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Tessa hat sich nach einem schrecklichen Schicksalsschlag von ihren Schulfreunden und ihrer Familie distanziert und lebt ein Leben in Trauer und Selbstmitleid. Bis sie eines Tages auf Isaac trifft - der ihr auf einer Party im Wald das Leben rettet und somit ihr bisheriges Leben, ihre Überzeugungen und alles, was sie bisher zu glauben dachte, auf den Kopf stellt. Tessa begreift, dass es viel mehr in den Weiten des Universums gibt, als sie jemals für möglich gehalten hätte. Und sie begibt sich mit neuen und alten Freunden auf eine Reise, die nicht nur ihr eigenes Schicksal zu ändern vermag. Eine Reise voller Schmerz und Dunkelheit - aber auch ein Weg zu wahrer Liebe und Freundschaft, die über alle Grenzen geht.
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Seitenzahl: 587
Veröffentlichungsjahr: 2023
Melanie Metzler
EVINAYA
Sternenliebe
(I)
© 2023 Melanie Metzler ([email protected])
Lektorat: Jan Achtmann, J8m.de
Umschlagfoto: Sven Dau
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Softcover
978-3-347-67407-3
Hardcover
978-3-347-67415-8
e-Book
978-3-347-67416-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgt im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abt. "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Die größte Verwundbarkeit liegt in der Unwissenheit.
Sunzi
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
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Epigraph
Kapitel 1
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Da war er wieder. Dieser flüchtige Moment kurz nach dem Aufwachen, in dem ich zwischen Traum und Realität nicht unterscheiden konnte. Ich fühlte alles und gleichzeitig war da nichts – ich konnte gerade noch so spüren, wie mir die Bewusstlosigkeit des Schlafes Erleichterung verschafft hatte. Wenn dieser Moment vergangen war, fühlte ich mich jeden Morgen gleich: als würde ich fallen. Ohne Hoffnung, entweder aufgefangen zu werden oder bei einem harten Aufprall zu sterben.
Ich rollte mich auf die Seite und warf einen Blick auf meinen Wecker. Ich hatte ihn gestern nicht gestellt, also war ich heute mal wieder viel zu spät dran. Verschlafen murmelte ich in mein Kissen. »Drei, zwei, eins …«
»Tessa!«, brüllte mein Bruder von unten zu mir herauf. »Jetzt komm endlich. Ich hab echt keinen Bock, dass Shepard mir schon wieder Vorwürfe macht!«
»Ich bin gleich unten«, schrie ich genervt zurück. »In zehn Minuten.«
Vor ein paar Tagen hatte Direktor Shepard meinen Bruder in sein Büro zitiert und ihm mit der Jugendfürsorge gedroht. Seit dem Tod unserer Eltern, letztes Jahr, hatte Ben das Sorgerecht für mich. Er stellte den kläglichen Rest dar, der mir von meiner Familie geblieben war. Auch wenn ich es nur ungern zugeben wollte, ich machte ihm das Leben wirklich zur Hölle. Mir war klar, dass ich mich seit dem Unfall verändert hatte. Das unbeschwerte, fröhliche Mädchen, das ich früher mal gewesen war, gab es nicht mehr. Nur noch eine Hülle, die von stumpfer Gefühllosigkeit erfüllt wurde. Monotonie und Farblosigkeit, die sich heimlich in mein Leben geschlichen hatten, ließen jeden Tag zu einem Hindernisparcours für mich werden. Die normalsten Dinge fielen mir schwer. Aufstehen, Schule … Reden … In meinen Augen alles sinnlose Zeitverschwendung. Und das musste sich mein Bruder jeden Tag ansehen.
Als ich mir gerade eine Jeans und mein blaues Tanktop übergezogen hatte, stürmte Ben ohne zu klopfen in mein Zimmer. »Die zehn Minuten sind um. Wenn wir jetzt nicht losfahren, kommst nicht nur du zu spät! Luke wird das bald nicht mehr tolerieren.« Ben seufzte frustriert und strich sich mit beiden Händen sein kinnlanges Haar aus dem Gesicht. Er war seit Monaten nicht mehr beim Frisör gewesen. »Du weißt, wie lange es gedauert hat, diesen Job zu bekommen. Oder willst du, dass ich wieder in der Imbissbude lande?«
Ben hatte vor dem Tod unserer Eltern im Duke’s gearbeitet, dem Diner am anderen Ende der Stadt. Eigentlich nur um sein Taschengeld aufzubessern. Danach hatte er dann in der Autowerkstatt von unserem Nachbarn Luke angeheuert. Das Geld war zwar immer noch mehr als knapp, aber wir konnten davon leben.
»Viel schlechter als der Job in der Werkstatt war der auch nicht«, sagte ich gleichgültig und zog mir meine Jeansjacke über.
»Bis auf die hundert Dollar die Woche, die ich jetzt mehr verdiene, oder wie? Wenn du willst, dass ich wieder im Duke‘s anfange, streiche ich eben dein Taschengeld.«
»Du redest schon wie Dad! Du bist nicht er, also hör auf damit!«
Ich hasste es, wenn Ben den Vater raushängen ließ. Auch wenn ich wusste, dass er es nur gut mit mir meinte.
»Ich versuche uns nur irgendwie durchzubringen und hab mein ganzes verdammtes Leben geändert. Kannst du nicht ein Mal versuchen, es mir etwas leichter zu machen?« Der Frust in seiner Stimme war nicht zu überhören und verursachte eine unangenehme Gänsehaut auf meinem Nacken.
»Stell dich nicht so an. Ich habe dich zu nichts gezwungen, also mach mir keine Szene.« Ich ging an ihm vorbei und rempelte ihn an. »Ich muss noch kurz ins Bad, kann ich da allein rein oder willst du mit?«
Ben sah mich mit diesem vorwurfsvollen Blick an, den er immer aufsetzte, wenn er nicht mehr wusste, was er sagen sollte. Mir war klar, was er aufgegeben hatte, um hier bei mir zu bleiben, das brauchte er mir nicht immer wieder sagen. Als unsere Eltern noch lebten, nutzte er all seine Energie für sein Studium. Er wollte Sportlehrer werden. Diesen Traum hatte er meinetwegen aufgegeben. Ich gab mir alle Mühe, mir nicht die Schuld an Bens verpfuschtem Leben zu geben, aber das Offensichtliche war nur schwer zu verdrängen.
»Schön, dass du den Weg bis zum Auto doch noch gefunden hast«, sagte Ben mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme, nachdem ich mich zu ihm in seinen 67er Impala gesetzt hatte.
»Ich bin doch da, also fahr einfach los.«
Ben fuhr mit quietschenden Reifen von unserer Auffahrt – er war mal wieder sauer. Konnte ich ihm das verübeln? Nicht wirklich.
Wir schwiegen die Zeit im Auto, bis er vor meiner Schule hielt.
»Also, dann viel Spaß, Tessa. Wir sehen uns um vier.«
»Ja, wie auch immer.« Ich knallte die Autotür so fest zu, dass Paige, die schon ungeduldig auf mich wartete, zusammenzuckte.
»Mal wieder Stress mit Ben?«, fragte sie und seufzte mitfühlend.
»Wie immer«, murmelte ich und rollte mit den Augen. Wenn ich meine beste Freundin um mich hatte, sah die Welt nicht ganz so düster aus. Sie und Sammy waren die Einzigen, die ich nicht verloren hatte. Sie standen zu mir, egal wie sehr ich mich auch veränderte. Der Rest meines damaligen Freundeskreises hatte sich nach dem Tod meiner Eltern, und nach meiner doch sehr drastischen Veränderung, von mir abgewandt.
»Wenn wir pünktlich sein wollen, sollten wir jetzt rennen«, stellte Paige mit einem Blick auf ihr Handy fest und klemmte ihre Schultasche unter den Arm. »Dann los«, sagte ich gelangweilt und folgte ihr.
