ETRURIA - J. M. Wanageeska - E-Book

ETRURIA E-Book

J. M. Wanageeska

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Leben und der Untergang der etruskischen Kultur 280 vor Christus in der geographisch heutigen Toscana. Eine Reise durch verschiedene Stätten und aussergewöhnliche Begegnungen mit der etruskischen Kultur und den darin lebenden Menschen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



ETRURIA

Das vergessene Volk

J. M. Wanageeska

Impressum

© 2022 J. M. Wanageeska

2. Auflage

Korrektorat u. Satz: Angelika Fleckenstein

(Lektorat Spotsrock; www.spotsrock.de)

ISBN Softcover:

978-3-347-75716-5

ISBN E-Book:

978-3-347-75717-2

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40–44, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Das Buch ist ebenfalls in englischer Sprache erhältlich; und zwar unter dem Titel „ETRURIA“ The Forgotten People (©2020, tredition)

Vorwort

Wenn wir für uns und auch für andere Antike-Fans und Archäologen sprechen dürfen, waren die Etrusker eine der größten Zivilisationen der Antike.

Nach der Überlieferung des griechischen Geschichtsschreibers Herodot, suchte im 13.–12. Jahrhundert v. Chr. eine Hungersnot das Volk der Lyder heim. Die Lyder waren zu dieser Zeit geographisch in der Westtürkei und den Inseln davor zu Hause.

Unter dem König Atys wurde das Volk aufgeteilt und die Hälfte der Bevölkerung segelte unter dem Kommando des Königssohnes Tyreus in Richtung Westen, die Gegend der heutigen Toscana. Hier begann ein neues Zeitalter, es entstand eine neue Kultur und Zivilstation und Tyreus wurde König und Oberhaupt des neuen Etruriens.

Das Etrurien der 12 Städte, ein Bund autonomer und doch voneinander abhängiger Stadtstaaten, die jeder den eigenen König und Schamanen als Anführer hatten. Jede Stadt trug das Seine für diesen Bund der Zwölf bei, die miteinander eine Symbiose bildeten.

Die Etrurier hatten kulturell und geographisch einen sehr großen Einfluss. Im 6. Jh. vor Christus wurde sogar die Stadt Rom von den Etruriern beherrscht. Die etrurischen Könige waren Feldherren und Richter in einem. Nach insgesamt sieben etrurischen Königen hatte das römische Volk genug von dieser Regierung. Sie wollten eine Republik. Sie widersetzten sich den etrurischen Herrschern, vertrieben diese aus der Stadt und verwandelten Rom in eine Republik.

Wer waren diese Etrurier? Kommen Sie mit uns auf eine Reise in das Etrurien des 3. Jahrhundert v. Chr., wo sich die Bewohner dieses Landes auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung befindet.

Einleitung

Wir alle haben Bilder in unseren Köpfen. So auch wenn wir den Namen Rom hören! Das antike Rom steht für viele als ein Sinnbild für die Zivilisation am Anfang aller Kulturen, Republiken und Imperien …

Bitte vergessen Sie das alles wieder. Die Geschichte, die ich Ihnen erzähle, hat nichts mit dieser Größe Roms zu tun, die wir heute kennen. Sie spielt zu einer Zeit ungefähr 280 Jahre vor Christus. Da ist Rom eine selbständige, träumende aber auch noch sehr vorsichtige und verängstige Stadt, weil:

Im Süden sehr starke griechische Kolonien lauern und im Norden zwölf reiche etrurische Städte existieren. Weiter im Norden, in der fruchtbaren Poebene, musste man sich vor den gallischen und germanischen Dörfern in Acht nehmen. Zu dieser Zeit war Rom zwar aufstrebend, aber mit den heutigen Worten lediglich ein Außenseiter.

So, jetzt fragen Sie sich sicher, was hat das mit den Etruskern zu tun. Geduld mein Leser, Geduld. Wir gehen jetzt zu den Etruskern, besser gesagt zu den Wurzeln der Etrurier. Die Etrurier waren oder sind ein Volk der das Wort Zivilisation fremd war. Viel wichtiger war, dass Sie im Jetzt gelebt haben, sehr ähnlich den Ureinwohnern Nord Amerikas. Die Etrurier liebten das Handwerk, die Natur und die Familie. Sie hatten Seher und Schamanen und kannten bereits die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Sie wussten, dass es nach dem Tod weiter geht. Sie legten Gräber für Ihre Verstorbenen an, größer und prächtiger als ihre Häuser. Die Lebensweise war denen der Griechen sehr ähnlich, was den Baustil der Häuser betraf. Jedoch war ihre Lebensphilosophie einzigartig.

Öffnen Sie Ihren Geist und machen wir eine kleine Reise durch das Etrurien dieser Zeit:

I Casira / Caere

Ihre 12 Städte bereiste man von Rom aufwärts, am besten der Küste entlang. Nordwärts ca. 30 km weiter kam dann die erste etrurische Stadt Casira. Die Römer nannten sie Caere.

II Tarquinii / Tarchuna

Noch mal ca. 40 km nordwärts den Küstenverlauf folgend bis zu einem Fluss, dem man dann ca. 5 km Landeinwärts folgen musste, kam die Stadt der Städte Tarquinii wie sie die Römer nannten. Die Einheimischen selbst, die den größten Teil der Schiffe und Segel bauten, nannten ihre heimliche Hauptstadt Tarchuna. Natürlich gab es keine Hauptstadt in Etrurien, aber Tarchuna dachte anhand des Reichtums der Stadt, der Gewichtigkeit des Militärs und der strategischen Lage in Mittelitalien der Antike, sie seien das Herzstück Etruriens. Kurz gesagt, die Tarchuner waren aufgrund ihrer Gewichtigkeit in Sachen Politik und Reichtum ein bisschen arrogant.

