Eule oder Nachtigall - Bettina Hellmann - E-Book

Eule oder Nachtigall E-Book

Bettina Hellmann

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Beschreibung

Einen Angehörigen zu pflegen bedeutet für viele Angehörige eine schwere Belastung, nicht nur körperlich, sondern gerade auch seelisch. Wie kann man diese Aufgabe so bewältigen, dass die Lebensfreude erhalten bleibt? Die Resilienz-Beraterin Bettina Hellmann hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der häuslichen Pflege. Sie kennt die Probleme und den Druck aus dem familiären und beruflichen Umfeld. Wer einen Angehörigen pflegt, vergisst sehr oft sich selbst und seine Bedürfnisse. Das kann gesundheitliche Folgen haben. Resilienz - die eigene Widerstandskraft - schützt davor und macht den Alltag leichter. Und: Resilienz ist nicht nur mehr oder weniger vorhanden, sie ist lernbar!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lieber Leser, liebe Leserin!

Vor Jahren habe ich eine bekannte Mutter von einem schwerbehinderten Sohn beim Einkaufen getroffen. Sie saß scheinbar erschöpft auf einer Bank und fragte mich ernsthaft: „Wie kann man bei deiner Belastung nur so gut aussehen?“ Damals hatte ich keine Antwort darauf. Heute kenne ich den Begriff „Resilienz“ und könnte ihr als Resilienz-Beraterin eine Antwort darauf geben. Ich möchte sie nicht nur ihr geben, sondern möglichst vielen, die die Pflege eines Angehörigen zuhause übernehmen und die vielfältigen Belastungen täglich zu spüren bekommen. Dieses Buch soll Möglichkeiten aufzeigen, wie der Alltag mehr Leichtigkeit bekommt.

Wahrscheinlich ist für dich nicht jedes Kapitel gerade interessant. Dann überspringe es einfach und nimm das Buch vielleicht später noch einmal zur Hand. Wenn es dir geholfen hat, gib es weiter an andere Betroffene.

Pflege zuhause ist gelebte Liebe und gleichzeitig eine große Anstrengung. Ich wünsche mir, dass es dir gut dabei geht.

Bettina Hellmann

Eule oder Nachtigall

Resilienz für pflegende Angehörige

© 2021 Bettina Hellmann

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-41420-4

Hardcover:

978-3-347-41421-1

e-Book:

978-3-347-41422-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Stefan

Inhalt

Was bedeutet Resilienz im Alltag?

Veränderungsschock: Schmerz und Trauer

Kinder pflegen

Pflege selbst machen!?

Akzeptanz. Und das Besondere finden

Überlastung vorbeugen - Hilfe zulassen

Pflege Wert schätzen

Selbstverantwortung und Selbstregulation

Wegbegleiter

Stress und Zeitmanagement

Welches Entspannungsverfahren passt zu mir?

Wie klappt es mit dem Schlaf?

Loslassen

Glücklich sein: trotzdem und gerade deswegen

Danke!

Was bedeutet Resilienz im Alltag?

Zu jedem Leben gehören Veränderungen – und manche Veränderungen reißen uns den Boden unter den Füßen weg. Ob wir eine Veränderung als Krise empfinden ist individuell sehr verschieden. Jeder hat seine persönliche Schmerzgrenze woanders und eine andere Sicht auf die Dinge, die passieren. „Wat den een sien Uhl is den annern sien Nachtigall“, lautet ein Plattdeutsches Sprichwort. Übersetzt heißt es: „Was für den einen eine Eule (Sinnbild für Unglück) ist, ist für den andern eine Nachtigall (ein Singvogel bringt Glück).“ Natürlich kann man im Zusammenhang mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen nicht gerade von Glück reden – es sei denn, es hätte noch schlimmer kommen können. Nachtigall-Menschen sehen in schicksalhaften Ereignissen eher eine Herausforderung als eine Krise. Sie waren in ihrem Leben vielleicht schon öfter erfolgreich darin, Herausforderungen gemeistert zu haben und haben deshalb Vertrauen in ihre eigenen Kräfte und Möglichkeiten.

Was den Nachtigall-Menschen hilft ist ihre Widerstandsfähigkeit und Flexibilität, ihre Resilienz.

