Everweard Castle - Mit Rosen bedacht - Harriet R. Burrell - E-Book

Everweard Castle - Mit Rosen bedacht E-Book

Harriet R. Burrell

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Beschreibung

Contessina Liliana di Salamandra reist zusammen mit ihrer Großmutter und der Zofe Gina aus dem sonnigen Italien in das viktorianische England. Dort soll Liliana den Duke of Everweard heiraten, als Bedingung dafür – ihren Vater aus dem Gefängnis freizubekommen. Der Duke, viele Jahrzehnte älter als Liliana, besitzt Dokumente, die die Unschuld ihres Vaters beweisen. Nur um ihre Familie und ihre sechs Schwestern vor Schande, Obdachlosigkeit und Armut zu bewahren, lässt sich Liliana auf das Opfer ein. Keiner versteht, warum der Duke ausgerechnet Liliana, die siebente Tochter, der siebenten Generation aus dem Hause Salamandra heiraten möchte. Er kennt sie nur von einem Gemälde, hat sie aber noch nie zuvor persönlich getroffen. Auf ihrer Reise nach England schließt sich ihnen Salvatore Brava an. Liliana und Salvatore verlieben sich sofort ineinander. Maître Salvatore Brava, Architekt und Restaurator, wurde vom Duke of Everweard beauftragt, eine geheimnisvolle geheime Kammer auf Everweard Castle zu restaurieren – in der Lilianas Hochzeitsnacht stattfinden soll. Bei seinen Nachforschungen findet Salvatore heraus, dass die geheime Kammer mit anderen Welten verbunden ist und Liliana soll dort geopfert werden, um diese Weltenbarriere endgültig niederzureißen. Die unabhängigen Freigeister aus Italien werden aber völlig unterschätzt – die Frauen beginnen, ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen. So wirbeln sie Dukedom Everweard gehörig durcheinander und fangen an, es nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Hilfreich ist hierbei eine philosophische Weltanschauung, jede Menge Zauberei und natürlich die Magie der Liebe. Harriet R. Burrell erschafft hier eine vielschichtige Welt voller Magie, spannender Charaktere und komplexer Geschichten, garniert mit Dialogwitz und subtilem Humor.

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Seitenzahl: 856

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Harriet R. Burrell

Everweard Castle – Mit Rosen bedacht

Erstes Buch der Everweard Castle Trilogie

Dieses Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

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Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten

Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings

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Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright by Harriet R. Burrell

Copyright © 2025 by:

Everweard Media & Publishing

Frédéric R. Bürthel

Friedrich-Naumann-Allee 29, 19288 Ludwigslust

www.everweard-publishing.com

Everweard Publishing ist ein Imprint

von

Everweard Media & Publishing

Satz, Layout, Umschlaggestaltung: FRB

Abbildungen und Elemente auf dem Umschlag:

iStock by Getty Images (Galina Trushina, ChrisGorgio, Leyla Ozcan)

ISBN 978-3-911352-21-5 (E-Book Ausgabe)

Teil I

Die ›Hochzeitsreise‹

Kapitel 1

Gare du Nord, Paris

»Wann geht es endlich weiter?«, seufzte Liliana.

Seit einer Ewigkeit saßen sie in dem Zug Paris-Calais und warteten auf die Abfahrt. Nicht einen einzigen Schritt hatte Liliana vor den Bahnhof treten dürfen. Großmutter hatte es untersagt. Der Gare du Nord war ein Käfig aus hohen Pfeilern und einem spitzen Dach. Ein langer Mittelstreifen aus Glas sollte Tageslicht hereinlassen, war aber so verrußt, dass er die Halle noch mehr verdüsterte. Tauben stolzierten auf den Bahnsteigen unbekümmert zwischen den Beinen der Reisenden. Nur die Spatzen schienen sie zu stören, eine räuberische Bande, die im Sturzflug vom Metallgerüst herunterkam und ihnen die Beute an Brotkrumen und Essensresten abjagte. Dann flogen sie wieder hinauf zu den Querträgern direkt unter dem fahlen Streifen Licht, den die Glasscheiben gefangen hielten.

Hoch oben auf einem Querträger entdeckte Liliana einen kleinen gelben Fleck. Ein Maler hatte ihn hingetupft, wohl aus Protest gegen das vorherrschende Grau.

Großmutter schlief und schnarchte mit offenem Mund. Gina ließ sich dadurch nicht stören und las in aller Seelenruhe einen Liebesroman. Einen ganzen Koffer voll hatte sie davon mitgenommen. Liliana dachte an die prächtigen Boulevards, die Brücken über die Seine, den Jardin du Luxembourg, den Louvre und die Buchhandlungen mit ihren verborgenen Schätzen und an die eleganten Damen und Herren, die das alles genießen konnten, während sie in diesem tristen Bahnhof gefangen war.

»Ist das Buch spannend?«

Gina nickte.

»Woher nimmst du nur die Ruhe, jetzt zu lesen? Ist dir nicht bewusst, dass wir in Paris sind?«

»Das lässt sich nicht leugnen«, antwortete Gina. »Es steht auch auf dem Schild dort draußen.«

»Ist das nicht eine ziemlich freche Antwort für eine Zofe?«

»Es ist nur eine Tatsachenfeststellung, Contessina Liliana di Salamandra. Muss ich jedem Satz die Anrede Contessina Liliana hinzufügen? Du weißt doch, wer du bist. Oder nicht?«

»Darum geht es nicht. Sollte aber jemand zuhören, darf ihm nicht vorenthalten werden, dass ich etwas Besseres bin. Wir müssen uns streng an die Etikette halten, Zofe Gina. Wir wollen doch nicht riskieren, wieder nach Hause geschickt zu werden.«

»Mich würde man wegschicken, nicht dich«, sagte Gina.

»Das ist wahr. Siehst du jetzt ein, wie wichtig das ist?«

»Darf ich daran erinnern, dass wir inkognito reisen, Signorina Rossi? Da du jetzt keine Contessina bist, bin ich auch keine Zofe.«

»Was Großmutter sich da wieder ausgedacht hat!«

»Lass mich endlich weiterlesen! Er wird sie jetzt küssen.«

»Was hat das arme Mädchen verbrochen?«

»Wie kannst du nur so unromantisch sein, Liliana!«

»Für mich gibt es keine Romantik. Das übergehe ich und heirate gleich. Ist das nicht zeitsparender?«

Gina seufzte:

»Du willst es ja so. Vielleicht hast du Glück und der Duke ist ein Traummann.«

»Eher ein Albtraummann. Der Duke ist fast ein Greis. Aber ich will deine Illusionen nicht zerstören, du unschuldiges Kind. Mögest du eines Tages deinen Romeo finden oder besser, noch eine Schiffsladung voller Romeos.«

»Mit Romeo nahm es kein gutes Ende«, sagte Gina.

»Lass dir das eine Warnung sein!«

»Wenn ich jetzt in Ruhe weiterlesen dürfte, Signorina Rossi?«

Das Schnarchen hörte auf. Großmutter schlug die Augen auf.

»Ist er schon da?«

»Wer denn, Großmutter?«, sagte Liliana. »Wartest du auch auf deinen Romeo?«

»Hast du wieder eine deiner Stimmungen, Enkelin?«

»Ich bin in ausgezeichneter Stimmung. Besonders da du mir verboten hast, auch nur einen einzigen Blick auf Paris zu werfen, von dem ich annehme, dass es sich jenseits dieser Gefängnismauern erstreckt.«

»Wir sind mitten in Paris«, sagte Großmutter.

»Meinen Enkelkindern werde ich erzählen können, wie verrußt, stickig und laut Paris ist – und wie klein, nicht größer als ein Eisenbahnabteil.«

»Wenn du die Duchess of Everweard bist, kannst du mit deinem Gatten, sooft du willst, nach Paris reisen.«

»Bist du sicher?«

»Warum nicht?«

»Vielleicht weil mein Gatte seinen vertrauten Schaukelstuhl am Kamin nicht verlassen möchte?«

»Endlich!«, sagte Großmutter. »Dann hast du dir also Gedanken gemacht. Gut! Bist du endlich zur Vernunft gekommen?«

»Da wir schon einmal hier sind, hätte ich gern die Stadt gesehen, über die ich so viel gelesen habe.«

»Wir haben eine Vereinbarung, dickköpfige Enkelin. Solange du noch nicht rechtskräftig verheiratet bist, bestimme ich, wo es lang geht.«

Liliana nickte. Großmutter fuhr fort:

»Ich wiederhole es dir gern. Niemand darf Wind davon bekommen, was wir vorhaben. Es könnte unsere Mission gefährden.«

»Wer sollte mich schon erkennen? Man würde mich für eine Bettlerin halten, so blass wie ich aussehe, und mir eine Münze in die Hand drücken.«

»Wenn du dich dazu entschlossen haben solltest, deinen heldenhaften Opfergang abzublasen, bin ich sofort bereit, mich mit dir in den Sündenpfuhl Paris zu stürzen. Nichts wäre mir lieber!«

Liliana schob die Fensterscheibe herunter. Sie lehnte sich hinaus und blickte hinauf zu dem gelben Fleck auf dem Eisenträger. Jetzt sah sie, dass es ein Kanarienvogel war. Er würde hier kläglich umkommen. Sie streckte die Arme nach oben und öffnete die Hände.

»Komm, du verirrter Vogel, komm!«, rief sie hinauf.

Jetzt erst schienen die Spatzen den exotischen Eindringling in ihrem Reich zu bemerken. Mit schrillem Geschrei flog ein Schwarm hinauf zu dem Eisenpfeiler.

