Evangelina - Ritter oder König - Rose Thorn - E-Book

Evangelina - Ritter oder König E-Book

Rose Thorn

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Beschreibung

Evangelina führt ein beschauliches Leben auf dem Land, bis sie eines Tages König Maximilian begegnet. Dieser fühlt sich auf sonderbare Weise von der jungen Frau berührt und wählt sie für die Zeit seines Aufenthaltes in ihrem Dorf als Zofe aus. Dabei hat sie ihm auch in seiner Welt der Lust und Leidenschaft zu dienen. Evangelina findet zunehmend Gefallen an dieser ihr unbekannten Welt. Mit jedem Tag fühlt sie sich stärker zu diesem außergewöhnlichen Mann hingezogen, der ihr Leben für immer verändern könnte. Als sich ihre Wege trennen, beschließt Evangelina, alles daran zu setzen, den König für sich zu gewinnen. Sie lässt ihr bäuerliches Leben hinter sich und begibt sich auf eine spannende Reise. Diese führt sie an neue Orte, zu besonderen Menschen und schließlich immer mehr zu sich selbst.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Mein Dank gilt Susanne, Frank und Conny für ihre Beratung und Unterstützung in vielfältiger Weise.

Für meine Hoheit

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

KAPITEL 1

An einem kalten Novemberabend durchritt der Rheinische König Maximilian I. auf der Rückkehr aus einer erfolgreichen Schlacht mit seinem Gefolge einen der entlegensten Landstriche seines Herrschaftsgebietes, welches sich fast über das gesamte Deutsche Land erstreckte. Es war bereits dunkel, der Wind heulte und die Pferde wurden immer unruhiger, als ihnen kurz vor dem nächsten Dorf am Wegesrand ein Bauernmädchen begegnete.

Der Erste Reiter der Gefolgschaft hielt sein Ross an und fragte das Mädchen, was es hier um diese Zeit alleine in der Dunkelheit und bei diesem Wetter noch zu suchen habe. Als es nicht antwortete, befahl er ihm niederzuknien. Auch dies tat es nicht. Daraufhin fuhr er es an: »Siehst du denn nicht, wer hier vor dir steht?« Er erhielt abermals keine Antwort. »Es ist niemand Geringeres als dein König.«

Das Mädchen blickte den Reiter nur stumm an und rührte sich nicht. Schließlich ritt ein Mann, welcher bisher in der Dunkelheit durch den vorderen Reiter verdeckt war, auf einem so prächtigen Ross, wie es tatsächlich nur einem König gehören konnte, ins Licht der Laterne. Zunächst betrachtete das Mädchen nur das edle Tier, welches sich stolz vor ihm aufbaute. Der Hengst war, abgesehen von einer weißen Fessel und seiner mittig leicht rosa schimmernden Nase, schwarz wie die Nacht. Seine üppige, wallende Mähne reichte bis über seine Schultern. Er war sich seiner Schönheit und Ausstrahlung offensichtlich bewusst und schien den bewundernden Blick des Mädchens zu genießen, welcher nun von dem Ross zu dessen Reiter wanderte. Einen Moment lang stockte dem Mädchen der Atem, als es direkt in die tief blauen Augen des Königs blickte, die streng, aber zugleich auch gütig wirkten. Sein Antlitz war sehr maskulin mit markantem Kinn, seine Haltung würdevoll und unter seinem goldbestickten Gewand zeichneten sich deutlich seine ausgeprägten Muskeln ab. Voller Ehrfurcht sank das Mädchen nun wortlos auf die Knie. Statt sein Haupt demütig zu senken, erwiderte es jedoch weiterhin den Blick des Königs, der dieses ungebührende Verhalten wortlos hinnahm.

Er befahl dem Mädchen: »Führe mich und meine Gefolgschaft ins Dorf. Ein Sturm zieht auf. Wir werden dort Quartier nehmen bis sich das Wetter beruhigt hat.« Der König sprach mit einer so dunklen männlichen Stimme wie das Mädchen sie noch nie zuvor gehört hatte.

