Everlast - - Kate Eberlen - E-Book

Everlast - E-Book

Kate Eberlen

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Beschreibung

Sich zu finden war leicht. Sich festzuhalten fast unmöglich.

Alles beginnt wie im Märchen: Tess und Gus verlieben sich im Italienurlaub Hals über Kopf ineinander. Sie möchten heiraten und könnten glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Doch das wahre Leben ist kein Märchen. Zurück im verregneten London beginnt für die beiden eine Reise, die sich das Leben nennt. Kummer und Freude warten auf sie, ihre Verbindung wird vielfach auf die Probe gestellt. Gus durchleidet eine schwere Depression, Tess muss ihre ganze Energie für ihre autistische Schwester aufbringen. Über allem schwebt die ständige Unsicherheit, ob Tess ihre Krebserkrankung wirklich überwunden hat. Wird ihre Liebe stark genug sein, um die Herausforderungen ihres komplizierten Lebens gemeinsam zu meistern?

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch

Alles beginnt wie im Märchen: Tess und Gus verlieben sich im Italienurlaub Hals über Kopf ineinander. Sie möchten heiraten und könnten glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Doch das wahre Leben ist kein Märchen. Zurück im verregneten London beginnt für die beiden eine Reise, die sich das Leben nennt. Kummer und Freude warten auf sie, ihre Verbindung wird vielfach auf die Probe gestellt. Gus durchleidet eine schwere Depression, Tess muss ihre ganze Energie für ihre autistische Schwester aufbringen. Über allem schwebt die ständige Unsicherheit, ob Tess ihre Krebserkrankung wirklich überwunden hat. Wird ihre Liebe stark genug sein, um die Herausforderungen ihres komplizierten Lebens gemeinsam zu meistern?

Zur Autorin

Kate Eberlen wuchs in der Nähe von London auf und hatte nach ihrem Studium mehrere Jobs in der Verlags- und Medienbranche. Sie ist die Autorin des Weltbestsellers Miss you und von Only You und ihre Romane wurden in 30 Sprachen übersetzt. Kate Eberlen lebt in London, verbringt aber so viel Zeit wie möglich in ihrem Sehnsuchtsland Italien.

KATE EBERLEN

ever

last

Roman

Aus dem Englischen von Babette Schröder

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe Ever after erschien erstmals 2023 bei Orion Fiction, an imprint of THEORIONPUBLISHINGGROUPLTD, London.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstausgabe 01/2025

Copyright © 2023 by Kate Eberlen

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Michelle Stöger

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design unter Verwendung von Shutterstock.com (vvvita, Marina Roma, avtk)

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-25711-8V002

www.heyne.de

In Gedenken an Kath, meine wunderbare Mutter

Prolog

Gus

Frühjahr 2020

Ich vermisse dich, Tess.

Wenn ich nach der Nachtschicht aus dem Krankenhausmief in dieses herrliche Wetter hinaustrete und die frühe Morgenluft einsauge, ist es, als würde ich Eiswasser trinken. Ich schaue in den blauen Himmel jenseits der silbrig glänzenden Hochhäuser der Stadt und meine Sehnsucht nach dir ist so überwältigend, dass sich meine Schritte und mein Denken unwillkürlich verlangsamen. Ich stehe im strahlenden Sonnenschein auf der Straße und weiß nicht mehr, wo ich eigentlich hinwollte oder wer ich bin.

In den Regalen von Tesco Express gibt es nicht mehr viel. Ein einsamer Eierkarton, denn zwei Eier sind zerbrochen und die kaputte Schale klebt an der porösen Pappe; eine verschimmelte Zwiebel liegt in der Ecke einer grünen Palette; eine verschrumpelte rote Paprikaschote.

»Gemüse?« Ich kann fast hören, wie du es sagst. »Zum Frühstück?«

Weder viel Tabasco noch Zahnpasta scheinen meinen sauren Kaffeeatem vertreiben zu können.

Als ich am Vormittag versuche, ein bisschen zu dösen, ist die Temperatur draußen eher italienisch als englisch.

Vermutlich könnten wir die Tage, die wir gemeinsam in Italien verbracht haben, an Fingern und Zehen abzählen, Tess, aber wenn ich an dich denke, wandern meine Gedanken immer dorthin. Dein Gesicht vor dem Lapislazuli-Himmel, mal so milde wie eine Madonna von Raffael, mal so verschmitzt wie ein Cherub. Deine Miene wechselt zwischen Sorge und Aufregung, zwischen Glauben und Zweifel, und deine strahlende Aura ist wie ein Segen, selbst für einen Ungläubigen wie mich.

Ich muss versuchen zu schlafen, aber ich höre dich schon sagen, dass es eine Schande ist, einen so schönen Tag zu vergeuden.

Wie wertvoll Zeit ist, weiß ich erst, seit ich dir begegnet bin.

Das erste Mal, als ich dich sah, wirklich sah, war in der Kirche San Miniato al Monte auf einem Hügel über Florenz. Dein Gesicht war vom Gold eines byzantinischen Mosaiks wie von einem Heiligenschein umgeben. Ich war allein im Urlaub, genau wie du. Wir waren beide 34. Es stellte sich heraus, dass sich unsere Lebenswege mehrmals kurz gestreift hatten, bevor sie sich hier wieder kreuzten, an demselben Ort, an dem wir uns als 18-Jährige zum ersten Mal gesehen hatten. Als wir das herausfanden, kam es uns vor, als hätten wir bereits 16 Jahre vergeudet.

Bei dem ersten Lächeln, das du mir auf der kiesbedeckten Terrasse der Basilika schenktest, hatte ich das Gefühl, als würde mir plötzlich die Welt offenstehen. Als ich instinktiv nach dir griff, um zu verhindern, dass du die steilen Steinstufen hinunterfielst, berührte ich dich das erste Mal. Du trugst Flip-Flops und erklärtest etwas wirr, du habest vergessen, anständige Schuhe einzupacken und dass deine Füße für italienische Verhältnisse zu groß seien. Ich konnte an nichts anderes denken als daran, wie zerbrechlich sich deine Hand in meiner anfühlte und dass du rot wurdest, als ob du noch nie von einem Mann berührt worden wärst. Unten angekommen hast du meine Hand verlegen losgelassen. Und während wir durch Olivenhaine hinunter in Richtung centro storico liefen und unsichtbare Zikaden um uns zirpten, war mein Gehirn damit beschäftigt, vernünftige Antworten auf deine Fragen zu finden und zugleich eine Ausrede, um wieder deine Hand nehmen zu können.

Wenn ich mir vorstelle, wie wir an jenem Nachmittag durch die engen Gassen von Florenz schlenderten, sehe ich nicht Massen von Teenagern mit identischen Rucksäcken, keine Reiseleiter mit Touristengruppen, die einen Regenschirm in die Luft halten, keine Schlangen vor den Uffizien. Ich sehe keine Menschen, die an den Tischen auf dem Bürgersteig der Piazza della Signoria zu Abend essen, obwohl dort welche gesessen haben müssen, denn es war Ende August. In meiner Erinnerung sehe ich nur uns beide, wie wir nebeneinander hergehen, sorgfältig auf Abstand bedacht, da wir die magnetische Anziehungskraft zwischen uns spürten und ein wenig fürchteten, dass sie uns unzertrennlich machen könnte, wenn wir uns nur noch einen Millimeter weiter annäherten.

Du sagtest, was dir in den Sinn kam, sprachst unbefangen über dein Leben, äußertest deine Meinung und ändertest sie manchmal mitten im Satz. Ich staunte über dich. Deine Offenheit entlockte mir Gedanken, die ich mir vorher nicht einmal selbst eingestanden hatte, löste die Knoten der Angst und entwirrte mich auf seltsame, angenehme Weise.

Bei meinen zahlreichen Beziehungsgeschichten hatte ich bis zu jenem Tag nicht erlebt, wie es ist, wenn man sich einfach mit jemandem wohlfühlt. Aber ich spürte auch einen leichten Schwindel, wie von einem Schluck Champagner auf leeren Magen, während mein Verstand versuchte, Fragen zu formulieren, die ich mich nicht zu stellen traute.

Passiert hier gerade etwas? Spürst du es auch?

Erst viel später am Abend erhielt ich meine Antwort.

Die Restaurants waren geschlossen, die Geschäfte verriegelt, und wir waren allein. Unsere Schritte hallten über das Pflaster, während wir uns leise unterhielten, als hätten wir Respekt vor der schlafenden Stadt. Auf dem Ponte Vecchio blieben wir stehen und blickten auf den Fluss hinunter, der im Mondlicht moderig und schwarz aussah, und keiner von uns traute sich, den nächsten Schritt zu tun.