»Lasst ihn in Ruhe!«

Die Spatzen drehten ab und schimpften. Da löste sich der gelbe Fleck und schwebte herunter in Lilianas Hände. Vorsichtig setzte sie ihn auf der Sitzbank ab. Dann schloss sie das Fenster. Sie holte die Thermosflasche und goss Wasser auf ihre Handinnenfläche. Der Vogel trank. Dann flatterte er hinauf zur Gepäckablage und setzte sich auf Lilianas sonnengelben Strohhut, sodass er kaum noch zu erkennen war.

»Jetzt hast du einen Kanarienvogel«, sagte Großmutter.

»Wenn wir draußen sind auf dem Land, wenn wir Bäume sehen und die Sonne scheint, wenn ein milder Wind weht und die Welt still und friedlich ist, dann werde ich ihn wieder freilassen. Denn frei wollen wir alle sein, nicht wahr?«

»Das ist ein Kanarienvogel«, sagte Großmutter. »Kanarienvögel sind die Freiheit nicht gewohnt. Sie werden gezüchtet, um in Käfigen zu leben und dann und wann im Zimmer herumzuflattern. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen zu erfreuen mit ihrem Aussehen und ihrem Gesang. Er wird draußen umkommen.«

Liliana seufzte. »Ich habe doch gleich gefühlt, dass unser Schicksal verwoben ist. Ein Leben im Käfig, immer schön sein, artig süße Melodien singen und die Körner picken, die ein gnädiger Herr in die Futterschale füllt – und ab und zu darf ich herumflattern, auf einem Ball oder einem Festdiner, – aber immer nur bei geschlossenen Fenstern.«

Großmutter lachte.

»Ja, ja, so kann es kommen. Aber es gibt keine Gitter und keine verschlossenen Türen. Es sei denn, du bringst sie selbst an.«

»Du hast mich gerade auf eine Idee gebracht, Großmutter. Daran hatte ich noch nicht gedacht, nämlich meine Türen zu verschließen.«

»Vielleicht wirst du sie gern öffnen.«

»Vielleicht sollte ich mich gleich einmauern.«

»Schluss jetzt mit all den Vielleichts! Wir erwarten noch einen Mitreisenden.«

»Wer ist das?«

»Er heißt Salvatore Brava. Der Duke bat ihn, uns nach Everweard Castle zu begleiten.«

»Befürchtet er, dass wir es ohne männliche Hilfe nicht finden?«, sagte Liliana.

»Das werden wir von dem jungen Mann erfahren.«

Gina legte das Buch mit einem Seufzer zur Seite. Die erste Kussszene ging ihr jedes Mal unter die Haut. Mitleidig sah sie zu Liliana hinüber, die solchen Gefühlsregungen nichts abgewinnen konnte. Wie verschieden sie doch waren! Vor siebzehn Jahren waren sie am selben Tag zur selben Zeit zur Welt gekommen, Liliana als die Contessina und sie als niemand.

»Marchesa«, sagte Gina, »viel Zeit hat der junge Mann nicht mehr. Der Schaffner gibt schon das erste Signal zum Einsteigen.«

Liliana sah in den Spiegel über der Sitzbank.

»Ich sehe ja schrecklich aus! Gina, könntest du meine Haare …?«

Die Tür ging auf. Liliana drehte sich um. Ein junger Mann trat in das Abteil. Ihre Augen trafen sich und hielten sich fest. In diesem Augenblick gab es sonst nichts mehr auf der Welt, keine anderen Menschen, keine Eisenbahn, kein Paris, kein Lärm, keine Gerüche, keine Vergangenheit und keine Zukunft, nichts außer dem schmerzlich süßen Erkennen zweier Seelen.

Liliana fiel in Ohnmacht.

*

Außer Atem erreichte Salvatore Brava das Abteil mit der Ziffer 7.

Die Nacht hatte er damit verbracht, seine Koffer abwechselnd zu packen und wieder auszupacken. Florence hatte gedroht, ihn zu verlassen, wenn er abreise, oder sich umzubringen, wenn er sie nicht auf der Stelle heirate. Die Koffer wurden ausgepackt. Florence hatte gesagt, dass es ihr gar nichts ausmache, wenn er für Monate, vielleicht für Jahre weg sei, es könne auch gut für immer sein. Die Koffer wurden wieder gepackt. Außerdem habe sie einen wahren Gentleman kennengelernt, der sei nicht so knauserig wie er. Solch eine Chance bekomme man nur einmal im Leben und jünger würden wir alle nicht. Das war das. An diesem Morgen hatte er endgültig dem ha! Zarten Geschlecht den Rücken gekehrt. Es war schlichtweg unmöglich zu verstehen, was im Kopf einer Frau vorging.

Jetzt stand eine lange Reise mit drei italienischen Damen bevor. Ein hartes Los! Aber er hatte es dem Duke versprochen. Es handelte sich also um eine Ehrenpflicht.

Er öffnete die Tür.

Und da stand sie: zierlich, blasses Gesicht, tiefrote Lippen und schwarze Augen, ein Mädchen, eine junge Frau, eine Fee. Ein Blick und alles war entschieden, der Verlauf seines ganzen Lebens bis zum Tod und darüber hinaus. Er hörte das laute Schlagen seines Herzens, spürte das Brennen seines Magens und fühlte, wie ihm Tränen in die Augen traten. Wenn ich jetzt nicht sterbe, bin ich für immer verloren!

Das Mädchen sank zu Boden.

*

»Liliana, mein Kind, wache auf!«

Großmutter klopfte Liliana auf die Wange.

»Kann ich helfen, Marchesa Montecorno? Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Salvatore Brava.«

»Das ist alles zu viel für meine Enkelin, der Lärm und die stickige Luft.«

Salvatore half der Marchesa, Liliana vom Boden zu heben und auf die Bank zu setzen.

»Gina, besorge Wasser! Beeile dich!«, sagte Großmutter.

Ein Gepäckträger brachte einen großen und zwei kleine Koffer herein, die er mit Seelenruhe auf der Gepäckablage verstaute und dabei ständig nach der ohnmächtigen Mademoiselle schaute. Salvatore drückte dem neugierigen Burschen eine Münze in die Hand und schob ihn die Tür hinaus.

Da kam auch schon Gina zurück mit einer Flasche Mineralwasser.

»Marchesa, hören Sie? Wir fahren gleich ab!«

Eine Pfeife gab das Signal zur Abfahrt. Mit einem Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Rauchschwaden verdunkelten den Blick nach draußen. Der Zug verließ den Bahnhof.

Liliana verschluckte sich an dem Wasser, das Großmutter ihr einflößte. Sie hustete. Ihr erster Blick fiel auf den jungen Mann, dem sie für alles die Schuld gab. Niemals hatte sie eine dieser verzärtelten Damen werden wollen, die bei jeder Gelegenheit in Ohnmacht fielen. Sie richtete sich energisch auf.

»Es geht wieder.«

»Du musst mehr trinken«, sagte Großmutter. »Dein Hals ist trocken von der schlechten Luft.«

»Danke, danke, danke! Lasst mich jetzt bitte in Ruhe! Ich will wenigstens noch einen Zipfel von Paris sehen, bevor es für immer verschwindet.«

* * *

Der Zug fuhr jetzt übers freie Land. Weite Felder waren zu sehen, vereinzelt Gehöfte und Wäldchen. Die Sonne schien von einem wolkenlos blauen Himmel herab – fast wie zu Hause. Aber Lilianas ›Zuhause‹ war kein Zuhause mehr und ein neues gab es noch nicht. Sie sah verstohlen zu dem jungen Mann hinüber, der so tat, als lese er ein wahnsinnig interessantes Buch, in Wirklichkeit aber sie betrachtete, wenn er glaubte, sie bemerke es nicht. Jetzt hatte auch ihr Herz keine Heimat mehr. Entschlossen sprach sie ihn an.

»Signor Brava, Sie kennen meinen zukünftigen Ehegatten. Machen Sie uns doch die Freude und erzählen Sie uns von ihm. Ich habe so gar keine Vorstellung, was mich erwartet.«

»Ja«, sagte Großmutter, »und verraten Sie uns auch, wer Sie sind und wie Sie mit dem Duke in Verbindung stehen. Aber vorweg möchte ich Sie bitten, uns nicht mit unserem Titel anzusprechen. Wir reisen inkognito und nennen uns Rossi.«

Salvatore nickte. Er schloss das Buch und legte es zur Seite. Was sollte er diesem lieblichen Wesen erzählen, das niemandem auf der Welt gehören sollte außer ihm? Jedes Mal, wenn er Liliana anschaute, raste sein Herz wie wild oder setzte für einen Moment aus. Er hatte Angst, plötzlich in Tränen auszubrechen oder sich auf sie zu stürzen. Dabei war alles so hoffnungslos! Sie wird einen Duke heiraten. Aber andererseits … noch war das nicht geschehen.

»Mein Name ist Salvatore Brava. Wie Sie, meine Damen, stamme ich aus der Toskana. Zur Welt kam ich in San Gimignano, aufgewachsen bin ich in Florenz.«

»Brava aus San Gimignano?«, sagte die Marchesa. »Der Name ist mir nicht unbekannt. Ist ihr Vater nicht der Meister der Bauhütte des Doms Santa Maria del Fiore in Florenz?«

»Ja, Leopoldo Brava ist mein Vater.«

Großmutter strahlte. Jetzt war sie beruhigt.

