternde Rädchen einer Computermaus erinnern soll. Es holpert im schnellen Takt, offensichtlich überfliegtsie die Gewöhnlichkeiten in seinem Lebenslauf. Der Rhythmus wird langsamer, aus dem Rattern ein träges Klicken, sie ist bei der letzten Arbeitsstelle angelangt. Ein Moment beklemmender Stille: Das Klicken ist ins Lebenslaufloch gestürzt, auf ewig verloren. Krohn sieht an den wandernden Augäpfeln der Personalerin, wie sie die beschäftigungslosen Jahre zusammenrechnet. Dann, die unverhoffte Wiederkehr des Klickens: Der Lebenslauf wird geschlossen, der Zeigefinger eingefahren, um ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Augenkontakt und ein bemühtes Lächeln. Aus einer Schublade holt sie einen Schnellhefter hervor, die Mappe enthält ein Blatt Papier. Krohn erkennt sein Bewerbungsschreiben. Ausgedruckt. Die Firma Eternal Partners kommuniziert, dass sie zum einen jede einzelne Bewerbung ernst nimmt (ein Schnellhefter pro Bewerber) und zum anderen alte Usancen pflegt (Wie viele Unternehmen haben heute noch Drucker? Geschweige denn Schnellhefter?).

Sie sind also auf der Suche nach einer Herausforderung.

Anton Krohn ist auf der Suche nach einer Einkommensquelle, nickt aber.

Die Personalerin wendet sich wieder dem Bildschirm zu, tippt ihn an: Bis zuletzt waren Sie Assistent in der Datenerfassung.

Bis zuletzt ist gut. Schmeichelhaft. Weshalb also nicht einen Einblick in die Welt der Datenerfassung gewähren: Ich habe ein Verzeichnis so lange mit Daten gefüttert, bis der Computer eine unbestechliche Systematik erkannt hat. Wodurch ich nicht mehr benötigt wurde. Mit jeder Eingabe habe ich mich einen Schritt weiter ausgelöscht. Absurd, finden Sie nicht?

Die Mimik der Personalerin verrät wenig Verständnis für den hinter der Datenerfassung steckenden Wahnwitz – eher eine tief liegende Gleichgültigkeit gegenüber Krohns Vita. Doch da entdeckt sie etwas in seinem Bewerbungsschreiben: Hier steht, dass Ihre Frau für uns gearbeitet hat.

Krohn nickt.

Womit ich mir die Erläuterung unserer Leitlinien sparen kann, sagt sie und wendet sich erneut dem Monitor zu.

Ich weiß natürlich, was meine Frau so gemacht hat, man redet schließlich miteinander.

Das ist ein wenig ruppig geraten. Du bist im Vorstellungsgespräch, Krohn, wie wär’s mit einer Prise von diesem altmodischen Charme, den du mal besessen hast, erinnerst du dich? Die Frau macht’s einem aber auch nicht gerade leicht. Scheint jedoch nicht verärgert über Krohns Antwort, im Gegenteil, sie fordert ihn auf, ein wenig von sich zu erzählen.

Krohn berichtet von seinem Studium, Sprachwissenschaft, das er erfolgreich abgeschlossen hat. Nur nicht erfolgreich genug, um in die Forschung zu gehen, und sonst sah es für einen Linguisten auf dem Arbeitsmarkt auch nicht allzu rosig aus: zwei Jahre als Essenszusteller beim Hilfswerk, Assistent für einen Rollstuhlfahrer, eine Zeit lang hat er gekellnert. Aber das stehe ohnehin alles im Lebenslauf. Letztlich hat er eben eine Anstellung bei der Datenerfassung gefunden, was zwar keine allzu große intellektuelle Herausforderung mit sich brachte, die unübersehbaren Vorteile waren aber nicht zu leugnen: flexible Zeiteinteilung, anständige Entlohnung. Und dann sagt Krohn etwas, das man normalerweise nicht in einem Vorstellungsgespräch sagt. Doch irgendwie ist er gerade in der Stimmung für Offenheit. Er erklärt, dass er sich auf den Vorteilen vielleicht ein wenig ausgeruht habe, denn jetzt stehe er da mit einer Ausbildung, die ihm nichts bringe, und jahrelanger Berufserfahrung in einem Feld, das abgemäht sei.

Könnten Sie den letzten Satz noch einmal wiederholen, im gleichen Wortlaut, und achten Sie auf die Intonation.

