Everflame - Feuerprobe - Josephine Angelini - E-Book + Hörbuch
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Beschreibung

Liebe schmerzt. Welten kollidieren. Feuer tötet. Feuerrote Locken, unglücklich verliebt und so ziemlich gegen alles allergisch, was es gibt: Lily Proctor ist 17 und die Außenseiterin an der Highschool von Salem. Lily wünscht sich nichts mehr, als von hier zu verschwinden - und findet sich in einem furchterregenden anderen Salem wieder, in dem mächtige Frauen herrschen. Die stärkste und grausamste dieser "Crucible" ist Lillian - und Lily wie aus dem Gesicht geschnitten. Sind Lilys Allergien und Fieberschübe tatsächlich magische Kräfte und ist sie selbst eine Hexe? In einem Strudel aus gefährlichen Machtkämpfen und innerer Zerrissenheit, begegnet Lily sich selbst - und einer unerwarteten Liebe. Ein mitreißender Pageturner mit starken Gefühlen: schicksalhafte Entscheidungen, Magie, Spannung und Liebe mit einer Heldin zwischen zwei Männern, zwei Welten und zwei Identitäten.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:573

Beliebtheit


1

Schon auf dem Weg zur Mädchentoilette raffte Lily Proctor ihre widerspenstigen Haare zusammen. Mit tränenverschleierten Augen steuerte sie eine der Toiletten an und übergab sich, bis ihr Magen leer war und sie am ganzen Körper zitterte.

Lily hatte schon den ganzen Tag schlimme Beschwerden gehabt, aber eher wäre sie nackt durch die Schule gerannt, als sich nach Hause schicken zu lassen. Tristan würde sie am Abend ganz bestimmt nicht zur Party mitnehmen, wenn er erfuhr, dass sie wieder einen ihrer Monster-Anfälle hatte, und Lily durfte diese Party auf keinen Fall verpassen. Nicht jetzt. Nicht, nachdem sich die Dinge zwischen ihnen beiden gerade erst auf so wundervolle Weise geändert hatten.

Tristan Corey war schon sein ganzes Leben lang Lilys bester Freund. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten Zeltstädte aus der frisch gewaschenen Bettwäsche seiner Mutter und Raumstationen aus Sofakissen gebaut. Natürlich wusste Lily, dass die meisten Sandkastenfreundschaften irgendwann in die Brüche gingen. Manche Kids fanden heraus, wie man cool war, während andere die gesamte Highschoolzeit als triefnasige Freaks verbrachten. Aber eines musste man Tristan lassen, egal, wie beliebt er im Laufe der Jahre wurde oder wie sehr die anderen Lily wegen ihrer immer schlimmer werdenden Allergien und der peinlichen Gerüchte über ihre Mutter mieden: Er blieb ihrem Kleinfingerschwur treu, dass sie ein Leben lang beste Freunde sein würden. Er versuchte auch nie zu verbergen, wie nah sie sich standen, oder so zu tun, als wäre Lily ihm gleichgültig, nur weil die anderen Kids sie für seltsam hielten. Der einzige Grund, wieso er sie nie auf Partys mitnahm, war die Tatsache, dass dort viele rauchten, und damit wurde Lilys Lunge nicht fertig.

Zumindest sagte Tristan, dass es so wäre. Doch da Lily noch auf keiner dieser Partys gewesen war, konnte sie es nicht widerlegen. Allerdings hatte sie den leisen Verdacht, dass Tristan sie nicht mitnahm, weil er sich lieber mit irgendeinem Mädchen amüsieren wollte. Oder mit mehreren Mädchen.

In ihrer Abschlussklasse wussten alle, dass Tristan der heißeste Typ in Salem, Massachusetts, war. In seinem ersten Highschooljahr war er nach den Sommerferien dreißig Zentimeter größer aus dem Baseballcamp gekommen, und als er dann noch ein Date mit einer Schülerin der Abschlussklasse klargemacht hatte, wurde er endgültig zur Legende. Seitdem reichten ihn die Mädchen – und Frauen – von Salem herum wie ein Tablett in der Schulkantine. Lilys Pech war nur, dass sie schon in Tristan verliebt war, seit sie wusste, dass es einen Unterschied zwischen Jungs und Mädchen gibt – und das war lange bevor er mit der Testosteronrakete Kurs auf die Männlichkeit nahm. Und sie hatte darunter schwer zu leiden.

Jahrelang hatte Lily so getan, als wäre es okay für sie, nur eine Art bester Kumpel für ihn zu sein. Sie hatten alltägliche Dinge zusammen gemacht – Fahrstunden nehmen, shoppen gehen, lernen –, bis dann unweigerlich irgendein Mädchen anrief und er verschwand. Lily hatte ihm nie gestanden, wie es sie jedes Mal fertigmachte, seine erwartungsvoll geröteten Wangen oder das gierige Funkeln in seinen blauen Augen zu sehen, wenn er sie zum Abschied kurz und beiläufig drückte und dann losdüste, um sich mit seiner neuesten Eroberung zu treffen. Tristan hatte sie nie auf diese Weise angesehen. Und während sie über der Toilette hing und würgte, musste Lily zugeben, dass sie gut verstehen konnte, wieso es so lange gedauert hatte, bis er sie endlich geküsst hatte.

Es war vollkommen unerwartet passiert. Sie hatten zusammen ferngesehen und Lily war auf seinem Bein eingeschlafen, wie schon tausendmal zuvor. Als sie die Augen wieder aufschlug, starrte er irgendwie verblüfft auf sie herab. Und dann küsste er sie.

Das war vor drei Tagen gewesen. Lily fing auch jetzt noch an zu zittern, wenn sie nur daran dachte. Einen Moment lang hatte sie geschlafen, und im nächsten Moment war Tristan über ihr – küsste sie, streichelte sie und schmiegte sich an sie. Dann hatte er sich plötzlich zurückgezogen und gesagt, dass es ihm leidtäte. Aber Lily tat es kein bisschen leid, und sie wollte auch nicht, dass er sich dafür schämte.