»Als mein Gatte verstarb, hatte ich von einem Tag zum anderen die Verwaltung des gesamten Immobilen-Erbes unserer beiden Familien auf dem Hals. Ja, es gab zuverlässige Verwalter, an denen nichts auszusetzen war. Dafür hatte mein Gatte gesorgt. Aber blindes Vertrauen ist nicht meine Sache. Also machte ich mir selbst ein Bild vom Zustand der Objekte. Erstens musste ich allen klarmachen, dass ich jetzt das Sagen hatte, und zweitens sehe ich Dinge nun einmal anders als andere. Der Zustand einer traditionsreichen Villa in Florenz missfiel mir sehr. Nicht dass sie vor dem Verfall stand, beileibe nicht, es war eher des Guten zu viel gemacht worden. Meine Nachfragen ergaben, dass Architekten und Handwerker das getan hatten, was der Stand der Technik war. Sie kannten es nicht anders. Deshalb wandte ich mich an Ihren Vater und bat ihn, mir Handwerker zu nennen, die noch die alten Techniken beherrschten. Er war von meinem Vorhaben sehr angetan und schickte mir nicht nur fähige Leute, sondern gab ihnen auch Anweisungen, wie die eine oder andere Arbeit auszuführen sei. Da ich Ihrem Vater selbstverständlich keine Vergütung anbieten konnte, werde ich die Gelegenheit nutzen und seinen Sohn in meine wohlwollende Obhut nehmen.«

Sie sah den jungen Mann an und kniff die Augen zusammen.

»Aber, das muss ich doch sagen, Sie sehen Ihrem Vater kein bisschen ähnlich.«

Obwohl es nur eine einfache Feststellung war, empfand es Salvatore als einen Vorwurf.

»Das haben schon viele gesagt, Signora Rossi. Meiner Mutter sehe ich auch nicht ähnlich. Ich bin wohl vollkommen aus der Art geschlagen.«

»Um so mehr können Sie Sie selbst sein, junger Mann!«, sagte die Marchesa schnell. Ihr war nicht entgangen, dass sie einen wunden Punkt berührt hatte. »Ich habe das auch bloß gesagt, weil mir Ihr Vater wieder so lebendig vor Augen trat. Aber erzählen Sie doch weiter!«

»Mein Vater hat mir schon früh alles beigebracht, was in meinen Schädel passte. Er war nie streng zu mir. Er drängte mich nicht und ließ mir alle Freiheit, die ich brauchte. Was aber die Arbeit betraf, da duldete er keine Schlamperei. Nicht dass er mich tadelte, nein, ich musste alles so oft wiederholen, bis es in seinen Augen vollkommen war. Dann wurde ich auch ausgiebig gelobt. Manches Mal gab es sogar eine kleine Feier. Er freute sich aufrichtig über jeden noch so kleinen Fortschritt, den ich machte. Und ich, ich war immer bemüht, seine Anerkennung zu erhalten.«

Diese Idylle gefiel Liliana ganz und gar nicht. Sie sagte:

»Ist das nicht schrecklich, wenn die Liebe des Vaters davon abhängt, ob man eine vollkommene Leistung erbringt? Wobei ich bezweifle, dass etwas wirklich vollkommen sein kann.«

Die Marchesa lächelte. Das war wieder typisch Liliana.

»Signorina Liliana, ich bin überzeugt, dass mein Vater mich auch geliebt hätte, wenn ich ein Versager gewesen wäre.«

Während er das sagte, wurde er nachdenklich.

»Andererseits war ich immer bemüht, alles richtig zu machen – und ich habe immer alles richtig gemacht. Deshalb wurde unsere Beziehung nie auf die Probe gestellt. Ich kann nur sagen, es war eine glückliche Zeit.« Trotzig fügte er hinzu: »Für die ich dankbar bin – ohne wenn und aber!«

Die Marchesa warf ihrer Enkelin einen vielsagenden Blick zu und wandte sich an den jungen Mann.

»Signor Brava, wenn ich das richtig verstanden habe, sind Sie bei Ihrem Vater in die Lehre gegangen.«

»Eigentlich nicht! Genau genommen bin ich in der Bauhütte aufgewachsen und habe mir mehr spielerisch alle Kenntnisse und Arbeitstechniken angeeignet. Mein Talent war früh zu erkennen und mein Vater förderte es auf jegliche Weise. Als es dann ernsthaft darum ging, dass ich einen Beruf erlernte, ermutigte er mich, hinaus in die Welt zu gehen. In Rom, Wien, Berlin, London und zuletzt in Paris studierte ich Architektur und Kunst. Um meinen Vater zu überraschen, habe ich zusätzlich bei Maître Soumain meinen Meister als Restaurator gemacht. Deshalb darf ich mich Maître Brava nennen, worauf ich besonders stolz bin.«

»Dann will ich Sie auch Maître Brava nennen«, sagte die Marchesa. »Sie können sicher verstehen, dass uns vor allem interessiert, wie Sie mit dem Duke of Everweard in Verbindung stehen.«

»Spezialisiert habe ich mich auf frühe Kultstätten und sakrale Gegenstände, vorwiegend der Kelten. Auf diesem Gebiet habe ich mir einen hervorragenden Ruf erworben, auch durch Artikel, die ich in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichte. Durch sie wurde der Duke of Everweard auf mich aufmerksam.« Salvatore war im Grunde ein bescheidener Mensch. Jetzt aber wollte er das Herz einer jungen Dame erobern und ihre Wertschätzung. »Auf seinem Schloss sind bei Reparaturarbeiten Artefakte aus keltischer Zeit freigelegt worden, die er wiederherstellen möchte. Er telegrafierte seinem Freund Konsul Visconte Mercurio, der sich auf einer Europareise befand. Dieser schickte mir seinen Sekretär, um mich für die Sache zu begeistern. Deshalb sitze ich in diesem Zug und genieße die Gesellschaft dreier liebreizender Damen.«

Großmutter schmunzelte. »In Paris haben Sie offensichtlich nicht nur das Restaurieren alter Reliquien erlernt.« An Liliana gewandt sagte sie: »Auf dieser Europareise, meine Liebe, sah der Konsul wohl auch dein Bild. Sie müssen wissen, Signor Brava, unsere Liliana stand Modell für den berühmten Maler Marcello Siveranola. Der ist Ihnen doch sicher bekannt?«

»Leider nein, Signora Rossi. Zur modernen Kunst konnte ich noch keinen Zugang finden. Ich habe mich auch nicht besonders darum bemüht, muss ich zugeben.«

»Die Werke Marcello Siveranolas dürften auch Ihrer Zustimmung sicher sein. Er genießt hohes Ansehen, im Stil der alten Meister der Renaissance zu malen. Was sagen Sie dazu? Er restauriert keine Antiquitäten, er stellt sie gleich selbst her.«

»Ein Auge für das Schöne hat er bewiesen, indem er Signorina Liliana malte«, sagte Salvatore und wagte dabei nicht, Liliana anzuschauen.

»Ja, das hat er. Eigentlich befand er sich nur auf der Durchreise. Es war ein heißer Sommertag, müssen Sie wissen. Der Kutscher war so unvernünftig, die Pferde ohne Rast über die staubigen Landstraßen zu hetzen. Völlig erschöpft kamen sie in Capirosso an. Während die Pferde an der Tränke standen und meine Knechte Decken über sie legten, spazierte der Meister durch meine Gartenanlage. Ich begleitete ihn. Er hatte wahrlich ein Auge für Schönheit. Dort war es eine Madonnen-Lilie, die seine Begeisterung erweckte, dort der bläuliche Schatten unter dem Holunderstrauch. Ein Dichter würde sagen, er taumelte von einem optischen Hochgenuss zum andern. Wie sollte es auch anders sein? In aller Bescheidenheit, die Gärten sind Schöpfungen meines erlesenen Geschmacks und – das wollen wir nicht vergessen – jahrelanger harter Arbeit. Ich habe mit meinen eigenen Händen …«

»Großmutter«, sagte Liliana, »du solltest den großen Künstler nicht unbeaufsichtigt im Garten stehen lassen.«

»Wie?« Die Marchesa strich sich mit dem Ringfinger über die Nasenwurzel. »Teuerste Enkelin, ich muss doch unserem Gast einen Eindruck vermitteln von der Pracht meiner Gärten.«

»Unser Gast interessiert sich für nichts Lebendiges, nur für Fossilien, die weder ihre Form verändern, noch Düfte aussondern, seien sie lieblicher oder unlieblicher Art.«

Ehe Maître Brava protestieren konnte, fuhr die Marchesa fort:

»Auch damit kann ich dienen. Wir spazierten also durch den Garten, Meister Siveranola und ich. Plötzlich blieb er stehen, als habe ihn der Donner gerührt.«

»Ist das eine gängige Formulierung, Großmutter? Vom Donner gerührt?«

»Unterbrich mich nicht ständig! Ich unterhalte mich mit Maître Brava, nicht mit dir, du vorlaute Göre. Also, Meister Siveranola erstarrte. Neben dem Brunnen steht ein Kruzifix aus Stein. Es ist schon ziemlich alt. Die Gesichtszüge des Erlösers sind jedenfalls nicht mehr zu erkennen. Maria Magdalena kniet davor, als wolle sie sich jeden Augenblick in Staub auflösen. Daneben stand aber aus Fleisch und Blut Contessina Liliana. Der Ausdruck in ihrem Gesicht ließ vielerlei Deutungen zu. Meister Marcello Siveranola kam zu seiner eigenen. ›Sie ist eine Madonna!‹, rief er. ›Diese Unschuld, diese Frömmigkeit!‹ Der große Künstler wusste nicht, dass die Madonna einer Katze auflauerte, die sich hinter dem Kreuz versteckt hielt. Sie hegte dabei alles andere als fromme Gedanken. Die Contessina durfte sich nicht bewegen. Der Meister warf hurtig ein paar Striche in seinen Zeichenblock, dann machte er sich auch schon wieder auf den Weg. Das Gemälde wurde in einer Galerie in Rom ausgestellt, später in Berlin, Wien, Paris, Brüssel und London. Es ist ein Meisterwerk, sagten die Kunstkritiker. Der Duke of Everweard fand das wohl auch. Ihm gefiel aber das Modell mehr als das Gemälde. So kam es, dass eines Tages Dottore Emiliano Scaltroni, der Sekretär des Konsuls, zu uns kam und im Namen des Duke um die Hand der Contessina anhielt. Der Konsul ist wohl zu vornehm, um solche Trivialitäten selbst zu erledigen. Wie dem auch sei, ist das nicht eine herrliche Zukunft für unsere Madonna? Sie wird die Duchess of Everweard!«

Liliana sah ihre Großmutter bewundernd an. Diese Variante der Geschichte war bis jetzt die phantasievollste. Verstohlen blickte sie zu Salvatore hinüber. Er schien beeindruckt zu sein.

