Evolutionsbruch - Vassil Vassilev - E-Book

Evolutionsbruch E-Book

Vassil Vassilev

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Beschreibung

Evolutionsbruch ist eine epische Space Opera, die drei Zeitebenen über Jahrhunderte und Lichtjahre hinweg zu einem großen Ganzen verwebt – eine Geschichte über den evolutionären, spirituellen und moralischen Konflikt einer Menschheit, die über sich selbst hinauswächst. Im 24. Jahrhundert floriert auf dem Mond die souveräne Stadt Lumena, während die Erde im Langen Krieg brennt. Als der Konflikt den Mond erreicht, entdecken lumenische Wissenschaftler ein ausserirdisches Artefakt, das Erlösung verspricht – und den Untergang bringt. Ein Experiment gerät ausser Kontrolle, und das Raumschiff Oneiros verschwindet in den Tiefen von Raum und Zeit. Drei Jahrhunderte später wagt die Menschheit erste Schritte in die Weiten des Alls. Zwei Raumschiffkapitäne stellen sich einem uralten Feind, während auf einer fernen Wasserwelt eine menschliche Beobachterfamilie Ereignisse auslöst, die den Lauf der Geschichte verändern. Im 31. Jahrhundert decken Menschen, Sternenkinder und eine eigenwillige KI die dunkelsten Geheimnisse der Existenz auf – am Scheideweg zwischen Untergang und Wiedergeburt. Das Schicksal des Universums steht auf dem Spiel. Drei Zeitebenen – ein Schicksal. Evolutionsbruch ist eine mythisch aufgeladene Allegorie über Transformation, Verantwortung und den innersten Kern der Menschlichkeit.

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Seitenzahl: 792

Veröffentlichungsjahr: 2025

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EVOLUTIONSBRUCH

DAS LIED DER SPHÄREN

BAND EINS

VASSIL VASSILEV

Originalausgabe 2025

Alle Rechte vorbehalten

© Riverfield Verlag, Reinach BL (CH) . Vorderbergweg 1

www.riverfield-verlag.ch

Covergestaltung: Riverfield Verlag

Bildnachweis Cover: Vassil Vassilev (created with generative AI)

E-Book Programmierung: Dr. Bernd Floßmann www.IhrTraumVomBuch.de

ISBN: 978-3-907459-39-3

INHALT

I. Zukunft

Prolog

1. Die Zweite Lumenische Krise

2. Evolution

3. Aufbruch zu den Sternen

4. Verrat

5. Der Plan

6. Oneiros

7. Turbulenzen

II. Vergangenheit

III. Gegenwart

Prolog

8. Ungewissheiten

9. Der Traum

10. Jäger und Beute

11. Die Geschichte der I

12. Begegnungen

13. Der Schütze

14. Wahrheit und Schicksal

15. Scheidewege

Epilog

Über den Autor

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ZUKUNFT

PROLOG

Es war still auf der Grenzwelt. Wie immer. Das endlose Gras im grossen Tal wippte sanft im Wind hin und her. In der Ferne wirbelte ein blitzendes X’aen-Knäuel wild im Föhn. Das helle Licht des ewigen Tages erzeugte funkelnde Schimmer auf den taugeschwängerten Halmen der uferlosen Wiese darunter. Das grüne Meer glitzerte mit den Hautschuppen des Araners um die Wette. Reglos schwebte er am Rande der Pflanzensee – wie ein Fremdkörper auf der Grenzwelt und doch eins mit ihr und allem, was war und jemals sein würde. Als er seine regenbogenfarbenen Augen für einen kurzen Augenblick schloss, schien die Zeit selbst zu gefrieren. Für einen Moment standen die saftigen grossen Halme still, das eben noch tanzende Knäuel – nun unentflechtbar erstarrt – erschien wie eine Skulptur aus massivem Stahlseil. Ein Augenblick nur – eine Ewigkeit. Der Araner öffnete die Augen, und sein Blick richtete sich gen Himmel, durchdrang das ewige Wolkenband, das diese Welt umschloss, und verlor sich in der Unendlichkeit. Als er in die Hölle dahinter blickte, seufzte er, und die ganze Grenzwelt erzitterte. Unermesslich langsam begab er sich zur Spitze des grossen Zeittempels, den Blick steif auf das brodelnde Nichts gerichtet, das erbarmungslos die Raumzeit zerfetzte. Er spürte zahllose Sterne und Welten entstehen und wieder vergehen. Und dann, endlich, erreichte er die Spitze des Bauwerkes. Sein Blick hielt dem erbarmungslosen Grauen stand. Er zögerte nicht. Mit all seiner Kraft verschloss sich der Araner der tosenden Hölle und verweigerte sich ihrer hässlichen Fratze. Denn weiter dahinter, in den tiefsten Untiefen des Seins, hinter den grell leuchtenden Schleiern des Todes – dort, wo nichts ist und doch alles entsteht – herrschte nur Frieden und Ruhe. Der Araner begann, seine Chronik direkt in das Gewebe des Universums zu speichern.

Die Endzeit ist da.

Und so beginnt der letzte Zyklus auf einer unscheinbaren Welt, in einer unscheinbaren Galaxie, in einem unscheinbaren Universum…

DIE GESCHICHTE VON LUMENA

Ein gewöhnlicher Planet glitzert in der Schwärze des Alls und zieht seit Milliarden von Jahren seine Bahnen um den lokalen Heimatstern – ein G2-Stern der Leuchtkraftklasse V, der für sich genommen ebenfalls kaum aussergewöhnlich erscheint. Ein durchschnittlicher gelber Zwerg, nur ein Flackern unter so unendlich vielen. Der kleine, diesen Stern begleitende Planet, dessen hellbläuliches Leuchten den näheren Weltraum in ein zartes, warmes Licht hüllt, wirkt einladend und friedlich. Nichts stört den majestätischen Anblick dieser kosmischen Geometrie. Als ganz und gar aussergewöhnlich offenbart sich die kleine Welt erst bei näherer Betrachtung. Mitte des 24. Jahrhunderts menschlicher Zeitrechnung wirkt das blaue Juwel nur noch aus der Entfernung des Weltraumes heraus friedlich und einladend. Die Menschengesellschaft, die es bevölkert, war längst ihren Kinderschuhen entwachsen. Die unter Kindern üblichen Querelen und Streitigkeiten waren längst in das selbstzerstörerische Handeln junger Erwachsener übergegangen und hatten schon lange ihren bleibenden Abdruck auf dieser Welt hinterlassen. Lange hatten Optimisten gejubelt, dass die Welt, in der sie lebten, die schönst mögliche war. Und ebenso lange hatten Pessimisten befürchtet, dies könne tatsächlich der Wahrheit entsprechen.

Der Niedergang kam, wie so oft, schleichend.

Auf die Stammesstreitigkeiten der Urzeit und der Antike folgten die Zusammenstösse globaler Imperien. Imperien, wie sie die Menschheit niemals zuvor gekannt hatte und auch niemals wieder erleben sollte. Dunkle Zeitalter folgten und wichen neuen Augenblicken der Erleuchtung – nur um wieder den Schicksalsschlägen der menschlichen Natur zu erliegen. Nationen bekriegten sich für höhere Ziele – obsiegten, fielen und räumten die Bühne für ihre Nachfahren. Bündnisse politischer, wirtschaftlicher, kultureller und religiöser Natur wurden zum Zwecke des Friedens geschmiedet, nur um noch schneller und noch grausamer zu vergehen, im Staub ihrer Trümmer zu versinken und der Vergessenheit anheimzufallen.

Es gibt nur noch wenige Menschen auf diesem blauen Planeten, die den Optimismus ihrer Vorfahren teilen. Und es gibt so viele, die sich um solche Überlegungen keinen Deut mehr scheren.

Den letzteren gehört jetzt die Erde. Eine Welt, zerfressen vom langen Krieg. Morsch, spröde, verfault.

Und reif, um geerntet zu werden.

Die wenigen hingegen, die noch immer hofften, hatten schon vor langer Zeit ihre Heimatwelt verlassen. Ihr neues Zuhause hatten sie anfangs „Spei“ und später „Lumena“ genannt. Auf der Erde hatte es noch einen weiteren, weitaus schlichteren Namen – „Mond“.

Lumena sollte schnell zum Licht der Hoffnung am dunklen Firmament der Menschheitsgeschichte werden – und noch schneller zum Inbegriff des Hochmuts und zum Beispiel der Vergänglichkeit.

Als Erste waren Wissenschaftler gekommen. Im Jahre 2077 m.Z. hatte Luna 1 als hochmodernes, autark versorgtes, permanentes und mit den neuesten Lebenserhaltungssystemen ausgestattetes Forschungslaboratorium im Kopernikuskrater von Montes Carpatus seine Arbeit aufgenommen. Ein Biosphären-Experiment, das als lunare „Forschungskommune“ über eine anfängliche Gesamtbesatzung von gerade einmal zwei Personen verfügte: dem Astrophysiker Dr. William T. Kelly und der Quantenexpertin Dr. Eleonore Schmidt – oder Mama Planck, wie sie aufgrund ihrer Leistungen als Mutter der Quantentechnik und Pionierin des menschlichen Quantenzeitalters liebevoll genannt wurde. Von globalem Hochmut beseelt, schien die Menschheit in jener turbulenten Zeit endlich Ruhe zu finden. Mit unermesslichen Investitionen und globalen Anstrengungen wurde der erste langfristige Schritt in den Weltraum gefeiert wie ein erlösendes Ereignis. Damit einher ging eine Rückbesinnung auf sogenannte humanistische Ideale, die in der hochtechnisierten Welt für lange Zeit verloren geglaubt schienen. Der Ausbau der Kommune genoss jahrzehntelang oberste politische, wirtschaftliche, kulturelle und philosophische Priorität. Im steten Abstand von wenigen Monaten wurden Erweiterungsmodul auf Erweiterungsmodul und Laboratorium auf Laboratorium zum Mond geschickt. Es dauerte nicht lange, und mit den Erweiterungen schlossen sich immer mehr Menschen der lunaren Gemeinschaft an. Wissenschaftler, Ingenieure, Physiker und Astronomen; schon bald folgten ihnen ihre Familien und schliesslich kamen auch die ersten gewöhnlichen Siedler, Aussteiger und Abenteurer nach Lumena. Als das letzte Transportschiff im Jahre 2227 von der Erde aus startete und den grossen Raumhafen bei Gambart anflog, hatte Luna 1 seine ursprüngliche Bedeutung längst verloren. Die Namen der Pioniere waren zu einem Mythos geworden, einem Mythos, der in Religion übergegangen war.

