Everyday - Ädwin J. Churchfield - E-Book

Everyday E-Book

Ädwin J. Churchfield

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Beschreibung

»Wie ein Roadtrip durch einen Tag.« Jeden Tag der gleiche Ablauf, jeden Tag das gleiche Schema: Aufstehen, zur Arbeit fahren, seine Stunden absitzen, nach Hause fahren, durchs TV zappen, onanieren, wieder auf Anfang. Warum nicht mal morgens aufwachen und alles anders machen, ohne Angst vor den Konsequenzen? Adam Kosic ist gerade mal fünfundzwanzig, hat von seinem bisherigen Leben aber bereits genug. Zu aussichtslos ist er in diesem Teufelskreis gefangen und steckt fest wie in einem Sumpf. Bis zum heutigen Tag, an dem er entscheidet, dass sich alles ändern soll. Dieser Tag, der nicht wie »jeder Tag« werden soll ...

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

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Der rote Fleck an der Decke wurde langsam deutlicher. Er leuchtete wie eine Signalboje in einem tiefen, dunkelblauen Meer aus Nichts. Adam war noch gar nicht wieder bei vollem Bewusstsein und zu kraftlos, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, geschweige denn nach seiner Brille auf dem Nachttisch zu tasten. Es war, als ob sein Geist schon wach war, obwohl sein Körper noch schlief. So wartete er einfach die Sekunden ab, in denen sich sein Blickfeld aufklärte und der rote Fleck sich langsam in die Uhrzeit verwandelte. Sie wurde von seinem Radiowecker mit Projektionsteil an die Schlafzimmerdecke gestrahlt. Seine Kurzsichtigkeit überbrückte Adam, indem er die Augen zusammenkniff, wobei er die Körnchen in ihnen spürte.

Er war tatsächlich eingeschlafen. Eine Sache, die in den letzten Wochen so gut wie gar nicht mehr passierte. Adam überlegte, dass er das letzte Mal kurz nach Mitternacht den Wecker kontrolliert hatte. Dieser Gedanke war für ihn noch so anstrengend, dass er ihn beinahe nicht hätte zu Ende führen können. Folglich hatte er immerhin gute drei Stunden geschlafen. Um eine spürbare Art der Regeneration herbeizuführen, war dies allerdings eindeutig zu wenig. Adam fühlte sich genau so müde wie immer oder besser gesagt, solange er sich zurückerinnern konnte. Er hätte nicht mehr sagen können, wann es angefangen hatte. Es war irgendwann unbemerkt über ihn gekommen, die Übergänge waren verschwommen. Er wusste nur, dass es ihn eigentlich gar nicht groß gewundert hatte, dass diese Sache in seinem Leben jetzt auch nicht mehr funktionierte. Und so nahm Adam es einfach hin. Genauso, wie er es hingenommen hatte, dass für ihn jeder Tag zum selben geworden war. Ein Leben wie am Fließband. Wie in diesem einen Film mit Bill Murray, irgendwas mit einem Murmeltier oder so. Sein Leben war zu einem zähen Matsch geworden, in dem er hilflos versank. Wie in einem Sumpf. Sein ungeliebter Job, sein monotones Privatleben, den langsamen, aber stetigen Verlust seiner meisten Freunde und das Scheitern seiner Beziehung, das er erst bemerkte, als es schon längst geschehen war. Den Tod seines Vaters nach langer Krankheit im letzten Jahr und die Einweisung seiner Mutter in ein Pflegeheim, die das Ableben ihres lieben Mannes psychisch einfach nicht verkraftet hatte. Das alles führte dazu, dass Adam sich an manchen Tagen beinahe wünschte, nicht mehr aufwachen zu müssen. Dass dieser Wunsch ausgerechnet durch Schlaflosigkeit in Erfüllung ging, hatte er sich so allerdings nicht vorgestellt.

Schlaflosigkeit ist eine zermarternde Bekanntschaft. Man spürt die Müdigkeit die ganze Zeit, kann sich nicht konzentrieren, ständig ist einem kalt und man hat andauernd das Gefühl, sich mal eben kurz hinlegen zu müssen, aber schlafen geht trotzdem nicht. Man hat einen anstrengenden Tag hinter sich, ist abends total ausgelaugt und müde, legt sich ins Bett oder auf die Couch, macht die Augen zu und schläft nicht ein. Aber die Müdigkeit ist da. Und mit der Zeit wird sie permanent. Irgendwann überrascht es einen dann bei der Arbeit, beim Geschäftsessen, bei Verabredungen oder bei zweihundert Sachen auf der Schnellstraße, leider nur nicht, wenn man es darauf anlegt.