»Sie kennen den Duke persönlich, Maître Brava?«, fragte Liliana.

Für den Duke interessierte sie sich im Augenblick herzlich wenig. Salvatore hatte dunkelbraune Augen mit kleinen hellen Flecken wie Goldstaub. Wie kam es, dass die Welt nur noch bestand aus dem rätselhaften Flackern in den Augen eines jungen Mannes? Sah sie ihn an, blickte er schnell zur Seite, als habe sie ihn bei sündhaften Gedanken ertappt. Wie konnte er ihr das nur antun? Sie musste doch wissen, was in ihm vorging, ob er wie sie verwundbar war von einem bloßen Lächeln. Liliana vertraute ihren Gefühlen, brauchte aber die Bestätigung ihres Verstandes. Das waren alles vergebliche Gedanken. Sie konnte nicht über sich verfügen. Ihr Schicksal war ein Duke im fernen England. Das war wie ›hinter den sieben Bergen‹. Nicht nur Märchen sind grausam.

»Ist er alt und hässlich? Ist er ein Tyrann und Menschenschinder? Hat er einen langen grauen Bart? Geht er an einem Stock mit einem Elfenbeinknauf? Schaut er ständig auf die goldene Taschenuhr, in deren Deckel das Porträt seiner Mutter oder seiner letzten Gemahlin eingelassen ist und murmelt kopfschüttelnd: ›Oh, dear, oh dear! I shall be too late!‹?«

»Halt! Halt!«, Salvatore musste lachen. »Ich kenne den Duke nicht persönlich, aber ich kann Sie beruhigen. Er soll ein sehr kultivierter Mann sein. Ich nehme an, er ist zwei oder drei Jahrzehnte älter als Sie. Aber sein Alter kennt niemand so genau. Der Konsul bestätigte mir aber, dass der Duke sich bester Gesundheit erfreue. Der Gedanke an seine bevorstehende Hochzeit habe ihn geradezu verjüngt. Es bleibt Ihnen überlassen, dies zu bestätigen.«

»Danke, Maître Brava, mehr will ich nicht wissen. Ich werde den Duke noch früh genug kennenlernen. Jetzt wollen wir ihn alle gemeinsam vergessen. Diese Reise soll uns allein gehören. Ich möchte nur in der Gegenwart leben und keine Sekunde davon versäumen.«

»Das klingt, als wollten Sie Abschied nehmen«, sagte Salvatore.

»Maître Brava«, sagte die Marchesa. »Jeder Augenblick ist ein Abschied vom vergangenen Augenblick. Unser Gehirn pickt sich aus all diesen Abschieden einzelne heraus und webt daraus eine zusammenhängende Geschichte, die wir unser Leben nennen.«

»Marchesa!«, platzte Gina heraus. »Bitte, bitte, was soll das bedeuten?«

Großmutter drückte Ginas Hand.

»Für unsere Liliana beginnt bald ein völlig neuer Lebensabschnitt. Er wird ihr nicht nur Privilegien und Annehmlichkeiten bringen, sondern auch Verpflichtungen. Niemand kann voraussagen, was auf sie zukommen wird. Aber eines ist sicher, die unbeschwerten Jahre der Kindheit und Jugend werden für immer vorbei sein.«

»Was ist mit Romantik, Leidenschaft und Liebe?«, sagte Gina. Das stand doch alles in den Romanen und: ›Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage‹.

Großmutter seufzte. Für einen Augenblick wurde ihr Blick traurig. Dann lachte sie.

»Liebe, warum nicht? Wir werden uns den Duke genau anschauen, meine Damen. Für die Strapazen, die er uns zumutet, verlangen wir zumindest galante Komplimente und Ständchen im Mondschein.«

* * *

Großmutter schnarchte. Gina lag mit dem Oberkörper auf der Sitzbank und schlief fest. Salvatore saß am äußersten Ende, eingequetscht zwischen Wand und Ginas Kopf.

Liliana hatte die gegenüberliegende Sitzbank für sich allein. Sie saß direkt am Fenster. Sie sah hinaus und sah doch nichts. Am linken Ohr hing eine Perle, mit der sie spielte. Sie war durchsichtig wie eine Träne. Um die Schultern lag ein blassgelber Schal, von dem in unregelmäßigen Abständen verschieden lange Fransen herunterhingen und der auch sonst schwer der Vorstellung eines Schals entsprach. Liliana hatte ihn selbst gestrickt – und Stricken war auf keinen Fall eine ihrer Stärken. Stricken war für sie das unbarmherzige Bewusstwerden ihrer Unfähigkeit, ebenmäßig geometrische Muster herzustellen und zugleich über die Frage nachzudenken, ob die Welt ein Traum ist, und wenn sie ein Traum ist, ob jeder seinen eigenen Traum träumt oder ob wir alle gemeinsam denselben Traum träumen oder wir von jemand anderem geträumt werden. Solche Gedanken können das Einfädeln von Wolle ganz schön durcheinanderbringen. Aber da die Welt nicht vollkommen ist, warum sollte ausgerechnet ihr Schal vollkommen sein?

»Sie haben da einen besonders schönen Schal.«

Erschrocken sah sie hinüber zu Salvatore. Der hatte sich nach vorn gebeugt und sah überhaupt nicht nach dem Schal, sondern geradewegs in ihre Augen. In seinen Augen, da war ein Leuchten, ein Fieber, das sie nicht loslassen wollte, ein Fieber, das zu ihr übersprang, ihr Herz entflammte und es schmerzhaft auflodern ließ. Ach, Salvatore!

»Ich glaube, sie ist aus Glas. Großmutter schenkte sie mir, als ich dreizehn wurde.«

»Meine Mutter besaß auch so einen Schal, der war allerdings weinrot und aus Seide.«

»Sie lag in einem Mahagonikästchen.« Liliana kicherte. »Ich wusste erst gar nicht, wie ich es öffnen sollte.«

»Sie trug ihn allerdings nie, weil er nicht züchtig genug war. Ja, meine Mutter ist eine fromme, fromme Frau.«

»Aber ich habe es doch herausgefunden. Man musste nur mit beiden Daumen links und rechts in eine klitzekleine Ausbuchtung drücken, dann sprang der Deckel auf mit einem leichten Seufzer.«

»Seufzer? Der Sage nach weben die Nornen die Schicksale aller Menschen in einen Schal, – was rede ich nur für einen Unsinn! – in einen Teppich. Der ist natürlich nicht so schön wie dein Schal … Ihr Schal.«

»Eingeschlagen war sie in dunkelblauem Samt. Das war gut so, denn sie hatte schon damals keine richtige Farbe. Wahrscheinlich hätte ich sie nicht bemerkt, wenn sie auf weißer Seide gelegen hätte.«

»Er verdeckt leider Ihren eleganten Hals. Der so weiß ist wie diese zarten Hände.«

Dabei hielt er ihre Hände in den seinen. Wie kam es, dass er ihre Hände hielt und plötzlich neben ihr saß? Sie hatte ihn doch keinen Augenblick aus den Augen gelassen. Oder hatte er sie mit seinem Blick hypnotisiert, sodass sie nichts anderes wahrnehmen konnte als seine Augen?

»Als ich sie aus dem Kästchen herausnahm, war sie so leicht auf meiner Hand wie eine Feder, wie der Gedanke einer Feder.«

»Federleicht muss der Schal auf Ihren Schultern ruhen.«

»Großmutter ließ sie einfassen. Und jetzt habe ich einen Ohrring«, Liliana lachte, »obwohl ich doch zwei Ohren habe. Aber da er kaum etwas wiegt, brauche ich den Kopf nur ganz minimal auf der linken Seite anzuheben, damit er gerade ist.«

Er schwieg. Sie schwieg.

Schwiegen sie wirklich? Ihre Blicke und die Berührung ihrer Hände waren längst über die Barriere des gesprochenen Wortes hinaus und sprachen miteinander in einer Sprache, die sie gerade erst erfunden hatten und nur die ihre war.

Erst jetzt wurde Liliana klar, dass sie von zwei völlig verschiedenen Dingen sprachen.

Sie von ihrem Ohrring, er von ihrem Schal…

Kapitel 2

Calais

Sie kamen kurz vor Mitternacht in Calais an. Eine Droschke brachte sie vom Bahnhof an hell erleuchteten Prachtvillen vorbei in eine finstere Nebenstraße. Eine einsame Straßenlampe warf gerade so viel Licht, dass sie den Eingang eines Hotels erkennen konnten.

Die Marchesa wollte ihre Enkelin möglichst unbemerkt nach England bringen. Von Beginn der Reise an hatte sie darauf geachtet, den Eindruck einer gewöhnlichen Reisegruppe zu erwecken, einer zwar etwas exzentrischen, – das ließ sich nicht vermeiden, – aber einer durch und durch bürgerlichen. Eine ältere Dame begleitet zwei Mädchen in die Ferien. So hatte sie es sich gedacht.

Es war ein Hotel unbestimmter Klasse, das vorwiegend von Geschäftsreisenden frequentiert wurde. In den Luxushotels hätten sie damit rechnen müssen, erkannt zu werden.