Es gehorchte und brachte sie zu der Herberge in der Mitte des Dorfes. Neben dem Tor zum Innenhof warfen die wild lodernden Fackeln unruhige Schatten.

Der Wirt begrüßte die Gäste mit einer Verneigung und wies seine Bediensteten sofort an, die Zimmer für den hoheitlichen Besuch sowie die Stallungen für die Pferde herzurichten. »Ich werde mich nach Kräften bemühen, alle Eure Wünsche zu erfüllen, meine verehrte Hoheit.«

Der König nickte und befahl dem Ersten Reiter, der gleichzeitig sein engster Vertrauter war: »Aldan, geleite das Mädchen sicher nach Hause.«

Dieser wunderte sich über den Befehl, da es sich doch nur um ein Bauernmädchen und nicht um eine Edeldame handelte, wagte jedoch nicht, die Anordnung in Frage zu stellen. Der König wollte das Mädchen in Sicherheit wissen, da er sich auf sonderbare Weise von ihm berührt fühlte. Sie schien auf den ersten Blick ein gewöhnliches Bauernmädchen zu sein, doch selbst in der Dunkelheit und trotz ihres vom Wind zerzausten Haares waren ihre feinen Gesichtszüge und ihr graziler Körperbau zu erkennen. Ihre großen, braunen Augen hatten ihn sanft und warm angeblickt, jedoch war keine Demut darin zu erkennen. Der König fand in der Nacht kaum Schlaf. Er wälzte sich unruhig hin und her und hatte seltsame Träume. Mitten in der Nacht tobte der Sturm so wild, dass alle Fackeln draußen erloschen und die Fensterläden quietschten und knarrten.

Auch das Mädchen, dessen Familie sich schon Sorgen gemacht hatte, lag noch lange wach. Es blickte in das warme Licht der Kerze bis diese erlosch und lauschte dem Sturm, während es die unerwartete Begegnung nochmals Revue passieren ließ, bevor es schließlich ins Reich der Träume gelangte.

Als das Dorf am nächsten Morgen erwachte, war es sehr still. In der Nacht war ein halber Meter Schnee gefallen, der die üblichen Geräusche dämpfte. Der König ließ verkünden, dass er und seine Gefolgschaft solange vor Ort verweilen würden bis Tauwetter einsetze. Seine Männer und die Pferde waren von der Schlacht geschwächt, sodass eine Fortsetzung der Heimreise durch den tiefen Schnee zu beschwerlich gewesen wäre.

Nach dem Frühstück ritt er zusammen mit Aldan zu dem Haus am Rande des Dorfes, wo das Bauernmädchen wohnte, das sie am vergangenen Abend zu der Herberge gebracht hatte. Der Vater des Mädchens holte gerade Brennholz aus dem Schuppen. Als die Reiter in ihren feinen Gewändern auf ihren edlen Rössern angetrabt kamen, wurde ihm schlagartig klar, dass seine Tochter am Vorabend nicht fantasiert hatte, als sie ihrer Familie berichtete, dem König begegnet zu sein.

Er bat die Gäste in die warme Stube herein, in der es nach allerlei Gewürzen roch. »Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?«, fragte er, während er den Gästen von dem auf dem Feuer köchelnden Wein einschenkte. »Glögg – nach dem Rezept meiner Tante aus dem hohen Norden. Ich kenne nichts, das besser wärmt, abgesehen von einer liebevollen Frau«, sagte er schmunzelnd.

»Ich benötige für die Zeit meines Aufenthaltes im Dorf eine Zofe und habe hierfür deine Tochter, die uns gestern zu der Herberge brachte, ausgewählt. Sollte sie eine gute Schülerin sein, sich nach meinen Vorstellungen entwickeln und mir Freude bereiten, so werde ich sie mit auf mein Schloss nehmen, wo sie mir fortan dienen darf und ein Leben in Reichtum und Fülle führen wird.«

