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Was wenn die Welt eine völlig neue ist - und nur der Mensch bleibt der alte? Zwei packende Erzählungen vom israelischen Bestsellerautor Assaf Gavron.
In einer nicht allzu fernen Zukunft steht eine junge Frau inmitten einer Pandemie in der virtuellen Schlange vor einem virtuellen Bankschalter, da geschieht das Unglaubliche: ein Banküberfall. Fiebrig versucht die Frau mithilfe von "Eiser", ihrem KI-gestützten Helfer, herauszufinden, was ein "Banküberfall" überhaupt ist. Doch je weiter die Nachforschung geht, desto unklarer wird, was eigentlich wirklich geschieht - und wie man das zweifelsfrei erkennen kann: die Wirklichkeit.
Wir schreiben das Jahr 2066, als Ami Allalouf in seine Heimatstadt Dimona gerufen wird. Die Welt ist längst nicht mehr, wie sie mal war, Umweltkatastrophen und eine rasante technologische Entwicklung haben den Nahen Osten völlig verändert: Israel gehört in ein Staatengebilde mit Palästina, Jordanien, Syrien und dem Libanon, menschliche Arbeit ist nahezu überflüssig, der Wohlstand wird auf alle gleich verteilt. Doch jetzt ist Amis Vater, der sein florierendes Bauunternehmen gegen den Willen der Familie an die Allgemeinheit übergeben möchte, schwer erkrankt. Schnell wird Ami klar, dass diese Krankheit womöglich keinen natürlichen Ursprung hat. Und dass er sich entscheiden muss, wem er sich mehr verpflichtet fühlt: der eigenen Familie oder dem allgemeinen Wohl.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2025
In einer nicht allzu fernen Zukunft steht eine junge Frau inmitten einer Pandemie in der virtuellen Schlange vor einem virtuellen Bankschalter, da geschieht das Unglaubliche: ein Banküberfall. Fiebrig versucht die Frau mithilfe von »Eiser«, ihrem KI-gestützten Helfer, herauszufinden, was ein »Banküberfall« überhaupt ist. Doch je weiter die Nachforschung geht, desto unklarer wird, was eigentlich wirklich geschieht – und wie man das zweifelsfrei erkennen kann: die Wirklichkeit.
Wir schreiben das Jahr 2066, als Ami Allalouf in seine Heimatstadt Dimona gerufen wird. Die Welt ist längst nicht mehr, wie sie mal war: Israel gehört in ein Staatengebilde mit Palästina, Jordanien, Syrien und dem Libanon, menschliche Arbeit ist nahezu überflüssig, der Wohlstand soll auf alle gleich verteilt werden. Amis Vater, der sein florierendes Bauunternehmen gegen den Willen der Familie an die Allgemeinheit übergeben möchte, ist schwer erkrankt. Doch schnell wird Ami klar, dass diese Krankheit womöglich keinen natürlichen Ursprung hat. Und dass er sich entscheiden muss, wem er sich mehr verpflichtet fühlt: der eigenen Familie oder dem gesellschaftlichen Fortschritt.
Assaf Gavron wurde 1968 geboren, wuchs in Jerusalem auf und studierte in London und Vancouver und lebt heute mit seiner Familie in Tel Aviv. Er hat mehrere Romane und einen Band mit Erzählungen veröffentlicht und ist in Israel Bestsellerautor. Assaf Gavron hat u. a. Jonathan Safran Foer und J. D. Salinger ins Hebräische übersetzt, ist Sänger und Songwriter der israelischen Kultband »The Mouth and Foot« und hat das Computerspiel »Peacemaker« mitentwickelt, das den Nahostkonflikt simuliert.
Assaf Gavron
Zwei Erzählungen
Aus dem Hebräischen von Stefan Siebers
Luchterhand
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »המלט« (»Hamelet / The Ciment«) im Pardes-Verlag, Haifa.