Salvatore öffnete die Tür und ging hinein. In der Eingangshalle war niemand. Auf der Rezeption stand eine einsame Lampe. Mehr Licht gab es nicht. Der Droschkenkutscher brachte das Gepäck herein. Er beeilte sich, denn er wollte so rasch wie möglich wieder verschwinden, um dem Einflussbereich dieses herrischen Weibes zu entrinnen. Sie hatte darauf bestanden, sämtliche Koffer in die Droschke zu laden, obwohl er immer wieder betont hatte, dies sei unmöglich, er müsse mindestens zweimal fahren. Ja, ja, sie hatte recht behalten. Dafür soll sie die Nacht auf der Straße verbringen, wusste er doch, dass das Hotel heute geschlossen hatte.

Das Hotel schien menschenleer. Salvatore machte sich auf den Weg, jemanden aufzutreiben, der für das Hotel verantwortlich war.

Im Foyer standen schwere plüschbezogene Sessel. Die Marchesa ließ sich in einem Sessel nieder und streckte die Beine aus. Liliana und Gina setzten sich neben sie. Die Fahrt war anstrengend gewesen, besonders das letzte Stück, als der Speisewagen wegen eines Feuers in der Küche geschlossen werden musste. So hatten sich die Damen mit einer großzügig von Maître Brava zur Verfügung gestellten Tafel Schokolade begnügen müssen.

»Kinder, mir ist ja so übel«, sagte die Marchesa. »Ich weiß nicht, wie ich morgen die Fahrt über die stürmische See überleben soll.«

»Die See«, sagte Liliana, »haben wir nicht gesehen und wir wissen schon gar nicht, in welchem Erregungszustand sie sich befindet.«

»Trotzdem habe ich ein mulmiges Gefühl«, sagte die Marchesa. »Das rät mir dringend, die See zu meiden und zurückzukehren in das wohltätige Klima der Toskana. Auf mein Bauchgefühl konnte ich mich immer verlassen.«

Liliana wusste, dass die Marchesa nur gute Miene zum bösen Spiel machte und auf eine Gelegenheit wartete, die Reise abbrechen zu können.

»Wenn das so ist, Großmutter, müssen Gina und ich allein weiterreisen. Vielleicht sehen wir uns eines fernen Tages wieder. Man kann nie wissen, das Leben erlaubt sich ja die putzigsten Kapriolen.«

Salvatore kam zurück in Begleitung eines älteren Herrn, der hastig in den zweiten Ärmel seiner Livreejacke schlüpfte.

»Es tut mir leid, meine Damen! Wir haben eine Hochzeit im Haus.«

»Sollen ich Ihnen helfen?«, sagte die Marchesa. »Sie werden staunen, wie schnell ich die alle aus dem Haus gejagt habe!«

Der ältere Herr starrte die Marchesa entgeistert an. Sie sprach fließend Französisch. Bei Ausländern musste man aber darauf gefasst sein, dass sie fließend Unsinn sprachen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dann musste er grinsen.

»Das würde Ihnen nicht gelingen. Mein Gegenvorschlag, feiern Sie mit uns! Es ist nämlich unser Chef, der geheiratet hat.«

»Ob das Ihrem Chef recht ist?«

»Er ist mein Schwiegersohn.«

»Ich nehme an, die Küche ist geschlossen?«, fragte die Marchesa.

»Das ganze Hotel ist geschlossen. Da wir aber Ihre Buchung nicht rechtzeitig stornieren konnten, sind Sie unsere einzigen Gäste.«

Zwei junge Männer im Sonntagsanzug kamen herein. Der ältere Herr zeigte auf das Gepäck. Sie trugen es nach oben.

»Lassen Sie mir etwas Essbares aufs Zimmer bringen!« Der ältere Herr nickte. »Gina«, fuhr die Marchesa in Italienisch fort, »du kommst mit mir. Liliana, du vertrittst mich. Die liebenswürdige Einladung können wir nicht ablehnen. Wir sind ja keine unzivilisierten Barbaren. Außerdem ist das die letzte Gelegenheit, kontinentales Essen zu genießen. Maître Brava, Sie sorgen dafür, dass alles sittsam vor sich geht!«

* * *

Der ältere Herr hieß Gaston. Liliana und Salvatore folgten ihm und der feinen Duftwolke von Anis, die ihn begleitete. Im Speisesaal brannte nur eine Kerze an einem hinteren Tisch. Dort war ein Pärchen intensiv mit sich selbst beschäftigt. Gaston beschleunigte die Schritte und führte seine jungen Gäste hinaus in die Nacht.

Sterne funkelten am Himmel. Die Luft war mild und roch nach der See. Tanzmusik war zu hören. Sie kam aus einem großen Zelt, das unten am Strand errichtet war. Rote und blaue Lampions wiegten sich im Wind. Romantischer konnte es nicht sein. Liliana war das gar nicht recht. Ihr Magen war vom unzufriedenen Knurren zu aggressiven Krämpfen übergegangen. Dann war da noch die Sache mit dem jungen Mann, die hier und jetzt ein Ende finden musste.

Lautes Lachen, dann Klatschen und Johlen drangen aus dem Zelt.

»Sehr gut, die Feier kommt endlich in Schwung«, sagte Gaston und strahlte, als wäre dies sein Verdienst.

»Monsieur Gaston«, sagte Liliana, »ist es möglich, etwas zu essen zu bekommen, bevor die nächste Flut uns alle ertränkt?«

»Keine Sorge, Signorina Rossi, die See kommt nie so weit an den Strand, höchstens bei Sturm. Und Sturm haben wir heute nicht.«

»Sie verstehen es, einen zu beruhigen.«

Salvatore legte die Hand auf Lilianas Arm.

»Ich werde Sie beschützen.«

Als sie das Zelt betraten, kamen sie nicht weiter. Der Frohsinn war an einem Höhepunkt angelangt. Männlein und Weiblein hielten sich an den Händen. Sie bildeten eine Kette und zogen um die Bänke wie eine Riesenschlange, die vergeblich den Ausgang sucht. Eine Dreimannband, Klavier, Gitarre, Akkordeon, spielte dazu einen Marsch, einen Hochzeitsmarsch genauer gesagt, das Brautpaar musste ja lernen, im gleichen Schritt zu marschieren.

Die Braut löste sich aus der Kette und kam strahlend auf Liliana zu. Sie war eine nicht mehr taufrische Brünette. Die Rose in ihrem Haar ließ pathetisch den Kopf hängen.

»Ein Gast aus dem sonnigen Italien, welch eine Ehre! Seien Sie willkommen!«

»Ich möchte Sie nicht stören«, sagte Liliana. »Um ehrlich zu sein, bin ich nur hier in der Hoffnung, etwas zu essen zu bekommen. Würde es Sie stören, wenn mein Begleiter und ich uns in eine unbenutzte Ecke zurückziehen, um eine Scheibe Brot und ein Glas Wasser zu uns zu nehmen, welche sie uns allerdings gütigerweise zur Verfügung stellen müssten.«

Die Braut zog die Augenbrauen hoch. Wollte sie dieses blasse Persönchen auf den Arm nehmen? Sie war Lehrerin von Beruf. Ein Tadel lag ihr auf den Lippen, aber der verzweifelte Blick in den Augen der Signorina war zugleich rührend und komisch.

»Oh, wie müssen Sie gelitten haben, Mademoiselle, dass Sie sich mit Sträflingsnahrung zufriedengeben wollen! Oder handelt es sich um eine Diät?«

Lilianas Stimmung hellte sich sofort auf. Sie liebte nichts mehr als Menschen mit Humor – und ein kleines Wortgefecht.

»Darf ich Ihren Namen erfahren, den neuen?«

»Ich heiße ab heute Pilot, Jeanne Pilot«, antwortete die Braut mit Stolz in der Stimme.

»Madame Pilot …«

»Sagen Sie Jeanne zu mir, Mademoiselle, bitte!«

Gaston und Salvatore waren bereits auf der Suche nach einem Tisch. Liliana hatte ihren nahen Hungertod vergessen und plauderte unbeschwert mit der Braut.

»Meine Bitte um Wasser und Brot, Jeanne, entsprang nicht dem Wunsch nach Askese und der Überwindung alles Irdischem, sondern der mir angeborenen Bescheidenheit, die aber nur metaphorisch aufgefasst werden darf. Gerade die Fülle der Genüsse, die Reizung aller Sinne bis zum Exzess vermag zur Klarheit des Geistes führen.«

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

»Mein Zenmeister pflegt zu sagen …«, begann Liliana.

»Ihr Zenmeister?«

»Nun, ja, wenn ich einen Zenmeister hätte, würde er zu sagen pflegen: Gib den Menschen die Chance, dir etwas Gutes zu tun! Wenn ich nun einen saftigen Braten und ein kühles Bier verlangt hätte und Sie es mir als perfekte Gastgeberin gegeben hätten, dann wäre das selbstverständlich gewesen und nicht der Rede wert. Aber wenn Sie Wasser und Brot noch eine Scheibe Wurst hinzufügen, werde ich von soviel Freundlichkeit überwältigt sein und Sie werden sich heute Nacht mit einem wohligen Gefühl ins Bett legen, weil Sie Großherzigkeit zeigten, wo es nicht verlangt worden war.«

Die frischgebackene Madame Pilot starrte Liliana an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus.

»Entschuldigen Sie, Mademoiselle! Dieser Satz ist mein schönstes Hochzeitsgeschenk. Ich verspreche Ihnen, Sie werden nicht verhungern.«

Salvatore hatte einen Tisch gefunden. Er winkte Liliana zu. Madame Pilot führte sie zu ihm.

»Jeanne«, sagte Liliana, »der junge Mann nennt sich Maître Brava. Er hat mir versprochen, mich heute Abend zu beschützen. Sonst weiß ich nichts über ihn.«

Salvatore erhob sich, gab der Braut einen galanten Handkuss und gratulierte zur Vermählung. Zwei junge Frauen stellten Teller, Besteck und Gläser auf den Tisch. Gaston schob einen Servierwagen heran.