Sie hatten kein Wort darüber verloren, aber am nächsten Morgen hatte er in der Schule ihre Hand gehalten. Er hatte ihr vor dem Training sogar vor den Augen seiner Mannschaftskameraden ein Küsschen gegeben. Lily hatte noch nie einen festen Freund gehabt und keine Ahnung, wie so etwas ablief, aber sie war überzeugt, dass Tristan allen klarmachen würde, dass sie offiziell zusammen waren, wenn er sie heute Abend zu dieser Party mitnahm. Und deshalb war es Lily vollkommen egal, ob sie Galle spuckte. Sie würde auf diese Party gehen, auch wenn es sie umbrachte.

Als von ihrem veganen Mittagessen alles draußen war, taumelte Lily zu einem der Waschbecken, um sich den Mund auszuspülen.

Ein Blick in den Spiegel reichte, um sie aufstöhnen zu lassen. Es war schlimmer, als sie gedacht hatte. Ihre alabasterweiße Haut war so stark gerötet, als hätte ihr jemand eine Ohrfeige verpasst. Rote Streifen breiteten sich wie Peitschenstriemen über ihre knochigen Schlüsselbeine aus und ihre grünen Augen glänzten fiebrig. In Gedanken überflog sie alles, was sie an diesem Tag gegessen hatte, doch es gab nichts, das eine so heftige Reaktion erklären würde. Ihre Allergie musste durch etwas ausgelöst worden sein, das sie nicht sehen konnte, zum Beispiel die Chemikalien, mit denen die Schule gereinigt wurde, aber auch das war nur eine Vermutung.

Lily drehte ihre schweißfeuchten roten Locken zusammen und steckte den unordentlichen Dutt mit einem Bleistift am Hinterkopf fest. Sie streifte ihr »Rettet die Wale«-T-Shirt über den Kopf, beugte sich nur im BH über das Waschbecken und versuchte, den lauwarmen Wasserstrahl kühler zu bekommen, indem sie mit den Fingerspitzen auf den Wasserhahn trommelte. Dann spritzte sie das Wasser, das immer noch nicht kühl genug war, auf den leuchtend roten Ausschlag, der sich wie eine heiße Flut über ihren hyperallergischen Körper ausbreitete.

Die Schulglocke läutete zum Ende der Mittagspause, und Lily blieb keine andere Wahl, als in ihre Tasche mit den vielen Notfallmedikamenten zu greifen. Sie schob die schnell wirkenden Steroidtabletten und den Inhalator zur Seite und griff zielstrebig nach dem Epi-Pen. Sie nahm die grüne Kappe von der sterilen Plastikröhre und stach mit der Spitze durch die Jeans in ihren Oberschenkel. Es tat so weh, dass sie die Zähne zusammenbeißen musste.

Eigentlich sollte sie den Epi-Pen nur in einer lebensbedrohlichen Situation benutzen, aber da sie nicht wusste, was diesen Anfall ausgelöst hatte, war Vorsicht wohl besser als Nachsicht. Als der Medikamentencocktail aus dem Epi-Pen ihr System überschwemmte, gingen die Symptome sofort zurück. Ihre Augen hörten auf zu tränen und sie konnte wieder klar sehen. Sie begann heftig zu zittern, als das Adrenalin aus dem Injektor zu wirken begann, und merkte erst da, dass ihr gesamter Oberkörper nass war. Mit zittrigen Händen tupfte sie das Gröbste mit ein paar Papiertüchern ab, und als sie ihr T-Shirt wieder anzog, läutete die Schulglocke den Beginn der nächsten Stunde ein.

Lily rannte aus dem Waschraum, die Treppe hoch und hetzte dann durch den fast menschenleeren Flur zum Klassenzimmer von Mr Carnello, der gerade die Tür schließen wollte.

»Tut mir leid«, schnaufte sie und huschte an ihm vorbei.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Mr Carnello. Er warf einen Blick auf Lilys T-Shirt und schaute dann schnell wieder weg.

»Ja, klar. Ich hatte nur … so eine Sache«, murmelte sie und eilte auf ihren Platz.

Tristan, der am selben Labortisch saß, blickte auf, als sie kam, und runzelte die Stirn. Beim Hinsetzen bemerkte Lily, dass ein paar der anderen sie ganz komisch ansahen. Sie versuchte, ihnen freundlich zuzulächeln, aber jeder von ihnen wendete den Blick ab und konnte ihr nicht in die Augen sehen.

»Lily«, zischte Tristan.

»Was?«, zischte sie zurück.

»Wieso ist dein Busen nass?«

»Mein was?« Lily sah an sich herab und musste feststellen, dass ihr weißes T-Shirt durchsichtig geworden war, wo es mit dem nassen BH in Berührung gekommen war. Verlegen verschränkte sie hastig die Arme vor der Brust. In der Ecke konnte sie ein paar Jungs kichern hören und sah, wie Tristan herumfuhr und sie mit einem strafenden Blick zum Schweigen brachte.

»Brauchen Sie einen Moment, um sich zu sammeln, Miss Proctor?«, fragte Mr Carnello freundlich.

»Nein, danke. Alles in Ordnung«, antwortete Tristan für Lily und zog sich den Pullover über den Kopf.

Dabei rutschte das T-Shirt hoch, das er darunter trug, und ein paar der Mädchen fingen angesichts der definierten Muskeln und der samtigen Haut sofort an, aufgeregt zu tuscheln. Doch Tristan half Lily in seinen Pulli, als würde er nichts davon merken, was er vermutlich auch nicht tat, denn er war längst daran gewöhnt, dass die meisten Mädchen schon ausflippten, wenn er nur an ihnen vorbeiging. Aber Lily hörte es, und dass sie diese Mädchen nicht auf der Stelle erwürgen durfte, ließ ihr Gesicht noch mehr glühen.

»Hast du Fieber?«, fragte er.

»Ich hab immer Fieber«, antwortete Lily mürrisch, was der Wahrheit entsprach, wie sie beide wussten.

Lilys Körpertemperatur war immer hoch – um die 39 Grad an normalen Tagen. An schlechten Tagen waren es bis zu 44 Grad. Die Ärzte hatten keine Ahnung, wie sie ihre schlimmeren Anfälle überlebte, aber andererseits hatten sie ohnehin wenig Ahnung von den Dingen, die mit Lily passierten.

»Nein, im Ernst«, versicherte ihr Tristan und zeigte anklagend auf den kleinen Blutfleck auf ihrer Jeans, wo sie den Epi-Pen eingestochen hatte.