Jetzt stehe ich da mit einer Ausbildung, die mir nichts bringt, und jahrelanger Berufserfahrung in einem Feld, das abgemäht ist.

Die Personalerin nickt zufrieden und tippt auf den Monitor: Ich denke, Sie werden bald von uns hören. Die demografischen Fakten sind nun einmal so, dass an Männern in Ihrem Alter am meisten Bedarf besteht.

Krohn hat seine Probleme damit, sich geschmeichelt zu fühlen. In einem bestimmten Lebensalter zu sein, will ihm nicht recht als Verdienst erscheinen.

Er beobachtet, wie ein Fingertipp der Personalerin einen Metallarm aus einer Wandvertiefung fahren lässt, an dessen Ende sich eine schwarze Scheibe befindet. Sie richtet die Scheibe aus, bis sie sich in Höhe von Krohns Gesicht befindet.

Und jetzt schauen Sie bitte noch hier hinein … Sie erhebt sich, streckt ihm die Hand entgegen. Damit wären wir für heute fertig. Und verabschiedet sich mit einem kräftigenHändedruck.

2

Der vertraute Geruch, sobald er die Tür geöffnet hat. Und wenn sich in den letzten Wochen neue Nuancen daruntergemischt haben, es ist immer noch ihr privater Geruch. So riecht die Wohnung der Krohns.

Als Krohn sich beim Schuhausziehen an der Kommode festhalten will, fährt er erschrocken zurück. Seine Hand hat etwas Kaltes gestreift, das einer glänzenden Kröte gleicht. Krohn wischt die Hand flüchtig an der Hose ab, während er den Gegenstand genauer betrachtet: ein mit silbrig schimmernden Beulen übersäter Steinklumpen. Bruchstück aus einer anderen Welt, den Martha in die Wohnung gebracht hat. Ein weiterer Heilstein, vermutet Krohn. Er schlüpft, ohne sich festzuhalten, aus den Schuhen und geht ins Wohnzimmer.

Martha sitzt vor dem Fernseher. Der Ton ist so leise, dass Krohn kaum etwas versteht. Er hört schlechter als sie, hat sie ihm des Öfteren versichert.

Wie ist die neue Zentrale?, fragt Martha.

Du glaubst, du bist in einem gläsernen Raumschiff. Futuristisch, hell, die Leute sehen alle gleich aus.

Der Vergleich mit dem Raumschiff kommt Krohn abgedroschenvor. Fehlt es an sprachlicher Finesse oder Fantasie, wird jedes Glasbauwerk zum Raumschiff, auf die Schnelle will ihm aber keine bessere Entsprechung einfallen. Nur die Wirkung, die das Gebäude erzeugt, scheint ihm mit einem Mal eindeutig. Die Zentrale von Eternal Partners erweckt den Eindruck, man befände sich im Himmel, genauer: in einem Spielfilm-Himmel, voll blendender Helligkeit und Menschen, die mit selbstvergessenem Lächeln durchs Bild laufen. Martha erzählt er nichts von seinen Gedanken, sagt stattdessen, dass er in die Datenbank aufgenommen wurde.

Sie melden sich.

Martha macht Anstalten aufzustehen.

Brauchst du was? Bleib sitzen.

Er bringt ihr ein Glas Wasser und geht ans Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Über die Straße unten huscht eine Frau, obwohl gerade kein Auto zu sehen ist. Sie hastet auf dem Gehsteig weiter – warum hat sie es so eilig? Sie trägt nichts bei sich, liefert also nichts. Durch ein Fenster im Haus gegenüber sind die Vorgänge auf einem großen Flatscreen zu erkennen. Eine Person läuft durch Gänge, immer wieder schälen sich Gestalten aus dunklen Nischen, ob Mensch oder Untoter ist nicht auszumachen, sie sinken aber stets kurz nach ihrem Erscheinen in sich zusammen. Diese Videospiel-Hölle dort scheint der Zentrale von Eternal Partners gar nicht so unähnlich.

Krohn geht zum Sofa und setzt sich neben Martha.

Auch wenn du immer noch skeptisch bist, ich denke, es könnte dir dort gefallen, sagt sie.

Krohn ist froh, dass sie ihm seine Inkonsequenz nicht vorhält. Was soll das für eine Arbeit sein, hat er zuerst sich selbst, und als er seine Meinung nicht länger verbergen konnte, auch sie gefragt: Was soll das für eine Arbeit sein – vorgeben, jemand anderer zu sein.