Die Worte des Königs ließen den Bauern erstarren. Er vertraute den Gästen an, dass es sich nicht um seine leibliche Tochter handele. »Ich weiß nicht, wessen Tochter sie ist und woher sie kommt. Vor 25 Jahren hat es an einem klirrend kalten Winterabend an unserer Tür geklopft. Als ich öffnete, stand vor mir ein fremder Ritter, der um Quartier für die Nacht bat und einen Säugling bei sich hatte. Er war zwei Tage lang durchgeritten. Sein Herr hatte ihm befohlen, dessen neugeborenes Mädchen möglichst weit weg an einen sicheren Ort zu bringen, da es zuhause in großer Gefahr war. Das Kind war so schwach, dass er unmöglich noch weiter reiten konnte. Er hat weder seinen Namen noch den seines Herrn genannt. Meine Frau, die damals mit unserem ersten Kind schwanger war, ist sofort zu den Nonnen gelaufen, die in den kommenden Tagen und Wochen dafür sorgten, dass das Kind wieder zu Kräften kam. Am nächsten Morgen musste der Ritter weiter reiten. Er bedankte sich für die Gastfreundschaft, gab mir einen großen Beutel voller Gold sowie einen Brief seines Herrn und nahm mir das Versprechen ab, gut für das Kind zu sorgen, es unterrichten zu lassen, wenn es alt genug sei, und es zu behandeln und zu beschützen als sei es mein eigen Fleisch und Blut. Dies habe ich all die Jahre getan, denn es ist ein gutes Mädchen. Auch meine Frau und unsere leiblichen Kinder waren ihm immer wohl gesonnen, wenngleich es auch anders ist als wir und die übrigen Dorfbewohner.«

Der Bauer tat sich schwer damit, das Mädchen in fremde Dienste zu geben, doch konnte er sich unmöglich seinem König widersetzen. Dieser befahl ihm, den Brief zu holen, den ihm der Ritter damals überreicht hatte. Der Bauer gehorchte, verließ die Stube und kam nach einigen Minuten mit dem Brief zurück, den er Aldan überreichte, der auf Geheiß des Königs laut vorlas:

»In den letzten Tagen ist mir mehrmals eine Lichtgestalt erschienen. Zunächst dachte ich, es sei nur ein Traum. Doch ich begegnete ihr an allen möglichen Orten. Sie strahlte Wärme und Güte aus und schien mich vor etwas warnen zu wollen. Gestern ist sie mir im Pferdestall erschienen und sprach zu mir: ›Yreiginnei, die deine Zuneigung einst nicht gewinnen konnte, sinnt auf Rache. Die Dunkle Magierin wünscht deiner Frau und deiner Tochter Verderben und Tod. Du darfst keine Zeit verlieren. Bringe beide, getrennt voneinander, in Sicherheit. Zu ihrem Schutz soll niemand – auch du nicht – wissen, wo sie sind. Wenn deine Liebe stark genug ist, wirst du beide wiedersehen. Der Weg deiner Tochter wird beschwerlich sein. Doch ihr Herz ist stark und sie wird mit jedem Tag mutiger werden. Wenn die Zeit gekommen ist, wird ein falbenes Pferd sie zu Königen tragen. Sie wird auserwählt werden und lernen zu dienen, um schließlich mit Bedacht selbst zu wählen und an der Seite eines wahren Königs ein freies Volk zu führen.‹

Wir haben unser Mädchen Evangelina getauft. Das bedeutet ›Frohe Botschaft‹. Möge es Freude in Euer Leben bringen. Ich bitte Euch inständig, gut für es zu sorgen und es zu behüten und zu beschützen wie Euer eigenes Kind. Es zerreißt mir das Herz, dass ich diese väterliche Pflicht nicht selbst übernehmen kann. Ich werde versuchen, die Dunkle Magierin zu finden und unschädlich zu machen. Sobald mir dies gelungen ist, werde ich meine Tochter wieder zu mir nehmen. Seid versichert, dass ich Euch für Eure Hilfe reich entlohnen werde.«

Nach kurzem Schweigen sprach der König, der selbst noch keine Kinder hatte, obwohl er bereits Ende 30 war, bedächtig: »Mach dir keine Sorgen, Bauer. Solange Evangelina mir dient, steht sie unter meiner Obhut. Und wer könnte ein Mädchen besser behüten und beschützen als ein König, der über eine ganze Armee verfügt?«

So willigte der Bauer schließlich ein und rief Evangelina sowie seine Frau und seine leiblichen Kinder zu sich. Jetzt, da er Evangelina bei Tageslicht erblickte, sah der König, dass sie keineswegs mehr ein Mädchen, sondern bereits eine junge Frau war. Ihr rötliches Haar und ihre noble Blässe zeugten von adliger Herkunft.