»Es geht mir gut«, beteuerte sie. »Ehrlich. Alles in Ordnung.« Sie zögerte kurz und lächelte verlegen. »Mal abgesehen von dieser Miss-Wet-Shirt-Nummer vor der ganzen Klasse.«

Lily grinste ihn herausfordernd an und stupste ihn mit dem Ellbogen – ihre Art, ihm klarzumachen, dass das Ganze für sie erledigt war. Nach allem, was die anderen über sie und ihre Familie sagten, war ein nasses T-Shirt das Geringste ihrer Probleme. Tristans große blaue Augen funkelten, und das hellbraune Haar fiel ihm über die Stirn, als er den Kopf senkte, um sein Schmunzeln zu verbergen. Er verfügte über eine Million kleiner Gesten wie diese und Lily liebte jede einzelne von ihnen. Manchmal war er einfach zu umwerfend, um ihn anzusehen, und Lily konnte ihr Glück nicht fassen, dass er endlich ihr gehörte.

»Hör zu, was Mr Carn sagt«, tadelte sie, als wäre es Tristan gewesen, der den Unterricht gestört hatte. Er gab ihr den Knuff mit dem Ellbogen zurück und beide konzentrierten sich auf die Physikstunde.

»Wenn es ein Symbol gäbe, welches das Universum besser beschreibt als dieses hier«, Mr Carnello drehte sich zu seinem Projektor um und zeichnete die liegende Acht, das Zeichen für Unendlichkeit, »dann wäre es dieses.« Diesmal zeichnete er ein Gleichheitszeichen. »Newton hat bewiesen, dass die Kraft, mit der man einen Ball schlägt, nicht verschwindet. Die Kraft verwandelt sich in kinetische Energie und lässt den Ball eine bestimmte Strecke fliegen, die genau messbar ist – und wieso? Weil die Energie, die eingesetzt wird«, er tippte auf eine Seite des Gleichheitszeichens, »dieselbe ist, die auf der anderen Seite wieder herauskommt«, erklärte er und zeigte auf die andere Seite des Symbols. »Energie kann sich also verwandeln. Sogar Materie kann sich in Energie verwandeln – zu Einsteins E = mc2 kommen wir später –, aber aus nichts kann man nichts erschaffen. Das ist das erste Gesetz der Thermodynamik. Thermo ist Griechisch und bedeutet Wärme. Dynamik kommt von dem griechischen Wort dynamikos, was Kraft bedeutet. Wärme und Kraft sind zwei Hälften eines Ganzen.«

Mr Carnello begann, wie wild etwas an die Tafel zu schreiben, und murmelte dabei vor sich hin. Lily und Tristan sahen sich an und grinsten. Sie liebten Naturwissenschaften. Tristan hatte bei der Biologie-Zwischenprüfung in diesem Jahr sogar besser abgeschnitten als jeder andere im ganzen Staat und überlegte ernsthaft, sich an einer der Eliteunis für das Medizin-Vorstudium anzumelden. Es war zwar erst Anfang November, was den Schülern der Abschlussklasse noch einen oder zwei Monate Zeit ließ, sich ein College auszusuchen, ein Studienfach zu wählen und sich zu überlegen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen wollten, bevor sie achtzehn wurden. Lily war jedoch überzeugt, dass Tristan längst entschieden hatte, dass er eines Tages Arzt sein würde. Nachdem er so viel Zeit damit verbracht hatte, sie im Massachusetts General Hospital zu besuchen, wenn sie einen ihrer Megaanfälle hatte, kannte er sich im Krankenhaus bereits wirklich gut aus.

Lily hatte keine Ambitionen, Ärztin zu werden, aber Naturwissenschaften faszinierten sie. Sie verstand die Zusammenhänge beinahe intuitiv, und an miesen Tagen wurde sie den Gedanken nicht los, dass es daran lag, dass ihr eigener Körper eine Art Forschungsprojekt war, das leider nicht geklappt hatte. Lilys Beschwerden wurden von Jahr zu Jahr schlimmer, und auch die ganzen Spezialisten in Boston, die sie einmal im Monat aufsuchte, wussten nicht, was sie dagegen tun sollten. Sie hatte immer davon geträumt, sich an einen bedrohten Mammutbaum anzuketten oder an langen Sitzstreiks gegen Tierversuche teilzunehmen, aber die Wahrheit war, dass ihr Körper ihr solche Dinge nicht gestattete. Wahrscheinlich würde sie nicht einmal auf dem Unigelände wohnen können, wenn sie nächstes Jahr aufs College ging – falls sie fürs College überhaupt gesund genug war.

Der Gedanke, dass Tristan weit wegziehen könnte, ließ sie in Panik geraten. Harvard und Brown waren nah genug, um regelmäßig nach Hause zu kommen, aber was, wenn er sich für Columbia oder – noch schlimmer – Cornell entschied? Ithaca war sechs Autostunden von Salem entfernt.

Während Mr Carnello weiter über Thermodynamik referierte, verflog plötzlich das gesamte Adrenalin aus dem Epi-Pen, und es blieben nur rasende Kopfschmerzen und eine wachsende Paranoia in Bezug auf Tristan zurück. Lily widerstand der Versuchung, sich die Schläfen zu massieren und Tristan anzuflehen, in Boston zu bleiben. Jedes Mal, wenn er prüfend zu ihr hinübersah, grinste Lily ihn breit an, um ihm zu demonstrieren, wie toll sie sich fühlte. Was sie wirklich brauchte, war mindestens ein Liter Wasser, um den bitteren Geschmack in ihrem Mund wegzuspülen, aber das würde bis nach der Stunde warten müssen, denn wenn sie schon jetzt zum Wasserspender ging, würde Tristan merken, wie schlecht es ihr eigentlich ging. Als die Glocke endlich läutete, hätte Lily vor Erleichterung beinahe geseufzt.

»Danke für die Leihgabe.« Sie zog Tristans Pullover aus und gab ihn zurück. »Ich glaube, mein Busen ist jetzt trocken genug.« Sie fächelte sich Luft ins erhitzte Gesicht. »Genauer gesagt ist er gar gekocht. Ich habe die ganze Stunde geschwitzt.«

»Und ich gefroren.« Tristan zog seinen Pullover dankbar wieder an. »Mr Carn kühlt den Raum immer so runter.«

»Wahrscheinlich, weil die halb sezierten Katzen es lieber kühl haben.«

»Dein Glück, dass ich dich liebe.«

»Ja, klar. Du wolltest doch nur nicht, dass ich vor der ganzen Klasse eine Peepshow veranstalte!«, rief Lily ein bisschen zu laut.