III Vulci / Velcha

Weiter Nordwärts, wieder 30 km der Küste entlang und ca. 10 km landeinwärts kam Vulci, wie die Römer es nannten. Auf etrurisch bekam die Stadt den Namen Velcha. Sie war eine wunderschöne Stadt, welche an einem lebendigen Fluss lag, der genug Wasser für die riesigen Ährenfelder spendete.

Die Stadt hatte flächen- und einwohnermäßig immense Ausmaße. An zwei Seiten war Velcha geschützt, einerseits durch den Fluss und andererseits durch eine riesige Stadtmauer. Die Mauer war furchteinflössend und zugleich aus wunderschönem Tuffstein gehauen.

IV Volsinii / Velzna

Weiter in der Reise musste man 40 km landeinwärts einen alten Vulkan ansteuern der Richtung Nordosten lag. Anschließend 10 km östlich der Straße entlang, lagen ein bisschen versteckt das wirkliche Zentrum und das Herz Etruriens. Hier trafen sich Könige, Schamanen und Geistliche jener Zeit um zu Festen, Beraten und den Göttern zu Opfern. Die Römer nannte es Volsinii, die Etrurier Velzna.

V Perusia / Phersna

Ca. 50 km nordöstlich gehen wir in das ein bisschen rauere Perusia oder wie es die Einheimischen damals nannten Phersna. Es hatte eine strategische Position, am oberen Tibertal. Die Stadtmauer war aus Travertin und ganze 3 km lang, mit zwei großen Eingangstoren die Monumental waren.

VI Clusium / Clevsin

Von Phersna aus ging es weiter in unwegsames Gelände ca. 45 km Richtung Westen. Hügel über Hügel ab nach Clusium. Die Etrurier nannten es Clevsin. Die Gründung der Stadt ist auf einen Fürsten zurückzuführen. Sein Name war Cluso. Er gründete die Stadt auf einem Hügel westlich des Chianaflusses. Clevsin war eine Handwerksstadt und Händlerdrehscheibe für Inneretrurien. Es war berühmt für sein Buccerogeschirr und die Elfenbeinschnitzereien. Aber sie wussten auch ihre Musiker zu schätzen und hatten dazu einige Sportwettkämpfe.

VII Cortona / Curtun

30 km nördlich lag Cortona oder Curtun, wie die Etrurier es nannten. Es liegt an den Ausläufern des Berges Sant Egidier mitten im fruchtbaren Chiana Tal. Es war berühmt für seine Bronze Skulpturen, die in fast jeder etrurischen Stadt zu dieser Zeit standen.

VIII Arretium / Aritim

Wir gehen weiter, lieber Leser, Richtung Norden ca. 25 km nach Aritim. Verschlafen auf einem Hügel, wo das Chiara Tal auf ein kleines Bergmassiv trifft. Es hatte Gold in Hülle und Fülle und war in einer geografisch idealen Lage. Es kontrollierte den Durchgang der Völker im Norden und die Kelten, Umbrier und Germanen in den Süden, die aus der Poebene in das Tibertal wollten. Die Königsfamilie war in Aritim nicht so weise wie andere Könige Etruriens. Weil sie nicht auf ihre Schamanen und Seher hörten, wuchsen die Spannungen in den Metall- und Tonmanufakturen stetig. Die Bevölkerung wollte Mitspracherecht bei der Gestaltung der Politik und des Stadtwesens. Diese Spannungen waren den anderen elf Städten nicht unbekannt.

IX Volaterrae / Velathri

85 km nordwestlich lag Volaterrae oder für die Etrurier Velathri. Die Stadt lag weit oben, der Weg auf diesen sehr hohen, wenn nicht sogar höchsten Hügel Etruriens war fast unendlich lang. Lang und imposant waren auch die Stadtmauern, die sich über 7,5 km hinzogen. Volaterrae war sehr eindrücklich und am Höhepunkt seiner Entwicklung. Es hatte eine Art Akropolis, eine große Tempelanlage, und ihre Nekropole, die Totenstadt, ging weit unter den Berg. Auch außerhalb von Velathri konnte man eine Totenstadt vorfinden, diese war aber nur den Kriegern gegönnt, welche mit allen Ehren begraben wurden.

Die Stadt selbst war handwerklich eine der vielseitigsten und erfolgreichsten im etrurischen Städtebund. Sie produzierten Plastiken aus Alabaster, Marmor, roten und schwarzen Buccero Keramik, Gold, Silber und Kupferschmuck. Gegenstände aus damals allen Metallen, die man haben wollte und obwohl sie weit im Landesinnern waren, hatten sie am Fuß ihres Hügels einen kleinen künstlichen See. Hier bauten sie Schiffe, von wo aus sie auf dem Fluss Ceccina wieder aufs Meer hinausgelangen konnten.

X Populonium / Pupluna

Vom Meer wieder zurück gelang man Richtung Süden nach Populonium, von wo man schon von weitem die Schlote der Eisenöfen rauchen sah. Die Etrurier nannten diese Stadt Pupluna-Fufluna, dessen Name in Verbindung Stand mit der Weingöttin Fufluns. Trotz ihrer unzähligen Eisenöfen, die manchmal den blauen Himmel schwarz-grau färbte, war es einer der schönsten Orte Etruriens. Pupluna war bekannt für komplexe Schmelztechniken und im Hinterland der Stadt wurde Kupfer, Blei, Zinn und Silber abgebaut. Die Insel Ilva (Elba), die gleich vor der Küste lag, lieferte Eisenerz in schier unendlichen Mengen. Ilva bedeutet „die schwarz Gefärbte“, weil auch dort zu dieser Zeit Eisen verhüttet wurde. Pupluna verfügt auch über den größten und am besten geschützten Hafen gegen Wetter und Feind, weil man von der Küstenstadt das gesamte Meer überblicken konnte.

XI Vetulonia / Vatluna

Weitere 30 km südlich der Küste entlang und 7 km landeinwärts traf man hoch oben auf einem Hügel auf Vetulonia. Es besaß mehrere Häfen und betrieb mit Vorliebe Handel mit Syrien und Zypern und dem großen Königreich Ägyptens. Die Stadt war reich und produzierte Edelhandelswaren wie Silber- und Weihrauchgefäße, Vasen mit Eisenhenkel in Lotusblütenform und allerlei Goldgegenstände.