Der König ergriff das Wort: »Heute ist ein besonderer Tag. Evangelina wurde von mir ausgewählt, um mir für die Zeit meines Aufenthaltes hier im Dorf zu dienen. Sollte sie sich geschickt anstellen und als würdig erweisen, so wird ihr die Ehre zuteil, mir bis in alle Ewigkeit dienen zu dürfen. Sie wird mit mir auf mein Schloss kommen und mich fortan überall hin begleiten.«

Der Bauer, seine Frau, seine beiden leiblichen Töchter und seine drei Söhne standen wie versteinert da. Keiner von ihnen wollte, dass Evangelina sie verlässt. Ebenso getraute sich keiner zu protestieren, wohl wissend, dass es zwecklos wäre und den König nur unnötig erzürnen würde.

Evangelina jedoch fügte sich nicht widerstandslos in ihr Schicksal. »Mein Platz ist hier bei meiner Familie. Dies ist meine vertraute Umgebung und mein Zuhause. Ich kann sie nicht einfach verlassen. Sie brauchen mich. Ich muss meine Geschwister unterrichten und mich um die Tiere kümmern.«

»Du weißt, dass du nicht das leibliche Kind dieser Familie bist. Außerdem ist es in deinem Alter ohnehin an der Zeit, sich abzunabeln und eine eigene Familie zu gründen oder aber einem Herrn zu dienen. Im Übrigen ist es sehr ungehörig, deinem König zu widersprechen. Derartiges Verhalten wird ab sofort bestraft. Die Regeln, die du von nun an zu befolgen hast, wirst du in Kürze kennenlernen.«

Evangelina gab jedoch nicht auf: »Das ist die einzige Familie, die ich habe. Sie waren immer gut zu mir, obwohl ich anders bin als alle anderen hier im Dorf. Ich flehe Euch an, wählt doch bitte ein anderes Mädchen aus, das Eurer würdig ist. Ich werde ganz sicher keine gute Dienerin sein. Es gibt viele Mädchen, die sich dies so sehr wünschen. Ich bin völlig ungeeignet, um einem König zu dienen. Ich kann noch nicht einmal eine vernünftige Mahlzeit zubereiten. Dies hat mich nie interessiert und meine Familie hat nie darauf bestanden, dass ich es lerne. Stattdessen habe ich lieber Bücher und fremde Sprachen studiert und mein Leben den Tieren gewidmet. Von ihnen kann ich so viel lernen und sie können mir so viel geben. Ebenso wie ich ihnen. Ich bin ein Bauernmädchen und gehöre nicht in ein Schloss. Einen König werde ich bestimmt niemals zufrieden stellen können.«

Der König schien ein wenig amüsiert über ihre Widerworte. »Na das geht ja gut los mit dir. Wenn du nicht sofort aufhörst zu lamentieren, erhältst du deine erste Strafe noch hier vor den Augen deiner Familie. Wie ich sehe, wird es allerhöchste Zeit, dass du eine ordentliche Erziehung genießt. Du wirst nicht nur kochen lernen, sondern auch Dinge, die sich noch jenseits deines Vorstellungsvermögens befinden. Mit jedem Tag wirst du es mehr wollen und es wird dich mit Freude und Stolz erfüllen, deinem König dienen zu dürfen und alle seine Anweisungen zu befolgen. Dies ist deine Bestimmung. Du hast lange genug auf dem Bauernhof gelebt. Es wird Zeit herauszufinden, wer du wirklich bist. Du hast mich ab sofort mit ›Eure Hoheit‹ anzusprechen. Stelle niemals meine Entscheidungen in Frage. Und nun pack deine Sachen zusammen. Ein Sack Gepäck muss reichen. Also überlege dir gut, was du mitnehmen möchtest. Wir reiten in 15 Minuten los.«

Evangelina blieb nichts anderes übrig als zu gehorchen. Sie entschied sich für ein paar Kleidungsstücke, einige Bücher sowie wenige persönliche Gegenstände.