Sie sah zu, wie Tristan seine Sachen nahm und aus dem Raum eilte, ohne weiter über seine Wortwahl nachzudenken. Er sagte häufiger, dass er sie liebte. Doch für ihn bedeutete es nicht dasselbe wie für sie, das war Lily bewusst. Sie wusste aber auch, dass er sie wirklich gernhatte, was das Ganze irgendwie noch verwirrender machte. Seit ihrer Knutscherei auf der Couch hatte Tristan nichts mehr versucht, wenn man von ein paar harmlosen Küsschen und viel Händchenhalten absah. Er liebte sie – das wusste Lily schon seit Jahren –, aber ihr Körper schien ihn eindeutig nicht zu reizen.

Nicht dass sie hässlich wäre, dachte Lily, als sie sich einen Becher Wasser holte und dann Tristan zu ihren nebeneinanderliegenden Schließfächern folgte. Zugegeben, ihre Haut war viel blasser, als zurzeit angesagt war, und sie war furchtbar dünn, aber sogar sie selbst fand, dass sie ein hübsches Gesicht hatte. Aber nur, musste Lily sich eingestehen, wenn ihr nicht gerade die Nase lief oder ihr Gesicht mit Pusteln übersät war, was leider meistens der Fall war. Und ihre Haare waren ein Problem. Feuerrot, dicker als ein Eisbärpelz und so lockig wie diese mit der Schere gekräuselten Bänder an einem Geburtstagsgeschenk. Außerdem führten sie ein Eigenleben. Lily wäre nicht überrascht gewesen, wenn man ihre Haare noch aus dem Weltraum hätte sehen können, und sie verbrachte viel Zeit damit, sie festzustecken, zum Zopf zu flechten oder sie auf andere Art daran zu hindern, ihr Gesicht einzunehmen.

Lily hasste ihre Haare, vermutlich, weil sie sie an die ihrer Mutter erinnerten. Ihre große Schwester Juliet hatte makellos glatte Haare in einem ganz normalen Braun, aber nicht Lily. Oh nein. Sie musste nicht nur einen ganzen Haufen Allergiearmbänder tragen, die allen sofort verrieten, was für ein Freak sie war, sie hatte außerdem die verrückten Haare ihrer Mutter geerbt.

Lily hoffte nur, dass sie nicht auch ihren verrückten Verstand geerbt hatte.

»Willst du wirklich die letzte Stunde mitmachen?«, fragte Tristan zweifelnd, als er sah, wie Lily ihr Spanischbuch aus dem Schließfach nahm. »Ich könnte mir eine Entschuldigung geben lassen und dich jetzt gleich nach Hause fahren«, bot er an.

»Wieso denn?«, fragte Lily munter.

Tristan richtete sich zu seiner ganzen Größe von eins zweiundachtzig auf und drehte sich zu ihr. Er hob einen Arm und hielt sie damit vor den Schließfächern fest. Sie erstarrte und schaute zu ihm auf. Tristan war einer der seltenen Jungen, dessen Haut immer samtig und frisch aussah, als wäre jeder Zentimeter von ihm zum Küssen gemacht.

»Keine Witze. Keine aufgesetzte Coolness«, verlangte er und kam ihr immer näher, bis seine Oberschenkel ihre berührten. Tristan strich ihr mit den Rückseiten der Finger über die Wange. »Du musst heute Abend nicht mit mir auf die Party gehen.«

Lily runzelte die Stirn. Wenn er sie für so krank hielt, wieso wollte er dann ohne sie auf die Party? Sie wollte ihn gerade fragen, als sie von einer schrillen Stimme unterbrochen wurden.

»Ist das dein Ernst?«

Lily und Tristan fuhren auseinander und stellten fest, dass Miranda Clark sie anstarrte, die Hände auf die wohlgeformten Hüften gestemmt und mit einem angewiderten Ausdruck auf dem gebräunten Gesicht. Alle Schüler in ihrer Nähe wurden langsamer, um das Spektakel nicht zu verpassen.

»Was, Miranda? Hast du was zu sagen?«, fuhr Tristan sie grob an.

»Allerdings habe ich etwas zu sagen«, fauchte Miranda, deren Unterlippe bebte.

Sie tat Lily leid. Unter ihrem coolen Panzer aus Lipgloss und blond gefärbten Haaren war nicht zu übersehen, dass sie verletzt war. Tristan sprach mit Lily nicht über sein Liebesleben, aber sie war ziemlich sicher, dass Miranda und er vor ein paar Wochen miteinander gegangen waren. Lily wusste nicht genau, wann diese Beziehung geendet hatte, aber Mirandas Auftritt nach zu urteilen war es noch nicht lange her. Ganz und gar nicht lange.

»Da bin ich jetzt aber gespannt«, sagte Tristan. Er verschränkte die Arme vor der Brust und grinste herablassend. »Aber denk daran, dich wie ein großes Mädchen auszudrücken, Miranda.«

Lily sah Tristan an und konnte nicht fassen, wie grausam er war. Zugegeben, Miranda Clark war nicht gerade der hellste Kopf, aber sie war auch zwei Jahre jünger als sie. Natürlich war ihr Wortschatz nicht auf demselben Niveau wie ihrer. Wieso fing Tristan überhaupt etwas mit einer Fünfzehnjährigen an? Die ganze Angelegenheit hinterließ bei Lily einen unangenehmen Geschmack im Mund.

»Miranda. Es tut mir leid, dass du verärgert bist. Vielleicht sollten wir nachher darüber sprechen?«, sagte Lily. Miranda schien von diesem Friedensangebot nichts zu halten. Es sah eher so aus, als würde sie sich am liebsten auf Lily stürzen und sie grün und blau schlagen.

»Das ist nicht dein Mist, Lily«, sagte Tristan müde. »Geh zum Spanischkurs. Ich erledige das hier.«

»Mist?«, fauchte Miranda und richtete ihre Wut wieder auf ihn. »Ich bin also Mist für dich?«, keifte sie, und ihre Stimme rutschte eine Oktave höher.