Die Stadt Vatluna, wie sie sich selbst nannte, behauptete sich aber hauptsächlich durch den Handel.

XII Roselle / Rosaelle

Das 20 km in südöstliche Richtung liegende Roselle liegt an einem Ausläufer des Flusses Ombrone. Es hatte mit einer großen Lagune Zugang zum Meer. Die Länge ihrer Stadtmauer betrug 3 km. Die Stadt kontrollierte den Zugang ins Kernland Etruriens, war aber ärmer als die anderen Städte, weil es von Bauern besiedelt war. Sie besaßen jedoch große fruchtbare Ebenen. Die Ährenfelder und Olivenplantagen waren der Stolz von Rosaelle.

Im Ganzen wurde der Zwölfer Bund Etruriens geographisch ca. 980 v. Chr. gegründet, vor der Zeit, wo unsere Geschichte spielt.

Im Norden vom Fluss Arno beschützt und begrenzt. In früheren Zeiten hatten die Etrurier noch ein paar Kolonien weiter nördlich Land, mussten aber dem Druck der barbarischen Kelten und Galliern südlich des Arno zurückweichen.

Im Süden hatte der Zwölfer Bund Etruriens den Tiber als Grenze und wurde auch so respektiert. Bis 100 Jahre vor der Zeit unserer Geschichte, der Krieg mit den Rumern (so nannten die Etrurier die Römer etwas abschätzig) ausbrach. Die etrurischen Könige hatten Rom unterschätzt und eine Niederlage einstecken müssen.

Die Stadt Veji die bis da Mitglied war im Zwölfer Bund, war der Friedenstribut an Rom, so rückte Pupluna nach.

Aber nun Schluss mit der Geschichtsstunde. Die Erzählung hat ihren Anfang in Pupluna, einer der zwölf etrurischen Städte, die reich geworden ist durch die Herstellung und Handel von Eisen.

Thesan

„Thesan … Thesan …? Wo bist du?“, rief die Königsmutter Ushil. Thesan war weit weg auf einer Klippe sitzend und schaute in die Ferne des Mittelmeeres. Sie sah jedoch noch viel weiter … Die Mutter erkundigte sich verzweifelt bei den Stadtbewohnern von Pupluna nach ihrer Tochter. Aufmerksam wie die Leute waren, wussten sie nicht nur das Thesan eine Prinzessin war, sondern ein Schatz für die gesamte etrurische Kultur. In ihr sahen viele unbewusst Hoffnung für die Menschen.

Die Leute verwiesen die Königin Ushil und die zwei Wachen, die sie mit sich führte, zu den Klippen. Dort angekommen rief sie Thesan mehrmals zu: „Komm bitte her, Thesan.“

Doch Thesan konnte ihre Mutter nicht hören, sie war sehr weit weg. Sie sah die Zukunft … Thesan weinte und wusste nicht, was sie da sah. Doch sie wusste, sie musste sofort mit ihren Großeltern sprechen. So langsam hörte sie die Stimme der Mutter: „Thesan, komm jetzt her.“ Ganz verstört rief Thesan zurück wie aus einem schlechten Traum aufgewacht, „Ja Mutter, ich komme sofort!“

Die Mutter fragte ungläubig: „Hast du mich nicht gehört? Ich rufe dich die ganze Zeit!“ „Nein Mutter, entschuldige bitte, die Wellen in der Brandung waren einfach zu laut!“, erwiderte Thesan. „Ich weiß ja, dass du speziell von unseren Göttern auserwählt bist, aber ich mach mir trotzdem Sorgen mein Kind. Lass uns nach Hause gehen, dein Vater, unser König Krankru kommt aus Tarchuna zurück. Dort hatte er sich mit den anderen elf Königen getroffen. Mal sehen, was er uns berichten wird.“ Im selben Moment lief Thesan ein Schauer über den Rücken …

Zur selben Zeit in Rom

Senator und Patrizier Chrachallus spricht zur Bevölkerung Roms: „Mitbürger und Römer, wir sind ein kleines, aber unabhängiges Volk. Ihr wisst, dass uns die Griechen im Süden stark zusetzen, aber wie mir ein Botschafter aus dem Süden berichtete, halten sich unsere Legionen, sechs an der Zahl, sehr tapfer. Wir haben sehr gute Kontakte in den Norden mit Etrurien. Bitte behandelt unsere etrurischen Mitbürger mit dem gleichen Respekt wie sie uns behandeln. Und es tut mir leid, wenn alle Römer momentan aufgrund hoher Kriegskosten auf vieles verzichten müssen.“

Das Volk Roms nahm es hin, weil es keine andere Wahl hatte und schon mehrfach Könige vertreiben musste! Nach seiner Rede sprach Chrachallus im Palast mit seinen dagebliebenen Zenturios Lucius und Argentus: „Hoffen wir, dass die Etrurier nicht auf die Idee kommen, uns von der Landkarte zu fegen.“ Lucius erwiderte: „Das wollen wir doch erst mal sehen!“ Der Senator: „Bei all deiner Kampferfahrung, aber wenn die Etrurier auf die Idee kommen und uns die zwölf Könige Etruriens entgegenzustellen und uns den Krieg aus dem Norden bringen, wird es eng. Dann könnt ihr, Lucius und Argentus, uns vielleicht einen oder höchstens zwei Tage verschaffen, bevor Rom wieder in die Knechtschaft zurückfällt. Im schlimmsten Fall wird Rom aus der Geschichte gelöscht und ausgeräuchert, die Sprache wird vergessen werden …“

Lucius und Argentus schauten sich an und dachten das Gleiche in diesem Moment: Falls es irgendwann in den nächsten Jahren dazu kommen sollte, machte der Senator seine Rechnung ohne seine zwei Zenturios. Lucius, der seine Wurzeln in Etrurien hatte, liebte sein Rom über alles. Die Freiheit und Schönheit Roms betörte Lucius so sehr, dass er manchmal sogar ganz seine Wurzeln vergaß. Argentus dagegen war germanischer Adoptivsohn einer Patrizierfamilie und liebte Rom, weil er sein eigenes Volk verachtete. Die Römer liebten ihn wegen seiner Heldentaten, es kursierten Gerüchte über Argentus, dass er 15 oder sogar 18 Männer erschlug und tötete, bis er selbst zu Boden ging. Der Rest seiner Legion, angestachelt durch seine Taten, stellte sich um den verletzten Zenturio und verwandelte die Niederlage in einen Sieg.

