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Sex mit dem Ex ist peinlich, dumm und einfach etwas, was sich nicht gehört? Er kann aber auch herrlich, lustig und befreiend sein. In dieser Anthologie berichten Deutschlands lustigste Erotikautorinnen von ihren Popp-Erlebnissen mit dem Ex. Dabei nehmen sie weder ein Blatt vor den Mund, noch verschweigen sie ihre eigenen Fehltritt und lassen auch kein Fettnäpfchen aus.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ex & Popp
Küsse nie den Ex
erotische Anthologie
ELYSION-BOOKS
1. Auflage: April 2020
eBook; 1. Auflage: April 2020
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2020 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de
LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
ISBN (gedrucktes Buch) 978-3-96000-077-8
Valerie Puschner
»Bin ich die Erste?« Im Lichtspielhaus Milano ist das eine berechtigte Frage. Obwohl das kleine Kino in ihren Augen eine Institution ist, kommt es gerade im Sommer an einigen Abenden unter der Woche gerne einmal vor, dass man unfreiwillig eine private Filmvorführung bekommt. Seit über einem Jahrzehnt ist Marie ganz verliebt in das heimelige kleine Kino mit seinem einzelnen Saal, den plüschigen blauen Sitzen, der Popcorn-Maschine aus den 80er-Jahren und dem ausgeklügelten Pfand-System. Den Besitzer kennt sie sogar persönlich – und weil sie weiß, dass es um seine Finanzen gerade im Juli und August nicht immer zum Besten steht, geht sie manchmal einfach wieder nach Hause, wenn niemand außer ihr für die Vorstellung erscheint. Doch ehe sie an diesem Abend echte Gewissensbisse wegen der nur für sie verursachten Stromkosten bekommen kann, schüttelt die junge Frau hinter der Kasse lächelnd den Kopf.
»Die Zweite.« Ein guter Tag also. Die Kassenkraft zieht mit einem schiefen Lächeln die Schultern hoch und wirft einen Blick auf die Uhr. 20:13. In zwei Minuten beginnt das Vorprogramm. Das ist noch so eine Sache, die sie am Milano schätzt, man kann bedenkenlos pünktlich sein, ohne eine halbe Stunde Werbung erdulden zu müssen. »Aber dabei bleibt es für heute vermutlich. Sobald Sie oben sind und sitzen, mache ich die Tür zu und starte die Vorstellung. Kommt noch etwas zum Ticket dazu?«
»Eine Fanta, bitte.« Im Kino Fanta zu trinken gehört für sie einfach dazu. Ihr Vater, der sie mit der Attraktion Kinovertraut gemacht hat, ist ein vehementer Gegner von Popcorn und Marie fühlt sich bis heute irgendwie schlecht, wenn sie mit der raschelnden Tüte die anderen Besucher nervt und sich gleichzeitig die Zähne ruiniert. Aber eine Fanta muss sein, so viel Zucker war gerade noch erlaubt. Besonders wenn man sich einen so wenig süßen und so wenig sommerlichen Film wie Shining ansieht. Sie bedauerte immer noch, die DVD bei ihrem letzten Umzug durch den ungeschickten Aufbau ihres neuen Betts zertrümmert zu haben.
Die Kassenkraft öffnet die Fanta für sie und folgt ihr die Treppe hoch zu dem Kinosaal. Sie wünscht ihr mit einem Flüstern viel Spaß und dimmt die Lampen an der Decke des Saals ein wenig. Nachdem die Tür hinter ihr sanft ins Schloss gefallen ist, konzentriert sie sich darauf, den Weg zu ihrem Lieblingsplatz zu finden. Mittig in der Mitte. Aus der letzten Reihe ertönt das Seufzen des anderen Besuchers, der sich bestimmt erhofft hat, alleine zu bleiben.
