Eva on Tour - Lilian Adams - E-Book

Eva on Tour E-Book

Lilian Adams

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Beschreibung

Endlich geht es auf Kreuzfahrt und Evas Traum wird wahr. Oder etwa nicht? Denn bevor Eva und Michael an Bord gehen können, beginnt das Chaos. Schwiegervater Edgar muss als Notfall ins Krankenhaus, die Schwiegermutter dreht am Rad und der ausgeklügelte Plan, wer sich um die Kinder kümmert, löst sich in Wohlgefallen auf. Ob es Eva dennoch gelingt eine gute Zeit an Bord zu haben? Gute Frage, denn ihre Rivalin Caro Fonte taucht auch noch auf. Wie sich herausstellt, ist die allerdings Evas kleinstes Problem.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lilian Adams

Eva on Tour

Roman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Eva - Es geht los

2. Eva - Am Flughafen

3. Eva - Zurück auf Anfang

4. Michael - Resüme

5. Caro - Ankunft im Club

6. Eva - Einschiffung

7. Caro - Essen im Club

8. Eva - Erste Zeit auf dem Schiff

9. Caro - Abendliche Studie

10. Eva - Marie ist unpässlich

11. Caro - Die Lesung

12. Eva - Ein Tag in Barcelona

13. Caro - Caro wird engagiert

14. Eva - Das Fernsehen klopft an

15. Marie - Spannende Informationen

16. Eva - Marie ist schwanger

17. Caro - Caro schifft ein

18. Eva - Eva hilft aus

19. Caro - Caro liest

20. Eva - Eva kocht

21. Caro - Caro ärgert sich

22. Eva - Max hat einen Unfall

23. Eva - Charlotte taucht auf

24. Eva - Ausflug zu viert

25. Eva - Es brennt

26. Eva - Der Eklat

27. Eva - Eva schifft aus

28. Michael - Michael verteidigt sich

29. Michael - Am späten Nachmittag

30. Eva - Wieder daheim

31. Michael - Michael betrinkt sich

32. Eva - Laura ist verschwunden

33. Michael - Erwischt

34. Eva - Eva sucht Laura

35. Michael - Michael ist verwirrt

36. Eva - Eva in Straßburg

37. Marie - Michael kapiert gar nichts

38. Eva - Eva braucht Hilfe

39. Katharina - Katharina ruft auf dem Schiff an

40. Eva - Glücklich vereint?

41. Michael - Charlotte will mitfahren

42. Eva - Michael kehrt heim

43. Caro - Caro zieht Bilanz

44. Eva - Die Kinder erfahren die Wahrheit

45. Michael - Michael ist frustriert

46. Marie - Marie muss ins Krankenhaus

47. Eva - Eva arbeitet wieder

48. Michael - In der Karaokebar

49. Charlotte - Charlotte ärgert sich

50. Eva - Eva macht Taxidienst

51. Miguel - Miguel organisiert Hilfe

52. Eva - Eva serviert

53. Michael - Bei Charlotte

54. Miguel - Marie ist genervt

55. Eva - Endlich Klarheit

56. Caro - Vorfreude

57. Eva

Impressum neobooks

1. Eva - Es geht los

Hurra, wir gehen auf Kreuzfahrt! Schon als kleines Mädchen wollte ich unbedingt mal übers Meer schippern. Jetzt endlich wird sich mein Kindheitstraum erfüllen. Ich könnte platzen vor Vorfreude. Aber gleichzeitig bin ich so dermaßen nervös, das glaubt mir keiner. Der erste Urlaub ohne unsere Kinder, und dann auch noch auf einem Riesenkreuzfahrtschiff. Das macht mir irgendwie auch wieder Angst. Was, wenn Max oder Laura uns brauchen? Na ja, könnte man argumentieren, mit elf und vierzehn Jahren sind die beiden keine Babys mehr und sie sind in unserer Abwesenheit ja auch gut versorgt.Aber eine gewisse Unruhe bleibt.

Ich versuche, diese blöden Gedanken wegzuschieben, aber schon drängt sich die nächste Horrorvorstellung nach vorne und mir fällt ein, dass ich ja auch seekrank werden könnte. Hohe Wellen, ich liege käsebleich im Bett und kein Land in Sicht, nein, daran möchte ich schon gar nicht denken. Deshalb konzentriere ich mich wieder auf unseren Nachwuchs und versuche, mir die vertrauten Gesichter einzuprägen, schließlich werden wir uns eine ganze Weile nicht sehen. Ob die Kinder gerade genauso unter Trennungsschmerz leiden wie ich?

Ein kurzer Blick katapultiert mich in die Realität zurück. Die beiden jungen Leute, die hier unruhig von einem Fuß auf den anderen wippen, haben Mühe, ihre Freude über unsere baldige Abreise zu verbergen. Laura wirft dauernd einen Blick auf ihr Handy, das im Sekundentakt piept. Meinen fragenden Blick ignoriert sie komplett und den unschuldigen Gesichtsausdruck, den sie aufgelegt hat, kenne ich bestens. Er stammt noch aus ihren Kindertagen und verheißt nichts Gutes. Wahrscheinlich lauern ihre Freunde mit den Partyutensilien direkt hinter der nächsten Kurve und warten darauf, endlich loslegen zu können. Am liebsten würde ich nachsehen, aber dazu reicht die Zeit nicht mehr. Mein Herz hämmert gegen die neue, hauchzarte Bluse im Dschungellook und ich spüre eine Gänsehaut auf meinen Armen.