Lumena, die Mondstadt, war von der Erde aus mit blossem Auge erkennbar. Ein dichtes Netz aus Lichtlinien umspannte den Montes Carpatus, in dessen zentralen Krater vor Jahrhunderten Luna 1 gelandet war und Kelly und Schmidt den Grundstein für die menschliche Zukunft auf dem Mond legten. Jetzt erhob sich dort die grosse Kuppel Lumenas – ein Wunderwerk menschlicher Baukunst. Vom Mare Insularum bis zum Mare Cognitum und vom Mare Vaporum bis zum Mare Imbrium bedeckte die Stadt des Lichtes mit ihren einzelnen Teilen, Quartieren und verschiedenen Ballungszentren nahezu die gesamte äquatoriale Zone der zur Erde hin gewandten Mondseite. Östlich und westlich der eigentlichen Stadt hob sich das gewaltige Grid des gigantischen Teilchenbeschleunigers von Lumena ab, dessen überdimensionale Zentralröhre, mit riesigen, einzelnen Magnetverstärkern versetzt, den gesamten Mond umspannte. Eigentlich glich die Menschenkolonie einem monströsen Ehering aus Stahl und Beton, den die menschlichen Gründergenerationen dem Erdsatelliten in einer arrangierten Vermählung aufgedrückt hatten. Andere behaupteten, die Menschheit hätte den Mond derweil in Ketten gelegt.

In klaren Nächten leuchtete die Mondstadt auf die Erde nieder und offenbarte ein Gewirr von Gebäuden, Laboratorien, Strassennetzen und Habitaten, inmitten derer sich majestätisch die grosse Kuppel erstreckte. Deren schiere Ausmasse waren überwältigend. Sie war das Herz der lumenischen Infrastruktur und Lebensmittelpunkt für die 120.000 Stadtbewohner. Die grosse Kuppel von Lumena war aber noch viel mehr als das – sie war Museum, wissenschaftliches Zentrum, kultureller und wirtschaftspolitischer Mittelpunkt der Stadt zugleich. Sie war das leuchtende Herz des Götzen Lumena, den sich die Menschheit selbst als ganz und gar nicht bescheidenes Denkmal errichtet hatte. Hier befand sich noch immer Luna 1 – das Forschungsmodul, aus dem alles entstanden war, der Keim dieses blühenden Gartens. Täglich pilgerten Hunderte Menschen aus den näheren Habitaten in Strömen zu den stündlichen Führungen durch die altehrwürdigen Hallen. Souvenirshops boten allen möglichen Krimskrams an: von Dokumentationen über die Geschichte von Lumena, über Holoaufnahmen der Exponate und Kleidungsstücken mit aufgedruckten, bedeutungsvollen Zitaten aus den Tagebüchern Kellys und Schmidts, bis hin zu Esswaren in originalgetreu nachgemachten Behältern aus der Gründerzeit und den Anfängen der Raumfahrt. Häufig sogar in ähnlich gewöhnungsbedürftiger Geschmacksausrichtung. Täglich fanden Vortragsreihen, wissenschaftliche Konferenzen und Tagungen in einem der rund zwei Dutzend Sitzungssälen im riesigen Komplex statt. Geschäftiges Treiben durchzog die grosse Kuppel von den untersten Etagen, mit all ihren Galerien, Ausstellungen, Restaurants und Geschäften, über den mittleren Sektor, mit seinen wissenschaftlichen Laboratorien und Forschungsinstituten, bis hin zu den obersten Etagen des Baus, wo der lumenische Senat unter der massiven Fiberglaskuppel tagte, die dem Gebäude den Namen gab. Tür an Tür mit Big Eye – dem gewaltigsten und leistungsstärksten Teleskop, das je von Menschenhand erbaut wurde. Wahrhaftig ein Fenster zum Universum. Am höchsten Punkt der Kuppel residierte der lumenische Bürgermeister.

Rund um die grosse Kuppel führten konzentrische Tunnelröhren den Strassenverkehr in alle möglichen Richtungen und leiteten die Magnetbahnen in höchstmöglicher Effizienz zu ihrem jeweiligen Ziel. Wie Perlen an einer Kette reihten sich die Habitate ihrer jeweiligen Zuständigkeit nach aneinander – Wohnmodule, öffentliche Strukturen, Parks und Freizeitbiosphären, landwirtschaftliche Betriebe und immer wieder endlos scheinende Felder aus Solarzellen, die für einen grossen Teil der zivilen Energiezufuhr auf Lumena sorgten. Mächtige Fusionskraftwerke hingegen belieferten die Forschung, das Big Eye und den „Particle Freeway“, wie der Teilchenbeschleuniger liebevoll von seinen Schöpfern genannt wurde. An den nördlichen Hängen des Kopernikuskraters erstreckten sich unendliche Förderanlagen und Fabrikkomplexe bis in die weiten Ebenen des Mare Imbrium hinein, dessen flache, steinige Oberfläche schon seit mehr als 200 Jahren ihren unermesslichen Schatz freigab, auf den Lumenas gesamte Wirtschaft und all der Reichtum der so stolzen freien Stadt basierte.

HELIUM 3

Ohne diese Entdeckung wäre Lumenas Selbstbewusstsein nie über das einer gewöhnlichen irdischen Kolonie hinausgewachsen.

Als Mitte des 22. Jahrhunderts sämtliche Energieressourcen des blauen Planeten endgültig aufgebraucht waren und die damalige Ursprungswelt ihre schwerste Krise zu bewältigen hatte, brach der Lange Krieg aus. Es war der Beginn von Lumenas sagenhaftem politischem Aufstieg und der Anfang vom Ende der gesamten Menschheit.

Das im Mondgestein gespeicherte Edelgas wurde tonnenweise in Richtung Erde verschifft; und wo irdische Geschäftsmänner den Rohstoff zu Wucherpreisen an den Meistbietenden verkauft hätten, legte Alexander Popov – der erste Bürgermeister Lumenas – erstaunliche Weitsicht an den Tag. Monetäre Währungen sollten auf Lumena nie eine Rolle spielen. Die Gier nach Wissen und Fortschritt löste das Streben nach materiellen Reichtümern ab. Und so erwies sich der Tauschhandel als dankenswerter und erfolgreich erprobter Grundpfeiler des lumenischen Wirtschaftswunders. Die Mondstadt tauschte lumenisches Heliumisotop mit der Erde, um den Energiehunger des Erdenkrieges zu stillen, gegen dringend benötigte Rohstoffe, die man auf dem Mond selbst nicht produzieren konnte. Das Haupttauschgut war das Wasser, denn die Wassereiskappen an den Polen des Erdenmondes enthielten zu wenig davon und versprachen aufgrund des ungeheuren Förderaufwandes keine praktikable Rentabilität. Mit der Zeit entwickelte Lumena einen eigenständigen Wirtschaftskreislauf und dank des technologischen Fortschritts liess sich vieles synthetisch herstellen, sodass Wasser rasch zum einzigen Tauschgut avancierte, das noch mit der Erde gehandelt wurde.

Dem Erdenbetrachter kam die Mondstadt mit ihrer zentral gelegenen grossen Kuppel und den ausufernden, feinen Verästelungen der Zusatzbauten wie eine grosse Blume vor, die ihre Wurzeln in das karge lunare Umland ausstreckte und damit wie eine Insel des Lebens inmitten eines ausgestorbenen Gesteins- und Staubozeans wirkte. Und nicht wenige wunderten sich über die Bewohner der Stadt und deren Beweggründe, die traute Wiege der Menschheit zu verlassen, um auf einem toten Felsbrocken zu siedeln. Anderen erschien Lumena als nimmersatter Krake, der gierige Fühler ausstreckte und sich einverleibte, was er benötigte. Unter ihnen galten die Lumener als feige Flüchtlinge und Verräter – Verräter an der menschlichen Rasse und somit Verräter an der Erde als Ganzes. Doch diese Empfindungen blieben lediglich unausgesprochene Gedanken, liess Lumena die alte Heimat doch an all den fantastischen Entwicklungen und Erfindungen ihrer Forschergilde teilhaben. In regelmässigen Abständen wurden Datenströme ausgetauscht – auch wenn diese im Laufe der Zeit immer seltener wurden.

Als die Interessen Lumenas und der Urheimat immer mehr auseinanderdrifteten, kam es zur ersten Lumenischen Krise und gleichsam zum unwiderruflichen Bruch. Es war eine Krise, in der eine am Abgrund taumelnde Erde Konzessionen machen musste. Lumena setzte die eigene Autonomie in Bezug auf wissenschaftliche Forschung durch und erklärte sich im Gegenzug bereit, die Heliumlieferungen erheblich zu erhöhen. Das lumenische Selbstbewusstsein war damit erwacht und mit ihm der schlummernde Eigennutz.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten – so besagt es ein altes menschliches Sprichwort. Und bald schon zog ein erster Orkan auf.

2227 verlas N’Gue – die erste Bürgermeisterin von Lumena – in einer Liveschaltung vor 16,5 Milliarden Erdenmenschen und einer Handvoll erlesenen Bewohnern der Mondforschungsanlage „Lumena“ die Rede „Über die Zukunft Lumenas und das neue Zeitalter der Visionen“. Die Bürgermeisterin erklärte Lumena zur Freien Stadt und setzte damit nicht weniger als die lumenische Souveränität durch. Die Herausnahme aus den Angelegenheiten der Erde wurde zum Leitsatz der lumenischen Erdenpolitik. In den Augen der Erdenmenschen war dies selbstverständlich gleichbedeutend mit Hochverrat.

Nach der Erklärung der Neutralität schauten 16,5 Milliarden irdische Augenpaare misstrauisch in das stolze Antlitz der Freien Stadt Lumena, die heller zu leuchten schien als jemals zuvor – einem massereichen Stern, der sich an seinem Lebensende aufbläht, bevor er zur Supernova mutiert und in einer gewaltigen Explosion vergeht, nicht unähnlich.