Die Uhr zeigte zwei Minuten nach halb neun, als wir die Klasse betraten. Zum Glück war Mr. McCalvain noch nicht da. Ich setzte mich auf meinen Platz in der letzten Reihe, Paige sich auf ihren, direkt vor mir. »Wo ist Sammy?«, fragte ich und betrachtete den leeren Platz neben mir. »Er ist doch sonst immer so pünktlich.«
»Er hat mich heute Morgen angerufen, er hat sich irgendwas eingefangen. Klang ziemlich fies«, erklärte Paige, während sie ihre Bücher auf dem Tisch ausbreitete. »Der Arzt hat ihm Bettruhe verordnet – die ganze Woche.«
»Dann sollten wir ihn nach der Schule besuchen, findest du nicht?«
»Hast du die Hausaufgaben für heute fertig?«, fragte sie, statt mir zu antworten, und signalisierte mir mit einem kurzen Blick zur Tür, dass Mr. McCalvain den Raum betreten hatte.
Die typische Frage, die Paige mir jeden Morgen stellte. Und meine Antwort war immer dieselbe: »Die hab ich wohl zu Hause liegen lassen.«
»War klar. Hier, ich hab sie doppelt aufgeschrieben.« Paige reichte mir unter dem Tisch ein paar Zettel, auf denen ordentlich alle Geometrieaufgaben notiert waren.
Paige war unentbehrlich für mich. Ich wusste, dass ich immer auf sie zählen konnte. Die Schule machte ihr Spaß, sie hatte tolle Noten und keine Probleme, dem Unterricht zu folgen. Es machte ihr nichts aus, meine Aufgaben mit zu erledigen. Mein Glück, sonst wären meine Noten noch schlechter geworden.
Die Zeit bis zur Mittagspause zog sich wie zäher Kaugummi. Jeden Tag die gleichen dummen Fragen der Lehrer und die noch dümmeren Antworten der Schüler. Ich hatte keine Lust mehr, mir das alles anzuhören. Auch wenn es vielleicht so wirkte, ich war nicht dumm und hätte mit Leichtigkeit jede Frage der Lehrer beantworten können – aber im letzten Jahr hatte ich einfach keine Lust dazu. Am Anfang wurde mein Desinteresse noch toleriert und meine Lehrer hatten mir Zeit gegeben, um meinen Verlust zu verarbeiten. Nach einem halben Jahr aber forderten sie wieder Leistung von mir – die ich ihnen nicht zeigte.
Wie sollte ich auch ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Eltern wieder voll leistungsfähig sein? Ich fühlte mich immer missverstandener und vollkommen falsch in der Schule. Aber was sollte ich machen, ich konnte Ben ja nicht für immer beanspruchen. Ich brauchte einen Highschool-Abschluss, um auf ein College gehen zu können oder um wenigstens einen vernünftigen Job zu finden.
Zum Glück standen die Sommerferien vor der Tür und dann gab es nur noch ein Schuljahr, das es zu überstehen galt.
Paige steuerte unseren Stammplatz an, einen Tisch etwas abseits der anderen, hinter ein paar Büschen versteckt. Bei einer nächtlichen Aktion hatten wir ihn vom Betonboden des Schulhofes abgeschraubt und hier hergetragen. Der Hausmeister hatte ihn anfangs ein paar Mal zurückgestellt. Nachdem wir ihn aber immer wieder nachts an die Stelle hinter den Büschen zurückgebracht hatten, hatte er irgendwann aufgegeben.
Paige setzte sich auf ihre Bank, ich mich auf meine.
»Was wollen wir in den Sommerferien machen?«, fragte ich. »Hast du eine Idee?«
Sie legte den Kopf schief und kaute mit offenem Mund auf ihrem Kaugummi herum. »Auf jeden Fall sollten wir dieses Jahr endlich mal zum Summerrock gehen, ich hatte das letzte Woche schon mit Sammy besprochen.«
»Die Party im Glenwald? Da gehen doch nur Idioten hin«, gab ich genervt zu bedenken.
»Da wird jeder Jugendliche aus Glenfalls aufschlagen. Also auch Ian und seine Jungs.« Paige grinste mich breit an und wackelte mit ihren makellos gezupften Augenbrauen auf und ab.
»Du meinst Ian Roberts? Mir vollkommen egal, wo der sich rumtreibt.«
»Tu doch nicht so. Ich seh doch, wie du ihn anstarrst. Mir kannst du ruhig sagen, dass du auf ihn stehst.«
Verdammt, Paige kannte mich einfach zu gut. »Und wenn schon. Jetzt will er bestimmt nichts mehr von mir wissen.«
»Ach, komm schon. Du konntest doch nicht wissen, dass es gerade sein Wagen war, den wir mit Klopapier eingewickelt haben.« Bei der Erinnerung daran lachte sie auf. »Wer kann denn ahnen, dass sein Vater so viel Geld von seinem Großonkel erbt und ihm davon einen neuen Dodge Ram kauft. So viel Glück hat doch keiner.« Paige zog ihre Strickjacke aus und reckte ihr blasses Gesicht der Sonne entgegen.
»Ich habe versucht, es zu erklären. Aber er glaubt, dass es volle Absicht war. Er hat irgendwas von Eifersucht gefaselt.« Ich seufzte frustriert. Wieso hatte ich mich von meinen Freunden auch zu so einem kindischen Schwachsinn überreden lassen.
Ian Daniel Roberts, der mit seinen Anhängern gerade lässig an uns vorbeischlenderte, war einer der beliebtesten Schüler an unserer Schule. Er sah ziemlich gut aus, mit seinen blonden, immer akkurat gestylten Haaren und den tiefblauen Augen. Er wirkte sehr selbstbewusst und manchmal etwas überheblich, dennoch standen alle Mädchen auf ihn – dass er im Basketballteam war, trug wohl auch einen großen Teil dazu bei. Ian gab sich grundsätzlich nur mit den Beliebten ab. Bis vor einem Jahr gehörte ich auch noch dazu und dachte, ich sei ziemlich gut mit ihm befreundet, aber das war jetzt schon lange her.
»Ich kann verstehen, dass er glaubt, du seist neidisch. Dein Auto hast du schließlich in den Graben gesetzt. Hast immer noch kein Neues und musst von deinem Bruder gefahren werden … Jeder weiß, dass dir das nicht passt.«
Die letzte Fahrt mit meinem süßen, dunkelblauen Mini Cooper endete leider tatsächlich im Straßengraben. Ich hatte mir den Wagen von meinem ersten gesparten Geld gekauft. Für ein neues Auto hätte es nie gereicht, also kaufte ich den alten Mini aus Lukes Werkstatt, der da schon eine ganze Weile rumgestanden hatte. Nach meinem kleinen Crash war nicht mehr viel zu machen. Die Reparaturkosten hätten den Wert des Wagens um einiges überstiegen.
Paige schnippte mit ihren Fingern vor meinem Gesicht herum: »Du träumst schon wieder, Tessa. Lass die Welt an deinen Gedanken teilhaben.«
»Ich hab nur gerade an meinen armen Mini gedacht.«
»Tja, der wird jetzt schon in einer Schrottpresse gelandet sein«, vermutete sie schulterzuckend und biss ein großes Stück von ihrem Käsesandwich ab, das sie sich aus der Schulcafeteria mitgenommen hatte.
»Danke für die Aufmunterung. Mein Leben ist schrecklich«, bemitleidete ich mich selbst.