»Ist das dein Ernst? Wofür habe ich dich die DVD behalten lassen?« Als sie die vertraute Stimme und das blasse Gesicht in der vorletzten Reihe erkennt, lässt sie vor Schreck beinahe die Fanta fallen. Nicht mehr als zehn Treppenstufen weit weg von ihr sitzt Jakob. Jakob, ihr heißgeliebter Jakob, der sich vor etwas mehr als sechs Monaten in Luft aufgelöst hat. Sie hat nicht besonders viele Ex-Freunde, aber keiner von ihnen fand es so offensichtlich langweilig mit ihr Schluss zu machen wie Jakob. Nachdem er ihr verkündet hat, dass es für ihn nicht mehr funktioniert, ist er über die Weihnachtsferien zu seinen Eltern gefahren und hat ihr zwei Wochen Zeit gelassen, um ihre Sachen aus der Wohnung zu entfernen, die immerhin ein Jahr lang ihre »gemeinsame« Wohnung gewesen ist, obwohl er alleine den Mietvertrag unterschrieben hat.
»Ich hab sie verloren.«
Auch jetzt wirkt er nicht wirklich betroffen, sondern nur ein wenig vorwurfsvoll. Als hätte sie mit dem Besitz einer DVD des Klassikers von Stanley Kubrick jedes Anrecht darauf verloren, sich den Film irgendwo anders als in ihrer Wohnung anzusehen. »Außerdem ist das mein Kino. Du weißt genau, dass ich ungefähr einmal die Woche hier bin.«
»Aber doch nicht an einem Mittwochabend, an dem die Bachelorette ihre Rosen verteilt!« Es ist gut, dass der Saal schon abgedunkelt ist. So kann er wenigstens nicht sehen, dass seine bitterböse Ironie, mit der er ihr beweisen will, wie gut er sie kennt und wie spielend leicht er ihr die Röte ins Gesicht treiben kann, sie voll und ganz trifft. Ihre Mutter hat es gerne ganz schonungslos formuliert und behauptet, sie wäre Jakob Grimm nicht gewachsen. Aber was will man einem bissigen Deutschlehrer, der sich schon in seiner Zeit als Referendar den Respekt von 14-jährigen gesichert hat, auch entgegensetzen?
Sie schweigt und stolpert in Richtung ihres Lieblingsplatzes. Was will sie auch noch sagen. Sie trinkt einen Schluck von ihrer Fanta, zieht ihre Schuhe aus, rutscht so tief in den Sitz, dass sie ihre Füße bequem gegen die Lehne vor ihr stemmen kann und wartet darauf, dass der Vorhang sich öffnet. Lange kann es ja nicht mehr dauern, wenn kein Wunder geschehen ist und ein dritter Gast sich ins Milano verirrt hat. Für so einen sichtbaren Dritten würde sie sogar noch hundert Sekunden unangenehmes Schweigen aushalten.
Mit einem leisen Rauschen öffnet sich der schwere, schwarze Vorhang und gibt den ersten Spot der Lokalwerbung frei. Marie ist absolut bereit sich auf die Vorteile der Abfall-App der örtlichen Müllabfuhr einzulassen, auch wenn sie jede Einstellung des Spots in und auswendig kennt. Das Model, das in plüschigen Hausschuhen und seidenem Bademantel mit der Mülltonne zum Straßenrand eilt, ist für sie so was wie eine gute Bekannte, die nicht altert. Seit sechs oder sieben Jahren erfreut sie sich an dem erleichterten Gesichtsausdruck der jungen Frau, die mittlerweile sicher ihren dreißigsten Geburtstag hinter sich hat und immer rechtzeitig ihre Mülltonnen rausstellt, und denkt für wenige Sekunden darüber nach, ob sich so eine App lohnen und einen sinnvollen Ersatz für die kleinen, wilden Markierungen in ihrem Kalender darstellen würde. Während der hyperästhetische Werbestreifen für einen hyperunästhetischen Chemiekonzern eingeblendet wird, knarren die alten, mit Teppich bedeckten Stufen und im Augenwinkel sieht sie einen Schatten, der sich auf sie zubewegt.