„So Lucius“, sprach Chrachallus, „deine Wurzeln liegen also in Etrurien?“ „Ja, mein Senator.“ Inzwischen erschienen noch zwei weitere Senatoren zum Besuch. Senator Potzius und Rufus. Sie hörten von diesem Zusammentreffen. Sie sagten auf Initiative von Rufus alle im Chor zu Lucius: „Würdest du für Rom die etrurischen Städte als Botschafter besuchen?“ Lucius erwiderte: „Ich bin Soldat, kein Politiker!“ Potzius sprach mit Nachdruck: „Wir brauchen deine Einschätzung der Lage. Wie sind die einzelnen Städte und die Bevölkerung Etruriens uns gegenüber eingestellt?“ So übergab der Senator Lucius die Insignien eines Botschafter Roms. Ein goldenes Armband mit dem eingravierten Schriftzug SPQR und dem Adler sollten ihn begleiten. Dies stand für das Volk und den Senat von Rom. Dazu kam ein Siegelring, der jeden wissen ließ, dass Lucius als Botschafter Roms unterwegs war. Zuletzt erhielt er noch zwölf Papyrusrollen, für jeden König einer Stadt Etruriens. Es sollte eine Art Freundschaftsbrief im Namen von Rom an die Städte Etruriens darstellen.

Lucius war ein bisschen unwohl, sein Schwert gegen die Insignien zu tauschen. Aber wenn er so Rom und seine Legion vor der Vernichtung bewahren konnte, dann war es der Wert. Überzeugt verabschiedete sich Lucius von den Senatoren und dem mächtigen Zenturio mit den Worten: „Argentus mein Freund, sorge für meine Männer und trainiere sie hart. Das doppelte an Gewicht, Schild und Ausrüstung. Falls ich scheitere mit meiner Mission, müssen unsere zwei Legionen guten Mutes sein und im Wissen, dass wir in jedem Fall standhalten!“

Argentus erwiderte: „Ich lass unsere Legionen Formationen trainieren, damit – wenn du zurückkommst – sie mit geschlossenen Augen ihre Positionen kennen. Mach dir keine Gedanken, ich sorge für die Deinen wie für die Meinen. Ruhm und Ehre mein Freund Lucius.“ „Ave Amicus“, erwiderte Lucius. „Eins noch“, sprach Argentus, „gib dein Bestes und wenn du scheitern solltest oder du das Scheitern deiner Mission erkennst, dann kehre umgehend nach Rom zurück. Deine Soldaten, Rom und ich brauchen dich. Es kommt alles wie es muss, Ave.“ Lucius legte seine Rüstung ab, setzte sich auf sein rabenschwarzes Pferd Merlinus und ritt Richtung Tarchuna.

Daheim im Königshaus von Pupluna

In einem erhabenen und wunderschön dekorierten Raum saß die Königsfamilie zu Tisch. Großvater und Großmutter von Thesan, König Krankru, Königin Ushil und Thesans Bruder Culsans.

Als die Königsfamilie gespeist hatte und noch zusammensaß, flüsterte die Großmutter zu Thesan am Tisch: „Ich hörte, du warst bei den Klippen und hast etwas Besonderes gesehen?“ „Ja Großmutter, ich sah einen Adler gegen einen Delfin kämpfen …“ Die Großmutter, die ähnliche Fähigkeiten wie Thesan besaß, zog sich mit ihrer Enkelin in eine Ecke des Saales zurück, der mit prächtigen in erdfarbenen Tönen längst vergangener etrurischen Szenen geschmückt war. Thesans Bruder Culsans schaute dabei missgünstig! Er war zwar Erstgeborener und somit rechtlich Thronfolger, doch das Volk und seine Großeltern verehrten Thesan aufgrund ihrer göttlichen Fähigkeiten und Charismas. Insgeheim hoffte die Bevölkerung, das Thesan mit der Weisheit der Götter die Etrurier in ein neues Zeitalter des Friedens führen würde.

So wuchs der Zorn des Bruders mit jedem Lächeln der Großeltern, dass sie Thesan schenkten. Der König und die Königin von Pupluna waren zu fest mit den Alltagsgeschäften der Eisenstadt beschäftig, sodass Sie die vollumfängliche Tragweite der Fähigkeiten von Thesan nicht erkannten. Dadurch bekamen sie auch nicht mit, wie der Zorn Culsans gegenüber Thesan wuchs, der seine Position gefährdet sah …

„Erzähl mehr von deinen Visionen“, flüsterte die Großmutter in einer abgelegenen Ecke zu Thesan. „Mhm … es ist alles ein bisschen komisch“, beschrieb Thesan ihre Vision. „Der Delfin versuchte ständig, den Adler zu kriegen, doch dieser erlag zuletzt in meiner Vision dem wendigen und jungen Raubvogel.“ „Behalte deine Vision noch für dich“, sprach die Großmutter, die die Bedeutung dieser Vision sofort verstand, aber auch wusste, dass dieses Wissen über die Eingabe der Götter sehr gefährlich war!

Neugierig und machtbesessen stieß der Bruder mit einem falschen Lächeln zu den zwei Seherinnen. „Was tuschelt ihr denn da?“, wollte Culsans wissen. „Gar nichts“, erwiderte seine elf Jahre alte Schwester wie ein Blitz aus dem Himmel gefahren. Da Thesan aber schlecht lügen konnte und ihr Bruder sie sehr gut kannte, durchschaute er sofort, dass es sich um ein wichtiges Gespräch handeln musste.