»Du hast doch gesagt, dass Ben sich in der Werkstatt nach etwas Neuem für dich umhört. Vielleicht hast du Glück und bist bald wieder mobil?«
»Hoffentlich, dann bin ich wenigstens nicht mehr auf ihn angewiesen.«
»Du solltest nicht zu hart zu ihm sein. Er musste auch ne Menge durchmachen.«
»Ich weiß, aber er nervt mich. Immer versucht er, Dad zu ersetzen. Er soll einfach wieder so sein, wie er damals war. Jetzt ist Ben so ernst, so erwachsen. Das passt gar nicht zu ihm.«
Paige sah mich mitfühlend an und berührte meine Hand. »Trotzdem solltest du ihm eine Chance geben. Er versucht dir nur zu helfen.«
Ich wollte mich nicht länger darüber unterhalten und schaute ernst zurück. Sie wusste immer, wie sie meinen Blick einzuschätzen hatte, demnach wusste sie auch jetzt, dass das Thema durch war. Wir saßen uns schweigend gegenüber und betrachteten unsere Mitschüler, die lachend und ausgelassen die Mittagspause genossen. Das war keine Seltenheit – oft saßen wir einfach nur so da. Na ja, zumindest dann, wenn Sammy nicht in der Nähe war. Er hatte immer etwas zu erzählen. Heute fehlte er … Beim letzten Mal, als er krank war, gingen wir noch in die vierte Klasse. Es musste ihn echt umgehauen haben. Hoffentlich nichts Schlimmes.
Den Rest des Schultages musste ich mich zwingen, nicht einzuschlafen, aber als die Schulglocke das Ende der letzten Stunde signalisierte, war ich wieder hellwach.
»Ich muss noch eben Ben anrufen und ihm sagen, dass wir Sammy besuchen wollen. Vielleicht hab ich Glück und es geht nur die Mailbox ran.«
»Mach das, ich warte dann vor der Schule«, sagte Paige und verschwand durch die Tür auf den Flur.
Ich wählte die Nummer meines Bruders und hoffte, dass er nicht abnehmen würde. Tatsächlich sprang nach ein paar Sekunden die Mailbox an.
»Hey, ich bin‘s. Ich schaff es nicht bis vier. Sammy ist krank und Paige und ich wollen nach ihm sehen. Bin spätestens um sieben zu Hause. Bis dann.«
Ich klappte mein Handy zu und schaltete es gleich aus. Mir war klar, dass Ben mir nicht glauben würde. Immerhin wusste er, dass Sammy so gut wie nie krank wurde, und in letzter Zeit glaubte mein Bruder mir eh kein Wort. Ich hatte keine Lust, mich deswegen mit ihm zu streiten, und wenn ich für ihn nicht zu erreichen war, musste ich mich auch erst heute Abend damit auseinandersetzen.
Bei der Aussicht auf dieses unausweichliche Gespräch seufzte ich frustriert und machte mich auf den Weg zu meinem Spind. Ich schlenderte den Schulflur hinunter und zählte gedankenverloren die Schließfächer.
Es war still. Die meisten Schüler waren bereits auf dem Heimweg, nur ab und zu kam mir noch ein Mitschüler entgegen, der mich gekonnt ignorierte. Oder ignorierte ich ihn? Ich atmete tief durch und versuchte zu vermeiden, darüber nachzudenken, dass ich an meiner Außenseiterposition selbst schuld war. Ich hatte ja lange genug daran gearbeitet.
Durch eines der staubigen Flurfenster sah ich auf den Schulhof hinaus. Meine Schule war nicht besonders groß, eben so eine, die es in abgelegenen Orten wie Glenfalls gab. Vier im Quadrat angeordnete Backsteingebäude auf einem ziemlich kleinen Schulgelände. Glenfalls brauchte nicht mehr, bei einer Einwohnerzahl von knapp viertausend. Trotzdem lebte ich gerne hier. Der Glenwald, die kurvigen Straßen und die manchmal etwas zu neugierigen Menschen. All das war meine Heimat. Hier trieb das Leben langsam und gemächlich vor sich hin, ohne dass etwas außergewöhnlich Gutes … oder Schlechtes passierte.
Der Unfall meiner Eltern hatte daher große Wellen geschlagen und den Rhythmus der Stadt für einige Wochen aus dem Gleichgewicht gebracht. Dass es ausgerechnet meine Familie treffen musste, war für mich kaum zu ertragen. Eigentlich ist es noch immer nicht greifbar, aber ich hatte mich an den dumpfen Schmerz des Verlustes gewöhnt, der sich wie kalter Nebel um mein Herz gelegt hatte und mir seitdem jeden Morgen den Atem raubte.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich meine Tasche fallengelassen hatte und mit schweißnassen Händen und klopfendem Herzen an meinem Spind lehnte. Ich atmete tief ein und pustend wieder aus, währenddessen zählte ich gewissenhaft bis zehn, bis sich mein Herzschlag verlangsamte. »Keine Panikattacken mehr«, flüsterte ich vor mich hin und ging mit wackeligen Beinen weiter.
Als ich mich dem Ausgang näherte, fiel mein Blick auf einen Jungen. Die aufsteigende Panik, die noch immer durch meinen Körper kroch, war augenblicklich verflogen, so überrascht war ich. Der Junge sah gut aus, eigentlich viel zu gut für jemanden aus Glenfalls. Seine Augen leuchteten – nicht im wahren Sinne des Wortes, aber sie hatten irgend-etwas Merkwürdiges, ja, Anderes an sich. Sein dunkles Haar unterstrich diesen Effekt, indem es sein etwas zu blasses Gesicht perfekt umrahmte. Nur seine dunklen Augenringe zeugten davon, dass er nicht einem Gemälde entsprungen war. Zuvor hatte ich ihn hier an der Schule noch nie gesehen, vielleicht ein Austauschschüler … Aber so kurz vor den Ferien?
Ich ging langsam auf ihn zu. So oder so musste ich an ihm vorbei, um den Ausgang zu erreichen. Er starrte mich an, sein Blick haftete an mir. Ich schaute kurz zurück, um zu sehen, ob noch jemand auf dem Flur war, doch da war niemand. Als ich mich wieder dem Jungen zuwandte, war auch er verschwunden.
»Unheimlich«, murmelte ich, als ich schließlich durch die Flügeltür trat.
»Was machst du denn so lange?«, rief Paige mir zu, die auf ihrem Roller vor der Schule wartete.
»Hast du grad einen Jungen gesehen, der vor mir rauskam?«
»Nein, du bist seit fünf Minuten die Erste. Warum?«
»Ach, nichts.«
Diese kurze Begegnung hatte irgendetwas in mir hinterlassen. Nichts Erklärbares, kein greifbares Gefühl, eher einen Hauch von etwas Unbeschreiblichem.
Ich bemerkte, wie Paige mich fragend ansah und mir einen Motorradhelm hinhielt. Ohne mir sicher zu sein, was ich mit jener Begegnung anfangen sollte, wendete ich mich meiner Freundin zu: »Wow, hast du das wirklich gemacht?«, fragte ich sie und versuchte zu lächeln. »Ich dachte, das wäre nur ein Scherz von dir.«
Paige hatte ihren blauen Roller mit knallpinken Blumen beklebt. Auf diese Idee war sie gekommen, als wir letztens im Duke‘s saßen und sie ein Auto mit ähnlichen Blumenaufklebern entdeckt hatte.
»Natürlich. Das war mein purer Ernst, wie du siehst. Sieht doch super aus, findest du nicht?«
»Klar. Passt zu dir.«
»Na, dann spring mal auf. Sammy langweilt sich bestimmt zu Tode.«
Ich setzte den Helm auf und noch bevor ich richtig saß, da brauste sie schon los. Sie nahm wie immer die Abkürzung zu Sammy, die durch einige Seitenstraßen, enge Gassen und auch den ein oder anderen Vorgarten führte. Die Straßenverkehrsordnung interessierte meine beste Freundin nicht besonders, sie war eben Paige. Regeln und Normen gefielen ihr nicht.
Wir fuhren ein paar Minuten, bevor wir vor einem großen, gelben Haus hielten. Paige stellte den Roller seitlich vor der Garage ab, an dem Ort, den Sammys Vater zu ihrem Parkplatz ernannt hatte. Wir gingen die Treppe zur Veranda hinauf und klingelten.