Um wie üblich einen intimen Moment hinauszuzögern, erwähnte ich etwas, das ich gelesen hatte und von dem ich meinte, es würde tiefgründig klingen – etwas über zufällige Kausalitäten. Offenbar könne der Flügelschlag eines Schmetterlings Tausende Kilometer entfernt ein Unwetter verursachen.

Du drehtest dich um und sahst mir mit einem unschuldigen und zugleich selbstsicheren Lächeln in die Augen.

»Oder einen Regenbogen«, sagtest du. »Denn es muss ja nicht unbedingt etwas Schlimmes sein.«

Plötzlich gab es keinen Raum mehr zwischen uns. Meine Hände lagen auf deiner Taille und spürten durch den dünnen Stoff deines Sommerkleids deine warme Haut. Dein Körper war so zart und doch so entschlossen, dass ich dich mit unendlicher Vorsicht behandeln wollte, wie das kostbarste Porzellan, um dich dann mit meiner Leidenschaft zu überwältigen. Unser erster Kuss war eine köstliche Alchimie aus Verlangen und Zurückhaltung. Wir rückten einen Moment voneinander ab und sahen uns an, dann gab es nur noch Verlangen.

Als wir uns das erste Mal liebten, unter einer mit Bändern und Engeln bemalten Decke in der Villa, in der wir beide wohnten, fühlte es sich an, als würden sich unsere Körper und Seelen durch die Vereinigung auflösen. Das Gefühl war so intensiv, dass sich ein Schrei aus meiner Kehle löste, und anschließend fühlte ich mich so verletzlich und beschützt zugleich, als wäre ich verloren und gleichzeitig gerettet worden.

Ich wache auf und drehe mich auf die Seite. Noch im Halbschlaf erwarte ich, dass du mich ansiehst – dein engelsgleiches Gesicht auf einer schneeweißen Kissenwolke, wie am ersten Morgen. Aber hier, in dieser Junggesellenbude in der City gibt es nur das männliche Marineblau der Leihbettwäsche.

Mir geht durch den Kopf, dass ich vielleicht nie wieder neben dir aufwachen werde.

Und ich höre mich in diesem fremden, leeren Raum vor unterdrückter Verzweiflung schluchzen.

Warum musste uns das passieren? Warum jetzt?

Die Sonne steht tief am Himmel und übertüncht die Wände des Schlafzimmers mit einem korallenroten Schimmer.

Ich muss aufstehen, duschen und etwas essen, bevor ich wieder auf die Station gehe.

Ich vermisse dich, Tess. Ich sehne mich danach, bei dir zu sein. Aber du wolltest es so haben.

Tess

1. Kapitel

Sommer 2013

In jener ersten Nacht, als ich zu unserer himmlischen Decke hinaufblickte und dem sanften Rhythmus seines Atems lauschte, musste ich daran denken, wie verzaubert ich als Kind gewesen war, wenn meine Mutter mir vor dem Schlafengehen vorlas.

Ich kann nicht älter als vier gewesen sein, denn mit fünf Jahren konnte ich schon selbst lesen und verschlang jede Woche so viele Bücher, dass die nette Bibliothekarin mich mit Namen kannte und mir alle Neuerscheinungen empfahl.

»Es war einmal …« Wenn ich die Augen schloss, döste ich langsam ein und nahm entfernt wahr, wie Mums Stimme verklang, während Bilder von Schlössern mit Türmen durch meinen Kopf geisterten. Von Prinzessinnen, die so zart waren, dass sie gläserne Schuhe trugen oder eine Erbse durch ein Dutzend Matratzen fühlen konnten.

Die Geschichte von Gus und mir klang wie ein Märchen. Als wir uns an jenem ersten Abend in Florenz unterhielten, stellten wir fest, dass sich unsere Wege bei vielen Gelegenheiten gekreuzt haben mussten. Wir hatten im selben Flugzeug gesessen, waren auf demselben Konzert gewesen und wohnten nun an verschiedenen Enden derselben Londoner Straße. Es gab so viele andere verpasste Gelegenheiten, dass sich unsere Begegnung in der Kirche, in der wir uns zum ersten Mal gesehen hatten, eher wie Schicksal als wie reiner Zufall anfühlte. Es war, als hätten wir viele Hindernisse überwinden müssen, bevor wir uns endlich richtig begegneten. Wie der Prinz, der sich durch wucherndes Gestrüpp einen Weg zu Dornröschen schlagen muss, oder Aschenputtel, das die ganze verdammte Hausarbeit macht, bevor es zum Ball geht.

»Vielleicht verpassen sich aber auch alle Menschen ständig«, sagte Gus, als wir an einem Tisch auf dem Bürgersteig im Oltrarno saßen. »Wenn man bedenkt, wie viele Leben sich nur für eine Sekunde mit unserem kreuzen …«

Er machte eine Geste in Richtung der Einheimischen, die ihre abendliche passeggiata auf dem Platz unternahmen.

»All die Menschen, neben denen du jemals in der Schlange für einen Kaffee angestanden oder die du auf der Rolltreppe zur U-Bahn überholt hast? Vielleicht war das heute einfach nur Zufall?«

Beim Blick in den sich verdunkelnden Himmel beschloss ich, dass ein Zufall genauso romantisch war wie Schicksal, denn es bedeutete, dass es für alle Hoffnung gab.

Am Morgen wachte ich vor ihm auf. Ich verhielt mich so still wie möglich und kam mir etwas verstohlen vor, als ich sein Gesicht musterte. Schlafend sah er jünger aus als 34, eher wie ein Junge als wie ein Märchenprinz, mit rotbraunem Haar und einem sommersprossigen, hellen Teint, der sich nicht jeden Tag rasieren musste. Gerade als ich mich fragte, ob ich es wagen sollte, ihn wach zu küssen, bewegte er sich. Sein Atem roch ein wenig nach Knoblauch von der Pizza, die wir am Vorabend gegessen hatten. Ich überlegte, ob ich mich auf Zehenspitzen ins Bad schleichen könnte, um mir die Zähne zu putzen, ohne ihn zu stören, als er die Augen öffnete und mich eine Sekunde lang verwirrt ansah, bevor er sich erinnerte. Dann lächelte er und zog mich auf sich. Als wir uns küssten, wurde mein Körper von so intensiver Zuneigung und Sinnlichkeit durchdrungen, dass es sich anfühlte, als würde es niemals enden.

In der Nacht zuvor hatten wir uns wie von Sinnen geliebt, als hätten wir versucht, direkt zum Kern des anderen vorzudringen. Jetzt ließen wir uns viel Zeit und genossen es. Ich hatte nie gedacht, dass ich gut in Sex sei. Wenn ich neben früheren Liebhabern gelegen hatte, schien ich immer einen Arm oder ein Bein zu viel zu haben und wusste nicht, wohin damit. Die Nacktheit schien nur zu betonen, wie lang und unvollkommen mein Körper war, und ich wusste nie, ob ich genug oder zu viel Geräusche von mir gab. Aber mit Gus fühlte es sich völlig natürlich und unfassbar vollkommen an.

Schließlich bot er freiwillig an, uns Frühstück zu holen, und kam mit Erdbeeren und kleinen Gebäckstücken zurück. Wir liebten uns wieder, seine Lippen mit Puderzucker bestäubt, dann dösten wir, bis uns die Sonnenstrahlen blendeten, die durch die Fensterläden fielen. Entschlossen schlug ich das weiße Baumwolllaken zurück.

»Wir dürfen einen so schönen Tag nicht vergeuden …«

»Vergeuden?« Er grinste mich an.

»Du weißt schon, was ich meine …«

Manche Orte ähneln den Ansichten, die man von Postkarten kennt, so sehr, dass sie einem unwirklich erscheinen, wenn man dort ist. In Pisa, wohin wir an unserem ersten Tag fuhren, war der Himmel so blau, der exakt geschnittene Rasen so grün und die filigranen Marmorverzierungen des Doms und des Glockenturms so weiß, dass es fast war, als würden wir durch eine computergenerierte Landschaft schlendern. Die mittelalterlichen Kopfsteinpflasterstraßen und -plätze von San Gimignano an unserem zweiten Tag wirkten wie eine Filmkulisse für Romeo und Julia. Und ich war mit einem Fremden dorthin gestolpert, der genauso verliebt war wie ich.

In meinem Kopf fand ein unablässiger Dialog statt. Passiert das wirklich? Ist es Liebe oder nur Lust? Warum existiert die Liebe überhaupt? Lust allein würde für die Evolution doch genügen, warum also mussten Gott oder die Natur all diese Emotionen dazutun, deren außerordentliche Freude die Qualen vorwegzunehmen schien?

Herrgott, sag das bloß nicht laut!

Zu den Adjektiven jungenhaft, charmant, sexy, mit denen ich Gus anfangs beschrieben hatte, fügte ich bald noch bekümmert hinzu. Als wir uns über unsere bisherigen Leben unterhielten, wurde deutlich, dass er zwar materiell bessergestellt, aber weitaus unzufriedener war als ich.

