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Blut zur Erde sei gegeben, die Kinder des reinen Blutes werden erwachen. Eine Schlacht war geschlagen, der Krieg stand noch bevor. Jahrzehnte nach dem großen Sieg über den Teufel macht sich die erste und mächtigste Hexe Emily auf, ihrer Bestimmung als dunklem Phönix weiter zu folgen. Durch das Erwachen der Vampire und Werwölfe gelingt es der Hexe, die drei Blutlinien zu vereinen und somit weitere ahnungslose Figuren im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse hineinzuziehen. Doch Emily hütet ein dunkles Geheimnis, dessen Enthüllung den Untergang für die Klans bedeuten könnte. Eternity and a Night ist der zweite Teil der Vorgeschichte zu Die Nacht ist unser. Er fokussiert sich auf die Entstehung der drei Klans und führt den Leser in die Abgründe von Verrat, Lügen, dunklen Machenschaften und der Unabwendbarkeit des eigenen Schicksals.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das Buch: Eternity and a Night ist der zweite Teil der Vorgeschichte zu Die Nacht ist unser. Es kann ohne die Vorkenntnisse aus Eternity and a Day nicht gelesen werden. Für das ultimative Leseerlebnis empfiehlt die Autorin folgende Reihenfolge:
Eternity and a day
(ISBN:
978-3969440926)
Die Nacht ist unser- Schatten der Vergangenheit
(ISBN: 978-3969691717)
Die Nacht ist unser- Zukunft ist Tod
(ISBN:978-3966109390)
Eternity and a Night (
ISBN: 978-3985515578)
Alternativ können Sie auch mit der Die Nacht ist unser Reihe beginnen und im Anschluss die Vorgeschichte lesen. Oder sie lesen zunächst die Eternity Reihe und dann die beiden Hauptteile. Egal wofür Sie sich entscheiden, es wird Ihre Sinne berauschen.
Die Autorin: Maria Spotlight Bennet hat sich kurze Zeit nach der Geburt ihres ersten Kindes dem Schreiben gewidmet. Seit 2016 ist sie in der Branche tätig und veröffentlicht fantastische Geschichten rund um die Vampire, Werwölfe und Hexen. Seit ihrer Jugend hat sie zu den Nachtwandlern eine besondere Verbindung. Ihre Heimat, der Schwarzwald, bietet ihr dabei den malerischen Hintergrund als Inspirationsquelle. Die Autorin heiratete im Jahr 2014 ihren langjährigen Freund. Das Paar hat zwei Kinder.
1. Auflage
Copyright© 2021 by Maria Spotlight Bennet/ Alle Rechte vorbehalten
Impressum: E-Book/Print On Demand Vertrieb durch feiyr.com
Name des Selbstverlages: Storm&Ashes
Ebook ID: 20026277
ISBN: 978-3985515578
Covergestaltung von Franziska Buhl
Für Henry und Maik, ohne die diese Buchreihe wohl nie entstanden wäre.
Eternity and a Night
Die Ewigkeit und eine Nacht
Von Maria Spotlight Bennet
Die Natur ist das maßgebende Mittel, um die Erde zu gestalten. Seit Äonen existiert sie und hat den Lauf der Dinge nach ihren Wünschen geformt und verändert. Sie ist zu gleichermaßen Gut und Böse, sie kann Katastrophen hervorbringen oder Atemberaubendes erschaffen. Und manchmal übertrumpft sie sich mit ihren Schöpfungen selbst. Schon einmal ist ihr eine besondere Erschaffung gelungen, bald würden die Nächsten folgen. Die lange Nacht hatte begonnen.
Erster Teil
Die Urväter
Emily befand sich dort, wo ihre letzte Reise geendet hatte. Neben ihr stand der Sarg, mit ihrem dunkelsten Geheimnis darinnen. Sie hatte eine Hand auf den Deckel gelegt, der so fest verschlossen war, dass kein Beben dieser Erde es hätte öffnen können, doch nur ihre eigene Magie. Draußen wich die Sonne mit jeder Minute mehr, bald wäre es an der Zeit, für die Hexe aufzubrechen. Sie seufzte, als sie an die Vergangenheit zurückdachte und an das, was sich in dem Sarg befand, dessen Inhalt noch für eine sehr lange Zeit ruhen musste. Die Schlacht zwischen den Hexen und dem Teufel war zu ihren Gunsten ausgegangen, doch der erste Zirkel der Zwölf existierte nicht mehr. Von hier auf jetzt hatte sie mehr verloren, als ihr zunächst bewusst war. Emily wusste, wo sich die Übrigen ihresgleichen befanden und ob es ihnen gut ging und sie wusste auch, dass Luzifer am Ende rechtbehalten hatte. Denn seit der Zerschlagung der Zwölf waren weitere junge, machthungrige Hexen gefolgt, die der dunkle Fürst verführt hatte. Närrisch, wie sie waren, hatten sie dem Satan nicht nur ihre Seelen verschrieben, sondern auch ihre Körper und Luzifer war es erneut gelungen, vielen einen bösartigen Sprössling in den Schoß zu pflanzen. Er war demnach seinem Ziel, die Welt eines Tages mit dunklen Kreaturen zu überhäufen, ein Stück weit näher gekommen. Eine Schlacht war geschlagen, der Krieg stand noch bevor. Wenn eine Geschichte sich verändern soll, dann muss sie zur gegebenen Zeit beeinflusst werden und der Ursprung für diese Erzählung würde bald zum Leben erwachen. Emily blickte in den Spiegel an der Wand, ihre jadegrünen Augen waren zu vollen Monden geöffnet, ihr brünettes Haar hing ihr zwischen die Schultern hinab. Sie trug ein grünes Gewand, ein brauner, geflochtener Gürtel hing locker um ihre Taille; sie streifte sich ihre Kapuze über. Der restliche Funke an Tageslicht erstarb, ein weiter Weg lag vor der Hexe. Sie würde alles hinter sich lassen müssen, wie es das Schicksal von ihr verlangte.