Um Resilienz ist ein Forschungsgebiet entstanden. Die Resilienz-Forschung befasst sich mit der Frage, warum es manchen Menschen gelingt, aus Krisen gestärkt hervorzugehen und trotz schwerer Belastungen gesund zu bleiben.

Einen Angehörigen zu Hause zu pflegen bedeutet für viele Betroffene eine schwere Belastung. Und dies sowohl körperlich als auch seelisch. Dazu kann gehören, dass man den Angehörigen heben, umsetzen, waschen, füttern und den Haushalt führen muss. Ebenso gehört dazu, sich Sorgen um die zukünftige Entwicklung zu machen, sich zu fragen wie sich der Gesundheitszustand des Angehörigen verändern wird und wie lange man selbst noch in der Lage sein wird diese Arbeit auszuüben.

Familienangehörige und Freunde haben eigene Vorstellungen von der Pflege und geben diese gerne zum Besten. Außerdem haben sie eigene Ansprüche an die Pflegeperson und wünschen sich, dass sich für sie möglichst wenig ändert.

Es gehört auch dazu sich mit Behörden, Kranken- und Pflegekassen-MitarbeiterInnen auseinander zu setzen, die nicht verstehen oder verstehen wollen, warum man etwas von Ihnen will und die sich an ihre Vorschriften halten.

Wie soll man dabei fröhlich bleiben? Und wo bleibt man selbst dabei?

Es gibt eine Geschichte dazu, deren Quelle unbekannt ist:

Eine Frau streute in ihrem Garten die Samen wunderschöner Blumen aus. Die Saat ging auf, aber es wuchsen nicht nur die Blumen sondern auch der Löwenzahn. Mit allen ihr bekannten Methoden versuchte sie, den Löwenzahn auszurotten, aber er kam immer wieder. Nun machte sie sich auf, um einen Meister des Gärtnerns zu befragen. Aber was er auch vorschlug, sie hatte alles bereits erfolglos ausprobiert. So saßen sie ratlos zusammen, bis am Ende der Gärtner die Frau ansah und sagte: „Wenn alles nichts nützt, dann gibt es nur einen Ausweg: Lerne den Löwenzahn zu lieben!“

Unser Denken hat einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Die Frau in der Geschichte ist unglücklich, weil sie glaubt, dass Löwenzahn nicht in ihr Blumenbeet gehört. Löwenzahn hat eine kräftig gelbe Blüte. Auf einer Wiese ist er eine Augenweide. Besonders schön sieht es aus, wenn die Wiese übersät ist mit Löwenzahn. Warum also betrachtet sie ihn als Unkraut und nicht als Blume?

Einen Angehörigen zu pflegen bedeutet nicht nur Arbeit, sondern auch ein Ich-bin-für-dich-da! Das ist mehr als Fürsorge, es ist Liebe. Gibt es eine größere Motivation?

Im Alltag vergessen wir warum wir etwas tun, weil die täglichen Anforderungen unser Denken und Handeln bestimmen. Die Aufgaben sind so umfangreich, dass alles andere ausgeblendet werden muss und man irgendwann nur noch funktioniert. Resilienz unterstützt dabei, einen guten Umgang mit dieser Herausforderung zu finden, so dass der Spaß an der Aufgabe und die Freude am Leben erhalten bleibt.

Und dies ist die gute Nachricht: Resilienz ist nicht nur etwas, das man hat oder nicht hat. Man kann sie lernen!

Resilienz wird beeinflusst von persönlichen und individuellen Ressourcen wie z. B.

- der inneren Haltung, von Einstellungen und Überzeugungen

- von Charaktereigenschaften wie Geduld und Durchhaltevermögen

- von Erfahrungen und Kompetenzen

- von Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Neben diesen persönlichen Ressourcen beeinflussen äußere Faktoren die Resilienz, wie

- Vorbilder, die Orientierung geben

- Bezugspersonen (mindestens eine zuverlässige!)

- ein Umfeld mit Raum für neue Erfahrungen, in dem Fehler gemacht werden dürfen

- und Zukunftsperspektiven mit positiven Erwartungen.

Von diesen Ressourcen hat jeder etwas, aber vielleicht in dem einen oder anderen Bereich nicht genug. Wenn du magst, folge mir in diesem Buch und meinen Betrachtungen zu der Frage, wie Ressourcen für die Pflege zuhause aufgefüllt werden können.