Die Eltern schauten besorgt in die Ecke, wo diese Szene sich abspielte. Man konnte spüren, wie die Spannung zunahm.

So sprach der Vater zu seinem Sohn: „Komm her, mein junger Krieger, und erzähl mir von deinem Training mit dem Schwert und lass deine Schwester in Ruhe.“ Der Prinz in seinen jungen rebellischen neunzehn Jahren wollte seinem Vater nicht recht gehorchen. So sprach nicht nur der Vater, sondern in einem noch bestimmteren Ton der König: „Culsans, komm jetzt sofort her zu mir. Das sag ich nicht als Vater, sondern als König!“ Das sagte er sonst nie, umso mehr war deutlich, wie ernst es dem Vater war. Der Sohn, dem Vater klar unterlegen, schritt gesenkten Hauptes dem König entgegen.

So entspannte sich die Lage im Hauptsaal des Palastes von Pupluna allmählich wieder, und es kehrte Ruhe ein.

Die Großmutter, die ehemalige Königin von Pupluna, führte das Gespräch mit ihrer Enkelin fort. „Weißt du, was du da gesehen hast, Thesan?“ „Vermutlich, Großmutter, steht der Delfin für unser Volk, oder? Was aber der junge Adler bedeutet, weiß ich nicht. Hast du vielleicht eine Ahnung?“ Die Großmutter überlegte kurz und sprach: „Der Adler könnte für eine Stadt stehen, die im Süden liegt. Die Stadt ist sehr jung, ich glaube, sie wurde vor ungefähr 250 Sommersonnenwenden zum ersten Mal erwähnt. Sie nennt sich Rom.“ „Rom?“, erwiderte Thesan. „Meinst du, es steht für den jungen Adler?“

„Ja Thesan, ihr Krafttier ist ein Adler, wie bei uns der Delfin“, erklärte die Großmutter. „Und ihr Volk ist ein seltsames. Es träumt von Freiheit und Fortschritt. Es ist ein sehr gemischtes Volk, das die Helenen bewundert aber in genau diesem Moment gegen sie Krieg führt! Die Römer haben vor langer Zeit ihre Herrscher vertrieben, weil die Könige nicht weise waren. Und weißt du Thesan, wie alt unser Volk ist?“ „Alt, sehr alt, aber die genaue Zahl kenne ich nicht.“ „Unser Volk ist 1.000 Sommersonnenwenden alt, sprach die Großmutter, aber kennst du auch die Prophezeiung über unser Volk?“ Thesan: „Du meinst, dass unser Volk untergehen wird?“ „Ja“, sagte die Großmutter, „die genaue Prophezeiung lautet, nach einem Millennium steht unser Volk, die Etrurier, vor einer Gabelung. Der eine Weg führt in den Krieg und Abgrund!“ Thesan: „Wie kannst du das so gelassen erzählen?“ „Weißt du, wir als ganzes Volk haben es in der Hand. Und wir als Seher können nur mögliche Wege aufzeigen, nicht aber unser Schicksal verhindern. Vor über 1.200 Jahren hat das Volk der Etrurier ihre damalige Heimat verlassen wegen eines großen Vulkanausbruches. Damals flohen wir von unserem geliebten zu Hause, suchten und fanden, dank unseren Sehern und Schamanen ein noch viel schöneres und fruchtbareres Land. Mit sanften Hügeln und unzähligen Bäumen. Genug Platz für Mensch und Tier, ob wild oder zahm. So Thesan, komm mit, wir gehen nach draußen.“

Sie gingen auf die Terrasse, sahen aufs Meer hinaus und genossen den sanften Wind. Die Großmutter nahm Thesan mit in einen Nebenpalast, der das Zuhause der ehemaligen Königin war. Der Großvater wartete bereits und empfing die beiden mit großer Freude. So sprach er: „Willkommen, Königin und Prinzessin.“ Die Großmutter widersprach sofort: „Ich bin nicht mehr die Königin!“ „Doch, für mich wirst du das immer sein!“ Thesans Augen leuchteten, weil sie die Liebe zwischen ihren Großeltern spüren konnte, die die beiden nach all den Jahren füreinander empfanden. Die Großmutter sprach zu ihnen: „Kommt mit, ich will euch etwas zeigen, jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Am Tage deiner Initiation Thesan, habe ich dir dieses Geschenk gemacht. Da du aber zu klein warst, um dieses zu tragen, habe ich es bis zum heutigen Tage aufbewahrt. Vor deiner Initiation hatte ich eine Vision. Ich sah dich als Seherin und Retterin unseres Volkes. Darum habe ich diesen Schmuck, der das Dritte Auge symbolisiert, für dich anfertigen lassen.“ Sie nahm die goldene Ringscheibe mit den Symbolen aus der eisernen Schatulle, worauf sich zwei aufeinander zu springende Delfine befanden.

„Vor ungefähr zehn Jahren, als wir das Fest deiner Initiation gefeiert haben und dir deinen Namen „Thesan“ gaben, legte ich dir den Schmuck auf deine Stirn und befestigte es mit einem Lederband um deinen Kopf.“

In diesem Moment wiederholte die Großmutter die Zeremonie. Als die Ringscheibe die Stirn von Thesan berührte, befanden sich die Beiden an einem kleinen See. Der Großvater bewegte sich auf einem Weg auf sie zu. Er sprach mit einer ihnen unbekannten Stimme: „Seit gegrüßt, Abgesandte.“ Beide sprachen im Chor zurück: „Großvater, bist du es?“ „Großvater, wer ist Großvater?“, erwiderte die Stimme. „Wo sind wir hier, wir waren doch soeben noch im Palast?“ „An diesem Ort herrschen weder Zeit noch Raum. Egal, welchen Weg euer Volk einschlagen wird, hier wird er enden.“

