Eulenherz - Mina Kamp - E-Book

Eulenherz E-Book

Mina Kamp

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Beschreibung

Zwischen Traum und Albtraum – fesselnde Romantasy.       Die 17-jährige Vivi stiehlt. Sie stiehlt Träume und nach und nach offenbart sich ihre Natur als Eulenhexe, die Menschen vor den Albtraum bringenden Nachtmahren schützen. Als Vivi Jojo in seinen Träumen kennenlernt, ist es sofort um sie geschehen, und auch im wahren Leben verlieben sich beide. Aber da ist Abel, der wunderschöne Nachtmahr. Abel will Rache. Er wird zu einer echten Gefahr für Jojo und Vivis Familie. Was verbindet Vivi mit dem Nachtmahr? Kann sie ihre Familie und ihre große Liebe retten?

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Das Buch

Die siebzehnjährige Vivi stiehlt. Sie stiehlt Träume und nach und nach offenbart sich ihre Natur als Eulenhexe, die Menschen vor den Albtraum bringenden Nachtmahren schützen. Als Vivi Jojo in seinen Träumen kennenlernt, ist es sofort um sie geschehen, und auch im wahren Leben verlieben sich beide. Aber da ist Abel, der wunderschöne Nachtmahr. Abel will Rache. Er wird zu einer echten Gefahr für Jojo und Vivis Familie. Was verbindet Vivi mit dem Nachtmahr? Kann sie ihre Familie und ihre große Liebe retten?

Die Autorin

© Vanessa Rosenbrock

Mina Kamp ist das Pseudonym von Mina Teichert.

Mina Teichert wurde in dem schneereichen Jahr 1978 in Bremen geboren und lebt mit ihrer kleinen Familie im ländlichen Idyll Niedersachsens. Nachdem sie zunächst als Kind hartnäckig das Ziel verfolgte, Kunstreiterin im Zirkus und Wahrsagerin zu werden, sattelte sie mit vierzehn um und träumte von dort an von der Schriftstellerei. Heute schreibt sie mit Begeisterung Geschichten für Jung und Alt.

Mehr über Mina Teichert: www.minateichert.jimdo.com

Mina Teichert auf Facebook:

www.facebook.com/MinaTeichertAutorin/

www.facebook.com/mina.kamp

Der Verlag

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Viel Spaß beim Lesen!

Mina Kamp

Eulenherz

Prolog

Als sich etwas veränderte in dieser Nacht, hatte ich es gespürt …

Es ist wie ein beginnender Traum. Köstlich! Ich kann sie schmecken … in der Luft.

Mein Mädchen ist zurück, die Diebin.

Endlich … mein Herz.

Mein Hunger ist unstillbar … Ich werde stehlen, Seelen zerstören.

Und die Nacht ist mein. Sie wird mich willkommen heißen – im Namen Liliths, der Mutter.

Und das Mädchen wird vor Reue vor mir auf die Knie fallen.

Mir geben, was einst mein war.

… Ich werde dich finden! …

Diebstahl

Angespannt sehe ich mich um.

Wenn man versucht, sich besonders unauffällig und normal zu verhalten, kann man sicher sein, dass es einem nicht gelingt. Und so ist es auch jetzt. Das Kaufhaus ist riesig und die KLamottenabteilung, in der ich mich befinde, steht dem in nichts nach. Verstohlen blicke ich in einen der Spiegel, um zu schauen, was sich hinter mir abspielt, und schlendere dann langsam weiter. Jetzt nehme ich rechts von mir eine große Gestalt wahr, die verdächtig nach Kaufhausdetektiv aussieht.

Mist! Ich beginne innerlich zu zittern, stoße im Gehen gegen einen Kleiderständer und bleibe mit meiner Jeansjacke an einem der Bügel hängen. Es klirrt viel zu laut in meinen Ohren, als alle Bügel in Bewegung geraten. Ungeduldig befreie ich mich und gehe so lässig wie möglich in Richtung der Rolltreppen, fort von der Gestalt, die mir zu folgen scheint. Ein plötzliches Kribbeln in meinem Nacken zieht mir eine Gänsehaut über den Rücken.

Scheiße! Noch eine Anzeige wegen Ladendiebstahls und ich bin geliefert. Meine Adoptiveltern werden ausflippen und einmal mehr bereuen, dass sie mich je aufgenommen haben. Ich blinzle, versuche nicht, an ihre enttäuschten Gesichter zu denken, und frage mich zum hundertsten Mal, warum ich immer wieder solche Dinge anstelle. Warum ich so bin wie ich bin und stehle, wie eine kleine diebische Elster?

Als ich eine Etage tiefer fahre werde ich dieses Gefühl, dass mich jemand beobachtet, einfach nicht los und schlendere lässig hinüber zur Kosmetikabteilung.

Ich halte inne. Auf meiner Unterlippe kauend, begutachte ich hochkonzentriert einige Körperpflegeprodukte in einem Regal und bemühe mich unauffällig, die wunderschöne Kette, die nicht meine ist, aus meiner Jackentasche zu entfernen. Wäre ich doch nur früher vernünftig gewesen und hätte diesem Impuls widerstanden. Diesem schrecklichen Drang, mir schöne oder auffallende Dinge zu nehmen, egal wem sie gehören. Mir kommt es so vor, als würde sich der stechende Blick in meinem Nacken intensivieren. Zeitgleich beschleunigt sich mein Puls und ich stürze vorwärts. So viel zum Thema Unauffällig bleiben. Mein Fuß stolpert über einen Widerstand und ich schlage der Länge nach hin. Der Aufprall lässt einen stechenden Schmerz durch meine Knie fahren. Mühsam rapple ich mich auf und setze meine Flucht fort, die Kette fest in meinem Griff. Hinter mir höre ich laute Schritte, die aufholen, und Befehle, die in ein Walkie-Talkie gebrüllt werden. Geschickt schlängle ich mich an einen Kinderwagen vorbei, um dann weiterzulaufen und prompt in einen älteren Herrn hineinzurennen, der protestierend seinen Hut festhält und seinen Gehstock hinter mir herschwingt, als ich rasch weiterhetze. Zur Rolltreppe! Meine Rettung! Mist! Sie fährt in die falsche Richtung. Gehetzt sehe ich mich um und schlucke einen Fluch herunter, als ich bemerke, dass ich tatsächlich verfolgt werde. Mein Gefühl hat mich also nicht getäuscht.

Ich denke daran, meine Hand von der Kette zu lösen, um das Diebesgut endlich loszuwerden. Aber ich kann es nicht. Ich stolpere die Rolltreppe in die entegegengesetzte Richtung runter, verliere fast das Gleichgewicht, während ich mich gegen den Strom an einer Gruppe Menschen vorbeiquetsche. Ihre Gesichter, ihre Münder, die sich laut beschweren, verschwimmen in meinem Geist. Mein Verfolger ist nicht mehr zu sehen. Endlich erreiche ich das Erdgeschoss. Der Eingangsbereich kommt in Sicht und ich zähle innerlich die Schritte, die ich noch brauche, um aus dem Laden herauszukommen. Acht, sieben, sechs … erleichtert stoße ich die angestaute Luft aus meinen Lungen … fünf, vier, drei … ich bin draußen!

Schmerzhaft werde ich zurückgerissen.

„Hier geblieben!“, zischt jemand.

„Loslassen!“, quieke ich, wie ein Ferkel, das man über eine Wiese hetzt, und ich verliere den Halt. Hilflos hänge ich in dem festen Griff eines großen Mannes mit Glatze und denke: Game over, Vivica, während er mir die gestohlene Kette aus meinen Fingern fischt.

Etwa eine halbe Stunde später sitze ich mit zwei Polizisten in einem Streifenwagen und martere mein Hirn, um eine brauchbare Entschuldigung zu finden. Das würde zu Hause wahrscheinlich den fettesten Ärger aller Zeiten geben. Aber was mich am meisten schmerzt, meine Stiefgeschwister Jasper und Anna werden es mitbekommen und mich einmal mehr für einen Freak halten. Ich kann Jaspers fragenden Blick schon vor mir sehen, wenn ich einmal mehr alleine auf mein Zimmer geschickt werde und meine Eltern sich wegen mir streiten. Er wird traurig sein, dass er mich nicht, wie jeden Abend üblich, besuchen darf, weil ich zur Strafe isoliert werde.

Immer wieder trifft mich der Blick des Fahrers im Rückspiegel. Seine dichten Augenbrauen ziehen sich grüblerisch zusammen und ich versuche es zu ignorieren und betrachte die an der Fensterscheibe herabrinnenden Regentropfen.

„Ich kenn dich doch“, sagt er nach einer Weile und verengt die Augen dabei. Ich bemühe mich, freundlich zu bleiben, und sage: „Das glaube ich eher weniger. Ich hänge für gewöhnlich mit Leuten meines Alters ab.“

„Doch, doch.“ Er räuspert sich und ein ungutes Gefühl überkommt mich. Hannes, mein Adoptivvater, ist selbst bei der Kripo, was die ganze Sache für ihn noch peinlicher machen wird, wenn diese netten Beamten ihn anrufen und aufs Revier zitieren, um mich abzuholen.