»Oh, hallo, ihr beiden. Wollt ihr Sammy besuchen?«
»Hallo, Mrs. Palmer«, begrüßte ich die Frau, der Sammy so ähnlich sah. »Ja, wir machen uns schon richtig Sorgen, er fehlt ja sonst nie in der Schule.«
»Er hat eine leichte Lungenentzündung. Nichts, was man nicht mit Antibiotika in den Griff bekäme. Trotzdem ist er sehr schwach, also überfordert ihn nicht, okay?«
»Machen wir schon nicht, Mrs. Palmer«, versicherte Paige.
Wir gingen direkt zu Sammys Zimmer, schon vor der Tür hörten wir ihn husten. Er sah wirklich schlecht aus und seine braunen Locken klebten ihm strähnig im Gesicht.
»Das ist Besuch, den ich gern bei mir habe«, begrüßte er uns und schob seine Bettdecke etwas herunter. Sein weißes T-Shirt war beinahe durchsichtig, so sehr schwitzte er.
Paige setzte sich in den Sessel neben seinem Bett, ihr Blick verriet, dass sie sich große Sorgen machte. »Du siehst echt grässlich aus.«
»Danke für das Kompliment«, erwiderte Sammy zerknirscht.
»Na ja, so grässlich nun auch wieder nicht«, versuchte ich ihn etwas aufzumuntern. Ich setzte mich zu Paige in den breiten Sessel und legte meine Beine über ihre.
In Wirklichkeit sah er furchtbar aus – richtig krank. »Hab ich was Wissenswertes in der Schule verpasst?«
»Nö, nichts Besonderes«, versicherte ich ihm.
Paige rümpfte die Nase, zog ein paar Zettel aus ihrer Tasche und breitete sie fein säuberlich vor Sammy auf der Bettdecke aus. »Hör nicht auf sie, jeder Fehltag hinterlässt seine Spuren. Ich möchte nicht, dass du den Stoff auch nicht kapierst und ich hinterher euch beiden Nachhilfe geben muss.« Paige sah mich kopfschüttelnd an: »Nur weil du dich nicht für deinen Abschluss interessierst, heißt das nicht, dass wir es auch so sehen.«
Ich zog die Augenbrauen in die Stirn und wollte mich verteidigen, da ging Sammy dazwischen: »Ihr sollt euch nicht streiten. Bitte, besonders nicht jetzt.«
»Wir streiten doch nicht«, sagten Paige und ich gleichzeitig und warfen uns einen kurzen, vielsagenden Blick zu. Wenn es um die Schule ging, war mit Paige nicht zu spaßen. Sie wollte unbedingt einen guten Abschluss machen und später auf die Stanford nach Kalifornien gehen. Wenn es jemand schaffen konnte, dann sie. Daher hatte sie auch große Probleme damit, dass ich in der Schule so nachgelassen hatte. In ihrer Vorstellung sollten wir diesen Weg gemeinsam gehen. Vor dem Tod meiner Eltern war das auch mein Traum gewesen, aber der ist in tausend Splitter zersprungen, wie so vieles andere in meinem Leben. Dies nahm Paige mir nicht übel, aber der Gedanke, dass wir in einem Jahr getrennte Wege gehen könnten, machte ihr sehr zu schaffen.
Ich legte meine Hand auf ihre Schulter, sie ergriff sie und warf mir einen mitfühlenden Blick zu. Vermutlich ahnte sie, woran ich gerade gedacht hatte.
»Also«, sagte Paige, »lasst uns lieber über den Summerrock sprechen.«
»Wenn ihr unbedingt da hinwollt, dann komme ich mit«, sagte ich resigniert. Ich wusste, dass jeder Widerstand zwecklos war.
Sammy sah mich durch seine glasigen Augen an: »Ich dachte, das wäre jetzt schon längst beschlossene Sache.«
»Wann ist der Summerrock denn genau?«, fragte Paige nach.
»Gib mir mal mein Notebook. Ich checke das mal.« Sammy war so kraftlos, dass er es kaum schaffte, sich aufzusetzen. Ich stand auf und stopfte ihm ein Kissen in den Rücken. Dann nahm ich seinen Laptop vom Schreibtisch und legte ihn auf seinen Schoß, bevor ich mich wieder zu Paige setzte.
»Dann wollen wir mal sehen.« Eine Weile tippte er auf den Tasten herum, bis er die richtige Seite fand. »Der erste Samstag nach Ferienanfang.«
Ich hatte dieser Party im Glenwald zugestimmt, weil ich meinen Freunden den Spaß nicht verderben wollte. Mir war klar, dass sie nicht ohne mich gehen würden, so loyal waren sie. Die beiden hatten sich im letzten Jahr aber so intensiv um mich gekümmert, dass ich ihnen diesen Wunsch nicht abschlagen konnte. Obwohl der Gedanke an viele Menschen auf engem Raum ein unbehagliches Gefühl in mir auslöste. Ich fand es schon schwierig genug, in die Schule zu gehen, wie sollte ich dann erst diese Party überstehen?
Während der nächsten Stunde saß ich lächelnd neben Paige, nickte oder schüttelte den Kopf, wenn ich etwas gefragt wurde, und versuchte verzweifelt, mir nicht anmerken zu lassen, wie ich mich wirklich fühlte. Paige und Sammy wussten es – sie wussten, dass ich gerade kämpfte, doch sie sagten nichts. Weil sie sich sicher waren, dass es besser für mich wäre.
Sie wollten mich unter Leute bringen, wollten mit mir gemeinsam einen schönen Abend verbringen. Sie waren so fröhlich wie immer und versuchten, mich damit anzustecken. Manchmal lachte ich, damit sie dachten, es würde klappen. Bei Sammy funktionierte es ganz gut, vermutlich weil er angeschlagen war, aber Paige merkte wieder ganz genau, dass ich ihnen etwas vorspielte.
Oft hatte sie mich dann darauf angesprochen und wollte, dass ich mit ihr über meine Gefühle spreche, aber mittlerweile hatte sie gelernt, dass es manchmal besser war, nichts zu sagen und einfach da zu sein. Irgendwann nahm sie wortlos meine Hand und ließ sie nicht wieder los. Das sagte mehr als tausend Worte, mehr war nicht nötig.
»Wir sehen uns dann morgen, Tessa«, verabschiedete sich Paige und fuhr gleich weiter, nachdem sie mich zu Hause abgesetzt hatte. Normalerweise wäre sie noch mit reingekommen, aber sie wusste, wie zerbrechlich das Verhältnis zwischen Ben und mir war. Das Risiko, in einen Streit zu geraten, war ihr zu groß.
Ich ging direkt in die Küche. Gerade als ich den Kühlschrank öffnete, um mir einen Joghurt herauszunehmen, kam mein Bruder dazu.
»Na, wie geht‘s Sammy?«, fragte er. Ich konnte nicht einschätzen, ob er sauer war oder nicht. Seine Miene ließ keinen eindeutigen Schluss zu.
»Er hat eine Lungenentzündung. Geht ihm nicht besonders.«
»Dann hoffe ich, dass er bald wieder auf den Beinen ist.«
»Ja, das hoffe ich auch.«
Irgendetwas war seltsam. Ben schien mir zu glauben und überhaupt nicht sauer zu sein. Ich nahm es so hin, vielleicht hatte er einfach einen guten Tag. Während ich mir einen Löffel nahm und in meinem Joghurt rührte, saß er still an der Kücheninsel und schaute mir zu.
»Okay, Ben, was ist los?«, fragte ich ihn ungeduldig. »Du bist doch sonst nicht so still.«
Ben schien sich unsicher zu sein, was er sagen sollte, denn er überlegte eine ganze Weile, bis er antwortete.