Wir hatten beide in unserem Leben großes Leid erfahren. Meine Mutter starb, als ich 18 war. Etwa im gleichen Alter war Gus’ älterer Bruder Ross bei einem Skiunfall ums Leben gekommen. Mein Leben hatte sich grundlegend verändert und ich vermisste meine Mutter jeden Tag, aber ich hatte immer versucht, das Beste aus allem zu machen, so wie sie früher. Gus und seine Familie schienen wie paralysiert gewesen zu sein. Seine Eltern waren nicht darüber hinweggekommen und hatten sich scheiden lassen und Gus’ Leben war von der Tragödie überschattet worden. Am Ende hatte er sogar die Freundin seines Bruders geheiratet – eine Verbindung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Manchmal wurde er ganz still, als wäre er mit seinen Gedanken woanders. Umso befriedigender war es, wenn es mir gelang, ihn zum Lächeln zu bringen. Wie Jane Eyre herausfand, gibt es nichts Schöneres, als einen traurigen Menschen glücklich zu machen.

Was nicht heißen soll, dass er keine gute Gesellschaft war. Er besaß einen derart trockenen Humor, dass ich manchmal nicht merkte, wenn er sich über mich lustig machte, doch er war nie gemein. Gus war ein sanfter Mann.

Als meine beste Freundin Doll und ich Teenager waren und uns jede Woche in ein anderes Mitglied von Take That verliebten, warnte uns meine Mum immer, dass gutes Aussehen nicht alles sei. Was ihr wollt, ist ein netter Mann, erklärte sie uns.

Nicht, dass Gus nicht auch gut ausgesehen hätte. Und interessant war. Er wusste alles über Kunst und Architektur und zeigte mir Details, die ich nie bemerkt hätte, wie die unterschiedlich gestalteten Laternenpfähle in jeder toskanischen Stadt und die blassen Horizonte von Piero della Francescas Himmeln. Er war großzügig und bot immer wieder an, mir kitschigen Schmuck zu kaufen, wenn wir an Marktständen vorbeikamen, sodass ich schließlich aufhörte, ihm welchen zu zeigen. Und er liebte Eis genauso wie ich.

Es gibt Paare, bei denen eine Person, meist ist es die Frau, im Schatten des anderen steht. Bei Mum und Dad war es so. Und vielleicht hatte ich das von ihr übernommen, denn kein Mann in meinem Leben hatte sich je für meine Meinung interessiert. Leo, mein letzter Partner, hatte nur so getan, wenn er Sex wollte. Als ich das schließlich begriffen hatte, kam ich mir wie eine Prostituierte vor, die damit bezahlt wurde, dass er mit dem Kopf nickte und »Das ist eine hervorragende Idee« sagte.

Aber mit Gus war es anders. Er hörte sich alles an, was ich sagte, unterbrach mich nie und schaute auch nicht auf die Uhr. Bei ihm fühlte ich mich gleichberechtigt.

Unser dritter gemeinsamer Morgen war der erste, an dem ich mich nach dem Aufwachen nicht fest zwickte. Ich hatte mich an Gus’ Form, sein Gewicht und seine Wärme auf der bequemen Matratze gewöhnt. Ich genoss es, dort in der leicht kühlen Morgendämmerung zu liegen, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, den Blick auf das Gemälde über mir gerichtet und den Vortag Revue passieren zu lassen.

In einer Trattoria voller Italiener, die dort zu Mittag aßen, hatte er mir beigebracht, wie man Spaghetti wie ein Einheimischer aufwickelte – nur mit der Gabel. Als er sanft meine Hand führte und mir aufmerksam in die Augen sah, hatte es sich fast so intim wie ein Vorspiel angefühlt.

Beim Kaffee hatte er angemerkt, dass ich mir das Leben aller anderen Gäste vorzustellen schien. Woraufhin ich ihm anvertraute, dass es mein Traum sei, Schriftstellerin zu werden. »Das ergibt Sinn«, hatte er nur gesagt und genickt.

Jetzt beobachtete ich sein Gesicht, während er schlief, und fragte mich, wovon er wohl träumte. Er regte sich, schlug die Augen auf und lächelte.

»Gibt es einen Ort, den du vor deiner Abreise unbedingt noch sehen möchtest?«

Es war das erste Mal, dass er meine Abreise erwähnte. Gus hatte noch eine weitere Woche gebucht. Plötzlich befielen mich Zweifel.

War unsere Beziehung eine Illusion, die außerhalb der magischen Landschaft Italiens keinen Bestand hatte? War es nur eine Urlaubsromanze? Ich hatte noch nie eine gehabt. Ich wusste nicht, wie so etwas lief.

»Was?«, fragte er.

»Unser letzter Tag!«

Die Worte klangen, als würde mich jemand würgen.

»Wir wohnen in der gleichen Straße, Tess. Ich gehe fast jeden Tag an dem Salon vorbei, in dem du arbeitest. Jetzt wirst du mich nicht mehr los!« Er lächelte und nahm meine Hand. »Es ist unser letzter Tag in Italien. Wenn ich zurück bin, wird es unser erster Tag in London sein.«

Das war schön. Aber wenn andersherum ich diejenige gewesen wäre, die eine weitere Woche gebucht hatte, wäre ich dann allein dageblieben?

Ich sagte mir, wenn wir zusammen sein würden, mussten wir unweigerlich auch Zeit getrennt verbringen, oder? Und falls nicht, dann sollte ich alles dafür tun, dass wir diesen Tag so lebten, als wäre es tatsächlich unser letzter.

»Wie weit ist Assisi entfernt?«

Es stellte sich heraus, dass es viel weiter war, als ich erwartet hatte, aber Gus fuhr gern Auto.

»Warum Assisi?«, fragte er, als wir uns vergewissert hatten, dass wir auf dem richtigen Weg waren.

»Es war der erste italienische Ort, von dem ich je gehört habe. Meine Mutter hatte eine Postkarte von der Stadt. Darauf erhob sie sich aus Sonnenblumenfeldern. Der heilige Franziskus ist doch der Lieblingsheilige aller, oder?«

Die Postkarte stammte von einer von Mums Kirchenfreundinnen, die eine Pauschalreise mit Pilgrim Air unternommen hatte. Sie stand auf dem Regal in unserer Küche hinter ihren anderen wertvollen Souvenirs, wie der Schneekugel, die mein Bruder Kevin aus New York geschickt hatte, und dem bemalten Teller aus Teneriffa mit dem Motto: Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.

Ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter mir erzählt hatte, dass der heilige Franziskus zu den Tieren sprach, und wie ich eines Sonntagnachmittags, als ich Doktor Doolittle sah, rief, dass der heilige Franziskus im Fernsehen zu sehen sei. Dies wurde eine der Anekdoten, die sie Tante Catriona erzählte, als wir in den Ferien nach Irland fuhren.

»Bist du praktizierende Katholikin?«, fragte Gus.

Es war seltsam, denn in mancher Hinsicht kannten wir uns in- und auswendig, in anderer waren wir uns noch völlig fremd.

»Ich verlor mit zwölf den Glauben und wollte mich danach nicht mehr firmen lassen«, erzählte ich ihm. »Es brach Mum das Herz … Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach ihr zuliebe mitgemacht habe. Vielleicht hatte ich mich noch nicht weit genug vom Glauben gelöst, um keine Sünde darin zu sehen …«

Gus löste den Blick für einen Moment von der Straße und sah mich verwirrt an – woran ich mich allmählich gewöhnte.

»Ist deine Familie religiös?«, fragte ich.

»Meine Mutter würde sagen, dass sie der Kirche von England angehört, obwohl sie nie hingeht. Mein Vater hält sich für einen Wissenschaftler und da es keinen Beweis für Gott gibt, kann er auch nicht existieren.«

Wir wechselten von einer Autobahn auf eine andere.

»Wir sollten pünktlich zum Mittagessen da sein«, sagte er. »Ich habe einen Mordshunger, du nicht?«

Mir fiel auf, dass er schnell das Thema wechselte, wann immer wir auf seine Familie zu sprechen kamen. Vielleicht waren es unterdrückte Gefühle? Gus war auf einer Privatschule gewesen und sagte, wenn man dort Gefühle zeigte, sei man angreifbar gewesen. Ich kannte ihn nicht gut genug, um genauer nachzufragen.