Die Pausenglocke läutete, was die faszinierten Mitschüler vertrieb, doch Miranda rührte sich nicht vom Fleck. Mit Wuttränen in den Augen wartete sie darauf, dass Tristan etwas sagte.

»Geh, Lily«, wiederholte Tristan. »Ich erledige das.«

Lily machte kehrt und ging in Richtung Klassenraum. Hinter sich konnte sie die beiden streiten hören. Es wurde immer lauter, bis die letzte Bemerkung auf dem ganzen Gang zu hören war.

»Wie auch immer, Miranda«, sagte Tristan. »Es ist mir vollkommen egal, was du denkst.« Dann hörten Lily und alle anderen Leute auf dem Flur, wie Miranda Tristan eine Ohrfeige verpasste.

Lily betrat das Klassenzimmer. Sie ging nicht zurück, um Tristan zu verteidigen, wie sie es noch vor ein paar Tagen vielleicht getan hätte. Dies war nicht das erste Mädchen, das ihrem besten Freund eine geklebt hatte, aber Lily war der Meinung, dass er diese Ohrfeige wirklich verdient hatte.

Nach der Schule fand Lily es ein bisschen peinlich, sich wie üblich von Tristan nach Hause fahren zu lassen. Aber da sie keine andere Wahl hatte, wartete sie auf dem Parkplatz bei seinem Wagen und verzog das Gesicht, als sie seine genervte Miene bemerkte.

»Soll ich meine Mom …«, begann Lily halbherzig.

»Deine Mom? Im Auto? Und dann habe ich das Blut von Unschuldigen an den Händen?«, konterte er und hob eine Braue.

»Sie würde es ohnehin nicht bis auf die Auffahrt schaffen«, bestätigte Lily trocken. »Die Garage verwirrt sie.«

Tristan entriegelte die Türen des Chevy Volt, den er Lily zuliebe makellos sauber hielt, und beide stiegen ein.

»Tut mir leid wegen vorhin«, sagte er aufrichtig. »Ich wollte dich da nicht reinziehen.«

»Das war ein ziemlicher Schlag. Was macht dein Gesicht?«

Er seufzte dramatisch. »Dummerweise hat die Schulkrankenschwester festgestellt, dass die Ohrfeige mit Pestbazillen verseucht war.«

Lily atmete gespielt erschrocken ein. »Pest. Du weißt, was das bedeutet?«

»Sie werden amputieren müssen.«

»Die Mädchen im Dreistaatenbereich werden untröstlich sein. Das schreit nach einem Volkstrauertag.«

Er grinste sie an. Sein Mund war nur Zentimeter von ihrem entfernt und er sah ihr in die Augen. Nur zu gern hätte Lily ihre Bedenken verdrängt und sein pestverseuchtes Gesicht geküsst, aber etwas hinderte sie daran.

»Wie geht’s Miranda?«, fragte sie und schaute auf ihre Hände.

»Woher soll ich das wissen?« Tristan drehte sich zum Lenkrad und startete den Wagen. Seine Gleichgültigkeit gegenüber Miranda verstörte Lily. Behandelte er so jedes Mädchen, mit dem er Schluss gemacht hatte?

»Soll ich mit ihr reden?«, bot Lily an. »Ich kann ihr sagen, dass es einfach passiert ist. Dass sie das ganz falsch sieht und was wirklich Sache ist.«

»Miranda sieht so ziemlich alles falsch, und ihr eine Tatsache zu erklären, macht keinen Unterschied. Sie ist nicht die Cleverste, Lily.«

Tristan warf beim Losfahren einen Blick auf Lilys Gesicht und wusste, was sie dachte.

»Ja, ich weiß«, sagte er gereizt. »Wenn ich sie für so dämlich halte, hätte ich mich gar nicht erst mit ihr einlassen sollen, richtig?«

»Sie ist deutlich jünger als wir, Tristan. Zwei Jahre machen viel aus«, gab Lily zu bedenken.

»Ja, wahrscheinlich«, seufzte er. »Aber vertrau mir, Lily. Miranda ist kein harmloses kleines Mädchen. Ich hab ihr auch nicht die Unschuld geraubt oder so.«

»Die Unschuld geraubt? In welchem Jahrhundert sind wir?«, kicherte Lily. Tristans Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. Lily brauchte einen Moment, um sich für die nächste Frage zu wappnen. »Warst du neulich Abend noch mit Miranda zusammen?«

Er verdrehte die Augen. »Wir waren nicht richtig zusammen. Ich habe ihr nie irgendwelche Versprechungen gemacht, und es war idiotisch von ihr zu glauben, wir wären ein Paar.«

Sie fuhren ein Stück weit schweigend.

»Nur aus Neugier, wie soll ein Mädchen wissen, ob du es ernst meinst?«

Es war peinlich – jetzt versuchte sie, ihm ein Zugeständnis abzuringen wie eine von seinen verzweifelten Verehrerinnen. Sie hasste sich dafür, und als das Schweigen andauerte und ihre Frage in der Luft hing wie ein übler Geruch, begann sie auch ihn dafür zu hassen, dass er nichts sagte. Sie bogen in Lilys Auffahrt ein, und Tristan verzog keine Miene, als hätte er nicht mitbekommen, was sie gerade gefragt hatte.

»Ich hole dich um sieben zur Party ab«, sagte er und fuhr davon.

Als Tristan weg war, blieb Lily noch eine Weile in der kalten Seeluft stehen. Sie mochte die Kälte. Vor allem mochte sie die saubere salzige Luft, die vom Atlantik herüberwehte, der nur ein paar Blocks entfernt gegen die felsige Küste schwappte. Die kalte feuchte Luft ließ ihren Kopf wieder klar werden und beruhigte ihre Haut. In Salem aufzuwachsen, hatte den Vorteil, dass eigentlich immer ein kühler Wind vom Wasser herüberwehte.

Angenehm abgekühlt, machte sich Lily auf den Weg in ihr altes Haus im Kolonialstil, das ihrer Familie schon seit der Landung der Pilgerväter gehörte. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Lilys Eltern, Samantha und James Proctor, konnten ihre Abstammung bis zur Mayflower zurückverfolgen und hatten Vorfahren, die entweder in Salem oder der Umgebung, dem Essex County, gelebt hatten, seit es auf diesem Kontinent so etwas wie ein Essex County gab. Manchmal fragte sich Lily, ob ihre Superallergien womöglich die Folge von Inzucht waren, aber ihre Schwester hatte gesagt, das wäre lächerlich. Tristans Familie, die Coreys, lebte schon genauso lange in Salem wie die Proctors und Tristan hatte ganz sicher keinen Inzuchtschaden.