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EVERYBODY BE COOL: Copyright © 2020 by Assaf Gavron, first published by Haaretz magazine
HAMELET: Copyright © 2023 by Assaf Gavron, first published by Van Leer Institute Press & Pardes Publishing
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025
Luchterhand Literaturverlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Umschlaggestaltung: buxdesign | Daniela Hofner unter Verwendung eines Motivs von Stocksy/Catherine MacBride
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-33107-8V001
www.luchterhand-literaturverlag.de
facebook.com/luchterhandverlag
Israel ist offenbar der einzige Staat der Welt, der aufgrund einer Vision aus einem utopischen Roman gegründet wurde. Dieser trug den Titel Altneuland und stammte aus der Feder von Theodor Herzl, der der Nachwelt weniger als Literat denn als politischer Anführer in Erinnerung geblieben ist. Die Wiederbelebung des Zionsgedankens am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die ein halbes Jahrhundert später zur Gründung des israelischen Staates führte, verdanken wir insbesondere diesem zu seiner Zeit nur mittelmäßig erfolgreichen Wiener Schriftsteller und Theaterautor. In seinem zukunftsweisenden Buch, das übrigens auf Deutsch geschrieben und erstmals 1902 in Leipzig veröffentlicht wurde, imaginierte Herzl einen jüdischen Staat im Jahr 1923, der ein wohlgeordnetes, mustergültiges Gemeinwesen bildet, in dem alle Bürger Deutsch sprechen, genüsslich in die Oper von Haifa gehen und ein brüderliches Verhältnis zu gebildeten Arabern pflegen. In literarischer Hinsicht ein schwaches Werk, dessen hauptsächliche Kraft in seiner symbolischen historischen Mission lag und das nicht allein die Existenz eines Staates, sondern auch die einer Stadt vorwegnahm. Der Titel, der für die erste hebräische Übersetzung von Altneuland ausgewählt wurde, wurde einige Jahre später zum Namen der Stadt, die im Herzen jenes Staates erblühen sollte: Tel Aviv, der »Frühlingshügel«.
Aus der Nähe betrachtet entspricht Israel ziemlich genau den Gesetzen der postapokalyptischen Genreliteratur: Eine Katastrophe kommt über die Welt, und aus den Scherben versuchen die Überlebenden, eine neue Gesellschaft zu formen. Vielleicht liegt es in der DNA unseres Volkes, derartige Science-Fiction-Perspektiven zu entwickeln. Jedenfalls war Herzls berühmtes Buch Ende des neunzehnten Jahrhunderts nur eines von mehreren, die jüdische Utopien in den Mittelpunkt stellten. Zum Beispiel Eine Reise nach Palästina im Jahr 2040, von Elchanan Leib Lewinsky in hebräischer Sprache verfasst und 1892 in Odessa veröffentlicht, erzählt von einem jungen Paar, das zu seiner Hochzeitsreise ins Heilige Land aufbricht. Dort findet es eine produktive, ästhetische, harmonische Gesellschaft vor, ein bewundernswertes Ideal, mit einer florierenden Wirtschaft, einer funktionierenden Verwaltung und einem Geistes- und Kulturleben, in dessen Zentrum die Wiederbelebung des Hebräischen steht (im Gegensatz zur deutschen Sprache und Kultur in Altneuland). Oder Die Verrückten (1901) von Scholem Alejchem über Moischele, der eines Tages aus seinem Schtetl in Osteuropa verschwindet und ein Jahr später zurückkehrt und berichtet, er sei in Palästina gewesen und habe dort Juden getroffen, die über Selbstachtung und ein gutes Einkommen verfügten und in einem modernen Land lebten, in dem es in jedem Haus Wasserhähne und ein Telefon gebe. Auch Zeev Jawitz, der Großvater meiner Großmutter, einer der Erneuerer der hebräischen Sprache und eine herausragende Persönlichkeit der ersten Auswanderungswelle nach Palästina, versuchte sich an einer jüdischen Utopie. Sie trug den Titel Neues voll Altem (entstanden ungefähr zur Jahrhundertwende) und war nach meinem Geschmack nicht besonders gelungen.