Aber Martha berichtigte ihn:

Ich gebe ja nicht vor, die tote Ehefrau zu sein. Mein Klient ist sich durchaus bewusst, dass seine Frau gestorben ist. Alles, was ich tue, ist, ihm schöne Augenblicke zu bescheren, indem ich mich zweimal die Woche in die Küche stelle, ein bisschen im Topf rühre und ihm sein Lieblingsessen serviere. Ich lasse für kurze Zeit eine erfreuliche Szene wiederauferstehen.

Die Fakten haben Krohn schließlich überzeugt. Als Dienstleister für Eternal Partners kann er einer Witwe helfen, liebgewonnenen Gewohnheiten weiterhin nachzugehen. Ein harmloser Job, leichtverdientes Geld. Und gutes Geld – Nachmittagskaffee dreimal die Woche decken die Miete. Er hat es durchgerechnet.

Stella hat angerufen, sagt Martha. Die kleinen Zufälle. Am Morgen merkte Krohn noch an, dass ihre Tochter sich auch mal wieder melden könnte.

Sie hat einen großen Auftrag an Land gezogen. Eine Hochzeit, bei der ein Hund eine Rolle spielen soll.

Krohn versucht sich vorzustellen, welche Rolle ein Hund bei einer Hochzeit spielen kann. Er sieht einen Pudel mit Schleppe. Einen Chihuahua im Röckchen, Blumenkorb im Maul.

Im Fernsehen läuft eine Serie, die Krohn unbekannt ist. Er nimmt die Fernbedienung und stellt lauter. Da kommt die Werbeunterbrechung. Krohn stöhnt genervt, auf dem Bildschirm ist ein junges, gut aussehendesPärchen zu sehen, das auf einem Sofa sitztund fernsieht. Der Mann spricht in die Kamera, die neben ihm sitzende Frau scheint ihn nicht zu hören und folgt weiter den Geschehnissen auf dem Bildschirm.

Alles lief bestens, wir waren glücklich, sagt der Mann. Aber das Leben bietet so viele Überraschungen, da stimmen Sie mir sicher zu (er schmunzelt uns an und wir fressen ihm aus der Hand). Die Firma hat mich mit ein paar Kollegen ins Ausland geschickt, abends wurde einiges getrunken und na ja, über die Stränge geschlagen, wie man so schön sagt.

Neben das Sofa tritt ein Mann in cyanfarbener Uniform und hockt sich neben die Frau. Er erklärt ihr etwas, seine Gesten sind langsam, wirken beruhigend. Die Frau wirkt zunächst betroffen, nickt dann aber, erst zögerlich, gleich darauf aber kräftiger.

Ich hätte nie den Mut gefunden, meiner Frau von der Geschlechtskrankheit zu erzählen. Aber die Hiobs-Boten teilten meine Last.

Die Frau nimmt voller Mitgefühl die Hand ihres Mannes und legt den Kopf auf seine Schulter. Der Mann lächelt zufrieden und nun steht der Bote auf und wendet sich an die Zuseher, mit dem Slogan der Hiobs-Boten, ein Spiel mit den Verben teilen und mitteilen, das Krohn nur halb geglückt findet: Wir teilen Ihre Last – und Unsagbares mit.

Mit dem macht die Frau ganz schön was mit, sagt Krohn. Hat er im letzten Spot nicht eine Kollegin geschwängert?

Die Praktikantin war’s, glaub ich. Aber ist halt ein toller Hecht, wer kann da lange böse sein?, sagt Martha.

Findest du? Mir ist er ein wenig zu glatt.

Zu wenig Kanten für dich, klar. Aber ich finde sie schon reizvoll, diese aalige Glätte, grinst Martha.

Dann ist mir rätselhaft, wie ichbei dir landen konnte, sagt Krohn (doch wenn er ehrlich ist – der wildeste Kerl auf dem Planeten war er auch wieder nicht: zwei, drei koksbefeuerte Nächte und eine Autostopp-Tour durch den Balkankönnen als CV-Glanzlichter gelten).

Martha legt den Kopf auf seine Schulter, wie in der Werbung. Er dreht die Lautstärke wieder leiser und sie sehen sich die weiteren Werbeeinschaltungen kommentarlos an. Irgendwann sagt Martha: Keine Sorge, bin nicht eingeschlafen.