Lily legte ihre Schulsachen auf den Küchentisch und lauschte einen Moment. »Mom?«, rief sie, als sie den Eindruck hatte, dass das Haus leer war.

»Bist du das, Lillian?« Nur Samantha, ihre Mutter, benutzte ihren vollen Namen.

»Ja, ich bin’s. Wo bist du?« Verwirrt ging Lily in die Richtung, aus der die Stimme ihrer Mutter gekommen war. Es hörte sich an, als wäre sie in der Garage.

»Oh, Mom. Sieh dir diese Schweinerei an«, rief Lily unwillkürlich aus, als sie sah, was ihre Mutter machte.

Samantha saß an ihrer Töpferscheibe, das rot gelockte Haar stand in alle Richtungen vom Kopf ab und sie trug nur Schlafanzug und Bademantel. Sie saß an der Stelle, wo Lilys Dad immer seinen Wagen parkte, aber sie hatte keine Plane untergelegt. Der Boden war mit Spritzern bedeckt, die bereits hart wurden. Sie würden sie mit Hammer und Meißel entfernen müssen, aber das war noch nicht mal das Schlimmste. Auf dem Stellplatz daneben stand Moms alter Jeep Grand Cherokee und auch er war über und über mit Tonspritzern bedeckt. Lily vergrub die Hände in den Haaren und versuchte, das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen.

»Da ist sie – ohne blaue Flecken! Ich wäre beinahe losgefahren, um dich abzuholen«, sagte Samantha munter. Ihre Worte klangen nur ein wenig verschwommen, was Lily beunruhigte. Normalerweise ließen ihre Medikamente sie lallen, und die etwas klarere Sprache könnte bedeuten, dass sie nicht alle Tabletten genommen hatte. »Aber als kein Anruf von deinem Schulleiter kam, wusste ich, dass es nicht meine Lillian war, die dieses Flittchen auf dem Flur angegriffen hat. Weißt du? So erkenne ich den Unterschied zwischen dem, was hier passiert, und dem, was woanders passiert.«

Lily versuchte vergeblich, der Logik ihrer Mutter zu folgen.

»Und dann hab ich meine Töpferscheibe gesehen«, fuhr Samantha freudig fort. »Und mich gefragt, wieso ich eigentlich mit dem Töpfern aufgehört habe.«

Lily betrachtete den nassen und schlecht gemischten Tonklumpen in den zittrigen Händen ihrer Mutter und fand einfach keine taktvolle Formulierung für »weil du den Verstand verloren und durch die Medikamente auch noch jedes Talent eingebüßt hast«.

Natürlich hatte Lily gemerkt, dass sich Miranda vor dem Spanischkurs nur zu gern auf sie gestürzt hätte, sich dann aber doch dafür entschieden hatte, ihre Wut an Tristan auszulassen. Ihrer Mutter zufolge hatte dieser Kampf jedoch stattgefunden. Woanders. Die neue Medikation war eindeutig nicht stark genug. Wenn ihre Mutter unterdosiert war, konnte es ziemlich hässlich werden. Sie würde Hilfe brauchen.

»Hey, Mom? Ist dir nicht kalt?«, fragte Lily betont locker. Samantha nickte, als wäre es ihr gerade erst bewusst geworden. »Warum gehst du nicht ins Haus und ich mache das hier fertig?«

»Danke, Schatz«, antwortete Samantha friedlich. Sie schlüpfte aus ihren schmutzigen Crocs und drückte Lily den ruinierten Bademantel in die Hand.

»Ich bring dich ins Bett und deck dich zu und dann werde ich telefonieren, okay?«, sagte Lily langsam. Sie wusste aus Erfahrung, wenn ihre Mutter so verwirrt war wie jetzt, musste man sich so klar wie möglich ausdrücken, um sie nicht noch mehr aufzuregen.

»Ja, ruf deine Schwester an und erzähl ihr genau, was passiert ist«, sagte Samantha. Plötzlich wurde ihr Gesicht ganz ernst und sie packte Lilys Hände mit ihren tonverschmierten Fingern. »Es gibt keine Juliet, die dich nicht liebt«, beteuerte sie verzweifelt. »Vergiss das nicht.«

»Natürlich, Mom«, sagte Lily und lächelte ihrer Mutter ins Gesicht, während sie deren Klammergriff löste. »Ich räume hier auf.«

Samantha nickte und schlurfte ins Haus. Lily holte ihr Handy heraus und rief ihren Dad an für den Fall, dass er zu antworten gedachte. Als sie schon nach dem zweiten Läuten in der Mailbox landete, machte Lily sich nicht die Mühe, eine Nachricht zu hinterlassen. Er hatte offensichtlich nicht vor, ihren Anruf anzunehmen, und würde seine Mailbox vermutlich erst Stunden später abhören. Also drückte sie auf Kurzwahl und rief stattdessen ihre große Schwester Juliet an.

»Was ist los?«, fragte Juliet sofort.

»Mom hat einen schlechten Tag«, sagte Lily, die kein bisschen überrascht war, dass ihre Schwester bereits wusste, dass etwas nicht stimmte. Die Schwestern scherzten oft, dass ihre Telefone schon so an Notrufe gewöhnt waren, dass sie gelernt hatten, eindringlicher zu läuten, wenn es Schwierigkeiten gab. Lily ging zum Kühlschrank und kontrollierte den Medikamentenvorrat ihrer Mutter.

»Ist sie wieder weggelaufen?«, fragte Juliet.

»Nein«, antwortete Lily dankbar und zählte die Pillen ihrer Mom. »Sie hat nur beschlossen, mal wieder zu töpfern. Leider hat sie nicht daran gedacht, zuerst das Auto aus der Garage zu fahren.«

»Na toll.« Juliet verstummte. Sie und Lily fingen gleichzeitig an zu lachen. »Wie schlimm ist es?«

»Oh, sie hat ganze Arbeit geleistet, Jules.« Lily hatte die Tabletten durchgezählt. »Ich habe gerade nachgesehen – sie hat all ihre Pillen genommen, also werden wir mal wieder mit den Ärzten über die Dosierung sprechen müssen. Ich kann die Schweinerei selbst wegputzen, aber ich will sie heute Abend nicht allein lassen. Aber ich habe da diese Sache.«

»Ein Date?« Juliet war so aufgeregt, dass sie förmlich ins Handy kreischte.