»Und du?«, hakte ich nach. »Wie stehst du zur Religion?«

»Ich liebe Kirchen. Man trifft dort erstaunliche Menschen.« Er lächelte mich an. Dann, vielleicht weil er an meinem Stirnrunzeln erkannte, dass er nicht mit einem weiteren Ausweichmanöver davonkommen würde, fügte er hinzu: »Ich bewundere die Hingabe, mit der die Menschen sich darum bemüht haben, etwas so unglaublich Schönes zu schaffen. Aber ich verstehe es nicht wirklich.«

»Meine Mutter hat immer gesagt, man müsse den ersten Schritt tun und glauben, der Rest ergebe sich dann. Aber bei mir hat das nie funktioniert.«

Die Sonnenblumen in der umbrischen Ebene verfärbten sich bereits von Gold zu Braun und verliehen der Landschaft eine herbstlichere Tönung als das leuchtende Gelb auf der Postkarte meiner Mutter. Ich war froh, dass die Ernte noch nicht begonnen hatte, denn wenn die Felder bis auf die braune Erde abgeerntet gewesen wären, wäre ich enttäuscht gewesen.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte Gus: »Ich habe in Van Goghs Sonnenblumen in der Nationalgalerie immer ein eher trauriges Gemälde über die Vergänglichkeit des Lebens gesehen als das leuchtende Blumenbouquet, das andere Leute zu sehen scheinen.«

Das war typisch Gus. Zuerst dachte ich, dass er tiefgründiger als ich sei, aber eigentlich war die Frage Sind Van Goghs Sonnenblumen tot oder lebendig? nur eine Mittelschichtvariante von Ist das Glas halb voll oder halb leer.

In einem Restaurant in der Nähe des Hauptplatzes bestellte Gus mit Kürbis gefüllte Pasta in einer Soße aus geschmolzener Butter und mit einem frittierten Blatt obendrauf, das er für Salbei hielt.

»Was sagst du?«, fragte er, als ich zögernd davon probierte.

Gus war ein kleiner Feinschmecker. Ich achtete nie besonders auf das, was ich aß. Zu Hause hatten wir nie viel Geld gehabt, und unsere exotischste Delikatesse war das Chicken Tikka Masala, das mein Vater samstags mitbrachte, wenn er einen guten Nachmittag im Wettbüro gehabt hatte. Die einzige Person, für die ich kochen musste, war meine kleine Schwester Hope, die alles ablehnte, was von unserer üblichen Routine abwich. Montags gab es Würstchen mit Kartoffelbrei, dienstags Makkaroni mit Käse – die einzige Nudelsorte, die ich vor meiner Reise nach Italien gegessen hatte, abgesehen von Spaghetti aus der Dose auf Toast, die wir donnerstags manchmal statt Bohnen aßen.

Ich versuchte, mich auf die feinen Aromen in meinem Mund zu konzentrieren, und machte ein nachdenkliches Gesicht wie die Restaurantkritiker bei MasterChef.

»Schmeckt erdig mit leicht süßen, blumigen Noten. Fast so, als würde man einen Garten essen.«

Gus lachte, aber ich glaube, er merkte nicht, dass ich einen Scherz machte.

Ich erinnerte mich an die Spiele, die meine beste Freundin Doll und ich früher immer auf langen Zugfahrten gespielt hatten. Wenn du eine letzte Mahlzeit essen dürftest, welche wäre das? Doll änderte ihre Meinung je nachdem, welches Partyessen gerade in der Hello gehypt wurde. Oft war es so etwas wie Cocktail-Blinis und Mini-Pavlovas, die sie noch nie gegessen hatte und von denen sie nicht einmal wusste, wie man sie aussprach. Bei mir gab es immer weiche Eier und Pommes frites. Ich könnte mir vorstellen, dass Gus seine Auswahl ernsthaft überlegen und nur Biozutaten wählen würde.

Die Basilica di San Francesco war eine ganz andere Nummer als der Rest von Assisi. Wie die Kathedrale einer Hauptstadt stand sie am Rande eines kleinen Ortes auf einem Hügel. Durch die hohen Fenster strömte viel Licht herein und ließ den Innenraum strahlen. Giottos Fresken, die das Leben des Heiligen darstellten, leuchteten so, als wäre die Farbe gerade erst getrocknet.

Ein Priester in dem groben braunen Gewand des Franziskanerordens sorgte für eine düstere, ehrfurchtsvolle Atmosphäre, indem er jedes Mal mit tiefer Stimme »Silenzio!« rief, wenn ihm Gus’ Kommentare zu laut wurden.

Wir starrten auf die Tafel mit dem heiligen Franziskus, der Dämonen aus einer kleinen ummauerten Stadt exorzierte. Es war eindeutig die, durch die wir gerade gegangen waren. Die Dämonen waren böse aussehende Kreaturen, halb Mensch, halb Fledermaus.

»Ich frage mich, ob der heilige Franziskus schizophren war«, flüsterte Gus. »Ich meine, er hatte eindeutig Halluzinationen und hörte Stimmen …«

Ich hatte noch nie jemanden so über Geschichten reden hören, die mir als Fakten beigebracht worden waren. Ich erschauerte aus Angst vor den Folgen einer solchen Ketzerei und sah über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass der Priester nicht mehr in Hörweite war.

»Damals wussten die Menschen noch nichts über Geisteskrankheiten«, fuhr Gus fort. »Wie hätten sich seltsame Dinge besser erklären lassen, als damit, dass sie von etwas Äußerem herrühren und nicht von der Fehlschaltung eines Neurons?«

Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass es eine medizinische Erklärung für Wunder geben könnte.

»Wenn das der Fall ist«, flüsterte ich, »bin ich aber froh, dass sie es nicht wussten.«

»Warum?«

»Wenn die Leute ihn einfach nur für verrückt gehalten hätten, hätte er sie nicht zu diesen überwältigenden Kunstwerken inspiriert, oder?«

Draußen setzten wir uns auf eine warme Mauer in die Sonne. Keiner von uns sagte ein Wort, als bräuchten wir Zeit, über die Gefühle nachzudenken, die dieser Ort in uns ausgelöst hatte. Unter uns, auf einem überwucherten Felsvorsprung, flatterte ein einzelner weißer Schmetterling zwischen gelben Wildblumen. Unter uns schwebten gelegentlich Flugzeuge ins Sonnenblumental und landeten auf dem Flugplatz von Perugia. Ich fragte mich, ob die Piloten sich beim Anblick der riesigen Basilika bekreuzigten; sie war wie ein Leuchtturm, der ihnen den sicheren Weg wies.

Ich wünschte, meine Mutter könnte mich an diesem heiligen Ort sehen. Als sie starb, vermisste ich es weniger, mit ihr über Probleme sprechen zu können, als über die schönen Dinge. Vorher war mir gar nicht aufgefallen, wie sehr ihre Freude über meine kleinen Erfolge oder schöne Sachen, die ich gesehen hatte, meine eigene Freude verstärkt hatte. Ein Teil der Freude über eine neue Erfahrung war die Vorfreude darauf gewesen, ihr davon zu erzählen.

Ich spürte, wie Gus’ meine Hand nahm. Die Berührung seiner Finger war noch so ungewohnt, dass sich mein Puls beschleunigte.

»Tess …«

Er sagte oft meinen Namen, als ob er mich etwas fragen wollte, dann wartete ich, doch es kam keine Frage.

In diesem Moment lief der strenge Priester aus der Kirche an uns vorbei. Aus den voluminösen Falten seines Habits ertönte ein Klingelton, der immer lauter wurde, bis es ihm schließlich gelang, das Handy herauszuholen.

»Pronto?«

»Silenzio!«, sagte Gus.

Der Priester warf uns einen strengen Blick zu, dann zuckte er mit den Schultern, als ob er meinetwegen sagen wollte.

»Tess?«, begann Gus erneut.

»Ja?«

»Mit dir habe ich das Gefühl, an der Welt teilzuhaben und sie nicht nur aus der Ferne zu beobachten.«

»Ich hoffe, das ist in Ordnung?«, antwortete ich lächerlicherweise, während mir der Wind das Haar in die Augen wehte.

»Es ist ein verdammtes Wunder!«

Er nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und küsste mich so leidenschaftlich, dass es sich anfühlte, als würde mein ganzes Wesen vor Freude explodieren. Dann löste er sich von mir und die Angst in seinen wunderbar ausdrucksstarken Augen wich Glück, als er mich in die Arme schloss und mich festhielt.

»Sieh nur, Mum, ich bin mit diesem netten Mann an diesem wundervollen Ort«, rief ich im Geiste zu ihr hinauf.

Als wir zum Auto zurückgingen, war es ruhig in der Hauptstraße; die Hälfte lag im Schatten, die andere war noch vom Sonnenlicht weiß gebleicht. Ich dachte an all die Pilger, die über diese warmen Pflastersteine getrottet waren, und genoss das erhebende, privilegierte Gefühl, das ich bisher nur in Italien erlebt habe – zugleich Teil der Vergangenheit und der Gegenwart zu sein.

»Glaubst du, unser Leben wäre anders verlaufen, wenn wir uns mit 18 Jahren bereits kennengelernt hätten?«, fragte Gus.

