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In diesem breit angelegten Roman verlaufen die Lebenswege von vier Generationen mehrerer europäischer Familien zum Teil parallel, kreuzen sich und führen schließlich durch Zufall zusammen. Persönliche Schicksale verflechten sich mit der Zeitgeschichte und werden durch diese geprägt. Der Blick geht in die Vergangenheit, projiziert sich jedoch auch in eine mögliche Zukunft. Die Hauptfiguren sind Frauen und Männer verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft. Sie werden in typischen oder atypischen Alltagssituationen geschildert und sind letztlich Produkte ihrer Zeit und ihres Umfeldes. Manche gehen daran zugrunde, andere bieten der Geschichte die Stirn und setzen sich mit ihren Widrigkeiten auseinander. Was sie alle eint, ist eine supranationale Sprache, der gemeinsame Nenner, der sich grenzüberschreitend aus vielen Einzelstimmen ergibt. Dieser Austausch, diese Vermischung werden die künftige Entwicklung unseres Kontinents mit prägen, bei der die babylonische Sprachverwirrung kein Problem mehr sein sollte. In a-chronologischer Reihenfolge wird die Geschichte von diversen Gestalten und ihren Erlebnissen erzählt, welche sich in verschiedenen Ländern des europäischen Kontinents zutragen. Daraus ergibt sich ein Bild unserer gemeinsamen Kulturgeschichte sowie dessen, was uns lange Zeit getrennt hat. Dabei spannt sich der erzählerische Bogen von 1914 bis 2038. Der Roman gewährt Einblicke in Gemütszustände, Mentalitäten und kulturelle Eigenheiten unserer Vorfahren, unserer Nachbarn und unserer etwaigen Enkel. Er wirft die Frage auf, woher wir als Einzelnationen kommen, wie wir zueinander finden können und wohin wir uns vielleicht bewegen.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2018
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An die beiden Pacos (Vater und Sohn) und an meine Tochter Lucía, zum Andenken an gemeinsam zurückgelegte Lebensabschnitte
Kapitel 1 – Austausch
Kapitel 2 – Vom Ende her zu lesen
Kapitel 3 – Neue Horizonte
Kapitel 4 – Ressourcen
Kapitel 5 – Aus der Neuen Welt
Kapitel 6 – Symbiose
Kapitel 7 – Die Welt von gestern
Kapitel 8 – Zwischenzeit
Kapitel 9 – Auf Talfahrt
Kapitel 10 – Eskapade
Kapitel 11 –
Some enchanted evening
…
Kapitel 12 –
Les heures les plus noires
Kapitel 13 – Nachher ist vorher
Kapitel 14 – Im Sumpf
Kapitel 15 –
Je commence à zéro
Kapitel 16 – Substanz
Kapitel 17 –
Clash of the titans
Kapitel 18 – Ungleiche Geschwister
Kapitel 19 – Trümmerfrauen
Kapitel 20 – Verrat
Kapitel 21 – Flämisches Intermezzo
Kapitel 22 –
Give me the seventies
Kapitel 23 – Milch und Paprika
Kapitel 24 –
Le cœur du monde
Kapitel 25 –
De Madrid al cielo
Kapitel 26 – Auflösung
Kapitel 27 – Im Niemandsland
Kapìtel 28 –
Mare nostrum
Kapitel 29 – Gabis Ende
Kapitel 30 – Auf der Flucht
Kapitel 31 – Jugend in einem hessischen Dorf
Kapitel 32 – Heideröslein
Kapitel 33 – Richards Ende
Kapitel 34 –
Transición
Kapitel 35 – Die Hoffnungsträger
Vince March rieb sich mit Daumen und Zeigefinger unwillig den Nasenrücken. Der Steg im Gestell seiner Sonnenbrille drückte ihn nun schon seit mehreren Stunden. Vielleicht sollte er sie überhaupt abnehmen, jetzt wo ihn das Licht nicht mehr blendete, denn seine Route führte ihn seit geraumer Zeit lediglich nach Nordosten. Außerdem hatte sich der Himmel leicht bewölkt, und diese momentane Abkühlung machte seine Reise etwas angenehmer. Nebenbei gesagt, nervte es ihn keineswegs, schon so lange am Lenkrad zu sitzen, denn er war einiges gewöhnt, aber er wollte es sich natürlich so gemütlich wie möglich machen. Also steckte er die Brille in das Etui und passte seine Sehschärfe den neuen Lichtverhältnissen an.
In seinem jungen Leben war Vince gern und viel Auto gefahren, unfallfrei und überallhin, auf Landstraßen, Autobahnen und im dicksten Großstadtverkehr. Seit er mit achtzehn seinen Führerschein erworben hatte, war der PKW sein bevorzugtes Transportmittel, zumal er so auf keine Fahrpläne oder Wartezeiten angewiesen war. Er fuhr zügig, aber immer umsichtig ‒‒ dieses Lob hatte er schon oft gehört: Mit dir fühlt man sich sicher. ‒ Vous conduisez pas mal. ‒ You’re quite a good driver, etwas in dieser Art. Nichts anderes hätte er erwartet, aber er war eigentlich nie auf Lorbeeren aus. Also legte er Meile um Meile konstant und knapp unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit zurück, als ob er den Autopilot eingeschaltet hätte. Landschaften, die er häufig durchquert hatte, kannte er deshalb seit vielen Jahren. Er wusste, wie lange man für eine bestimmte Strecke brauchte, und es langweilte ihn nicht, halbe Tage hinter dem Steuer zu verbringen. Rallyes und Formel-1 waren indessen weniger sein Ding. Da er weit entfernt von seiner Familie wohnte und diese hin und wieder besuchte, hatte er sich an lange Fahrzeiten gewöhnt. Meist gab es auf der Aquitaine-Autobahn keine Zwischenfälle, und er kannte mittlerweile alle Rastplätze in und auswendig.
Damit es ihm auf seinen Fahrten nicht langweilig wurde, hörte er Radio oder dachte ganz einfach über vieles nach. Der französische Sender, den er gerade eingestellt hatte, strahlte über die Hälfte aller seiner Musiknummern in englischer Sprache aus. Angelsächsischer Pop war eben auf der ganzen Welt vorherrschend ‒‒ auch im alten Europa, selbst wenn es in einigen Ländern gewisse Quoten diesbezüglich gab, ebenso wie für die Filmindustrie. Aber der Geschmack der Jugend lässt sich schließlich nicht regulieren. Ihm war das gerade recht, denn er fühlte sich in seiner Person von Grund auf als eine interkontinentale Mischung. Und so trällerte er viele der Melodien, die er vom ständigen Zuhören sowieso kannte, lustig mit, egal in welcher Sprache, und trommelte dabei den Rhythmus mit mehreren Fingern auf dem Lenkrad mit.
Heute würde er die knapp vierhundert Kilometer zwischen Niort und Paris im Handumdrehen zurücklegen. Es war Spätsommer und die Tage weiterhin lang, also konnte er locker noch eine gute Strecke schaffen, bevor es so gegen neun dunkel werden würde. Nur wollte er noch eine kurze Pause machen, bevor er dann später auf den Périphérique fuhr, wo es keine Raststätten gab. Deshalb bog er mit seinem schiefergrauen Peugeot kurz hinter Orléans bei einer Tankstelle ab, um aufzufüllen und die Toilette zu besuchen. Nach ein paar Streckübungen schickte er sich gerade an, wieder einzusteigen und weiterzufahren, da kam eine junge Frau auf ihn zu, lächelte ihn freundlich an und bat ihn, sie als Anhalterin mitzunehmen, egal wie weit, sie sei auf dem Weg nach Aachen.
Vince war sich zunächst unschlüssig, denn er lud prinzipiell keine Unbekannten in sein Auto ein, aber dieses zierliche, blasse Geschöpf machte eigentlich einen so harmlosen Eindruck, dass er sich dachte, nun hätte er wenigstens für einige Stunden eine nette Unterhaltung, sie würden halt ein bisschen über dieses und jenes plaudern. Das aschblonde Mädchen mit den schönen, gleichmäßigen Gesichtszügen war ungeschminkt und ziemlich schlicht gekleidet ‒ Sommerkleid, dünne Strickjacke, Sandaletten ‒ und hatte nur einen Rucksack dabei, welchen Vince dann auch kurzerhand im Kofferraum seines Wagens verstaute. Seine hübsche Beifahrerin saß die erste Viertelstunde wortlos im Sitz neben ihm und schaute auf die Spur vor dem Kühler, auf den Mittelstreifen links oder auf die Leitplanke rechts. Um das Eis zu brechen, richtete Vince eine erste Frage an sie:
„Fahren Sie nach Hause oder nur zu Besuch nach Deutschland?“
„Ich will ein paar Tage zu meinen Eltern, denen geht es nicht so gut, und ich war schon lange nicht mehr bei ihnen.“
„Ah, so! Ich heiße übrigens Vince. Dann leben Sie also hier in Frankreich?“
„Nein, in Südspanien. Und ich bin die Bea.“ Nachdem er sie einen Moment lang aus dem Augenwinkel gemustert hatte und um die Unterhaltung nicht einschlafen zu lassen, fragte Vince nach einem kurzen Räuspern weiter:
„Und legen Sie diese weite Strecke immer so per Anhalter zurück? Ist das nicht ein bisschen riskant?“
„Ja, wissen Sie, von Almería aus gibt es keine Direktflüge, und per Bahn muss man mindestens zweimal umsteigen. Also musste ich mir was anderes ausdenken.“ Diese Erklärung machte ihn reichlich stutzig, denn etwas Rätselhaftes strahlte von der jungen Frau aus. Er fragte sich, ob sie nicht etwa auf der Flucht vor etwas oder jemandem war und keinen Flug hatte buchen oder in einen Zug einsteigen wollen, denn es gab ja auf jedem Bahnhof Überwachungskameras. Also tastete er sich behutsam voran auf dem unbekannten Terrain ihrer Lebensumstände.