»So was in der Art.« Lily spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen. »Tristan nimmt mich auf eine Party mit.«

»Eine Party.« Juliet seufzte. »Lily, willst du das wirklich riskieren? All das Haarspray und die Parfüms der Mädchen und dann noch Alkohol und Rauch …«

»Kannst du kommen oder nicht?«, fragte Lily gelassen. »Es würde mir sehr viel bedeuten.«

Juliet überlegte noch. »Wir sprechen über die Party, wenn ich da bin«, sagte sie und legte auf.

Lily beschloss, mit dem Jeep anzufangen. Der Parkplatz ihres Dads konnte warten. Er würde am Abend ohnehin nicht nach Hause kommen.

Offiziell waren Lilys Eltern nicht geschieden, aber ihr Vater hatte die Familie verlassen, als seine Frau damit anfing, durch das verschlafene Salem zu laufen und jeden anzuschreien, dass er den Mund halten sollte. James hatte Samanthas Verrücktheiten ein paar Jahre lang mitgemacht. Lily war in der achten Klasse, als ihre Allergien immer schlimmer wurden, und zu allem Überfluss war das auch der Zeitraum, in dem Samantha begann, den Leuten im Supermarkt alle möglichen Vorwürfe zu machen. Sie marschierte direkt auf sie zu und behauptete zu wissen, dass sie eine Affäre hatten, pleite waren oder ihren Kindern das Ritalin wegnahmen, um abzuspecken.

Manchmal lag sie tatsächlich damit richtig und manchmal nicht. Wenn sie sich irrte, sagte sie immer, dass eine andere »Version« der beschuldigten Person diese Untat begangen hätte. Samantha brachte viele gute Menschen in Verlegenheit, aber alle, die mit Nachnamen Proctor hießen, blamierte sie bis auf die Knochen. In einer kleinen Stadt wie Salem war die Tatsache, dass man eine verrückte Mutter hatte, nicht geheim zu halten. Als Juliet vor zwei Jahren aufs College gegangen war, war es Lily vorgekommen, als hätte sich ganz Salem auf die Familie Proctor eingeschossen und sie am liebsten aus der Stadt gejagt.

Von da an war James nur noch selten nach Hause gekommen. Er konnte die Peinlichkeit nicht ertragen, mit einer Irren verheiratet zu sein, aber ihm war auch klar, dass er bei einer Scheidung Lily an der Backe haben würde. Kein Gericht hätte Samantha das Sorgerecht über eine Minderjährige mit so starken gesundheitlichen Problemen, wie Lily sie hatte, zugesprochen, und James konnte Schwächen nicht leiden, weder seelische noch körperliche. Deswegen reichte er nie die Scheidung ein und unternahm auch sonst keine rechtlichen Schritte, weil ihm klar war, dass er dann noch mehr Verantwortung hätte tragen müssen. Also kam er einfach nicht mehr nach Hause.

Lily füllte einen Eimer mit Putzmittel und Wasser und öffnete das Garagentor, damit die Dämpfe entweichen konnten, während sie schrubbte. Selbst das ungiftige Zeug, das ihre Mutter immer im Biomarkt kaufte, sorgte bei ihr für heftige Beschwerden, wenn sie zu lange mit dem unverdünnten Mittel in Kontakt kam. Zehn Minuten später tränten ihre Augen von den Chemikalien so sehr, dass sie kaum noch etwas sehen konnte. Lily ignorierte es. Sie würde verdammt noch mal auf diese Party gehen, und nach allem, was sie heute schon durchgemacht hatte, würden sie ein paar tränende Augen ganz bestimmt nicht daran hindern. Weitere zwanzig Minuten später, als sie den Jeep fast wieder sauber hatte, hörte sie draußen Juliets Auto vorfahren.

»Weißt du was? So, wie sie den Ton verteilt hat, ist es schon fast moderne Kunst«, scherzte ihre Schwester, als sie am Garagentor auftauchte.

»Ich tue alles für dich, wenn du mal nach Mom siehst«, sagte Lily und wischte sich die Haare von der verschwitzten Stirn.

»Fieber?« Juliet kam auf Lily zu. Ihre großen braunen Augen waren voller Sorge. Lily rückte von den glatten, kühlen Händen ihrer Schwester ab, bevor sie ihr Gesicht berühren konnte.

»Mir ist nur warm von der Schufterei«, versicherte ihr Lily.

Juliet neigte den Kopf zur Seite und musterte ihre Schwester prüfend. Diese Geste betonte die Herzform ihres Gesichts, und als sie dann noch besorgt die Lippen spitzte, fand Lily wie gewöhnlich, dass Juliets Mund aussah wie ein Herz in einem Herzen – ein kleines rotes Herz in einem größeren und blasseren Herzen. Lily war sich sicher, dass die meisten Leute ihre Schwester für unattraktiv hielten. Juliet trug nur konservative Kleidung, benutzte nie Make-up oder stylte ihr glattes mausbraunes Haar.

Aber für Lily war das ohne Bedeutung. Für sie war ihre Schwester das hübscheste Mädchen, das sie kannte.

»Sieh nach Mom. Mir geht’s gut.« Lily packte Juliet an den Schultern, drehte sie um und versetzte ihr einen spielerischen Tritt, um sie ins Haus zu befördern.

Als Lily nach oben kam, lag Juliet bei ihrer Mom im Bett und fühlte ihren Puls. Mit ihren zwanzig Jahren war Juliet schon eine ausgebildete Rettungsassistentin und finanzierte ihr Studium an der Uni Boston mit Nachtschichten im Krankenhaus. Manchmal hatte Lily den Eindruck, dass alle um sie herum schon früh beschlossen hatten, Medizin zu studieren – vermutlich, weil jeder von ihnen schon einmal miterleben musste, wie Sanitäter darum kämpften, Lilys Atmung wieder in Gang zu bringen. Ein solches Erlebnis hinterließ bei jedem Kind einen bleibenden Eindruck.