„Es ist so weit“, sprach sie, dann machte sie sich auf.
***
Der Wolf öffnete soeben seine Augen. Ein voller Mond schien am Himmel und tauchte die Landschaft in einen silbernen Schein, dessen Ausläufer sich auf dem schwarzen Fell des Jägers reflektierten. Zwischen den kahlen Ästen der Baumkronen über ihm nahmen seine Adleraugen eine schnelle Bewegung wahr. Etwas landete vor ihm auf dem Grund, eine ebenso monströse Kreatur wie er selbst, mit pechschwarzen, unheilvollen Schwingen. Die Fledermaus spitze ihre Zähne, auch er war bereit, Beute zu jagen. Der Wolf verneigte sich kurz, sein Gegenüber nahm ihm den Gruß ab. Sodann gingen diese gnadenlosen Jäger auf Beutezug, nicht ahnend, dass sie schon bald in eine Falle laufen würden.
***
Emilys Füße trugen sie noch immer tapfer weiter voran. Sie war schon seit Stunden unterwegs, hatte nicht gerastet. Es galt für sie, ihre Mission zu erfüllen und das Geschick in diesem Spiel wieder einmal zu ihren Gunsten zu verändern. Es war finsterste Nacht, als sie die Höhle erreichte, aus deren Inneren ein qualvolles Stöhnen nach außen drang. Sie hatte sie gefunden.
Schwer verwundet lag die Fledermaus am Boden der Höhle, der Wolf hielt die Hand seines Kameraden und musste hilflos dabei zusehen, wie die Schmerzen ein brennendes Inferno der Qualen im Körper der Kreatur auslösten. Yorick, der Hüne, hatte kurz zuvor der Fledermaus mit einem Schwerthieb die Flügel vom Leib getrennt. Sechs tapfere Männer waren ausgeritten, um die beiden Bestien auszurotten. Und als der Hüne den Wolf hatte enthaupten wollen, war die Fledermaus dazwischen gesprungen. Die Männer hatten allesamt mit ihrem Leben bezahlt, der Wolf hatte sich hernach mit seinem verwundeten Freund in eine nahe gelegene Höhle geflüchtet, wo beide sogleich ihre menschliche Gestalt angenommen hatten. Dem Tode nahe war plötzlich eine Kapuzengestalt in die Höhle getreten. Sie zeigte ihr Gesicht, es war eine Frau, hübsch anzusehen, mit jadegrünen Augen und langen, brünetten Haaren.
„Töte mich nicht“, bat die Frau, „ich bin in guten Absichten gekommen. Dein Freund, er ist schwer verwundet und wenn ihm nicht schnell geholfen wird, befürchte ich, wird er seinen Verletzungen erlegen. Ich kann ihm helfen, wenn du mich lässt.“
„Was verlangst du dafür?“, fragte der Wolf frei heraus.
„Darüber sprechen wir, wenn es so weit ist. Willigst du nun ein?“
Beschützend hatte der Wolf sich vor die Fledermaus gestellt, er betrachtete die Frau skeptisch. Doch das gequälte Aufstöhnen seines Freundes verleitete ihn dazu, der mysteriösen Frau Platz zu machen. Sie hingegen nahm Kräuter aus ihrer Rocktasche und wies ihn an, sie in seinem Mund zu zerkauen.
„Das machst du gut, nun nimm den entstandenen Brei und streiche damit die Wunden deines Freundes ein.“
Er tat, wie ihm geheißen worden war. Die Frau breitete ihre Hände über den Verletzungen aus und begann, in einer seltsamen Sprache vor sich hin zu murmeln. Die zerkauten Kräuter, die als grüne Paste auf den offenen Wunden der Fledermaus verteilt lagen, fingen zu qualmen an. Der Rauch wurde zunehmend dichter, stieg zur Decke der Höhle empor und umhüllte den Körper der Nachtkreatur schließlich ganz. Als dieser Dampf sich dann wieder gelegt hatte, blickte der Wolf erstaunt auf das Werk der Hexe. Die Wunden hatten sich geschlossen, nicht einmal eine Narbe war zurückgeblieben und die Fledermaus war in einen friedlichen Schlaf gesunken.
„Wie ist das möglich?“, fragte der Wolf und blickte voll Verwunderung zu der Frau in der grünen Robe.
„Ich bin eine Hexe, mein Guter, und Hexen verstehen sich auf Heilung.“ Sie setzte sich auf eine der Felsvorsprünge und betrachtete die beiden Kreaturen. Um sie zu finden, wäre die Hexe bis ans Ende der Welt gegangen.
„Wie ist dein Name?“, ersuchte der Wolf.
„Ich bin Emily, die erste und mächtigste Hexe und ich bin einen weiten Weg gegangen, um euch zu finden. Ihr seid einzigartig, erschaffen von Mutter Natur selbst, genau wie ich. Ich war ihr erstes in Fleisch gefasstes Kind. Einst hat mich eine Vision von euch ereilt, dass unsere Mutter zwei weitere außergewöhnliche Geschöpfe kreieren würde, demnach wusste ich auch, wo ich nach euch suchen musste. Aber ihr seid unvorsichtig, du und dein Freund. Eure zerstörerische Art zu jagen hat unnötig das Augenmerk der Sterblichen auf euch gelenkt. Ich kenne diese Spezies, was sie ängstigt, wird vernichtet. Mit mir an eurer Seite könntet ihr es besser haben, ich würde mit euch gehen und euch beschützen. Mit meiner Hilfe würdet ihr schon bald zu den Königen der Nacht aufsteigen.“
„Das klingt vielversprechend“, jauchzte der Wolf, dessen Geist ihm ein nahezu majestätisches Bild vorspielte, „doch sag mir, ist dies der Dienst, den du für die Errettung meines Freundes verlangst?“
„Ja und Nein, ich möchte eine weitere Bitte stellen dürfen“, sie betrachtete ihn einnehmend, wusste sie doch, dass er leichter zu blenden war. „Erlaube mir eure Nachkommenschaft mit der Gabe der Unsterblichkeit zu segnen. Somit wird eure Spezies die Zeiten für immer überdauern.“
Das klang wie Musik in den Ohren des Wolfs, seine Schwäche besiegelte das Schicksal, denn er ahnte nicht, was die Hexe vorhergesehen hatte und was sie plante.