„Was hat Sie denn dorthin verschlagen?“
Nach kurzem Überlegen, ja Zaudern, brachte Bea ihre Stimme leicht verhalten und dennoch geradlinig und aufrichtig hervor, was Vince auf Anhieb tief berührte:
„Ich bin damals meinem Freund in seine Heimat gefolgt. Ich habe zwar schnell Fuß gefasst und eine Arbeit gefunden, aber trotzdem ist mir die Entscheidung, da zu bleiben, nicht leicht gefallen. Inzwischen sind an die fünf Jahre vergangen und ich habe mich ganz gut eingelebt. Aber als es dann aus war, saß ich allein in Almería.“
Jetzt hatte sich eine steile Falte zwischen Beas Brauen gebildet. Vince zeigte verstärktes Interesse:
„Was arbeiten Sie denn dort, wenn ich fragen darf?“
„Dürfen Sie, dürfen Sie... Ich bin Übersetzerin bei einer Exportfirma. Einer unserer Fahrer, den ich recht gut kenne und der sowieso jede Woche diese Strecke zurücklegt, hat mich bis hierher mitgenommen, das war also ziemlich ungefährlich.“
Das klang nun wieder einigermaßen beruhigend. Vince fiel ein Stein vom Herzen, und er hoffte, sie werde auch weiterhin von Nachstellungen durch fremde Männer verschont bleiben, aber eine Garantie dafür gab es natürlich nicht. Er schwieg, während er sich eine Strategie ausdachte, wie ihr am besten mit Worten nahezukommen sei. Andererseits konnte sie gewiss sehr gut auf sich selbst aufpassen. Die Seele des Beschützers stritt also eine Weile mit der des Zuversichtlichen in seinem Inneren.
Nach einer kurzen Verlegenheitspause fragte Bea ihrerseits:
„Und woher kommen Sie, Vince, mit angelsächsischem Kolorit in Ihrem Tonfall und in einem französischen Wagen? Und wieso sprechen Sie so gut Deutsch?“
Jetzt zeigte auch sie sich einigermaßen neugierig, was Vince außerordentlich behagte. Es schmeichelte ihm, nun seinerseits Ziel ihrer Neugierde zu sein, so dass er, sich im Sitz räkelnd, bereitwillig antwortete:
„Naja, ich bin in Kaiserslautern aufgewachsen, mein Vater ist Amerikaner und war früher dort stationiert. Als der Stützpunkt aufgelöst wurde, ist er trotzdem dageblieben, mit meiner deutschen Mutter und mir. Nach dem Studium in Paris bin ich dann in Frankreich sesshaft geworden. Ich lebe in der Nähe von Bordeaux, wo ich als Ingenieur in einer Papierfabrik in den Landes arbeite. Aber ich lege ziemlich oft diese Strecke in meine Heimat zurück, wie Sie sich denken können.“
„Aha, und da fahren Sie jetzt bis nach Deutschland weiter?“, erkundigte Bea sich wie beiläufig.
„Ja, ich wollte eigentlich heute Abend noch zu Hause sein und morgen dann meinen Vater im Krankenhaus besuchen. Er hatte nämlich gestern einen leichten Herzinfarkt und liegt auf der Intensivstation.“
„Ach, tut mir leid. Wie alt ist er denn?“ In ihrer Frage lag echte Besorgnis.
„Vierundsechzig. Und es gab keinerlei Anzeichen bisher. Im Grunde habe ich mir viel mehr Gedanken um meine Mutter gemacht, die leidet bereits seit Jahren an Bluthochdruck und muss sich auf ärztlichen Rat hin körperlich und geistig schonen. Wie sie das alles jetzt verkraften soll...“.
Vince machte ein besorgtes Gesicht. Eine Zeile aus When I’m sixty-four der Beatles spukte ihm durch den Kopf. Aber vorläufig schwieg er.
„Haben Sie denn keine Geschwister?“ Nun zeigte Bea vermehrte Anteilnahme.
„Doch, eine Schwester, aber die wohnt in Rosenheim und will ebenfalls morgen in Kaiserslautern sein. Und Sie? Wer wartet denn auf Sie in Aachen?“
Er versuchte herauszufinden, ob sie dort eventuell schon einen Nachfolger für den Spanier im Auge hatte, hielt seine aufkeimende Eifersucht jedoch sogleich im Zaum und konnte bald erleichtert aufatmen, als er sie berichten hörte:
„Es gibt da morgen früh ein Einstellungsgespräch. Habe mich um eine neue Stelle beworben. Sollte ich die bekommen, kann ich wenigstens die nächste Zeit in der Nähe meiner Familie sein.“
„Dann gedenken Sie also zurückzuziehen nach Deutschland? Geht das denn so ohne weiteres? Ich meine, wenn Sie nie dort gearbeitet haben...?“
„Ich war ein Jahr lang in Köln als Sprachassistentin angestellt, am Sprachenzentrum der Uni. Aber dann habe ich mich in Rodrigo verliebt und bin mit ihm nach Almería gezogen. Und jetzt...“
Sie machte eine wegwerfende Geste, so als wollte sie etwas von einer imaginären Tafel abwischen, und wandte den Kopf zum Fenster.
„Ganz allein? Wie haben Sie das ausgehalten, in einem fremden Land? Und dann, eine so attraktive Frau wie Sie?“
Er musterte sie nun ziemlich freimütig von Kopf bis Fuß, wobei er feststellte, dass sie wie gelähmt in ihrem Sitz hockte, was ihn sofort dazu veranlasste, sich mit dem Flirten zurückzuhalten.
„Naja, sehen Sie: gebranntes Kind...“
Dabei verzog sie schnippisch, ja fast sarkastisch, das Gesicht. Und so schlief die Unterhaltung wieder ein. Das war ihm aber keineswegs recht; er tendierte schon als kleiner Junge dazu, seine Gefühle spontan zu äußern und seinen Wissensdurst nach Möglichkeit sofort zu befriedigen. Diese Eigenschaft hatte er auch mit fortschreitender Reife beibehalten; deswegen fragte er nach einer Weile beharrlich weiter, auch auf die Gefahr hin, von ihr vielleicht für aufdringlich gehalten zu werden:
„Und was ist los mit Ihren Eltern? Sie sagten doch, es geht ihnen nicht so gut. Was haben die denn für Probleme?“
„Das wüsste ich selbst gern. Deshalb fahre ich ja zu ihnen. Sie wollen sich scheiden lassen, nach dreißig Jahren Ehe, stellen Sie sich das vor!“
Das Bedauern schwang in Vinces Stimme mit, als er leise entgegnete:
„Na, da hoffe ich, dass Sie vermitteln können und dass noch was zu retten ist.“
Wieder blickte er sie prüfend an. Irgendetwas an ihr kam ihm trotz allem Neuartigen extrem vertraut vor, aber vielleicht ist das immer so, wenn man sich auf Anhieb verliebt. Falling, falling... Ja, das war es, das musste es sein! Unverwechselbar! Dieses neuartige Gefühl brachte ihn ganz schön durcheinander, denn es versetzte ihn auf unbekanntes Neuland. Er wollte unbedingt Beas Stimme wieder und wieder hören, in ihre Augen sehen, ihre Nähe noch intensiver spüren. Auf einen halben Meter Entfernung, die im Wagen zwischen ihnen lag, konnte er den zarten Duft ihrer Haut wahrnehmen. Was war das nur? Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu! Während er mit ihr sprach oder ihr zuhörte, meinte er, über der Erde zu schweben, mit dem Wagen und allem Drum und Dran abgehoben zu haben. Ein Impuls flüsterte ihm ein, er müsse nur zugreifen, dürfe sie nicht wieder hergeben. Und dennoch hielt er sich zurück: er kannte sie ja erst seit einer knappen Stunde. Das war sie also ‒‒ die so oft beschworene und besungene Liebe auf den ersten Blick, irgendeine chemische Reaktion, die sich vermutlich leicht erklären ließ, so wie es auch für die Trance eine durchaus wissenschaftliche Erklärung gibt. Seine Vernunft hatte ausgesetzt, in seinem Kopf herrschte Funkstille. Nun war er sich selbst ein Rätsel. Sein Tüftlerhirn, seine wissenschaftliche Denkweise konnte das in keiner Weise rationalisieren. Also wartete er ab, blieb auf der Lauer und sprungbereit.