»Wir sollten das Zimmer von Mom und Dad ausräumen. Und auch gucken, was noch alles auf dem Dachboden rumsteht. Vielleicht können wir ein paar Sachen verkaufen.«
Ich starrte ihn fassungslos an – so ein Gespräch konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Der Tag war schon anstrengend genug gewesen.
»Du willst ihre Sachen verkaufen? Spinnst du?« Tränen stiegen mir in die Augen. »Ihr Zimmer bleibt so, wie es ist. Wie kannst du überhaupt an so was denken?«
Ben stand auf, um mich in den Arm zu nehmen. Ich stieß ihn zurück.
»Lass mich! Du ekelst mich an!«
»Sie sind jetzt fast ein Jahr tot und wir sollten überlegen, was wir mit ihren Sachen machen«, versuchte Ben sich zu erklären.
»Die Sachen stören doch niemanden. Warum willst du sie aus dem Haus haben?« Meine Stimme hallte schrill durch die Küche und Ben setzte sich kopfschüttelnd zurück auf seinen Hocker an der Kücheninsel.
»Ich kann es nicht ertragen, jeden Tag an ihrem Zimmer vorbeizugehen. Es ist alles noch genau so, wie sie es verlassen haben. Als würden sie jeden Moment zurückkommen. Es tut weh und solange das Zimmer nicht leer ist, kann ich nicht …«
Seine Stimme brach. Er hatte Tränen in den Augen, in seinem Gesicht spiegelte sich der Schmerz der letzten Monate. Ich war hin- und hergerissen. Es zerriss mir das Herz, ihn so zu sehen, obwohl das, was er gesagt hatte, mich wütend machte. Trotzdem ging ich auf ihn zu und nahm ihn in den Arm, auch wenn ich meinen Bruder dafür hasste.
Leise weinten wir beide. Es war das erste Mal seit der Beerdigung, dass wir gemeinsam trauerten.
Ich weiß nicht, wie lange wir so verharrten. Vielleicht zwei Minuten, vielleicht auch eine halbe Stunde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Ben nie vor mir geweint. Wahrscheinlich weil er für uns beide stark sein wollte. Die ersten Monate nach dem Unfall war ich depressiv, ließ niemanden an mich heran. Lebte in meiner eigenen melancholischen Welt, zerfressen von Selbstmitleid. Auch Sammy und Paige hatte ich rigoros abgeblockt. Sie hatten aber nicht aufgegeben, standen immer wieder vor meiner Tür und versuchten, mit mir zu sprechen. Ohne sie würde ich wohl nicht mehr leben. Drei Monate und elf Tage nach dem Tod meiner Eltern hatte ich versucht, mir das Leben zu nehmen.
Ben war damals nicht zu Hause. Ich hatte mich im Badezimmer eingeschlossen. Es waren die Schlaftabletten, die mein Arzt mir verschrieben hatte – ich nahm sie alle.
Paige und Sammy standen wie jeden Tag vor unserer Haustür. Als niemand öffnete, aber überall im Haus das Licht brannte, kletterten sie die Veranda hoch zu meinem Zimmer. Das war für sie kein Problem, den Weg hatten sie immer genommen, ohne dass meine Eltern etwas bemerkten, wenn sie mir mal wieder Paige- und Sammyverbot erteilt hatten. So also auch an jenem Abend.
Sammy wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Er hämmerte mit den Fäusten gegen die Badezimmertür und schrie meinen Namen. Ich bekam davon schon nichts mehr mit. Paige hatte mir später im Krankenhaus erzählt, dass Sammy die Tür eingetreten hatte und sie mich bewusstlos auf dem Boden fanden.
Im Krankenhaus wurde mir der Magen ausgepumpt und ich musste eine Woche dort bleiben. Danach konnte Ben den Arzt überzeugen, mich nach Hause zu entlassen.
Eigentlich hatte Ben sich erst nach dieser Zeit verändert. Und erst heute Abend, in unserer Küche, wurde mir schlagartig klar, warum: Er hatte Angst, auch noch mich zu verlieren, und plötzlich hasste ich mich selbst für all die schlimmen Dinge, die ich ihm vorgeworfen hatte. Dabei wollte er mich nur beschützen.
»Es tut mir alles so leid«, flüsterte ich in sein Haar.
»Mir auch, Tessa … Mir auch.«
Ich löste die Umarmung und sah meinen Bruder an. Seine Augen waren ausdruckslos.
»Ich werde mich bessern, Ben, wir schaffen das zusammen. Ich verspreche es dir. Ich bin so froh, dass ich dich habe.« Ben lächelte traurig und streichelte mir liebevoll über die Wange.
»Klar werden wir es schaffen, Schwesterchen. So wie wir alles schaffen.«
Wir unterhielten uns bis tief in die Nacht. Über uns und über unser Leben – ohne unsere Eltern.
Irgendwann ging ich erschöpft die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Ich legte mich auf mein Bett und ließ das Gespräch mit Ben Revue passieren. Die Aussprache mit meinem Bruder hatte mir gutgetan. Ich erzählte ihm, wie ich mich in letzter Zeit gefühlt hatte. Dass er mich einengte und ich das Gefühl hatte, zu ersticken – und dass ich deswegen so gemein zu ihm gewesen war. Und er erzählte mir, dass er nur versuchte, auf mich aufzupassen. Er hatte immer noch Angst, mich zu verlieren. Doch jetzt, da wir beide wussten, was der andere fühlte und dachte, würde es sicher einfacher werden. Ganz bestimmt würde es das.
Ben hatte mir versprochen, mir mehr Freiraum zu lassen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er dieses Versprechen halten könnte, denn die Zeit der Trauer hatte auch bei ihm tiefe Wunden hinterlassen. Und seine Angst um mich war wie Salz, das sie wieder brennen ließ.
Genauso wie ich, hatte auch er sich verändert, er wurde dazu gezwungen, sofort erwachsen zu werden. Und ich bin mir sicher, dass er selbst noch lange nicht bereit dafür gewesen war.
In den nächsten Tagen gab Ben sich wirklich viel Mühe. Er versuchte, nicht mehr so übervorsichtig zu sein und sich wieder mehr wie mein Bruder zu benehmen. Wir waren uns noch lange nicht so nah, wie Geschwister es sein sollten, aber ein erster Schritt war getan. Und ich war glücklich, dass wir diese Hürde gemeistert hatten.
Nach dem Frühstück hatte Ben eine Überraschung für mich. Er führte mich mit verbundenen Augen die Verandatreppe hinunter, zu unserer Auffahrt.
Als er mir das Tuch von den Augen nahm, sah ich einen dunkelblauen Mini Cooper hinter seinem schwarzen Impala stehen.
»Oh, mein Gott«, rief ich begeistert, »ist der für mich?« Ich ging bewundernd um das Fahrzeug herum. Es sah meinem alten Auto zum Verwechseln ähnlich, nur die Farbe war etwas heller.
»Eigentlich sollte er nur noch als Ersatzteillager dienen«, erklärte Ben stolz, »aber ich habe ihn Luke abgekauft und ihn repariert. Er ist schon seit ein paar Wochen fertig, ich habe nur noch auf den richtigen Moment gewartet.«
»Du bist der Beste«, strahlte ich und umarmte ihn stürmisch. Dass der Wagen alt und an einigen Stellen rostig war, störte mich keineswegs. Er war perfekt für mich. »Und du hast ihn wirklich selbst repariert?«
»Er ist nichts Besonderes, aber ich hab mein ganzes Herzblut in die Reparatur gesteckt«, sagte er, sichtlich erleichtert, dass mir sein Geschenk so gut gefiel.
»Für mich ist er etwas Besonderes«, gab ich zurück und drückte meinem Bruder einen Kuss auf die Wange. »Weil er von dir ist.«
Ich setzte mich hinter das Lenkrad und strich lächelnd mit den Fingern darüber. Ich spürte etwas, das ich schon zu lange verloren geglaubt hatte. Es war Hoffnung. Hoffnung auf Heilung – auf langsame aber stetige Heilung meines Herzens.