»Ja.«

»Ich wünschte, es wäre so gewesen.«

»Es hat keinen Sinn, darüber zu jammern, was hätte sein können. Wir können nur das Beste aus dem machen, was jetzt kommt«, sagte ich. Es klang wie ein Motto meiner Mutter.

»Sieh mal!« Gus zeigte auf ein Schild an einem Haus mit der Aufschrift Vendesi. Er blieb stehen und ergriff meine Hände. »Warum ziehen wir nicht hierher? Du könntest schreiben …«

Für einen Moment stellte ich mir ein Dachzimmer unter den Terrakottaschindeln vor, einen hölzernen Schreibtisch, von dem aus ich auf ein Meer aus goldenen Sonnenblumen blicken und mich inspirieren lassen konnte.

»Und was würdest du tun?«, fragte ich.

Er wirkte etwas verlegen. »Ich wollte schon immer malen. Ich wollte auf die Kunsthochschule gehen …«

»Wie bist du dann beim Medizinstudium gelandet?«

»In unserer Familie war das fast genetisch vorherbestimmt. Ross hat Medizin studiert, als er … also habe ich …«

Ich hatte ihn mir bislang nicht so richtig als Arzt vorstellen können. Er war so viel unsicherer als die Ärzte, die ich bisher kennengelernt hatte, aber vielleicht waren sie außerhalb des Dienstes auch anders. Wie ein Puzzle entstand aus den einzelnen Informationen in meinem Kopf allmählich ein Bild von seinem Leben. Jetzt, da ich wusste, dass er Medizin studiert hatte, um den Verlust seiner Eltern zu kompensieren, ergab das mehr Sinn.

Ich stellte in meinem Fantasiezimmer eine Staffelei neben den Schreibtisch und setzte Gus davor, der auf seiner Palette verschiedene Ockertöne mischte.

Abends, wenn die Sonne am Horizont versank, würde er seinen Pinsel weglegen und ich meinen Laptop zuklappen. Wir würden zu unserer passeggiata aufbrechen, zum Hauptplatz schlendern, uns ein Eis kaufen und in fließendem Italienisch unsere Nachbarn grüßen.

»Was sollte uns daran hindern?«, fragte er.

Wie als Antwort auf die Frage klingelte sein Telefon, der Klingelton wirkte in dieser alten Straße genauso schrill und unpassend wie zuvor bei dem Priester. Gus ging auf die schattige Seite der Straße, um das Display zu sehen. Ich schlenderte weiter, um ihn nicht zu stören, aber in der Stille des Nachmittags konnte ich jedes Wort hören.

»Bella? Was ist los, Süße? Nein, natürlich musst du nichts tun, was du nicht willst … Italien … Ich wünschte auch, du wärst hier …«

»Ist alles in Ordnung?«, fragte ich, als er mich einholte.

»Meine Jüngste.« Er sah aufgewühlt aus.

»Ihr gefällt es nicht im Ferienlager. Ich hoffe, sie wird nicht gemobbt …«

Ich hütete mich, eine Meinung zu äußern. Das war ein neues Terrain und ich war nicht darauf vorbereitet, es so bald schon zu betreten.

»Willst du mit …?«

Ich wusste nicht, wie ich den Satz beenden sollte. Deiner Frau telefonieren? Deiner Ex-Frau? Er hatte mir erzählt, dass sie Charlotte hieß, aber das könnte zu vertraut klingen.

Er zögerte.

»Nein, schon in Ordnung. Es ist sicher alles okay.«

Seine beiden Töchter lebten jetzt mit ihrer Mutter in Genf. Ich wusste, dass er sie vermisste, aber mir war nicht klar gewesen, wie schwierig das sein musste – all die kleinen Alltagssorgen zu hören und aus der Ferne nichts tun zu können.

Er lächelte mich an, aber ich konnte erkennen, dass seine Gedanken wieder zur realen Welt gewandert waren.

An italienischen Sommertagen wird es früh dunkel und wir waren noch auf dem Rückweg nach Florenz, als der blutrote Sonnenuntergang in Schwarz überging. Die Fahrt über die unbeleuchtete Autobahn fühlte sich an, als würden wir durch einen Tunnel fahren. Das Innere des Wagens war so erfüllt von Gus’ Unruhe, dass ich seine Konzentration nicht mit Worten stören wollte. Die Atmosphäre war so anders und ich wusste nicht, wie ich die unbeschwerte Leichtigkeit vom Morgen wiederherstellen sollte. Es war, als würde ich mit einer anderen Person noch einmal von vorn anfangen. Und dafür war nicht genug Zeit, denn mein Flugzeug ging in weniger als zwölf Stunden.

Ich versuchte, mich zu beruhigen, und erinnerte mich an eine andere Anekdote, die meine Mutter ihrer Schwester in den gemeinsamen Sommerferien erzählt hatte. Wir Kinder sollten draußen spielen, während die Erwachsenen Tee aus Tante Catrionas bestem Porzellan tranken. Ich lauschte jedoch an der Tür, wie sie sich gegenseitig damit zu übertrumpfen versuchten, was ihre Kinder Schlaues gesagt oder getan hatten. Meine Mutter erzählte, wie sie einmal dachte, ich sei nach meiner Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen. Sie schlug ganz leise das Buch zu, stand vorsichtig auf und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Doch plötzlich richtete ich mich kerzengerade im Bett auf und fragte: »Woher weißt du das?«

Sie hatte geseufzt. »Was weiß ich, Tess?«

»Dass der Prinz und die Prinzessin für immer glücklich miteinander sind?«

»Weil Märchen immer so enden, Tess.«

»Aber sie haben sich doch gerade erst kennengelernt!«

Bei dieser Geschichte hatte sich Tante Catrionas sonst so strenges Gesicht entspannt und sie hatte Mum einen fast verschwörerischen Blick zugeworfen. »Tja, hat sie da nicht recht, Mary? Sich zu verlieben, ist nur der Anfang der Geschichte«, hatte sie dann mit einem seltsamen Lachen gesagt, das eher traurig als fröhlich klang.

2. Kapitel

Bei meiner Rückkehr nach London regnete es, was kein gutes Omen für das war, was mir an diesem Nachmittag bevorstand. Wegen der vielen Flyer, die sich hinter der Haustür stapelten, musste ich sie mit Kraft aufdrücken. Ich sammelte sie auf, stieg die Treppe hoch und schloss auf.

Die meisten Flyer warben für Lieferdienste. Sie zeigten leuchtende Pizzen mit purpurner Salami, die nicht annähernd so aussahen wie die, die wir an unserem ersten Abend neben der beleuchteten Fassade von Santo Spirito gegessen hatten.

In der Post fanden sich außerdem ein Kontoauszug, eine Stromrechnung und eine Postkarte mit einem Wimpel auf der Vorderseite, auf dem »Welcome Home« stand, und einer Nachricht in Dolls krakeliger Handschrift.

»Ruf mich an, sobald du zurück bist. Ich platze vor Neugier.« Ich bemerkte, dass sie das zweite Wort des zweiten Satzes mit einem »S« begonnen und dann durchgestrichen hatte. Vermutlich hatte sie »sterbe« schreiben wollen, es sich aber angesichts meines Termins noch einmal anders überlegt.

Ich blickte durchs Fenster auf die Straße. Bunte Regenschirme waren der einzige Kontrast zum Grau von Asphalt und Himmel. Markthändler kauerten mit Teebechern unter ihren tropfenden Ständen.

Ich stellte mir vor, wie Gus im Schatten eines gelben Sonnenschirms vor dem strahlend blauen Himmel einen Espresso trank.

Er hatte gesagt, ich solle ihm Bescheid geben, wenn ich sicher zu Hause angekommen sei, aber ich wusste nicht, was eine angemessene Nachricht wäre.

Sicher gelandet. Ich hoffe, du hast Spaß!, klang vielleicht etwas verbittert.

Wir hatten es uns zwar schon mehrmals gesagt, aber Ich liebe dich! wirkte irgendwie etwas anmaßend, als ich es das erste Mal geschrieben sah.

Er hatte mich zum Flughafen gefahren und bis zum letzten Moment auf Zehenspitzen gestanden und gewunken, bis ich hinter der Sicherheitskontrolle verschwunden war. Doch wahrscheinlich hatte er, noch bevor mein Flugzeug in der Luft war, seine Ex-Frau wegen seiner Tochter angerufen. Gus und ich befanden uns einfach an sehr unterschiedlichen Orten, und zwar nicht nur geografisch. Nach der Opulenz unseres toskanischen Zimmers kam mir meine Studiowohnung mit den selbst gebauten Bücherregalen ziemlich schäbig vor.

Nachdem ich mehrere Nachrichten verfasst und dann gelöscht hatte, drückte ich schließlich auf »Senden« bei Sicher gelandet. Vermiss dich! Die nächste Stunde grübelte ich beim Auspacken darüber nach, ob das nicht zu emotional gewesen war, bis mein Telefon Ich dich auch! meldete, was ein Glücksgefühl in meiner Brust aufwallen ließ.