»Warum schüttelst du dich denn so, Mama? Ist was?«, will Max wissen. Für einen elfjährigen Jungen ist er ziemlich aufmerksam. »Nur so eine blöde Fliege«, improvisiere ich und hoffe, dass ich damit durchkomme. Michael wedelt ungeduldig mit der rechten Hand.

»Komm, wir müssen los!« Seine Stimme klingt dynamisch und jung, dabei ist mein Mann vor kurzem vierzig geworden und nähert sich, wie er immer wieder mit leidender Miene betont »ernsthaft dem Rentnerdasein!«

Bevor ich doch noch zu weinen beginne, verabschiede ich mich besser schnell von unseren Kindern. »La-la, lalalala la«!«, summt jemand in meinem Kopf. Ich sehe mich mit wehenden Haaren an der Reling stehen, die Arme weit ausgebreitet, in ein samtig schimmerndes, weißes Gewand gehüllt, während ein Highlander mit Drei-Tage-Bart seine muskulösen Arme um mich schlingt. »Och, Mama, nicht schon wieder die Titanic.« Laura sieht zum Himmel. Upps, anscheinend habe ich tatsächlich vor mich hin gesummt. Michael kneift die Lippen zusammen. So hat er leider noch weniger Ähnlichkeit mit dem Schotten von eben. Aber mit Michael, meinem Bankangestellten, ist die Szene halt keine Spur von romantisch. Ich kann mir vorstellen, wie er hinter mir steht und fragt, was das Getue soll. Dann würde er bekunden, dass er jetzt unbedingt etwas zu essen braucht und mich ins Bordrestaurant lotsen.

Wieder muss ich mich schütteln, denn ich will mich lieber richtig von Laura und Max verabschieden, als mir solche Dinge vorzustellen.

»Tschüss, ihr beiden. Benehmt euch und passt gut auf euch auf. Wir melden uns zwischendurch, aber wenn etwas Dringendes ist, könnt ihr uns auf dem Schiff erreichen. Aber bitte wirklich nur, wenn es brennt, oder so!«, versuche ich halbherzig zu scherzen und drücke meine Lieblinge fest an meine Brust. Wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Michael gibt Laura und Max grinsend ein »High Five« und hüpft pfeifend in sein geliebtes Auto.

Ich dagegen steige schweren Herzens ein, schnalle mich an und prüfe, ob mein Bauchbeutel mit den Reisetabletten noch da ist. Die Kinder winken, ich winke zurück. Die Queen wäre stolz auf meine Fähigkeit, freundlich lächelnd meine wahren Gefühle zu verbergen. Wie konnte ich nur davon träumen, unsere Kinder so lange allein zu lassen. Nur wegen einer Kreuzfahrt! Ich bin eine echte Rabenmutter. Unser Nachwuchs sieht das anders. Sie können es anscheinend wirklich nicht erwarten, bis wir endlich weg sind, denn sie verschwinden schon wieder im Haus. Ohne sich noch einmal umzusehen.

Also dann, von mir aus kann es losgehen, schließlich müssen wir noch Marie und Miguel abholen. Die beiden sind unsere besten Freunde und begleiten uns. Wahrscheinlich werden wir sie aber kaum zu Gesicht bekommen, denn es ist ihre Hochzeitsreise.

Michael dreht den Schlüssel im Schloss und das Ergebnis ist lediglich ein »Klick!« Unser Auto springt nicht an. Auch nach mehreren Versuchen nicht. »Scheiß Karre!« Mein Mann haut aufs Lenkrad, steigt leise fluchend aus und verschwindet in der Garage. Ich, ganz Optimistin, bleibe einfach sitzen und vertraue darauf, dass er weiß, was er tut. »Wo hast du denn das Überbrückungskabel hin geräumt?«, ertönt Michaels gereizte Stimme aus dem Off. Besitzen wir sowas überhaupt?

Um des lieben Friedens willen steige ich aus und wühle kurz darauf in einer der vielen Kisten, die sich in den Regalen der Garage angesammelt haben. Das Überbrückungskabel finde ich nicht, dafür aber einen Kasten mit Bildern, die unsere Kinder vor langer Zeit für uns gemalt haben. Wie ist der denn da hingekommen?

Hier müsste man wirklich dringend aufräumen! Mein schlechtes Gewissen spricht schon mit der Stimme meiner Schwiegermutter Katharina zu mir. Katharina ist der Putzteufel in Person und klingt sogar so. Bei diesem Stichwort fällt mir ein, dass Michael vor kurzem das Auto seines Vaters Edgar überbrücken musste, weil dieser zu geizig gewesen war, seine altersschwache Batterie zu ersetzen. Daran erinnere ich Michael jetzt. Er schlägt sich mit der Hand an die Stirn. »Natürlich, stimmt ja, dann weiß ich, wo das Kabel ist!«, grummelt er und verschwindet im Haus. Nach einer kleinen Ewigkeit kommt er wieder, die Beute triumphierend in die Höhe gereckt.

