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Märchen handeln normalerweise von Gut und Böse, von Pflichten und Verboten, von Helden und Scharlatanen. Ihr Ende ist meist vorhersehbar, was sie wenig unterhaltsam macht. Die Businessfrauenmärchen von Marion Alexa Müller hingegen sind unkonventionell und erhellend. Die Chefin des Periplaneta Verlags strickt Episoden, die irgendwo zwischen moderner Fabel, Fantasy und zeitkritischer Erzählung liegen, die Lachen und Weinen machen, schockieren und faszinieren können. In wundersamen Gleichnissen umreißt Marion Alexa Müller gesellschaftliche Phänomene. Sie erzählt von aufbegehrenden und scheiternden Menschen, von schrägen Vögeln und einsamen Kuscheltieren, von ungeliebten Frauen und von einem diabolischen Telefonschlumpf.
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Seitenzahl: 78
Veröffentlichungsjahr: 2012
Marion Alexa Müller „Evasapfel“
Businessfrauenmärchen
© Periplaneta - Verlag und Mediengruppe, Edition Periplaneta, Mai 2010 Inh. Marion Alexa Müller, Postfach: 580 664, 10415 Berlin www.periplaneta.com - [email protected] Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, mechanische, elektronische oder fotografische Vervielfältigung, eine kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
E-Book-Version: 1.5
Der Printausgabe liegt eine CD bei, die auch als MP3 Download zu erwerben ist.
Covergestaltung: Thomas Manegold
Covermodel, Texte, Fotos und Grafiken: Marion Alexa Müller
Coverfoto: Erik Staub
Satz und Konvertierung: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-940767-50-9
epub ISBN: 978-3-943-876-11-6
WWW.PERIPLANETA.COM
Marion Alexa Müller
Businessfrauenmärchen
periplaneta
Jeder will etwas aus dir machen. Die Kindergärtnerin will, dass du ein liebes Mädchen bist, das auch mal die anderen schaukeln lässt, die Eltern wollen, dass du irgendwann einen sicheren Job hast und einen Mann heiratest, der Geld hat und die selben Hobbys wie dein Vater, die Kirche will dich zu einem demütigen Gläubigen machen, dein Professor zu einem fügsamen Schein-Gläubigen, die Werbung zu einem hörigen Konsumenten, die Pharmaindustrie zu einem potentiellen Kranken und die Wohlfahrtsvereine zu einem mitleidigen Geldspender.
Du wirst dein Leben lang von Erwartungen anderer Menschen geprägt, von Organisationen, von Systemen und der Gesellschaft. Sicher wollen einige nur dein Bestes, aber keiner will, dass du der bist, der du bist. Das nützt niemandem und es könnte für die anderen unbequem werden.
Keiner hat ein Interesse, dass du ihre Vorstellungen und Vorgaben kritisch hinterfragst. Zudem ist das sehr schwierig, weil dir meistens die Distanz fehlt und du es auch gar nicht anders kennst.
Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Garten Eden, von dem Eva den Apfel pflückte, wurde schon oft zu einem unüberwindbaren Bretterzaun verarbeitet. Ich will die Welt nicht in Gut und Böse aufteilen, ich will die Zusammenhänge erkennen. Das hat auch weniger etwas mit Selbstfindung als mit Selbstformung zu tun. Ich weiß schließlich, wo ich bin und ein orientierungsloser Mensch kann sich nicht mit seiner Umwelt auseinandersetzen, weil die Grenzen zu ihm und seiner Umgebung verschwimmen.
Mein großes Lebensziel ist weder reich und berühmt zu werden, noch mich mit ausgefahrenen Ellenbogen an die Spitze der Machtpyramide zu kämpfen. Ich will mich zu dem machen, was ich bin, mich selbst Stück für Stück freilegen, unterscheiden lernen, welche Verhaltensmustern und Denk-Schemata von mir sind und welche ich als gegeben hingenommen habe und immer noch hinnehme.
Sich zu sich selbst zu machen ist ein kreativer Akt, bei dem ich Schöpfer, Werk und Kritiker zugleich sein kann. Manchmal schmecken mir meine Erkenntnisse überhaupt nicht, aber ich beiße auch gern mal in einen sauren Apfel.