„Großvater, bist du der Gott der Götter, Voltumna?“ „Nein“, lachte er, „höchstens ein Botschafter …“ „Was machen wir hier? Warum hast du uns hierhergebracht?“, fragte Thesan. Der Botschafter der Himmel schwieg. Die Großmutter schaute fragend, und ein Moment der Stille verging … Die Gestalt sprach weiter in Rätseln: „Euer Volk liebt die Freiheit, die Natur und die Tiere und gesteht auch anderen Völkern diese Lebensweise zu, auch wenn sie anders sein werden. Warnt euer Volk vor dem Bären!“ „Dem Bären? Wie erkennen wir den Bären?“, wollte Thesan wissen. „Groß und stark wird er sein, und ihr werdet ihn an seiner Spirale erkennen, die er trägt.“ Das Erstaunen über das geistige Wesen und dessen rätselhafte Worte war groß:

„Den Adler könnt ihr nicht besiegen. Zu groß ist sein Wille nach Freiheit! Zu wendig und jung, zu scharf sein Auge, zu gefährlich seine Krallen und zu tödlich sein Schnabel. Beruft euch auf die Fähigkeiten nach Kunst und Gesang, das Handwerk, die Natur und euer Wissen über das Erz. So wird der Adler euer Freund und Beschützer.“

„Und wie wollen wir das tun?“, fragte die Großmutter. „Erzählt eurem Volk von dieser Prophezeiung“, sprach das Wesen aus dem Himmel. „Schafft ihr es, euer Volk davon zu überzeugen, dann wird euer Erbe, die Sprache und Kultur überleben. Entscheidet sich der 12 Städtebund für den Pfad des Krieges, dann wird über 2.000 Sommersonnenwenden eure Sprache, Kultur, ja eure ganze Existenz über diese Zeit geleugnet werden.“ Thesan und die Großmutter wurden blass vor Ehrfurcht, denn sie spürten von innen heraus die große Bedeutung dieser Prophezeiung.

Dann verwandelte sich der Großvater in einen Adler und flog davon …

Zuerst wurde es weiß um sie herum, und sie sahen durch ein trübes Licht, wie aus der Vogelperspektive die Halbinsel Pupluna. Es war friedlich und sie hatten das Gefühl, schon Tage vom Palast fort gewesen zu sein. Dann machten beide gleichzeitig langsam die Augen zu und wieder auf, und sie waren zurück im Palast neben dem Großvater, der sprach: „Warum antwortet ihr nicht, wenn ich euch etwas frage?“ Die Großmutter erwiderte ganz erschrocken: „Was hast du gefragt?“ „Gehen wir noch ein bisschen in die Stadt und besuchen unser Volk?“, wollte der Großvater wissen. Die Großmutter und Thesan waren erstaunt, dass der Großvater nichts mitbekommen hatte. Sie fragten: „Wie lange waren wir weg?“ „Weg? Ihr seid nie weg gewesen! Wovon sprecht ihr?“

„Wir waren an einem See, wir drei!“, erzählte die Großmutter. Der Großvater lächelte und erwiderte respektvoll: „Dein Verstand spielt dir einen Streich. Wir drei waren an einem See, aber das war bereits vor Monaten.“ Die Großmutter war sich sicher und konterte: „Nein, das war jetzt gerade, wir drei an einem See!“ „Dann hattest du eine Vision, weil ich nicht dabei war“, sprach der Großvater etwas enttäuscht, weil er diese Gabe selbst nicht hatte. Natürlich glaubte er den beiden, die anschließend ihre Vision mit ihm teilten.

Thesan wusste von dem Moment an, dass sie eine sehr schwere Aufgabe zu bewältigen hatte. Jung und ungeduldig, wie sie war, wollte sie das Volk sofort warnen. Die Großmutter erwiderte weise: „Ja, aber wir müssen uns erst klarwerden, was wir erlebt haben, und nach dem Spaziergang bei unserem Volk konsultieren wir deinen Vater.“

Im Hauptpalast von Pupluna

Der König Krankru: „Sohn und meine geliebte Königin. Wie ihr wisst, war ich in Tarchuna und habe mich mit den anderen Königen über den Handel beraten, den wir mit den Phöniziern, Helenen und Ägyptern führen. Sie alle haben uns reich gemacht, und unsere Schamanen raten uns den Handel mit den Helenen auf ein Minimum zu reduzieren, solange sie Krieg gegen Rom führen. Was denkt ihr darüber?“ Die Königin Ushil sprach: „Wir haben unsere Schamanen noch nie ignoriert, warum sollten wir es jetzt tun?“ Der Prinz Culsans widersprach: „Vater, warum helfen wir den Helenen nicht im Kampf gegen Rom? Wir haben schon lange nicht mehr gegen sie gekämpft.“ Der Vater weitsichtig: „Culsans, warum sollten wir in diesen Konflikt eingreifen und unsere Kämpfer opfern für einen Krieg, der nicht der unsere ist?“ „Vater, das ist jetzt die Möglichkeit. Rom ist schwach und verwundbar. Jetzt wäre die richtige Zeit, Rom zu schlagen, ihnen den Frieden aufzuzwingen und die Städte abzujagen, welche einst die Unseren waren.“ Die Königin intervenierte: „Culsans überlege, was du da sprichst, du hast den Krieg selbst nie gesehen! Noch hast du deine eigenen Krieger auf ein Schlachtfeld geführt.“ „Ein Krieger sucht nie den Krieg, sondern versucht, ihn mit allen Mitteln zu verhindern“, belehrte der König Krankru seinen Sohn. „Höre dir an, was unser Schamane zu sagen hat.“

Der Schamane der Königsfamilie stand schon die ganze Zeit ruhig in einer Ecke, bedeckt mit seinem langen Mantel. Zeri, der Schamane, trat aus dem Schatten der Säulen hervor und sprach: „Lasst uns auf die Terrasse gehen und die Vögel und das Wetter beobachten.“ Wie schon oft ließ der Schamane die Natur für sich sprechen.