Die Krise war überwunden, die bilateralen Beziehungen wurden auf eine neue Ebene der gegenseitigen Achtung und ewigen Freundschaft gehievt – so oder so ähnlich berichteten die irdischen Nachrichtenstationen in der Folgezeit. Doch unter der Oberfläche brodelte es gewaltig. Der zivile Verkehr nach Lumena und zurück wurde erheblich eingeschränkt und die permanente Kommunikationsverbindung auf immer seltener und immer kürzer werdende Zeitintervalle reduziert. Nur die Helium-3- und Wasserlieferungen erfolgten noch ungestört und stetig.

Kaum hatten die Menschen der Erde die Neutralitätserklärung überwunden, folgte der Vorschlag Lumenas zur Schaffung permanenter diplomatischer Gesandtschaften in gegenseitigem Einvernehmen. Das politische Beben, das diese Forderung innerhalb der vereinten irdischen Führungsriege auslöste, wurde der Weltöffentlichkeit verschwiegen, während man die Gründung der Botschaften als Zeichen der Einheit und der gemeinsamen Interessen verkaufte. Und je mehr man Gerüchten einer allzu offensichtlichen Abspaltung Lumenas auf der Erde entgegenwirkte, umso mehr nährte man die Zweifel, das Misstrauen, den Hass.

So ging das Leben weiter – auf Lumena wie auch auf Terra. Eine Zivilisation auf zwei Welten. Eine davon blühend, im Glauben, die eigene Kraft und Energie der Herrlichkeit des Universums zu widmen – die andere sterbend, im Irrglauben, gegen globale Erwärmung, wirtschaftlichen Niedergang, ausser Kontrolle geratene demografische Katastrophen und Hungersnöte ankämpfen zu können.

Doch das Universum ist nicht herrlich. Und unendlich ist es auch nicht.

Die Endzeit ist angebrochen – und Ushan ist bereit.

AUS „ARANS CHRONIKEN DER ZEIT“, BUCH 17 „KINDER DER EXISTENZ“

Lumena. Lumena. Lumena! Ein gewaltiger Gammablitz riss den Araner aus seinen schreibenden Gedanken. Es war so weit. Der Araner seufzte.

1

DIE ZWEITE LUMENISCHE KRISE

„Glauben Sie wirklich, der Mond ist nicht da, wenn keiner hinschaut?“

ALBERT EINSTEIN ZU VERTRETERN DER QUANTENTHEORIE

Der Raum war gross, hell ausgeleuchtet und wirkte ein bisschen steril. Einzig vier Bilder sorgten für etwas farbliche Verspieltheit im sonst recht tristen weissen Grundton, der den Hauptanteil der Inneneinrichtung ausmachte. Geradezu penetrant wirkte der schreiend hellblaue Synthitexschreibtisch, der so gar nicht in das eher biedere Gesamtkonzept passte. Ein überdimensionaler, in hellen Brauntönen gehaltener Kunstledersessel kam dahinter zum Vorschein, dessen farbliche Diskrepanz zum Schreibtisch selbst den wohlwollendsten Sehnerv aufs Äusserste strapazierte. In ihm sass eine Person, die sich mit angestrengtem Gesichtsausdruck durch einen Papierberg wühlte. Gelegentliche Seufzer erweckten einen geradezu bemitleidenswerten Eindruck. Schweissperlen zeichneten sich auf der faltigen Stirn des Mannes ab und verklebten die dunkelbraunen Haarlocken. Geduldig wartend sassen drei weitere Männer auf der anderen Seite des Schreibtisches; zwei von ihnen reichten neue Papierfetzen nach, sobald der eigentliche Dokumentenhaufen auf dem Pult den Anschein erweckte, an Höhe zu verlieren. Der dritte starrte geistesabwesend vor sich hin und war vollkommen im Datennexus versunken. Der schwitzende Mann im braunen Sessel blickte hastig auf die holografische Uhr, die rechts von ihm an die karge weisse Wand projiziert wurde, und schob eine schweissnasse Haarsträhne auf seiner Stirn zur Seite. Er sah die anderen drei mit einem Blick an, der Bände sprach.

„Es ist wieder Zeit…“ Der Seufzer war nicht zu überhören und verdeutlichte nur allzu gut, welche Anstrengungen die nun folgende Prozedur den kleinen Mann im Sessel jedes Mal kostete. „Schalten Sie die KOM-Verbindung ein, Chan...“

Chan Lu Xung, ein hagerer Mann mittleren Alters, dessen kantiges Gesicht Stolz und Unnachgiebigkeit ausstrahlte, erhob sich vom rechten der drei Sessel, die auf der anderen Seite des grossen Pultes aufgestellt waren, und machte ein paar Schritte in Richtung der kleinen Schalttafel, die sich, vom Schreibtisch aus gesehen, am entgegengesetzten Ende des Zimmers befand. Es war kein Zufall, dass die Direktschaltung zur Erde so umständlich zu bedienen war. Chan betätigte den Schalter, was dazu führte, dass mehrere Dinge gleichzeitig passierten. Das helle Licht, das das Zimmer erfüllte, wurde um einige Stufen heruntergefahren und liess nur noch den grossen braunen Sessel und seinen Platzhalter in schummrigem Leuchten erscheinen. Eine Gleittür über dem Schreibtisch schob sich mit leisem Zischen zur Seite und verschwand in der Deckenverkleidung. Langsam senkte sich eine quadratisch-transparente Scheibe von einem Meter Durchmesser nach unten und kam erst zum Stillstand, als sie sich genau zwischen den Anwesenden positioniert hatte, sodass die drei Besucher im Hintergrund blieben. Der nervöse Mann im braunen Sessel streckte seine Hand aus und betätigte einen weiteren Schalter an der Unterseite seines Schreibtisches. Es folgte ein kurzes Rauschen, als die Scheibe aufleuchtete und in grossen gelben Buchstaben die Herstellung der KOM-Verbindung ankündigte.

„Herr Bürgermeister!“, drang augenblicklich eine gesichtslose, rauhe Stimme durch das Zimmer, während der visuelle Verstärker im Hintergrund seine Subroutinen ausführte, um das zur Stimme passende Bild aus der Verbindung herauszufiltern.

„Guten Tag, Herr Generalsekretär“, erwiderte Louis Ferraud, Bürgermeister von Lumena, und erhob sich aus dem überdimensionierten braunen Sessel, indem er sich mit beiden Händen mühsam am Plastikschreibtisch abstützte. Er schaute in das fahle, narbenübersäte, faltenhafte und zerfurchte Gesicht des Mannes, den er gerade mit „Generalsekretär“ angesprochen hatte und das jetzt ganz gross auf der Glasscheibe erschien.

„Was halten Sie davon, wenn wir direkt zum... Geschäftlichen... übergehen, Herr Bürgermeister?“, schlug der Generalsekretär vor und kniff die dunkelgrünen, blitzenden Augen noch enger zusammen. Anderson Drake war nicht in der Stimmung, höfliche Floskeln auszutauschen, und gab sich auch keine Mühe, seine offenkundige Aversion Louis Ferraud gegenüber zu verbergen. Bürgermeister Ferraud holte tief Luft und nickte unscheinbar.

„Da wir beide vielbeschäftigte Männer sind, mein lieber Herr Bürgermeister“, fuhr Anderson Drake fort, „wird diese Besprechung nicht allzu viel von Ihrer ach so kostbaren Zeit in Anspruch nehmen.“ Ferraud schluckte und ignorierte den Sarkasmus. „Die Helium-3-Lieferung vom letzten Monat war mehr als unzureichend. Ich habe Ihr ... Unternehmen ... bereits mehrmals darauf hingewiesen, dass wir für den Wiederaufbau erheblich mehr Energie benötigen als die Brotkrümel, die Sie uns allmonatlich zuwerfen. Ist Ihnen das bewusst? Dürfte ich mich nach dem Grund für Ihren Geiz erkundigen?“ Anderson Drakes Stimme zischte. Der Bürgermeister atmete durch.

„Ich verstehe Ihre Bedenken nicht, Herr Generalsekretär“, antwortete Louis Ferraud bemüht. „Die Liefermenge entsprach genau der seit der irdischen Waffenruhe vereinbarten, monatlichen Menge Helium-3-Isotop. Unseren Berechnungen zufolge sollte diese Menge völlig ausreichend sein, um Ihren gesamten Energiebedarf für Monate im Voraus zu decken. Ihre Fusionskraftwerke benötigen sogar weitaus weniger als die von Ihnen und Ihrer Regierung gewünschte Menge. Da die langfristige Lagerung des Isotops äusserst heikel ist und Ihre technischen Mittel, unserer bescheidenen Meinung nach, nicht vollends dazu im Stande sind, drängt sich uns die Frage auf, womit sich Ihr gestiegener Energiebedarf erklären lässt?“ Ferraud holte erneut tief Luft und musterte in gespannter Erwartung das Gesicht seines Gegenübers auf dem KOM-Monitor. Anderson Drakes blitzende Augen hatten sich mittlerweile in winzige waagerechte Striche verwandelt. Die Mundwinkel hatten sich indes noch weiter in Richtung des spitzen Kinns verlagert. Ferraud ahnte schon, dass dieser grundlosen Diskussion um Liefermengen jeden Augenblick etwas ganz Konkretes folgen würde.

Doch es folgte nichts dergleichen. Was folgte, war ein Schweigen, das sich unangenehm in die Länge zog. Ferrauds Nervosität stieg. Und Nervosität war eines der vielen Gefühle, die er zu verbergen nicht im Stande war. Er war überzeugt, dass jede Faser seines Körpers, jedes Zucken seines linken Auges, ja sogar die winzigen kugelförmigen Schweissperlen auf seiner Stirn unübersehbar waren und ihn verrieten. Und was noch schlimmer war: er war überzeugt, dass Anderson Drake im Stande war, sein innerstes Gefühlsleben wie ein offenes Buch zu lesen. Entsprechend verächtlich verzog Drake den Mund erneut und der Bürgermeister hätte schwören können, die Andeutung eines perversen Lächelns erkennen zu können. Ein hasserfülltes Grinsen, das auch ohne dazugehörige Worte seine Wirkung nicht verfehlte. Bürgermeister Louis Ferraud erschauderte. Er dachte an die Bilder hinter ihm, in der Hoffnung, die Personen darauf würden ihm irgendwie helfen können, aus der unangenehmen Situation auszubrechen. Doch die Porträts von Kelly und Schmidt, von Popov und N’Gue, schwiegen. Ferraud musste sich zusammenreissen. Die Bürgermeister Lumenas waren allesamt grosse Persönlichkeiten gewesen. Wie gern hätte Ferraud das jetzt auch von sich behaupten können… Doch eine Persönlichkeit dieses Formats war er nicht – und er wusste es nur zu genau. Bürgermeister zu sein hatte er sich ohnehin nie gewünscht. Er war Wissenschaftler und nichts weiter. Kein grosser Politiker, kein Visionär und am allerwenigsten fühlte er sich dazu berufen, die monatlichen Kreuzverhöre zu ertragen, die Anderson Drake ihm aufzwang, seit er die Regierungsgeschäfte der Erde vor sechs Monaten übernommen hatte. Jäh wurde er von seinen Gedanken losgerissen. Sein aufgesetztes Pokerface löste sich einfach auf.