Adam hatte es aufgegeben, sich in seinem Bett erfolglos von links nach rechts zu drehen und probierte stattdessen, sich die Zeit irgendwie sinnvoll zu vertreiben. Aber etwas wirklich Produktives zu machen war nahezu unmöglich. Ein Buch zu lesen, zum Beispiel. Er konnte sich einfach nicht richtig konzentrieren. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Also endete es meistens vor dem Fernseher und dies alles andere als befriedigend oder erfüllend. Sich einfach irgendwie berieseln lassen. Im TV liefen zu dieser späten Stunde nur irgendwelche Wiederholungen von Wiederholungen, oder billige Erotik-Call-in-Shows, die Adam einfach zu peinlich fand, um sie sich anzusehen. Bei Sitcoms oder Soap Operas musste sich Adam immerzu fragen, wie wohl die vierte Wand aussah. Ein Telefon klingelte immer nur dann, wenn es gerade passte, oder wenn gerade jemand den dreiwändigen Raum verlies. Und über gezwungene Comedy konnte er auch nicht mehr lachen. Quizshows fand er langweilig. Leuten dabei zuzusehen, wie sie auf Stühlen saßen und Fragen beantworteten. Und die anderen sogenannten Unterhaltungsshows fand er alle niveaulos. Menschen, die sich unterhielten. Menschen, die ihn nicht interessierten. Warum sollte er reichen Leuten dabei zugucken, wie sie ihm etwas vormachten? Sogenannten Prominenten. Spielerfrauen. It-Girls. Kindern von Filmstars. One-Hit-Wonders. Ihnen dabei zugucken, wie sie noch reicher wurden.

Dokumentationen hatte Adam gemocht. Mehr zu erfahren über das Universum, den Planeten und seine Bewohner. Dinosaurier. Oder historische Sachen – diese bekloppten Pharaonen in Ägypten. Reportagen über Tiere. Tiere, die er noch nie gesehen hatte. Über den putzigen Honigdachs aus Afrika, über den australischen Cassowary oder den Echidna. Über Insekten und Vögel, bis hin zu Fischen und den unergründlichen Tiefen der Meere. Bis er sie alle kannte. Bis es ihm zum Hals raushing. Bis auch da nur noch Wiederholungen kamen und er sie alle schon so, oder so ähnlich, gesehen hatte. Adam wusste, dass bei den Tüpfelhyänen die Weibchen nicht nur das Sagen hatten und größer waren als die Männchen, sie hatten auch eine erigierbare, hervorstehende Klitoris, wie einen Penis. Er wusste, dass Embryos der Sandtigerhaie sich bereits in der Gebärmutter gegenseitig auffraßen, bis nur der Stärkste von ihnen tatsächlich das Licht der Welt erblickte. Er hatte gesehen, wie ein Pavian – ein Affe, von denen er immer gedacht hatte, sie seien Pflanzenfresser – einen Flamingo riss. Er konnte es nicht fassen, als er sah, wie ein Pavian eine junge Gazelle überwältigte und anfing sie aufzufressen, ohne sie jedoch dabei zu töten. Das noch lebende Gazellenbaby schrie bei jedem Bissen des Affen auf. Heulende Polarfuchsjunge hätte er an ihrem Ruf erkennen können. Scheiß Stockfische! Die scheiß Reportage hatte er drei Mal gesehen! Im Fernsehen gab es nichts mehr für ihn.

Also ging es von der Glotze zum Computer. Aber auch das große weltweite Netz hat einem an Informationen irgendwann nichts mehr zu bieten. Das macht sich bemerkbar, wenn man anfängt, bereits gelesene Artikel erneut durchzugehen, weil die Nachrichten nicht schnell genug aktualisiert werden. Außerdem hatte Adam das, was ihn wirklich interessierte, sowieso schon am Laptop in seinem Büro gelesen. Aber zum Glück gab es noch Porno. Da gab es wenigstens was zu gucken, mit dem man die Zeit rumbekam. Und nachdem man die ersten Schuldgefühle überwunden hatte, ging es auch gleich viel leichter von der Hand. Im wahrsten Sinne des Wortes. Manchmal wieder und wieder.

Dass es zu viel wird, erkennt man daran, dass man die üblicherweise anonymen Pornodarstellerinnen auf einmal alle beim Namen kennt und auseinanderhalten kann. Titty Towers, Ophra Open, Tata Tasteme, Gertie Getsome, Heather Heaven, Cara Creampie… und was sie sonst alle für einfallsreiche Namen hatten. Wenn man weiß, welche Darstellerin für was zu haben ist und für was nicht. Softcore, Hardcore, Lesbian, Toys, Anal, Doublepenetration, Fisting, Analfisting, Lactating, Squirting, BDSM. Dass man überhaupt weiß, was so was ist. Was BDSM ist. Was POV bedeutet. Was eine MILF ist. Dass BBC in diesem Fall nichts mit der »British Broadcasting Corporation« zu tun hat. Hätte es eine Quizshow über Porno gegeben, die hätte Adam sich angeguckt. Wenn nicht sogar mitgemacht. Die Million wäre ihm auf jeden Fall sicher gewesen.