„Ich will dir diesen Wunsch gewähren, auch im Namen meines Freundes und dir obendrein anbieten, an unserer Seite zu bleiben. Wir werden einander beschützen.“
„So soll es sein.“ Emilys Herz tanzte innerlich, denn ihr erster Zug in diesem Spiel hatte die Schachfiguren für den Anfang richtig positioniert.
Unterdessen wachte die Fledermaus auf.
„Sieh an, dein Freund kommt zur Besinnung.“
Der Wolf half der gezeichneten Kreatur auf, die noch etwas wackelig auf den Beinen war.
„Meine Flügel“, flüsterte er benommen und berührte seinen Rücken, „MEINE FLÜGEL“, dröhnte seine Stimme wie das Hämmern auf einen Amboss durch die Höhle, „DIESE BASTARDE HABEN MIR MEINE FLÜGEL ABGESCHNITTEN“, und er drängte sich vorbei an dem Wolf, stürmte in Richtung Höhlenausgang, „RACHE!“
Mühsam hielt der Wolf die Fledermaus zurück.
„Mein Freund, beruhige dich, das führt doch zu nichts. Du bist erregt, das verstehe ich, doch dürfen wir uns keinen weiteren Fehltritt mehr erlauben.“
Da erblickte die flügellose Kreatur Emily, die nach wie vor ruhig auf dem Felsvorsprung saß.
„Wer bist du?“, zischte der Mann mit den blassgrünen Augen, dem die Hexe das Leben gerettet hatte.
„Sie ist der Grund, weshalb du noch lebst. Sie hat sich um deine Wunden gekümmert. Ohne sie hätte ich dabei zusehen müssen, wie du stirbst“, erklärte der Wolf seinem aufgebrachten Freund.
Das alles zog am Scheitel der Fledermaus vorbei, er sann nur auf eines.
„Ich habe es vorhin deinem Freund bereits erklärt, ihr seid unvorsichtig und genau deshalb erwischt worden. Du bist bereits flugunfähig und ich bedauere diesen Vorfall sehr. Doch wenn du nicht achtgibst, wirst du auch noch deinen Kopf verlieren“, mahnte Emily ihn ruhigen Tones.
„Warum sollte ich mich zurückhalten? Das ist es, wozu wir erschaffen worden sind, zu morden und zu zerstören“, blaffte die Fledermaus die Hexe an.
„Nein, mein Guter, ihr wurdet als Grundbaustein zu etwas weitaus Größerem erschaffen und von nun an werden die Dinge anders laufen müssen. Es obliegt mir, euch zu beschützen und in eine bessere Zukunft zu führen. Dein Freund hat bereits eingewilligt. Ab sofort wird uns nichts mehr trennen. Deine Gelüste nach Rache wirst du wohl oder übel ersticken müssen.“
Emily stand auf, sie betrachtete noch kurz die beiden Männer, die unterschiedlicher nicht sein konnten, ehe sie die Höhle verließ. Das Wilde und Ungezähmte spiegelte sich in den dunklen Augen des Wolfes klar und deutlich wieder und wurde durch sein wirres Haar und seinen ungekämmten Bart verstärkt. Das Gesicht seines Gegenübers schien hingegen wie aus glattem Marmor gemeißelt zu sein, doch pochte auch in seinem Herzen das Wesen eines ungebändigten Tieres.
„Wie kannst du unser Schicksal nur so blauäugig in die Hände einer Fremden legen?“, fauchte die Fledermaus.
„Ich hatte keine andere Wahl. Was sie sagt, klingt absolut vernünftig“, verteidigte der Wolf seinen Standpunkt.
„Es gibt immer eine andere Wahl.“
Widerwillig stapfte die Fledermaus zur Höhle hinaus, während der Wolf sich anstandslos Emilys weiterem Fußmarsch anschloss.
Der Morgen graute, als sich die Drei auf ihren weiteren Weg machten. Die Fledermaus blieb etwas weiter zurück, ihm gefiel der Gedanke nicht, sich an die Vorgaben einer Fremden halten zu müssen und in den hinteren Reihen ließ es sich so gut mürrisch sein. Ihr gemeinsamer Weg führte sie über das Land, das mit großen Bergen und wilden Flüssen vor ihnen lag und das Herz eines jeden Wanderers höherschlagen ließ. Als Menschen getarnt, erregten die Kreaturen fürs Erste kein Aufsehen mehr. Auf halbem Weg richtete der Wolf plötzlich das Wort an Emily.