„Ich werde offen sprechen, Bürgermeister!“ Anderson Drakes Stimme klang fordernd und sanft zugleich. Ferraud schluckte und versuchte krampfhaft, genau das Selbstbewusstsein wieder einzufangen, von dem er gerade eben noch überzeugt war, es ausgestrahlt zu haben. Er schaffte es nicht. „Sie nehmen sich viel heraus, mein lieber Freund. Sie werfen mir haltlose Berechnungen an den Kopf und reden von Liefermengen, die jeglichem Realitätsbezug entbehren. Ihre sogenannte „Neue Gesellschaft“ dort oben masst sich an, über Fragen zu urteilen, die sie nichts angehen. Ihnen sollte jedoch klar sein, dass Sie mit Ihrer neutralen Haltung jeglichen Anspruch, Erklärungen von uns einzufordern, verloren haben! Die Arroganz Ihrer Almosen sind wir, sind wir alle hier unten, nicht länger bereit, hinzunehmen. Diese berechneten Rationen, von denen Sie sprechen, sind eine Beleidigung sondergleichen! Der Mond ist nicht Ihr Privateigentum – und schon gar nicht sind es seine Ressourcen!“

Ferraud blickte in das wütende Gesicht Anderson Drakes. Es hatte seine blasse Farbe verloren und ein rötliches Schimmern angenommen. Die Lippen bebten vor Anspannung, als der irdische Generalsekretär den diplomatischen Ton endgültig ablegte. Ferraud war wie gelähmt. Er versuchte, seine eigenen Gedanken zu sammeln, doch es misslang ihm gründlich.

Vor knapp einem Jahr hatte sich die Kriegslage auf der Erde dramatisch verändert. Anderson Drake war aus dem Nichts aufgetaucht und hatte sich innerhalb kürzester Zeit zum Wortführer der gesamten Föderation aufgeschwungen. Als die Waffen endlich ruhten und die neue Einheit nach einer Führung verlangte, errang eben dieser Anderson Drake einen unerwarteten, erdrutschartigen Sieg. Seine Reden waren voller entrüsteter Verbitterung über die Gegenwart; damals sprach er von einer menschlichen Gesellschaft, die verkümmere und in ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit unterzugehen drohe. Gegeisselt von der Sinnlosigkeit religiöser, wirtschaftlicher, politischer und ethnischer Differenzen und leidend unter dem alles erstickenden wirtschaftlichen Joch Lumenas.

Auch jetzt predigte Anderson Drake wieder Visionen von einer neuen Ära der Menschheit und vom Ende der Spaltung sowie des zivilisatorischen Verfalls. Ferraud wusste, warum Drake die Menschen auf der Erde mit seinen Träumen von unendlicher Macht fesselte und begeisterte; jener Macht, die gemeinsamen Ziele mit sich brächten. Seine Worte kamen tief aus seinem Herzen und drangen genau so tief in die Herzen der Menschen von der Erde. Die Technologie sei der Schlüssel zur Unendlichkeit – dies war Anderson Drakes Kredo. Technologie, über welche die Erde nicht verfügte. Das Dahinvegetieren im Stillstand sei die alleinige Schuld Lumenas. Lumena, die Mondstadt, welche die Erde und die Menschheit verraten habe, im langen Krieg die Neutralität erklärt, die Erde im Stich gelassen habe und seit dem Einfrieren des Dialoges lediglich den Energiebedarf der Erde deckte, indem sie monatlich festgelegte Mengen an Helium 3 zum Betreiben der Erdfusionskraftwerke lieferte. Die Menschheit sei zu einer Geisel Lumenas und deren „Kriegstreiberbürgermeistern“ verkommen und vollkommen von ihren entwürdigenden Almosen abhängig.

Ferraud zitterte vor Empörung und doch fand er keine Kraft, Drakes energischen Monolog zu unterbrechen. Er erinnerte sich, wie er einstmals, seit drei Jahren Träger des Bürgermeisteramtes, das erste Mal mit Drakes Anschuldigungen konfrontiert wurde. Es war das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass er nicht ruhig schlafen konnte. Als die Vorwürfe zum ersten Mal lautstark öffentlich fielen, hatte die Generalität der Föderationsstreitkräfte gerade in einer bedeutenden Schlacht gegen das separatistische Ostasien, trotz zahlenmässiger Unterlegenheit, den Sieg davongetragen und einen teilweisen Waffenstillstand ausgehandelt. Diese positive Entwicklung wurde damals vom lumenischen Senat zwar wohlwollend begrüsst, doch die freudige Stimmung währte nicht lange. Eiligst breitete sich der lokale Waffenstillstand auf der Erde zu einer allgemeinen Waffenruhe aus. Die Hoffnung auf Frieden und die allgemeine Woge des Antimilitarismus innerhalb der kriegsmüden Erdenbevölkerung nahm der irdischen Wirtschaftspolitik das Kriegsbeil aus der Hand und die totgeglaubte Demokratie kroch damals schwer verletzt aus ihrem Grabe. Dies glaubte man jedenfalls auf Lumena. Alle auf Lumena wollten es glauben. Es sollte sogar freie Wahlen für die Führungsgremien der Neuen Föderation auf der Erde geben. Ein gewisser Anderson Drake schien mit seinem polternden Stil wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Heute weiss man es besser…

Das zweite Mal, als Louis Ferraud nicht schlafen konnte, kam wenige Wochen später, als Anderson Drake zum Generalsekretär der wiedervereinten Föderation erkoren wurde. Der endlos geglaubte Krieg war damit endlich vorüber. Aber Aufbruchstimmung setzte trotzdem nicht ein. Orientierungslosigkeit und Zukunftsangst ergriffen, gepaart mit banger Hoffnung, die menschliche Gesellschaft auf Terra. Die Wut und die Trauer über die jahrzehntelangen Entbehrungen und das Leid waren grenzenlos. Ferraud hatte damals vor dem lumenischen Senat gesprochen und die Notwendigkeit einer angemessenen Reaktion betont – ein politischer und wirtschaftlicher Schulterschluss mit Terra und unbegrenzte Hilfe beim Wiederaufbau waren Ferrauds politische Eckpfeiler gewesen. Der Senat beschloss nichts dergleichen – es sollte nichts überstürzt werden. Das Strategische Planungsamt Lumenas wurde mit Sondierungen beauftragt. Sechs Monate waren seither vergangen. Louis Ferraud dachte grimmig an das noch immer ausstehende Dokument. Seit sechs Monaten musste er nun improvisieren, beschwichtigen und Politiker spielen, anstatt einfach wieder Wissenschaftler zu sein. Erstaunlicherweise war es während keiner einzigen Direktschaltung zu Anderson Drake je zu einem Eklat gekommen.

Bis jetzt.

Ferraud überlegte noch immer, wie er auf Drakes Ausfall reagieren sollte. Schliesslich sammelte er sich.

„Ich versichere Ihnen, Herr Generalsekretär, wir verstehen Ihren positiven Ehrgeiz, doch sind nicht wir diejenigen gewesen, die ...“ der Bürgermeister holte tief Luft und hob beschwichtigend die Hand, um den folgenden Vorwurf etwas abzumildern, „…die Beziehungen eingefroren haben. Lumena war ein Aussenposten zu Forschungs- und Förderzwecken, den die irdische Gemeinschaft gemeinsam getragen hat und von dem alle gemeinsam profitiert haben. Als Ihre Erde im Krieg versank, forderten unsere ehemaligen „Nationen“ unser aller Rückkehr. Wir entschieden uns, dieses Schlachten nicht zu unterstützen und widmeten unser Leben der Forschung im Namen der gesamten Menschheit und der Menschlichkeit. Wir legten unsere inneren Differenzen ab und widmeten uns dem Fortschritt zum Wohle aller Menschen. Wir sind ausschliesslich diesem einen Ziel verpflichtet. Unsere Gesellschaft revolutionierte unser Leben hier auf dem Mond und ist bereit, auch Ihrem Planeten bei seiner langsamen Heilung auf die Beine zu helfen. Die Kernfusion war ein Geschenk unserer Welt an die Ihre. Ein kleiner Schritt, das gebe ich zu, aber immerhin der erste Schritt zu einem neuen Umgang mit der Natur, die Ihre Bevölkerung so achtlos zerstört hat. Implantationschirurgie, Nano- und Biotechnologie und Quantenspeicher waren allesamt unsere Erfindungen und sie sollten der Menschheit Erleichterung bringen – und nicht Krieg. Ich sage es noch einmal in aller Deutlichkeit, Herr Generalsekretär: Krieg mit Ihnen, mit der Erde, liegt nicht in unserem Interesse.“ Louis Ferraud stützte sich nicht mehr am Schreibtisch ab und beendete seinen Satz mit einer halben Verbeugung, die ihm offensichtlich sehr schwerfiel. Hatte er gerade etwa das Unaussprechliche getan und eine mögliche Auseinandersetzung mit der Erde erwähnt?! Die geringe Mondschwerkraft hatte während der letzten Jahrhunderte ihren sichtbaren Abdruck auf die Körper der Lumener hinterlassen. Knochenbau und Muskelfasern hatten sich erheblich zurückgebildet und den geschwächten lumenischen Körpern machte physische Anstrengung schwer zu schaffen. Anderson Drake lächelte und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

„Bürgermeister, sagen Sie mir eins. Wenn Krieg tatsächlich nicht in Ihrem Interesse liegt, was wir alle hier, mich natürlich eingeschlossen, Ihnen gern glauben möchten, warum kehren Sie dann nicht zur Menschheit zurück und lassen uns gemeinsam in eine helle und friedliche Zukunft schreiten?“ Drake machte eine Pause, beugte sich nach vorn, riss die Augen weit auf und bohrte seinen Blick geradewegs in Louis Ferrauds Seele. „Und warum nur, frage ich mich, registrieren unsere militärischen Sensoren so beunruhigend hohe Strahlungswerte aus dem Keplerkrater? Sagen Sie, mein lieber Bürgermeister, rüsten Sie etwa auf?“

Louis Ferraud schnaufte, schnappte nach Luft und rang nach Fassung.