Sie hatten inzwischen Paris hinter sich gelassen, und Vince fragte Bea schweren Herzens, wo er sie denn absetzen solle, denn bald würden ihre Wege sich ja trennen. Es kostete ihn eine riesige Überwindung, dies aussprechen zu müssen. Er hätte sie liebend gern bis nach Aachen gebracht, aber der Umweg war ihm dann doch zu groß, und er musste ja so schnell wie möglich zu seinem eigenen kranken Vater. Auch seine schöne Hitchhikerin schien die überstürzte Trennung irgendwie zu bedauern, das las er in ihren Augen, oder bildete er sich das nur ein? Also verabschiedeten sie sich mit einem langen Händedruck auf einem Rastplatz bei Reims, nachdem sie ihre Handynummern ausgetauscht und gespeichert hatten, und jeder machte sich auf der kürzesten Strecke auf seinen Heimweg. Vince hoffte inständig, dass sie ihm auf seinen Anruf irgendwann auch antworten würde und dass es zu einem erneuten Treffen zwischen ihnen kommen möchte, dem dann noch weitere folgen würden... Lieber malte er sich das noch nicht aus, sonst würde die Trennung zu wehtun und ihn in einen Zustand permanenter Spannung versetzen. Schon jetzt verspürte er ein Ziehen im Brustkorb und ein Kribbeln im Bauch.
Bea brauchte nicht lange zu warten und wurde von einem Lastwagenfahrer fast bis zum Zielort mitgenommen. Zufälligerweise transportierte Carlos Jiménez Tomaten aus El Ejido nach Köln, und sie sprachen Spanisch miteinander. Sich mit dem Fahrer in dieser Sprache verständigen zu können, ließ Bea alle Bedenken abwerfen, die sie jedes Mal hatte, wenn sie in ein fremdes Auto einstieg.
Er berichtete ihr, dass er diese Strecke ziemlich oft fahre, 16 Stunden hin, abladen, eine Nacht Schlaf, am nächsten Morgen vollgepackt mit Lebensmitteln für eine deutsche Discountkette wieder zurück. Eine Nacht konnte er sich ausruhen, am nächsten Morgen musste er mit einer neuen Ladung nach Würzburg, und in diesem Rhythmus schon seit Jahren, das schlauchte und stumpfte einen ab. Er drehte das Radio auf volle Lautstärke und schob eine CD ein. Gemeinsam hörten sie sich eine alte Nummer an, Mala vida von Mano Negra, und Bea musste an die letzten Monate mit Rodrigo denken, wo sie fast nur noch gestritten und sich nicht mehr in die Augen geschaut hatten. Es war so furchtbar schmerzhaft gewesen! Erst mal alles hinter sich lassen und Abstand gewinnen, aber es tat sogar nach Monaten noch verdammt weh. Es hatte auch viel zu lange gedauert, bis sie sich darüber im Klaren war, dass es so nicht weitergehen konnte. Jetzt ärgerte sie sich über ihre Schwäche. Sie hätte ihn schon viel früher zur Rede stellen sollen, anstatt seine Ausflüchte und sein Herumdrucksen weiter in Kauf zu nehmen. Dabei konnte sie den genauen Zeitpunkt, wo alles zerfallen war, gar nicht mehr genau bestimmen. Sie waren einfach auseinandergedriftet, er hatte neue Interessen und verbrachte immer weniger Zeit mit ihr, und sie hatte diese kontinuierliche Abkühlung in ihrem täglichen Umgang sehr wohl bemerkt, das Ganze aber nicht wahrhaben wollen. So war sie eben: stets zu Kompromissen bereit, auch wenn sie eine schwelende Ahnung von Ungemach hatte, die nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden durfte. Es fing damit an, dass Rodrigo ihr Dinge verschwieg oder ihr bewusst die Unwahrheit sagte, wie sie später herausfand. Wahrscheinlich hatte er sich in eine andere verliebt, aber warum war er nicht ehrlich und sagte es ihr einfach? Warum schonte er sie immer noch und zögerte den unabänderlichen Bruch weiter hinaus? Jetzt schüttelte sie nur den Kopf über ihre eigene Dummheit: wie naiv, schwer von Begriff und im Grunde maulfaul sie doch gewesen war! Instinktiv scheute sie jedes Mal in ihrem Leben vor Konfrontationen zurück, und diese Charaktereigenschaft brachte ihr später dann immer nur umso mehr Ärger ein.
Sie passierten gerade die alte belgisch-deutsche Grenze bei Lichtenbusch. Bea bat den Fahrer, sie abzusetzen, wo es ihm am besten passte. Sie würde von da schon irgendwie rein in die Stadt kommen.
"Mira, maja, hay un hotelito donde me paro a veces, creo que se llama ‘Balslesquen’ o algo así, allí te dejo, si te parece.”
“Perfecto, gracias.” Sie folgerte, dass er wohl das ‚Waldschlösschen‘ meinte, dies jedoch nahezu unverständlich ausgesprochen hatte, was sie jetzt schmunzeln machte. Naja, die aufeinanderfolgenden Konsonanten waren für spanische Zungen halt eine schwer zu meisternde Hürde.
Bea kannte die Gegend einigermaßen und nahm von dort aus einen Stadtbus bis zum Marktplatz. Von da ab ging sie dann zu Fuß zum Haus ihrer Eltern. Sie fragte sich, was sie dort erwarten würde: die Ehe der beiden stand auf der Kippe und sie selbst war extrem labil wegen einer gescheiterten Beziehung, die sie ihnen erst noch beichten musste, denn die wussten ja kaum etwas von ihrem Privatleben. Ja, so war es manchmal zwischen den Generationen: irgendwann bricht die Verbindung ab und man erfährt weniger über das eigene Kind als über den Nachbarn von nebenan.
Für Bea gehörte ihre Privatsphäre zum Privileg ihres Erwachsenenlebens. Aber andererseits interessierte es sie schon, was mit Mama und Papa los war, und sie erwartete von ihnen totale Aufrichtigkeit ihr gegenüber. Das spanische Umfeld war so präsent in ihr, dass es ihr jetzt schwerfiel, etwas aus ihrer deutschen Vergangenheit als altbekannt wahrzunehmen. Ein Vers aus der Zarzuela La Revoltosa kam ihr in den Sinn: ‘ Cuando clava mi moreno sus ojazos en los míos…’ Ja, so war das gewesen. Rodrigos dunkle Augen hatten sie von Anfang an gefangen genommen und waren wie Nägel in ihr Bewusstsein eingedrungen, hatten ihr Reaktionsvermögen lahmgelegt. Ziehst du den Nagel raus, sprudelt das Blut hervor. ‘Saqué la espina ... ya no siento el corazón‘. Sie versuchte eindringlich, an etwas anderes zu denken, und so fixierte sie die Ulmenallee, die die Straße säumte. Selbstmitleid konnte sie jetzt überhaupt nicht gebrauchen.
Eigentlich war weder klassische Musik noch die leichte Muse oder spanische Volksmusik so recht ihr Ding. Sie stand eher auf Pop und Rap. Aber manche Ohrwürmer geisterten ihr halt tagelang im Kopf herum, so dass sie ganz davon besessen war, sie irgendwie wieder loszuwerden, sie bewusst ins Vergessen zu verdrängen: ‘Pasión gitana y sangre española...‘ Und gewisse Zeilen oder Verse wurden so obsessiv für sie, dass sie Tag und Nacht davon verfolgt wurde, sogar ‚Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus...‘, die sie zu Schuberts Melodie summte. Sie hoffte, die Zeit in Aachen würde sie auf andere Gedanken bringen, einige ihrer zwanghaften Vorstellungen für immer ausradieren. Aber natürlich war sie besorgt, dass der Zank zwischen ihren Eltern die eigenen Wunden wieder aufreißen könnte, in dem Maße, wie sich die Jugend auf das eigene Ich konzentriert, und das ist wohl auch gut so.
Ihr Elternhaus lag in einer ruhigen Seitenstraße, deren Gehsteige von hohen Platanen überschattet wurden. Bea öffnete das hölzerne Gartentor, schlich die wenigen Meter durch die herrlich blühenden Rosenrabatten ihrer Mutter bis zur schwarzlackierten Haustür und drückte auf die Klingel.