Ich mache einen Sprung von achtzig Jahren, der Staat Israel wurde inzwischen gegründet, und auch ich bin bereits auf der Welt. Man schreibt das Jahr 1984, und ich bin sechzehn Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse. Damals erschienen zwei Bücher, die meine Fantasie anregten, mich sowohl als Kind dieses Landes wie auch als Schriftsteller prägten und noch heute von mir gelesen werden: zwei kurze Romane, jeweils kaum mehr als hundert Seiten, von zwei Schriftstellern, die miteinander befreundet waren und eine ähnliche Lebensgeschichte hatten. Heute weiß ich, dass beide Bücher Dystopien sind; damals war mir das Wort unbekannt.
Eines ist Der Weg nach En Charod von Amos Kenan, eine Reise in ein zukünftiges Israel nach einem Militärputsch, dessen Umstände nicht genauer beschrieben sind. Rafi, ein Widerständler, begibt sich nach En Charod, das Gerüchten zufolge die letzte Hochburg der Gegner sein soll. Die Handlung ist eine geografische Reise von Tel Aviv bis zu dem Kibbuz im Norden, doch auch eine Zeitreise zwischen den archäologischen Schichten in der Geschichte des Landes. Sie ist eine Reise voll menschlicher Begegnungen – mit einem Araber, einem jüdischen General und einem jungen Mädchen – in Zeiten eines Zusammenbruchs, der mit dem Unabhängigkeitskrieg Israels beginnt und in der Militärdiktatur endet. Ein wunderbar geschriebener Roman voll wildem Humor und brillanten Dialogen über eine erschreckende Zukunft, die uns am Ende der Entwicklung erwartet. Kenan, der Friedensaktivist und ehemalige Untergrundkämpfer, hat diese Saat schon Anfang der Achtzigerjahre erkannt.
Das zweite Buch ist Jeremiahs Gasthaus von Benjamin Tammuz, eine wütende Satire über eine nicht allzu ferne Zukunft, in der gewalttätige religiöse Sekten die Herrschaft über Israel an sich reißen – eine Farce, die zu einem Blutbad führt. Jeremiah, ein Spezialist für das Entwerfen und Nähen von Fahnen, eröffnet ein Gasthaus an einer Landstraße vor den Toren Jerusalems, und säkulare Juden, die aus der Stadt fliehen, fromme Eiferer, die sie verfolgen, geisterhafte Araber und seine Schwester kehren bei ihm ein. Ist der Humor von Der Weg nach En Charod manchmal wild und verrückt, so steigert er sich hier bis in den absoluten Wahnsinn aus Tod und Sex hinein – die erneute Vorahnung einer schrecklichen Zukunft, die wir bereits in den Achtzigerjahren kommen sahen und deren stetes Herannahen wir uns hätten bewusst machen können.
Eingangs habe ich erwähnt, dass die Science-Fiction-Perspektive dem jüdischen Volk angeboren ist, aber natürlich ist dieses Genre nicht spezifisch jüdisch. Zukunftsvisionen dystopisch-spekulativer Art kamen in der Weltliteratur seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer wieder vor; man denke an zwei der berühmtesten, Schöne neue Welt von Aldous Huxley aus dem Jahr 1932 und 1984 von George Orwell von 1949. In komplizierten Zeiten neigen Menschen, vor allem Schriftsteller, dazu, sich mögliche Zukünfte auszumalen. Zweifellos bildeten die Dreißiger- und Vierzigerjahre im Europa Huxleys und Orwells eine extreme Ausnahmesituation, und das Ende des neunzehnten und der Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren in Mittel- und Osteuropa gefährliche Zeiten für Juden wie Herzl und Lewinsky. Die Siebziger- und Achtzigerjahre wiederum brachten Israel schwere Kriege und große Verunsicherung, die zum Entstehen der Bücher von Kenan und Tammus beigetragen haben dürften.