„Du sagtest mir, du würdest unsere Nachkommen mit einer besonderen Gabe segnen wollen. Wann wird diese Zeit kommen?“
„Noch lange nicht, mein Freund. Nach allem, was passiert ist, wird es vorerst das Klügste sein, sich an einem entfernten Ort versteckt zu halten und die Sterblichen vergessen zu lassen.“
In einem dunklen Waldstück, das einem Gebiet angehörte, wo die Menschen noch kein Fuß hineingesetzt hatten, warteten die Drei in der Dunkelheit. Der Vorfall mit dem Hünen wurde zu einem Wispern, man ging davon aus, die Kreaturen seien tot. Emily war dankbar für diesen Gedanken. Es räumte ihr die Chance ein, schon bald von Neuem zu beginnen. Jegliche Zivilisationen war weit entfernt, die Beute des Wolfs und der Fledermaus bestand seit ihrem Aufbruch aus der Höhle nur aus Tieren. Doch dürstete es sie nach mehr. Und sie würden mehr bekommen. Emily betrat die Felsenhöhle, in der sich die Drei üblicherweise versteckt hielten. Sie hatte ihre Kapuze übergestreift, ihr tannengrünes Gewand schliff über den Boden. In ihrer Hand hielt sie eine Art Leine, dessen Ende um den Hals eines Mannes befestigt war. Vom süßlichen Geruch des Mannes gepackt, ließen der Wolf und die Fledermaus augenblicklich von ihren Spielereien ab. Wie ausgehungerte Tiere schweiften ihre Augen zu Emilys Mitbringsel hinüber.
„Meine Lieben, ich habe euch etwas mitgebracht“, und sie zog ruckartig an dem Seil, der Mann krachte daraufhin zu Boden. Sein Erscheinungsbild war äußerst ungepflegt, er wies mehrere Verletzungen am gesamten Körper auf und schien geschwächt.
„Was hat das zu bedeuten, Hexe?“, sprach die Fledermaus.
„Dieser Mann ist verantwortlich für den Tod von sechs Kindern. Er hat sich einen Spaß daraus gemacht, sie zu quälen und ihnen die Bäuche bei lebendigem Leib aufzuschneiden, ehe er ihre toten Körper wie Unrat entsorgte. Ich habe ihn drei Tagesmärsche von hier aufgegriffen und ihn pausenlos über die Ebene zurückgetrieben. Mir ist bewusst, dass man Feuer normalerweise mit Wasser bekämpft, denn jedes Element hat seine Schwächen. Doch in diesem Fall wäre es angebracht, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Und da ihr schon lange kein menschliches Blut mehr gekostet habt, schenke ich ihn euch.“
Die Kreaturen blickten auf den Mann am Boden hinab, der in seinem Zustand nur allzu leichte Beute war. Um was ging es hierbei? Sollte es ein Test für die beiden sein oder war es doch nur simple Rache für ein abscheuliches Verbrechen? Doch gegen ihren ureigenen Instinkt waren der Wolf und die Fledermaus machtlos. Sie zerstückelten den Mann und aßen sich an seinem Fleisch, seinen Knochen und Innereien satt. Emily betrachtete das makabre Schauspiel. Ihre Arme spreizend, als würde sie zu einer höheren Macht rufen, ließ sie dann verlauten,
„Dort, wo dieser Mann herkommt, gibt es noch mehrere. Ich habe entschieden, dass es an der Zeit ist, unseren Pfad fortzuführen, meine Freunde, und der Welt wieder unser Gesicht zu zeigen.“
Und so ließ die Hexe diesen Teil der Erde hinter sich, ebenso die Geschehnisse aus vergangenen Zeiten und die Kreaturen folgten ihr gehorsam. Ihre Mission führte sie in die nächste Stadt, die am Fuße eines Berges lag. Die drei passierten das Stadttor. Auf der Straße herrschte reges Treiben, Pferdewagen beladen mit Tierfellen zogen an ihnen vorbei. Der Untergrund war vom letzten Regenschauer stark aufgewühlt und die Menschen hatten Schwierigkeiten, auf ihm zu gehen, ohne dabei in dem Schlamm abzurutschen.
„Diese Stadt stinkt, diese Menschen stinken“, zeterte die Fledermaus, die an einem der Pferdekarren vorbeilief und seine Nase rümpfte.
„Sie stinken nicht schlimmer als du, mein Freund“, konterte Emily.
„Wieso sind wir hier, Emily?“, fragte der Wolf und fixierte die Hexe mit seinen dunklen Augen.
Sie kannte die Antwort, immerhin hatte ihre Vision sie hier her geführt. An diesem Ort wartete der nächste Schritt auf sie, jedoch war Emily inzwischen zum Spieler geworden und die Kreaturen in ihrem Schlepptau waren nur die Figuren, die es galt, zur richtigen Zeit zu positionieren.
„Wie ich bereits sagte, es ist an der Zeit, uns der Welt erneut zu präsentieren. Wir werden hierbleiben, denn ich bin es allmählich leid, mich ständig verstecken zu müssen. Damit ihr wieder zu Kräften gelangt, erlaube ich euch, einen Menschen zu töten.“
„Pro Nacht?“, fragte die Fledermaus, ihre Augenbrauen schoben sich Freude erwartend nach oben.
„Pro Monat!“
„Pro- Monat?“, platzte der Fledermaus der Kragen. Die Leute auf dem Platz sahen sich kurz zu ihm um, aber der Wolf schaffte es, seinen Freund zu beruhigen.
„Mein Lieber, glaube mir, alles, was ich fortan tue, geschieht zu eurem Wohle. Wenn ich dich hätte sterben lassen wollen, dann wärst du jetzt nicht mehr hier.“
Emily machte kehrt und lief die Straße hinauf.
„Wohin gehst du?“, erkundigte sich der Wolf, der in seinem Verhalten doch so viel sanftmütiger war als sein Gegenüber.
„Ich werde mich etwas umsehen, habt keine Angst, schon bald werde ich zurück sein.“
„Und was sollen wir in der Zwischenzeit tun?“, fragte der Blutsauger und warf der Hexe einen bitterbösen Blick zu.
„Überleben!“
Bereits im nächsten Moment war die Hexe verschwunden. Die Nacht setzte ein, sie senkte ihre dunklen Schwingen auf die Stadt hinab und zwang so den Großteil der Bevölkerung in ihre Unterkünfte. Die Kreaturen saßen in einer Nische zwischen zwei Häusern. Schon zu lange war die letzte Mahlzeit her, ihre Mägen knurrten.