Sie traf Mama allein zuhause an. Martina Pfeiffer freute sich aufrichtig, ihre Tochter nach all der verstrichenen Zeit wieder in die Arme zu schließen, aber gleich flossen auch die Tränen, als sie hervorstieß:
„Ja, siehst du, so schnell ändert sich alles. Jetzt hast du keine heile Familie mehr.“
„Mama, bitte erzähl mir, was passiert ist. Und wo ist Papa überhaupt? Ist er ausgezogen? Ich möchte ihn auch gern sehen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen!“
Martina straffte die Schultern und reckte sich wieder auf. Eine tiefe Sorgenfalte zeichnete sich auf ihrer Stirn ab, indem sie berichtete:
„Vor vierzehn Tagen kam so ein komischer Anruf von einer Frauenstimme, da habe ich ihn zur Rede gestellt. Anscheinend hatte er bereits seit Monaten eine Affäre, und nun beschuldigt er mich, nicht genug auf ihn eingegangen zu sein und seine Bedürfnisse nicht erkannt zu haben. Die andere könnte das halt besser, stell dir vor! Ich fühle mich so gedemütigt! All die Jahre, was haben wir nicht alles gemeinsam durchgestanden, den Tod deines kleinen Bruders, deinen Weggang, und nun kommt er mir mit so was... Sicher sind das nur Ausflüchte oder Vorwände. Vielleicht bin ich einfach zu alt und unattraktiv für ihn geworden, was meinst du?“
Als sie das hörte, protestierte Bea energisch:
„Ach, Mama, das ist wirklich das Letzte, dass du die Schuld bei dir selber suchst! Aber von Papa hätte ich nie gedacht, dass er auf das schöne Gehabe von einer anderen Frau hereinfallen würde, auch wenn sie noch so jung und frisch ist. Ich muss einfach mal in Ruhe mit ihm reden.“
„Ja, tu das. Aber viel ist da bestimmt nicht mehr zu kitten, da muss ich dich enttäuschen. Und? Wie geht es euch in Almería denn so? Erzähl mal!“
Und jetzt war Bea an der Reihe mit ihrer Aufrichtigkeit, ihrem Frust und ihren Selbstbeschuldigungen. Mama war erschüttert: sie hatte ja keine Ahnung von den Nöten ihrer Tochter gehabt, wie auch? Es galt, so rasch wie möglich auf andere Gedanken zu kommen, sich zu zerstreuen, tätig zu werden und zu bleiben. Und zwar für sie beide!
Nachdem Mutter und Tochter sich gegenseitig ihr Herz ausgeschüttet hatten, beschlossen sie, gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen. Ihr Lieblingslokal lag in der Nähe der Karlsdoms. Als Bea neben ihrer Mutter saß und aus dem Fenster schaute, drifteten ihre Gedanken von den gemeinsamen Problemen ab und sie dachte absurderweise darüber nach, wem das Kircheninnere gewidmet war und was jedes Jahr darin stattfand. In der Pfalzkapelle war Karl der Große bestattet und dort waren jahrhundertelang alle deutschen Könige gekrönt worden. Der Karlspreis wurde alljährlich an Persönlichkeiten vergeben, die auf die Einigung Europas hinarbeiteten. Obwohl Bea mit dem imperialen Gedankengut wenig am Hut hatte, machte sie das Ganze irgendwie stolz auf ihre Stadt, auch wenn sie sich schon lange nicht mehr als Einwohnerin fühlte und wohl auch in der Zukunft nicht mehr permanent hier leben würde. Ob sie allerdings den Posten bekam, um den sie sich morgen bewerben wollte, war natürlich fraglich. Und wenn, dann würde sie wahrscheinlich viel reisen müssen und vielleicht ganz woanders ansässig werden. Aber im Moment brauchte ihre Mutter all ihre Unterstützung, und sie selbst wollte mindestens vorübergehend Mut aus deren Nähe schöpfen, um die Trennung von Rodrigo besser zu verkraften. Sie würden sich gegenseitig aufzubauen versuchen. Mama war noch immer eine attraktive Fünfzigerin, auch wenn sie im Augenblick etwas verhärmt dreinblickte. Aber mit der Zeit würde dieser Knacks in ihrer Psyche sie vermutlich noch reifer und abgeklärter erscheinen lassen. Bea wurde fast ein wenig neidisch. Das gedankliche Abschweifen in die Feierlichkeiten der Pfalzkapelle ließ sie zum Glück ein wenig von ihren massiven Problemen abkommen. Yesterday once more von den Carpenters ertönte gerade als Hintergrundmusik im Café. Auch sie selbst hatte als Jugendliche oft auf ihren Lieblingssong im Radio gewartet. Und jetzt verfolgte sie schon wieder irgend so eine Melodie wie ein lang verloren geglaubter Freund. Wenn die Stelle kam, wo er ihr das Herz bricht, musste sie jedes Mal weinen. Diesen Song hatte sie manchmal ihre Mutter vor sich hin trällern hören. Ihr eigener labiler Gemütszustand kam ihr voll zu Bewusstsein. Eins nach dem anderen also, wenn nach Lösungen gesucht werden musste. Vielleicht brauchten sie und ihre Mutter nur Zeit ‒‒ Zeit, Zeit: nicht um die Wunden zu heilen, aber um sie weniger klaffend erscheinen zu lassen und das immer wieder von Neuem hervorsickernde Blut zu stillen. So dramatisch es für die Betroffenen war, so alltäglich war trotzdem diese Situation, die sich überall und jederzeit bei so vielen wiederholte. Und der Gedanke daran, dass sie nicht die Einzige und Erste auf der Welt war, der so was passierte, schaffte vorübergehend ein wenig Trost. Irgendwann würde das Gewebe doch bestimmt vernarben, zwar sichtbare Spuren hinterlassend, aber nicht mehr bedrohlich für Leib und Leben erscheinen. Bea nahm sich vor, eine Stütze zu sein, so lange sie gebraucht würde. Sie konnte liebend gerne ein paar Wochen in ihrem alten Zimmer wohnen, damit das Haus nicht ganz so leer erschien. Doch irgendwann würde sie sich eine eigene Bleibe suchen, so bald sie in einem neuen Job etwas Geld verdient hatte. Denn nach fast fünf Jahren Abwesenheit stellte sie es sich schwierig vor, wieder auf längere Zeit mit ihrer Mutter unter demselben Dach zu wohnen. Und je schneller Mama sich an das Singledasein gewöhnte, desto rascher würde sie über die herbe Enttäuschung mit Papa hinwegkommen.
Es galt für sie beide, positive Energie zu entwickeln, eine Ablenkung zu finden, und sei es in Form einer Ersatztätigkeit. Alte, abgelaufene Konsumartikel tauschte man ja ebenfalls gegen neue und frische aus. Und ein Tapetenwechsel war natürlich auch nicht schlecht.
‚Du hast dich verlaufen, gib's zu! Wie dumm von dir, so unbeirrt und zielstrebig vorwärts zu drängen, ohne wirklich mit dem Weg vertraut zu sein!‘, wirft mir eine innere Stimme vor. Dabei hatte ich doch gerade hundertprozentig auf mein Ortsgedächtnis vertraut, und jetzt so was! Befremdet sehe ich mich um auf dem großen, menschenleeren Platz und erkenne keine vertrauten Gebäude oder Straßenbezeichnungen, nichts! Jetzt gilt es, genau den gleichen Weg wieder zurückzugehen, den ich soeben gekommen bin. Aber in Gedanken vertieft, wie ich war, habe ich kaum auf meine Umgebung geachtet, so dass ich im Augenblick nicht einmal sicher bin, welche der vier in die Kreuzung einmündenden Straßen ich für meine Umkehr einschlagen soll. Also muss ich wohl einen Passanten fragen, wo ich mich gerade befinde und wie man von hier zurück ans Endbachufer kommt.
Der sonnige Morgen hatte mir Lust auf einen Stadtbummel gemacht, wobei ich mich felsenfest auf meinen Orientierungssinn verlassen hatte ‒‒ wieder so eine Fehlentscheidung aus reinem Hochmut! Vor vierzehn Jahren bin ich aus dieser Stadt weggezogen und seither nie wieder hier gewesen. Offensichtlich hat sich einiges verändert, oder ist meine Erinnerung so lückenhaft geworden? Dabei war ich damals mit all ihren Ecken und Winkeln sehr vertraut. Ich besuchte nicht nur des Öfteren Freunde, die in anderen Gegenden als der Meinen wohnten, sondern erkundete auch vieles zu Fuβ und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aus diesem Grund war ich heute Morgen überzeugt gewesen, die Stadt immer noch wie meine Westentasche zu kennen. Aber irgendein Detail scheint nicht zu stimmen. Also beschließe ich, etwas zu unternehmen. Einen Jogger, der neben mir an der roten Ampel wartet, spreche ich als Ersten an, aber der zuckt nur mit den Schultern:
„Bedaure, noch nie gehört!“, und trottet auf die andere Seite.