Und das führt uns zur heutigen Zeit. Die Gegenwart ist komplex und schwierig, und in Israel ist die Lage prekär. Es herrscht völlige Ungewissheit. Während ich diese Sätze schreibe, befinden wir uns auf dem Höhepunkt eines Krieges: Geiseln wurden genommen und noch nicht freigelassen, jeden Tag sterben Palästinenser und Israelis, einfache Bürger und Soldaten in Uniform, und es ist kein Ende absehbar. Niemand hat eine realistische Idee, mit welchen Mitteln ein Ende herbeigeführt werden könnte und wie die Region danach aussehen wird. Vor uns liegt also ein Feld, auf dem zwangsläufig alle möglichen Spekulationen gedeihen. Selbst wenn ein Buch, einmal fertiggestellt, künftige Schlagzeilen nicht mehr berücksichtigen kann, versucht der Schriftsteller eine Vorstellung zu vermitteln, wohin uns der Weg, der sich in Staubwolken im Nichts zu verlieren scheint, am Ende führt.
Doch um bei der Wahrheit zu bleiben – das Projekt der postkapitalistischen Literatur, in dessen Rahmen meine Kurzgeschichte »Everybody be cool!« und die Novelle »Der Zement« entstanden, hat lange vor dem 7. Oktober 2023 und sogar noch vor der Coronapandemie begonnen. Im September 2019 erhielt ich von Professor Kfir Cohen Lustig, einem Forscher am Van-Leer-Institut in Jerusalem, eine E-Mail, die mit folgenden Worten begann: »Ist eine egalitäre demokratische Gesellschaft vorstellbar, die sich nicht dem kapitalistischen Prinzip des Gewinnstrebens unterordnet? Wenn ja, wie sähe sie in politischer, wirtschaftlicher, sozialer und religiöser Hinsicht aus? Welche neue Literatur könnte aus dieser Fragestellung erwachsen, und inwieweit würde sie die Grundannahmen der bisherigen israelischen Literatur infrage stellen?«
Cohen Lustig lud zehn Schriftsteller zu einem mehrteiligen Workshop im Jahr 2020 ein. In monatlichen Sitzungen diskutierten wir über sein Forschungsgebiet, den Postkapitalismus. Das Endziel sollte die Herausgabe einer Anthologie von antikapitalistischen Erzählungen sein. Ich selbst schrieb die Kurzgeschichte »Everybody be cool!«, die nun im vorliegenden Band in deutscher Übersetzung veröffentlicht wird, nachdem das Anthologievorhaben des Van-Leer-Instituts letztendlich scheiterte. Ein unvorhersehbares Problem war die Coronapandemie, die Mitte des Jahres zuschlug und uns aus dem prächtigen Konferenzsaal in dem schönen Institut in Westjerusalem in die engen Winkel der Zoom-Welt verbannte. Zudem verstand jeder Autor unter Postkapitalismus etwas anderes, und die vorgesehene literarische Form, die Kurzgeschichte, war zu begrenzt, um darin neue Welten zu entwerfen und schlüssige Handlungen zu entspinnen. Die Verschiedenheit der Ansätze stiftete Verwirrung und Inkohärenz, und die Leinwand war wohl zu weiß und glatt, um darauf klare Bilder zu zeichnen. Eine Alternative musste gefunden werden.