„Sie meinen... Waffen?“ fragte er sicherheitshalber mit zitternder Stimme noch einmal nach.

„Nun ja – Neutralität, Diplomatie, blablabla... wäre das Streben nach einer militärischen Absicherung dieses Zustandes nicht eine logische Fortsetzung der „wissenschaftlichen“ Gleichung in Ihrem zutiefst separatistischen Gesamtkurs?“ Anderson Drake starrte Ferraud fragend an.

„Mit Verlaub! Wir sind Wissenschaftler, Herr Generalsekretär. Und als solche sind wir auf experimentelle Untersuchungen angewiesen. Was Ihre Sensoren anzeigen, sind Nebenerscheinungen einer Forschung, die mit Krieg, meiner Weltanschauung entsprechend, aber auch nicht das Geringste zu tun hat! Wir produzieren keine Waffen! Frieden und Wohlstand sind unser Ziel, und es sollte Ziel der Menschheit sein, sich daran zu beteiligen. Wir sind kein Feind und sehen in Ihnen ebenso wenig einen...“

„Nun...“, Anderson Drake erhob die Hand und unterbrach den lumenischen Bürgermeister unsanft, „…dann sind wir uns also einig und Ihre sogenannte „Neue Gesellschaft“ dort oben beendet die lächerlichen politischen Aventüren, öffnet den Raumverkehr und überführt die Rohstoffe des Mondes zum Wohle aller! Trommeln Sie Ihren Rat oder was auch immer zusammen und unterbreiten Sie ihm dann unser wohlwollendes Entgegenkommen. Und, werter Herr Bürgermeister, lassen Sie sich nicht zu viel Zeit! Das Treffen von politischen Entscheidungen sollte in einer Kleinstadt wie der Ihren, und sei sie sogar auf dem Mond, nicht länger als eine Woche dauern. Finden Sie nicht?“ Anderson Drake neigte verächtlich den Kopf, grinste hämisch und beendete die Konversation, als die Glasscheibe erlosch.

Louis Ferraud liess sich schweissgebadet und erschöpft in seinen braunen Sessel fallen.

„Bei Kelly, war das gerade ein Ultimatum?“ flüsterte er mit düsterer Miene in die Runde.

Totenstille hatte das Büro des Bürgermeisters erfasst, als Anderson Drake die Kommunikationsverbindung beendet hatte. Er hatte zwar keine direkte Drohung ausgesprochen, doch das musste er auch nicht. Ferraud war zwar kein geborener Politiker, aber mittlerweile schon so lange im Amt, dass er ein Ultimatum auch so erkennen konnte. Die Lage war plötzlich ernst geworden – verdammt ernst.

„Chan,“ sagte Ferraud nach einigen Sekunden, „welche Optionen haben wir?“

„Schwer zu sagen, Herr Bürgermeister!“ antwortete Chan Lu Xung, Leiter der Skylabs – dem Thinktank Lumenas und Ferraud’s engster Vertrauter. „Allem Anschein nach müssen wir uns auf ein vorübergehendes diplomatisches Tauziehen einlassen. Anderson Drake hat uns in der Hand – ob es uns gefällt oder nicht. Das Wasser fällt hier ja nicht gerade vom Himmel. Er hat zwar nicht direkt mit Konsequenzen gedroht, doch dürfte uns sein bevorzugtes Druckmittel auch so hinreichend bekannt sein. Er kann nach Belieben Forderungen stellen, denn praktisch die gesamte Erdbevölkerung steht hinter ihm. Für die da unten sind wir hier ja eh alle eine Meute von Verrätern, Kriegstreibern und Separatisten.“ Chan Lu Xung machte eine kurze Pause, musterte das Gesicht des Bürgermeisters und fuhr fort, als dieser zustimmend nickte. „Drakes einzige Möglichkeit, seine Forderungen zu erzwingen, ist, uns hier alle verdursten zu lassen. Aber ich denke nicht, dass er so weit gehen wird. Ich bezweifle, dass es ihm gelungen ist, das irdische Militär komplett auf seine Seite zu ziehen. Nicht innerhalb dieser kurzen Zeit und nicht nach einem so langen Krieg. Wäre dem so, hätte er nicht gezögert und hätte seiner Frist für die Entscheidung eine Drohung nachgeschoben. Es muss einen Grund für seine relative Zurückhaltung geben. Ich glaube, dass er noch nicht im Stande ist, militärisch gegen uns vorzugehen. Jedoch bin ich davon überzeugt, dass er versuchen wird, dies sehr schnell zu ändern. In der Zwischenzeit werden wir wohl oder übel überprüfen müssen, wie... biegsam unsere Diplomatie in dieser Krise sein kann.“

„Wie, schätzen Sie, wird er in einem halben Jahr dastehen?“ bohrte Ferraud weiter.

„Das ist schwer zu sagen, Bürgermeister. Er wird sicherlich nicht ruhen, bis unsere Souveränität der Vergangenheit angehört. Anders lässt sich sein Verhalten kaum deuten – und so etwas wie Kompromissbereitschaft konnte ich nicht heraushören. Er wird alle Hebel in Gang setzen und versuchen, so schnell wie möglich einen Weg zu finden, uns militärisch oder wirtschaftlich zu treffen, wobei ich eher Letzteres vermute. Wir sollten verhandeln.“ Xung schaute in die Runde, fast so, als ob er die Wirkung seiner Aussage beurteilen wollte. Doch ausser Bürgermeister Ferraud reagierte niemand. Ilian Wakeman schaute immer noch mit leeren Augen vor sich hin und genoss seine virtuelle Auszeit, während Nils Forbergs Blick zwischen Xung und dem Bürgermeister hin und her wechselte, ganz so, als würde er gerade das diesjährige Halbfinale der lumenischen Zero-G-Squash-Liga verfolgen.

„Verhandeln? Zu welchem Preis? Mit welchem Ziel? Bis wir all unsere Ideale eingebüsst haben?“ Ferrauds Stimme überschlug sich. „Das werde ich nicht zulassen. Defätismus ist die Flucht der Schwachen vor der eigenen Verantwortung! Lumena ist unser aller Kind – über 300 Jahre haben wir alle daran geglaubt und unser aller Leben dieser Stadt und ihrem Wohlergehen gewidmet. Unser Handeln dient der Menschheit als Ganzes, unsere Erfindungen und unsere Arbeit kommen allen zugute – hier und dort!“ Ferraud streckte die Hand aus und deutete auf die Erde, die durch die Panzerglasfenster seines Büros deutlich am dunklen Mondfirmament zu sehen war. Ein zartes blaues Licht, über den südlichen Hängen des Kopernikuswalls schwebend – und der einzige Farbklecks im sonst so schwarzen Himmel über Lumena. „Anderson Drake ist ein wildgewordener Technokrat und eine ungeheuerliche Bedrohung. Er hetzt den gesamten Planeten gegen uns auf – für Energie!“ Ferraud hatte sich wieder aufgerichtet und gestikulierte wild, ohne es zu merken. Er schwitzte stark, denn jede Bewegung kostete ihn eine Menge Anstrengung.

„Energie, die wir haben und er nicht.“ Xung lächelte verstohlen, als er den Bürgermeister unterbrach. Und Ferraud verstand die Andeutung nur allzu gut.

„Die Lieferungen einstellen? Das meinen Sie doch, Xung? Oh nein, Xung. Wir sind nicht wie die da! Und ich bin nicht Drake! Ich werde nicht den Energiehahn zudrehen, denn so treffen wir nicht nur Anderson Drake und seine Bande – wir treffen die gesamte Erde. Wir machen sie wirklich zur Geisel einer uns aufgezwungenen Politik. Ich kann so etwas nicht unterstützen! Könnten Sie das verantworten, Xung? Könnten Sie das wirklich?“

„Dann wird es über kurz oder lang eine Auseinandersetzung geben, fürchte ich. Wirtschaftlich oder ... militärisch…“, sagte Lu Xung nachdenklich, aber betont und kratzte sich dabei am Hinterkopf, so wie er es immer tat.

Nils Forbergs Hand ergriff nun den holografischen Handbildschirm, der die ganze Zeit über auf dem kleinen hohen Glastisch neben seinem Sessel gelegen hatte, legte ihn auf den Schreibtisch des Bürgermeisters und schob ihn mit Bedacht und angehobenen Augenbrauen nach vorne. Dieser schaute misstrauisch auf das Objekt, dessen schwarzer Plasmabildschirm in der Mitte durch eine leuchtend grüne, elektronische Schrift durchschnitten wurde, die hastig im Sekundentakt blinkte. „Oneiros ... Oneiros ... Oneiros“.

„Aber, aber! Krieg ist doch keine Option, meine Herren“, sagte Nils Forberg in seinem typisch belehrenden Ton, während er sich, an der Armlehne stützend, von seinem Sessel erhob. „Wir alle sind erwachsene Menschen – und keine Kinder, die sich im Sandkasten um einen Plastikeimer prügeln. Womit wollen Sie denn überhaupt Krieg führen, Xung?“ Forberg wandte sich zum Skylabs-Funktionär. „Mit Ihrem Bleistift und Ihrem Taschencomputer? Von Ihrem Laboratorium aus? Sie können doch nicht allen Ernstes in Betracht ziehen, den Energiestecker zu ziehen und gegen die Erde in den Krieg zu marschieren? Unsere Gesellschaft befindet sich bedauerlicherweise in der Zwickmühle. Anderson Drakes Forderungen sind natürlich vollkommen inakzeptabel, andererseits können wir uns auch nicht zur Wehr setzen, ohne die letzte Grenze zu überschreiten. Ich bezweifle sehr, dass Sie, lieber Xung, auch nur eine einzige Person auf Lumena finden werden, die sich von der Unumgänglichkeit eines Krieges mit der Erde überzeugen lässt – und sei es nur ein Handelskrieg und keine eigentliche militärische Operation. Und dem Stopp der Helium-3-Lieferungen würde sowieso ebenfalls niemand zustimmen.“ Forberg wandte seinen angestrengten Blick nun zum Bürgermeister. „Bürgermeister Ferraud, ich glaube, wir können den Frieden bewahren, wenn wir einen, sagen wir … unkonventionelleren Weg einschlagen. Es ist zwar riskant und wird vom Senat womöglich nicht einmal in Erwägung gezogen werden, ich glaube aber dennoch, dass Risiken dazu da sind, um dann auf sie einzugehen, wenn alle anderen Stricke reissen. Ich bitte Sie inständig – sehen Sie sich meinen Vorschlag an!“

Louis Ferraud und Lu Xung starrten Forberg an, während Ilian Wakeman die Verbindung mit dem Datennexus unterbrach, die Arme ausstreckte, kurz gähnte und eine bequemere Haltung einnahm.