Ich duschte und zog ein marineblaues Hemdblusenkleid mit weißen Punkten an. Als ich den Gürtel schloss und den Stoff über meinen Hüften glattstrich, spürte ich seine Berührungen noch überall auf meiner Haut. Ein albernes Lächeln erschien auf meinem Gesicht, bis ich den Zustand meiner Zehennägel nach einer Woche in Flip-Flops bemerkte. So konnte ich nicht zur Arbeit gehen. Ich entschied mich für ein paar geschlossene Schuhe, in denen ich zwar nicht so gut laufen konnte, doch das machte nichts, denn der Salon, den ich leitete, befand sich im Erdgeschoss unter meiner Wohnung.

Als ich gerade gehen wollte, klingelte mein Telefon. Ich konnte es kaum erwarten, das Gespräch anzunehmen, und war so hastig, dass es mir aus der Hand glitt und auf den Boden fiel. Als ich es aufhob und auf das Display tippte, stellte ich enttäuscht fest, dass es nur Doll war.

»Und wer ist das?«, fragte sie, noch bevor ich überhaupt Hallo gesagt hatte.

»Wer?«

»Du schickst mir ein Selfie von dir und einem geheimnisvollen Mann und dann höre ich vier Tage lang nichts mehr von dir?«

Das Foto, das ich an unserem ersten gemeinsamen Abend auf dem Ponte Vecchio gemacht hatte, hatte ich völlig vergessen.

»Wenigstens ist er groß genug für dich.«

»Er heißt Gus und ich liebe ihn!«, sagte ich, bevor sie weitere Gedanken äußern konnte.

»O mein Gott. Liebt er dich auch?«

»Ich glaube schon.«

»Du glaubst es nur?«

»Er sagt es …«

»Wie ist er denn so?«

»Er ist sehr intelligent …«

»Doch nicht schon wieder ein Akademiker?«, unterbrach Doll alarmiert.

Mein ehemaliger Liebhaber Leo war mein Tutor in dem Abendkurs für Kreatives Schreiben gewesen, den ich belegt hatte, als ich noch in Kent lebte.

»Er ist Arzt.«

»Nicht schlecht! Ist er verheiratet?«

»Nein!« Als ob ich ständig Affären mit verheirateten Männern hätte. »Geschieden.«

»Vermutlich ist das besser, als in seinem Alter unverheiratet zu sein.«

»Ich bin in seinem Alter und nicht verheiratet.«

»Du weißt schon, was ich meine. Kinder?«

»Zwei Töchter, sechs und neun.«

»Das ist eine Menge Ballast, Tess.«

»Aber ich hab doch auch eine Menge Ballast, oder?«

»Mit Hope wahrscheinlich schon.«

Ich hatte damit zwar nicht meine Schwester gemeint, aber Doll und Hope hatten sich nie richtig verstanden.

»Wo wohnt er?«

»Das glaubst du nicht, in einem dieser bemalten Häuser am Ende meiner Straße.«

»Die, von denen du immer geträumt hast?«

Als Doll und ich Teenager waren, flohen wir an den Wochenenden nach London und schlenderten durch Nobelviertel mit hübschen Namen wie Belsize Park und Notting Hill. Wir träumten davon, später ebenso ein Leben zu haben wie die wohlhabenden Leute, denen diese Häuser gehörten. Wahrscheinlich hatte sie deshalb die Portobello Road als Standort für ihre erste Londoner Filiale gewählt.

»Na, falls du einen Beweis gebraucht hast, da ist er«, sagte Doll.

»Wofür?«

»Wenn du etwas willst, musst du es visualisieren, dann passiert es.«

Eines der wenigen Bücher, die Doll je gelesen hatte, hieß The Secret – Das Geheimnis, und sie schwor auf seine Philosophie.

»Bei mir hat es funktioniert«, sagte sie.

»Du hast dein Geschäft nicht nur bekommen, weil du es visualisiert hast, und ich habe mir vieles vorgestellt, nicht nur, in einem dieser Häuser zu leben. Sofern das überhaupt zur Debatte steht …«

Je länger ich laut darüber sprach, desto mehr fragte ich mich, ob ich die ganze Sache mit Gus nur geträumt hatte, so unwahrscheinlich kam sie mir jetzt vor.

»Oh, ihr Kleingläubigen!«, rief Doll, was aus dem Mund einer Person, die nur wieder zur Messe ging, damit ihr Kind die katholische Grundschule besuchen konnte, etwas absurd klang.

»Ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen …«

Würden sie sich verstehen? Leichte Panik stieg in mir auf, als ich mir vorstellte, wie ich sie miteinander bekannt machte und sie seinen etwas altmodischen Charme falsch auffasste.

»Ich wollte gerade zur Arbeit gehen«, sagte ich.

»Nicht nötig«, erwiderte Doll. »Ich habe Aggie gesagt, dass sie dich heute vertreten soll.«

Es war mir immer ein bisschen unangenehm, wenn Doll mit mir als Chefin sprach, was sie seit einem Jahr war, und nicht als beste Freundin, die mich seit meinem vierten Lebensjahr kannte.

»Es wird mich ablenken.«

»Willst du, dass ich dich heute Nachmittag begleite?«

Ich wusste, wenn ich Ja sagte, würde sie kommen, aber sie war mit ihrem zweiten Kind schwanger und ich wollte nicht, dass sie extra nach London fuhr.

Es ist immer nervenaufreibend, auf Testergebnisse zu warten. Man hofft das Beste und bereitet sich gleichzeitig auf das Schlimmste vor. Da man nur ein paar Minuten mit dem Arzt hat, muss man in der Lage sein, vernünftige Fragen zu stellen, ohne in Tränen auszubrechen. Wenn eine weitere Person dabei ist, kann es noch schwieriger werden, weil man dann versucht, die Situation auch für sie erträglicher zu machen.

»Ich komme schon klar«, sagte ich daher.

»Versprichst du mir, dass du mich gleich danach anrufst?«

»Versprochen.«

Ein Nagelstudio war so ziemlich der letzte Ort, an dem ich erwartet hätte, einmal zu arbeiten. Bevor ich den Job annahm, hatte ich selbst noch nie eine Maniküre bekommen, außer beim Abschlussball, als Doll darauf bestanden hatte, mich von Kopf bis Fuß neu zu stylen. Schon in der St.-Cuthbert’s-Grundschule hatte sie gewusst, dass sie Kosmetikerin werden wollte und oft an mir geübt.

Wir waren ein ungleiches Paar. Ich hatte immer ein Buch vor der Nase. Doll war eine echte Stimmungskanone. Sie war zierlich, hübsch und gepflegt. Ich war schon in jungen Jahren sehr groß und hatte widerspenstiges lockiges Haar, das sich jedem Glätteisen verweigerte. In den Schuldiscos wurde Doll von den Jungs umschwärmt, während ich mich an die Wand drückte und das Treiben auf der Tanzfläche beobachtete wie eine Anstandsdame aus einem Georgette-Heyer-Roman. Ich machte mein Abitur, und als ich einen Studienplatz für Englisch am University College London bekam, war Doll bereits berufstätig. In jenem Sommer reisten wir mit dem Rucksack durch Europa. Doll hasste alles, was ich liebte: lange Zugfahrten, in einem Zelt unter freiem Himmel zu schlafen, Museen und – das Schlimmste von allem – Kirchen zu besichtigen. Irgendwie hatten wir es trotzdem geschafft, Spaß zu haben. Es hatte sich jedoch so angefühlt, als wäre es unser letzter gemeinsamer Urlaub, denn unsere Leben entwickelten sich damals bereits in unterschiedliche Richtungen.

Doch als nach meiner Rückkehr meine Mutter starb und ich mich um meine Schwester Hope kümmern musste, änderte sich alles. Hope war damals erst fünf und ich hatte es Mum versprochen. Uns war beiden klar, dass Dad viel zu unzuverlässig war. Aber das bedeutete auch, dass ich das Studium aufgeben musste.

Während Hope aufwuchs und ich als Teilzeitkraft jobbte, hatte Doll es von einem winzigen Nagelstudio in unserer Heimatstadt Margate zu Filialen im ganzen Land gebracht. Dieser Erfolg war allein ihrem Instinkt, ihrem Mut und ihrem Geschick zu verdanken, aber ich war diejenige, die den Namen The Dolls House erfunden hatte.

Als Hope 18 war, zog sie von zu Hause aus und mit Martin zusammen. Ich hatte eine desaströse Affäre mit Leo. Danach verlor ich das Selbstvertrauen und wusste nicht, wohin, bis Doll mir anbot, ihre erste Londoner Filiale zu leiten und in der Wohnung darüber einzuziehen. Sie beharrte darauf, dass ich über »übertragbare Fähigkeiten« verfügte, was sich erstaunlicherweise als richtig herausstellte. Durch meine Arbeit als Lehrassistentin war ich gut im Organisieren. Als Aufsichtsperson in einem Supermarkt hatte ich es mit allen möglichen schwierigen Kunden zu tun bekommen. Das war nicht gerade das, was ich mir für mich vorgestellt hatte, aber meine Mutter hatte immer gesagt, wenn man etwas mit Freude tue, bringe es einem Freude.