Ihr Herz bleibt fast stehen, als Jakob sich auf den Platz neben ihr fallen lässt. Direkt neben ihr. Er hat nicht mal den Anstand einen Sessel freizulassen, sodass sie wenigstens ihre Armlehne behalten kann. Es ist zwar nicht ihre Absicht, ihm kampflos die schmale, aber gut gepolsterte Lehne zu überlassen, doch sie kann gar nicht anders als empört die Arme vor der Brust zu verschränken. Fehlt eigentlich nur noch, dass er mit einer achtlosen Fußbewegung ihre Fanta umwirft, die sie auf den Boden gestellt hat. Sie räuspert sich. Er räuspert sich ebenfalls. Das alte Spiel. Sie hat eine Zeit lang nach jedem Satz ein kleines Hüsteln untergebracht und erst als er angefangen hat sie zu imitieren, hat sie gemerkt, wie anstrengend diese Angewohnheit eigentlich ist. Allerdings hat er sie nie direkt auf diese Unart angesprochen, das war nicht seine Art. Es war ihm am liebsten, wenn man von selber merkte, was man falsch macht. Deswegen war er ein guter Lehrer, gelegentlich ein wirklich schlechter Freund – und ein absolut unzumutbarer Ex-Freund. Wenn es nicht ein Beweis dafür wäre, dass sie das schlechtere Nervenkostüm hat, dann würde sie glatt aufstehen und sich woanders hinsetzen. Aber das ist wiederum nicht ihre Art. Wenn hier einer konfliktscheu ist, dann bestimmt nicht sie.
»Was soll das? Wieso rückst du mir so auf die Pelle? Hier sind mehr als genug freie Plätze.« Sie sieht ihn nicht an, sondern hat den Blick nach vorne in Richtung der Leinwand gerichtet.
Alleine an seinem Tonfall kann sie hören, dass er grinst: »Mir ist aber gerade eben eingefallen, dass das hier der beste Platz ist.«
Das Wissen darum, dass die Akustik nicht etwa in der hintersten Reihe, sondern in der Mitte des Saals am besten ist, hätte sie nicht mit ihm teilen dürfen. Leider konnte sie diese kleinen, etwas altklugen Vorträge manchmal nicht unterdrücken.
»Ich will aber nicht neben dir sitzen.«
»Ach komm, jetzt stell dich nicht so an. Ist doch eigentlich ganz witzig, oder? Ein witziger Zufall?«
»Ich lache, wenn ich Zeit hab.« Demonstrativ platziert sie ihren Ellenbogen auf der Lehne. Erstaunlicherweise macht er keine Anstalten, einen kindischen Wettstreit daraus zu machen. Aber warum sollte er auch. Er hat ja mit ihr Schluss gemacht. Er hat entschieden, dass er keinen Kontakt mehr zu ihr möchte, dass es nicht mehr funktioniert. Also warum sollte er jetzt den Körperkontakt herausfordern? »Seit wann gehst du eigentlich allein ins Kino? Ich dachte, du fühlst dich dann wie eine merkwürdige, alte Dame?