»Wie geht’s ihr?«, flüsterte Lily, als ihre Schwester aufschaute. Juliet zuckte mit den Schultern, stand behutsam aus dem Bett auf und ging mit Lily hinaus auf den Flur.

»Ihr Herz rast. Was es eigentlich nicht tun dürfte, wenn man bedenkt, dass sie 200 Milligramm Thorazin und eine Ambien intus hat.«

»Kann sie allein bleiben?«

»Im Moment ist sie okay«, flüsterte Juliet, doch sie wirkte bedrückt.

»Hat sie gesagt, was sie so aufregt?«, fragte Lily. Sie nahm Juliet am Arm und zog sie mit sich in ihr Zimmer.

»Sie ist paranoid.« Mit einem Seufzer ließ sich Juliet auf Lilys Bett fallen. »Sie bildet sich ein, dass eine andere Lillian plant, ihre Lillian zu übernehmen.«

»Das ist …« Lily verstummte fassungslos.

»… ihre Art, sich selbst ihre Halluzinationen zu erklären«, beendete Juliet den Satz für sie. »Ihre Wahnvorstellungen können nicht falsch sein, wenn sie ›anderswo‹ passieren. Sie kann nicht verrückt sein, wenn es verschiedene Versionen von Leuten und Welten gibt, von denen nur sie weiß.«

»Ja, schon«, bestätigte Lily zögernd. Etwas an dieser Erklärung störte sie. Natürlich wusste sie, dass ihre Mom Dinge erfand, aber woher hatte sie gewusst, dass Miranda in der Schule beinahe auf sie losgegangen wäre? Das war zum Glück nicht passiert, aber es war kurz davor gewesen. Es hätte durchaus geschehen können, wenn es ein wenig anders gelaufen wäre. »Aber ist es nicht unheimlich, wie dicht an der Wahrheit ihre Fantastereien manchmal sind?«

»Ja, allerdings.«

»Und es wird immer verrückter.«

»Schizophrenie ist eine degenerative Erkrankung.«

Solche Dinge sagte Juliet öfter. Damit wollte sie Lily nicht belehren, denn beide kannten den Zustand ihrer Mutter in- und auswendig. Sie tat es nur, um sich daran zu erinnern, dass dieser Albtraum, in dem ihre Familie steckte, in irgendeinem Lehrbuch als normal bezeichnet wurde. Aber so zu tun, als wäre alles normal, half Lily nicht weiter. Einen Witz zu machen, allerdings schon.

»Ach ja, die gute alte Schizophrenie. Ein Geschenk, an dem man immer Freude hat.«

Keine von ihnen konnte lachen, aber beide lächelten traurig und nickten. Es half, jemanden zu haben, der zu einem stand. Das war Lilys und Juliets Überlebensstrategie. Ein Zitat aus einem Lehrbuch, ein mieser Witz und eine Schwester zum Anlehnen. Das alles hatte ihnen bis jetzt geholfen, ihre kaputte kleine Familie nicht vollkommen auseinanderbrechen zu lassen.

»Und was ist das nun für eine Party?«, fragte Juliet. Lily setzte sich zu ihrer Schwester aufs Bett.

»Es ist die einzige, zu der ich seit der Junior-High-Abschlussfeier eingeladen worden bin, die ich verpasst habe, weil ich krank wurde«, antwortete Lily ruhig. Juliet wollte sie unterbrechen, doch Lily hob die Hand und sprach weiter, bevor ihre Schwester etwas sagen konnte. »Ich weiß genau, was mit mir los ist. Ich weiß, dass ich schon bald nicht einmal mehr zur Schule werde gehen können. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, Jules. Aber das ist okay. Na ja, eigentlich ist es nicht okay, aber ich habe mich damit abgefunden. Ich will nur auf eine einzige Highschoolparty gehen, bevor ich den Rest meines Lebens in einem keimfreien Raum festsitze.«

»Aha. Dann nimmt Tristan dich mit?«, fragte Juliet vorsichtig.

»Allerdings.« Lily schlug die Augen nieder und lächelte verlegen. »Und ich bin ziemlich sicher, dass wir als Paar hingehen.«

»Aber es macht ihm nichts aus, dass du nie auf Partys gehst. Das weißt du.«

»Aber ich weiß auch, wie lange ich schon darauf warte. Wie lange ich auf ihn gewartet habe. Ich kann diese Party nicht versäumen, Jules.«

Juliet legte ihren Kopf an Lilys Schulter. So blieben sie eine Zeit lang sitzen und schöpften Trost aus der gegenseitigen Nähe.

»Soll ich dir die Haare föhnen?«, fragte Juliet nach langem Schweigen. Sie setzte sich auf und lächelte Lily an.

»Das würdest du tun?« Lily sprang vom Bett und zog ihre Schwester mit sich, als wäre ihr gemeinsamer trübsinniger Augenblick schon Lichtjahre entfernt. »Ich kriege das am Hinterkopf nie hin.«

2

Dreieinhalb Stunden später wippten Lilys mühsam geglättete Haare wie die eines Hollywood-Sternchens. Es war ihr sogar gelungen, etwas allergenfreie Naturkosmetik aufzutragen und sich in ein hautenges Kleid zu zwängen, in dem ihr Bohnenstangen-Körper nicht Gefahr lief zu überhitzen. Das Kleid passte gut zu ihrer schlanken Figur und ihrem Teint. Lily wollte nicht aussehen, als wäre sie zu allem bereit, aber gegen ein schickes Outfit war schließlich nichts einzuwenden.

»Du und Tristan, ihr lasst diese Beziehungskiste doch langsam angehen, oder? Ich meine, ihr überstürzt doch nichts?«, fragte Juliet ein wenig zu beiläufig.

»Wir haben sechsmal am Tag Sex und überlegen, zusammen einen Pornofilm zu drehen«, antwortete Lily, ohne eine Miene zu verziehen, während sie Mandelöl auf ihren Beinen verteilte. Sie schaute auf zu Juliet, die sie finster anstarrte. »Ja! Wir lassen es langsam angehen. Vielleicht sogar zu langsam.«

»Sehr gut!« Juliet gab Lily einen spielerischen Schubs. »Ich hab Tristan echt gern, aber was Mädchen angeht, ist sein Ruf nicht der beste. Er hat schon vielen das Herz gebrochen.«

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