Leni, das älteste Mädchen der Familie, half ihr beim Packen und verabschiedete sich mit den Worten: »Das wirst du schon schaffen. Sei nicht traurig. Ich wünschte, ich wäre an deiner Stelle. Aber ich bin tatsächlich nur ein Bauernmädchen. Du bist zu Höherem bestimmt. Wenn du ein vornehmes Leben auf dem Schloss führst, vergiss uns nicht. Vielleicht können wir dich besuchen oder du kannst uns sogar eine Arbeit bei Hofe besorgen.«

Als Evangelina nach draußen kam, hatte sich die ganze Familie trotz der eisigen Kälte dort versammelt. »Stelle dich geschickt an, damit wir stolz auf dich sein können. Du hast ein besseres Leben verdient als das, was wir dir hier bieten können«, sprach ihr Ziehvater und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.

»Ich werde niemals vergessen, was ihr für mich getan habt«, sagte Evangelina voller Dankbarkeit und stieg auf das Pferd, das für sie bereit stand. Sie drehte sich noch einmal um und winkte, bevor sie den Hof verließen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Yeduri, der schwarz-braune Halbwolf, von der Anhöhe hinter dem Gehöft aus das Geschehen beobachtete.

KAPITEL 2

In der Herberge wies Aldan ihr die Kammer neben dem Gemach des Königs zu. Die beiden Räume waren durch eine Tür verbunden, sodass man nicht über den Flur gehen musste, um in den jeweils anderen Raum zu gelangen. Die Tür war geschlossen.

»Hier ist bis auf Weiteres dein Platz. Du hast dem König jederzeit zur Verfügung zu stehen. Als Erstes wirst du ein Bad nehmen, deine Haare zurecht machen und die für dich bereit gelegte Kleidung und Schuhe anziehen. Nimm dir so viel Zeit wie du brauchst. Dein Anblick soll ein Genuss für den König sein. Wenn du fertig bist, klopfst du an diese Tür und wartest auf Antwort.«

Evangelina tat wie ihr geheißen. Sie stieg in das warme, nach Lavendel duftende Wasser und massierte sanft mit dem Badeschwamm ihre zarte, porzellanfarbene Haut. Während sich ihr Blick im aufsteigenden Dampf des Badewassers verlor, schweiften ihre Gedanken umher.

»Warum hat der König ausgerechnet mich ausgewählt? Das macht gar keinen Sinn. Ich habe nie gelernt zu dienen. Jedes andere Mädchen kann dies besser als ich. Er wird keine Freude an mir haben. – Vielleicht weiß er aber mehr als ich. Womöglich kennt er sogar meine richtige Familie. Ob es doch meine Bestimmung ist, mein bäuerliches Leben hinter mir zu lassen und in vornehmen Kreisen zu verkehren?«

Sie konnte es selbst nicht verstehen. Er riss sie einfach gegen ihren Willen aus ihrem vertrauten Leben – und doch fühlte sie sich auf sonderbare Weise zu ihm hingezogen. Er erweckte eine tiefe Sehnsucht in ihr, die sie selbst längst verdrängt und vergessen hatte, wieder zum Leben. Ja, sie verspürte tatsächlich den Wunsch, diesen Mann zu erfreuen und ihm zu dienen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie bereit, sich um einen Mann zu bemühen. Es gab zwar einige Männer aller Altersklassen, auch gut aussehende und gut gestellte, die um ihre Gunst buhlten, jedoch langweilten diese sie nur. Sie hatte sich bereits damit abgefunden, dass es wohl keinem Mann gelingen werde, ihr Herz zu berühren. Doch nun war plötzlich alles anders. Er war anders. Nicht verwunderlich, denn schließlich war er der König. Und doch ist auch ein König am Ende des Tages nur ein Mensch und ein Mann. Sie ließ nochmals ihre erste Begegnung vom Vorabend Revue passieren. Es war sein fokussierter Blick, der sie in die Knie gehen ließ. Jedes Mal, wenn sie seine extrem dunkle Stimme hörte, bekam sie Gänsehaut. Selbst wenn er das Gewand eines Bettlers getragen hätte, so hätte sie sich seiner starken Präsenz nicht entziehen können.