« Das stimmte so halb. In ihrer Kennenlernphase hat er seine Vorurteile gegen »kleine« Programmkinos dermaßen breitgetreten, dass sie sich aus Prinzip geweigert hat, mit ihm überhaupt Filme anzusehen. Da Filme in seinem Leben aber eine relativ große Rolle spielen und das Milano in ihrem Leben, hat er sich irgendwann doch dazu durchgerungen mit ihr herzukommen. Und seine Vorurteile für rosarote drei Monate überwunden. Danach hat er die Lust an abendlichen Unternehmungen unter der Woche schnell verloren und sie konnte ihn nur durch große Jammerorgien dazu bewegen, mit ihr ins Kino zu gehen. Das ausschlaggebende Argument ist dabei gewesen, dass er ja wohl nicht zulassen kann, dass sie sich merkwürdig fühlt. Und den Charme einer einsamen, alten Dame versprüht. Aber all diese Kleinigkeiten sind so verdreht und gehören zu dem großen Knoten, den Jakob Grimm in ihrem Kopf und ihrem Herzen hinterlassen hat, dass sie eigentlich lieber nicht darüber nachdenken mag. »Hallo? Willst du mir nicht antworten?«
»Wir sind in einem Kino. Im Kino redet man nicht.« Ihre Stimme klingt viel zu zickig. Sie findet sich selbst ein wenig unangenehm. Wie gerne wäre sie eine dieser Frauen, die selbstbewusst genug sind, ihrem Ex-Freund irgendwo zu begegnen und trotzdem nicht ihre gesamte Souveränität zu verlieren. »Aber nur zu deiner Information: Ich bin über mich hinaus gewachsen und habe mich entwickelt. Mittlerweile gehe ich sehr gerne alleine ins Kino.«
»Herzlichen Glückwunsch, du bist erwachsen geworden.«
Der Vorhang öffnet sich noch ein kleines Stück, die Synthesizer spielen auf, gelbe Schrift wandert über eine Berglandschaft, Jack Nicholson fährt Auto. Endlich. Sie rutscht noch ein bisschen tiefer in den Sitz und schlägt ihre Beine übereinander. Die Tür des Kinos wird noch einmal geöffnet, es wird noch ein bisschen dunkler und die Kassenkraft stellt den Ton lauter, ehe sie sich unauffällig zurückzieht.
Normalerweise braucht es nicht mehr als die flackernde Kinoleinwand, um sie zu bannen, Shining ist ohnehin einer ihrer Lieblingsfilme und tatsächlich vergisst sie bei den ersten Dialogen zwischen Wendy und Jack Torrance, dass neben ihr der letzte Mensch auf der Welt sitzt, mit dem sie einen Mittwochabend im Juli verbringen will. Erst als Jakob beim ersten Auftritt der gruseligen Zwillinge das Come play with us mitflüstert, fällt ihr wieder ein, dass er existiert. Die Härchen auf ihren Armen stellen sich auf und er fährt mit einem einzelnen Fingernagel über ihren Handrücken hoch bis zum Ärmel ihres Oberteils. Das hat er immer gerne gemacht, weil er fasziniert davon war, dass man nicht ihrem Gesicht, aber ihrer Haut ansehen kann wann sie Angst hat und wann nicht. Und wann sie »ergriffen« ist.
Sie kann sich nicht rühren. Sie kann seine Hand nicht wegschlagen. Sie bohrt ihre Schneidezähne in ihre Unterlippe und versucht so zu tun als wäre es nur ein Windhauch und nicht der Fingernagel des Mannes, von dem sie ein paar Wochen zu lange geglaubt hat, dass sie ihn lieben würde. Ohne Rücksicht auf ihr schwaches Herz zu nehmen, legt er seine Hand ganz gelassen auf ihrem Oberschenkel ab. Sie trägt einen Rock, der bis zu ihren Waden geht, aber sie könnte genauso gut nackt sein.