„Unkonventionell?“ blickte der Bürgermeister den Forschergildenprimus voller Misstrauen und Sorge an. Nils Forbergs Moment war gekommen.

* * *

Das Tal innerhalb des Kopernikuskraters erstreckte sich fast bis zum Horizont. In jede Richtung, in die man blickte, konnte man den Kraterwall sehen, der sich in weiter Ferne majestätisch erhob und nahezu vier Kilometer in den schwarzen Mondhimmel hinaufragte. Inmitten des ausgedehnten Kraterbeckens dominierten der K/S-Gipfel mit seinen beiden Ausläufern Popov und N’Gue das Bergmassiv, das den Kratergrund durchzog und in zwei separate geografische Einheiten aufteilte, denen jedoch nicht die Ehre zuteilwurde, einen Namen aus dem Pantheon der lumenischen Gründerväter und –mütter zu tragen. Sie wurden schlichtweg lumenisches Nord- und Südtal genannt. Der flachere Norden hatte als Landeplatz für Luna 1 gedient und war nun, drei Jahrhunderte später, grösstenteils von ineinander verschachtelten Bauwerken bedeckt, die die Grosse Kuppel umspannten. Aus dieser ragten in alle Himmelsrichtungen breite Tunnelröhren, die den Verkehr zu den anderen lumenischen Stadtteilen innerhalb des Kraters führten oder weiter in Richtung des Kraterwalls strebten. Sie durchbohrten diesen, stiegen leicht an und zogen in die flachere Mondlandschaft ausserhalb des Kratertals gerade Schneisen, entlang derer immer neuere Siedlungsgebiete entstanden. Der steinigere und unregelmässige Boden des Südtales war nur hier und da von Solarzellenfeldern bedeckt, die wiederum an nahe gelegene Produktionsstätten angeschlossen waren, um die lumenischen Bürger mit Nahrung zu versorgen und den steigenden Bedürfnissen einer rasant wachsenden Menschengesellschaft gerecht zu werden.

Unfern des nördlichen Randes der Grossen Kuppel, nahe des Fusses des Kraterwalls, ging in einem fensterlosen, kleinen und gewöhnlichen, aber durchaus funktional eingerichteten Einpersonenzimmer das Licht an. Gedämpfte Musik ertönte, wie jeden Morgen, als Ilian Wakeman die Augen öffnete und die Zeit abrief. Eine sanfte weibliche Stimme antwortete sogleich:

„Sieben Uhr, dreissig Minuten, Ilian – wie jeden Morgen, wenn du aufstehst.“

„Ja, ja...“ murmelte Ilian vor sich hin, schlüpfte aus dem Bett, streckte sich gemächlich und schlürfte noch schlaftrunken in das Badezimmer. Nun, eigentlich tat er lediglich zwei Schritte zu seiner Rechten, und schon befand er sich mitten in einer Nische, die ihm als Hygienezelle diente. Nach einer schnellen Schalldusche und einem mehr als improvisierten Frühstück, das aus einem angebissenen Stück Brot vom Vorabend und einer halbleeren Tasse kalter, kaffeeähnlicher Substanz bestand, zog sich Ilian an. Er verliess den Raum in Eile und lief bereits zum Aufzug, während die Gleittür hinter ihm zufiel und den Schliessmechanismus für seine sprechende Wohnung aktivierte. Er straffte seine Uniform so gut er konnte und rückte den silbernen Anstecker, der ihn als Mitglied der Sicherheitskräfte Lumenas auswies und an seinem Revers hing, in die korrekte Position, sodass das über eine Feder gekreuzte Kurzschwert auf dem kraterübersäten Mondprofil wieder nach oben zeigte und die Schrift auf der kleinen Plakette unterhalb des stilisierten Abzeichens leserlich wurde: „IAI – In Affectatio Iunctim“ – „Im Streben vereint“. Wortlos betrat er den Lift, der ihm an diesem Morgen besonders überfüllt erschien und zudem irgendwie unangenehm roch. Nun, an ihm konnte es nicht liegen – geschallduscht hatte er ja, auch wenn diese Art der Körperpflege keinesfalls mit einer richtigen Wasserdusche mithalten konnte. In drei Tagen würde er wieder in den Genuss eines ausgiebigen Bades kommen, und er freute sich schon seit zwei Wochen darauf. Ilian zog seinen Personaldatenpad aus der Brusttasche und scrollte durch den heutigen Terminplan: 08:00 Sitzung im Diensthaus mit Forberg („dürfte knapp werden“, dachte Ilian), 10:30 Tagung des Senats, 10:30 Trainingsflug. Der letzte Eintrag enthielt die gleiche Zeitangabe wie der Vorletzte. Irgendetwas muss wohl durcheinandergekommen sein, dachte Ilian. Die heutige Senatssitzung würde eh lange dauern, wenn man die gestrigen Entwicklungen bedachte, von denen Ilian im Büro des Bürgermeisters Zeuge geworden war. Er könnte immer noch später zum Senat stossen, ohne unbedingt viel zu verpassen. Ihm konnte es nur recht sein. Es sollte endlich losgehen mit „Oneiros“ – ein bisschen Action konnte er nur allzu gut gebrauchen, und allem Anschein nach würde es bald tatsächlich so weit sein. Er konnte es kaum erwarten, den neuen Guardiangleiter zu fliegen und die Motorleistungskraft zu testen, von der der Doc die letzten Wochen und Monate immer wieder vorgeschwärmt hatte. Ilian schloss die Augen, fokussierte seine Gedanken, konzentrierte sich und aktivierte den synaptischen Sensor, der wenige Millimeter unter seiner Kopfhaut entlang des Mittelscheitels an seinem Kortex angeschlossen war. Indem sein Gedankenstrom die notwendige Information an seine Nervenenden weitergab, lösten diese den winzigen elektrischen Impuls aus, der den Entrychip aktivierte.

Ilian tauchte in den lumenischen Datennexus ein.

Die enge, stinkige Liftkabine fiel auseinander und löste sich auf.

Der Nexus trug nicht umsonst diesen Namen. Ilian tauchte in einen Nebel ein, in ein undurchsichtiges Gebilde aus grösseren und kleineren Informationsansammlungen, die durch unzählige feine virtuelle Datenverbindungen verknüpft waren. Entlang dieser glitten Datenpakete unterschiedlicher Grösse wie Wasserperlen an den Fäden eines zarten Spinnennetzes umher. Er selbst hatte keinen Körper mehr. Sein Bewusstsein schwebte völlig frei in diesem simulierten Raum. Ilian genoss die Zeit im Datennexus. Er war zwar noch nicht vollkommen ausgereift, weswegen seine Benutzung noch erheblichen Restriktionen unterworfen war, doch dieses Gefühl des Schwebens, der physikalischen und biologischen Grenzenlosigkeit, die das Bedienungsinterface seinem User vorgaukelte, sobald man seinen Geist in das Informationssystem transferiert hatte, war einfach unbeschreiblich. Ilian hatte als Mitglied von IAI die volle Nutzungsbefugnis, und seit er das erste Mal mit dieser neuen Welt verschmolzen war, vermisste er die „alten Kommunikationsmöglichkeiten“ mittels Touchscreens, Scrolling, Searchbars, Kommunikatoren und dem übrigen Technikzeug kein einziges Mal mehr. Der Nexus war nicht nur ein technologischer Sprung nach vorn, wie die Entwickler und Tester der Skylabs oft behaupteten; er würde Lumena von Grund auf revolutionieren, sobald er einmal die Testphase hinter sich gebracht hatte und der Zivilbevölkerung zugänglich gemacht würde. Die Möglichkeit der Gedankenkommunikation liess jetzt schon alle beteiligten Wissenschaftler vor freudiger Erwartung jauchzen.

Ilian buchte schnell eine Kabine im Zero-G-Center in den südlichen Aussenbezirken von Central Lumena, informierte sich über seine aktuelle Flugroute, konsultierte den genauen IAI-Einsatzplan der nächsten Tage und schickte sich an, den Nexus zu verlassen. Gerne hätte er noch länger im Nexus verweilt, doch die Zeit lief ihm davon, und er musste sich schleunigst beeilen. Später vielleicht…

Es war früh am Morgen, als der Lift seine Menschenfracht ins Freie spie, und der nordwestliche Wall des Kopernikuskraters warf bereits lange Schatten auf einen Grossteil der Strukturen in seiner Nähe. Die lange Nacht kündigte sich an, und Ilian schaute hinauf, um sein Gesicht noch einmal im Sonnenschein zu baden. Am Abend würde die ganze Stadt bereits im Schatten liegen. Es war heiss in den Biosphären rund um die grosse Kuppel. Die Temperaturregler Lumenas kühlten zwar mit voller Leistung, dennoch konnte man die sengende Sonnenhitze unter den Halbkugeln aus Panzerglas spüren. Seit zwei Wochen lag die Aussentemperatur nun schon bei mehr als 100 °C. Heute setzte endlich die langerwartete Dämmerung ein. Und mit ihr die Umstellung des künstlichen Klimas…

Ilian verfluchte den bescheuerten Zentralcomputer von IAI, der es irgendwie fertigbrachte, ihm immer die unangenehmsten Trainingsflüge zuzuordnen. Es waren jedes Mal die langweiligsten Abschnitte von allen – nach Gambart, dann in Richtung Keplerkrater, gefolgt von einem kurzen Flug über die Grosse Kuppel von Lumena und wieder zurück zum Raumhafen. Wenn der Nexus einmal vollumfänglich laufen würde, dann wäre es aus mit den eigenwilligen Zuteilungen des IAI-Zentralcomputers – so dachte Ilian zumindest. Er würde das Betriebssystem hacken und einen Überbrückungsbefehl erteilen. Nie wieder würde er in der Tagesshitze Trainingsflüge über diese öde Strecke absolvieren müssen. Vielleicht würde er erwischt werden, vielleicht aber auch nicht – wer sollte schon in der Lage sein, Gehirnströme zurückzuverfolgen, wenn sich diese innerhalb einer virtuellen Realität manifestierten? Ilian grinste breit, als er Starplaza betrat und in Gedanken mit 7G den Particle Freeway entlang bretterte, dabei kunstvolle Schleifen bei Höchstgeschwindigkeit um dessen magnetische Stützpfeiler drehte.