“Jetzt brauchen wir nur noch ein Auto, an das wir das Überbrückungskabel dranhängen können. Ich klingele mal bei Herbert. Er hat doch Urlaub. Vielleicht haben wir ja Glück und er ist zu Hause!« Michael macht sich auf den Weg zu unserem Nachbarn. Sein en Optimismus in Ehren, aber so langsam werde ich nervös, denn uns läuft die Zeit davon. Um mich abzulenken, lehne ich mich an unser frisch gewaschenes Vehikel, recke mein Gesicht zur Sonne und schließe die Augen, um die Wärme zu genießen. Dabei atme ich tief in den Bauch und hoffe, das hilft, meinen Blutdruck in den normalen Bereich zurückzuholen. Es riecht immer noch nach den Spuren des Sommerregens, der vor einer halben Stunde freundlicherweise unseren Garten gegossen hat.

»Mama, was macht ihr denn immer noch da? Ihr habt euch doch schon vor einer halben Stunde verabschiedet und jetzt seid ihr immer noch hier.«, wundert sich unser Sohn Max, der plötzlich vor der angelehnten Haustür steht. »Das Auto ist nicht angesprungen, aber Herbert und Papa werden es überbrücken und dann sind wir weg«, kläre ich ihn auf und lasse mich wieder auf den Beifahrersitz fallen, die Tür geöffnet, denn es ist angenehm warm. Ich recke mein Gesicht Richtung Sonne und schließe erneut die Augen. Ein Fehler, denn es ist nicht Schneewittchens Prinz, der mich in dieser Sekunde wach küsst. Wie mir der schlechte Atem verrät, ist es Nachbarhund Cherie, der so begeistert an mir hochspringt und über mein Gesicht leckt.

»Pfui Kuckuck, Cherie, lass das!«, schimpfe ich auf das fast taube Tier ein und wische mit dem Handrücken über mein angesabbertes Gesicht. Ich schaue an mir herunter und werde blass. Och nö, meine schönen neuen Kleider! Ich sehe aus, als hätte ich mich mit dem Hund auf einem sandigen Feldweg gewälzt. Cherie scheint zu spüren, dass ich sauer auf ihn bin, denn er zieht den Schwanz ein, senkt den Kopf, jault leise auf und trollt sich mit schleppenden Bewegungen in die geöffnete Nachbargarage.

»Hihihaha, Mama, du siehst aus wie ich nach einem Tag auf dem Bolzplatz!«, lacht mich Max aus. »Sag lieber Papa Bescheid, dass ich mich nochmal umziehen muss!« Mein Tonfall signalisiert ihm, dass er besser tut, was ich ihm aufgetragen habe.

Ich sprinte ins Badezimmer, um mein Gesicht zu waschen. Meine schönen, extra für diese Kreuzfahrt gekauften Kleider tausche ich schweren Herzens gegen mein altes, langweiliges beigefarbenes Kostüm. Ich habe es für Lauras Konfirmation gekauft und seither nicht mehr getragen. Schwer tue ich mir bei der Wärme damit, eine langärmlige Bluse anzuziehen, aber die einzig kurzärmelige, die so richtig farblich passt, liegt im Koffer natürlich ganz unten. So ein dummer, doofer Hund! Das habe ich nun davon, dass ich immer so nett zu ihm bin! Einer fiesen Schreckschraube wäre das eben nicht passiert!

Obwohl wir immer viel Extrazeit einrechnen, wenn wir irgendwo pünktlich erscheinen müssen, wird die Zeit langsam bedenklich knapp. Ich sause zurück auf die Straße und rufe Laura, die verwundert den Kopf aus ihrem Zimmer streckt, zu »Wir sind schon weg. Tschüss mein Schatz, dir natürlich auch viel Spaß!«

Max steht ein bisschen geknickt am Straßenrand und sofort tut mir mein Feldwebelton von eben leid. »Sorry, dass ich dich so angemeckert habe, obwohl du ja gar nichts dafür kannst. Lass dich nochmal drücken, mein Schatz!«, fordere ich unseren Sohn auf und gebe ihm einen dicken Schmatz auf den Scheitel.

»Ist ja gut, Mama.« Er weicht zurück und rollt die Augen. »Wir fahren nicht ein Jahr nach Neuseeland oder Australien oder so. Ihr übrigens auch nicht. Außerdem ruft Papa nach dir und ich glaube, er hat irgendwie miese Laune.« Ein Blick zum Auto, das am Straßenrand steht, mit laufendem Motor und einem grimmig aussehenden Fahrer, zeigt mir, dass unser Sohn die Stimmungslage klar erkannt hat.

Es ist echt ungerecht. Ich hatte mich so auf unser Einschiffungsfoto gefreut. Die Mitarbeiterin im Reisebüro hat mir erzählt, dass auf der ganzen Reise fotografiert wird. Die Bordfotografen sollen echte Profis sein. Sie hat mir sogar ein Beweisfoto von sich selbst beim Galadinner gezeigt. Ich war total begeistert. Und jetzt fahre ich mit diesem langweiligen Kostüm los.