»Welche der vier genannten Pornostars hat die größten Warzenhöfe?«, würde der Quizmaster fragen.

Adam wüsste es.

»Wie ist der Name der Pornodarstellerin, die es in einer Szene auf 27 Squirts brachte?«

Adam wüsste es.

»Welche Darstellerin erlangte in der Pornoindustrie ungewollte Berühmtheit, weil sie bei einem Doubelfisting einen Dammriss erlitt?«

Und Adam wüsste es.

»Herzlichen Glückwunsch Adam, hier ist Ihre Million!«

Man merkt, dass es zu viel wird, wenn man auch in der unerschöpflichen Flut von Pornos im Internet nichts Neues mehr finden kann. Wenn man darauf wartet, dass eins der bekannten Pornostarlets endlich eine neue Szene online stellt, weil man ihre alten Sachen schon alle kennt. Es wird zu viel, wenn der Penis schon gar nicht mehr richtig steif wird und so schlaff in der Hand liegt, wie man selbst vor dem Monitor hängt. Man weiß, dass es definitiv zu viel wird, wenn man an einem Montag mit schmerzendem Genital im Büro sitzt, weil man sich am Wochenende zu oft einen von der Palme gewedelt hat. Wenn die Vorhaut geschwollen, dick und rot ist und der Penis wie etwas aussieht, was man normalerweise beim Metzger an der Theke kaufen würde oder besser gesagt, nicht kaufen würde. Irgendwann fragt man sich einfach, wie tief man noch sinken und wie erbärmlich es noch werden kann, oder ob man wirklich schon zum letzten Loser geworden ist.

Adam fragte sich dies zumindest. Er wusste einfach nichts anderes mit sich anzufangen. Er konnte es einfach nicht. Noch mal die Wohnung verlassen und in die kalte Nacht hinaus? Anfangs hatte er sich ein paar Mal dazu durchgerungen, nur um dann lethargisch durch eine schlafende Stadt und über verlassene Straßen zu wandern. Ziellos an verschlossenen Türen vorbei zu schlurfen. Wo sollte er auch hin? Jede Nacht nach der letzten offenen Bar suchen? Schweigend neben alten, angetrunkenen Männern sitzen? Adam war doch gerade mal fünfundzwanzig. Und er hatte schnell herausgefunden, dass es unkomplizierter und vor allem billiger war, sich einfach zu Hause zu betrinken. Außerdem war es gegen seine Natur. Gegen seine strenge Erziehung, sich irgendwo die Nächte um die Ohren zu schlagen. Seine Eltern hatten Adam erst spät bekommen, hatten schon gar nicht mehr mit Nachwuchs gerechnet, um dann ihre ganze Lebensweisheit in seine Formung zu stecken. Bodenständige, pflichtbewusste Menschen. Im Grunde war das für seine Erziehung gar nicht schlecht gewesen. Adam hatte eigentlich immer ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern.

Also lag er die meisten Nächte einfach im Bett, hörte dem unendlich lauten Tropfen des Wasserhahns im Badezimmer zu, das endlos durch die leere, kalte Wohnung zu hallen schien, und dachte nach. Aber zu viel Nachdenken bekommt einem auch nicht. Man fängt an, Dinge zu hinterfragen. Was war alles schiefgelaufen und warum? Oder man erinnert sich an Sachen, die man hätte anders, einfach besser machen sollen. Und davon gab es jede Menge in Adams Leben. Man macht sich Gedanken über »was wäre gewesen, wenn?« und »was wird einmal sein?«. Und manchmal, sind diese ganzen Gedanken nicht gut für einen. Manchmal bekommen sie einem nicht. Wenn man aber so viel Zeit hat, wie Adam in seinen schlaflosen Nächten, kommt man auch nicht davon ab.

Adam wusste nicht, warum und wie ihm sein Leben entglitten war. Wann er das Glücklichsein verloren hatte. Oberflächlich betrachtet hatte er keinen Grund sich zu beschweren. Eigentlich war er doch ein Durchschnittsbürger mit einem Durchschnittsleben, so wie viele Millionen andere auch. Es lief in geregelten Bahnen ab, Adam hatte seinen Job, in dem er für sein Alter gut verdiente, hatte eine überdurchschnittliche Wohnung, für die er manches Kompliment bekam, und war doch ein passabel aussehender Kerl. Aber ist es das, worauf es ankommt?