Sauer macht schließlich glücklich.
Marion Alexa Müller
Die schönsten Träume von Freiheit werden ja im Kerker geträumt. (Schiller)
„Solange du deine Füße...“Und so weiter und sofort. Phillip konnte es nicht mehr hören. Ständig diese Vorhaltungen, Erwartungen und diese Diskussionen.
Natürlich sollte man irgendwann flügge werden, das Nest der Eltern verlassen, aber was sie da von ihm verlangten, war einfach unmöglich.
„Weißt du, mit ein bisschen gutem Willen geht alles. Aber ich seh schon: Du willst einfach nicht. Du bist zu faul. Nach all der Zeit, die ich in dich investiert habe, willst du es mir einfach nicht danken. Und du isst viel zu viel. Schau dich doch mal an, du hast eine wirklich unmögliche Figur!“
Phillip schaute seinen Vater von oben herab an. Er war nicht faul. Er war auch nicht dumm. Und er fühlte sich ungerecht behandelt. Er sollte fliegen! Fliegen! Weil alle Vögel fliegen. Weil sie fliegen müssen, wenn eine Katze kommt, oder ein Fuchs oder eine Elster.
Sein Vater betete es ihm immer und immer wieder vor: Gerade hinstellen, Flügel ausbreiten, flattern und sich vom Boden abstoßen. Fliegen.
Tage-, ja wochenlang hatten sie geübt, seine Brüder und Schwestern waren schon längst weg, da riss Papa der Geduldsfaden:
„Stell dich nicht so an! Du bist so groß wie du blöd bist. Seit Generationen fliegen wir Lerchen, das ist einfach so und wird auch immer so bleiben. Nur du, du kannst weder fliegen noch singen. Du bist wirklich eine Schande für jede Lerche.“
Für Phillip war es eindeutig: Er war anders als sein Vater, anders als all die anderen Vögel. Aber er wollte doch so sein, wie alle anderen, durch die Luft fliegen und sich die Welt von oben betrachten. Na gut, er versuchte es noch einmal: Gerade hinstellen, Flügel ausbreiten, flattern und sich vom Boden abstoßen.
Er hüpfte, schlug wild und recht unkoordiniert mit den Flügeln, zog die langen Beine an und hielt sich tatsächlich ein paar Sekundenbruchteile in der Luft.
FOMP!
Der Boden bebte geradezu, als Phillip wieder aufklatschte und dabei fast seinen eigenen Vater zerquetschte.
„Ich kann nicht!“
„Nein, Phillip, du willst nicht.“
Sein Vater wandte sich enttäuscht ab und flog davon.
Am Anfang war sein Vater noch sehr stolz darauf, dass seine Gattin ein derart großes Ei gelegt hatte. Er führte es natürlich auf seine unglaubliche Potenz zurück, plusterte sich bis zum Bersten auf und schmetterte ein Lied, dass alle es hörten. Seine Frau stand nur neben dem Nest und wunderte sich still. Nein, dieses Ei hatte sie wirklich nicht gelegt. Da wäre sie ja dabei geplatzt. Aber nachdem es nicht das Ei eines Kuckucks war (hier kannte sie sich aus) und sie die anderen kleineren Eier dementsprechend nicht gefährdet sah, schwieg sie. Sie vermied dadurch nur unangenehme Fragen und haltlose Unterstellungen ihres Gatten und schließlich wollte sie ihn nach diesem musikalischen Auftritt nicht vor allen anderen bloßstellen. Auch später verlor sie nie ein Wort über ihre Zweifel und letzen Endes war es ja auch egal, denn Phillip war schließlich ein ganz entzückendes Kücken gewesen, mit seinen großen Augen und den langen Wimpern.
Phillip schaute seinem davongeflogenen Vater hinterher und in diesem Moment beschloss er, wegzugehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht würde er ja noch andere Lerchen finden, die auch nicht fliegen könnten. So lief er los, durch die Weiten Mecklenburg-Vorpommerns.