„Das ist doch Mist!“, beschwerte sich die Fledermaus und hielt sich seinen hungernden Magen.
„Mein Freund, hab Geduld, Emily wird bald kommen, das spüre ich.“
„Scheiß auf sie und ihre Führung, wohin hat uns das gebracht? Ach, ich bin zu hungrig, um mich mit dir zu streiten. Außerdem schmerzt mich mein Rücken an den Stellen, wo ich meine Flügel verlor.“
Die Fledermaus stand auf und lief die Gasse abwärts.
„Wo willst du hin?“, rief ihm der Wolf hinterher.
„Na, wohin wohl, mir etwas zu essen besorgen.“
Der Wolf wusste, es hatte keinen Zweck, seinen Freund vom Töten abzuhalten. Außerdem hatte die Hexe ihnen ein Opfer pro Monat zugesprochen, warum nicht schon heute Nacht damit beginnen? Ihr scharfer Geruchssinn führte sie in nordöstliche Richtung. Dort befand sich ein Gasthaus, über dessen Türrahmen ein Schild mit der Aufschrift ‚zum brüllenden Löwen‘ hing. Es war nicht der Duft von warmen Brot und Bier oder der von saftigem Schinken, der die beiden angelockt hatte. Etwas weitaus Süßeres lag in der Luft, der Geschmack von Blut. In der Gaststube herrschte eine lebhafte Atmosphäre, etliche Menschen hatten sich dort versammelt und feierten den noch jungen Abend. Leicht bekleidete Frauen saßen bei den Männern auf dem Schoß und räkelten sich, es wurde gelacht, es wurde gegrölt, Bier floss in Strömen die Kehlen jener hinab, die mit ihrem süßlichen Blut die beiden Kreaturen angelockt hatten. Eine Frau ging an der Fledermaus vorbei, sie trug drei Krüge in der einen Hand, sowie einen Teller, mit einem großen Stück Kesselfleisch darauf, in der anderen, das dampfend aromatische Schwaden hinter sich herzog. Die Augen der Fledermaus wanderten umher, etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Es war eine Frau, sie hatte sich wie viele andere ihrer Genossinnen auf den Schoß eines Mannes gesetzt und wackelte mit ihrem Hinterteil verwegen hin und her. Ihre Brüste waren wohl geformt, gleichwohl nicht sonderlich bedeckt und darunter vernahm die Fledermaus das stetige Klopfen ihres Herzens, das mit konstanter Geschwindigkeit köstliches Blut in ihre Adern pumpte. Die Bestie ging hinüber, fast schon hypnotisch betrachtete er sein auserwähltes erstes Opfer. Diese Frau stank, zwischen ihren Beinen klebte getrockneter Urin und ihr Mund hatte wohl noch nie Pflege erfahren, denn einige ihrer Zähne, hauptsächlich die weiter hinten, waren bräunlich verfärbt. Auf ihrer Stirn sprossen kleine, mit Eiter gefüllte Pusteln, es waren nicht sehr viele, dennoch untermauerten sie ihr ungepflegtes Erscheinungsbild noch etwas mehr. Sie hatte ihren Rock weiter hochgezogen, um mehr Bein zu zeigen; ihre Schuhe waren schlammverspritzt. Bei all dem Gestank, der von diesen Menschen ausging, war ihrer bei Weitem nicht der Schlimmste und so scherte sich keiner ihrer Freier darum. Die wollten nur eines.
„Was starrst du so, suchst du Streit, mein Freund?“, pöbelte der ebenso ungepflegte Mann, auf dessen Schoß die junge Dame saß.
„Nein keineswegs, aber ich will sie“, und er deutete auf die Frau mit den prallen Brüsten vor ihm. Das pulsierende Blut in ihren Adern hatte eine unheimliche Anziehungskraft auf ihn.
„Tut mir leid, Kumpel, aber die ist schon besetzt, also verpiss dich lieber.“
„Aber, aber, wer wird denn da gleich so mürrisch werden, ihr könnt mich doch beide haben“, gickste die Frau, aus der eindeutig der Alkohol sprach, „gib mir fünf Minuten, süßer Fremder, ich erledige nur schnell diesen Kerl hier und dann komm ich zu dir. Oh, und ich nehme mein Geld übrigens im Voraus.“
„Was zur Hölle soll der Mist, ich hab dich für die ganze Nacht bezahlt, du mieses Stück.“
Der Mann verpasste der Frau einen gewaltsamen Schubs, sie fiel zu Boden. In seiner Aggression attackierte er die Fledermaus. Dummer Fehler. Die Bewegungen des Mannes waren für die Kreatur voraussehbar und so langsam wie eine Schnecke im Gras. Die Bestie stoppte den Schlag des Betrunkenen mit nur einer Hand, verdrehte ihm seinen Arm nach hinten. Knackend verbog sich das Gelenk des Angreifers in eine unnatürliche Haltung. Schreiend ging er in die Knie. Alle Anwesenden starrten zu dem Spektakel, weitere Männer wollten eingreifen, doch der Wolf stand seinem Freund treu zur Seite. Blut spritzte wie rote Farbkleckse auf den Boden, die Stühle und die Möbel. Die Bestien waren in Rage und begierig darauf, zu töten. In diesem Tumult packte die Fledermaus den Mann bei der Kehle und hob ihn in die Luft, als bestünde er nur aus Federn.
„Du hättest mich nicht reizen sollen, Kumpel“, er entblößte seine Fangzähne, seine Augen glühten zu gespenstischen Perlen auf.