Mit einer halben Stunde Verspätung setzen wir uns endlich in Bewegung und laden kurz darauf unsere beiden Freunde und ihr bescheidenes Gepäck ein. Ich ertrage geduldig Michaels Loblied auf sein neues Auto, das so viel Platz im Kofferraum hat, was Miguel mit mäßig begeistertem Gesicht bestätigt. Meiner Meinung nach sollte ein fast neues Auto wenigstens eine funktionsfähige Batterie beinhalten, aber ich möchte das jetzt nicht ausdiskutieren, denn ich versuche mich zu entspannen und auf Ferien einzustellen. Vielleicht liegt es an der Musik, dass es so kurzfristig gelingt, denn genau dieses Lied lief beim letzten Urlaub im Radio rauf und runter.

Die gute Stimmung hält allerdings nur so lange an, bis wir auf der Autobahn sind und Michael fragt, ob wir alle unsere Pässe und sonstigen Unterlagen dabeihaben. Seine Standardfrage. Wie immer nervt sie. Heute bringt sie mich aber zum ersten Mal ins Schwitzen. Ein kurzer Blick auf meine geliebte Handtasche, die so unendlich viel mit mir erlebt und so manches Schnäppchen transportiert hat, genügt. Oh weia!

Unsere Reiseunterlagen stecken in meiner brandneuen, knallroten, fantastischen Handtasche mit den vielen Fächern, die ich mir extra für die Kreuzfahrt zugelegt habe und die nun als ungewolltes Kind traurig daheim auf dem Wohnzimmertisch steht, während ich aus Gewohnheit meine alte Tasche geschnappt habe. Mir wird heiß vor Schreck und ich traue mich kaum, zuzugeben, dass mir so etwas passieren konnte.

Aber es hilft ja nichts. »Ähm, also, ich fürchte, du musst nochmal umdrehen, Michael. Ich habe aus Versehen die falsche Tasche geschnappt, als ich mich wegen diesem blöden Hund nochmal umziehen musste. Macht der Gewohnheit. Tut mir echt leid!«, gebe ich zu. Marie grinst und Miguel zuckt die Schultern. »Ist doch kein Problem, die paar Meter zurückzufahren!« Einzig Michael verrollt die Augen, verkneift sich aber immerhin einen Kommentar. Stattdessen fährt er an der ersten Abfahrt wieder raus und nach zehn Minuten sind wir zurück auf Anfang und stehen erneut vor unserem Zuhause.

»Ich glaub´s nicht! Das hätte mir mal passieren sollen«, lautet Lauras Kommentar, als ich ins Wohnzimmer rausche und sie mit meinem Krach anscheinend so erschrecke, dass sie aus ihrem Zimmer heraus kommt. Ich nutze die Gelegenheit, mich nochmals von ihr zu verabschieden, bevor sie sich wieder Richtung Computer trollt. Diesmal kontrolliere ich alles ganz genau. Marie meint ja, die Sterne würden ihr schon sagen, wenn etwas fehlt, aber an diesen Hokuspokus glaube ich persönlich nicht.

Im zweiten Anlauf funktioniert dann zum Glück alles. Obwohl ich immer noch unsicher bin, ob ich den Urlaub ohne Kinder genießen kann. Ich bin jetzt schon schrecklich unruhig, weil Laura und Max zum ersten Mal mit einer Jugendgruppe verreisen. Die beiden sind noch ein paar Stunden allein daheim und ich hoffe, dass sie keinen Blödsinn veranstalten, bis sie heute Abend von ihren Großeltern Katharina und Edgar an den jeweiligen Bus gefahren werden.

Ich hätte diese Kreuzfahrt ja lieber mit der kompletten Familie gemacht. Michael dagegen war sich sicher, dass ein Urlaub zu zweit mal schön wäre, weil wir im Alltag so wenig Zeit füreinander haben. Was natürlich schon auch stimmt. Na, hoffentlich läuft alles glatt. »Erde an Eva! Ist alles in Ordnung?«, reißt mich Marie aus den negativen Gedanken. »Du ziehst die Stirn in Falten, wie ein Hollywoodstar vor dem Lifting.«

»Alles gut. Ich habe nur überlegt, ob Laura und Max wohl gut ankommen werden. Es passiert doch so viel auf den Straßen«, gebe ich kleinlaut zu. Michael mustert mich von der Seite und schickt mir einen genervten Blick. Wir hatten diese Woche ständig Stress wegen meiner Ängste. Irgendwann meinte mein Mann, ich könne ja zu Hause bleiben und auf schlechte Nachrichten warten. Klar hat er recht, dass ich mich wegen Dingen verrückt mache, die hoffentlich nie eintreffen werden. Deshalb gelobte ich Besserung. Aber so richtig umschalten kann ich meine Gedanken und Gefühle leider nicht. Ich zeige sie nur nicht mehr so offen.