»Bon appétit!«, sagte Jeanne. »Ich muss meinen Göttergatten im Auge behalten, damit er heute Nacht noch zu gebrauchen ist. Darf ich Ihnen meinen Hubert vorstellen, Mademoiselle?«

»Wo habe ich nur meinen Kopf! Ich hatte ganz vergessen, dass zu einer Hochzeit auch ein Ehemann gehört«, sagte Liliana.

»Mein Hubert ist wirklich süß.«

»Davon werde ich mich später überzeugen. Nach dem Dessert?«

»Er wird Ihnen gefallen, Comtesse«, sagte Jeanne mit einem Glitzern in den Augen und verließ den Tisch.

Gaston servierte. Eine klare Gemüsesuppe gab es als Vorspeise, gegrilltes Entrecôte mit kräftiger Soße, Bratkartoffeln und Feldsalat als Hauptspeise. Dazu wurde ein leichter Roséwein serviert, den Liliana ablehnte und ein Glas Wasser verlangte.

»Guten Appetit, Contessina Liliana!«, sagte Salvatore. »Da wir jetzt unter uns sind, wäre es nicht einfacher, wir duzen uns?«

»Das ist völlig unnötig. Während des Essens werde ich kein Wort sprechen und nach dem Dessert begebe ich mich schnurstracks auf mein Zimmer und werde mit Sicherheit sofort einschlafen.«

»Sie haben vergessen, dass Sie den süßen Bräutigam in Augenschein nehmen wollten.«

Braut und Bräutigam waren nirgends zu sehen. Es wurde immer noch getanzt. Die Paare tanzten dicht an ihrem Tisch vorbei. Dass eine junge Dame aus dem fernen Italien zugegen war, hatte sich schnell herumgesprochen. Jeder wollte nur einen unauffälligen Blick auf sie werfen, denn sie durfte auf keinen Fall beim Essen gestört werden, hatte ihnen Gaston eingeschärft. Aber es gab nicht viel zu sehen. Die Signorina war ein unscheinbares Mädchen mit blassem Gesicht und großen unergründlichen Augen. Das schlichte schwarze Kleid war auch nicht das, was man von einer Italienerin erwartete. Schnell hatte man sich an ihr sattgesehen und ließ sie in Ruhe.

Schweigend aßen Liliana und Salvatore die Suppe.

Liliana seufzte. Da ihr Magen zufrieden war und sich auf die Fortsetzung freute, wich ihre Anspannung. Der Braten war ebenfalls vorzüglich. Alles war vorzüglich, die Suppe, der Braten, der Salat, die Musik und der junge Mann gegenüber. Er hatte die feinen Hände eines Künstlers. Als er zum zweiten Mal beinahe das Weinglas umstieß und sie dabei melancholisch verzweifelt ansah, wurde sie milder gestimmt und sagte:

»Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit jemandem ausgehe – und das noch ohne den strengen Blick einer sogenannten Vertrauensperson.«

»Sie vergessen, dass ich zur Vertrauensperson ernannt worden bin.«

»Gut, dass Sie mich daran erinnern, Maître Brava! Dann gilt das nicht und ich nehme meine Aussage zurück.«

Gaston brachte das Dessert.

»Es ist nur noch Crème Caramel da. Wir hatten heute besonders gefräßige Gäste. Ich hoffe, Sie mögen Crème Caramel?«

»Mit Crème Caramel machen Sie mir eine große Freude, Gaston.«

»Sie werden nicht enttäuscht sein, Signorina.«

Gaston servierte jedem eine extragroße Portion.

»Möchten Sie noch einen Wein, Maître? Oder wie wär es mit einer Flasche Champagner? Sie sind unsere Gäste. Feiern Sie mit uns!«

Salvatore blickte Liliana fragend an.

»Ich bleibe bei Wasser«, sagte sie.

»Dann bringen Sie uns bitte eine Flasche Wasser, Gaston«, sagte Salvatore. »Ich möchte zu gern wissen, was die Signorina daran findet.«

Schweigend aßen sie die Nachspeise.

Gaston brachte das Wasser und ging.

Die Musiker machten eine Pause. Die Gäste verließen das Zelt.

»Wollen wir auch hinausgehen?«, sagte Salvatore. »Es ist sicher draußen sehr romantisch. Außerdem ist dort die Luft besser.«

Liliana gab keine Antwort. In ihrem Kopf, in dem es so viele Worte gab und vernünftige Gedanken, hatte sie sich vorgenommen, diesen jungen Mann, der plötzlich in ihre Welt eingebrochen war, wieder daraus zu verbannen. Sie hatte dafür auch ein passendes Wort gefunden. Sie wollte sich entlieben. Dass sie in ihn verliebt war, das hatte auch ihr analytischer Verstand nicht leugnen können. Es war eine Tatsache, die akzeptiert werden musste. Das bedeutete aber nicht, dass eine Tatsache nur eine einzige Folgerung zuließe. Man kann eine Tatsache anerkennen, sie hinnehmen und nicht weiter beachten. So wie man überrascht feststellt, dass man sich am Arm verletzt hat, den Ärmel drüber zieht und nicht mehr daran denkt. Liliana hatte sich eine Menge Strategien ausgedacht. Kälte, Abweisung, Verhöhnung, Herablassung, Demütigung, das musste doch einer Contessina di Salamandra im Blut liegen. Aber das waren nur Gedankenspiele gewesen, auch das Entlieben. Denn es war nicht so, dass auf der einen Seite ihr Herz stand, das sich nach Erfüllung dieser Liebe sehnte, nein, auch ihr Kopf wünschte sich das. Liebe wider alle Vernunft, das war die Herausforderung, vor der sie stand. Die Lösung müsste natürlich eine vernünftige sein.

»Es war gar keine so schlechte Idee mit dem Du«, sagte sie.

Salvatores Gesicht hellte sich auf, keine Spur mehr von Melancholie.

»Ich heiße Salvatore.«

»Noch genauso wie heute Morgen!«

»Machst du dich lustig über mich, Contessina?«

»Liliana!«

»Nur Liliana, nicht Liliana Antonia Marcella Frederica Maria Gabriela Daniela Lorena Alina?«

»Nur Liliana. Alle anderen Mädchennamen waren bereits an meine sechs Schwestern vergeben.«

»Du hast sechs Schwestern? Ich bin ein Einzelkind«, sagte Salvatore.

»Ich habe sechs ältere Schwestern. Können wir das Thema wechseln?«

»Es ist sicher sehr schön, viele Geschwister zu haben.«

»So? Das wusste ich nicht.«

Salvatore nahm die Flasche Wasser.

»Darf ich dir nachfüllen?«

»Mein Glas ist voll.«

Er füllte trotzdem nach. Das Glas lief über. Nun stand es in einer Pfütze.

»Reicht das, Liliana?«

»Du hast mich überreichlich beschenkt. Das war sehr nett von dir.«

»Ich …« Jetzt bemerkte er, was er angerichtet hatte. »Ich benehme mich wie ein Idiot.«

»Und ich wie eine eingebildete Gans. Wir sollten den Abend beenden.«

»Das sollten wir«, sagte Salvatore zerknirscht. »Andererseits könnten wir uns auch zusammennehmen.«

»Das dürfte dir nicht schwerfallen. Du hast sicher reichlich Erfahrung, wie man Gänse rupft und schlachtet. Während ich … ach!«

Sie stand auf

 – und setzte sich wieder.

»Also gut, ich habe sechs Schwestern. Die Zwillinge sind drei Jahre älter als ich, Maria, das ist die Älteste, sieben Jahre. Meine Schwestern konnten mit mir nichts anfangen und ich nichts mit ihnen. Ausgerechnet heute Nacht an sie zu denken, ich kann mir nichts Trostloseres vorstellen!«

»Warum ausgerechnet heute Nacht?«

»Du hast recht. Warum sollten wir nicht über Banalitäten sprechen? Schließlich ist es eine Nacht wie jede andere.«

»Es ist keine Nacht wie jede andere«, sagte Salvatore. »Du willst wirklich den Duke heiraten?«

»Ich werde den Duke of Everweard heiraten. Wenn dir kein interessantes Thema einfällt, könnten wir über das Wetter sprechen oder über die Crème Caramel. War sie nicht köstlich?«

»Der Duke ist zu alt für dich. Du kennst ihn nicht einmal.«

»Ich werde Gaston fragen, ob ich noch eine Portion haben kann«, sagte Liliana. »Möchtest du auch noch eine Portion? Wenn ich ihn frage, kann ich gleich für dich mitfragen. Das macht mir nichts aus. Ich ersetze in meiner Bitte das Ich durch Wir. Das ist ganz einfach und macht mir nicht die geringste Mühe.«

Die Zelttür wurde zurückgeschlagen. Frische Luft wehte herein. Eine Melodie ertönte. Es war ein beliebter Gassenhauer, zugleich traurig und heiter.

»Wie heißt dieses Lied, Salvatore?«

»Ich weiß es nicht. Das heißt, ich wusste es, aber es will mir im Augenblick nicht einfallen. Ist es wichtig?«

»Was sollte heute Nacht schon wichtig sein?« Liliana stand auf. Sie schob den Stuhl unter den Tisch. »Wahrscheinlich bin ich übermüdet, denn es gelingt mir nicht, Unwichtiges zu ertragen. Ich finde den Weg allein zurück. Bis morgen, Salvatore!«

»Mir ist nur eins wichtig, Liliana. Dass du bei mir bist!«

Die Hochzeitsgäste strömten zurück ins Zelt. Die drei Musiker nahmen Platz, spielten aber nicht. Die Braut führte einen jungen Mann an Lilianas Tisch. Er hatte die gleiche leicht nach unten geneigte Nase wie sie. Man hätte ihn für ihren Sohn halten können.