Das erste Mal habe ich gestohlen, als ich vier Jahre alt war. Das zweite Mal mit sieben Jahren und dann riss dieser Trieb kaum noch ab. Ich hatte Hannes einmal gehört, wie er zu Marja, meiner Adoptivmutter, sagte, dass er sich frage, ob es mir vielleicht im Blut liege. Ob meine leiblichen Eltern kriminell gewesen wären. Marja regte sich darüber so tierisch auf, dass sie nachts auf dem Sofa schlief. Damals beschloss ich, mich zu zügeln und diese Drang zu unterdrücken. Doch es wollte mir einfach nicht gelingen.

„Ich komme gleich drauf“, sagt der Beamte jetzt im Plauderton und biegt auf die Hauptverkehrsstraße ein. Autos ziehen an mir vorbei, Radfahrer mit Regenponchos und Spaziergänger mit Schirmen, die dem Regen trotzen.

„Tun Sie sich nicht weh, beim Nachdenken“, murmle ich säuerlich. Sein Beifahrer, ein molliger Mittdreißiger stößt ein amüsiertes Lachen aus.

„Frech ist sie auch noch“, meint er und dreht sich kurz zu mir um. Er grinst doof und ich lasse mein dunkelblondes Haar wie ein Fächer vor mein Gesicht fallen, damit er das Glitzern in meinen Augen nicht sieht.

„Ich weiß es. Du bist die Tochter von Hannes Reiter“, erkennt mich jetzt der Fahrer triumphierend.

Mein Magen wird zu Eis.

„Na, der wird sich freuen“, lacht er.

„Mir tut es leid, okay?“, stoße ich aus. Mir ist wirklich nicht klar, warum ich so bin - warum ich Dinge stehle. Manchmal ist es wie ein Sog, der seinen Ursprung in irgendetwas anderem, tief in meinem Inneren hat. Ein Ursprung, den ich nicht definieren kann, der in mir pocht, wie eine Wunde. Ich stehle sogar im Traum. Ja, ich träume, dass ich die Träume von anderen sehen kann und sie ihnen wegnehme. Ich schwebe dann ruhelos wie ein Lufthauch umher und mache die Gegend unsicher. Diebstahl liegt mir wohl tatsächlich irgendwie im Blut.

Meine Stirn lehnt an der kalten Autoscheibe und ich hauche meinen Atem dagegen. Mit den Fingerspitzen zeichne ich einen Stern in die kleine Wolke.

Irgendwann kommen wir im Revier an. Man steckt mich in eine kahle, kleine Zelle und lässt mich dort, sitzend auf einer sterilen Pritsche, auf meine Eltern warten. Währenddessen schäme ich mich so dermaßen, dass meine Wangen glühen und das Blut in meinen roten Ohren rauscht. Ich lege mir unzählige Entschuldigungen zurecht, eine schlechter als die andere, und als die Tür entriegelt und ich abgeholt werde, setzt mein Herz einmal in der Brust aus.

Es ist seltsam, beinahe surreal, als ich so abgeführt und zu meinen Eltern gebracht werde. Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich das Gefühl, Buh-Rufe und Flüche wahrzunehmen, die man mir entgegenschleudert, und ich ducke mich unter ihnen. Ich sehe mich gehetzt um, während ich Rauch wahrnehme. Er kratzt in meinem Hals und ich muss husten. Der Polizist, der mich hierher gefahren hat, spricht mit Hannes.

„Einfach unverbesserlich, das Kind, nicht wahr?“, sagt er, nicht gerade ohne eine Spur Schadenfreude in seiner Stimme und mein Ziehvater schaut mit saurer Miene zu mir herüber, bevor er irgendein Dokument unterschreibt.

„Tja, die Jugend von heute“, plappert der Mann weiter und kratzt sich am Kopf. „Früher gab es so was nicht, schon gar nicht bei Mädchen. Tja, da wurden die Kinder auch noch anders erzogen, härter angepackt“, gibt er Erziehungstipps.

„Ja, früher war alles besser“, antwortet Hannes tapfer und weicht meinem Blick aus.

Ja, früher war alles besser, denke ich, sarkastisch. Gestern zum Beispiel war Sonntag. Und die Geschäfte hatten geschlossen.

Ich spüre den bestimmten Druck von Hannes Arm, als er ihn wortlos um mich legt und mich nach wenigen Floskeln zum Abschied in Richtung Auto manövriert. Seine ganze Körperhaltung ist zum Zerreißen gespannt und ich atme flach ein und aus, während ich neben ihm herschleiche. Ich habe das starke Bedürfnis, mich lautlos zu bewegen, so als wäre ich gar nicht da.

Die Autotür knallt hart ins Schloss, als ich hinten Platz nehme und mich für das wappne, was kommen wird. Vorsichtig blicke ich auf, Marja sitzt auf dem Beifahrersitz und schaut mich traurig an. Mir ist hundeelend. Der Regen ebbt ab, während Hannes vom Parkplatz fährt, und die Scheibenwischer, auf deren monotones Surren ich gelauscht habe, abstellt.

Die ersten Minuten, die wir fahren, sind schweigsam und unendlich schwer.

„Wie kommst du dazu, uns wieder in solch eine Situation zu bringen!“, fragt Hannes nach einer Weile. Seine Stimme ist gefährlich leise und mein Magen verabschiedet sich eine Etage tiefer. Ich schlucke trocken, weil ich absolut keine Antwort habe.

„Sorry“, flüstere ich und zwirble manisch eine Strähne meines Haars um den Finger.

„Wir können nicht akzeptieren, dass du dir dein Leben verbaust, Vivica. Da machen Marja und ich nicht mit. Hast du mich verstanden?“, fragt er und guckt in den Rückspiegel. Die Sonne geht unter und schickt ihr rotes Winterlicht zu mir herüber, das sich im Rückspiegel bricht und über meine Jeans tanzt.

„Das wird ernste Konsequenzen nach sich ziehen, Mädchen“, gibt er hinterher und schiebt sich seine Brille, die ihm so viel Autorität verleiht, höher auf die Nase.

„Schatz, reg dich nicht so auf“, raunt ihm Marja zu und tätschelt sein Bein. „Denk an deinen Blutdruck.“

„Ich kann aber nicht anders“, schimpft er und haut auf das Lenkrad ein. Dann verlässt er die Schnellstraße und biegt auf die Landstraße durch den Wald, die uns in unser Dorf führt.

„Du hast es versprochen, Vivica“, wirft er mir vor. „Versprochen!“

Als ich das Brechen seiner Stimme wahrnehme, treten mir schlagartig Tränen in die Augen.

„Was sollen deine Geschwister denn dazu sagen? Sollen sie es dir nachmachen? Du hast eine Vorbildfunktion, Vivi“, mischt sich Marja ein und blickt sich über die Schulter zu mir um. Ich weiche ihrem Blick aus, sehe aus dem Fenster. Nebel wälzt sich aus dem Wald auf uns zu, wie eine dicke Wand – so unerklärlich schön wie schrecklich. „Sie wissen, dass es falsch ist, was ich mache“, sage ich tonlos und denke an die beiden leiblichen Kinder meiner Adoptiveltern. Ich war in die Familie gekommen, da war Anna, die ein Jahr jünger ist als ich, schon auf der Welt. Wir haben uns gleich von Anfang an richtig gut verstanden und viel miteinander gespielt. Anna bildet eigentlich immer den perfekten Gegenpol zu meinem unsteten Charakter. Und der kleine Jasper, der erst sehr viel später geboren wurde, verzeiht mir immer alles, blickt zu mir auf, weil ich seine große Nana bin. Sein Wort für Schwester, die Mamaersatz ist, wenn Marja arbeitet.

Marja hat recht, dass könnte zu einem Problem werden. Ich bin wie Gift für sie, rennt der Gedanke durch meinen Kopf und brennt wie Feuer.

„Außerdem bist du sechzehn und somit voll strafmündig, Vivi“, redet Marja weiter und dreht sich wieder nach vorne. „Hast du Lust in den Jugendknast zu gehen? Da kann Hannes dir ein paar unschöne Geschichten erzählen“, versucht sie mir Angst zu machen und es gelingt ihr.

Ich blinzle angestrengt. Im Augenwinkel nehme ich wahr, dass sich das Licht hier im Wald drastisch verändert und alles in eine gewisse Kälte taucht.

„Es tut mir wirklich leid“, flüstere ich. „Ich mache es wieder gut.“ Ich könnte die Hausarbeit übernehmen, den Abwasch für Monate, Anna in Deutsch helfen und Jasper morgens in den Kindergarten bringen.

„Verdammt, Vivica! Hast du eine Ahnung, was mich das an Unannehmlichkeiten kosten wird, die Anzeige abzuwenden? Mal abgesehen von meinen Nerven“, schimpft Papa, der sich nicht so recht beruhigen will. Er hat hektische Flecken an seinem Hals und ich bekomme nicht zum ersten Mal Angst, um seine Gesundheit.