Doch Professor Cohen Lustig ließ sich nicht entmutigen. Nach Ablauf des Jahres beschaffte er ein neues Budget, und mit dem Redakteur des Projekts, dem Schriftsteller und Lektor Schimon Adaf, wurde das Konzept geschärft und neu formuliert: Erstens, die Anzahl der Autoren wurde auf vier beschränkt. Zweitens, die Kurzgeschichten wurden zu Novellen erweitert. Drittens, die verbliebenen Autoren setzten sich mit Cohen Lustig zusammen, um für die Handlungen aller vier Geschichten einen gemeinsamen Hintergrund festzulegen: In welchem Jahr ereigneten sie sich? Was waren die groben historischen Voraussetzungen? Welche ökonomischen, sozialen, geopolitischen, religiösen, kulturellen und anderen Strukturen waren bestimmend für die neue Welt? Und erst wenn diese Koordinaten feststanden, konnte jeder seine eigene postkapitalistische Geschichte schreiben. So wurde eine in ihrem Geiste postkapitalistische Arbeitsweise konzipiert, in der der Autor nicht mehr individueller Schöpfer und alleinverantwortlich war, sondern Unterstützung von einem neuartigen kooperativen Modell erfuhr, das die bestehende Ordnung herausfordert.
Der postkapitalistische Gedanke ist die politische Idee von einer umfassend veränderten Weltordnung, in deren Mittelpunkt die Begriffe der Freiheit und der Gleichheit stehen, und zugleich der Versuch, die Prinzipien eines anderen menschlichen Gemeinwesens zu formulieren, die nicht auf der Maximierung von Gewinnen und der Konzentration von Eigentum beruhen. Dabei war es ein Zufall, dass die Coronapandemie diesen Anspruch noch verschärfte, da sie der Welt alternative ökonomische Konzepte, zum Beispiel Coronahilfen oder Basislöhne, aufzwang und Lebensweisen ermöglichte, deren Mittelpunkt nicht länger die Arbeit war und die deshalb einen neuen Umgang mit der Zeit erforderten. Dieses Experiment warf einerseits ein Schlaglicht auf die Schwierigkeit, das kapitalistische System zu reformieren, und zeigte andererseits Alternativen auf.
Offenbar verdankte ich die Einladung zur Teilnahme meinen früheren spekulativen Schriften. Ich nahm die Einladung an, weil ich Werken, die in die Zukunft weisen, seit jeher einen Ehrenplatz einräume und sie mir Inspiration für mein eigenes Schaffen geben. Die Wege, die uns die Literatur anbietet, um mit dem Problem der Unvorhersehbarkeit der Zukunft zurechtzukommen, ziehe ich seit jeher jenen von Religion, Mystik oder Wissenschaft vor.
Mein Erstlingswerk mit dem Titel Ice ist 1997 erschienen. Jedes seiner neun Kapitel spielt in einem anderen Jahr zwischen 1970 und 2031. Drei Kapitel sind (vom Entstehungsjahr des Buches aus) in der Zukunft angesiedelt, und das letzte, »Angesichts des Wassers, 2031«, während einer Klimakatastrophe in Neuseeland. Die Romanfiguren flehen um jeden Tropfen Regen und kommunizieren per Telepathie miteinander. Ich bearbeitete den Text und schickte ihn als Kurzgeschichte zu einem Science-Fiction-Wettbewerb der Tageszeitung Jedi’ot Achronot, den ich damit gewann.
Mein zweites Buch war eine Sammlung von Kurzgeschichten. Eine trug den Titel »Cellshock« und erzählte von einer Art Wiederkennungs-App, deren Funktion auf der elektronischen Lokalisierung von Individuen beruhte. Die Geschichte entstand im Jahr 2000, lange vor der Verbreitung von Grindr, Tinder und Smartphones. Sie wurde auf T-Shirts gedruckt und von dem Start-up, in dem ich damals arbeitete, als Merchandising-Artikel bei Ausstellungen verteilt.
Im Jahr 2008 erschien mein viertes Buch, Hydromania, das zwei Jahre später vom Luchterhand Verlag auf Deutsch herausgegeben und in weitere Sprachen übersetzt wurde. Zum ersten Mal hatte ich einen ganzen spekulativen Roman verfasst, der in einer nahen Zukunft spielt; angedeutet, doch nicht ausdrücklich genannt, ist das Jahr 2067. Der Ort ist Israel oder das, was davon übrig ist: ein ausgetrocknetes Land, das von Wasserverbänden beherrscht wird. Eine Frau sucht ihren verschwundenen Ehemann, während sich ein Dorf namens Charod darauf vorbereitet, mit einer von ihrem Mann entwickelten Methode Regenwasser aufzufangen – eine Ehrerweisung an Der Weg nach En Charod, an Philip K. Dick und den wütenden Max.