»Madame, das ist er, mein Hubert.«

Hubert stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und grinste. Jeanne schob ihm einen Stuhl in die Kniekehlen. Er setzte sich.

»Er braucht nur einen starken Kaffee, Madame. Ich bin gleich wieder zurück.«

Jeanne verschwand. Liliana blieb nichts übrig, als sich wieder zu setzen.

»Monsieur Pilot«, sagte sie, »ist es eine angenehme Erfahrung zu heiraten?« Hubert grinste. »Sie schweigen. Daraus entnehme ich, dass es nichts dazu zu sagen gibt. Es wird viel Aufhebens darum gemacht. Dabei ist es das Ödeste, was sich die Menschheit ausgedacht hat. Um dies zu vertuschen, wird großes Tamtam darum gemacht. Sogar der liebe Gott muss herhalten, um dieser inhaltslosen Farce Bedeutung zu geben.«

»Liliana …«, sagte Salvatore.

»Du bist besser still! Für dich bin ich gar nicht mehr da. Ich plaudere mit dem süßen Ehemann.«

Jeanne kam und stellte eine Tasse Kaffee vor Hubert. Dann holte sie einen Stuhl und setzte sich an den Tisch. Während sie ihrem Mann den Kaffee einflößte, sah sie Liliana erwartungsfroh an.

»Du möchtest jetzt von mir hören, Madame Pilot, dass du die richtige Wahl getroffen hast. Besteht die Aussicht, dass er aufhört zu grinsen?«

»Der Kaffee ist stark und bitter.«

Jeanne wartete immer noch auf ein Kompliment. Liliana ließ sich nicht darauf ein.

»Du bist sicher der Auffassung, es ist das Wichtigste im Leben einer Frau zu heiraten?«

»Den Richtigen zu heiraten und Kinder zu bekommen, Madame!«

»Jetzt gerät unser Gespräch ins Esoterische. Was soll denn das sein, der Richtige?«

»Ein Mann fürs Leben!«

»Das klingt nach einer unheilbaren Krankheit.«

Jeanne hörte Bitterkeit in Lilianas Stimme.

»Madame, auch Sie werden eines Tages den Richtigen finden.«

»Ich befinde mich auf meiner Hochzeitsreise.«

Jeanne warf einen Blick auf Salvatore. Er sah nicht wie ein glücklicher Ehegatte aus.

»Darf ich gratulieren?«

»Die Hochzeit hat noch nicht stattgefunden«, sagte Liliana. »Ich bin auf der Reise dorthin. Deshalb sprach ich von meiner Hochzeitsreise. Ich bin heute voller Schalk.«

Hubert hatte sein Grinsen verloren. Dafür schnarchte er mit offenem Mund. Jeanne winkte Gaston herbei. Zu zweit hoben sie ihn vom Stuhl.

»Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt, Mademoiselle!«

»Danke, Jeanne! Ich hoffe, du hast es bereits gefunden.«

»Das habe ich, auch wenn es nicht danach aussieht.«

Jeanne und Gaston führten Hubert hinaus.

Die Dreimannband begann zu spielen. Es war eine schlichte Melodie aus sich ständig wiederholenden Akkorden, die man nach einiger Zeit nicht mehr wahrnahm. Zwei Paare tanzten.

»Jetzt habe ich doch vergessen«, sagte Liliana, »Gaston nach der Créme Caramel zu fragen. Macht nichts, ich werde mich jetzt sowieso zurückziehen.«

Aber sie stand nicht auf.

»Liliana, ich werde aus dir nicht schlau. Du ahnst, dass ich etwas für dich empfinde?«

»Ich soll nun erraten, was dieses Etwas sein könnte, das du so schwach empfindest, dass du ihm nicht einmal einen Namen geben kannst?«

»Empfindest du nichts für mich?«

»Mit nichts meinst du etwas?«

»Ich spreche von Gefühlen«, sagte Salvatore.

»Etwas ist nicht gerade viel.«

»Ich wäre auch mit wenig zufrieden.«

»Maître Salvatore Brava, deine Begriffe sind wie Irrlichter, die immer tiefer in den Sumpf der Unverständlichkeit führen. Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Und der besteht nicht aus Wörtern, sondern aus Taten.«

»Was ist mit Gefühlen?«

»Gefühle sind … Darüber muss ich mit Großmutter diskutieren. Ich gebe jetzt nur eine vorläufige Definition. Gefühle sind Interpretationen des Körpers von Situationen, Beziehungen, Ereignissen und Zuständen. Diese Interpretationen sind weder wahr noch falsch. Im Gegenteil, man muss ihnen gegenüber sehr kritisch sein. Gefühle sind verwandt mit Aberglaube und Mystik.«

»Was ist, wenn man traurig ist?«, fragte Salvatore.

»Wenn jemand traurig ist, beurteilt er den Verlust oder das Fehlen einer Sache als Mangel.«

»Was ist daran schlecht?«

»Darum geht es doch nicht, ob Gefühle zu haben schlecht ist. Gefühle machen uns zu Menschen. Was ich sagen will: Gefühlen ist nicht zu trauen. Sie können reine Einbildung sein, ohne jegliche Beziehung zur Wirklichkeit.«

Die Band spielte wieder den Gassenhauer.

Liliana stand auf.

»Tanzen wir! Du kannst doch tanzen?«

Salvatore sprang auf. Er nahm Lilianas Hand und führte sie zur Tanzfläche.

»Jetzt weiß ich wieder, wie das Lied heißt: Vole, ma chouette! Es wird in Paris in allen Kneipen gespielt.«

»Du bist auch Kneipenexperte?«

»Ich musste mir doch die Zeit vertreiben, bis ich dich fand.«

Salvatore legte die Hände um Lilianas Taille. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern. Wann nun das eigentliche Tanzen begann, konnte man von außen nicht feststellen, da sie sich keinen Zentimeter bewegten.

Kapitel 3

Ärmelkanal

Die See war ruhig. Jedenfalls behaupteten das die Seeleute.

Marchesa Montecorno und Gina standen auf dem Oberdeck der Dampffähre ›Prince of Wales‹ und blickten hinaus auf das endlose Wasser. Calais und die französische Küste waren längst nicht mehr zu sehen.

»Gina, stell dir Folgendes vor: James Cook und seine Mannen haben ihre Heimat verlassen«, sagte die Marchesa. »Seit Monaten befinden sie sich auf dem offenen Meer. Ringsum gibt es nur Wasser von einem Horizont zum andern. Sie beginnen zu zweifeln, ob es das Land, das sie suchen, wirklich gibt. Aber dann zieht James Cook aus seiner schmucken Kapitänsjacke, so wie ich jetzt aus meiner Manteltasche, eine Karte der Schifffahrtslinie Calais-Dover hervor.« Die Marchesa fuhr mit dem Finger eine Linie in dem Prospekt nach. »Da sieht er, dass er nur einer roten Linie zu folgen braucht, so wie Theseus und die Argonauten Ariadnes Faden folgten, und schon ist er am Ziel. Das Einzige, was mich beunruhigt, meine gute Gina, ich kann beim besten Willen dort draußen keinen roten Faden erkennen!«

Gina lachte. Die Marchesa hatte einen eigenen Humor.

»Marchesa, ich habe es einfacher. Ich brauche nur Ihnen zu folgen, denn ich bin sicher, dass Sie mich nie in die Irre führen werden.«

»Damit hast du recht. Ich weiß immer, wo es langgeht. Wenn nicht, dann wirst du mich nie dabei erwischen, dass ich es zugebe.«

Aber so leer war die See gar nicht. Ein dicker Frachtkahn zog eine langgezogene dunkelgraue Fahne aus Dampf und Ruß hinter sich her. Von Kuttern aus warfen Fischer ein riesiges Netz in die See. Bunte Korken tanzten im Wasser. Darüber kreisten schreiend silbern schimmernde Möwen.

»Die arme Contessina«, sagte Gina, »jetzt muss sie unter Deck bleiben. Dabei hatte sie sich so sehr auf das Meer gefreut.«

»Das geht vorüber. Ein bisschen Übelkeit, Beine wie Gummi, die Welt dreht sich ein wenig schneller um einen herum. Bah! das ist nichts! Das sollte man nicht einmal Seekrankheit nennen. Es ist höchstens eine Malaise, ein Seewehwehchen. Du wirst sehen, die Neugierde wird sie bald wieder auf Deck treiben.«

»Wenn sie nicht etwas Anderes für interessanter hält.«

»So interessant kann es nicht sein, sonst wären wir zurück nach Paris gefahren«, sagte die Marchesa. »Ich hatte bereits Hoffnung geschöpft, dass uns diese makabre Hochzeit erspart bleibe. Aber nein, Jugend ist vernarrt ins Märtyrertum.«

»Sie haben es also auch bemerkt, Marchesa?«

»Die wahre Liebe, die Liebe auf den ersten Blick, zwei Menschen, die sich gefunden haben, zwei Seelen, die zusammengehören – ich weiß, ich weiß! Und weiter?«

Gina dachte, das sei selbstverständlich und sagte:

»Wie groß auch die Hindernisse und Gefahren, die Liebe siegt.«

»Ja, natürlich, das hatte ich vergessen. Und wenn sie nicht siegt, dann war sie nicht stark genug, die Liebe. Das mag ja alles sein, aber verlassen kann man sich nicht darauf. Hör zu, Gina! Wir müssen pragmatisch denken.«

»Pragmatisch? Bedeutet das unromantisch?«

Manchmal hatte Gina Mühe, der Marchesa zu folgen. Immer wenn sie etwas Wichtiges sagen wollte, verwendete sie schwierige Wörter.