2
Der letzte Schultag vor den Sommerferien verging wie im Flug. Das lag vielleicht auch daran, dass Sammy seit ein paar Tagen wieder bei uns war. Er hatte die Lungenentzündung gut weggesteckt. Mit ihm an meiner Seite fiel mir alles leichter. Er war wie ein Schutzschild, als würde er all die negative Energie um mich herum einfach aufsaugen und nicht zu mir durchlassen. Ob ich sie mir nun einbildete oder nicht.
Dem Unterricht konnte ich trotzdem nicht folgen. Stattdessen schaute ich aus dem Fenster.
Direkt neben der großen Eiche, mitten auf dem Schulhof, stand wieder dieser Junge. Derselbe, den ich vor knapp zwei Wochen auf dem Flur gesehen hatte. Geheimnisvoll starrte er in meine Richtung, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Mein Herz begann zu klopfen. Auf eine merkwürdige Weise fühlte ich mich zu diesem Fremden hingezogen und ein wohliges Kribbeln durchströmte meinen Körper. Vielleicht war es die Neugier auf das Unbekannte? Anders konnte ich es mir nicht erklären.
»Was ist los?«, fragte Sammy, der bemerkt hatte, dass ich an ihm vorbeischaute. Er folgte meinem Blick aus dem Fenster – der Junge war wieder verschwunden.
»Ach, nichts. Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen«, lenkte ich schnell ein und drehte mich wieder der Tafel zu.
Nach ein paar Minuten läutete die Schulglocke. Die meisten Schüler sprangen sofort auf und stürmten auf den Flur. Ich hingegen ging zum Fenster und schaute noch einmal hinaus. Ich hatte mir doch nichts eingebildet. Er war dagewesen – der dunkelhaarige Junge.
Paige gesellte sich zu mir und legte ihren Arm um meine Taille. »Was ist los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«
»Vielleicht hab ich das«, murmelte ich gedankenverloren.
»Was?« Paige zog die Augenbrauen zusammen.
»Schon gut. Komm, lass uns gehen.«
»Genießt die Ferien«, meinte Mr. McCalvain und zwinkerte uns freundlich zu, als wir am Lehrerpult vorbeikamen. »Das letzte Schuljahr kommt schneller, als ihr Hypotenuse sagen könnt.«
»Das werden wir, Sir!«, versicherte Sammy und salutierte lachend. »Wir werden jede Minute unserer Freiheit genießen.«
»Und ganz viel ausschlafen«, fügte Paige fröhlich hinzu, hakte Sammy und mich ein und zog uns aus der Klasse.
»Was wollen wir jetzt machen?«, fragte ich die beiden, während wir den Schulflur entlangschlenderten.
»Shopping!«, rief Paige freudestrahlend.
»Shopping?«, fragte Sammy, nicht ganz so begeistert.
»Klar! Paige und ich brauchen doch noch ein Outfit für den Summerrock«, stimmte ich ihr zu.
»Da wünsch ich euch beiden viel Spaß, ich geh dann lieber nach Hause. Für diesen Mädchenkram braucht ihr mich nicht.«
»Doch, klar brauchen wir dich. Du bist unser Berater!«, bettelte Paige und hüpfte vor ihm auf und ab. »Du musst mitkommen!«
»Nein, danke. Ihr findet bestimmt was Schönes.« Ohne die Möglichkeit, ihn noch weiter überreden zu können, ließ Sammy uns stehen. Er lief quer über den Flur und verschwand um die nächste Ecke.
Mit meinem neuen Wagen fuhren wir in die Innenstadt von Glenfalls – wenn man die kurze Einkaufsstraße mit ihren wenigen Geschäften so nennen wollte.
»Ich weiß genau, wo wir hingehen. Hier hat grade ein neuer Laden aufgemacht, der soll coole Sachen haben.« Paige zog mich hinter sich her, bis wir vor einem kleinen Second-Hand-Laden standen. Im Schaufenster hingen wirklich hübsche Sachen. Als wir das Geschäft betraten, traf mich ein kühler Windstoß, die Klimaanlage war aufgedreht. Es war in den letzten Tagen noch wärmer geworden. Bis zu dreißig Grad, das war für Glenfalls schon ziemlich unnatürlich. Da tat diese kleine Abkühlung wirklich gut.
»Hier, das find ich echt super. Soll ich das mal anprobieren?« Paige hielt mir ein kurzes, schwarzes Kleid vor die Nase.
»Ja, ich sehe mich in der Zeit erstmal ein bisschen um«, antwortete ich ihr, und Paige verschwand in einer der Umkleidekabinen am anderen Ende des Ladens. Ich ging zu dem Ständer, an dem die Jeanshosen hingen, und schaute sie durch. Eine gefiel mir ganz gut, ich nahm sie und legte sie über meinen Arm. Beim Weitergehen fiel mir eine blauweiß karierte Bluse ins Auge – die musste ich haben.
Paige kam aus der Umkleidekabine und drehte sich vor mir im Kreis. Sie sah toll aus. Das Kleid passte wie angegossen. Ihre kurzen, blonden Haare fielen ihr fransig in den Nacken und ihre blauen Augen strahlten.
»Wie findest du es?«
»Du siehst zum Anbeißen aus. Aber glaubst du, dass es das Richtige für eine Party im Wald ist?«, fragte ich und musterte sie von oben bis unten.
»Hm, du hast recht, vielleicht nicht das Optimalste. Bin gleich wieder da.«
Nach ein paar Minuten kam Paige wieder raus und hängte das Kleid zurück an seinen Platz. Sie suchte sich einen ganzen Stapel Klamotten zusammen und verschwand erneut in der Umkleidekabine. Ich prustete los, als sie herauskam: »Wie siehst du denn aus!«
Paige hatte sich eine enge, rote Lederhose, einen grellgrünen Pullover und bunt geblümte Stiefel angezogen. »Findest du nicht, dass das besser zu einer Party im Wald passt? Bitte beachte die Gummistiefel«, lachte sie und stolzierte vor mir auf und ab.
»Doch, auf jeden Fall. Und wenn du alle Aufmerksamkeit auf dich ziehen möchtest, ist das Outfit perfekt.«
Paige verschwand noch ein paar Mal in der Umkleidekabine und kam mit immer skurrileren Verkleidungen heraus. Mal als braves Schulmädchen mit Kniestrümpfen und Faltenrock und mal als Rockerbraut mit Lederjacke und Boots. Wir lachten viel, doch irgendwann resignierte sie.
»Ich weiß nicht«, quengelte sie, nachdem sie auch die letzten Sachen weggehängt hatte. »Ich kann einfach nichts Ordentliches finden.«
»Ach? War nicht das Richtige dabei?«, lachte ich und nahm sie an die Hand. »Komm, ich such dir was.« Ich lief gezielt auf einen der Kleiderständer zu und zog eine kurze Jeanshose heraus. Dann ging ich zu einem Regal, griff ein lilafarbenes, kurzes Top und drückte ihr beides in die Hand. »So, das wird super an dir aussehen. Dazu noch deine schwarzen Chucks und das Outfit steht.«
»Okay, ich probier es mal an. Und du nimmst die Jeans und die Bluse?«
»Ich bin ja nicht so wählerisch«, sagte ich und schob sie in die Umkleidekabine. Ich ging in die daneben und probierte meine Sachen an.
Die Jeans und die Bluse passten gut. Auch Paige war mit ihrem Outfit zufrieden. Nach dem Bezahlen teilten wir uns noch einen Schokobecher in unserem Eiscafé. Die Zeit verging wie im Fluge und es dämmerte bereits, als wir uns auf den Heimweg machten.