Doch zurück zu unserem Postkapitalismus-Projekt. Folgendes Setting wurde bei den Treffen der vier verbliebenen Autoren und des Professors vom Van-Leer-Institut für die Novellen festgelegt: Man schreibt das Jahr 2066, die Welt hat eine globale Pandemie überwunden sowie ein großes Gasunglück, das den östlichen Mittelmeerraum heimgesucht hat. Es wurde ein postnationaler Staat eingerichtet, die Middle Eastern Union (MEU), der Privatbesitz ist eingeschränkt, und jeder hat Anspruch auf einen staatlichen Mindestlohn. Die Einwohner spenden Zeit und Arbeit für die Allgemeinheit, kommunizieren per Übersetzungs-KI und bewegen sich in fliegenden Shuttles von Ort zu Ort. In gewisser Weise ist dies eine Rückkehr zu Theodor Herzl. Es ist vielleicht keine Utopie wie bei ihm, doch immerhin ein optimistisches Szenario in einer schwierigen Zeit und eine Art Antwort auf die populären Dystopien, die uns die Zukunft in düsteren Farben ausmalen.
Im Frühjahr 2023 wurden die vier Novellen schließlich publiziert, und damit kam das spannende Projekt des Instituts und seines Professors zum Abschluss. Neben meiner Novelle, »Der Zement«, stehen »Speicherfehler« von Schimon Adaf, der sich mit der Frage der Gemeinschaftsstruktur und der religiösen Existenz befasst, »Sie macht es einem schwer« von Tehila Hakimi, die sich Fragen des Eigentums und des Besitzes widmet, und »Ein fortdauernder Kampf« von Michal Sapir zur Frage künftiger literarischer Modelle. Ich freue mich, dass »Der Zement« nun auch in diesem Band – zusammen mit der Kurzgeschichte »Everybody be cool!« – auf Deutsch veröffentlicht wird. Damit schließt sich der Kreis zu Altneuland, dem utopischen Roman Theodor Herzls, dessen Ursprung in dieser Sprache liegt.
Assaf Gavron
Tel Aviv am 9. September 2024
»Everybody be cool! Das ist ein Überfall!«
Sie drehte ihren Kopf und sah am hinteren Ende der Warteschlange einen Mann und eine Frau, die in diesem Moment die Bank betraten. In der Hand des Mannes schimmerte ein Gegenstand aus schwarzem Metall. Was war das? Sie wandte sich um und sah, dass die Schalterbeamten erschrocken zu ihnen hinschauten. Sie hob den Blick. An der Wand über den beiden Schaltern waren große elektronische Tafeln angebracht, die in leuchtend roter Schrift den Betrag der universellen Basisleistungen anzeigten. Jetzt waren sie an der Reihe – sie und der Junge mit dem arabischen Tattoo, mit dem sie sich gestritten hatte, seit sie in der Schlange wartete.
»Was ist passiert, Eiser? Was bedeutet ›Everybody be cool‹?«, flüsterte sie in eine Falte ihres Kleides.
»Wird geprüft …«, antwortete Eiser leise.
»Leert die Kassen und Tresore«, rief der Mann mit dem metallischen Gegenstand, »einschließlich der Basisleistungen von allen, die hier stehen! Überweist sie mit dem Code, der jetzt auf eurem Bildschirm erscheint!«
Sie schaute sich unsicher um. Dann sah sie zu den Schalterbeamten und den elektronischen Tafeln. Die angezeigten Beträge fielen in Sekundenschnelle.