Von hinten ist ein herzhaftes Schnarch-Geräusch zu vernehmen. Miguel holt offensichtlich dringend benötigten Schlaf nach. Der Arme kam heute Morgen erst aus der Nachtschicht. Und ausgerechnet in dem Altersheim, in dem er als Pfleger arbeitet, geht gerade ein fieser Virus herum. Hoffentlich hat er ihn nicht mitgebracht.

Der Verkehr wird dichter und ich hoffe nur, wir fahren nicht in einen Stau. Zum Glück läuft es aber gut für uns. Michael fährt nach einiger Zeit auf die nächste Raststätte, weil er, bevor wir losgefahren sind, zu viel Kaffee getrunken hat. Als er den Motor ausschaltet, ist auch Miguel wieder wach. »Sind wir schon da?«, will er wissen. Wir klären ihn auf und steigen aus, um uns die Füße zu vertreten, während Michael sich auf den Weg macht. Marie hakt sich bei mir unter. »Wie geht es dir wirklich? Ohne die Kinder zu verreisen macht dir ganz schön zu schaffen, oder?«

»Fällt es so auf? Ich hatte gehofft, dass ihr es nicht mitbekommt. Schließlich ist das eure Hochzeitsreise! Da sollt ihr euch amüsieren, die Zeit genießen und euch keine Sorgen um mich alte Glucke machen!« Marie nimmt mich in den Arm und drückt mich. Unauffällig wische ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel. »Versprich mir, mich zu bremsen, wenn ich es übertreibe. Was ich übrigens nicht vorhabe!« Marie nickt verständnisvoll.

Ich habe Durst, deshalb hole ich eine Flasche Wasser für uns aus dem Kofferraum und knalle ihn dann zu. Viel zu viel Schwung! Es scheppert furchtbar laut. Ich habe nicht bedacht, dass alle Fenster offenstehen.

Wieder schickt mir Michael, der soeben zurückgekommen ist, diesen missbilligenden Blick. Diese Katharina- Nummer kann ich gerade sehr schwer ertragen, deshalb quetsche ich mich neben Marie auf die Rückbank. Miguel ist irritiert, setzt sich aber wortlos nach vorne neben meinen Mann. Irgendwie bin ich sauer auf Michael.

2. Eva - Am Flughafen

»Eva, hast du an deine Handtasche gedacht?« Michael hievt ächzend den letzten Koffer aus dem Auto, dann hält er sich den Rücken. Das also ist der Mann, der zweimal wöchentlich beim Power-Men-Workout selbstbewusst in der ersten Reihe die Hanteln schwingt. Miguel ist schon losgesaust und hat einen Gepäckwagen besorgt. »Hast du an deine Handtasche gedacht?«, äffe ich meinen Mann nach. »Ich bin doch nicht blöd!« Meine Augen feuern Blitze in Michaels Richtung und ich spurte los zum Terminal.

Marie hat mich nach wenigen Schritten eingeholt. »Was ist denn los, Eva? Du bist doch sonst nicht so!« Eigentlich weiß ich auch nicht, warum mich Michaels belehrender Tonfall so getroffen hat, aber je näher wir dem Flughafen kommen, desto schlimmer liegen meine Nerven blank.

»Keine Ahnung, manchmal behandelt mich Michael, als wäre ich doof, und das nervt! Außerdem mache ich mir Sorgen um die Kinder!« Marie hakt sich bei mir unter und versucht mich zu beruhigen. »Weißt du noch, wie sich Michael damals in der Karaokebar für dich zum Deppen gemacht hat?« Allerdings weiß ich das noch und beim Gedanken an diese Szene muss ich grinsen. Damals hatten wir eine massive Ehekrise, weil eine gewisse Carolina, die Michael im Sportstudio kennengelernt hat, versucht hat, Michael zu bezirzen. Sie hat uns ganz bewusst gegeneinander ausgespielt und wäre beinahe damit durchgekommen. Michael, naiv wie er ist, hat mir nicht geglaubt, dass Carolina mich gerne ersetzen wollte. Nur durch einen Zufall hat er noch rechtzeitig ihren wahren Charakter erkannt, als ich eigentlich schon mit ihm fertig war. Es hat mich sehr verletzt, dass er einer zwar gutaussehenden, aber trotzdem wildfremden Frau mehr geglaubt hat als mir. Ich hatte mir sogar schon im Internet einen Scheidungsanwalt rausgesucht.

Nur unter Mithilfe von Marie und Miguel war es ihm gelungen mich zu überzeugen, dass er mich noch liebt. Die beiden hatten mich unter einem Vorwand in eine Karaokebar gelockt. Als ich kurz zur Toilette ging, hat Michael, der sich vorher versteckt gehalten hat, das Mikrofon erobert. Unter einer Million Sänger würde ich ihn heraus hören, so wie der jault. Er schmiss sich auf die Knie und trällerte das Lied “DU” von Peter Maffay, während Marie mich vor zur Bühne schubste. Als Michael fertig war mit seiner grässlichen Gesangseinlage, zog er mich zu sich hinauf. »Ich bin ein Idiot. Ein Idiot, der seine Frau liebt. Und zwar nur sie allein! Meine Eva!«, beteuerte mein Mann vor all den Leuten. Ich werde diese Worte wahrscheinlich mein ganzes Leben lang nicht vergessen! Das Publikum johlte und verlangte einen Kuss. So wurde ich wieder weichgeklopft und wir hatten einen guten Neubeginn.