„Verstehe doch, wir lieben dich, wir wollen dein Bestes.“ Marjas Worte erreichen mich nicht mehr.

Die Gestalt, die wie aus dem Nichts auf der kurvigen Fahrbahn auftaucht, entdecke ich zuerst.

„Pass auf!“, stoße ich aus und kralle mich am Türgriff fest. Dann rasen wir in den seltsamen Dunst, der plötzlich undurchdringlich wie der Rauch eines Feuers wird. Die Bremsen quietschen und Mamas Schrei lässt mich erstarren. Hannes reißt das Lenkrad herum, das Grau des Waldes verschwimmt vor meinen Augen, während wir ins Schleudern geraten. Ein Atemzug und wir bleiben quer auf der Straße stehen. Der Motor läuft monoton und Hannes sieht sich erschrocken zu mir um.

„Alles in Ordnung?“, fragt er und seine Augen weiten sich, als er die zwei Lichter entdeckt, die auf uns zurasen.

„Warum wird der nicht langsamer?“, höre ich Marja, deren Stimme schrill wird.

„Oh Gott!“ Hannes ist kein gläubiger Mensch, schießt es mir durch den Kopf. Dann verbinden sich sein und mein Blick in dieser atemlosen Sekunde und ich erkenne so vieles. All die Liebe, all die Fürsorge und Überlebenswillen.

Ein heftiger Ruck geht durch mich hindurch. Ein Wimpernschlag, meine Haare fliegen um mein Haupt, etwas knallt, Glas splittert. Ich reiße die Arme schützend vor mein Gesicht. Und dann ist alles dunkel, schwarz und schwerelos.

Irgendwann komme ich zu mir, zumindest glaube ich das. Doch es ist nur ein Traum. Ein schrecklicher verzerrter Albtraum, der mich mit Panik erfüllt. Ich schwebe in einem Meer aus Federn, die wie Schneeflocken zu Boden tanzen, und sehe auf meinen eigenen Körper hinab, der unnatürlich verdreht auf dem Asphalt der Waldstraße liegt. Blut tropft von meinen Fingern und bildet kleinste Rinnsale auf dem Mittelstreifen. Flammen explodieren im Inneren unseres Wagens und schicken dicke Rauchwolken zu mir herüber. Ich kann mich nicht rühren, nehme wahr, dass Marja versucht, sich aus dem Wrack zu befreien. Ihre Hand fährt durch das zerbrochene Fenster, die Finger zucken, fassen ins Leere. Ich will ihr helfen, will ihr Halt geben. Der Schrei, der meiner Mutters Kehle entweicht, als das Feuer sie erreicht, brennt sich in meine Seele. Ich will es nicht hören! Ich will die Augen schließen, es nicht sehen, wie die Flammen sie fressen.

Der Lastwagen, der uns gerammt hat, steht einige Meter entfernt und der Fahrer steigt mit einer Seelenruhe aus, die mein blankes Entsetzen hervorruft. Er kommt näher, um sich vollkommen gefühllos das Spektakel der Sterbenden anzusehen. Dann wandert sein kaltherziger Blick zu mir, schaut auf meinen Körper hinab. Einen Moment denke ich, er wird mich mit seiner Schuhspitze berühren, doch dann ertönen in der Ferne Sirenen. Er lauscht, seine Lippen bewegen sich, als spräche er mit jemanden. Doch hier ist niemand anderes. Niemand außer meinem regungslosen Körper und den verbrennenden Leibern meiner Eltern. Ich will schreien, auf diesen Typen einschlagen. Doch ich bin nur ein Hauch. Für einen Moment zuckt ein Lächeln über sein altes Gesicht, dann dreht er sich um, geht ganz langsam zu seinem Wagen und klettert auf den Fahrersitz. Er schließt die Augen und schläft trotz sich nähernden Rettungswagen einfach ein. Als wäre er nur kurz aus einem tiefen Schlaf erwacht, den es fortzusetzen gilt, während ich mich fühle, als würde ich zerfetzt werden. Von innen heraus. Meine grauenvollen Schreie verklingen ungehört, während sich die Sirenen nähern, und ich weiß, es ist zu spät.

Träume und Albträume

Der Wecker schrillt so unvermittelt los, dass mein Herzschlag für einen Moment aussetzt. Fluchend fahre ich hoch, um ihn mit einer hektischen Handbewegung auszustellen. Ich hasse diese Art Morgen, an denen man nicht mehr weiß, wie man heißt.

Die halbe Nacht hatte ich nicht geschlafen und bin immer wieder mit denselben Bildern im Kopf hochgeschreckt. Seltsame surreale Bilder, in denen ich, während Kälte um mich herum knistert, inmitten wirbelnder Federn mit einem Messer in der Hand stehe, bereit, mir damit die Adern zu öffnen. Und dann sind da noch die Edelsteine in meiner Hand, die Gier und Unsterblichkeit symbolisieren. Schon immer träumte ich wirres Zeug, doch seit dem Unfall vor beinahe zwei Jahren ist es unerträglich geworden. Mein Puls pocht in meinen Schläfen und ich wische mir durchs Gesicht.

Selbstmord ist nie ein Gedanke für mich gewesen, selbst nicht nach dem grausigen Tod meiner Zieheltern, den ich miterleben musste und für den ich mich mehr als schuldig fühle. Selbst nicht, als meine jüngere Schwester Anna, der ich die Eltern nahm, mir sagte, dass sie mich hasse. Ich kann mich noch zu gut an ihre Verzweiflung erinnern, an den unbändigen Schmerz über unseren Verlust, der auch mein eigener war. Nie in meinem Leben hatte ich eine solche Ohnmacht verspürt. Alle Worte, mit denen ich sie um Vergebung bat, prallten an ihr ab wie Hagelkörner. Und es dauerte lange, bis sie mir wieder ins Gesicht sehen konnte, ohne diese Wut. Meine liebe kleine Schwester Anna, die so gerne jedem gefällt, die immer freundliche Worte für jeden hat, eben nur nicht mehr für mich. Bis vor einem halben Jahr zumindest, als sie sich plötzlich völlig unverhofft in meine Arme schob und weinte. Wir weinten beide, lange, bis keine Tränen mehr übrig waren und schliefen zusammen in meinem Bett ein. Worte waren nicht mehr nötig gewesen, manchmal braucht es sie nicht, um wieder zueinanderzufinden.

Murrend drücke ich mir das Kissen auf die Wange, die seit dem Unfall eine spinnenwebfeine Narbe ziert, und versuche meinen Herzschlag zu beruhigen, der wieder einmal in einem klagenden Rhythmus schlägt.

„Alles wird gut, auch in einer betreuten Wohngemeinschaft an einem Fluss, der vor sich hinseufzt, als würde er die Last der ganzen Welt bergen“, flüstere ich mir zu und schlage die Bettdecke zurück. Ungelenk rolle ich mich von der Matratze meines Metallbettes und schlüpfe in mein bereitgelegtes weißes Sommerkleid. Meine dunklen langen Haare und das Grau meiner Augen strahlen in diesem Kontrast und ich betrachte mich eine Weile im Spiegel. Ich weiß nicht wieso, aber manchmal machen Spiegel mir Angst. Als würden sie tatsächlich einen verborgenen Weg in eine andere Welt darstellen, bei dem man ungeheuer aufpassen muss, nicht falsch abzubiegen. Ich stoße hart die Luft aus. Wenn es so etwas gäbe, wäre Zauberei nicht weit. Und wenn es Magie gäbe, dann könnte man womöglich Tote wiedererwecken.

Es ist der erste August und die Sonne scheint jetzt schon warm und grell in mein Dachgeschosszimmer, das immer noch nicht wie ein echtes Zuhause wirkt. Mein Blick huscht umher, tastet die Fotos einer heilen Welt ab, die an den gelben Wänden hängen, und ich flüchte aus dem Zimmer. Die Treppe windet sich wie eine Spirale nach unten und mir wird schummrig, als ich sie mit schnellen Schritten hinunterrenne, um ins Bad zu gelangen. Es ist abgeschlossen, ich bin wieder einmal zu spät.

Aus der offenen Küche, die ins geräumige Wohnzimmer übergeht, höre ich Johanna, die Leiterin unserer WG, und Jasper, der aufgebracht herumbrüllt, weil sein Fußball, den Hannes ihm geschenkt hat, verschwunden ist. Für einige Sekunden bleibe ich unschlüssig stehen, gebe mir dann einen Ruck und komme ihr zu Hilfe. Johanna versucht den aufgebrachten Sechsjährigen zu ignorieren, was ihr schwerfällt. Ihre Wangen haben sich bereits rot gefärbt und ihre Bewegungen sind fahrig. Ich frage mich, wer freiwillig Sozialpädagogik studiert, um dann eine Horde traumatisierter Kinder großzuziehen, die nicht einmal die eigenen sind. Wie viel Kraft muss man aufbringen, um immer ruhig und mit Verstand zu agieren? Neben Anna, Jasper und mir wohnen hier noch die dreizehnjährige Torve, die von ihren Eltern misshandelt wurde, und zwei Jungs, Luis und Jerome, acht und vierzehn, die nur Mist im Kopf haben. Regelmäßig steht die Polizei vor der Tür des großen alten Hauses mit seinen Gespenstern und möchte Jerome oder Luis sprechen. Ein trauriges Lächeln huscht bei dem Gedanken über mein Gesicht, weil es mich an meine Vergehen und die Folgen, die sie nach sich zogen, erinnern. Man kann Dinge nicht zurückholen, sie nicht mehr ändern. Und das ist tragisch.