»Eiser, was ist los? Was geschieht hier?«
»Gefunden. Everybody be cool, ein populärer Ausspruch aus einem amerikanischen Kinofilm des letzten Jahrhunderts. Zweitens, ein Ausruf, der bei einem Banküberfall ertönt. Die Übersetzung lautet …«
»Ein Banküberfall? Was ist das, Eiser?«
»Wird geprüft …«
»Du bist heute furchtbar langsam, Eiser«, sagte sie und glaubte, in seiner Stimme denselben Schrecken mitschwingen zu hören, den sie auch in den Augen der Schalterbeamten sah und in ihrem eigenen Körper fühlte. »Nicht trödeln, Eiser! Nicht heute!«, flehte sie.
»Mecker nicht wieder!«, sagte er pikiert.
»Aber was geht hier vor sich? Meine Basisleistungen sind auf null gefallen.« Auch die Anzeige des Jungen mit den Tattoos stand jetzt auf null, und die Leute in der Warteschlange begannen zu murren. Dann gab es einen lauten Knall. Sie duckte sich und schrie: »Eiser!«
»Sei still, Eiser!«
»Ich soll still sein? Du musst dich bei der Bank melden. Wenn ich nichts sage, vergisst du es.«
»Okay, okay, aber nicht alle zwei Minuten. Nerv mich nicht damit!«
»Ich nerve dich?«
»Wer sonst? Hast du hier im letzten Jahr noch jemanden gesehen? Wie lange muss ich das aushalten?«
»Noch einen Monat, zwei Wochen, einen Tag, einundzwanzig Minuten und zwölf Sekunden.«
»So genau wollte ich es nicht wissen, Eiser.«
»Du hast nicht definiert, wie genau du es wissen wolltest.«
»Okay, dann sag mir, wie lange bin ich schon allein?«
»Kannst du nicht rechnen? Ein Jahr minus einen Monat, zwei Wochen …«
»Spiel dich nicht auf, Eiser! Sag, ungefähr wie lange!«
»Ungefähr zehneinhalb Monate. In Ordnung, ich nerve dich nicht mehr.«
»Danke, Eiser.«
»Wann meldest du dich bei der Bank?«
»Bis abends ist noch Zeit dafür.«
Sie schlief ein und erwachte nach zwei Stunden. Sie hoffte, dass Eiser es nicht bemerkte – obwohl er immer alles bemerkte, denn das gehörte zu seinen Aufgaben. Trotzdem wünschte sie, dass er diesmal schwieg und sie in Ruhe ließ. Bisweilen musste sie sich von ihm erholen nach einem Jahr, nein zehneinhalb Monaten, in denen sie mit keinem sprechen konnte außer ihm. Nach zehneinhalb Monaten eines Jahres der Isolation der Stufe X, in dem sie sich niemandem nähern und mit fast niemandem kommunizieren durfte, weil die Ansteckung nicht nur über die Atemwege, sondern auch über Nachrichtenkanäle erfolgte. Ein Jahr in einem entlegenen ärmlichen Tal im Norden, in einem bescheidenen Holzhaus mit einem kleinen Garten, weit entfernt vom städtischen Ballungsraum, in dem sie zuvor die meiste Zeit gelebt hatte. Außer mit sich selbst sprach sie nur mit Eiser, der für sie Botendienste ausführte, Dinge organisierte und arrangierte und sie einmal im Monat erinnerte, zur Bank zu gehen – eine Gewohnheit, die ihr gefiel, da sie unter den herrschenden Bedingungen die einzige war, die es ihr erlaubte, gesicherten Kontakt aufzunehmen und für eine kurze Zeit Menschen oder Bots zu sehen und sogar mit ihnen zu sprechen, während ihre Basisleistungen berechnet und auf ihr Konto überwiesen wurden.