Adam fehlte irgendetwas. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Er war einfach nicht zufrieden, einfach nicht mehr glücklich. Er hatte sich oft gefragt, was es war, das ihm fehlte. Er hatte mehrere Möglichkeiten durchdacht und unendlich viele Szenarien im Kopf durchgespielt. Und er war sich sicher, dass ihn auch das ganze Geld der Welt nicht glücklicher gemacht hätte. Jedenfalls nicht auf lange Sicht. Und ob ihn die utopische Liebe seines Lebens aus dem Teufelskreis befreien konnte, wagte er auch nicht zu glauben, waren seine Erfahrungen dahin gehend eher von dürftiger Natur.

Natürlich hatte Adam die Ursache für sein Befinden immer bei sich gesucht, aber er hatte sie nicht gefunden. Er hatte sich an so vielen Tagen vorgenommen, sich endlich zusammenzureißen, endlich aus seiner Apathie auszubrechen, hatte es aber alleine nie geschafft. Im vergangenen Jahr war er ganz unten gewesen. Ob der Auslöser der Tod seines Vaters und die damit verbundenen Umstände waren, oder die Trennung von Melanie, konnte er nicht sagen. Vielleicht war Es sogar schon vorher da gewesen und somit selbst die Ursache für so manche Folgen. Adam wusste es nicht. Die schwarze Wolke war irgendwann an seinem Himmel aufgezogen und hatte alles dunkel gemacht. Diese wirklich schlimme Phase dauerte beinahe ein Jahr. Dann verschwand sie genau so plötzlich, wie sie gekommen war. Allerdings nicht spurlos. Geblieben war diese unerträgliche Monotonie.

Adam hoffte, dass seine Schlaflosigkeit ebenso plötzlich wieder verschwinden würde. Am schlimmsten waren die Nächte, in denen er sich erst gar nicht ins Bett legte. Aber die Morgen waren umso seltsamer. Wenn man mit brennenden, müden Augen auf die Uhr schaut und feststellt, dass es eigentlich Zeit zum Aufstehen war. Nach der ersten Nacht denkt man noch, kann ja mal vorkommen, aber nach der dritten oder vierten Nacht in Folge kommt es einem unwirklich vor.

Man ist nicht wirklich wach. Man ist in einer Art Trance. Es ist nicht die REM-Phase – die Zeit der Träume – zwischen Schlafen und Wachen, wo sich die Augen zuckend hinter den Liedern hin und her bewegen. Es ist eher eine neue Phase zwischen dem REM-Schlaf und dem Wachsein. Wo sich die Gedanken mit den Träumen vermischen. Ein Schlafen mit offenen Augen. Je nachdem wie Gedanken und Träume einem mitspielen, so angenehm oder eben unangenehm läuft diese Phase ab. Manchmal rettet das Weckerklingeln einen regelrecht. Es holt einen zurück. Und man ist wieder in der Realität.

Adam suchte ein weiteres Mal nach dem roten Fleck, hatte dann aber keine Lust mehr, ihn noch einmal in die Uhrzeit zu verwandeln. Wie viel Zeit konnte schon vergangen sein? Ein paar Minuten vielleicht. Er drehte den Kopf auf die Seite und schob die bauschige Daunendecke etwas von seinem Oberkörper. Der Wasserhahn tropfte unaufhörlich im Takt, in den metallischen, schwarzen Abfluss. Es würde nicht mehr lange dauern. Er wartete darauf, dass ihn der Wecker noch einmal rettete.

Und plötzlich lächelte Adam. Heute würde er aus der Monotonie ausbrechen. Heute würde er sie zerstören. Heute würde alles anders werden. Heute würde er sein Leben ändern.

Mit diesem Wissen schlief er erstmals seit Langem zufrieden wieder ein. Heute würde es nicht wie jeden Tag werden.

05:30

Er war hellwach und sein Verstand arbeitete bereits, bevor der Radiowecker ihn in die Realität holen wollte. Im Kopf ging er die Stationen seines zurechtgelegten Tagesablaufs durch. Adam war erwartungsvoll. Normalerweise hasste er es aufzustehen, was daran lag, dass er seinen Job hasste. Aufstehen war für ihn eine Qual, weshalb er häufig erst spät an seinem Arbeitsplatz auftauchte. Das war aber nicht weiter schlimm. Adam arbeitete als Softwareentwickler und hatte freie Hand bei der Arbeitseinteilung. Solange die Deadlines eingehalten wurden, gab es keine Probleme. In letzter Zeit strapazierte Adam allerdings die Nerven seines Teamleiters, was immer öfter zu »persönlichen Dialogen« führte.

Meistens blieb Adam einfach länger im Bett liegen und weigerte sich aufzustehen. In seinem warmen Bett unter der Decke zu liegen, gab ihm so etwas wie Geborgenheit. Ein Gefühl der Sicherheit. So mussten sich Embryos im Mutterleib fühlen – na ja, bis auf die der Sandtigerhaie vielleicht. Einfach nicht den Fuß in die große kalte Welt setzen. Einfach liegen bleiben.