Alle schauten aufs Meer hinaus. Zeri senkte den Kopf und fing an zu meditieren … Die Vögel schwirrten umher, als spürten sie die Spannung in der Luft. Es wurde still … Der Wind kam über das Meer geweht und brachte die Bäume zum Schwanken, die neben dem Palast schon seit langer Zeit standen. Der Wind wurde stärker und stärker, und die Königsfamilie schaute gebannt dem Naturschauspiel zu. Wolken zogen auf, zuerst nur wenige, doch es wurden immer mehr. Dunkler und dunkler, dann kam ein Gewitter. Lautes Donnergrollen erschütterte die starken Palastmauern wie auf Befehl! Der Schamane war beeindruckend, er hob den Kopf und schaute in den Himmel hinauf. Es blitzte und donnerte, und der Schamane begann, die Botschaft zu lesen, die nur er entziffern konnte. Nach ein paar Minuten war das Gewitter vorbei und die Sonne brachte wieder Licht über die Stadt. Der Schamane zog sich wortlos zurück. Für einen Außenstehenden schien das sehr respektlos, jedoch wusste die Königsfamilie, dass Zeri nur sprach, wenn er die Botschaft entschlüsselt hatte.

Der Sohn konnte und wollte das alles nicht verstehen. Für ihn waren das alles alte Reliquien einer für ihn längst vergangen Epoche. Reiche wurden nur mit Speer, Schild und Schwert geformt. Es gab nur einen Weg, seinem Etrurien wieder zur alten Größe zu verhelfen.

Da unterbrach der König den Sohn in seinen Gedanken. „Sohn, ich spüre, was du denkst! Alles, was man sich mit Gewalt holen muss, muss man auch mit Gewalt halten!

Darum hat jede unserer 12 Städte einen eigenen König und verwaltet sich selbst. So herrscht keine Stadt über die andere.“ Der Sohn schaute ins Leere und konnte die Worte hören, aber an seinem Herzen, das hart war wie das Eisen, das Pupluna produzierte, prallten sie ab.

Der König Krankru sprach weiter: „Du solltest bei Zeri alles über das Geistige und die Natur lernen.“ Culsans widersprach abermals: „Vater, ich bin Krieger und kein Schamane …“ „Doch ich will, dass du die Weisheit lernst und nicht nur die Kampfkunst.“ Der Junge, in seinem Stolz sehr verletzt, verließ erbost den Raum. Draußen blieb er jedoch abrupt stehen, drehte sich um und belauschte seine Eltern.

„Meine geliebte Königin Ushil, was soll ich tun?“ „Ich weiß es nicht, warten wir ab, was der Schamane aus dem Vogelflug und den Blitzen gelesen hat und welchen Rat er für uns bereithält“, erwiderte die Königin „Du hast recht, ich bin einfach zu ungeduldig und möchte unbedingt etwas tun.“ Ushil weiter: „Was meinst du, sollen wir unseren Handel wirklich einschränken mit den Helenen?“ Krankru: „Solange sie Krieg führen, ja. Wir werden den Handel mit den Ägyptern, Phöniziern, Kelten und Galliern ausweiten müssen. Und wir werden den Handel mit König Pyrrhos einschränken, solange er im Süden Krieg gegen die Rumer führt. Wirst du das veranlassen, meine Königin?“ „Ja sofort, ich werde umgehend unsere Handelsleute und Eisenhersteller informieren“, sprach sie und verließ den Palast.

Zur gleichen Zeit schlenderte Thesan durch die Häuser von Pupluna an den Goldschmieden und Steinmetzen vorbei, weiter bei den Korbflechtern und Terrakottaherstellern.

Alle besaßen schöne, zum Teil aus Holz und Naturstein gefertigte kleine Häuser. Auch die Kunstmaler, Schmiede und Bäcker kreuzten ihren Weg. Jeder Einzelne in der Stadt war erfüllt von innerer Zufriedenheit.

Auf dem Hügel blies stets ein kleines Lüftchen. Der Wind des Lebens wehte zu ihnen herüber und sprach: „Macht weiter so, ich bin zufrieden mit euch.“

Man konnte das tiefe Vertrauen, welches das Volk gegenüber Thesan und den Großeltern entgegenbrachte, genau spüren. Das Vertrauen war so tief, weil über Jahrhunderte die Könige etrurischer Städte sich das verdient gemacht hatten. Sie hatten und haben immer weise und in Wohlwollen ihrer Bevölkerung gehandelt. Tief war das Vertrauen, wie die Tiefe des dunkelblauen Meeres vor der Küste Etruriens.

Sie hatten fast den höchsten Punkt der Halbinsel erreicht, da rief Thesan und deutete zum Himmel: „Schaut mal, Ati Nacn und Apa Nacna (Großmutter und Großvater).“ Die Sonne ging langsam dem Ozean entgegen und der Himmel färbte sich in allen Farben wie in einem Gemälde. Unten in der Ebene nordwärts konnte man die Eisenöfen sehen, wie sie den Rauch in die Höhe spuckten. Tag und Nacht qualmte es, um Eisen aus dem Gestein zu gewinnen, dass in großen Schiffen von Ilva (Elba) nach Pupluna gebracht wurde.

Die Großeltern sprachen: „Komm Thesan, wir gehen nach Hause, es ist schon spät.“ „Nur einen Moment“, erwiderte Thesan, „bitte noch einen Augenblick bis die Sonne den Horizont berührt.“ Die Großeltern schmunzelten. Thesan verpasste seit klein auf kein Sonnenauf- oder Untergangsspektakel. Verträumt ließ Thesan ihren Blick in die Ferne schweifen.

Den Rückweg traten sie über einen kleinen Umweg Richtung der heiligen Stätten an, welche auf der anderen Seite der Halbinsel lagen. Sie sahen auf einen Platz hinunter, auf welchem man die Neugeborenen mit einem wunderbaren Fest begrüßte, der Initiation. Auch die Toten wurden hier verabschiedet mit einem Übergangsfest. Anschließend legte man die Verstorbenen in ein wunderschönes Grab, eine Art künstliche Höhle, direkt in den Berg gehauen. Darin befanden sich zwei bis drei Betten und die Lieblingsutensilien der Toten. Je größer die Familie, umso mehr Betten wurden in den Stein gehauen. Die königlichen Familien hatten sogar künstliche Hügel, meist auf einer Hochebene.