„Hey Großer, was ist los?“, frage ich meinen kleinen Bruder und er rennt auf mich zu, schlingt seine Arme um meine Hüfte und heult. Ich streichle über seine blonden Haare, die ihm in alle Richtungen vom Kopf abstehen.

„Die Jungs haben sich seinen Ball ausgeliehen“, erklärt mir Johanna an seiner statt und deutet mit einem Kopfnicken zum Fenster, das den Blick auf den großen Garten freigibt.

„Verstehe“, murmle ich.

„Die dürfen das nicht“, schluchzt mein kleiner Bruder, der als Jüngster im Jungs-Bunde am meisten einstecken muss, und ich nehme ihn wie ein Kleinkind auf meinen Arm. Er wischt sich mit dem Handrücken die Tränen weg und strafft sich.

„Die sind mega bescheuert“, brummt er mir zu.

„Du hast recht, Jasper. Und wir werden uns den Ball nach dem Frühstück wiederholen, versprochen“, tröste ich ihn und bin unendlich froh, dass es uns vergönnt ist, alle gemeinsam in einem Haus untergebracht zu sein. Dass ich für ihn da sein kann, wenn er mich braucht. Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Und wenn ich erst volljährig bin, werde ich ihn und Anna zu mir nehmen. Wir werden in eine kleine Wohnung ziehen, die wir uns locker leisten können, da Hannes und Marja uns Kinder abgesichert haben, und ich übernehme die Vormundschaft für die beiden. Ich drücke Jasper einen Kuss auf die Wange, den er eilig wieder fortwischt, und beginne Johanna zu helfen, den Tisch für uns alle zu decken. Es ist Sonntag und ab Morgen würde sich einiges ändern. Anna und ich wechseln die Schule, gehen ab morgen auf ein Fachgymnasium für Künste, um unser Abitur zu machen. Neue Leute, neue Herausforderungen.

Am Nachmittag sitze ich auf dem Steg am Fluss, der sich direkt hinter dem Haus mit seinen Lavendel- und Rosensträuchern vorbeischlängelt und lasse die Beine ins Wasser baumeln. Von meiner Kladde die auf meinen nackten Beinen liegt, schlägt mir eine gähnende Leere entgegen und ich kaue unschlüssig auf meinem Stift herum. All meine Worte stecken fest, wie ein Schrei in meiner Brust. Ich starre auf das gurgelnde Wasser unter mir, versuche nicht an früher zu denken, an Jaspers Unbekümmertheit, wenn wir zusammen mit Hannes und Marja Sonntagsauflüge unternahmen. An Anna, ihr glockenklares Lachen, wenn wir uns zusammen im Kreise drehten, bis uns schwindelig wurde.

„Hey, was machst du?“ Ich zucke zusammen, mein Kugelschreiber fällt mir aus der Hand und versinkt im dunkelgrauen Wasser. „Hoppla, sind wir heute ungeschickt“, meint Anna, streicht sich ihr blondes Haar zurück und setzt sich neben mich. Ich versuche ein Lächeln, frage mich, warum sie immer auftaucht, wenn ich gerade an sie denke. Ob es eine Art Telepathie ist, die uns aneinanderbindet? Das wäre irgendwie schön.

„Was hast du denn? Du siehst echt creepy aus“, stellt sie fest und ich betrachte nachdenklich ihr rundes Gesicht, mit den Sommersprossen.

„Wie meinst du das denn?“ Ich stupse in ihre Hummelhüfte und sie zupft ihr T-Shirt tiefer, um ihre kleine Rolle oberhalb des Jeansbundes zu verstecken.

„Na du sieht aus, als hättest du noch Sand vom letzten Badeurlaub in der Poritze“, scherzt sie und ich blicke wieder ins Wasser, auf dessen schlammigen Grund jetzt irgendwo mein Stift liegt.

„Mir geht’s gut“, behaupte ich und einen langen Moment lächeln wir uns an, während die Hintergrundgeräusche der Fußball spielenden Jungs vom Rasen zu uns dringen. Jasper steht im Tor und ist stolz, als er den ersten Ball hält.

„Manchmal finde ich es hier ganz okay“, meint Anna leise und guckt zum gegenüberliegenden Ufer hinüber, wo sich das uralte Rad einer Mühle dreht. In den Wassertropfen bricht sich das Licht der Sonne und blinkt wie viele kleine, herumschwirrende Glühwürmchen. Es hat etwas Hypnotisches und in mir wird es ganz ruhig.

„Bist du nervös, wegen morgen?“, will Anna wissen und mustert mich prüfend. Ich schüttle den Kopf.

„Nein, wir sind doch zusammen, was soll dann schon schiefgehen.“ Und ich meine es so, wie ich es sage. Seitdem wir wieder miteinander reden, halten wir uns gegenseitig aufrecht. Manchmal denke ich, Anna hat keine Ahnung, wie wichtig sie mir ist. Und wie sehr sie mich vor mir selbst schützt, vor meinen eigenartigen Trieben. Vor dem Verlangen, auf Raubzüge zu gehen.

Sie legt ihren Arm um mich und wir sitzen lange nebeneinander und quatschen über Oberflächlichkeiten, und eine vage Ahnung, wie sehr wir alle uns irgendwie verloren haben, drängt sich mir einmal mehr auf. Ich greife ihr kühle Hand, ziehe sie auf die Beine und wir gehen ein Stück.

„Wie wäre es, wenn wir mal wieder etwas gemeinsam unternehmen?“, frage ich lahm und kicke einen Kiesel, als wir am Ufer entlang spazieren.

„Was denn?“, fragt Anna und mir schweben Dinge vor wie von einer Brücke springen oder Freeclimbing. „Wir könnten einen Töpferkurs machen?“, schlägt sie vor und ich unterdrücke ein Schnauben.

„Lass uns jetzt erst mal zurückgehen. Rolf wird sonst sauer, wenn wir nicht unsere Aufgaben erledigen.“

Rolf ist unser vierzigjähriger Betreuer mit Halbglatze, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen trägt und genauso locker im Verhängen von Strafen ist.

„Wer ist eigentlich mit dem Küchendienst dran?“ Anna hebt ihren Blick, ihre Wangen sind rosig von der Hitze des Sommers.

Im Laufe des Tages wird es sicherlich noch sehr viel wärmer werden, aber dank des Flusses ist die Schwüle an diesem Ort erträglich.

„Immer der, der dumm fragt“, antworte ich frech. Hinter mir höre ich von der nahen Straße ein Motorengeräusch und drehe mich unwillkürlich um. Meine Augen weiten sich und ich stoße Anna an. „Schau mal“, sage ich und bleibe stehen.

Ein nachtblauer Ford Mustang nähert sich. Erst jetzt bemerke ich den Fahrer, der sein Gefährt noch bei Weitem übertrifft. Er sieht zu mir herüber, während er unendlich langsam an uns vorbeirollt, und lächelt. Ein seltsames Lächeln. Anna senkt den Blick und schaut auf ihre Sandalen.

Sein dunkles Haar kräuselt sich vorwitzig auf seiner Stirn und die Art, wie er den Kopf schief legt, lässt mein Blut schneller durch meine Adern jagen. Ich stolpere, dabei gebe ich sicher kein sehr graziles Bild ab und spüre wie Röte der Scham in mir aufsteigt. Durch die Sonnenbrille des Typen kann ich seine Augen nicht sehen, dennoch steht fest: Er ist absolut heiß. Eine Mischung aus James-Dean-Verschnitt und Edward mit den Scherenhänden, nur ohne die Scheren, wenngleich sein Lächeln messerscharf ist. Gefährlich!

Der Wagen zieht vorüber. Unendlich langsam. Und als unser Blickkontakt abreißt, pocht mein Herz hart gegen den dünnen Stoff meines Kleides. Urplötzlich verwandelt sich die Hitze in mir in etwas anderes. Kälte prickelt auf meiner Haut und jagt mir einen Schauer über den Rücken. Der Wind trägt den Lavendelgeruch aus dem Garten zu mir herüber und nimmt ihn mit über den Fluss. Ich atme tief ein und schließe für einen Augenblick verwirrt die Augen. Ich habe irgendetwas vergessen, etwas elementar Wichtiges. Mein Name wird zu mir herübergetragen, als wäre er ein Spielball des Windes. Vivica.

„Was hast du gesagt?“, frage ich Anna, die jetzt ebenfalls dem Fremden in seinem Auto nachglotzt.

„Nichts, ich hab nichts gesagt“, haucht sie und verrenkt sich den Hals, als er hinter der nächsten Kurve verschwindet.