Aber heute war es anders. Adam war angenehm angespannt, seine Sinne geschärft. Wie das Raubtier, das auf seine ahnungslose Beute lauert: fokussiert, zielgerichtet.

Heute war es so weit. Heute würde ein besonderer Tag. Sein Tag. Er hatte es sich fest vorgenommen, es regelrecht geplant. Diesen Tag hatte sich Adam seit Langem ausgemalt. Er wusste es seit gestern. Er hatte den Abend wieder einmal alleine verbracht. Die Verabredung mit Schmidt, einem seiner wenigen gebliebenen Freunde, war nicht zustande gekommen. Schmidt hatte noch kurzfristig abgesagt. Mal wieder.

Adam waren zwei Menschen geblieben, die er Freunde nannte: Schmidt und Walther. Alle anderen waren Bekannte oder Kollegen. Menschen, mit denen man zwar ein gutes Verhältnis hat, sich verabredet, Smalltalk macht, aber keine großen Gefühle austauscht, nie wirklich unter die Oberfläche vordringt und das auch nicht will.

Adam hatte Schmidt und Walther bei seiner jetzigen Firma kennengelernt. Zu Beginn waren sie lediglich Kollegen, aber mit der Zeit war daraus Freundschaft geworden. Selbst dann, als sie in verschiedene Teams eingeteilt wurden, blieben sie auch abseits des Büros in gutem, regelmäßigem Kontakt. Zwar schwankte die Intensität über die Jahre, Walther war zum Beispiel seit einem halben Jahr in einer neuen Beziehung und vor Kurzem zusammengezogen, weshalb nur noch wenig Zeit blieb, die Freundschaft zu pflegen. Die Treffen wurden seltener, aber es blieben gute Telefonate. Allerdings war Walther ein Mensch, dem Adam auch nicht alles anvertraut hätte. Nicht aus Scham oder Angst, sondern weil sie in mancher Hinsicht zu verschieden waren. In gewissen Dingen wären sie nie auf einen grünen Zweig gekommen, hätten nie die Meinung des anderen akzeptiert. Daher gab es Tabuthemen, die nicht diskutiert wurden.

Anders war es mit Schmidt. Zwischen Adam und Schmidt gab es irgendetwas. Wären nicht beide heterosexuell, sie wären wahrscheinlich ein Paar geworden. Natürlich hatten auch sie unterschiedliche Ansichten und Meinungen, aber im Endeffekt passte es immer irgendwie. Manchmal genügten Blicke oder Gesten. Waren sie zusammen, fühlte es sich immer irgendwie richtig an. Als wären sie noch auf einer anderen, einer höheren Ebene miteinander verbunden. So sah Adam es jedenfalls. Und das, obwohl er immer wieder von Schmidt enttäuscht wurde. Die Absage gestern Abend hatte Adam wieder mal einen gehörigen Schlag in die Magengrube versetzt.

Aber an diesem Morgen war das egal und Adams depressive Stimmung wie weggeblasen. Heute würde er es den ganzen Arschlöchern zeigen. Auch den sogenannten Freunden. Er dachte an Schmidt, der das Treffen auf heute Abend verschoben hatte.

Wie weit kann man seine Instinkte übergehen, wie weit kann man antrainierte Verhaltensweisen oder anerzogene Eigenschaften ausschalten? Davon wird doch das Leben bestimmt. Von in die Wiege gelegten Ängsten, von zu Hause mitgebrachten Manieren. Adam war sehr gut erzogen worden. Vielleicht zu gut. Vielleicht zu christlich. Vielleicht hatte er deshalb zu wenige Dinge in seinem Leben selbst probieren können, vielleicht wurde ihm zu viel vorgesagt. Adam lebte sein Leben, wie es die Gesellschaft verlangte und es schmeckte ihm schon lange nicht mehr. Das war es, was ihn krankmachte. Um es zu ändern, musste er seine ganze Kraft zusammennehmen. Seine Instinkte ausschalten.

Trotz des durch ihn sprudelnden Elans blieb er noch eine Weile liegen, um die Tagesnachrichten und den Wetterbericht zu hören. Aber auch das war immer wieder dasselbe. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat. Politik, Gewalt, Krieg, Tod. Nur der Wetterbericht kündigte heute einen heiteren, warmen Apriltag an. »Wie passend…«, dachte Adam. Als dann noch der Song »Beautiful Day« von U2 folgte, konnte Adam sich ein zynisches Lächeln nicht verkneifen.

Er schlug die Bettdecke beiseite und setzte seine Beine auf den Boden. Der raue Teppich kitzelte unter seinen Füßen. Adam erhob sich und verharrte einen Moment. Auf seinem nackten Oberkörper bemerkte er die kalte Luft, und wie ungemütlich es in seiner Wohnung war, im Vergleich zum warmen Bett.