Dass Carolina die bekannte Schriftstellerin Caro Fonte ist und sich nur als Carolina ausgegeben hat, habe ich erst später erfahren. Was aus der wohl geworden ist? Ich habe sie in unserer Stadt jedenfalls nie wiedergesehen, was ich auch kein bisschen bedauere. »Vielleicht kann er ja auf dem Schiff bei der Mitternachtsshow auftreten und euer Lied singen, was meinst du?«, reißt mich Marie aus meinen Gedanken. Ach ja! Mein unmusikalischer Mann, der keinen Ton halten kann, auf so einer Bühne, das wäre was. Aber immerhin hat er mit dieser Aktion unsere Ehe gerettet.

Ein Seufzer entfährt mir. Hoffentlich muss Michael sich nie mehr wegen so was zum Affen machen. Als er mit seiner Beinah-Affäre unsere Beziehung aufs Spiel gesetzt hat, war ihm wohl nichts Passenderes eingefallen. Aber das so unerschrocken vor einem vollen Saal mit fremden Menschen durchzuziehen war schon süß und mutig und deshalb von Erfolg gekrönt.

Im Moment allerdings geht Michael mir extrem auf den Wecker. Wahrscheinlich ist er schon in den Wechseljahren. Ich will versuchen, den Urlaub auf jeden Fall zu genießen und tiefenentspannt heimkommen. Ob das noch was, wird ist fraglich, denn im Moment fühle ich mich eher tiefenverkrampft!

Ich schiele auf mein Handy, heimlich, denn ich habe meinem Mann versprechen müssen, das Ding nur einmal am Tag in die Hand zu nehmen und auf keinen Fall alle fünf Minuten. Aber da er gerade den Gepäckwagen belädt, kann ich es wagen, ohne neuen Stress zu produzieren. Marie zwinkert mir zu. »Schreib doch einfach eine kurze Nachricht oder rufe sie an, bevor du noch durchdrehst! Ich lenke die Männer ab.« Sie klimpert mit den Wimpern und macht einen Schmollmund. So ist sie, meine Marie! Sie weiß, was ich denke, noch bevor ich es ausgesprochen habe. Manchmal ist mir das schon unheimlich, aber Marie begründet es mit ihren spirituellen Fähigkeiten. Völliger Humbug, aber wenn sie meint!

Wir wollen schnell die Koffer loswerden und noch eine Kleinigkeit essen. Aber als wir um die Kurve biegen, trifft uns fast der Schlag. Auf so eine Menschenlawine waren wir nicht gefasst. »Ach du Schande«, entfährt Michael. »Hoffentlich verpassen wir nicht unseren Flieger!« Miguel dagegen ist die Ruhe selbst. Im Altersheim passiert ständig etwas, das man nicht vorhersehen kann, er ist total stressresistent. Die teils dementen Bewohner halten die Pfleger immer auf Trab. »Natürlich reicht die Zeit«, sagt er und hat diesen besonderen Meditationston drauf. »Wir sind früh genug losgefahren,» erinnert er uns. »Ja, aber das war, bevor wir zurückfahren mussten, um Evas Handtasche umzutauschen.«Michael schickt mir einen vorwurfsvollen Blick.

»Die Sterne haben mir vorhergesagt, dass wir einen wunderschönen Urlaub haben werden, also beruhigt euch alle mal wieder!«, zwitschert Marie. Sie sieht heute wieder ein bisschen außergewöhnlich aus, mit ihrem langen, goldenen Kaftan und dem riesigen schwarzen Hut. Exotisch halt. Seit sie diesen Esoterik-Tick hat, läuft sie nur noch so herum. Michael findet das befremdlich, aber Miguel sieht es gelassen. Er liebt sie, wie sie ist, und das kann ich sehr gut verstehen!

Langsam walzt die Menschenmasse nach vorne. Am Schalter, der sich einen gefühlten Kilometer vor uns befindet, wird lautstark diskutiert. Soweit ich das erkennen kann, muss eine Familie die Koffer umpacken, weil einer davon zu schwer ist. Natürlich staut sich dahinter alles und die Schlange wird immer länger. Mittlerweile liegt der halbe Kofferinhalt besagter Familie auf dem Boden. Die Frau packt gerade stinkwütend und extrem langsam die Sachen von einem Koffer in den anderen und lässt öfter mal nachwiegen. Ich kann nachvollziehen, dass sie die Dame am Schalter jetzt ebenfalls ein bisschen ärgern will. Schade, dass wir so weit hinten stehen. Ich hätte gerne verstanden, was da gerade gezischt wird. Die Frau hinterm Tresen bekommt plötzlich einen knallroten Kopf und schnappt nach Luft.

Widerwillig reiße ich mich von der Szene los und stecke mein Handy in die Hosentasche, während alle anderen das Schauspiel verfolgen. »Michael, ich gehe noch mal schnell zur Toilette. Hier ist meine Handtasche, falls es doch vorwärts geht. Bin gleich wieder da!«

»Beeil dich, vielleicht können wir doch noch einen Happen essen, bevor wir ins Gate müssen!« Immer ist mein Mann hungrig! Das hängt sicher an den vielen Diäten, die er in regelmäßigen Abständen beginnt, um noch sportlicher auszusehen. Allerdings hält er nie lange durch, so dass er aussieht wie immer.