„Ach so.“

Das schwere Gefühl eines Verlusts lässt sich nicht abschütteln, als ich den Sichtkontakt verliere, und macht mich auf eine neue Art traurig. Es ist, als würde man mit der Zunge an eine Stelle kommen, an der man einen Zahn verloren hat. Immer wieder an das Fehlende erinnert.

Träume und Schäume

Rolfs Ford ruckelt über die Landstraße in Richtung des kleinen Örtchens Nebel zu meiner und Annas neuer Schule. Wir sind spät dran.

„Ihr schafft das, Mädels!“, ermuntert er uns und reckt uns, kaum dass wir auf dem Schulparkplatz aus dem Auto gestiegen sind, den Daumen entgegen. Wie kann man nur so einstudiert enthusiastisch schauen? Lernt man das auch in der Ausbildung zum Pädagogen? Anna macht sich neben mir klein und auch mir wird beim Anblick des riesigen Gebäudes mulmig in der Magengegend. Anna entgeht das nicht.

„Es ist bestimmt schön hier“, versucht sie unsere Anspannung zu lösen, während wir wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank nebeneinander hertraben. Ich hasse es, mich auf neue Menschen einstellen zu müssen. Nicht umsonst hatte ich mich fast zwei Jahre so oft wie möglich in meinem Zimmer verkrochen.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten und meine Gedanken fahren Achterbahn. Es kommt sehr oft vor, dass Menschen mich einfach nicht mögen, obwohl sie meine Vergangenheit nicht kennen. Wenn sie erst mal davon hören, dass ich eine diebische Elster bin, wird es meist noch schlimmer.

„Ja, klar. In der alten Schule wusste ich wenigstens, wer mich nicht leiden kann“, gestehe ich und ziehe mir meinen Hut, einen alten Trilby von Marja, ins Gesicht. „Hier muss ich es erst noch herausfinden.“

„Sei einfach du selbst“, meint Anna.

„Ich bin nie ich selbst“, behaupte ich, während ich die Führung übernehme, wie es sich für eine gute große Schwester gehört.

„Was hält dich davon ab?“, fragt Anna und schultert ihre Tasche und beschleunigt ihre Schritte, weil sich fast kein Schüler mehr auf dem Schulhof befindet.

„Das Strafgesetzbuch nehme ich an“, brumme ich in ihre Richtung und entlocke ihr ein Lachen.

„Du bist so lustig“, sagt sie und drückt meine Hand, während wir den tristen Komplex erreichen. Energisch stoße ich die große Eingangstür auf. Die Flure sind leer, unsere Schritte hallen laut von den Wänden wider und wir steuern eilig das Sekretariat an. Tatsächlich wissen wir nicht einmal, wo unsere Klassenräume sind, geschweige denn, wie unser Unterrichtsplan aussieht.

Ich gehe voraus, Anna im Kielsog, und öffne ohne anzuklopfen die Tür vom Sekretariat. Eine rothaarige ältere Frau sieht überrascht auf und rückt sich die Brille zurecht. Sie verzieht ihre schmalen Lippen missbilligend.

„Ihr wünscht?“, fragt sie und mir bleiben die Worte kurzfristig im Halse stecken.

Freundlich ist anders.

Ich beschließe, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Ich bin Vivica Schwarz und das ist meine Schwester Anna. Wir haben hier heute unseren ersten Tag und hoffen, Sie können uns sagen, in welche Klassenräume wir müssen.“ Fragend ziehe ich die Augenbrauen hoch und setze mein schönstes Lächeln auf. Anna zappelt neben mir unsicher von einem Bein aufs andere, was mich nervös macht. Der rote Drachen steht auf und würdigt uns keines weiteren Blickes, während sie einen Haufen Papiere durchsieht.

„Der Unterricht beginnt um sieben Uhr fünfzig.“ Sie schiebt sich erneut ihre Brille auf der krummen Nase hoch und blättert in einigen Unterlagen. „Ihr seid also zu spät.“

„Ja, das wissen wir. Entschuldigung. Können Sie uns jetzt behilflich sein - oder nicht?“ Bleib freundlich, mahne ich mich.

„Wartet hier.“ Mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck steht die Sekretärin auf, verschwindet im Nebenraum und ich verdrehe die Augen.

„Mann, die ist ja drollig“, flüstere ich Anna zu.

Einen kurzen Augenblick später kommt sie mit einem Mädchen in einem marineblauen Overall im Schlepptau zurück.

„Anna, du kommst mit mir. Ich bringe dich in deine Klasse“, sagte der drollige Drache. Anna reißt erschrocken ihre braunen Bambiaugen auf und versteift sich neben mir.

„Dir wird nichts anderes übrigbleiben“, sage ich tonlos und verpasse meiner Schwester einen aufmunternden Schubs.

„Und Sie, Annika, Sie gehen …“, beginnt die Frau in meine Richtung und ich unterbreche sie: „Vivica, ich heiße Vivica.“

Die Sekretärin macht eine wegwischende Handbewegung und spricht unbeirrt weiter: „Wie auch immer, Sie gehen mit Ella Fröhlich. Sie kann Ihnen die Schule zeigen. Außerdem ist sie in Ihrer Abschlussklasse. Ach ja, Sie haben übrigens heute Morgen eine Freistunde, also nutzen Sie die Zeit, um sich einen Überblick zu verschaffen.“

Das blonde Mädchen mit den rosa Haarsträhnen grinst mich jetzt bis über beide Ohren an. Ihr herzförmiges Gesicht ist von Sommersprossen überzogen und dichte Wimpern umrahmen blaugrüne Augen.

Anna dreht sich zu mir, während sie der Sekretärin hinterherläuft, und zieht eine leidige Grimasse. Ich winke ihr zum Abschied.

„Hi, ich bin Ella“, sagt das Mädchen vor mir und steckt die Hände in die Hosentaschen. Ich stehe wie angewurzelt da. Für einen Moment ist mir mein Name entfallen.

„Kommst du mit?“, fragt sie fröhlich und geht voran.

Der schmale Flur scheint kein Ende zu nehmen und ich ziehe mir meine braune Lederjacke enger um den Körper. Unbehagen macht sich in mir breit. Ich weiß nicht, wieso. Für einen Moment meine ich, die schmale Silhouette eines lässigen Jungen vor den bodentiefen Fenstern des Gebäudes zu sehen, der zu uns herüberschaut. Plötzlich muss ich an den Ford Mustang denken und frage mich, ob ich ihn vielleicht im Augenwinkel auf dem Schulparkplatz gesehen habe? Das Gesicht, dieses Lächeln des Fahrers schiebt sich in meinen Geist und urplötzlich ist da diese Kälte, die sich in meinen Nacken legt. Wir biegen in einen anderen Gang und ich schließe zu Ella auf.

„Du bist also Vivica, außergewöhnlicher Name“, plaudert Ella. Ich kann ihre Blicke auf mir spüren und versuche mich abzulenken, indem ich intensiv das spärliche Mobiliar der Schule inspiziere und meine Miene so gut es geht unter dem Hutrand verstecke. Angespannt wende ich mich ihr endlich wieder zu.

„Er bedeutet die Kämpferin, oder die Beschützerin.“ Mir entgleitet mein Lächeln, als ich über die Absurdität des Ganzen nachdenke. Vielleicht sollte ich doch lieber die Klappe halten?

Nachdem Ella mir alles gezeigt und mir unendlich viel aus ihrem Leben verraten hat, landen wir in der Bücherei. Sie unterhält sich mit Mitschülern und ich versinke in einem Gedichtband. Als du dorthin kamst, wo ich ging, fragtest du dich, warum du weintest, fesseln mich die Zeilen des Dichters und ich denke an Blut und Feuer.

Als die Pause endet, geht es in Richtung Klassenzimmer. Ich würde mich am liebsten verkriechen, empfinde mich aber gleichzeitig dem Mädchen namens Ella gegenüber als undankbar. Wir schlendern einige Meter schweigend nebeneinander her, bis Ella einen neuen Versuch startet, mich aus meiner Festung zu locken.

„Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Bericht in der Schülerzeitung über dich bringen? Das Mädchen aus der Lilienvilla am Seufzer Fluss. Das unbekannte Wesen“, scherzt sie und zwinkerte mir einnehmend zu. Dabei macht sie eine ausladende Bewegung mit der Hand und ahmt eine Headline nach. Viel zu schnell bleibe ich stehen, sodass meine Turnschuhe ein Quietschen auf dem Linoleum verursachen.

„Was hast du?“, fragt Ella besorgt.

„Bitte, tu das nicht“, sage ich und kaue auf meiner Unterlippe.

„Wieso nicht? Du bist bestimmt interessant.“

„Das denkst du nur, weil ich kein offenes Buch bin.“ Unmerklich schüttle ich den Kopf, meine Lippen werden schmal.