Das Schlafzimmer war der einzige Raum in seiner Wohnung, den Adam spartanisch und praktisch eingerichtet hatte. Da waren sein einfaches Bett, der Nachttisch, der Kleiderschrank mit den großen Schiebetüren, der Schuhschrank und eine Wäschetruhe. Die Truhe war offen. Wo der Deckel war, wusste Adam nicht. Jedenfalls konnte er ihn nicht auf Anhieb finden. Er musste irgendwo unter den hohen Wäschebergen liegen, die den Korb umgaben. Das Behältnis selbst war schon lange übergequollen. Genau genommen waren mittlerweile überall im Zimmer Sachen verstreut. Als wäre eine Bombe eingeschlagen. Adam konnte sich in diesem Moment nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal seine Wäsche gemacht hatte. Er blickte zum Fenster, raus zu den hohen Bäumen. Es war noch dunkel. Trotzdem reichte der Kontrast, um das Zimmer mit einem schummrigen blau aufzuhellen. Er beugte sich zum Nachttisch und schaltete das Radio mitten im Refrain aus. Stille.

Dann ging er zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Durch schwere Äste rauschte der kühle Wind. Auf dem Schuhschrank lag ein Päckchen Zigaretten. Ungeschickt zog er eine heraus und zündete sie an. Die Zigarette schmeckte ekelhaft. Nach drei Zügen warf Adam sie einfach aus dem Fenster. Er steckte seine Füße in die Pantoffeln, die am Ende des Bettes lagen. Eigentlich mochte er die hässlichen Dinger überhaupt nicht. Da aber der Rest der Wohnung mit Marmorfliesen ausgelegt war, waren sie unabdingbar, wenn Adam nicht mit bloßen Füßen auf die kalten Steine treten wollte. In den heißen Sommermonaten konnte das sehr angenehm sein, nicht aber an einem Morgen wie diesem. Er blickte noch einmal zum Bett, ließ es aber ungemacht zurück.

Er ging in den schmalen Flur, der die restlichen Zimmer der Wohnung miteinander verband, weiter ins Bad und betätigte den Dimmer. Das aufflackernde Licht schmerzte in seinen Augen, die er reflexartig zusammenkniff. Adam drehte den Regler runter. Er ging zur Toilette und wollte sich setzen. Nein, heute nicht, ab heute würde er gegen die Regeln verstoßen. Befriedigt hörte er das Plätschern und sah süffisant grinsend zu, wie die Spritzer den gesamten Toilettenrand und die Seite des grauen Badezimmerschränkchens besudelten. Mit voller Absicht erhöhte Adam den Druck auf den Strahl, um eine noch größere Sauerei anzurichten und die bisher höchsten Spritzer zu übertreffen. Neue Bestmarke!

Dann sah er in den Spiegel. Wenn sein Spiegelbild ihn morgens anblickte, nackt, ungewaschen, nicht zurechtgemacht, sah er genauso aus, wie er sich eigentlich fühlte. Nicht von Kosmetika und Kleidern kaschiert. Adam ließ seine Pyjamahose nach unten gleiten und stieg in die Dusche. Das Wasser brauchte ein paar Sekunden, um heiß zu werden, weshalb Adam den Duschkopf immer erst mal in seine Hand nahm und den Strahl neben sich in die Wanne leitete. Dabei bekam er jedes Mal ein paar eiskalte Wasserspritzer ab, die wieder hochgeschleudert wurden und ihn an Füßen und Waden trafen. Das bereitete ihm immer eine Gänsehaut. Heute nahm er es so bewusst wahr wie noch nie, genoss es regelrecht. Umso schöner war immer das Gefühl, wenn das Wasser langsam heiß wurde. Heute bekam er davon beinahe eine Erektion. An diesem Morgen empfand er es, als würde er neu geboren. Das Wasser war fast ein bisschen zu heiß, und bis sich Adams Haut daran gewöhnt hatte, schmerzte es beinahe. So intensiv wie noch nie. Es war eine wohltuende Befriedigung. Wie lange er einfach nur da stand, das Wasser auf sich prasseln ließ, dabei mit geschlossenen Augen den Kopf langsam hin und her bewegend, konnte er nicht sagen. Es war, als spürte er jeden einzelnen Tropfen.

Adam öffnete die Augen und schaute an sich herab. Er war von eher durchschnittlicher Statur. Circa 1,80 groß, schwankend zwischen 79 und 85 Kilo. Zwar trainiert, aber nicht muskulös und alles andere als schwabbelig. Er hatte auch schon bessere Zeiten gehabt, war allerdings länger nicht mehr beim Workout gewesen. Als Adam sich heute so betrachtete, konnte er nicht fassen, wie viele Probleme ihm seine Figur immer bereitete, oder besser gesagt, wie er sie sich selbst einredete. Dieses ewige Streben nach dem Ideal. Wofür? Immer bedacht nicht zu viel, nicht zu fett zu essen. Ein ständiges »auf Diät sein«. Wofür? Drei Mal die Woche ins Fitnesscenter quälen, obwohl man nicht den geringsten Spaß dabei empfindet. Und das alles nur, weil jeder einem einredet, dass es so sein muss, bis man es selbst glaubt. Heute war es Adam egal. Egal, dass sein Bauch schon wieder zu sehen war, egal, dass seine Arme schon mal kräftiger waren. Es war einfach unwichtig.