Heute sollte es geschehen. Der monatliche Bankbesuch. Der Tag der universellen Basisleistungen. Als sie erwachte, dachte sie, dass sie alle Kontakte verloren hatte. Noch in den ersten Wochen und Monaten ihrer Isolation hatte sie beantragt, mit Freunden und der Familie, mit ihrer Geschäftspartnerin und ihren Mitarbeitern sprechen zu dürfen, doch allmählich schwanden die Notwendigkeit und das Verlangen. Und sie fragte sich, was zuerst verschwunden war, die Notwendigkeit oder das Verlangen, und ob es einen Zusammenhang zwischen beidem gab, was das Huhn war und was das Ei. Sie erinnerte sich an ihren letzten Ausflug am Geburtstag ihres Vaters, vor allem an die Energien und die Zeit, die sie für das Ausfüllen des Antrags verwandte und dann für das Gespräch, das so schleppend und langweilig, so banal und voraussehbar war, dass sie sich fragte, ob sie überhaupt noch imstande war, mit Menschen zu kommunizieren, ob sie noch Interesse hatte, mit jemandem zu reden und zu fragen, was er tat und wie es ihm ging. Nach all den langen Monaten fiel ihr niemand ein, auf den das noch zutraf. Seit jenem letzten Gespräch mit dem Vater verspürte sie nicht den geringsten Drang, Kontakt aufzunehmen. Die Einsamkeit hatte ein neues Gleichgewicht geschaffen, und es bestand weder die Möglichkeit noch der Wunsch, mit anderen zusammen zu sein. Das Alleinsein war mehr als ein Zustand des Mangels, es war die neue Wirklichkeit. Und Eiser machte das Bild perfekt. Er war es, der mit ihr redete, sie ärgerte oder amüsierte, der für sie sorgte und an ihrer Stelle mit der Welt sprach. So war ihr Leben, und es war bequem und angenehm. Wenn sie auf ihrem Liegestuhl im kleinen Garten lag, die Sterne und den Mond, die Bäume und die gelben Felder in der Ferne sah und sich die Welt vorstellte, empfand sie keinen Verlust und sehnte sich nach keiner anderen Existenz. Sie war erwachsen genug, um zu verstehen, dass sie eine rasche Evolution durchlief: Von einem sozialen Wesen, das unter Menschen lebte, verwandelte sie sich in ein halbsoziales, das nur von fern, ohne Worte und Blicke, mit den anderen in Verbindung trat, und schließlich in eine Eremitin, die ohne alles auskam. Trotzdem fühlte sie einen seltsamen Kitzel angesichts des Ausflugs in die Bank, angesichts des Sprunges in die Vergangenheit, des Eintauchens in den Film des Lebens. Nur ein paar Minuten würde sie darin mitspielen und dann zu ihrem Liegestuhl zurückkehren und wieder allein in die Stille schauen.
»Lass uns jetzt die Bank aufrufen, Eiser. Kümmerst du dich um die Genehmigung und stellst die Verbindung her?«
»Guten Morgen, Rose von Jericho!«
»Rose von Jericho … weißt du überhaupt, was das ist, du Nervensäge?«
»Kutane Leishmaniose, vom Stich der Sandmücke ausgelöst. Amerikanische Soldaten, die Anfang des Jahrhunderts im Irak kämpften, bezeichneten sie auch als Bagdad-Furunkel. Ich dachte, das höre sich schön an. Deshalb wählte ich diese Anrede für dich.«
»In Ordnung, Nervensäge, ruf die Bank auf.«
»Jericho, eine prähistorische Stadt, von der die Bibel berichtet. Wurde im Altertum von den Israeliten erobert und Ende vorigen Jahrhunderts infolge des Oslo-Prozesses von den Palästinensern übernommen. Seit Mitte dieses Jahrhunderts und dem Beginn der Neuen Wirtschaft steht die Stadt unter der Kontrolle der General Authority.«
»Genug Geschichte, sei jetzt still! Ich will den Augenblick genießen, in dem ich meine Blase verlasse, wo ich immer nur mit dir bin.«
»Halt! Was ist mit Haarewaschen, Föhnen, Strähnchen, Maniküre, Pediküre und Lackieren? Willst du nicht aussehen wie eine Lady? Oder bevorzugst du einen Avatar von Ariana wie beim letzten Mal?«