„PASS AUF!“, schrie der Wolf, der beobachtet hatte, wie die Hure die Fledermaus von hinten mit einem abgeschlagenen Tischstuhlbein attackierte. Abrupt drehte die flügellose Kreatur sich um, der Pfahl peilte sein Ziel an, die linke Brusthälfte der Bestie. Und plötzlich kam die Hand der Frau zum Stillstand, nur wenige Zentimeter, bevor sie das Herz der Fledermaus durchbohrt hätte. Wie versteinert stand sie da, alle taten das. Der gesamte Gastraum bewegte sich nicht mehr, als hätte jemand die Zeit angehalten. Das stetige auf und Abatmen der Sterblichen war das einzige Geräusch, welches vernommen werden konnte. Die Fledermaus rückte von dem Pfahl weg, er beobachtete die Frau, die zwar lebendig zu sein schien, sich jedoch keinen Zentimeter mehr rührte.
„Ich hatte euch doch gesagt, nicht leichtfertig zu sein.“
Ihre Stimme drang durch den Raum und erhaschte die volle Aufmerksamkeit der beiden Kreaturen. Emily stand in der Nähe des Eingangs, ihre Kapuze über ihren Kopf gestreift. Ihr Gesicht lag so im Schatten und verlieh ihr ein düsteres Erscheinungsbild.
„Was hast du gemacht?“, fragte der Wolf verblüfft.
„Die Zeit angehalten, sonst hätte euer kleines Fiasko eine üble Wende genommen. Mir ist bewusst, dass ihr mit meinen Regeln nicht zufrieden seid, aber ich habe sie euch aus gutem Grund auferlegt. Ihr habt schon einmal gewütet und wäret schon einmal fast ausgelöscht worden. Wollt ihr, dass sich das wiederholt?“
Eingeschüchtert von Emilys Worten, senkten sie beide ihre Köpfe.
„Gut, denkt immer daran, ich handle zu eurem Wohl. Gerade du, Fledermaus, solltest das am besten wissen. Was heute Abend geschehen ist, war und bleibt der letzte Vorfall, ist das klar? Von nun an werdet ihr mir voll und ganz vertrauen, oder es bedeutet euren Untergang.“
„Was geschieht nun mit ihnen? Immerhin sind sie jetzt leichte Beute“, warf die Fledermaus ein.
„Dein Blutdurst wird dich nicht weiterbringen. Hab noch ein wenig Geduld, dann wird der Drang nachlassen. Und um deine Frage zu beantworten, heute Nacht werden sie nicht eure Beute sein. Stattdessen sollen sie vergessen.“
Die Hexe hob ihre Hand und streckte sie nach vorne aus, Bewegung kam nun wieder ins Spiel, die Menschen in der Gaststätte machten allesamt da weiter, wo sie aufgehört hatten. Die drei Fremden waren verschwunden und niemand wusste mehr, was geschehen war. Warum hatte die Dirne einen Pfahl in der Hand, warum schmerzten die Kehle und der Arm des Mannes so sehr, warum lagen Stühle und Tische wild verteilt und zum Teil zerbrochen auf dem Boden? Sie wussten es nicht.
In einer Kapelle auf einem kleinen schäbigen Friedhof hielten die Drei sich versteckt. Die Nacht begrüßte den Tag. Ratten und anderes Getier waren fortan die Speisen der Bestien. Emily ließ sie nicht mehr aus den Augen. Sie wusste, wollte ihr Plan eine Chance haben, dann bedurfte es an strenger Führung. Woche um Woche mischten sie sich unters Volk, einmal im Monat gestattete Emily den Bestien ein Opfer. Ein Leichnam wurde nie gefunden, dafür sorgte die Hexe und mit der Zeit lernten der Wolf und die Fledermaus, ihren Blutdurst zu kontrollieren. In den Vollmondnächten streifte der Wolf durch die hiesigen Wälder, denn die Macht des Mondes über ihn war ungebrochen.
Es war Markttag, auf dem großen Platz inmitten der Stadt hatten sich etliche Händler eingefunden und verkauften ihre Waren. Die Sterblichen liefen auf und ab, es wurde geplaudert, es wurde gefeilscht. Die Luft war erfüllt von dem Gesang der Stadtmusikanten, die für ihre liebliche Musik auf einen kleinen Obolus der Passanten hofften. Es roch nach abgehangenem Fleisch, Backwaren und frischem Obst. An einigen Ständen brodelten Kessel vor sich hin, der Dampf der Speisen stieg auf. Angepasst an den Kleidungsstil der Menschen, hatten Emily und ihre Begleiter sich hinausgewagt. Die lange Abstinenz der Kreaturen räumte ihnen einen weiten Spielraum ein. Unter den Sterblichen zu gehen, war ein Leichtes für sie geworden. Der Wolf und die Fledermaus liefen soeben über den Platz, als beide wie vom Donner gerührt stehen blieben. Sie starrten geradeaus, etwas hatte zur gleichen Zeit ihre Aufmerksamkeit erhascht, oder vielmehr jemand.
„Was ist, weshalb bleibt ihr stehen?“, wunderte Emily sich.
„Diese Frau dort vorne, sie ist so… wunderschön… ich kann nicht aufhören, sie anzusehen“, voller Begeisterung drangen die Worte aus der Fledermaus heraus. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er so etwas wie Glück.
„Geht mir genauso“, warf der Wolf ein, auch ihn hatte ein warmes Gefühl fest in der Hand.
Emily hingegen wusste, sie war ihrem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Sie hatten soeben die Wiege für neues Leben entdeckt und schon bald würde ihre Vision Wahrheit werden.