Anstatt über den Zebrastreifen zu gehen, drehe ich mich um und steuere auf einen Kiosk zu, wo ich den Zeitungsverkäufer frage, wie man von hier ans Endbachufer kommt:
„Endbachufer? Wo soll das denn sein? Hier gibt es keinen Fluss mit diesem Namen! Was suchen Sie denn genau?“
Ich ziehe meinen Wohnungsschlüssel aus der Tasche und nenne die Adresse, wobei ich erklärend hinzufüge:
„Ich bin erst seit gestern wieder hier, aber ich habe schon in meiner neuen Bleibe übernachtet. Anscheinend habe ich mich verlaufen.“
„Diese Anschrift kenne ich nicht, da müssen Sie jemand anders fragen..., da drüben den Kurierboten zum Beispiel.“
„Ja, danke trotzdem!“
Jetzt erst stelle ich fest, dass der Kiosk keine Zeitungen zum Verkauf anbietet, sondern irgendetwas Undefinierbares in Klarsichthüllen sowie verschiedene Leckerli, sicher für Kinder gedacht. Aber auch der Kurier mit Helm (ein komischer Briefträger!), dem ich die Adresse nenne, kann mir keine Auskunft geben:
„Das muss in einem ganz anderen Viertel sein, aber einen Fluss oder einen Bach haben wir hier ganz bestimmt nicht, das dürften Sie verwechselt haben.“
Ich bedanke mich und beschließe, irgendwo einen Stadtplan zu suchen, der mir sicher helfen wird, mich zurechtzufinden. Am besten versuche ich mein Glück an einer Bushaltestelle oder auf einem anderen großen Platz. Da glaube ich, eine Ladenfront wiederzuerkennen, wo ich vor einer Viertelstunde einen Blick ins Schaufenster geworfen habe. Von dort aus werde ich einfach in die umgekehrte Richtung nach Hause laufen. Hinter der Glasvitrine erspähe ich mehrere Puppen, die ein bisschen altmodisch gekleidet sind. Ich selbst habe als junge Frau Ähnliches getragen. Sicher wäre mir das schon vorhin aufgefallen, wenn ich in diese Auslage geblickt hätte. Also muss es doch woanders gewesen sein! Da erkenne ich auf der gegenüberliegenden Seite die Bäckerei wieder, an der ich vor wenigen Minuten vorbeigekommen bin und aus der es so gut nach frischem Brot gerochen hat. Da ich inzwischen auch Hunger verspüre, trete ich kurz entschlossen ein und kaufe mir ein Hörnchen. Als ich bezahlen will, weist die Verkäuferin mein hingestrecktes Kleingeld zurück:
„Solche Münzen nehmen wir hier nicht, das ist kein Geld von hier.“
„Wie meinen Sie das? Kostet es nicht dreifünfzig?“
„Ja, aber drei AMO fünfzig!“
„AMO? Was sind AMO?“, fragte ich verdutzt.
„Also hören Sie mal, Sie wollen mich wohl verarschen! Haben Sie etwa keine Chipkarte?“
Fast trotzig strecke ich ihr die Geldbörse hin:
„Hier, nehmen Sie sich heraus, was Sie brauchen!“ Die Bedienung kramt kurz in den Münzen herum und entgegnet:
„Sie haben überhaupt kein Geld wie bei uns. Gehen Sie dort drüben an den Geldautomaten, lassen Sie Ihre Karte aufladen und kommen Sie dann wieder, wenn Sie wollen!“
Ich lege das Hörnchen zurück auf das Tablett. Nun bin ich doch ziemlich ratlos. Träume ich etwa und werde im nächsten Moment aufwachen? Komm, kneif mich mal! Ich wandere weiter die Straße entlang und atme erleichtert auf: Da vorne ist ein U-Bahn-Eingang, dort gibt es sicher einen Stadtplan. Inzwischen hat es angefangen zu regnen, und ich habe noch nicht einmal einen Schirm dabei. Blöd von mir, mich auf das schöne Wetter zu verlassen! Ich weiß doch, wie schnell sich das hier ändern kann. Also gehe ich die Treppe zur Vorhalle hinunter und wende mich kurzerhand an die Dame an dem einzigen Schalter, vor dem komischerweise überhaupt keine Schlange steht:
„Entschuldigung, ich habe mich wohl verlaufen. Wie komme ich von hier am schnellsten zum Endbachufer?“
„Das gibt es hier nicht, wir haben hier überhaupt kein Ufer. Wo wollen Sie denn hin?“, hakt die Angestellte nach.
„Nach Hause, Endbachufer 27“, betone ich.
„Moment, da schaue ich sicherheitshalber mal im Straßenverzeichnis nach. Nein..., das gibt es hier nicht, weder ‚Endbach‘ noch sonst irgendwas mit ‚Ufer‘. Sekunde, ich rufe mal einen Kollegen an, ob der Ihnen weiterhelfen kann.“
Jetzt gerate ich ins Schwitzen. So etwas ist mir doch noch nie passiert! Ich fühle mich auf einmal total unsicher und gedemütigt. Ich blicke hilflos um mich, da sehe ich einen Mann in Uniform auf mich zukommen ‒‒ eine reichlich unbekannte Uniform! Zu welchem Organismus der Beamte wohl gehören mag? Polizei wohl eher nicht! Der Herr spricht mich resolut und respektheischend an:
„So, meine Liebe, nun kommen Sie erst mal mit! Ich werde Ihre Personalien aufnehmen und Ihre Angehörigen benachrichtigen.“
„Ich kenne hier aber niemanden!“, protestiere ich kleinlaut.
„Also machen Sie sich keinen Kopf, das wird sich schon klären. Vielleicht sind Sie ein bisschen verwirrt. Wie heiβen Sie denn, gute Frau?“ Seine Stimme klingt jetzt schon versöhnlicher.
„Käthe Bauer“, antworte ich wahrheitsgetreu.
„Darf ich auch Ihr Alter erfahren?“
„Ich bin achtundsiebzig.“
„Und Sie sagen, Sie wollen nach Hause? Ans Endbachufer?“
„Ja, da wohne ich seit gestern Abend. Hier ist mein Haustürschlüssel.“
„Kann ich mal Ihren Ausweis sehen oder Ihren Mikrochip lesen?“
„Hier, bitte!“
Stutzig und ratlos über die Frage nach der Hundemarke habe ich meinen plastifizierten Personalausweis hervorgekramt. Jetzt zeigt der Polizist sich seinerseits überrascht:
„Was ist denn das für ein altes Dokument, das ist doch schon längst ungültig?! Zeigen Sie mir bitte Ihren Personalausweis oder sonst eine Chipkarte mit Foto, mit der Sie sich identifizieren können!“
„Ich habe aber keinen anderen, der ist doch erst voriges Jahr erneuert worden“, erkläre ich mit Nachdruck.
„Also passen Sie mal auf! Ich rufe jetzt den Sozialdienst an, der soll Sie vorläufig unterbringen, bis wir festgestellt haben, wer Sie sind und woher Sie kommen. So kann ich Sie nämlich nicht gehen lassen.“
Da resigniere ich fürs Erste und füge mich in mein weiteres Schicksal. Mir scheint, ich bin im falschen Film. Wenn mich doch nur jemand zwicken würde! Erwartungsvoll, aber auch mit gelinder Furcht schaue ich den nächsten Stunden entgegen. Was wird wohl auf mich zukommen? Nachdem mein Name in keinem der elektronischen Verzeichnisse aufgetaucht ist, auch nicht als Alias oder Pseudonym, bringt man mich in ein Obdachlosenheim, vorbei an abgerissenen Typen und Landstreichern, die sich selbst aufgegeben zu haben scheinen und jeden Neuankömmling um Zigaretten und Geld anschnorren. Ich verhalte mich vorerst so unauffällig wie möglich. Mir wird ein kleines Zimmer mit zwei Etagenbetten zugewiesen, von denen ich das untere links belegen darf. Es gibt in einer Ecke des Raumes eine Nasszelle mit Dusche, WC und Waschbecken. Ein frisches Handtuch liegt zusammengefaltet auf meinem Bett. An einem Bord mit Kleiderhaken an der Wand hängen zwei Kittelschürzen und zwei Anoraks, sonst nichts. Habseligkeiten habe ich ja keine dabei, außer meinem Regenmantel und meiner kleinen Umhängetasche. Die nimmt eine Aufseherin jetzt in Empfang und quittiert alles auf einem kleinen Leuchttäfelchen. Blitzartig schießt es mir durch den Kopf, dass so das Prozedere im Frauengefängnis sein muss ‒‒ Ähnliches sieht man in schlechten Filmen! Aber da ich keine Ahnung habe, wo genau ich mich befinde und wen ich benachrichtigen könnte, um abgeholt zu werden, setze ich mich abwartend auf das Bett.