»Ich komme mit!« Marie drückt dem verdutzten Miguel ihre Tasche in die Hand und läuft mir nach.

Als wir zurückkommen, haben sich unsere Männer bis auf drei Meter vorgearbeitet. Wenn jetzt niemand mehr Koffer umsortieren muss, ist die erste Hürde bald genommen.

Natürlich habe ich, sobald wir außer Sichtweite waren, die Kinder angerufen. Es geht ihnen gut. Sie genießen ihre kurze Freiheit, bevor die Großeltern sie abholen kommen. Jetzt bin ich vorerst beruhigt und somit startklar. Das Handy lasse ich unauffällig in der Handtasche verschwinden.

»Nächste!«, nuschelt die Schalterbedienstete und schaut Michael auffordernd an. Der hievt die Koffer auf die Waage. Gespannt warte ich auf das Ergebnis. Tschakka! Wie gut, dass ich daheim mit meiner neuen Kofferwaage das Gewicht unseres Gepäcks genau überprüft habe. Zur Not hätten eben die Gummibärchen, die ich für Michael eingepackt habe, weichen müssen. Endlich machen sich unsere Koffer auf den Weg. Hoffentlich ins richtige Flugzeug.

»Jetzt ein Burger!«, fordert mein Mann und läuft beschwingt zum nächsten Schnellrestaurant. Wir marschieren hinterher. Für Michael fängt der Urlaub sowieso erst an, nachdem er einen fetten Burger mit labberigen Pommes gegessen hat. In den vielen Jahren unserer Ehe habe ich mich damit abgefunden und akzeptiere es inzwischen sogar, ohne zu murren. Miguel grinst Marie an. »Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet Eva sich in eine Fastfoodkette schleppen lässt. Selbst ich habe dort schon bestimmt fünf Jahre lang nichts mehr gegessen.«

Ich gebe vor, kein Wort verstanden zu haben und wir finden sogar noch einen halbwegs sauberen Platz. Obwohl ich mich nach dem Essen über den Berg von Müll ärgere, den wir mit unserer Mahlzeit produziert haben, stellt sich bei mir nun endlich ein Gefühl von Vorfreude auf unsere Reise ein. Bestens gelaunt und satt schlendern wir zum Gate. Dort sind gerade mal zwei Sitzplätze frei, noch dazu in verschiedenen Ecken. Wir sind froh, als wir im weiter entfernten Bereich des Nachbargates noch vier Plätze nebeneinander ergattern, denn selbst der Sportler unter uns hat keine Lust, herumzustehen.

Ich schnappe meine Handtasche und versuche, den Reißverschluss zu öffnen. Er klemmt schon wieder und verweigert mir so einen unauffälligen Blick auf mein Handy. Zweimal beherzt zerren reicht und ich gehe als Sieger hervor. Das Innenfutter hatte sich verklemmt. Michael schickt mir schon wieder einen fragenden Blick. Marie grinst wissend. »Stimmt, den Flugmodus müssen wir ja auch noch aktivieren«.

»Danke Marie!«, lautet meine stumme Botschaft. Dann ziehe ich das Telefon aus der Tasche und gebe das Passwort ein. Zehn entgangene Anrufe von der Festnetznummer meiner Schwieschwies (so nenne ich meine schwierigen Schwiegereltern heimlich) Mir wird siedend heiß vor Angst und ich fürchte, vor lauter Schreck vom Stuhl zu rutschen.

»Michael«, meine Stimme klingt schwach und zittrig. Sofort sieht er mich alarmiert an. »Ruf mal bitte sofort bei deinen Eltern an. Da muss was Schlimmes passiert sein. Sie haben schon zehnmal versucht, mich zu erreichen.« Michael winkt ab. »Du kennst doch meine Mutter! Wahrscheinlich wollte sie nur irgendetwas Unwichtiges.« Seine Blässe zeigt deutlich, dass er selbst nicht an diese Erklärung glaubt. Er zieht sein eigenes Handy aus der Hosentasche und wirft einen Blick darauf. Ich habe wohl unbewusst den Atem angehalten, denn mir wird plötzlich die Luft so knapp, dass mir ein Japsen entweicht. Marie tätschelt stumm meinen Unterarm. Michael runzelt die Stirn und tippt die Nummer seiner Eltern ein, denn auch bei ihm haben sie es mehrmals probiert.

»Hey Mama, was gibt es denn so Wichtiges, dass du dauernd anrufst? Hast du die Nummer der Alarmanlage schon wieder vergessen?«, versucht er einen Scherz zu machen, dann reißt er die Augen auf. »Er hat was???«, brüllt er in sein Telefon.

Die Passagiere, die im Flur herumstehen, werden auf uns aufmerksam und schauen neugierig in unsere Richtung. Michaels Gesichtsfarbe ähnelt der eines Blumenkohls nach dem Blanchieren. Alarmiert hänge ich an seinen Lippen. »Wir kommen sofort, Mama!«, haucht mein Mann ins Telefon und beendet das Gespräch.