Zweiter Teil
Die Kinder der Nacht
Es waren eine brünette und eine blonde Frau, die das Herz der Bestien im Sturm erobert hatten. Dabei hatten die Fledermaus ein Auge auf den Blondschopf und der Wolf auf die Dunkelhaarige geworfen. Worte waren bisher nicht gefallen, doch ihre Herzen wussten, was sie begehrten. Eigenartigerweise verspürten sie nicht den Drang, den Frauen bei vollem Bewusstsein ihre Kehlen mit ihren messerscharfen Zähnen aufzuschlitzen und sie blutleer zu machen. Ein bisher dahin unbekanntes Gefühl kämpfte sich seinen Weg aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins an die Oberfläche. Niemand dieser ahnungslosen Lämmer begriff, dass die Hexe einen Bannzauber auf die Vier gelegt hatte. So lange hatte Emily nach zwei geeigneten Zellwirten gesucht, hatte die Stadt heimlich, still und leise nach ihnen durchforstet und nun hatte sie sie gefunden. Gebannt schritten der Wolf und die Fledermaus auf ihre Auserkorenen zu, während Emily im Hintergrund weiterhin die Fäden hielt. Unter anderen Umständen hätten die beiden Frauen die Männer nie auch nur eines Blickes gewürdigt. Nur der unsichtbare Zauber der Hexe sorgte für den bevorstehenden Erfolg der Kreaturen bei den Damen. Es waren nicht viele Worte notwendig gewesen, damit die Blondhaarige und die Brünette den Kreaturen so gehorsam waren. Wie Besessene ließen sie ihre Arbeit auf der Stelle zurück und folgten ihren lüsternen Herzen. Emily hatte in ihrer Voraussicht einen Raum bereitgemacht. Die hölzernen Läden vor den Fenstern waren geschlossen, etliche Kerzen waren im Inneren entzündet worden, ihr flackerndes Licht sorgte für eine lauschige Atmosphäre. Auf dem Boden lag ein Ruhelager bereit, das aus Dutzenden weicher Kissen bestand. Der Komfort des Zimmers würde die nötige Würze für die bevorstehenden Ereignisse sein. Wie von Zauberhand geleitet, traten die Kreaturen mit ihren Begleiterinnen ein. Niemand von ihnen wusste, weshalb ihre Füße sie an diesen Ort gebracht hatten und es interessierte sie auch nicht. Begierig glitten die Lippen der Fledermaus über die der blonden Frau, der Wolf hatte unterdessen gefühlvoll seine Hände in den Haaren seiner Angebeteten vergraben. Sämtliches Blut floss in die unteren Regionen der beiden Männer und sorgte dafür, dass sie mit kräftigen Stößen in ihre jeweiligen Partnerinnen eindringen konnten und lustvolles Aufstöhnen erzeugten. Vor der Tür des Zimmers wartend, lauschte Emily dem Spektakel. In eben jenem Moment verband sich das spezielle Gen der Bestien mit der Fruchtzelle der jeweiligen Frauen. Schon bald würde neues Leben heranreifen und die Hexe weiter an ihr Ziel bringen.
***
„Ingrid, Ingrid, wach auf!“, flüsterte die brünette Frau, die sich noch immer wie betäubt fühlte.
„Was ist denn, Sarah?“, auch sie hatte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Ingrids Stimme hörte sich für sie Meilen entfernt an.
„Wo sind wir hier?“
Nur langsam und mit größter Mühe schafften es Ingrid und Sarah, sich von ihrer Trance zu befreien. Sie sahen sich um. Es war der Raum, in den sie mit den beiden Männern gegangen waren, an so viel konnten sie sich zumindest erinnern. Gedimmtes Licht waltete, ihre Körper fühlten sich beide wie gerädert an und in ihren Köpfen herrschte das absolute Chaos. Was war geschehen und was noch viel wichtiger war, wie lange waren sie schon hier?
„Ich kann mich nicht richtig bewegen, Sarah. Meine Beine wollen mir nicht gehorchen, was geschieht hier nur?“
„Ihr braucht euch nicht zu fürchten“, sprach eine Stimme aus der Dunkelheit heraus; sie gehörte Emily, die dafür gesorgt hatte, dass die beiden Frauen nicht fliehen konnten.
„Wer seid Ihr, was wollt Ihr von uns?“, wimmerte Sarah angsterfüllt.
„Habt keine Angst, denn ihr seid auserkoren. Die beiden Männer haben euch ihren Samen eingepflanzt und schon bald werdet ihr, mein Lieben, die Mütter der ersten Kinder der Nacht sein.“
Emily befreite Ingrid und Sarah von ihrer Unfähigkeit, sich zu bewegen. Instinktiv sprangen die beiden auf und ergriffen die Flucht. Noch bevor sie die Tür erreicht hatten, waren sie in den Fängen des Wolfs und der Fledermaus.
„LASS MICH LOS!“, brüllte Ingrid und schlug der Fledermaus auf die Brust.
„SCHLAFT!“, befahl die Stimme der Hexe, Ingrid und Sarah fielen zu Boden. Wenn sie erneut erwachten, würde keine von ihnen mehr wissen, was geschehen war.
„Du sagtest, sie würden sich nicht wehren, wenn sie aufwachen“, entgegnete der Wolf.
„Vertraut mir, das werden sie auch nicht, meine Zauber gelingen immer. Die Saat ist gepflanzt, ein Jahr wird sie im Mutterleib heranreifen, bis dahin sind die Frauen auf sich alleine gestellt. Wenn sie aufwachen, werden sie sich daran erinnern, mit zwei Männern geschlafen zu haben, aber eure Gesichter werden ihnen entfallen sein. Das räumt uns die Möglichkeit ein, sie aus der Ferne zu beobachten und wenn die Zeit reif ist, dann werde ich erneut meinen Bann auf sie aussprechen.“
Am nächsten Morgen waren die Hexe und ihre Begleiter verschwunden. Die beiden Frauen wussten nur noch, dass sie sich in Fleischeslust zwei Männern hingegeben hatten, aber nicht mehr, wer die beiden waren. Nach einigen Wochen bemerkten sie, dass sich in ihren Körpern etwas regte. Ihre Blutungen blieben aus, Ingrid und Sarah wussten, was dies zu bedeuten hatte. Emily beobachtete die beiden Wirte aus der Ferne. Sie war ihnen stets auf den Fersen, ohne sich dabei zu enttarnen. Monat für Monat fiel einer der Dorfbewohner der Bestien zum Opfer. Meist waren es Verbrecher, um die sich niemand scherte und Emily sorgte für das Aufräumen hinterher.