Wenig später poltert es an der Tür und zwei Frauen mittleren Alters stolpern schimpfend und fluchend herein. Beide scheinen ihr Äußeres üblicherweise zu vernachlässigen: ungekämmt, ungeschminkt, die Klamotten ungepflegt und nicht zusammenpassend. Sofort strömt ein Alkoholgeruch durch den winzigen Raum. Die Größere von beiden fragt mich mit ihrer heiseren Stimme einigermaßen erstaunt:
„Huch, wer bist denn du? Und was hast du ausgefressen, dass du hier gelandet bist?“ Dabei zeichnet sich eine steile Falte zwischen ihren Brauen ab. Ihre beiden Mundwinkel sind trocken und eingerissen.
Zögerlich und scheu stelle ich mich vor und frage, ob sie ebenfalls hier im Heim wohnen. Nun antwortet mir die andere Frau etwas spitz:
„‘N paar Tage lang wird das wohl unsere Bleibe sein, sind zuhause rausgeschmissen worden wegen Zahlungsrückstand. Haste mal ’ne Kippe?“
„Tut mir leid, ich rauche nicht“, entgegne ich freimütig.
„Oder was Trinkbares? Hier kriegen wir ja nur Wasser.“ Jetzt klingt ihre Stimme fast griesgrämig.
Die rote Nase und das aufgedunsene Gesicht der Sprecherin sind Anzeichen genug für mich. Ich weiß auf Anhieb, mit was für zwei Evastöchtern ich es zu tun habe. So viel Menschenkenntnis besitze ich schon in meinem Alter, das ist das einzig Gute daran, so viele Jahre auf dem Buckel zu haben. Dann verfrachte ich mich auf das mir zugewiesene Bett und blättere in einem zerfledderten Buch, das ich in der hintersten Ecke meines Schrankfaches gefunden habe: Flauberts Frau Bovary in einer Ausgabe von Fischer aus dem Jahr 2028. Eine Stelle sticht mir ins Auge: „Immer mehr schwanden ihr die Einzelheiten, aber ihre Sehnsucht blieb zurück.“ Stutzig gemacht, frage ich eine meiner beiden Zimmergenossinnen, welches Jahr wir schreiben, und ernte ein hämisches Lachen:
„Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, wie? Na, sagen wir mal 2039, oder wie seh‘ ich das?“
Ich runzle ungläubig die Stirn. Da ich aber heute schon mehrere solcher Überraschungsmomente erlebt habe, gebe ich lieber klein bei:
„Danke, ich hatte wirklich keine Ahnung. Ich meinte, es wäre 2026.“
Jetzt kichern die beiden und deuten sich jeweils mit dem Zeigefinger an die Schläfe:
„Da liegst du aber ganz schön daneben, wie? Bei dir stimmt‘s wohl nicht im Oberstübchen. Wie alt bist du eigentlich?“
„Achtundsiebzig“, entgegne ich fast weinerlich. Wieder ergreift die Größere von den beiden das Wort, um mich zu beschwichtigen:
„Naja, so uralt bist ja nun auch wieder nicht! Ich selbst zähle auch schon sechsundsiebzig Lenze. Aber du scheinst ja wirklich hinter dem Mond zu leben. Da müsstest du eigentlich... nach Adam Riese... 1961 geboren sein.“ Sie stößt dabei der anderen bedeutsam in die Rippen.
Gerade will ich heftig protestieren (mein Geburtsjahr ist immerhin 1948!), da beiße ich mir auf die Zunge und halte mich zurück. Ich kenne meine Lage ja selbst nicht, und deswegen ist Vorsicht geboten. Also räuspere ich mich und setze ein Gesicht voller Verständnislosigkeit auf, indem ich ihr wie blöde auf den Mund schaue. Da gibt sie ihre Bemühungen auf.
Nach einigen Tagen der Nachforschungen stellen die zuständigen Behörden fest, dass „Frau Käthe Bauer orientierungslos ist und nicht mehr weiß, wo sie herkommt und wie lange sie unterwegs gewesen ist“. Da ich auch keine gültigen Papiere vorzeigen kann, keinen Zellsprecher bei mir trage und kein eingepflanzter Mikrochip unter meiner Haut piepst, überstellt man mich in eine psychiatrische Klinik als unheilbar geistesgestört. Obwohl ich offensichtlich ganz rational Auskunft zu geben imstande bin, passen die Daten, die ich ihnen vermittle, in kein derzeit bekanntes Bild und man behandelt mich als hoffnungslosen Fall einer aus der Zeit gefallenen Frau, in der Art von Truffauts Enfant Sauvage oder auch eines Kaspar Hauser (um nicht allzu kinematographisch zu werden), nur mit dem Unterschied, dass ich mein Leben hinter mir habe und nicht mehr erziehbar bin. Möglich auch, dass man gedacht hat, es lohne sich nicht mehr, sich mit mir abzugeben und sich die Mühe einer Umschulung zu machen.
Was ist jetzt zu tun? Wie komme ich hier wieder heraus, zurück in mein altes Leben? Kampflos werde ich mich jedenfalls nicht geschlagen geben! Also denke ich mir eine Strategie aus, wie ich die Wärterin überlisten kann, wenn sie das nächste Mal die Tür aufschließt. Ich werde einfach einen Kreislaufkollaps vortäuschen, damit man mich in die Ambulanz bringt, und von dort aus versuchen, irgendwie auszubüxen. Der behandelnde Arzt ist heute ausnahmsweise eine Frau im weißen Kittel, von ungefähr meiner Statur. Als sie sich bückt, um ein altmodisches Blutdruckmessgerät anzuschließen, haue ich ihr mit einem dicken Wälzer aus dem Regal auf den Kopf, so dass sie ‒ vorübergehend bewusstlos ‒ zu Boden fällt. Schnell ziehe ich ihren Kittel über und bewaffne mich mit ihrem Stethoskop und einer Kladde, ziehe die Tür hinter mir zu und strebe langsam, aber mit energischen Schritten dem Ausgang zu, grüße den Wärter in seinem Glaskasten freundlich und befinde mich endlich im Freien. Jetzt heiβt es, in den nächsten Bus einzusteigen, aber vorher muss ich den Kittel loswerden, denn der ist zu auffällig. Zum Glück hatte ich einen von diesen AMO-Geldscheinen, den ich gestern zufällig unter dem Bett meiner Zimmernachbarin fand, in meine Socke gesteckt, so dass ich nun die Busfahrt damit bezahlen kann, und es wird sogar noch etwas Wechselgeld übrig sein. Wohin ich mich jetzt allerdings wenden soll, ist mir ein Rätsel. Nur weg, weg von hier!
Ich löse beim Fahrer des nächsten Stadtbusses etwas, was wie ein Fahrschein aussieht. Wo diese Linie hinfährt, weiß ich nicht, den Namen auf dem erleuchteten Display habe ich noch nie gehört ‒‒ muss wohl ein neues Stadtviertel sein! Also gebe ich den Namen der Endstation an. Der Fahrer schaut mir prüfend ins Gesicht. Anscheinend kommt es heute nur noch selten vor, dass jemand keine Dauerkarte besitzt oder nicht direkt mit der Chipkarte zahlt. Ein Glück, dass er überhaupt noch Bargeld annimmt! Und ein Glück auch, dass ich nicht in einen der vielen fahrerlosen Busse eingestiegen bin. Ich weiß ja noch nicht einmal, wie viel eine Busfahrt in der neuen Währung umgerechnet kostet, nehme aber stillschweigend das unbekannte Wechselgeld entgegen und setze mich auf einen freien Platz am Fenster. Von dort aus kann ich beobachten, wie andere Fahrgäste ihren Handrücken unter eine Art Scanner halten, der kurz piepst und so ihren Sitzplatz bucht. Auch das finde ich erstaunlich, aber erschüttern kann mich nichts mehr.
Die lautlose Fahrt in dem Elektrobus bis zum Ende dieser Strecke dauert ca. vierzig Minuten und führt durch Teile der Stadt, die ich noch nie gesehen habe. Jetzt bin ich vollends desorientiert. Ich registriere auf dem Fahrdamm etliche mir unbekannte Fahrzeugmodelle, die lautlos vorüberhuschen. Sind das Autos? Luftkissenfahrzeuge? Drohnen? Die Leute um mich herum tragen merkwürdige asymmetrische Frisuren, sind meist über und über tätowiert und ihre Kleider scheinen aus einem undefinierbaren Stoff zu sein, ein Zwischending von Textil- und Plastikfaser. Der Stoff schlägt überhaupt keine Falten, ist jedoch keineswegs steif, sondern passt sich den Gliedmaßen perfekt an, als ob sie mit ihm verwachsen wären. Trotz der kühlen Witterung scheint darin niemand zu frieren. Interessant, auf was für Ideen die Wissenschaftler so kommen! Die Busfahrt wird nach einer Weile für mich zu einer Lektion, zu einem kompletten Eintauchen in eine mir fremde Zeit. Wenn ich dann demnächst am Ende der Strecke aussteige, werde ich mir was Originelles einfallen lassen müssen, um mein Weiterleben zu gestalten.