»Sehen wir uns morgen?«, fragte ich sie, als ich vor ihrem Haus hielt.
»Ich muss morgen mit meinen Eltern meine Großmutter besuchen. Ich habe eigentlich keine Lust, Granny ist manchmal so merkwürdig. Du weißt ja, dass sie schon seit Jahren nicht mehr spricht. Aber ich hab versprochen mitzufahren.«
»Ist okay, dann werd ich mir die Zeit ohne dich vertreiben. Ich werde schon was finden.«
Als ich einige Minuten später in meine Straße einbog, sah ich Ians Wagen am Straßenrand stehen. Er lehnte dagegen und telefonierte. Ich hielt hinter ihm – vielleicht hatte ich die Möglichkeit, die Sache mit dem Klopapier doch noch aus der Welt zu schaffen. Unsicher stieg ich aus meinem Auto und ging auf ihn zu. »Ist alles okay bei dir?«
Er steckte sein Handy in die Hosentasche seiner schwarzen Röhrenjeans und sah mich gelangweilt an: »Der blöde Wagen hat einen Platten. Ich hab grad den Pannenservice angerufen.«
»Wenn du willst, frag ich schnell meinen Bruder, ob er sich dein Auto mal eben ansieht. Ich wohne ja gleich da vorne.« Ich zeigte auf unser Haus am Ende der Straße.
»Kennt er sich denn damit aus? Wenn ich ehrlich sein soll, hab ich noch nie einen Reifen wechseln müssen«, gab Ian zu und versuchte seinen vermutlich tief verletzten Stolz zu verbergen, indem er betont lässig die Arme vor der Brust verschränkte.
»Er arbeitet bei Luke in der Werkstatt, er kennt sich gut aus. Sag den Pannenservice ruhig ab. Ich hole ihn schnell.«
Ich lief hastig über die Straße, um Ben zu holen. Er saß gerade vor dem Fernseher, als ich ins Haus stürmte: »Ben! Da draußen steht der coolste Typ auf Erden! Sein Wagen hat einen Platten und ich hab ihm gesagt, dass du ihn dir ansiehst«, sprudelte es aus mir heraus. »Bitte, du musst das für mich tun.«
»Ja, kein Problem. Ein cooler Junge also? Den werd ich mir dann gleich mit ansehen.« Er lachte laut auf, wahrscheinlich wegen meines verdatterten Gesichtsausdrucks. »Keine Angst, kleine Schwester, das war nur ein Scherz.« Grinsend ging er an mir vorbei und klopfte mir auf die Schulter.
Während Ben den Reifen wechselte, erklärte er Ian jeden seiner Handgriffe und betonte dabei nicht nur ein Mal, dass man bessere Chancen bei Frauen hätte, wenn man sein Auto selbst reparieren könnte.
»Danke, Ben. Du hast einen gut bei mir«, sagte Ian, als mein Bruder den Reifen sicher befestigt hatte. Ian schüttelte ihm die Hand, bevor er losfuhr.
»Bei mir hätte er sich ruhig auch bedanken können«, schmollte ich.
Ben legte seinen Arm um mich.
»So sind sie, die Männer. Aber ich glaube, er mag dich. Er hat dich immer mit diesem Blick angesehen. Den kenne ich.«
»Meinst du? Ich weiß ja nicht.«
Ben zuckte mit den Schultern und schob mich über die Straße nach Hause.
Ich saß in meinem Zimmer und ärgerte mich, dass Ian so undankbar war. Er hätte sich wirklich bei mir bedanken können. Vermutlich war es für ihn normal, dass andere für ihn arbeiteten und seine Probleme sich schnell in Luft auflösten. Wenn ich mich richtig erinnerte, hatte sein Vater sogar Angestellte, die sich um Haus und Garten kümmerten.
Das Vibrieren meines Handys riss mich aus den Gedanken. Ich nahm es seufzend aus meiner Gesäßtasche und lächelte, als ich sah, wer es war.
»Hey, Tessa, ich hatte ganz vergessen, mich bei dir zu bedanken«, klang mir Ians Stimme entgegen und sofort bereute ich, dass ich ihm zugetraut hatte, wirklich so ein verwöhntes Arschloch zu sein.
»Ach, schon in Ordnung. Du hättest nicht extra anzurufen brauchen. Das war die Wiedergutmachung für die Klopapieraktion.«
»Das ist eine prima Wiedergutmachung. Tessa, ich würde dich gerne zum Essen einladen. So als kleines Dankeschön. Wäre das für dich in Ordnung?«
Ich wusste nicht genau, was ich antworten sollte. Der Junge, den ich zwar sehr mochte, aber für ziemlich oberflächlich hielt, wollte mit mir essen gehen!
»Ähm, ja, klar. Wann denn?«, fragte ich schnell, bevor er meine Unsicherheit bemerkte.
»Vielleicht morgen, zum Frühstück im Duke‘s? Da gibt es die besten Pancakes der Stadt.«
Ich musste lachen – Duke‘s war das einzige Diner in Glenfalls. »Du meinst wohl, die einzigen Pancakes.«
»Ja, da hast du recht«, stimmte Ian mir zu.
Ich hatte fast das Gefühl, dass er sich ehrlich freute.
»Okay, Ian, dann morgen zum Frühstück.«
»Gut. Ich hol dich so um neun ab. Bis dann.«
Mein Herz schlug so schnell, dass ich Angst hatte, es würde gleich stehenbleiben. Ich kannte Ian schon seit dem Kindergarten und wir hatten uns immer recht gut verstanden. Aber nach dem Tod meiner Eltern hatte auch er sich abgewandt – oder ich mich von ihm, das konnte man ja aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Konnte das ein Neuanfang zwischen uns sein?
Vergeblich versuchte ich Paige zu erreichen, um sie nach ihrer Meinung zu dem Treffen zu fragen. Ich hatte immer wieder die Mailbox dran. Irgendwann hinterließ ich ihr eine Nachricht mit den wichtigsten Infos. So konnte ich mir schon mal ein paar Zweifel von der Seele reden. In den letzten Tagen hatte sich so viel verändert, dass ich gar nicht so genau wusste, ob ich schon bereit war, auch wieder mehr Kontakt mit meinem ehemaligen Freundeskreis aufzunehmen. Was mit Sicherheit der Fall wäre, wenn Ian und ich uns wieder näherkommen würden. Über all das wollte ich mit Paige sprechen, das war zu viel Veränderung auf einmal. Auch wenn es eigentlich genau das war, was ich mir wünschte.
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ein Blick auf den Wecker neben meinem Bett zeigte, dass es erst halb drei war. Ich griff nach dem Glas auf meinem Nachttisch, nahm einen Schluck Wasser und wollte es gerade zurückstellen, als ich eine Bewegung neben meinem Schreibtisch bemerkte. Der Schein des Mondes erhellte spärlich das Zimmer und nur langsam gewöhnten meine Augen sich an die Dunkelheit. Da war etwas – oder jemand, der sich langsam auf mich zubewegte. Ich wollte losschreien, doch dann erkannte ich, wer es war: der Junge, den ich schon zwei Mal gesehen hatte. Er blieb stehen und betrachtete mich.
Seltsamerweise hatte ich keine Angst. War er bei uns eingestiegen? Das konnte nur ein Traum sein.
Erst jetzt fiel mir auf, wie schön er wirklich war. Vielleicht war »schön« eine zu vage Beschreibung, aber es war das einzige Wort, das mir in diesem Moment zu ihm einfiel. Sein Blick war ganz und gar einnehmend. Ich wagte nicht zu atmen. Wer war er und was wollte er von mir?
Wie erstarrt bekam ich kein einziges Wort heraus. Ich verlor jedes Zeitgefühl und weiß nicht mehr, wie lange er vor mir stand und wir uns tief in die Augen sahen. Er hatte wunderschöne dunkelblaue Augen, deren Iris von einem dünnen, grünen Ring umrahmt wurde. Es würde wahrscheinlich nicht jedem auffallen, denn der grünliche Schimmer war kaum zu erkennen – doch ich sah ihn, selbst in der Dunkelheit der Nacht.