Starplaza, der grösste öffentliche Platz Lumenas, hatte rund 500 Meter Durchmesser. Nahezu jeder Zentimeter war in der morgendlichen Rushhour von Menschen besetzt, die über den zentralen, lumenischen Verkehrsknotenpunkt in alle Ecken der Stadt strömten. Ilian nahm die Maglev 9 in Richtung Marktquartier, wo er auf die Rapid 2 umstieg und so in weniger als 10 Minuten zum Aussenbezirk Beta 3 gelangte. Das Diensthaus befand sich etwas ausserhalb der Luftschleuse dieses Stadtteils, was einen kurzen Aussenspaziergang notwendig machte. Doch der Sicherheitsabstand zur Siedlung war notwendig.

Ilian erschauderte bei dem Gedanken an die „Gruft“, während er seinen Walker anlegte und zum Diensthaus hinüber schielte. Das Gebäude war gerade mal ein paar Jahre alt, sah aber inzwischen so aus, als stamme es noch aus der lumenischen Gründerzeit. Das Diensthaus war das einzige lumenische Gebäude, das ausserhalb einer Biosphäre errichtet worden war und durfte im Vakuum eigentlich keine bedeutenden Erosionsspuren aufweisen. Trotzdem waren an den Aussenwänden des fensterlosen Baus feinste Risse zu erkennen…

Vor 5 Jahren hatte man bei der geplanten Erweiterung des lumenischen Aussenrings Alpha um den neuen Beta-Wohnkomplex einen höchst seltsamen Fund gemacht. Die Bautrupps waren bei der Fundamentguss-Giessung auf eine kleine Kammer nahe der Mondoberfläche gestossen. Bald stellte sich heraus, dass es sich nicht wirklich um eine Kammer handelte, sondern vielmehr um einen natürlichen Hohlraum im Mondgestein. Als man mit der Arbeit fortfahren wollte, bemerkte einer der Bauarbeiter ein mattes Leuchten am Grund des Loches und benachrichtigte den nächsten IAI-Wachmann. Dieser Wachmann war Ilian gewesen.

Die knittrige Membran des Walkers hatte nur einige Sekunden gebraucht, um sich an Ilians Körpertemperatur anzupassen. Durch den Wärmereiz verschmolz der Nanostoff mit Ilians Uniform und legte sich wie ein unsichtbarer Schutzfilm über seine Kleidung. Die Moleküle verbanden sich zu einem stabilen, isolierenden Gitter und schützten den Träger so perfekt vor dem Vakuum und der immensen Strahlung auf der Mondoberfläche ausserhalb der Biosphären. Ilian legte die Maske an und atmete die kühle, frische Luft des Sauerstoffsystems ein. Er gab den IAI-Sicherheitscode in die Wandkonsole ein und betrat die Luftschleuse. Mit einem Zischen senkte sich die Schleusentür hinter ihm und rastete in die Fassung ein. Ein weiteres Zischen kündigte den Druckausgleich an, als die Luft aus dem Zwischenraum gepumpt wurde und sich die Ausgangsluke öffnete. Ilian trat ins Freie. Die Silhouette des Diensthauses schimmerte einige Klicks entfernt in westlicher Richtung.

Als Ilian in die Hocke ging, um sich das Erdloch aus der Nähe anzusehen und versuchte, den aufgeregten Bauarbeiter zu beruhigen, vernahm auch er ein fahles, bläuliches Licht aus der Tiefe, das keinen Ursprung zu haben schien – keine hellere Quelle war zu sehen, die es austrahlen konnte, und kein zentraler Lichtpunkt, an dem man die ungefähre Position des Ausgangspunkts für das Licht hätte ausmachen können. Ilian beschloss, die vorübergehende Räumung der Baustelle und verfasste einen entsprechenden Bericht. Binnen Stunden war der gesamte Bauprozess auf unbestimmte Dauer zum Erliegen gekommen. Das Gebiet wurde weiträumig abgesperrt, und als einige Wissenschaftler aus den Sky Labs mit ihren typischen und silbern schimmernden Tuniken auftauchten, war das Chaos unter der provisorischen Baukuppel komplett. Die Biosphären von Aussenbezirk Alpha füllten sich mit Menschen, die sich um die Sichtfenster und Panoramascheiben tummelten und ihre Gesichter gegen das Panzerglas pressten, um einen Blick auf das Wirrwarr zu erhaschen. Ein volles Dutzend Guardiangleiter schwirrte über den schweren Greifmaschinen umher, die aufgefahren wurden, um die Bergung des seltsamen leuchtenden Objektes in der Höhle in Angriff zu nehmen.

Das Diensthaus war jetzt nur noch einige hundert Meter entfernt. Ilian hüpfte in gleichmässigen Sätzen über die Mondoberfläche und atmete rhythmisch. Lieber hätte er seinen Guardiangleiter genommen – doch die Vorschriften erforderten eine streng kontrollierte Annäherung ohne technische Fortbewegungsmittel. Er verringerte seine Geschwindigkeit, um wegen der Fliehkraft nicht am Terminal für die elektrische Sperre vorbeizuhüpfen. Er beendete den letzten Sprung, indem er sich übermütig leicht zur Seite drehte, seine Beine ausstreckte und seine Stiefel in den Mondkies bohrte, was zur Folge hatte, dass er einige Zentimeter über die Mondoberfläche rutschte. Nur etwas weiter und er wäre in seine Bestandteile zerlegt worden. Sein Herz raste! War das ein neuer Knappheitsrekord? Die aufgewirbelten Staub- und Sandwolken verbrannten augenblicklich über dem dünnen Sensorband, das das Diensthaus weiträumig umgab. Tausende kleiner Funken desintegrierten jegliche Materie in der unsichtbaren Barriere, die die Sensoren senkrecht einige Dutzend Meter in die Höhe projizierten. Das war Ilians höchstpersönliches allmorgendliches Minifeuerwerk zum Tagesauftakt. Er wartete etwas, bis der Staub verflogen war, ging in die Hocke und begutachtete seine Gleitspur. Verdammt! Gestern war ich knapper dran, dachte Ilian, als die Digitaluhr in sein Schutzvisier eingeblendet wurde und mit einem sehr unangenehmen und gar nicht dezenten Geräusch die Zeit anzeigte. Verdammt noch mal, fluchte er erneut, ich bin zu spät!

Nach einigen Tagen war die eingesetzte Kommission frustriert zum Schluss gekommen, dass eine Bergung vorerst nicht in Frage kam. Kontaminationsvorschriften mussten beachtet und das Gefahrenpotential der „sphaera lumena“, wie das Objekt in der Forschergilde fortan genannt wurde, fundiert eingeschätzt werden. Die öffentliche Aufregung legte sich schnell, als der lumenische Informationsdienst beschwichtigende Meldungen herausgab und das Leben in der Mondstadt wieder seinen gewohnten Lauf nahm. Einige Wochen später stand das Diensthaus an der entsprechenden Stelle. Niemand redete mehr über den Fund, der nun im Untergeschoss von Ilians Arbeitsstelle unter Verschluss stand. Nach einigen Wochen allergründlichster Untersuchungen durch die lumenische Forschungsgilde hatte Primus Nils Forberg die Bergung von Objekt „SL“ angeordnet, obwohl noch immer unklar war, worum es sich dabei eigentlich handelte. Die Scans hatten keinerlei physische Struktur angezeigt, Biosensoren versagten ebenfalls den Dienst, und der Vektorentest verwirrte den Analyseprozessor, der bis dato jede komplexe Berechnung in mindestens elf mathematischen Dimensionen binnen weniger Minuten gemeistert hatte. Und trotz des erstarkenden Leuchtens der Sphaera war keine gefährliche Strahlung und auch keine sonstige Wärmeabgabe registriert worden – einfach nichts. Nach Tagen und Wochen wusste man genau so viel wie zu Beginn der Untersuchungen. Mit einer einzigen faszinierenden Ausnahme. Zuerst flackerten nur Lichter, dann ein Kurzschluss hier und da – nichts Aussergewöhnliches für die Biosphären ausserhalb des Kopernikuskraters oder an dessen Randbezirken, jedoch vollkommen aussergewöhnlich für den Inner Circle Lumenas und absolut skandalös für die Konstrukte der Skylabs, zu denen auch das Diensthaus gehörte. Die Skylabs hatten die unterirdische Forschungsstation des Diensthauses nach dem letzten Stand der Technik eingerichtet und zusammen mit der Forschergilde seit ihrer Inbetriebnahme geleitet. Die Skylabs, die an vorderster Front des lumenischen Fortschritts standen – Erfinder des Strahlenschutzschildes, des Particle Freeway, Entwickler der Nanotextilien, ohne die ein unbeschwerlicher Mondausflug im Nanowalker ausserhalb der Biosphären nicht möglich wäre, Schöpfer eben jener Biosphären, Masterminds hinter dem noch strenggeheimen Datennexus, Väter von Big Eye und Grundpfeiler von ... einfach allem auf Lumena, konnten die drängendsten Fragen in Bezug auf die Sphaera nicht beantworten. Und die Gezeitenwirkung der Sphaera wurde stärker und stärker.

Nachdem Ilian den Sicherheitscode eingegeben, die Energiebarriere passiert und den restlichen Abstand zur Luftschleuse des Diensthauses hinter sich gelassen hatte, blickte er noch einmal zurück zu den Aussenbezirken von Beta-3, drehte sich wieder um, öffnete die Schleusentür und konsultierte erneut die digitale Zeitanzeige des Walkers an seinem rechten Unterarm. Es war genau 8 Uhr 10. Auf der anderen Seite der Panzertüren konnte er Forbergs grinsendes Gesicht durch die Sichtluke sehen, der ihn schon ungeduldig erwartete.