»Wir dürfen uns nicht davon leiten lassen, wie wir es gern hätten, sondern müssen den Tatsachen ins Auge sehen und entsprechend handeln. Das heißt nicht, dass wir sie als schicksalhaft akzeptieren, nein, wir werden alles daran setzen, sie in unserem Sinne zu verändern.«

Die Marchesa war eine Philosophin. Es war oft schwer zu erkennen, ob sie vom Universum sprach und den ewigen Gesetzen, die allem zu Grunde lagen, oder von einem konkreten Ereignis. Gina fragte lieber nach:

»Sie sprechen von der Hochzeit?«

»Nicht die Hochzeit ist das Problem, Gina. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Was kommt danach? Wir haben nicht die geringste Ahnung, was Liliana in Everweard erwartet. Die ganzen Begleitumstände waren nicht dazu angetan, Vertrauen zu erwecken, im Gegenteil.«

Auch Gina hatte ein beklemmendes Gefühl, wenn sie an die Hochzeit dachte. Es war, als würde eine eiskalte Hand nach Liliana greifen, die Hand eines Skeletts, eines Geistes, ja, des Teufels. Tagelang hatte sie auf Liliana eingeredet, mit Engelszungen und mit Wutausbrüchen. Doch es war alles vergebens gewesen. Die Contessina hatte sich dazu entschlossen, nach sachlicher Abwägung der Gründe, die dafür und die dagegen sprachen, den mysteriösen Duke im Norden Englands zu heiraten. Liliana war ja so vernünftig, dass es schon wieder unvernünftig war. Einen Funken Hoffnung hatte Gina noch.

»Marchesa, dieser junge Mann, sie hat sich doch in ihn verliebt.«

»Das war auch meine Hoffnung. Reines Wunschdenken! Aber es sollte uns nicht wundern. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist sie nicht mehr davon abzubringen. Es sei denn … das ist unsere Chance, Gina … es sei denn, sie erkennt, dass sie getäuscht wurde oder sich selbst getäuscht hat.«

Gina war nicht überzeugt. Sie kannte Liliana doch etwas besser als die Marchesa.

»Diesmal geht es ihr um etwas, was über sie hinausgeht. Sie tut es für andere. Wenn sie sich auf so etwas eingelassen hat, hilft alle Vernunft nicht mehr.«

»Sie will doch nicht etwa eine Heilige werden?«

»Begreifen Sie doch, Marchesa! Sie will nichts für sich.«

Die Marchesa sah, wie erregt Gina war und wie verzweifelt hilflos. Sie nahm ihre Hand und drückte sie fest.

»Um so wichtiger ist es, dass wir beide einen klaren Kopf behalten.«

»Ach, wenn ich das nur könnte!«, sagte Gina.

»Du musst! Ich verlasse mich auf dich.«

Die Marchesa ließ Ginas Hand los. Sie verließen die Reling und setzten sich auf eine Bank. Sie waren die einzigen Passagiere an Deck. Die See war jetzt doch nicht mehr so friedlich. In regelmäßigen Abständen schwappte Wasser vor ihre Füße.

»Ich will dir sagen, was ich von dir erwarte, Gina. Du bist Lilianas Zofe und …«

»Aber Marchesa, ich weiß doch gar nicht, was eine Zofe ist.«

»Ich dachte, ich hätte dir das erklärt.«

»Dann hatte ich bestimmt nicht zugehört und war mit meinen Gedanken woanders.«

Die Marchesa nickte.

»Eine Zofe ist die Dienerin ihrer Herrin …«

»Eine Dienerin? Was ist das?«

»Gina, sei nicht albern und konzentriere dich! In Salamandra gibt es eine Menge Personal, Köchinnen, Stubenmädchen, Zimmermädchen, Gärtner und so weiter. Sie werden dafür bezahlt, für den Conte und seine Familie Arbeiten zu verrichten, also ihnen zu dienen. Eine adlige Frau hat eine Zofe oder mehrere, die nur für sie da sind. Sie nehmen ihr alle niederen Dienste ab, wie Haare kämmen, die Wäsche wegbringen, Frühstück ans Bett bringen, die Kleider richten und so weiter. Die Zofe führt Besuch zu ihrer Herrin oder weist ihn in ihrem Auftrag ab. Die persönliche Zofe der Herrin gibt anderen Zofen und Dienern Anweisungen. Kurzum, sie sorgt dafür, dass ihre Herrin immer als Herrin wahrgenommen wird. Warum erzähle ich dir das eigentlich? Du musst das doch wissen! Du liest doch massenweise diese Romane.«

»Ah! Jetzt weiß ich, was Sie meinen, Marchesa. Liliana braucht bestimmt keine Zofe.«

»Als Contessina di Salamandra oder gar als Duchess of Everweard muss sie eine Zofe haben. Diese Zofe nennt man in England ›Lady’s Maid‹.«

»Ist es wirklich so wie in den Romanen?«, fragte Gina ungläubig.

»Ich bin zwar keine Expertin, was diese Art Literatur betrifft«, sagte die Marchesa. »Hin und wieder lese ich einen Roman, um mich zu entspannen, aber wenn du dich daran hältst, was dort beschrieben wird, kann dir keine wahrhaftige Zofe das Wasser reichen.«

Gina war nicht davon überzeugt.

»Lernen muss man es trotzdem. Ich werde Fehler machen.«

»Das wirst du. Man lernt, indem man Fehler macht.«

»Ich möchte nicht, dass man über Liliana lacht.«

»Warum bist du dann überhaupt mitgekommen?«, sagte die Marchesa gereizt. »Du hättest in Capirosso bleiben können.«

»Ach, Marchesa, das hätte ich nicht ertragen. Das wissen Sie. Ich werde alles tun, was von mir verlangt wird. Aber diese unglückliche Liebesgeschichte hat mich traurig gemacht, wütend und hilflos. Ich hatte schon Hoffnung geschöpft.«

Die Helden in den Romanen hätten Liliana auf der Stelle entführt und die Bösewichte im Duell für ihre Niedertracht büßen lassen.

»Ein Gutes hat die Sache«, sagte die Marchesa. »Wir sind exotische Fremde aus dem fernen Italien. Von denen weiß man ja, dass sie die merkwürdigsten Sachen machen. Du würdest sie sogar enttäuschen, wenn du alles richtig machtest. Also, Kopf hoch, Gina! Wir machen uns sicher unnötig Sorgen und werden bald darüber den Kopf schütteln, welche Angsthasen wir waren. Was mir nicht passt, ist unsere Unwissenheit. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Wer ist dieser Duke, von dem wir noch nie gehört haben? Was sind seine wahren Motive, ausgerechnet diese Contessina di Salamandra zu heiraten und nicht eine ihrer Schwestern? Auswahl gibt es ja genug. Wie kommt er überhaupt auf Salamandra? Dann die andere Geschichte, über die ich nicht sprechen möchte, sonst kommt mir die Galle hoch, das passt alles nicht zusammen. Oder doch? Das müssen wir herausfinden, Gina. Und dazu brauche ich dich.«

»Was soll ich tun?«

»Das, was eine kluge Zofe schon immer getan hat, Augen und Ohren offenhalten. Wir müssen Fakten sammeln. Dann kann ich handeln. Und handeln werde ich, wenn es nötig ist, darauf kannst du dich verlassen!«

»Auch wenn Liliana es nicht will?«

»Ich werde niemals gegen ihren Willen handeln. Zu meinen ehernen philosophischen Prinzipien gehört der freie Wille. Aber um ihn herum gibt es viele Möglichkeiten, auf indirektem Weg den freien Willen in eine andere Richtung zu lenken.«

Gina hatte kein Wort verstanden. Aber sie hatte herausgehört, dass die Marchesa bereit war zu kämpfen. Das gab ihr neue Zuversicht.

* * *

Liliana schöpfte langsam Hoffnung, nicht sterben zu müssen. Ihr Magen hatte sich inzwischen beruhigt. Nur von Zeit zu Zeit wollte er in einem Anfall von Panik den Körper verlassen. Die wilde Achterbahnfahrt in ihrem Kopf hatte sich in eine gleichmäßige Drehung verwandelt. Sie war sich gewiss, wenn Salvatore nicht ihre Hand hielte, würde sie orientierungslos im Raum schweben. Seit Stunden saß er an ihrem Bett. Es sah nicht aus, als ob er sie auslache. Liliana wusste nicht, ob sie Angst haben sollte oder sich schämen müsste. Wieder solch eine weibliche Schwäche! Dabei hatte sie sich so stark gefühlt!

In der Zwischenzeit hatte Salvatore sein gesamtes Leben erzählt. Davon war nicht viel in ihrem Bewusstsein angekommen. Das meiste hatte sie wahrgenommen wie ein fernes Murmeln. Dann gab es Passagen, die waren so laut, als hätte er sie angeschrien.

»Florence … Wer ist Florence?«

Salvatore zuckte zusammen. Hatte er eben von Florence erzählt?

»Du hörst mir ja doch zu!«, sagte er erschrocken.

»Lenk nicht ab! Ich habe keine Ahnung mehr von dem, was du die ganze Zeit gesprochen hast. Aber das habe ich ganz deutlich gehört: Florence und ich lieben uns über alles. Alle anderen Frauen sind für mich nur willkommene Gelegenheiten, auf angenehme Weise die Langeweile zu vertreiben, welche die Beschäftigung mit totem Gestein und – Gott sei Dank – längst untergegangenen Kulturen notwendigerweise mit sich bringt.«

»Das habe ich niemals gesagt!«

»Ich habe das ganz deutlich gehört. Noch jetzt dröhnt mir der Schädel vom Widerhall deiner Worte.« Mühsam richtete sie sich auf. »Meinst du, du könntest mir einen klitzekleinen Kuss geben, um das wiedergutzumachen?«

»Seit wann küssen wir uns, Contessina?«