Langsam wurde das Wasser kalt. Evangelina stieg aus der Wanne. Sorgsam bürstete sie ihr halblanges, feines Haar. Normalerweise hatte sie dieses zusammengebunden. Sie entschloss sich jedoch, es künftig offen zu tragen, da dies dem König vermutlich besser gefallen würde. Evangelina schlüpfte in das bereit gelegte bordeauxfarbene Gewand, welches aus zartem Samt war, und zog die dazu passenden Schuhe an. Diese hatten einen hohen Absatz und waren schmal geschnitten. Sie trug solche Schuhe zum ersten Mal. Auf dem Land hatte niemand derartige Schuhe, denn darin konnte man unmöglich seine täglichen Arbeiten verrichten. Sie hatte Mühe, ihr Gleichgewicht zu finden, und ging eine Weile im Zimmer hin und her, bis ihr Gang etwas stabiler wurde. Schließlich klopfte sie mit bis zum Hals pochendem Herzen an die Tür.

»Tritt ein!«, befahl der König, der sie bereits erwartete.

Langsam öffnete Evangelina die Tür.

»Nicht so zaghaft, präsentiere dich deinem König, mein devotes Mädchen!«

Mit unbeholfenen, kleinen Schritten und etwas verunsichert kam sie näher. Es war offensichtlich, dass sie noch nie zuvor solche Schuhe getragen und nicht zu dienen gelernt hatte.

»Es wird nicht lange dauern, bis du dich wie eine Edeldame in diesen Schuhen bewegen wirst. Je eleganter und geschmeidiger deine Bewegungen werden, desto mehr wird mich dein Anblick entzücken. Dieses Kleid betont deine schmale Taille und deine Hüften. Ich wusste, dass es dir perfekt passen würde. Ich habe es selbst für dich ausgewählt ebenso wie die Schuhe, die deine Weiblichkeit noch stärker unterstreichen. Du wirst beides bald voller Stolz tragen und es genießen, mich damit zu erfreuen.«

Evangelina lächelte den König etwas verlegen an. »Ich hoffe, Ihr habt Recht, Eure Hoheit.«

»Natürlich habe ich Recht. Und habe ich dir nicht bereits gesagt, dass du mich niemals anzweifeln sollst? Nun serviere mir das Abendessen und schenke mir einen Becher Wein ein. Zeige mir, dass du eine gute Schülerin bist und dass du lernen möchtest, mir angemessen zu dienen.«

Evangelina gehorchte und schon nach wenigen Minuten wurde sie sicherer in ihrem Tun. Der König, der schon längere Zeit nicht mehr bei einem Weib gelegen hatte, weil er all seine körperliche und geistige Kraft in der Schlacht gebraucht hatte, beobachtete jede ihrer Bewegungen und fand zunehmend Gefallen daran.

»Setz dich zu mir und speise mit mir gemeinsam. Ich werde dir erklären, was ab sofort deine Aufgaben und Pflichten sind, wie du dich zu verhalten hast und was ich von dir erwarte. Da du offensichtlich völlig unerfahren bist, wird es wohl eine lange Nacht werden.«

Sein Blick deutete auf den Stuhl direkt neben ihm und sie folgte unverzüglich seiner Aufforderung.