2

EVOLUTION

Gott, gib uns die Gnade, mit Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die sich nicht ändern lassen, den Mut, Dinge zu ändern, die geändert werden sollten, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden

REINHOLD NIEBUHR (1892 – 1971)

Der Wind pfiff durch die dürren Äste des Baumes, der früher einmal eine recht beeindruckende Buche gewesen sein musste. Jetzt stand er wie ein toter Wächter neben der Eingangsrampe des Hauptsitzes der Neuen Föderation und fristete sein Dasein als stiller Zeuge von Krieg und Verwüstung. Seine toten Äste krächzten und knackten. Den wenigen Besuchern des Komplexes galt der Baum als Abbild der Sackgasse, in die sich die Menschheit in ihrem Streben nach Reichtum und Macht hineinmanövriert hatte. Genauso tot wie der Baum waren auch das umliegende Land, die Hügel und die hässliche, trockene Wüste, die früher einmal als Guéret bekannt war. Dabei hatte der Lange Krieg hier nicht einmal direkt gewütet...

In der Anfangszeit der globalen Welt hatte es lange gedauert, bis die Mächtigen realisiert hatten, dass nicht nur Politik und Wirtschaft globale Auswirkungen hatten, sondern vor allem auch der Klimawandel. Den ersten Anzeichen für die sich abzeichnende Klimakatastrophe begegneten nur wenige mit Bedenken. Wärmere Sommer waren in Zeiten allgemein sinkender Lebensstandards zynischerweise eine willkommene und vor allem billigere Alternative zu teuren Karibikferien und Badeurlauben am anderen Ende der Welt. Kältere Winter waren zwar unangenehm, doch mit der Aussicht auf tropisches Juliwetter durchaus verschmerzbar. Warnende Hinweise wurden mit Argumenten zerstreut, dass Klimafluktuationen schon vor der Zeit der Menschen die Erdengeschichte begleitet hätten und sich daran wahrscheinlich auch lange nach dem letzten menschlichen Atemzug nichts ändern würde. Ausgetrocknete Flussbetten, kahle Landstriche und sengende Hitze konnten aber nicht ewig aus dem kollektiven Weltbild verdrängt werden. Und dann brach ein letzter Krieg um die lebensnotwendigen Rohstoffe aus. Doch handelte es sich hierbei nicht um volle Flüsse oder Seen mit klarem Trinkwasser oder um fruchtbares Land, das Durst und Hunger stillen konnte, sondern um Kadaver von Lebewesen, deren Überreste in Form von schwarzer, klebriger Brühe und schwarzen Steinen gewaltsam ihrem Erdengrab entrissen und den ständig steigenden Bedürfnissen ignoranter, als „modern“ betitelter Gesellschaften zugeführt wurden. Immer schneller, immer „moderner“ wurde das Leben; immer höher strebte der Mensch und fiel dabei tiefer, immer tiefer.

Anderson Drake war wahrhaftig ein geduldiger Mensch. Und nicht nur das. Darüber hinaus besass er eine Gabe, die all seine wenigen Nachteile mehr als nur wettmachte und in seinem tiefsten Inneren als Motor für seinen kometenhaften Aufstieg gedient hatte. Seine alte, schwache und durch Krieg in Mitleidenschaft gezogene körperliche Hülle war ein Käfig für die lodernde Flamme seiner Seele. Krank und schwach war er äusserlich, ungestüm und wild in seinem tiefsten Innern. Sein von radioaktivem Fallout und Dutzenden von Kriegsverletzungen zerklüfteter Körper schmerzte bei jeder Bewegung; ja, jeder Atemzug, den er begierig durch den Lungenstimulator einsog, war für ihn ein perverses Geschenk – ein Geschenk von Maschinen, die Schmerzen lindern sollten, die Menschen sich auf die ein oder andere Weise mit anderen Maschinen selbst zugefügt hatten.

Genauso wie sein Körper kannte auch seine Seele Leid. Seine Seele war aber nicht nur der einzige Zufluchtsort vor einer grausamen und nicht sehr lebenswerten Welt, sondern trug nicht nur tiefe Narben endloser Entbehrung, sondern war gleichzeitig ein dunkler und unergründlicher Schlund, gezeichnet von der Machtlosigkeit und Verzweiflung der vergangenen Jahrzehnte, geprägt von Verlust und Aussichtslosigkeit angesichts des viehischen Mordens und Schlachtens im Langen Krieg, lüsternd nach der gestalterischen Fähigkeit, die mit seiner nun gefestigten Position innerhalb der Neuen Föderation einherging und gleichzeitig Heimat seines neuen Konzeptes für die Zukunft der gesamten Menschheit. Und er konnte mit seiner Seele die Vergangenheit verstehen, die Gegenwart lenken und die Zukunft sehen.

Anderson Drake legte das Buch aus der Hand, in dem er stundenlang gelesen hatte, und starrte, vorbei am dürren Baumstumpf, eine Weile in die tote Welt hinaus. Es war eine Ironie, dass eine helle Idee einen sterbenden Körper als Überbringer wählt, dachte er. Eine durch und durch perverse Ironie.

„Hab' ich doch auch Halbgötter und ländliche Mächte, die Nymphen,

Faune und Satyrvolk und Silvane, die Bergbewohner:

Diese, von uns noch nicht zu der Ehre des Himmels erhoben,

Sollten zum wenigsten frei die beschiedene Erde bewohnen.

Glaubt ihr aber genug, ihr Himmlischen, jene gesichert,

Da mir, der ja den Blitz, der euch stark hält in den Händen,

Lauernde Fallen gestellt der berüchtigte rohe Lykaon?”

OVID: „METAMORPHOSEN“

Wenn es dem Menschen am Ende seines Lebens beschieden ist, Einsicht in nur eine einzige universelle Wahrheit zu erhalten, so hat er wahrhaftig alles gesehen. Und wenn das Schicksal diesen auserwählten Menschen schrankenlos in eine Welt hineingebiert, die nach einer Wahrheit sucht, so wird dieser Mensch diese Welt nehmen und gestalten, so wie es ihm beliebt und so wie er es für richtig hält. Und wenn zu dieser Welt ein Mond gehören sollte, so würde er auch diesen entweder umarmen oder rücksichtslos zerschmettern. Körper sind nichts, Materie ist schwach. Der gegenwärtige Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, nicht Endglied einer Entwicklung, sondern bestenfalls Zwischenstation. Zu lange verweilte der Geist bereits in diesem Abschnitt der Existenz – kraftlos und schwach und an körperliche Grenzen gebunden, an eine Heimat, die keine Zukunft mehr hatte.

Aber irgendwann nicht mehr… Anderson Drake verzog sein Gesicht zu etwas, was einem Lächeln ähnlich sah.

Der Mensch war bisher selbstzerstörerisch gewesen, unherausgefordert, verweichlicht, kläglich versagend, Herr seiner Selbst und seiner Instinkte zu werden. Damit wird Schluss sein! Und ist es nicht schliesslich auch “Gottes Wille”, dass der Geist die Zeit überwindet, bis alle Materie im Universum sich in Geist verwandelt? Die tote Welt dort draussen würde nicht die einzige Hinterlassenschaft der Menschheit an ein leeres und unerforschtes Universum sein. Ein Universum, das darauf wartete, genommen zu werden. Ein Universum der unendlichen Möglichkeiten, der unendlichen Visionen.

„Denn, wie grimmig der Feind auch war, doch ruhte auf einem Haufen allein und einem Geschlecht die erhobene Fehde. Jetzt muss ich, soweit rings Nereus rauscht um den Erdkreis, weih’n dem Verderb das Menschengeschlecht. Bei den Fluten der Tiefe schwör' ich, die unter der Erd' hingleiten im stygischen Haine. Erst sei alles versucht, doch die nimmer zu heilende Wunde muss ausschneiden der Stahl, dass nicht das Gesunde verderbe.”

OVID: „METAMORPHOSEN“

Lumena.

Anderson Drakes Gesicht verfinsterte sich, Gedanken tobten in seinem Schädel, dass es fast schmerzte. Lumena! Verlorene Kinder waren sie. Verloren und verwirrt. Ihr Verrat war irrational und nur mit Verblendung zu erklären. Doch Verblendung war menschlich. Durch nichts anderes war es schliesslich auch zum Langen Krieg gekommen. Geblendet von egoistischen Bestrebungen und kleinlichem Verlangen nach wie auch immer gearteter Bedeutung hatten sich die Menschen in den eigenen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Fäden heillos verstrickt und schlussendlich einander ausgeliefert. Und wieder hatte sich die Ambivalenz des Menschlichen gezeigt – der unüberwindbare, uralte, angeborene Zerstörungsdrang, der immer den Aufstieg der Menschen begleitet hatte. Jeder Höhepunkt der Geschichte war blutig erklommen worden. Jeder Triumph der Menschheit wurde mit unsäglichem Leid bezahlt… So war es immer gewesen.

Und alles hatte nur zu diesem einen Punkt geführt.

Am Ende der Geschichte stand die Entzweiung dessen, was zusammengehörte. Aber Bürgermeister Louis Ferraud war nicht Lumena. Noch war es nicht so weit, dass auch Terras kleine Schwester mit einer einzigen Stimme sprechen konnte. Anderson Drake würde warten. Und dann würde Lumena von ganz allein zu ihm kommen. Denn hatte nicht bereits Jean de la Fontaine einmal gesagt: „Man muss sich gegenseitig helfen, das ist ein Naturgesetz.“ Und bei Gott, Anderson Drake hatte ausführlich und umfassend nachgeholfen.

Drake war am Gipfel seiner Macht angekommen. Der Krieg war vorbei – er selbst hatte die Einheit auf dem Planeten wiederhergestellt, das Jahrhundertemorden beendet und endlich jene gestalterischen Freiheiten erlangt, von denen er schon immer geträumt hatte. Er würde die Menschheit in die Zukunft führen – mit oder ohne Lumena, aber auf jeden Fall auf der Grundlage des vollen Rohstoffzugriffs auf die Reserven des Mondes. Der Mond sollte die Geburtsstätte einer Neuen Menschheit werden, so wie sie Anderson Drake herbeisehnte. Aber auch er sollte bestenfalls als Zwischenstation dienen, als Labor für die Saat des Neuen Menschen im Universum.

Eine Menschheit, die in unendlicher Diversität vereint war.