Am 21. Juli 1969 hielt Geli sich in der Küche einer Wohngemeinschaft in Edinburgh auf und wollte gerade ein Huhn in der Dose kochen, als sie im Fernsehen live die erste bemannte Mondlandung miterlebte. Ihre anderen Mitbewohner waren einigermaßen aufgeregt und starrten auf die unwirklichen Bilder in Schwarz-Weiβ, dichteten sich die erste Zeile aus David Bowies Space oddity dazu und hörten den sinnreichen Kommentar des amerikanischen Sprechers: A giant step for mankind... Das Huhn war für Geli und ihren Freund bestimmt, den sie vier Tage später heiraten würde. Sie teilten sich mit den anderen die Küche und das Bad, hatten aber ein schönes, geräumiges Zimmer für sie selbst mit einem Erkerfenster und offenem Kamin, alles im Edwardian Style dekoriert. Bodenlange Vorhänge aus dunkelgrünem Samt, passend zum Sofabezug, die Tapeten großblumig gemustert, Stuck an der hohen Zimmerdecke und ein abgeschabter Teppichboden in undefinierbarer Farbe. Einmal machten sie Feuer im Kamin, das war richtig romantisch, denn davor stand ihr großes Messingbett, wie Bob Dylan es in Lay Lady lay besingt.
Geli befand sich noch am Anfang ihres Erwachsenenlebens und lernte täglich Neues. Vieles war faszinierend, einiges ernüchternd, besonders was das Zusammenleben betraf. Dass die Mondlandung ein historischer Moment war, kam ihr nicht so recht zu Bewusstsein oder besser gesagt, sie verdrängte es, denn sie hatte zu der Zeit viele andere Probleme. Es war ihr ein absolutes Rätsel, wie sie aus diesen ihr unbekannten Zutaten und ungewohnten Lebensmitteln etwas Vernünftiges zu essen machen sollte. Viel Erfahrung im Kochen hatte sie ohnehin nicht, aber sie wollte sich Mühe geben. Das Huhn in der Dose landete später unverzehrt im Mülleimer. Einen Versuch war es wert gewesen, denn den Backofen wusste sie nicht zu bedienen.
Ihre täglichen Bummel durch die Nachbarschaft hatten Geli einen Buchladen entdecken lassen, in dem es viel Ramsch, aber auch einiges Interessantes aus dem Antiquariat gab. Eine erste Errungenschaft war ein kleiner Bildband, Goya’s Engravings in einer wertvollen, wunderbar editierten Ausgabe, fast so etwas wie ein Faksimiledruck, den sie ihr Leben lang in Ehren hielt. In dem Used-books –Laden, der um die Ecke in einem Souterrain lag, stöberte sie besonders gern. Manches wollte sie sich von ihrem dürftigen Budget her nicht leisten, aber Anschauen kostete ja nichts. Lesen konnte sie die englische Sprache ganz gut, denn sie hatte ja etliche Jahre Schulunterricht darin gehabt, aber sprechen... Sprechen war etwas ganz anderes, und die Schotten haben so einen harten und sonderbaren Akzent, dass sie zu Anfang nichts verstand und oft zweimal nachfragen musste: Pardon me? Und im Gemüsemarkt und im Metzgerladen fiel es ihr überhaupt schwer, sich verständlich zu machen, denn sie kannte die englischen Namen für das Grünzeug und die Fleischstücke nicht. Außerdem waren Geli und Mario permanent knapp bei Kasse. Deswegen bestand ihr Hauptamüsement darin, viel in der Nachbarschaft herumzuspazieren. Zum Glück erlebten sie gerade einen warmen Hochsommer mit langen Sonnentagen und kurzen, hellen Nächten. Sie waren jung und gut zu Fuß, und die Altstadt, den tiefer gelegenen Schlosspark und den Caltonhügel mit seinem Panoramaausblick erkundete sie mit Vorliebe, spielten Fang-mich oder machten Wettläufe bis zur nächsten Ecke. Hin und wieder fuhren sie mit einem Linienbus in die Umgebung, kauften sich irgendwo fish and chips oder pork pie und hielten sich schlecht und recht über Wasser. Einmal besuchten sie einen Wanderzirkus. Geli erinnerte sich, als Kind schon einmal eine Nummer mit echten Elefanten gesehen zu haben: „Wasser aus Indien“. Sie verbrachten Stunden am Strand und im Vergnügungspark von Portobello und naschten toffee apples oder anderen ähnlichen Kram. Sie alberten herum, spielten Fangen, liebten sich und stritten oder schmollten. Ah, so jung, so blauäugig und oft frustriert, aber trotz allem stets optimistisch im Groβen und Ganzen... Ende der Sechziger, die Pop-Musik in vollem Umschwung, Miniröcke, Frauenbewegung, Rebellion der Jugend gegen verknöcherte Gesellschaftsformen, Michelle, ma belle... Die Zukunft gehörte ihnen! Ausflüge nach Kirkcaldy und nach Hawick ‒‒ die Leute hier waren ebenso anspruchslos wie sie beide und hatten auch ihre tägliche Existenzlast. Yeees, miluv! Und in den Highlands binden sie alles in einen Strauß Heidekraut… Heather, so hieß eine ihrer Mitbewohnerinnen, ein liebes, wenn auch etwas unscheinbares Mädchen.
In Großbritannien gab es damals recht fortschrittliche Sozialleistungen, dank der Politik von Harold Wilson, insbesondere die public health coverage. Diese benefits sollten dann ein gutes Jahrzehnt später durch Margaret Thatcher wieder rückgängig gemacht werden. Aber mit knapp zwanzig hat man noch nicht den Überblick über das Zyklische in der Geschichte. Also nahm Geli die Dinge so positiv, wie sie sich ihr boten. Die Mehrzahl der Leute machte einen zufriedenen Eindruck, aber die Vorstellung, dass sie und Mario ins wirtschaftliche Abseits geraten könnten, erschreckte sie dennoch.
Ihr einziger Besitz bestand derzeit in einigen Büchern und einem Minimum an Klamotten, die in eine Reisetasche passten. Das Zusammengesparte der beiden ging langsam zur Neige, aber sie brauchten auch nicht viel: hier und da gönnten sie sich einen Kinobesuch (Geli entsann sich an Sam Peckinpahs brutalen Film McKenna’s Gold und an den traurig realistischen Midnight Cowboy von John Schlesinger), ein paar pints of bitter im Pub mit live Sängern, die oft unglaublich gute Stimmen hatten, Stunden zuhause, in denen sie lasen und Radio hörten oder sich balgten. Und das geschah tagein tagaus. Gewöhnungsbedürftige Zweisamkeit.
Heute trug Geli ein pinkfarbenes Top zu ihren weißen Jeans und Sandaletten, und sie hatte ihre langen dunkelblonden Haare zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden. In den letzten Wochen war sie um einiges schlanker geworden: das brachten die neue Umgebung und die neuen Essgewohnheiten so mit sich. Sie tuschte sich noch schnell etwas die Wimpern. Ganz passabel wohl, aber irgendwie war sie nie selbstbewusst oder überzeugt von ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ‒‒ wieviel weniger von ihrem Aussehen! Sie rieb sich auch täglich an diesem ungewohnten Zusammenleben mit Mario auf, der es eins ums andere Mal schaffte, sie klein zu halten. Ihre Meinung und ihre Wünsche registrierte er meistens stillschweigend oder ließ sie nicht gelten. Dabei liebte sie so vieles an ihm und versuchte immer wieder, auf ihn einzugehen, fühlte sich aber oft ungerecht behandelt. Gleichzeitig faszinierten und erschreckten sie seine ständigen Stimmungswechsel. Seine schlummernde bipolare Störung, das war wie eine Achterbahnfahrt, und sie wusste nie so recht, woran sie bei ihm war. Ich und du, und du und ich… So happy together! Turtles waren halt keine Turteltauben. Ein Leben in kontinuierlicher Irrealität war der ständige Eindruck, der Geli am meisten befremdete und gefangen hielt. Fast jeden Tag fragte sie sich, ob andere Menschen auch dieses Gefühl hatten, in ihrem eigenen Film mitzuspielen, aber nicht einmal die Hauptrolle, sondern die irgendeines Statisten. Also begnügte sie sich damit, einfach zuzuschauen und hinzunehmen, was sich da vor ihren Augen abrollte und nie wirklich selbst zu agieren. Oder agierte sie doch und tat es bloß nicht bewusst? Dies alles erschien ihr ebenso wenig wirklich wie die Mondlandung im Fernsehen. Noch viele Jahre später hatte sie im Nachhinein das Gefühl, dass nicht sie es gewesen war, die all das erlebt hatte, sondern jemand anders. Sie fragte sich nicht selten, ob es anderen Menschen irgendwann auch so geht, ob andere sich auch ständig so introspektiv mit sich selbst beschäftigten. Nabelschau: La vida es sueño... Oder war sie vielleicht im Grunde nur die ganze Zeit eine verkappte Stoikerin? Augen zu und durch! Und doch rannte sie niemals mit Scheuklappen durchs Leben. Dazu nahm sie viel zu viel Anteil an allem, das muss zu ihrer Verteidigung gesagt werden.