Er griff zu der Duschlotion, die er sich extra in einer Parfümerie hatte mischen lassen. Genauso wie seine anderen Kosmetika. Dies war keineswegs seine Art, noch hatte er das Geld sich diesen Luxus regelmäßig zu leisten. Dennoch hatte er sich dieses Mal dafür entschieden. Adam hatte gestaunt, wie deutlich man den Unterschied zu herkömmlichen Beautyprodukten erkannte, die er sonst im Supermarkt kaufte. Obwohl das Flakon noch reichlich gefüllt war, goss Adam nahezu den gesamten Inhalt auf seine linke Handfläche. Dabei lief die überschüssige Flüssigkeit an seiner Hand herunter und tropfte in die Duschwanne. »Tschüss, 50 Dollar…«, dachte er gut gelaunt. Behutsam rieb er seinen Körper mit dem wohlig duftenden Öl ein. Um es ein paar Sekunden einwirken zu lassen, hatte er den Winkel des Duschkopfs so verstellt, dass das Wasser jetzt gegen die Glaswand trommelte. Adam brachte den Duschkopf wieder in Position und wusch den Schaum ab. Er griff zu dem nicht minder teuren Shampoo, wusch sich seine dunkelbraunen Haare und spülte sie mit einem Mittel derselben Nobelmarke. Er blieb noch einen Moment unter dem heißen Strahl stehen, aber zum Rumtrödeln hatte er heute keine Zeit. Nicht so, wie er es an den meisten anderen Morgen tat. Wenn ihn das Gefühl quälte, nicht zur Arbeit gehen zu wollen. Nicht die Wohnung verlassen zu wollen. Und deshalb absichtlich Zeit zu vergeuden.

Er öffnete die Kabinentür nur einen Spalt, um nach dem Handtuch auf der Heizung zu tasten. Sofort strömte kalte Luft hinein und trieb Adam eine erneute Gänsehaut über den Rücken. Er bekam das Handtuch zu fassen und schloss die Tür sofort wieder. Er trocknete sich ab, frottierte sein Haar, wickelte sich in das große Tuch ein, verließ die Dusche und stand im kalten Badezimmer, auf dem sich angenehm anfühlenden Vorleger. Er war immer erstaunt, wie gut das Handtuch die Wärme isolierte. Ein erneuter Blick, in den nun vollkommen beschlagenen Spiegel, war unmöglich. Adam schaltete den Föhn ein und entfernte damit den Belag. Langsam wurde er wieder klar und Adam blickte sich selbst mit strubbligen Haaren entgegen. Er legte den angeschalteten Föhn an die Seite. Er mochte das surrende Geräusch. Einen Moment noch verweilte sein Blick auf dem blanken, metallischen Gehäuse. Adam stellte sich vor, wie es wäre, wenn der Föhn jetzt explodierte. Würde es einen Knall und eine Stichflamme geben? Würden der Spiegel und das kleine Fenster zu Bruch gehen? Wie gewaltig würde die Druckwelle sein? Würde er selbst dadurch umgeworfen? Was für Verbrennungen würde er erleiden? Würden ihn die umherfliegenden Bruchstücke treffen und verletzen? Würde er daran sterben?

Adam ließ das Handtuch unmittelbar neben seiner Pyjamahose fallen. Er richtete seinen Blick noch einmal auf die Dusche. Die Wanne war voll von seinen dunkelbraunen Haaren. Seit einiger Zeit verlor er sie vermehrt. Es hatte ihn nicht weiter gekümmert, erst als er merkte, dass seine Geheimratsecken größer wurden. Noch nicht dramatisch, aber deutlich sichtbar. Er hatte gleichaltrige Arbeitskollegen, die damit größere Probleme hatten. Einige sahen schon aus wie Mitte sechzig, zumindest auf dem Kopf. Doch für Adam war die Erkenntnis erschreckend und er hatte versucht, alles Mögliche dagegen zu unternehmen. Heute starrte er nur auf die Haare, die dem Abfluss der Duschwanne entgegen trudelten, dann auf sein Spiegelbild, dann auf seine Haarpflegeprodukte, die sich wie ein Spalier aneinanderreihten. Heute lächelte er darüber, in welchen Wahn er verfallen und wie dumm und sinnlos das war. Heute kümmerte ihn die Sorge um seine Haarpracht nicht weiter.