Krohn legt die Hand auf ihr Knie. Die Serie läuft weiter. Zwei Schauspieler stehen sich gegenüber, der eine sagt etwas zu seinem Kollegen, Krohn versteht kein Wort.

3

Sie stehen vor den Pyramiden. Krohn führt die Flasche an den Mund und trinkt, wobei ihm die Blicke des Pärchens bei den Bodenwellen nicht entgehen. Er verkneift sich, ihnen zuzuprosten, stellt das Bier ins Gras und postiert sich. Ralf spielt den Kommentator: Schon verlässt der Ball seinen Ruhepunkt und rollt an den ersten beiden Pyramiden vorbei, überquert problemlos die rote Linie, streift das dritte Hindernis idealtypisch, um das festgelegte Ziel zu erreichen. Bravo!

Er pfeift anerkennend, während Krohn die Faust ballt und zu den beiden auf Bahn 2 hinübergrinst. Bier und Miniaturgolf sind kompatibel, der Beweis ein weiteres Mal erbracht.

Ralf und Krohn ziehen weiter zu Bahn 4, im Fachjargon Mittelkreis. Eine der Bahnen, die Krohn weniger liegt. Wenn man nicht mit dem ersten Schlag einlocht und der Ball über den Hügel rollt, kann es böse enden. Ralf zeigt keine Ehrfurcht vor dem Mittelkreis, er plappert unbekümmert weiter: Dank Automatisierung ist die Arbeit sowieso überflüssig geworden, im Grunde existiert sie nur noch zum Selbstzweck. Die Leute müssen beschäftigt werden, um nicht auf blöde Gedanken zu kommen. Bloß wie, wenn die Notwendigkeit fehlt. Vielleicht sollten wir’s wie die alten Ägypter machen. Er zeigt mit dem Schläger zur vorherigen Bahn: Pyramiden bauen. Die Pharaonen hatten damit ein perfektes Beschäftigungsprogramm. Sind die Leute beschäftigt, fehlt ihnen Zeit und Energie zum Aufmucken. Aber was wäre eine zeitgemäße Entsprechung für derartige Monumentalbauten?

Die Anhäufung an Dienstleistungen, denkt Krohn. Ein Berg an Dienstleistern, und alle erledigen sie Jobs, die bis vor ein paar Jahren als solche nicht existierten. Man hat den Nachbarn das Kind von der Schule abgeholt oder ist für sie einkaufen gegangen. Alles unter den Schlagworten Gute Nachbarschaft oder Freundschaftsdienst. Nur noch eine Frage der Zeit, bis alles davon bei Strafe verboten ist. Aber besser nichts sagen, bei Ralf verhält es sich genauso. Auch er gehört zu jenen, für die eine Arbeit konstruiert wurde. Als Die wandelnde Zeitschrift besucht er von Montag bis Freitag die Pflegeheime, um sehschwachen alten Menschen aus der Tageszeitung vorzulesen. Vor nicht allzu langer Zeit sind Menschen freiwillig ins Altersheim, um dort zu lesen. Aber wehe, jemand kommt auf die Idee, das aus freien Stücken zu tun, gleich ist die Rede von weggenommenen Arbeitsplätzen.

Ralf schlägt den Ball, der geradewegs ins Loch rollt. Sie sind heute in Form, könnte ein beachtliches Ergebnis werden.

Ich find’s in Ordnung, dass du dich bei Eternal Partners beworben hast, sagt Ralf. Du gibst jemandem etwas, wenn’s auch nur ein gutes Gefühl ist. Die Arbeit ist nicht sinnlos. Das ist doch das Wichtigste, oder?

Als wäre mein letzter Job sinnstiftend gewesen, kontert Krohn. Ich war Datensammler und nicht Notfallarzt. Wenn ich im Bürosessel kurz die Augen zumachte, musste nicht gleich jemand verbluten. Ob der Job sinnvoll ist, ist mir völlig egal. Ich gehe da rein, um mit möglichst viel Geld wieder rauszukommen.

Ralf lacht: Na, wenn du das so nüchtern siehst, bist du bei Eternal Partners gut aufgehoben. Einsame alte Damen mit viel Geld – davon gibt’s ein paar.

Krohn schlägt den Ball. Während er über den Faserzement am Loch vorbei- und den Hügel wieder hinabrollt, sagt Ralf: Ist dir mal aufgefallen, dass Menschen, die für die Gesellschaft Nützliches tun, meistens schlecht verdienen?