»Du bist von nun an die devote Schülerin deines Königs. Du hast mir immer Gehorsam zu leisten und alle deine Aufgaben und Pflichten mit Respekt, Hingabe und Demut zu erledigen. Dein oberstes Ziel soll es sein, deinen König zufrieden zu stellen und zu erfreuen. Du wirst mir nicht nur im Alltag dienen, sondern von mir auch in die Welt der Lust und Leidenschaft eingeführt werden. Solltest du dich geschickt anstellen, dich als würdig erweisen und mir ein liebevolles, demütiges, hingabevolles und leidenschaftliches Lustweib sein, so kannst du es dir verdienen, die Königin an meiner Seite zu werden. Ich werde dich lehren, im Bett eine Hure und in der Öffentlichkeit eine Dame zu sein.«

Evangelina wusste nicht wie ihr geschah. »Ich kann es mir verdienen, die Königin an der Seite eines Königs zu werden? Das ist unmöglich. Ein König wählt immer eine Adlige zur Frau.«

Er schüttelte mit strengem Blick den Kopf. »Du bist wirklich völlig unerzogen und vorlaut. Wie kannst du es wagen, mir zu sagen, was möglich ist und was nicht? Wenn du dich nicht sofort mäßigst, bekommst du gleich zehn Hiebe mit dem Nietengürtel und kniest anschließend eine Stunde lang nackt in der Ecke. Wie es scheint, wirst du dir diese Strafe ziemlich oft verdienen wollen. Ich bin der König und ich entscheide, wen ich wähle. Es kann nur eine Frau sein, die mit unendlicher Tiefe mein Herz zu berühren vermag. Dabei ist es völlig egal, wessen Tochter sie ist. Ich erkenne eine solche Frau auf den ersten Blick, denn ich kann sie fühlen ebenso wie sie mich fühlen kann. Als sich unsere Blicke gestern Abend zum ersten Mal trafen, hatte ich nach langen Jahren der Einsamkeit wieder dieses Gefühl, und ich weiß, dass auch ich in dir ein Gefühl ausgelöst habe, das du bisher nicht kanntest. Wir sind uns nicht zufällig begegnet. Es ist deine Bestimmung, mir zu dienen, von mir zu lernen, von mir erzogen und ausgebildet zu werden, auf dass du eines Tages eine würdige Königin an meiner Seite sein wirst. Im Übrigen sieht jeder Blinde, dass du nicht die Tochter eines Bauern bist. Du selbst würdest es auch dann wissen und fühlen, wenn deine Ziehfamilie es dir nicht gesagt hätte. Nun berichte mir, hattest du schon Männer und was haben sie dich gelehrt?«

Evangelina schluckte. »Ich bin nicht ganz unbedarft, denn ich hatte schon ein paar Männer. Gelehrt haben sie mich jedoch nicht viel. Sie haben mich eher gelangweilt, sowohl im Alltag als auch in der Intimität. Meist habe ich schnell das Interesse verloren und mich lieber wieder den Tieren und meinen Studien zugewandt.«

Der König musste lächeln. »Offensichtlich waren die Männer, denen du bisher begegnet bist, selbst noch völlig unerfahren in der Welt der Lust und Leidenschaft. Das gemeine Volk hat ohnehin keinen Sinn und kein Gespür für das Spiel von Dominanz und Unterwerfung. Dieses Spiel in vollendeter Form wird es sein. Ich werde dich dominieren, fesseln und führen – mit Worten, Taten und Gefühlen. Deine Demut und Hingabe sollen voller Zuneigung aus dir erblühen. Du sollst Lustschmerz, Tiefe und unendliche Leidenschaft erleben dürfen. Solltest du ungehorsam sein, so wirst du bestraft. Diese Strafen sind notwendig zu deiner Erziehung. Sie werden außerdem deine Lust und Leidenschaft weiter fördern, denn du wirst fühlen und wissen, dass ich dich immer wieder annehmen und dir Wärme und Zuneigung schenken werde. Ich werde dich aus der Dunkelheit ins Licht führen, auf dass die zarte Knospe, die du in dir trägst, zu einer wunderschönen Rose erblüht.«

Evangelina war sprachlos. All diese Versprechungen klangen zu schön, um wahr zu sein. Sie zweifelte noch immer. Warum in aller Welt sollte der König gerade ihr all das schenken wollen?