„Möglich. Aber vielleicht hast du ja Geheimnisse“, vermutet sie und mein Magen verkrampft sich. Und ob ich welche habe! „Ganz sicher sogar. Aber wenn ich sie dir verrate, dann muss ich dich töten und irgendwo verbuddeln. Das wäre schade.“

„Oh, ein Scherzkeks, wie?“ Sie lacht ein herrlich klares Lachen, das mich ansteckt. „Wie gefällt es dir denn bis jetzt hier?“

Ich hebe die Achseln, suche nach Worten. Ja, wie gefällt es mir eigentlich? Beinahe zwei Jahre lebe ich jetzt im Nachbarort Norderstedt und habe mein Zimmer nur für den Schulbesuch verlassen. Ziemlich schnell habe ich mich mit einem Haufen Spinnen in meinem Zimmer angelegt, habe versucht, die Motten aus dem Kleiderschrank fernzuhalten, und frage mich, ob ich langsam bereit bin für andere Menschen, außer denen, mit denen ich zwangläufig zusammenlebe.

„Es ist … nett.“ Verlegen sehe ich ihr ins Gesicht und frage mich, ob sich eine Lüge allein durch die Körpersprache entlarven kann.

„Du weißt schon, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist, oder?“ Gespielt entsetzt schlägt Ella die Hände zusammen und so etwas wie Wärme vertreibt den Knoten in meinem Magen.

„Entspann dich. Hier kommen die Leute auf einen zu. Wirst schon sehen. Wir sind doch allesamt Künstlerseelen an dieser Schule.“ Jetzt senkt Ella ihre Stimme. „Im Grunde sind wir hier alle ganz nett.“ Sie grinst, geht voraus und ich fühle mich plötzlich bleiern. Müde. Meine Finger tasten an meine Schläfen und ich trete schwerfällig über die Schwelle ins Klassenzimmer. Die Kopfhaut unter meinem Hut prickelt und ich nehme ihn widerwillig ab. Meine langen Haare fallen wie ein Wasserfall über meine Schultern. Ich vermeide direkten Blickkontakt, schleiche langsam zu einem freien Zweiertisch ganz hinten und setze mich.

Gott, ich könnte einfach so einschlafen. Nur kurz den Kopf ablegen und ein paar Minuten ruhen. Das wäre toll. Ich bin mir aber der Blicke der anderen bewusst und versuche, meinem Körper etwas Haltung zu verleihen.

Als kurze Zeit später der Lehrer, ein Mittfünfziger mit Glatze, den Klassenrum betritt, spreche ich ein stilles Dankgebet gen Himmel. So wird keiner in Versuchung kommen, mich anzusprechen, während ich mit offenen Augen schlafe.

Meine Freude verklingt, als der Mann mich begrüßt und auffordert, mich kurz vorzustellen. Ich schlucke einen furchtbaren Fluch herunter und gehe mit mahlendem Kiefer nach vorn. Ich suche mir einen Fixpunkt in der Mitte des Raumes, damit ich niemanden direkt ansehen muss.

„Also, ich bin Vivica und …“ Meine Stimme versagt und ich räuspere mich. „So wie es aussieht, werde ich hier mein Abi machen … wie ihr auch, schätze ich.“ Ich sehe mich zum Lehrkörper um und der nickt auffordernd. Was soll ich schon erzählen? Dass ich so gar keinen Bock habe, hier zu sein? „Ich werde bald achtzehn …“ Ich schlage mir innerlich vor den Kopf. Jeder hier wird irgendwann mal achtzehn Jahre alt, es sei denn … Der Gedanke bricht ab, als ich das freundliche Gesicht von Ella in der Menge entdecke.

„Vielleicht erzählst du, wo du wohnst oder etwas über deine Hobbys. Oder über etwas, was dich deiner Meinung nach ausmacht“, schlägt der Lehrer vor. Tolle Idee. Meine Macken und Special Effects behalte ich lieber für mich.

„Ja, klar. Ich wohne in Norderstedt, in der Lilienvilla mit meinen Geschwistern.“ Schlau, Vivica, jetzt kassierst du auch noch mitleidige Blicke, weil nun jetzt auch der Letzte im Raum weiß, dass du ein Waisenkind bist.

„Sehr schön. Und erzähl uns doch bitte, was dein Schwerpunkt an dieser Schule sein wird“, bittet der Lehrer.

„Malerei und … und Lyrik“, stammle ich und zwirble manisch eine meiner Haarsträhnen um den Finger.

„Toll. Na, dann kannst du dich jetzt wieder setzen, wenn du magst“, schlägt er vor.

„Ja, ich mag. Danke.“

Ich verkrieche mich in meinen Collegeblock. Der Unterricht fällt mir leicht. In der Pause kommt ein Mitschüler zu mir, Max, und zeigt mir den Weg zum Kiosk.

„Ich mag deinen Hut“, sagt er freundlich.

„Danke“, antworte ich knapp und warte. Er sieht aus, als wollte er noch etwas loswerden, doch er zögert.

„Du kannst mich ruhig buchen, wenn du magst“, sagt er dann und ich hebe fragend eine Augenbraue.

„Ich meine als Reiseleiter. Ich kann dir die Highlights von Nebel zeigen“, erklärt er und steckt seine Hände in die Hosentaschen. Als ich nichts erwidere, fügt er hinzu: „Ich weiß hier über mehr Bescheid als andere. Mein Vater ist der Bürgermeister.“

„Aha“, höre ich mich geistreich sagen und bemerke, dass die Sonne hinter eine Wolke am Himmel hervorkommt. Sie könnte ruhig mein Gemüt ein bisschen erhellen.

„Wie auch immer. Sag einfach Bescheid, wenn du Lust hast“, meint mein Begleiter dann knapp und lässt mich zurück, inmitten der schwatzenden Grüppchen. Ich verfluche meine soziale Inkompetenz. Irgendwie habe ich den Sunnyboy verprellt, wie ich es schon oft geschafft habe. Die Mauern, die ich fein säuberlich um mich herum errichtet habe, lassen sich nicht so leicht abbauen. Selbst nicht mit der Aussicht auf Sightseeing der dichten Wälder, Moore und Hügel inmitten einer wundervollen Natur.

Anna müsste doch eigentlich irgendwo zu finden sein? Die Sonne sticht mir in die Augen und ich setze mich auf eine alte Holzbank. Ein dumpfer, pochender Schmerz machte sich hinter meinen Schläfen breit. Spannungskopfschmerzen – diagnostiziere ich geübt. Die bekomme ich immer gemeinsam mit dem nervtötenden Rauschen in meinen Ohren, wenn ich innerlich gestresst bin, glaube ich zumindest. Oder ob ich krank werde? Ich vergrabe meinen Kopf in den Händen, gerade als ich feststelle, dass sich jemand neben mir auf der Bank niederlässt. Aufgeschreckt blicke ich auf und sehe in die interessierten blaugrünen Augen von Ella. Der Wind weht die rosa Locken aus ihrem Gesicht. Ihr Anblick nimmt mich für einen Moment gefangen und ich starre nur stumm zurück.

„Hey. Weißt du eigentlich, dass unsere Väter sich kannten? Sie arbeiteten eine Weile in der Stadt zusammen“, klärt sie mich auf. Ich krame in meinem Kopf, ob Hannes irgendwann mal Ella und ihre Familie erwähnt hat. Aber mir fällt nichts ein.

„Es tut mir leid, was euch geschehen ist“, redet sie weiter.

„Es muss furchtbar sein, die Eltern zu verlieren.“

Müde. Ich bin so müde. Ella legt forschend ihren Kopf schief, was eine Locke dazu veranlasst, ihr in die Stirn zu hüpfen. Plötzlich bin ich weit weg. Ich sehe Federn, die wie Schnee um mich herumschweben. Haare, die fliegen. Lichtkegel, die wild durcheinanderwirbeln, und ich höre einen Knall, der die Stille zerteilt.

„Vivica?“ Sie berührt mich am Arm und holt mich ins Hier und Jetzt zurück. „Es tut mir leid, wenn ich Wunden aufgerissen habe. Ich möchte nur, dass du weißt, ich würde gerne für dich da sein, wenn du mich brauchst.“

„Ja?“, frage ich heiser.

„Aber natürlich“, antwortet sie und lächelt so warm, dass es mich tatsächlich hinter meinen Mauern erreicht.

„Danke.“ In diesem Augenblick wünschte ich, der Schutzwall in mir wäre fort, oder es gäbe zumindest Löcher in ihm, die groß genug wären, um hinauszuschlüpfen.

„Dein Vater ist also auch Bulle?“, frage ich.

„Oh ja, und die Bezeichnung hört er besonders gerne.“ Sie lehnt sich auf der Bank zurück und kreuzt entspannt ihre Beine. Über uns segeln einige vertrocknete Blätter von einer Birke hinab. Eine Krähe krächzt in einem Baumwipfel. Ich versuche, es Ella gleichzutun und mich entspannter hinzusetzen, aber das will mir nicht so recht gelingen.

„Und du bist jetzt abgestellt worden, um mich im Auge und die Kriminalitätsrate in diesem Kaff in Schach zu halten?“, will ich wissen. Jetzt verrutscht ihr Lächeln und sie schaut mich irritiert an. Mist, ich bin zu weit gegangen und saudämlich. „Das war nicht so gemeint … ich …“ Meine Stimme versagt.