Nach ein paar Tagen und nachdem er schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, passierte das Unglaubliche: Hinter einem großen Zaun sah er in einiger Entfernung andere Lerchen, die genauso groß waren wie er, die diese langen Beine und langen Hälse hatten und einfach nur über die Wiese staksten. Ohne zu singen. Er konnte es kaum fassen. Da wollte er hin.
Er musste lange suchen und schließlich fand er eine Stelle am Zaun, die nicht so hoch war. Er brachte sich in Position, schloss die langbewimperten Augen und konzentrierte sich: Gerade hinstellen, Flügel ausbreiten, flattern und sich vom Boden abstoßen.
FOMP!
Er hatte es geschafft. Er war auf der anderen Seite.
War also das wochenlange Training mit seinem Vater doch nicht umsonst gewesen.
Freudig lief er auf die anderen Lerchen zu, die, wie er kurz darauf lernte, gar keine Lerchen waren. Er war ein Nandu und endlich unter seinesgleichen.
Ein paar Wochen später lag Phillip als Nandu-Steak auf einem Teller.
Die Worte,
aufs Papier geschrieen,
verbrannten rauchend wie mein Herz.
Doch Gott lehnte das Brandopfer ab.
Und nur das Haar meines Schutzengels fing Feuer.
In grauen Schwaden winden sich namenlose Gestalten.
Übrig bleiben nur die Märchen
im Rauch einer Zigarette
und mein Lächeln um den Weg,
den der Rauch nach oben schwebt,
nur meine Worte nicht.
Es ist ein Gerücht, dass Sirenen auf junge und potente Männer stehen.
Ich bin ein Tiger. Noch vor kurzem fuhr ich schmutzig und gar nicht mehr liebenswert durch die Stadt. Bei Wind und Wetter. Ich habe all den Unrat der Menschen gesehen, in bunten Plastikfarben und in schwarz-braunem Gammel, Müll in allen Varianten: Gelbe Säcke, blaue Säcke und vierfarbig bedruckte vollgestopfte Supermarkttüten, als hätte deren ehemaliger Besitzer gerade auf der Deponie eingekauft.
Die durchsichtigen Beutel waren immer die spannendsten, denn die Konturen von dem, was da prall gegen die alles umschließende Folie gedrückt wurde, regte immer meine Phantasie an.
Zwischen all den Plastikbechern, Essensresten und Pilz-kulturen sah ich so oft traurige Knopfaugen nach draußen blicken - ich wusste was sie erwartete.
In den durchsichtigen Müllsäcken sah man auch, wie sich das braune Wasser der Zersetzung unten sammelte. Manchmal tropfte diese Brühe an einem kleinen Loch hinaus und legte eine Fährte für die Gefolgschaft der Fliegen, ganz, als wolle der Müll nicht allein bleiben.
Immer wenn sich die Schleusen öffneten, umgab mich ein leicht süßlicher Gestank, derselbe, der auch von dem örtlichen Schlachthof ausströmt. Altes Blut, das beißende Aroma von schimmligen Zitrusfrüchten und etwas Erdiges mischte sich mit einem gährend-alkoholischen Geruch. Aber das machte mir nichts aus.
Mir ging es dort gut. Mein Fell war zwar matt und ein Ohr fast abgerissen. Und trotzdem: In Würde ertrug ich mein Schicksal. Mit weit gebreiteten Armen fuhr ich an all den weggeworfenen Träumen der Menschen vorbei, gekreuzigt am Kühler eines Wagens der städtischen Müllabfuhr.
Der Fahrer hatte mich vor ein paar Jahren auf der Tonne gefunden und Mitleid mit meinen traurigen, schwarzen Knopfaugen gehabt.
Damals, ja, da war ich noch schön. Meine dunkelbraunen Streifen glänzten prächtig, mein Bauchfell war blütenweiß und meine Schnurrhaare zitterten ungeknickt im Wind.
Und dann band er mich mit Draht an den dreckig grauen Grill seines orangen Müllautos. Das war der einzige Kompromiss den er zwischen einem Stofftier und seiner Männlichkeit schließen konnte.