Während die Zwillinge in Stücke zerhackt auf dem Flur des Hotels liegen, ringt sie um Fassung und schafft es schließlich ihren Arm zu bewegen. Sie legt ihre Hand neben seine und beginnt, ihn ganz langsam von ihrem Bein herunterzuschieben. Als wäre seine Hand eine träge Schlange, die eigentlich gar nicht beißen will, aber nicht mit hektischen Bewegungen erschreckt und erzürnt werden darf. Die irreale Panik, von ihm gebissen zu werden, breitet sich in ihr aus und irgendwie scheint er ihren Gedankengang zu erraten, denn er schnappt ihre Hand, zieht sie zu seinem Gesicht und drückt blitzschnell einen Kuss auf ihren Handrücken. Ihre Nägel verkrallen sich in seinem Handgelenk, aber er lässt sie nicht los, sondern legt ihre ineinander verschlungenen Hände ganz gelassen in ihrem Schoß ab. Zwischen ihren Beinen breitet sich ein Kribbeln aus und sie verbietet es sich, in ihrem Gedächtnis nach der Liste mit Filmen zu suchen, zu denen sie dank ihm schon einen Orgasmus hatte. Es sind zum Großteil weder besonders erotische noch besonders romantische Filme. Sie muss ein Kichern unterdrücken. Sie fragt sich immer noch, ob es einen Menschen für immer verändert, bei der Kampfszene zwischen dem Tyrannosaurus Rex und dem Spinosaurus im dritten Teil von Jurassic Park zu kommen. Wahrscheinlich schon. Vermutlich veränderte das den Blick auf die Evolution und Urzeitmonster dauerhaft.
Nach und nach lockert Jakob den Druck, mit dem er ihre Hand festhält und tastet mit seinem Zeigefinger über den Stoff des Rocks zwischen ihre Beine. Sie zuckt zusammen und ist heilfroh, dass ihr kleines Keuchen in dem imposanten Soundtrack untergeht. Jakob malt ein Fragezeichen auf die Innenseite ihres Oberschenkels und sie hat tausend Fragen, die eigentlich alle mit einem einzelnen Wort zusammengefasst werden können. Warum?
Aber sie fragt nichts, sondern rafft den Stoff ihres Rocks nach oben. Die Gänsehaut wandert von ihren Armen zu ihren Beinen und er bemerkt es, aber er sagt nichts. Er sagt überhaupt nichts, sie könnte sogar schwören, dass er seinen Blick nicht einmal von der Leinwand abwendet. Es gibt ja auch nichts, was er nicht schon gesehen hätte. Ihre Unterwäsche hat er weitaus öfter als den Film gesehen und auch, wenn dieser Vergleich irgendwie unzulässig zu sein scheint, ist sie sich ziemlich sicher, dass er einen ganz ähnlichen Gedanken hat. Ohne lange zu zögern oder mit seinem Tun zu hadern, dringt er mit einem Finger in sie ein und streichelt beinahe im Rhythmus von Jack Torrance polternden Schritten über ihren Kitzler. Am liebsten würde sie in das Polster des Plüschsitzes beißen, aber sie reißt sich zusammen und spreizt ihre Beine so gut es eben geht, ohne ihre bequeme Sitzposition vollkommen aufzugeben.
Als Jack auf der Leinwand innehält, unterbricht Jakob seine Bewegungen ebenfalls und sie ist über sich selbst schockiert, wie angenehm und unangenehm dieser Moment in derselben Sekunde ist. Als Jack seinen Kopf bewegt und etwas sagt, lässt Jakob seine Fingerkuppe kreisen und nimmt seinen Daumen dazu. Darauf ist sie nicht vorbereitet, sodass sie ein unheimliches Schweigen zwischen Jack und Wendy Torrance mit einem Luftschnappen füllt, das sie selbst nicht weniger gruselig findet.
Sie sieht Wendy dabei zu wie sie sich über die Schreibmaschine beugt und das Ausmaß des Wahnsinns ihres eigenen Ehemanns erkennt. All work and no play makes Jack a dull boy. Dagegen ist ihr eigener Wahnsinn noch gar nichts. Gegen die schreienden, synthetischen Stimmen im Hintergrund ist ihr eigenes leises Jammern nicht mehr als ein Flüstern.