Der Fremde kam noch einen Schritt auf mich zu und stand jetzt direkt vor meinem Bett.
»Mein Name ist Isaac Contador.« Seine Stimme klang leise, fast zärtlich an mein Ohr. »Es tut mir leid, dass ich dich hier aufsuchen muss. Aber du bist nie allein. Du hast immer deine Freunde um dich.«
Ich nickte.
»Daher habe ich mich dazu entschlossen, dich in deinem Zimmer zu besuchen.«
Wieder nickte ich.
»Warum bist du hier?«, fragte ich atemlos.
»Du würdest es nicht verstehen. Noch nicht.«
»Ich habe ja wohl ein Recht zu erfahren, warum ein Fremder mich …«
Jetzt fühlte ich mich doch unwohl. Das war kein Traum. Kurz überlegte ich, ob ich nach meinem Bruder rufen sollte, doch Isaac unterbrach meinen Gedanken: »Ich werde dir alles erklären, aber nicht heute Nacht. Ich wollte nur, dass du wenigstens meinen Namen kennst. Damit du nicht das Gefühl bekommst, von einem Unbekannten verfolgt zu werden.«
Die Sanftheit seiner Stimme wirkte beruhigend, fast hypnotisch auf mich. Trotzdem war ich nicht mit dem zufrieden, was er mir sagte. Ich wollte mehr Fragen stellen – doch er war so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Mein Blick fiel erneut auf meinen Wecker: halb drei. Hatte ich das alles doch nur geträumt? Ich spürte das kühle Glas in meinen Händen und stellte es zurück auf den Nachttisch. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und nahm den Zeichenblock aus der obersten Schublade. Ich begann zu zeichnen, was ich in meinem Traum, wenn es denn ein Traum gewesen war, gesehen hatte. Isaacs Gesicht.
Es war das Klingeln meines Weckers, das mich aus dem Schlaf riss. Ich setzte mich in meinem Bett auf. Die Sonne schien in mein Zimmer und es war heiß, viel zu heiß. Mein Körper war schweißgebadet und ich entschied mich für eine schnelle, kalte Dusche. Für das Treffen mit Ian musste ich mich irgendwie halbwegs vorzeigbar hinbekommen.
Als das kühle Wasser auch die letzte Müdigkeit aus meinen Gliedern vertrieben hatte, holte ich mir eine Jeans und meine grüne Lieblingsbluse aus dem Kleiderschrank. Im Gehen zog ich die Jeans über und ich wollte gerade zurück ins Bad, als mein Blick auf den Schreibtisch fiel: die Zeichnung, der Traum oder der Nichttraum – Isaac. Mir rutschte die Bluse aus der Hand, ich ließ sie achtlos auf dem Boden liegen. Jetzt kam das Empfinden zurück, das ich letzte Nacht verspürt hatte. Sicherheit, Geborgenheit – und Unbehagen. Drei Gefühle, die so nicht zusammenpassten.
Fassungslos stand ich vor der Zeichnung und strich mit zwei Fingern sachte darüber. »Was ist da gestern bloß passiert«, murmelte ich vor mich hin.
Wenn es nur ein Traum war, war es ein schöner gewesen. Und es musste einer gewesen sein, denn dieses Gesicht, das mich von dem Papier ansah, war einfach zu perfekt.
Ich ging kopfschüttelnd zurück ins Badezimmer und flocht mir die noch feuchten Haare. Für mehr blieb jetzt keine Zeit.
Ben lehnte mit seinem Kaffeebecher an der Kücheninsel, als ich die Treppe herunterkam.
»Ich hab Frühstück gemacht«, sagte er fröhlich.
»Ich geh heute im Duke‘s frühstücken. Bin schon spät dran.«
»Mit wem denn? Sammy?«
»Erzähl ich dir später«, rief ich ihm zu, während ich die Haustür hinter mir ins Schloss zog.
Ich sah die Straße herunter, Ian war noch nicht da. Um mich zu versichern, dass ich nicht zu spät war, schaute ich auf mein Handy. Es war fünf nach neun. Ich hätte mir denken können, dass er unpünktlich sein würde.
Ich trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und sah in viel zu kurzen Abständen auf mein Handy. Sechs nach, sieben nach, acht nach … Viertel nach.
Nach weiteren zehn Minuten musste ich mir eingestehen, dass Ian Roberts mich versetzt hatte. Ich ging zu meinem Wagen und ließ mich auf den Fahrersitz fallen. Dann gehe ich eben allein frühstücken, dachte ich mir und trat wütend aufs Gas.
Auf dem Parkplatz vor Duke‘s Diner vibrierte mein Handy – eine Nachricht von Ian:
Hey, unser Frühstück heute muss ausfallen. Mir ist etwas dazwischengekommen. Wäre schön, wenn wir uns beim Summerrock treffen könnten.
Ich warf genervt das Handy auf den Beifahrersitz und ärgerte mich über diese plumpe Nachricht. Ein kurzer Anruf wäre das Mindeste gewesen! Aber was hätte ich auch erwarten können, Ian war eben so. Er hatte sich kein Stück verändert.
Zurück nach Hause konnte ich jetzt noch nicht. Ben würde mich mit Fragen löchern und ich hatte keine Lust, ihm zu erzählen, dass ich versetzt worden war. Ich nahm mein Handy und wählte Sammys Nummer, aber ich erreichte nur seine Mailbox. Paige konnte ich auch vergessen, sie hatte bisher noch nicht auf meine Nachricht reagiert. Sicher hatte ihr Vater ihr das Handy während des Besuches bei ihrer Großmutter abgenommen.
Ich trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Was könnte man nur mit diesem angebrochenen Vormittag anfangen, wenn man allein dastand? Ich warf einen Blick auf die Rückbank, meinen Rucksack hatte ich gestern nicht mit reingenommen. Ich zog ihn nach vorne, Zeichenblock und Stifte waren da. Ich startete den Wagen und folgte der Straße aus der Stadt, bis ich den Parkplatz am Waldrand erreichte, zu dem ich wollte.
Der schmale Pfad, der in den Wald führte, lag direkt vor mir. Ich stieg aus und machte mich auf den Weg zu einem Ort, den ich früher regelmäßig aufgesucht hatte.
Hier im Wald war es viel kühler und feuchter als in der Stadt, ein angenehmer Geruch von nassem Laub lag in der Luft.
Nach einer Weile waren die Bäume schon so dicht, dass keine Sonnenstrahlen mehr hindurch kamen. Es wurde Schritt um Schritt dunkler um mich herum – und es war still. Bis auf ein entferntes Vogelzwitschern war nichts zu hören.
Ich liebte diese Gegend, sie wirkte so friedlich und unberührt. In diesen Teil des Waldes verliefen sich nur selten Menschen. Die meisten nahmen die südliche Route durch den Wald, da standen die Bäume nicht ganz so dicht und die Wege waren begehbarer. Dort war auch die große Lichtung, auf der morgen der Summerrock stattfinden sollte.
Mittlerweile war der Pfad, der mir zuvor noch den Weg wies, nicht mehr zu erkennen. Doch das war egal, denn ich wusste genau, wohin ich wollte. Ich war diesen Weg schon häufig gegangen. Das letzte Mal lag jetzt schon einige Monate zurück und der Untergrund hatte sich deutlich verändert. Es war beschwerlicher vorwärtszukommen, immer wieder versperrten mir umgefallene Bäume und wild wachsende Sträucher den Weg, doch ich wollte unbedingt zu dieser einen Stelle gelangen, die mein Vater mir vor Jahren einmal gezeigt hatte. Dann sah ich endlich Licht durch die Bäume fallen.