»Seit deinem Urlaubsflirt hast du so einen federnden Schritt!«, stellte Aggie fest, die am Empfang arbeitete.

War es so offensichtlich oder hatte Doll ihr das Foto gezeigt?

Die Atmosphäre im Dolls House war eine Mischung aus Junggesellinnenabschied und Beichtstuhl, vor allem, wenn es zu wichtigen Terminen wie Valentins- und Muttertag gratis Prosecco gab. Ich war immer wieder erstaunt, wie viel die Kundinnen fast völlig Fremden offenbarten. Ich vermied es, über mein Privatleben zu sprechen, insbesondere, weil ich kaum eins hatte. Seit ich nach London gezogen war, hatte ich nicht einmal ein Date gehabt.

»Irgendwelche Probleme?«, fragte ich Aggie.

»Das Kartenlesegerät ist wieder kaputt. Und wir haben keinen Gel-Lack in Fuchsia mehr, also habe ich nachbestellt.«

Die millionenschwere Hedgefonds-Managerin, die nie Trinkgeld gab, hatte uns gefragt, ob wir morgens um halb sieben öffnen könnten, da es immer schwieriger wurde, uns in ihren Kalender einzuplanen.

»Und was hast du gesagt?«

»Ich sagte: ›Das soll wohl ein Witz sein!‹« Aggie lächelte.

»Und was hat sie gesagt?«, fragte ich ein wenig nervös, denn sie war eine Stammkundin mit vielen einflussreichen Freundinnen.

»Sie hat es geschafft, doch noch einen Time Slot für mich zu finden.«

Aggie war eine Legende in der Welt der Nägel und schon Wochen im Voraus ausgebucht. Es gefiel mir, dass sie der Finanzfrau eine Lektion in Sachen Angebot und Nachfrage erteilt hatte.

Ich sagte ihr, sie solle sich den Rest des Vormittags freinehmen, was ich dann ein wenig bedauerte, denn ohne ihr unwiderstehliches, keuchendes Lachen war der Raum nur ein stiller Bienenstock, in dem fleißig gearbeitet wurde.

Ich öffnete die Schachtel mit den Cantuccini, die ich im Duty Free gekauft hatte, und rief Luis im Café nebenan an, um Cappuccino für alle zu bestellen. Dann ordnete ich die Zeitschriften, schüttelte die Kissen auf und füllte den Hundenapf mit Wasser. Heutzutage brachten so viele Kundinnen ihre Hunde mit, dass mir der Gedanke gekommen war, Doll sollte eine Art Hundesalon für Köter eröffnen. Wir könnten ihn The Dog House nennen.

Ich war mir nie sicher, ob Dolls Reaktion auf meine Ideen lauten würde: »Das ist ja genial, Tess!« oder »Hast du sie noch alle?«

Seit ich für sie arbeite, hatte ich einige Vorschläge gemacht, die sie als »kreatives Brainstormen« bezeichnete. Sie beherrschte diese ganzen Begriffe und wollte mich sogar als Leiterin für Innovationen in der Hauptverwaltung einstellen, die sich in einem Industriegebiet am Rande unserer Heimatstadt befand. Aber wir wussten beide, dass mein Herz nicht wirklich an Margate oder der Schönheitsbranche hing. Mit 34 hoffte ich immer noch verzweifelt, dass sich mir eine vielversprechende Zukunft eröffnen würde.

In Italien hatte ich zu hoffen gewagt, dass es endlich so weit sein könnte. Es stellte sich heraus, dass Gus und ich, wenn ich an der Uni studiert hätte, im selben Wohnheim untergebracht gewesen wären, vielleicht sogar auf einem Flur nebeneinander. Seine Freundin Nash, die er am ersten Tag kennenlernte, hatte in letzter Minute das Zimmer neben ihm bekommen. Dass ich ihm an diesem Punkt in meinem Leben begegnete, fühlte sich auf seltsame Art so an, als könnte ich mein Erwachsensein vielleicht noch mal von vorn beginnen.

Ich checkte mein Handy und hoffte, dass er an mich dachte, wenn ich an ihn dachte, aber ich hatte keine neuen Nachrichten.

Ich entschied, zum Krankenhaus zu laufen. Der Regen war einem silbrigen Sonnenschein gewichen und die Markthändler priesen ihr Obst und Gemüse zu Schnäppchenpreisen an. Unten an der Straße konnte ich nie widerstehen, einen Blick in die Schaufenster der Antiquitätengeschäfte zu werfen.

Am oberen Ende der Portobello Road hielt ich für einen Moment vor dem Haus an, von dem ich jetzt wusste, dass es Gus gehörte. Es wirkte viel zu erwachsen für ihn. Als Fremde im Ausland waren wir ebenbürtig gewesen. Vielleicht spielten wir in London gar nicht mehr in derselben Liga?

Ich stellte mir vor, wie seine Ex-Frau hinter dem Vorhang stand und auf mich herabschaute.

Ich ging weiter und sah zum hundertsten Mal auf mein Handy. Nichts. Wenn er mich wirklich liebte, hätte er mir dann nicht wenigstens eine Nachricht mit Viel Glück! geschickt? Es sei denn, er gehörte zu den Leuten, die meinten, es bringe Unglück, jemandem viel Glück zu wünschen? Doch in dem Fall, warum hatte er es dann am Flughafen vor acht – waren es tatsächlich erst acht? – Stunden gesagt? Vielleicht dachte er, wie die meisten Männer, wenn sie etwas einmal gesagt hätten, würde das reichen, denn im Allgemeinen schienen Männer nicht so viel Bestätigung zu brauchen wie Frauen.

Vielleicht war ich etwas bedürftig? Aber wenn man nicht bedürftig sein durfte, wenn man auf dem Weg war, seine Testergebnisse zu bekommen, wann dann?

Als ich an einer Ampel stand, versuchte ich, mich abzulenken. War der Mann mit der Sonnenbrille in dem weißen Audi-Cabrio, der ungeduldig den Motor aufheulen ließ, als ich die Kreuzung überquerte, auf dem Weg zu einem wichtigen Termin oder wollte er nur angeben? Und wer saß hinter den getönten Scheiben der schwarzen Limousine? Ein Filmstar oder, so nahe beim Kensington-Palast, vielleicht sogar ein Royal? Ich fragte mich, ob sie mich anschauten und sich fragten, wer ich war und wohin ich in meinem gepunkteten Kleid und meinen Turnschuhen ging. Falls ja, was dachten sie? Managerin? Schriftstellerin? Krebspatientin?

Das BRCA-Gen liegt in unserer Familie. Meine Mutter wurde von Brustkrebs geheilt, erkrankte dann aber an Eierstockkrebs, der zu den versteckten Krebsarten gehört, sodass es fast immer zu spät ist, wenn man die Symptome bemerkt. Als ich also kurz nach meiner Ankunft in London an Brustkrebs erkrankte, entschied ich mich für die radikale Behandlung – eine beidseitige Mastektomie und die Entfernung der Eierstöcke. Ich hatte mich gut erholt, aber in letzter Zeit war ich ein paarmal ohnmächtig geworden, deshalb hatte man mir einen Scan verordnet. Und deshalb hatte Doll eine Woche in der Toskana für mich gebucht – zur Ablenkung oder vielleicht sah sie es auch als meine Version vom Schwimmen mit Delfinen, was anscheinend viele Leute tun, wenn sie nicht mehr lange zu leben haben.

Als ich mich der Onkologieambulanz näherte, verhandelte ich im Geiste mit Gott. Es würde mich nicht einmal stören, wenn der Krebs zurückkäme, wenn ich nur ein oder zwei Jahre mit Gus haben könnte. Denn man hofft doch immer, wenn man auf das Schlimmste vorbereitet ist, würde es irgendwie nicht passieren, oder? Als ich dann durch den Eingang trat, dämmerte mir, dass durchaus beides möglich war – der Krebs könnte zurück und die Sache mit Gus nur eine Affäre ohne Zukunft gewesen sein.

*

In der Onkologie sind alle nett zu dir. Um ehrlich zu sein, macht man sich dann womöglich noch mehr Sorgen.

»Wahrscheinlich die ganzen Nudeln und das Eis!«, sagte ich zu der Krankenschwester, als ich von der Waage stieg.

»Das ist ja wunderbar!«

Bei Krebs finden es alle super, wenn man zugenommen hat.