3. Eva - Zurück auf Anfang

Michaels Fahrstil macht mir Angst. Er überholt jeden, der ihm im Weg zu sein scheint. Wir wissen nicht, ob wir es rechtzeitig schaffen, Edgar noch lebend zu sehen, deshalb halte ich den Mund und bitte unsere Schutzengel, auf uns aufzupassen. Wir haben den Flughafen vorhin völlig überstürzt verlassen, doch Marie und Miguel erklären unsere Situation am Schalter, damit wenigstens unser Gepäck nicht ins Flugzeug eingeladen wird. Einerseits bin ich erleichtert, dass wir bald da sind und ich aus dem Wagen steigen kann, andererseits habe ich Angst vor dem, was uns erwartet.

»Mensch Michael, jetzt hör auf, so zu rasen. Es bringt niemandem etwas, wenn wir mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren werden müssen. So hilfst du deinem Vater nicht und deiner Mutter noch weniger!«, ermahne ich meinen Mann nun doch, als er noch mehr aufs Tempo drückt. Er sitzt völlig aufgelöst am Steuer seines Wagens und versucht uns in Rekordzeit nach Hause zurückzubringen. Was meinem Schwiegervater genau zugestoßen ist, konnten wir aus meiner Schwiegermutter nicht herausbringen. Sie hat aus dem Krankenhaus angerufen und klang völlig hysterisch.

Seit ich Teilhaberin der Pizzeria bin, in der ich schon ewig arbeite, bin ich in Edgars Achtung gestiegen. Unser Verhältnis zueinander könnte man beinahe freundschaftlich nennen. Und das trotz unserer komplett unterschiedlichen Ansichten. Ich mache mir wirklich große Sorgen um ihn. Und um meinen Mann auch. Katharina hat nur immer wieder gestammelt, dass Michael sich beeilen müsse, wolle er seinen Vater noch einmal lebend sehen. Dieser wurde vor zwei Stunden mit den Symptomen eines Herzinfarktes in die Uniklinik eingeliefert, das ist alles, was wir bisher wissen. Michael ist total überfordert mit Orten wie Krankenhäusern. Und jetzt liegt dort sein Vater und kämpft ums Überleben.

Beruhigend lege ich meine Hand auf Michaels Arm und packe meinen erprobten Krankenschwesterton aus. »Jetzt warte erst mal ab, ob es nicht falscher Alarm ist. Es war furchtbar heiß in den letzten Tagen, das ist sehr belastend für den Körper. Wahrscheinlich war es nur ein Schwächeanfall.« Meine Worte scheinen ihm gutzutun, denn sein Gesichtsausdruck wirkt plötzlich nicht mehr ganz so verkrampft. »Du weißt doch, dass deine Mutter zur Hysterie neigt«, versuche ich ihn weiter zu beruhigen. »Aber sie haben ihn bestimmt nicht wegen einer Kleinigkeit mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren, oder?!« Michaels Stimme klingt gepresst. Was soll ich dazu jetzt sagen. Wir werden es bald wissen, denn es ist nicht mehr weit bis zur Klinik. Es herrscht inzwischen erstaunlich wenig Verkehr. Anscheinend sind viele Leute in die Ferien gefahren, so wie wir. Na ja, zumindest beinahe. Ich hatte mich so auf unseren Urlaub gefreut. Mit Marie und Miguel hätten wir bestimmt viel Spaß gehabt.

Aber natürlich werden wir jetzt zu Hause dringend gebraucht, deswegen will ich nicht herumjammern. Hoffentlich erholt sich Edgar schnell wieder. Heutzutage hat die medizinische Versorgung nach einer Herzattacke eine ganz andere Qualität als noch vor zehn Jahren, versuche ich mich selbst zu beruhigen.

Wir biegen in die Straße zum Klinikum und die Tatsache, dass mein in dieser Hinsicht ziemlich geiziger Ehemann direkt und ohne zu zögern in das teure Parkhaus fährt, statt in einer der Seitenstraßen zu parken, zeigt mir, wie ernst er die Situation einschätzt. Wir hetzen zur Anmeldung, um zu erfragen, wo wir Edgar und seine Frau finden können. Dort weiß niemand genau, wo der Patient im Moment ist, weil ihm noch kein Zimmer zugeteilt wurde, bevor die Diagnose nicht eindeutig ist. Wir werden zur Notaufnahme »liegend« geschickt und fragen uns durch.

Als wir um die Ecke kommen, steht dort Katharina und tupft sich mit einem Spitzentüchlein eine Träne aus dem Augenwinkel. Ansonsten sieht sie aus wie immer. Fantastisch gestylt und die Handtasche passt natürlich perfekt zu den Schuhen. Es ist mir ein Rätsel, wie man bei einem Notfall so schick aussehen kann. Ich wäre wahrscheinlich in den alten Plüschpantoffeln losgefahren, weil mir Äußerlichkeiten in so einem Moment komplett egal sind. Aber wir leben generell total unterschiedliche Leben.