Adam griff zum Rasierzeug. Er überprüfte die Klinge, er hatte sich seit mehreren Tagen nicht mehr rasiert und ihm war fast ein Bart gewachsen. Also eher waren es vereinzelte Flecken von Stoppeln, die nicht wirklich zusammenzugehören schienen. Adams Bartwuchs glich dem eines sechzehnjährigen Teenagers. Immerhin hatte er mittlerweile einen erkennbaren Oberlippenbart und die Haut an seinem Unterkiefer war ziemlich dicht bewachsen. Er entschied sich, dem heute ein Ende zu bereiten und eine neue, scharfe Klinge zu benutzen. Das Messer kam an den dicht bewachsenen Stellen trotzdem nur schwer durch und Adam musste immer wieder erneut ansetzen. Als er einen Moment nicht aufpasste, schnitt er sich böse in die linke Wange. Zuerst spürte er nur den scharfen Schmerz, dann färbte sich der zurückgebliebene Rasierschaum dunkelrot, wie eine kleine, aufgehende Wolke aus Blut. Der Effekt wirkte auf ihn so hypnotisierend, dass er es erst eine Weile im Spiegel betrachtete, bevor er sich um die Wunde kümmerte. Am Ende blieb ihm ein hässlicher, ein Zentimeter langer Schnitt, der langsam aufhörte zu bluten. Es würde Wochen dauern, bis die Wunde verheilen würde. Heute war es Adam egal.

Er putzte sich noch die Zähne und parfümierte sich mit einem teuren Bodyspray. Alles aus derselben Kosmetikboutique. Sein Haar hatte er einfach auf eine Seite gekämmt. Früher war ihm das sehr wichtig gewesen. Wenn es ihm nicht gut genug gelang, kam es vor, dass er sich die Haare noch einmal wusch und stylte, bis sie ihm gefielen. Erst dann fühlte er sich gut. Wenn seine Frisur mal nicht in Ordnung war, fühlte es sich schrecklich an und er dachte, alle Leute wüssten es und starrten ihn deshalb an. Aber nicht heute. Heute war es ihm auf Anhieb perfekt gelungen, weil ihn heute nichts aus der Fassung bringen konnte. Danach hatte er noch Unterhose und Socken übergestreift. Beides in Schwarz, beides von derselben Designermarke und sündhaft teuer. Heute sollte ihre Premiere sein.

Jetzt stand er vor seinem offenen Kleiderschrank. Normalerweise war der prall gefüllt, aber momentan lag das meiste von Adams Sachen im Schlafzimmer und dem Rest der Wohnung verstreut. Eine Angewohnheit, die er hasste: dieser maßlose Konsum von Sachen, die man am Ende gar nicht brauchte. Heute wusste Adam jedoch genau, was er anziehen wollte. Er holte den Kleidersack hervor, hängte ihn vor den Schrank und zog den Reißverschluss surrend nach unten. Zum Vorschein kam der schwarze Anzug, den er vergangene Woche bei einem pikfeinen Herrenausstatter erstanden hatte. Zusammen mit dem weißen Hemd, der Krawatte und den Schuhen hatte das ein ganzes Monatsgehalt gekostet. Normalerweise nicht Adams Art, aber mit normal sollte es endlich vorbei sein. Der Anzug sah perfekt aus. »Wie der Anzug eines Geheimagenten…«, dachte Adam. Zwei Knöpfe, das Revers nicht zu breit, vier Knöpfe in einer geraden Linie an jedem Ärmel. Das satte Schwarz und die Qualität des Materials. Die Vollendung von einem Anzug. Adam knöpfte das weiße Hemd auf, dessen Preis alleine ihm schon den Atem verschlagen hatte. Aber heute war ihm das alles egal.

Er musste an die hübsche Verkäuferin denken, die ihn beraten hatte. Sie zog und zupfte an ihm herum und half Adam mit den Manschettenknöpfen. Nachher hatte er sich geärgert, dass er es natürlich mal wieder nicht zu einem Flirt gebracht hatte. Wenn sie ihn hätte abblitzen lassen, hätte sie es bestimmt sehr umgänglich gemacht, nett, wie sie war. Irgendwie erinnerte sie ihn ein wenig an die Pornodarstellerin Carry Kox – bis auf die riesigen Silikonbrüste.

Jetzt noch die Krawatte. Nach dem dritten Versuch des Windsorknotens war Adam endlich mit dem Sitz zufrieden. Er bewunderte noch einmal das tiefe, seidige Schwarz. Er griff zu seiner Brille auf dem Nachttisch und kontrollierte, wie schmutzig die Gläser waren, bevor er sie dann schließlich aufsetzte. Er sank auf die Bettkante, zog die Schuhe an, nahm danach das Jackett vom Bügel und verließ das Schlafzimmer. Ein letztes Mal schaute er sich um und löschte dann das Licht.