Zurück im Wartebereich checke ich erneut mein Handy. Nichts. Allmählich wurde ich etwas sauer auf Gus, weil er mich ablenkte, während ich doch eigentlich über meine Fragen nachdenken sollte. Er hätte wenigstens warten können, bis ich meine Ergebnisse hatte, bevor er mich ghostet.

Endlich wurde mein Name aufgerufen. Ich stand auf und strich mein Kleid glatt. Als ich zum Sprechzimmer ging, beschleunigte sich mein Herzschlag, denn wenn ich in ein paar Minuten wieder herauskam, wäre mein Leben ein anderes.

Das Seltsame an Krebs war, dass ich mich vor der Behandlung nie krank gefühlt hatte. Manchmal fragte ich mich, was passiert wäre, wenn ich den Knoten nicht entdeckt hätte. Wie lange hätte ich noch ein normales Leben führen können? Einerseits wäre ich jetzt gern umgedreht und in seliger Unwissenheit davongelaufen. Doch meine vernünftige Seite wusste, dass mich die Unwissenheit nicht glücklich machen würde. Ich würde nur die ganze Zeit darüber grübeln, wie das Ergebnis ausgefallen war. Es war besser, sich der Sache zu stellen. Ich atmete tief durch.

Den Arzt kannte ich noch nicht. In der Ambulanz erfährt man nie etwas über ihr Privatleben. Keine Familienfotos auf dem Schreibtisch, kein Lieblingskaffeebecher. Ich fand das Verhältnis immer etwas unausgewogen, da sie buchstäblich in mich hineinsehen konnten, ich aber nichts über sie wusste. Er tippte auf seiner Tastatur herum. Ich bemerkte einen Ehering an seiner Hand. Er war vermutlich in den Dreißigern. Vielleicht war er ein Kommilitone von Gus an der medizinischen Fakultät gewesen? Er schaute auf und lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Ich konnte nicht einschätzen, ob es ein Gute-Nachrichten-Lächeln war oder ein Es-tut-mir-leidIhnen-sagen-zu-müssen-Lächeln.

»Setzen Sie sich.«

Ich gehorchte.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte er.

»Sollten Sie mir das nicht sagen?«

Wieder blickte er auf seinen Bildschirm. Ich fragte mich, ob es einen Code für nervige Patienten gab.

»Wir haben keine Anzeichen für ein Wiederauftreten von Malignität gefunden.«

»Was bedeutet das?«

»Es bedeutet, dass Ihr Scan keine makroskopischen Anzeichen einer Krankheit aufweist …«

»Was ist mit mikroskopischen?«, fragte ich.

»Mikroskopische Anzeichen kann der Scan nicht erkennen. Wir werden Sie fünf Jahre lang weiter beobachten.«

»Sie sagen also, dass ich nicht clean bin?«

»Wir können nicht sagen, dass Sie clean sind, bevor wir Sie fünf Jahre lang beobachtet haben.«

»Oh.«

»Irgendwelche Fragen?«

Alle Fragen, die ich ihm hatte stellen wollen, waren jetzt irrelevant. Ich hatte mich auf das Schlimmste und auf das Beste vorbereitet, aber nicht auf diesen Schwebezustand.

»Was soll ich den Leuten sagen? Meine Freunde und meine Familie werden nicht wissen, ob sie sich sorgen oder freuen sollen, oder?« 

Er sah überrascht aus. So viel die Ärzte auch über die Krankheit wissen, so wenig scheinen sie sich bewusst zu sein, womit man selbst und die Menschen im Umfeld nach einer Krebsdiagnose konfrontiert ist.

»Sie könnten sagen, Sie sind in Remission.«

»Aber bin ich das? In Remission?«

Er sah verblüfft aus.

»Ich meine, ich könnte sagen, dass ich clean bin, oder nicht? Aber es würde nicht stimmen.«

Wenn Doll hier wäre, würde sie ihm sagen, er solle mich ignorieren, ich wäre schon immer etwas pedantisch gewesen.

»Aber Sie sind in Remission.«

Meine Mum war fünf Jahre lang »in Remission«. Es war also besser, als ich es mir vorgestellt hatte.

»Stimmt. Das ist gut. Oder nicht?« Ich wollte, dass er sagte: Ja, sehr gut. Aber das tat er nicht.

»Und ich hatte die Totaloperation, also gibt es weniger von mir, in dem neue Tumorzellen auftauchen können, oder?« Ich versuchte noch einmal, ein wenig mehr Optimismus aus ihm herauszuquetschen.

»Das ist ihr Sinn und Zweck.«

Am liebsten hätte ich gesagt: »Sinn und Zweck? Verdammt noch mal, ich dachte, es wäre etwas wissenschaftlicher.«

Stattdessen sagte ich: »Vielen Dank.«

Ich hatte mir vorgestellt, wie ich das Krankenhaus weinend verließe. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich mit fest gekreuzten Fingern fröhlich hinaushüpfte. Jetzt, als ich in den sonnigen Innenhof ging, spürte ich immer noch eine leise anschlagende Angst in mir, als ob ein furchterregender Angreifer weggelaufen wäre, aber noch hinter der Ecke lauern könnte. Vor allem aber fühlte ich mich ausgelaugt. Emotional und körperlich.

Mir wurde klar, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, und ich beschloss, dass ich eine Belohnung verdient hatte. Ein Karamell-Latte, dachte ich, der wäre sowohl nahrhaft als auch lecker. Es war kein Champagner, aber es war auch keine Chemotherapie. Es war eine gute Art von Getränk für eine halbe Feier. Als ich auf die Straße trat und überlegte, wo das nächste Café war, hörte ich hinter mir Schritte.

»Tess?«

Ich fuhr herum.

»Was machst du hier?« Ich war so überrascht, dass meine Worte etwas aggressiv klangen.

Er sah genauso aus, wie ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. T-Shirt, Shorts, Sneakers, das Haar zerzaust, nachdem er noch schnell geduscht hatte, bevor wir zum Flughafen mussten.

»Ich wollte bei dir sein.«

»Wo ist dein Koffer?«

»Ich hatte keine Zeit, den ganzen Weg zurückzufahren … Ich hatte meinen Pass und mein Portemonnaie dabei, also bin ich einfach am Flughafen geblieben.«

»Warum hast du mir keine Nachricht geschickt?«

»Ich wusste nicht, ob ich rechtzeitig hier sein würde, um dich zu überraschen …«

»Warum bist du nicht einfach mit mir zurückgeflogen?«

»Ich bin ein Idiot«, sagte er achselzuckend.

»Du bist kein Idiot!«

»Lass uns nicht streiten« Er grinste.

All die Stunden voller Zweifel und Sorgen verpufften, als mir klar wurde, dass dies romantischer war als jedes Wiedersehen, das ich mir hätte ausmalen können.

»Was haben sie gesagt?«, fragte Gus besorgt.

»Ich bin in Remission!«

Plötzlich war kein Abstand mehr zwischen uns. Ich spürte, wie sich alle Knöpfe meines Kleides in meine Brust drückten, als er mich fest umarmte, dann von mir abrückte, mein Gesicht zwischen die Hände nahm und mich so innig küsste, dass ich das Gefühl hatte, in meinem Kopf würde ein Feuerwerk explodieren.

»Du hältst mich doch nicht etwa für eine Betrügerin, oder?«, flüsterte ich, als wir endlich innehielten und um Atem rangen.

»Wie bitte?«

»Als wäre das so eine Art Schwimmen mit Delfinen …«

Der verwirrte Blick.

»Als würdest du denken, wir hätten nur eine kurze Zeit zusammen …«

»Ich denke genau das Gegenteil.«

3. Kapitel

Wir schlenderten durch den St. James’s Park, wo breite Blumenrabatten von Schmetterlingen und Bienen flirrten, nach Notting Hill zurück. Dann gingen wir durch den Constitution Hill, die Allee mit den riesigen Londoner Platanen, die mit ihren kühlen grünen Schatten wie das Kirchenschiff einer natürlichen Kathedrale wirkte. Im Hyde Park saßen wir eine Weile auf einer Bank und atmeten den berauschenden Duft der rosa Rosen ein, die in Girlanden den Rosengarten umspannten. An der Serpentine fragte er mich, ob ich schon einmal in einem der Boote gerudert wäre, und als ich verneinte, schlug er vor, am Wochenende eines zu mieten. Wir erstellten eine Liste mit Dingen, die wir noch nie in London gemacht hatten. Es fühlte sich an, als wären wir wieder im Urlaub. Manchmal blieben wir einfach nur stehen, um uns zu küssen.

Gus kaufte Lebensmittel in einem italienischen Deli und dann eine ganze Palette Tomaten für einen Fünfer an einem Marktstand, der gerade zusammenpackte.

»Wie willst du die alle essen?«

»Mit etwas Chili und Olivenöl geröstet ergeben sie eine tolle Pastasoße.«

Wer hätte das gedacht?