Krohn legt den Ball ein weiteres Mal auf das Abschlagfeld und stellt eine imaginäre Liste nützlicher Berufe zusammen.

Der Ball landet im Loch. Krohn fischt ihn heraus und wiegt ihn in seiner Hand: Da hast du wohl recht, man sieht Sozialarbeiter selten im SUV zur Arbeit fahren. Oder eine Pflegerin ihre 18-karätige Breitling abnehmen, bevor sie ins Badewasser greift.

Ihr blockiert die Bahn, hört Krohn jemanden neben sich knurren. Sie machen Platz für das Pärchen und setzen sich auf die Bank im Schatten. Bekommen sie es mit Minigolf-Kriegern zu tun, die mit ihrem Putter und Balltasche Loch um Loch erobern, räumen sie kampflos das Feld. Sie trinken Bier und sehen den beiden zu, wie sie den Mittelkreis bezwingen und das Hochplateau einnehmen. Ralf berichtet, was sich in der Welt zuträgt. In den Privatpflegeheimen, die er vormittags besucht, liest er bevorzugt aus dem Wirtschafts- und Politikteil, während er in den städtischen Heimen am Nachmittag Gesellschaft und Innenpolitik abdeckt. Den Sport nur im Fall eines Sieges seiner Mannschaft – und dann leistet er sogar Überstunden, indem er einen minutiösen Matchbericht liefert. Am Ende seines Arbeitstages hat Ralf zwei bis drei Zeitungen durchgelesen. Krohn hat manchmal das Gefühl, sein Freund möchte ihm beweisen, dass er das Vorgetragene auch behält. Aber er will sich nicht beschweren. Seit Wochen hat er keine Zeitung mehr in die Hand genommen. Wenn er wissen will, was international passiert oder auch nur, wie das Wetter wird, hört er sich bei einer Runde Minigolf an, was Die wandelnde Zeitschrift zu berichten hat: Die Feier zum Antritt des neuen russischen Präsidenten, laut dortiger Staatsmedien ein voller Erfolg. Nie dagewesene Menschenmassen, eine Militärparade, für die selbst die Boulevards von Moskau zu eng wirkten. In seiner Rede hat er die Freunde in Finnland hervorgehoben, man darf gespannt sein, wie sich das weiterentwickelt.

Unsere beiden Krieger sind schon am achten Loch, wirft Krohn ein, steht auf und geht zur fünften Bahn. Die Sonne steht tief, aber es ist immer noch drückend heiß.

Und wann kommt der Regen?, fragt Krohn. Die wandelnde Zeitschrift hat diesbezüglich keine guten Nachrichten parat.

4

Mit aller Kraft versucht er, einen riesigen Steinklotz zu bewegen. Neben ihm andere, die ebenfalls schieben. Und tatsächlich bewegt sich der Stein Zentimeter für Zentimeter einen leicht ansteigenden Hang hinauf. Da hört er eine Stimme, sie schreit, dass sie aufhören sollen. Krohn tritt zurück. Eine Rampe wird weggeschoben und er sieht ihn, den riesigen Turm, den er und all die anderen aus Steinen, die mit rötlich glänzenden Blasen überzogen sind, gebaut haben. Sie fallen sich um den Hals, jubeln. Doch auf einmal beginnt Krohn zu zweifeln, ob es sich um Steine handelt. Die Oberfläche pulsiert, als würde es darunter brodeln, der Turm wirkt auf einmal lebendig. Jemand flüstert Krohn ins Ohr: Wofür ist der Turm eigentlich gedacht? Da befällt ihn Ratlosigkeit, weil er keinen Nutzen in dem gigantischen Gebilde erkennt. Unschlüssig stehen alle herum, wissen nicht, was sie tun sollen. Bis ein schrilles Signal ertönt. Zeit für den nächsten Turm? Das Signal wird immer drängender, während das kürzlich fertiggestellte Gebilde in sich einsinkt und beginnt, als rotbrauner, amorpher Haufen auf ihn zuzukriechen. Das Signal ruft weiter zur Arbeit, aber wo soll er hin? Er will nur weg von dieser Masse, die immer näher kommt – aber verschwunden ist, als Krohn die Augen öffnet. Er greift nach dem Wecker und stellt ihn ab. Erleichtert stellt er fest, dass Martha nicht wach geworden ist.