Übrigens erinnere ich mich an einen Vorfall in meiner Familie: In den Ritzen der gepflasterten Einfahrt an unserem Haus hatte sich Löwenzahn ausgesät und begann schon zu blühen. Ich wollte ihn herausziehen und wurde dafür heftig von meiner damals 8jährigen Tochter beschimpft: Was mir einfallen würde, ihre Lieblingsblumen auszureißen!! Das dürfe ich doch nicht tun!

Man kann ihn also lieben, den Löwenzahn…

Ein kleiner Hinweis: Wenn ich im Folgenden von dem Angehörigen, Pflegenden oder Betreuer schreibe, dann schließt das natürlich alle Geschlechter ein.

Veränderungsschock: Schmerz und Trauer

Jeder hat eine Idee von seinem Leben: Ich habe Ziele im Beruf und Wünsche für meine Familie. Alle sollen möglichst glücklich und erfolgreich sein – ich selbst natürlich auch. Ich möchte meine Vorlieben uneingeschränkt ausüben können, sei es im Sport oder kreativ, mit einem Haustier oder durch Reisen …

Ich möchte meinen Wohlstand genießen, eine Wohnung oder ein Haus mit Garten, gutes Essen, ein besonderes Fahrrad oder ein Wohnmobil… Das habe ich verdient, dafür arbeite ich. Das ist mein Ausgleich, meine Freiheit!

Und dann passiert es: eine Diagnose zerstört von jetzt auf gleich meinen Lebenstraum. Sie betrifft mich nicht selbst, aber einen Angehörigen, mit dem ich meinen Traum teilen wollte und/oder für den ich mich verantwortlich fühle.

Betrifft die Diagnose mein Kind, dann ist der Schmerz besonders groß. Ich bin für mein Kind, seine Entwicklung und Gesundheit verantwortlich. Und ich liebe es mehr als jeden anderen.

Je mehr man liebt, desto mehr leidet man.

So oder so, es ist, als ob ein Vorhang fällt. Die Vorstellung - mein Leben, so wie ich es mir wünsche - scheint (zunächst!) zu Ende zu sein.

Wir schwer ich diesen Schicksalsschlag nehme, hängt von meiner inneren Haltung ab. Wie beurteile ich die neue Situation? Denke ich, dass Veränderungen und Schicksalsschläge etwas sind, das zum Leben gehört? Es passiert einfach und ich werde einen Weg finden. Ich nehme die Herausforderung als sinnstiftende Aufgabe an.

Oder sehe ich sie eher als einen Eingriff in meine Persönlichkeitsrechte? Es ist ein Angriff gegen mich, gegen meine Gewohnheiten und gegen meine persönliche Freiheit!

Oder kapituliere ich gar, lasse die Flügel hängen, weil ich nicht genügend Energie und zu wenig Vertrauen in mich selbst habe, um diese Herausforderung anzunehmen.

So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so viele Strategien gibt es zur Bewältigung von Schwierigkeiten.

Resilient reagieren kann bedeuten das Geschehene zu akzeptieren. Und Akzeptieren gelingt mir, wenn ich mir zutraue, mit der neuen Situation fertig zu werden. Habe ich in der Vergangenheit Schwierigkeiten erfolgreich gemeistert, bestärkt dies mein Vertrauen in mich selbst.

Zu meinen persönlichen Strategien gehört es Informationen zu sammeln. Ich möchte verstehen, was passiert ist und warum. Das hilft mir einzuschätzen, welche Möglichkeiten ich habe, mich einzubringen und zu unterstützen. Wenn Informationen vorhanden sind, bedeutet es, ich bin nicht allein mit dem Problem. Es gab vor mir schon viele, die dasselbe erlebt und gemeistert haben. Es ist normal. Informationen erweitern nicht nur meinen Horizont und bringen mich auf neue Ideen, sie beruhigen mich auch.

Was passiert nach dem ersten Schock?

Wir erleben Trauer.

Die Schweizer Psychologin Verena Kast (Verena Kast, „Trauern“, Kreuz, 1999) beschreibt vier Phasen der Trauer, die sich auf die Situation von Angehörigen von Pflegebedürftigen übertragen lässt:

1. Nicht wahr-haben-wollen

Es ist ein Schock, ich bin fassungslos. Ich kann es mir nicht vorstellen - mir fehlt die Erfahrung – und deshalb kann es auch nicht sein.

2. Aufbrechende Emotionen