Sie hatte zwar schon etliche Wochen weg von zuhause gelebt, aber das war immer nur vorübergehend gewesen. Jetzt hatte sie sich übermütig und unbekümmert auf ein völlig neues Abenteuer eingelassen, so dass jeder neue Tag eine Überraschung für sie barg. Es ging ihr wie einem jungen Kaninchen, das zum ersten Mal die Nase aus seinem Bau steckt. Geli und Marios Entschluss, auf eigenen Füßen zu stehen, stellte sich als ziemlich riskant heraus. Das kommende Jahr würde zeigen, ob es ihnen gelang oder ob Geli zu Kreuze kriechen musste, zurück unter die Fittiche von ihren Eltern.
Nach den mageren Flitterwochen fing also der Ernst des Lebens an. Mario begann als Lektor eine neue Stelle an der Uni von Manchester; Geli schrieb sich in etliche Kurse ein, unter anderem in Kunstgeschichte, und las alles, was ihr in die Finger kam. Sie hatten eine Dreizimmerwohnung in einem Altbau gemietet, zu der man an einer Arztpraxis vorbei über eine steile Treppe gelangte. Die Heizung funktionierte nur, indem man durch Einwurf eines Schillings das Gasöfchen für eine halbe Stunde in Gang setzte. Im Winter war das An- und Ausziehen vor dem dürftigen fireplace, der diesen Namen nicht verdiente, eine Tortur. Um vom Wohnzimmer ins eiskalte Schlafzimmer zu gelangen, wickelte sich jeder in seine Bettdecke. Eine weitere Herausforderung stellte die tägliche Hygiene dar, denn das Bad konnte nur beheizt werden, indem man kochend heißes Wasser in die Wanne laufen ließ und wartete, bis dieses seine Wärme an die Wände abgab. Dann galt es, die richtige Temperatur abzupassen, um ins Wasser steigen zu können und sich dabei weder zu verbrühen noch einen Kälteschock zu erleiden. Die hundertmal übertünchten Rahmen der vertikalen Schiebefenster schlossen nicht mehr und überall drang die Kälte ein. Bei warmem Wetter ließen sie sich hingegen nur mit großer Mühe öffnen und blieben oft auch nicht oben, sondern mussten mit einer Eisenstange als Verstrebung daran gehindert werden wie eine Guillotine herunterzufallen. Mario und Geli hatten kein Auto (erstens hätten sie sich keins leisten können, zweitens gelang es Mario auch nach mehrmaligem Anlauf nicht, die Fahrprüfung erfolgreich abzulegen), und so bezwangen sie alle notwendigen Strecken zu Fuß oder in dem doppelstöckigen Stadtbus (sixpence, please!). An ihrer Straßenecke lag ein zwielichtiger Pub. In lauen Nächten hörten Geli und Mario durch ihr geöffnetes Schlafzimmerfenster lautstarke Wortgefechte von betrunkenen Gästen oder Festpreisabmachungen zwischen Gelegenheitsprostituierten und ihren Kunden. Sie empfanden dieses Milieu indessen eher als sprachlich und soziologisch interessant denn als abstoßend. Im Moment konnten sie es sich sowieso nicht leisten, in eine „bessere“ Gegend umzuziehen.
Nach wenigen Monaten stellten sie fest, dass sie ein Kind bekommen würden. Vorsichtsmaßnahmen hatten sie mehr oder minder bewusst keine getroffen, obwohl ein family planning durchaus schon allgemein zugänglich war. Geli freute sich und verspürte zugleich eine gewisse Angst vor der Veränderung in ihrem Leben. Aber es war ja nur eine von vielen Transformationen, die sie in letzter Zeit erfahren hatte, und sie bereitete sich auf die Umstellung vor. Dann würde sie es halt genau anders herum machen als gewöhnliche Frauen: auch ein interessantes Experiment! In den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft wurde ihr oft so schwummrig, dass sie sich an der Bushaltestelle auf den Boden setzen oder sich direkt in den Rinnstein übergeben musste. Sicher hielten viele sie für stockbesoffen, a bum, a wino. Der Arzt verschrieb ihr Eisenpillen gegen Anämie. Aber auch diese ersten Monate, in denen sie außer selbstgemachter Dickmilch nichts zu sich nehmen konnte und ständig irgendwo in Ohnmacht fiel und die Leute alarmierte, gingen vorüber. Sie und Mario liebten und zankten sich und versöhnten sich wieder. Oftmals schmollten sie und sprachen tagelang kein Wort miteinander. Der Auslöser dafür war bei Mario jedes Mal trivial, so als ob er nur nach einem Vorwand suchte, um Geli für seine schlechte Laune, seine hartnäckige Mürrischkeit verantwortlich zu machen. Dann musste sie seine depressive Stimmung entgelten. Also rieben sie sich permanent wie Kieselsteine in der Brandung, was beider Reifeprozess wohl beschleunigte.
Man sagt ja, dass da, wo man sich einmal einen Knochen bricht, er nur umso fester zusammenwächst. Aber die vielen, vielen Brüche stellten sich als ungemein schmerzhaft heraus. Bald war Geli gegen einiges abgehärtet und überzeugt, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Eine Art gleichmütige Unberührbarkeit hatte sich ihrer bemächtigt, und was sie auch tat, um sich noch stärker einzubringen ‒‒ ständig sah sie die Realität wie durch eine unsichtbare Wand. Das alles passierte nicht ihr, sondern jemandem, der nur aussah wie sie und zufällig ihren Namen trug. Das Leben war ein Traum, kein Albtraum und kein Wunschtraum, einfach unwirklich, so als ob sie sich selber bei allem zusähe, neben sich stünde... Entkörperlichung, disembodiment, incorporeidad....
Nach einem ziemlich kargen Jahr, was ihren kleinen Haushalt betraf, bekam Mario ein Angebot, an eine amerikanische Uni zu gehen. Inzwischen war ihr Sohn Max zur Welt gekommen, und so musste das Familienoberhaupt für drei einstehen. Einerseits hatten sie sich nie ausgemalt, einmal bei den Yankees zu landen, andererseits waren die finanziellen Bedingungen so verlockend, dass sie diese kaum abschlagen konnten. In Marios Heimatland herrschte noch der Diktator und erstickte alle freiheitlichen Bestrebungen im Keim. Deswegen konnte Gelis Mann sich weder beruflich, noch persönlich und nicht einmal im Traum ausmalen, mit einer Familie dorthin zurückzukehren, höchstens zu Besuch. Und auch dann war für ihn Vorsicht geboten. Er hatte sich in seinem Land zwar nichts zu Schulden kommen lassen, aber eine unbedachte Äußerung konnte ihm viel Ärger bereiten. Der TOP, das Tribunal de Orden Público, sorgte für Ordnung, auch ohne Gesetz. Furcht und keine Luft zum Atmen…
Als die drei im September 1970 in Nordkalifornien landeten, erschien Geli auch die Ankunft dort wie die auf einem anderen Planeten. Die fernen Hügel, abgerundet und grasbewachsen, waren von der Sommerhitze versengt, und das schuf eine andersartige Landschaft. Damals trug das Silicon Valley noch nicht diesen Namen und war auch noch nicht so kontaminiert wie von dem heutigen Verkehrschaos. Die Seeluft der Bay Area ließ die Atmosphäre sauber erscheinen, und die kleinen Städte, die zum Teil noch von Orangenplantagen umgeben waren, lagen in beschaulicher Ruhe: Santa Clara, Sunnyvale, Mountain View, Cupertino, Saratoga, Los Gatos... Alles so großzügig und breit angelegt! Platz gab es hier ja genug, verglichen mit Europa: die Entfernungen waren gewaltig; die Straßenflüchte, die Einfamilienhäuser, die Supermärkte, die Garagen, sogar die Teller und die Essensportionen und Gläser voller Wasser mit Eisstückchen, die man in jedem Restaurant, in jedem diner bekam, großzügig und verschwenderisch. Waitresses mit Häubchen und weißen Tennisschuhen, sneakers genannt, brachten einem umgehend und mit einem Lächeln die Bestellung. Ihre Freundlichkeit schien fast immer authentisch, obwohl sie ja für einen minimalen Stundenlohn arbeiten mussten. Aber der Kunde ist König! So, make yourself at home. All you can eat, or your money back. In God we trust. Another day, another dollar. Geld regiert die Welt, poderoso caballero... Überall dasselbe.
Die Big Macs