»Es ist mir bewusst, dass das alles neu und verwirrend für dich ist. Die meisten Menschen haben im Alltagstrott verlernt zu fühlen. Wir alle tragen diese Gabe in uns. Wir müssen uns nur selbst erlauben, uns darauf einzulassen. Du fühlst, dass ich dein tiefstes Inneres berühren kann. Es ist dir klar geworden, dass du dein Herz bisher nie wirklich für jemanden geöffnet hast. Du merkst, dass ich Einfluss auf deine Gefühle habe, und fürchtest, die Kontrolle zu verlieren. Genau das wirst du auch. Bisher hast du immer versucht, alles zu kontrollieren, sogar deine eigenen Gefühle. Nun wirst du damit aufhören, deine Gefühle zu kontrollieren, damit sich dein Herz ganz für mich öffnen kann. Diesen Zustand des Kontrollverlustes kennst du nicht und das macht dir Angst. Das gehört dazu und erhält die Spannung. Es ist Teil der Magie zwischen uns. Ich weiß, was ich von dir verlange, und bin mir meiner großen Verantwortung bewusst. Du kannst dir sicher sein, dass ich dich nie liegen lassen werde. Ich werde niemals willkürlich handeln, sondern immer auf dein Herz aufpassen. Mit jedem Tag wird es sich besser und vertrauter für dich anfühlen und bald wirst du nicht mehr in dein altes Leben zurück wollen. Du wirst keine Gefühle mehr unterdrücken wollen. Du wirst es genießen, sie ausleben zu dürfen und in bisher unbekannte Tiefen abzutauchen, ohne dafür verurteilt zu werden. Du wirst anfangs viele Fragen haben und diese auch stellen dürfen. Aber für heute ist es genug. Es ist schon spät. Nun verabschiede dich angemessen in die Nacht.«

Während sie seinen Blick erwiderte, in dem sie am liebsten bis ans Ende aller Tage versunken wäre, versuchte Evangelina die passenden Worte zu finden: »Ich wünsche Eurer Hoheit eine geruhsame Nacht und schöne Träume.«

Sein Blick signalisierte ihr, dass sie sich nun in ihre Kammer zurückzuziehen habe. »Morgen wirst du als Erstes lernen wie du dich künftig zu artikulieren hast. Ich muss dir zuerst einiges beibringen, bevor ich dich mitnehmen kann in die Welt der Lust und Leidenschaft. Ansonsten werde ich keine Freude an dir haben. Du bist noch nicht so weit, aber ich weiß, dass du all das, was ich von dir erwarte, in dir trägst, und werde es von nun an schrittweise fördern und ans Licht bringen. Schlaf gut, mein kleines devotes Mädchen!«

In ihrer Kammer setzte sich Evangelina auf den Stuhl und schaute eine Zeit lang in den Spiegel. Wer war die Frau, die sie dort sah? Sie kam ihr irgendwie bekannt vor und sie gefiel ihr. Aber konnte das tatsächlich sie selbst sein? Alles war so unwirklich. Gestern noch war sie die Tochter eines Bauern und von heute an sollte sie Dienerin und Lustweib eines Königs sein? Dennoch gefiel ihr der Gedanke, denn sie fühlte sich stark zu diesem Mann hingezogen, wenngleich er ihr auch ein wenig Angst machte. Langsam zog sie ihre Schuhe und ihr Gewand aus und schlüpfte in das seidene Nachthemd, welches auf ihrem Bett lag. Abermals betrachtete sie sich im Spiegel. Sie strich über den feinen Stoff und die Vorstellung, es sei die Hand des Königs, die sie berührt, ließ ihre Nippel hart werden. Am liebsten hätte sie noch einmal an der Tür zu seinem Gemach geklopft. Stattdessen legte sie sich ins Bett und versuchte, die vielen Gedanken, die ihr durch den Kopf schossen, zu ordnen. Erst tief in der Nacht fand sie endlich Schlaf.

KAPITEL 3

A