Die Großeltern fragten Thesan, obwohl keine Zeremonie abgehalten wurde, ob sie die Musik hören könne. „Ja“, freute sich Thesan, „ich kann die Musik genau hören.“ Der Platz war magisch, so spielte die Musik, auch wenn kein Fest stattfand, was aber nicht von allen gehört werden konnte.

Langsam wurde es dunkel, und sie kehrten zurück zum Palast. Die Fackeln und Öllampen erhellten ihren Weg. Der Wald, der die Stadt umgab, erwachte und man hörte Tiere und Geräusche, welche nur in der Nacht zu hören waren.

Als sie durch die Gassen gingen, freuten sich alle über die junge Thesan und sprachen hinter vorgehaltener Hand von ihr als Gesalbte. Dies wollte Thesan gar nicht hören, sie wollte einfach nur sie selbst sein.

Zu Hause blieb Thesan über Nacht bei den Großeltern, was diese immer sehr freute.

Zur gleichen Zeit wartete der König Krankru auf die Entschlüsselung des Schamanen Zeri. Culsans lauschte noch immer in einem versteckten Winkel, in der Hoffnung er könne dem Gespräch beiwohnen. Die Königin Ushil kehrte zurück und sprach: „Mein König, ich habe alle Händler und Handwerker versammeln lassen und habe ihnen zu verstehen gegeben, dass der Handel mit den Griechen, solange sie Krieg führen, untersagt ist.“ Der König fragend: „Und wie hat unsere Stadt darauf reagiert?“ „Die Schmiede haben genug Arbeit, weil unsere Eisenwaren überall beliebt sind. Die Handelsleute sind dagegen nicht so begeistert. Die anderen Handwerker nehmen es mit einem Murren hin.“

Krankru fragte: „Aber sonst haben unsere Handelsleute und Handwerker verstanden, warum wir so handeln müssen?“ „Ja natürlich, wenn auch nicht alle mit ganzer Zustimmung.“ Sie verharrten eine Weile in der Stille ohne Worte.

Es war schon spät, als Zeri zum Königspaar kam. Diese blickten gespannt, aber der Schamane sprach kein Wort, was die Herrscher sehr verwunderte. Sonst erschien Zeri immer dann, wenn er etwas zu berichten hatte. „Mein König …“, sprach er und stockte. „Sprich doch endlich, was haben die Götter zu sagen?“, fragte der König Krankru ungeduldig. Zeri antwortete: „Ich glaube, dass du die Antwort diesmal nicht hören willst, da die Kunde unserer Götter, diese neue Botschaft, sehr dunkel ist. Sie kommt direkt vom Gott der Götter Voltumna selbst. Hören wir nicht auf ihn, so wird das unser aller Untergang sein!“, sprach Zeri laut und mit deutlicher Stimme. Da erwachte auch Culsans, der immer noch in seinem Versteck lauerte, von Zeris lauter Stimme, als ob ihn ein Dämon wachrüttelte.

Zeri sprach weiter: „Mit Untergang meine ich nicht unsere Stadt mein König, sondern den ganzen 12-Städte-Bund. Den Untergang Etruriens, unsere Selbständigkeit, unsere Sprache, unsere Kultur. Ja, zum Teil sogar die Versklavung unseres Volkes …

„Vorsichtig wir sein müssen“, sprach Zeri weiter in einem komischen Dialekt. Krankru behielt die Fassung, aber innerlich brodelte es, da Zeri nicht mit der wichtigsten Botschaft herausrücken wollte.

„Sprich, was haben die Götter uns geraten?“, wollte der König nun endlich wissen. Krankru empfing schon viele Botschaften, aber innerlich spürte er, dass das alles sprengen würde, was er bis jetzt vernahm.

Zeri sprach: „Mein König, du wirst das nicht hören wollen!“ Krankrus Magen rumorte, aber nicht vor Hunger, er wusste, dass jetzt nichts Gutes kam. Zeri schaute ein bisschen erschöpft hinaus, vorbei an den Säulen in den Nachthimmel. Als er seinen Blick zurückwandte, sprach er mit ruhiger Stimme: „Mein König, der Gott der Götter Voltumna verlangt von dir ein großes Opfer. Er will das Leben deines einzigen Sohnes Culsans im Gegenzug für die Rettung unseres Volkes.“

Der im Versteck verharrende Culsans riss entsetzt die Augen weit auf und konnte nicht glauben, was er da hörte.

Der König wollte etwas sagen, war aber sprachlos. Als er sich nach einiger Zeit wieder gefasst hatte, sprach er Zeri an: „Bist du sicher, was du da von mir verlangst?“ Schon allein die Fragestellung, und dass der König die Idee nicht sofort verwarf, erzürnte Culsans in seinem Versteck.

Die Königin Ushil war erstarrt über diese Nachricht, aber auch voller Wut, weil der König in Betracht zog, die Opferung zu vollziehen. Zeri der Schamane, der nie falsch lag mit seinen Ratschlägen, wusste, dass der König in einer sehr misslichen Lage war. Das Schicksal Vieler gegen das Schicksal eines Einzigen.

König Krankru: „Weißt du, was du da von mir verlangst, mein Schamane?“ Die Stimme war leicht erzürnt. Aber nicht wegen Zeri, sondern weil diese Entscheidung dem König nicht lag.

„Tupi Tupi Voltumna“, rief der König in die Nacht. Was für eine Strafe von Gott …“ „Wann will er dieses Opfer?“, richtete Krankru die Frage fast schon apathisch und demütig an Zeri. „Es wird in 20 Tagen sein, am nächsten Tiurfest. Dann muss es bei Vollmond vollbracht werden“, sprach der Schamane.