Ihre Miene hellt sich wieder auf.

„Wenn du willst, können wir ja mal was zusammen machen, und ich zeig dir die Vorzüge von Nebel“, schlägt sie vor.

Ich zögere, aber nur für einen Moment. Auch wenn ich mir da eigentlich keine Vorzüge vorstellen kann und einen inneren Countdown zähle, bis ich volljährig bin und in den Großstadtdschungel ziehen werde, nicke ich schließlich für meine Verhältnisse recht überschwänglich. Zeitgleich ertönt hinter uns die Schulklingel, um uns in die Klassenräume zurückzurufen und Ella nimmt ganz selbstverständlich meine Hand.

Als die Schule endlich vorbei ist, schleppe ich mich zur Bushaltestelle. Anna steht inmitten eines Pulks von Mädchen ihres Alters, also muss ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich allein auf einen Mauervorsprung zurückziehe. Max, der Sunnyboy mit flachsblondem Haar und seinem immerwährendem Gewinnerlächeln, mustert mich eingehend aus einigen Metern Entfernung. Ich ignoriere die versuchte Kontaktaufnahme.

Der Bus hält und ist schnell völlig überfüllt. Leise vor mich hin schimpfend, steige ich dazu und stelle mich zu Anna, die ziemlich vergnügt in einer Runde von neuen Freundinnen steht.

„Und, Vivi, wie war dein Tag?“, fragt sie fröhlich und drückt sich näher an mich heran. Dabei wippt sie auf ihren Absätzen.

„Es ist eine Schule, wie soll sie mir gefallen?“ Stur sehe ich aus dem Fenster und verfolge die Bäume, die an uns vorbeirauschen. Ich will nur noch ins Bett.

„Ich hab schon gehört, dass du den Schulsprecher verprellt hast!“ Ach, die Sache mit dem Kiosk und Max. Ich hatte mich wirklich sehr einsilbig gegeben. Anna sieht mich viel zu mitfühlend an und ich unterdrücke den Impuls, sie zu schütteln. Hab kein Mitleid mit mir!

„Alles halb so wild, alles ist gut“, gebe ich zurück. Die Schüler stehen dicht an dicht und schieben und drängeln, als die erste Station angesteuert wird. Ich rieche den Schweiß des Jungen neben mir, den Vanillegeruch des Mädchens vor mir und irgendeinen aufdringlichen Geruch, den ich zuerst nicht zuordnen kann. Lavendel? Übelkeit steigt urplötzlich in mir hoch, weil die Gerüche zu intensiv sind. Ich konzentriere mich darauf, mich nicht zu übergeben. Mein Blick verschwimmt und mir ist, als hörte ich Hundegebell. In meinem Kopf? Kälte scheint neben mir zu stehen. Langsam wende ich mich um, suche zwischen den Fahrgästen. Fast rechne ich damit, in eine Fratze zu blicken. Oder spitze Zähne zu erkennen, die nach mir schnappen, sich in das rosige Fleisch meiner Beine schlagen und daran reißen. Frost schießt durch meinen Körper und mein Atem beginnt zu stocken. Ich halte mich an einer der Stangen fest, lege die Stirn an das kühle Metall und schließe die Augen. Bilder entstehen, überrollen mich so urplötzlich, dass ich aufstöhne. Geifernde Mäuler beißen nach mir. Menschen mit vor Wut verzerrten Gesichtern kreisen mich ein, ich bekomme einen Schlagstock in die Rippen.

Ich reiße die Augen wieder auf und schlage um mich. Ein Kreischen dringt über meine Lippen und der Skaterboy neben mir bekommt meine Faust zu spüren.

„Geht’s noch?“, fragt er sauer, hält sich die Nase und ich hebe beschwichtigend die Hände. Was ist bloß los mit mir?

„Entschuldige“, stöhne ich und klammere mich an eine der Halteschlaufen. Etwas in mir drängt mich zu rennen, zu flüchten. Und um mein Leben zu winseln.

„Alles okay?“, fragt Anna und berührt mich sanft am Arm.

Ich atme die Luft wie flüssige, sumpfige Brühe. Mein Puls fliegt. Ich habe es schon immer gehasst, eingesperrt zu sein! Ich hasse Busfahren. Und jetzt sitze ich in der Falle. Meine Fingerspitzen kribbeln vor Adrenalin und meine Augen brennen.

„Was hast du vor? Wir müssen noch drei Haltestellen weiter“, ruft Anna, während ich mich auch schon zum Ausstieg kämpfe. Ich vernehme die Panik in Annas Stimme, aber ich kann nicht anders. Ich muss hier raus! Sofort! Und ich muss alleine sein.

„Sag Johanna, ich gehe zu Fuß“, rufe ich ihr noch zu.

Der Bus hält, die Türen öffnen sich quälend langsam und ich steige schubsend mit einigen anderen Schülern aus. Hastig fülle ich meine Lungen mit tiefen Atemzügen.

Nach etwa anderthalb Stunden Fußmarsch über weite Wiesen und durch einen Wald mit einer Lichtung, wo sich ein verträumter Hof mit einem kleinen reetgedeckten Wohnhaus befindet, komme ich endlich erschöpft zu Hause an. Wenigstens habe ich eine Möglichkeit gefunden, nie wieder mit diesem Bus fahren zu müssen. Mit dem Fahrrad lässt sich der Weg sicher schnell bewältigen. Benommen stolpere ich in unseren Hausflur. Johanna wartet bereits auf mich. Missbilligend schnalzt sie mit der Zunge, während sie mir die Schultasche abnimmt, und stemmt dann ihre dicken Arme in die Seiten.

„Warum machst du so etwas, Vivica? Wir haben uns Sorgen gemacht. Wir haben klare Regeln“, rügt sie mich, während ich mich auf die Treppe setze, um meine Schuhe auszuziehen.

„Anna hat doch Bescheid gesagt, oder etwa nicht?“, will ich wissen.

„Sicher hat sie das. Aber trotzdem wussten wir nicht, wo du genau steckst.“

„Ich bin bald achtzehn“, antworte ich gereizt und mache ein säuerliches Gesicht, während Jerome und Luis über mich hinwegsegeln, um nach draußen abzuhauen. Sie rufen einen knappen Gruß und schon knallt die Haustür hinter ihnen zu. Sofort pfeift Johanna die beiden für eine Standpauke über den Gebrauch von Türklinken zurück, während ich mich mit qualmenden Füßen in die Küche begebe. Ich öffne die Kühlschranktür und starre viel zu lange hinein.

„Du siehst müde aus. Möchtest du was essen?“, fragt Johanna etwas milder und ich nicke stumm.

„Was war denn los im Bus?“, hakt sie besorgt nach und ich kann ihre Gedanken erraten. Sie weiß von meinen Albträumen, die ich immer wieder habe, und von den Bildern des Unfalls, die zurückkehren und mir die Luft zum Atmen nehmen. Dann macht sie sich ständig Gedanken darüber, ob ich wirklich ohne Medikamente auskomme. Ob es zu früh war, die beruhigenden Tabletten abzusetzen.

Ihre Frage verweilt wie eine schwebende Daunenfeder eine Weile zwischen uns in der Luft. Ich habe keine Antwort.

Den ganzen Weg nach Hause habe ich darüber nachgedacht und mich gefragt, seit wann ich einen Hang zur Paranoia habe.

„Ich weiß nicht. Mir war irgendwie schlecht. Diese Enge …“ Mir kommt der Lavendelduft in den Sinn. Ich mag Lavendel, er wächst hier im Garten und am Fluss. Warum reagiere ich auf einmal so empfindsam darauf?

Johanna reicht mir einen Teller mit Pasta, den ich in die Mikrowelle stelle, und lässt es gut sein, als ich nicht weiterspreche. Nachdem ich gegessen habe, stehle ich mich nach oben, dusche dann ausgiebigst und lege mich in ein Handtuch gehüllt auf mein Bett. Alle sind unterwegs, beim Handball, Musikunterricht oder Kinderturnen, und ich genieße die Stille in dem alten Haus. Nur seine Marotten, das Knarzen des Dachgebälks und das Gluggern in den alten Leitungen, meldet sich dann und wann und erinnert mich daran, wo ich bin.

Ich habe keine Ahnung, warum es so schnell dunkel geworden ist, und ich bin zu müde, um mich darüber zu wundern.

Schwer liege ich in meinem Bett und horche auf das leise Rauschen der Bäume in unserem Garten, die sich im Wind beugen, und das sich mit dem Gurgeln des Flusses paart. Ich lasse mich fallen, gebe der Müdigkeit nach, die mich mit sich reißt und träume einen Traum. Einen friedlichen Traum von einem kleinen Käuzchen, das mich besucht. Von einem Freund, der mich mit großen gelben Augen durch das Fensterglas hindurch beobachtet und mit einem leisen Schrei begrüßt. Ich liebe diese friedfertigen, aber seltenen Träume, die eine willkommene Abwechslung zu den Albträumen mit dem Unfall oder den verwirrenden Bildern, die mich heimsuchen, sind. Ich weiß nicht, wie oft ich mich frage, warum ich von Edelsteinen in Truhen, von Libellen und Brunnenschächten oder anderen Unsinn träume.