Ein Jahr war seit der körperlichen Verbindung der Kreaturen und den sterblichen Frauen vergangen. Draußen tobte ein Sturm und zwang die Einheimischen in ihre Häuser. Er rüttelte mit seiner bleichen Hand an den Fensterläden, jagte kleinen Kindern einen furchtbaren Schrecken ein und sorgte dafür, dass sie verängstigt zu ihren Eltern ins Bett krochen. Unterdessen hatte die Hexe Ingrid und Sarah mit Hilfe eines Bannzaubers vom Dorf weggelockt. Gleichsam willenlosen Sklaven folgten die beiden Frauen ihr in eine Höhle. Dort, in der Finsternis, warteten der Wolf und die Fledermaus. Man schrieb inzwischen das Jahr 0, eine neue Zeitrechnung würde alsbald beginnen, ebenso ein neues Zeitalter. Unter großen Schmerzen und nur mit der Hilfe der Hexe, brachten Ingrid und Sarah in jener Nacht zwei Knaben zur Welt. Die Säuglinge lagen auf den Brüsten ihrer Mütter, die schweißgebadet, aber glücklich waren.
„Ein Knabe, ein wunderschöner Junge, sieh doch, Ingrid, was für ein Glück wir beide haben“, sprach Sarah, die den Tränen vor Freude so nahe war. Ihr Schicksal sollte sich in diesem Moment wenden. Emily nahm beiden Frauen die Kinder weg. Die Neugeborenen schrien, doch Ingrid und Sarah waren zu schwach, um sich zu wehren. Die Angst stand mit einer schwingenden Peitsche hinter den beiden Frauen, denn just traten der Wolf und die Fledermaus aus dem Schatten hervor und der Vorhang fiel. Alles Vergessene kehrte zurück, Ingrid und Sarah erinnerten sich sofort wieder an ihre Nacht mit den beiden Männern. Dass sie Beischlaf mit ihnen gehalten hatten, obwohl sie nicht wussten, weshalb. Und sie erkannten auch, dass sie von der Hexe verführt worden waren, dass sie die Fäden im Hintergrund gezogen hatte; das war Emilys letztes trauriges Geschenk an die Mütter, denn die Bestien hatten nur einen Befehl.
„TÖTET SIE“, befahl Emily.
Kein Gedanke des Glücks oder gar der Liebe trübte nun mehr den Geist der Bestien, auch sie waren vom Bann der Hexe erlöst und folgten ihrem ureigenen Instinkt, jagen und fressen. Hilf und schutzlos waren die Frauen dem Wolf und der Fledermaus ausgeliefert, die sich gierig über ihr zartes Fleisch hermachten. Versunken in einer Blutlache zerstückelten die Bestien die Körper ihrer einstigen Geliebten. Als dieses Gemetzel beendet war, nahmen sie erneut humane Gestalt an. Das erste Tageslicht kroch unterdessen die Landschaft empor, ein Sonnenstrahl aus purpurnem Licht fiel durch den Höhleneingang. Die Fledermaus blickte an sich hinab, etwas stimmte nicht.
„Ich, ich fühle mich nicht gut“, wankend und schwankend krachte er schließlich zu Boden. Der Wolf eilte ihm sofort zur Hilfe. Aber gegen das Schicksal kommen selbst die Stärksten nicht an.
„Emily, hilf uns, was geschieht hier nur?“, wimmerte der Wolf, das Tageslicht vor der Höhle wurde stärker.
„Es tut mir leid, meine Freunde, aber eure Zeit ist vorbei“, ein letztes Mal blickte Emily in die blassen Augen der Fledermaus, ein letztes Mal hörte sie das wilde, ungebändigte Herz des Wolfes schlagen. Das Purpur der aufgehenden Sonne war einem majestätischen Gold gewichen, das nun die gesamte Höhle durchflutete. Die Urväter verwandelten sich zu Stein, ihre erstarrten Säulen fielen in sich zusammen wie ein schwaches Gerüst. Nur Staub war von ihnen übrig geblieben, der von einem Windhauch weggeweht wurde.
„Ihr wart nie unsterblich gewesen, bloß mit meiner Hilfe habt ihr solange überlebt“, sprach die Hexe vor sich hin. „Man wird sich an euch erinnern, ihr werdet in die Geschichtsbücher als die Urväter eingehen, doch wart ihr ausschließlich Mittel zum Zweck.“ Sie beugte sich hinab, auf dem Boden war ein Rest an Staub übrig. „Weil du mir einst erlaubt hast, eure Nachfahren mit der Gabe der Unsterblichkeit zu segnen, werde ich dies nun tun.“
Emily ging hinüber zu den beiden Knaben, die eingewickelt in frische Laken im hintersten Ende der Höhle tief und fest schlummerten.
„Ihr seid die ersten Kinder der Nacht, aus euren Blutlinien wird sich einst ein großes Imperium erheben, Vampire und Werwölfe haben das Licht der Welt erblickt. Und damit ich sichergehen kann, dass ihr die Zeiten für alle Ewigkeiten überdauert, hier ist mein Geschenk an euch.“ Sie öffnete ihre Hand, in der sie die letzten Überreste der Urväter aufgehoben hatte und blies den Staub von ihrer Handinnenfläche. Er rieselte auf die Säuglinge hinab, die unberührt weiterschliefen.
„Die Unsterblichkeit soll von nun an auch euch zuteil sein.“
Mit der aufgehenden Sonne verließ Emily mitsamt den Neugeborenen die Höhle und machte sich auf ihren Weg in die Zukunft.
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