Beim nächsten Wimpernschlag bin ich bei dem hübschen Kauz, drehe den Griff und öffne das Fenster. Das Tier erhebt sich in die Luft, ich rufe lautlos nach ihm. Wind streicht in mein Zimmer mit seinen Gauben herein und bewegt den weißen Vorhang sacht und fährt liebkosend über meine Körper. So vertraut und doch fremd. Mir wird bewusst, dass etwas anders ist als sonst, in diesem behaglichen Traum. Ein geisterhafter, orangefarbener Sichelmond steht hoch am Himmel und scheint mich mit seinem Grinsen zu verspotten. Plötzlich huschen viele Schatten auf mich zu, flattern vor mir in der Luft und verharren. Ich schreie lautlos, Atem gefriert vor meinem Gesicht und ich taumle erschrocken zurück. Es sind Dutzende Eulentiere, die sich auf einmal in meinem Zimmer befinden. Federn fliegen umher, hüllen mich ein. Panisch fuchtle ich mit den Armen, versuche sie abzuwehren und … die Tiere flüchten. Nur der eine Kauz, mein Vertrauter, sitzt auf dem Fenstersims und beobachtet mich. Ich spüre, wie mein Körper sich anspannt, während ich auf ihn zustrebe und mich mit ihm beim nächsten Wimpernschlag lautlos in die Lüfte erhebe. Einige der anderen Eulen begleiten uns, andere bleiben bei der Lilienvilla zurück und starren uns mit ihren Raubvogelaugen nach.

Ich richte meinen Blick nach vorne und überlasse meinem Flugtier die Wahl der Richtung. Es rast über den gurgelnden Fluss, folgt seinem schlangenartigen Verlauf, rauscht über Wiesen und Felder, taucht in atemberaubender Geschwindigkeit in Wälder hinein, fliegt unter tiefhängenden Ästen hindurch und steuert auf eine schwach beleuchtete Häusergruppe zu. Der Kauz bringt mich direkt zu einem fremden Schlafzimmerfenster. Ein aufgebrachtes Beben geht durch mich hindurch, während ich durch das Glas gleite und am Fußende eines Bettes vor einem Fremden schwebe. Seine Augen bewegen sich heftig hinter seinen geschlossenen Lidern und ich trete unbeirrt neben ihn, spüre ihm nach. Das ergrauende Haar steht ihm von seinem etwas unförmigen Kopf ab und er atmet mit einem leisen Zischeln vor sich hin.

Er ist nicht hübsch, aber der sanfte Ausdruck in seinem Gesicht fesselt mich. Hohe Wangenknochen und ein strenges Aussehen verleihen ihm eine gewisse Kraft. Meine durchscheinenden Finger berühren seine Stirn und vor meinem inneren Auge entstehen Bilder. Szenen explodieren in meinem Hirn und ich bäume mich unter der Flut von neuen Eindrücken auf. Genieße den Fluss der Energie, der mich mit sich zieht. Und einige Szenen sammle ich ein. Schöne und helle, die funkeln wie Diamanten. Aber auch grausige und dunkle, die eine tiefe Angst in sich bergen, stehle ich und vergrabe sie, als wären sie meine eigenen.

Dann verschwimmt alles in einem Strudel aus Licht und ich fühle wieder das weiche Federkleid des Käuzchens, bevor mir klar wird, dass ich das fremde Zimmer, das fremde Haus und den fremden Menschen wieder verlassen habe. Mein Atem lässt Eisblumen am Fensterglas entstehen. Staunend betrachte ich, wie sie wachsen und wundervolle Kristalle bilden, bevor sie in der lauen Sommernacht verblühen und schmelzen.

Ich spüre den Wind und will lachen und singen, während wir durch die Nachtluft dahingleiten. Es tut so gut, alle meine seltsamen Ereignisse weit hinter mir zu lassen und meine Schwere, die so oft auf meinen Schultern ruht, zu vergessen und sich in die Fantasie zu flüchten. Hat Gott sie nicht deshalb erschaffen? Um zu vergessen?

Kurz bevor ich unser Heim auf der Anhöhe entdecke, glaube ich, jemanden nach mir rufen zu hören. Ich halte den Atem an und der Geruch von Lavendel umhüllt mein ganzes Sein, und meine Gedanken werden trübe.

Darja 1700 n. Chr.Lauter als ein Sturm

Darja stand reglos in einem der Eichenhaine, starrte in die sich wiegenden Baumkronen über ihr und ließ den Regen, der seit Stunden vom Himmel herabstürzte, über ihr Gesicht laufen. Ihr Haar und ihr weißes, langes Kleid klebten an ihrem Körper und ließen sie hager wirken. Fieberhaft versuchte sie einen Grund zu finden, weiter an ihrer Bestimmung festzuhalten. Die Bestimmung, die ihr von je her wie ein Mühlstein vorkam, der um ihren zierlichen Hals hing, während sie zu schwimmen versuchte.

Jetzt sah sie wieder die kleinen Gesichter ihrer Ziehgeschwister vor sich. Die hellen Locken, die ihre blassen Wangen umschmeichelten, strich Darja in Gedanken hinter ihre kleinen Ohren und küsste die Kinder auf die Stirn. Sie dachte an die blauen Augen des Jungen, die sandfarbene Wimpern umrahmten und dadurch zu funkeln schienen. Darja biss sich fest auf die Lippen. Jetzt waren sie tot und Darja alleine.

Die anderen Dorfbewohner mieden sie, wie eine Krankheit.

Darja war anders und die Menschen in ihrer Umgebung spürten das. Es machte ihnen Angst, wenngleich Darjas Aufgabe darin bestand, diejenigen, die ihr misstrauten, zu schützen. Sie selbst verstand dieses Paradoxon nicht. Wozu sollte sie ihre ganze Existenz den Wesen opfern, die sie fürchteten, sie mieden, ihr misstrauten und sie manchmal sogar bekämpften?

Darja seufzte zitternd auf und schloss die Augen. Spürte die Tränen hinter ihren Lidern.

Es war nicht immer so gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, eine alte Zeit, in der die Mahre gewütet hatten. Pest und Verderben hatten sie gebracht. Und Frauen wie sie waren die Erlösung gewesen. Eulenherzen hatte man sie genannt. Die meisten Menschen hatten sie im Leben als eben solche anerkannt: als Beschützerin, Hüterin.

Aber jede Zeit hatte seinen eigenen Schrecken und wenn die Menschen nicht einmal mehr der Kirche trauten, dann womöglich auch nicht ihren eigenen Gefühlen, die ihnen leise zuflüsternd die Furcht vor den Hüterinnen hätten nehmen können.

Die Kirche hatte die alten Sagen und Legenden, die sich um ihre Existenz rankten, vernichtet und als Ketzerei verboten. Was geblieben war, galt als gefährliches Halbwissen, das verzerrt wiedergegeben wurde, und die Furcht schüren konnte, wenn es weitergetragen wurde. Darja schloss die Augen und öffnete sie wieder. Grau wurde der Himmel hinter den Baumkronen und das Käuzchen über ihr begann zu rufen. Wie von selbst setzten Darjas Beine sich in Bewegung und trugen sie tiefer in den Wald hinein, der sich schon bald in den Mooren verlieren würde. Ungeduldig kreiste das Käuzchen über ihr, schrie, während die Minuten und dann die Stunden vergingen.

Nein, heute würde sie sich nicht niederlegen, sich mit dem Seelentier verbinden und sich auf die Suche nach einem Menschen machen, um ihn zu stärken. Und doch führte ihre Bestimmung Darja zu einer fremden Kate. Sie spürte das Nachtwesen, noch bevor sie durch das kleine Butzenfenster blickte, wie es auf einem Mann hockte und ihm die gekrümmten Fingerspitzen in die Schultern grub. Noch nie zuvor war Darja einem Mahr in seiner menschlichen Gestalt begegnet.

Wie betäubt trat sie nun näher an die Scheibe heran. Das Wesen drückte sein Opfer in die Leinenlaken und beugte seinen Kopf nach vorn, sodass dichtes, dunkles Haar sein Gesicht verbarg. Der unwirkliche Nebel hüllte die Gestalt des Albs wie ein samtiges, dunkles Tuch ein, unter dem das Muskelspiel in seinem Nacken und Rücken sichtbar war. Darja wandte den Blick ab, sah hinauf in den dunklen Himmel, in dem das Käuzchen flog und erneut nach ihr rief. Es war ihre Aufgabe, sich diesem Alb zu stellen und den Menschen von diesem Albtraum, der ihm Pein brachte, zu befreien.

Als sie die Tür der Kate aufstieß, traf sie der Geruch von Verwesung wie ein Schlag ins Gesicht und sie stockte. Seltsam fühlte es sich an, in diesem verletzlichen Körper dem Feind gegenüberzustehen. Wenn ihre Seele mit den Eulen zu den Menschen reiste und auf einen Mahr traf, war es anders.