Ohne Vorwarnung macht Jakob plötzlich Anstalten seine Hand zurückzuziehen und sie drückt automatisch ihre Oberschenkel zusammen, um das zu verhindern. Ihm diese Bestätigung zu geben, ist eine kleine Demütigung, aber er kennt ihren Körper gut genug. Er weiß genau, was er da anrichtet und wenn er in den letzten sechs Monaten kein grundlegend besserer und weniger verspielter Mensch geworden ist, dann wird er sie bis zum großen Finale leiden lassen. Sein Sinn für Dramatik ist nicht nur unvergleichlich, sondern auch unvergesslich und sie zieht kurz in Erwägung, die Spielverderberin zu geben und sich selbst schnell und schmerzlos zum Höhepunkt zu bringen. Aber das wäre einfach nicht dasselbe.
Es wäre die mutwillige Zerstörung einer Gelegenheit, die nicht wiederkommt. Denn sie macht sich keine Illusionen, dass das hier ein neuer Anfang ist, eine zweite Chance, der gesetzte Blinker auf die Straße Richtung Happy End. Das hier ist eine kleine, verspätete Entschuldigung. Der Abschied, den er ihr verwehrt hat, weil er sie nicht weinen sehen wollte. Weil man doch im Guten auseinandergehen soll. Nicht mehr und nicht weniger ist das hier. Ein herzliches Winken. Tief in ihrem Inneren weiß sie das, deswegen begnügt sie sich damit, ein bisschen über ihre Brustwarzen zu streicheln und zu hoffen, dass sie vor dem Abspann nicht den Verstand verliert.
Das Hotel wird eingeschneit, Jack jagt seine Familie durch einen eingeschneiten Irrgarten und sie jagt das Kribbeln, das sich zwischen ihren Beinen ausbreitet. Jakob hat sie immer wieder so weit getrieben, dass sie geglaubt hat, es nicht mehr länger auszuhalten, aber sie hat sich nicht in ihm geirrt. Die Kamera nähert sich dem eingefrorenen Körper von Jack Torrance, der auf ewig ein Teil des Overlook Hotel bleiben wird, Jakob dringt mit zwei Fingern in sie ein und streicht mit seinem Daumen ein wenig fester über ihren Kitzler als bisher und sie sieht Sterne vor sich anstelle der ikonischen, letzten Einstellung, die Jack als Wiedergänger entlarvt und dazu ansetzt, eine ganz neue Geschichte zu erzählen. Sie zieht sich um seine Finger herum zusammen, doch er lässt nicht direkt von ihr ab. Er gönnt ihr einen schmerzlosen, aber keinen kurzen Abschied.
Jakob hat den von den Projektoren, dem Plüsch und ihrem Atem aufgeheizten Kinosaal des Milanos, das Overlook Hotel und sie verlassen, bevor die Lampen an der Decke wieder vollständig angegangen sind, aber das ist in Ordnung. In wenigen Minuten wird sie das wahrscheinlich schon wieder anders sehen und spätestens am nächsten Morgen wird sie ihn zum Teufel wünschen, aber für den Augenblick fühlt sie sich viel zu wohl mit ihrem verrutschten Rock, ihrer klammen Unterwäsche und diesem Abschiedsgruß, um den sie nicht gebeten hat.
Daria Sofie May
»Liebe Passagiere, wenn Sie links rausschauen, sehen Sie schon die wunderschöne Insel Zypern unter uns. Wir landen in etwa 10 Minuten. Bitte bleiben Sie angeschnallt sitzen, bis wir in unserer endgültigen Parkposition angekommen sind. Aphrodite erwartet Sie bereits.« Sogar die Piloten bekommen gute Laune auf Zypern, denkt Juli und lächelt glücklich. Sie landet schon zum zwölften Mal in Larnaca, zum ersten Mal mit ihrer Familie. Neben ihr am Fenster sitzt Linus, ihr 8-jähriger Sohn. Ihr Mann Karsten und die 6-jährige Lara schauen auf der anderen Seite gespannt aus dem kleinen Fenster.
Zypern – ihre große Liebe! Endlich, nach zwölf Jahren, kann sie ihre Sehnsucht nach diesem Land und seinen Menschen stillen. Es fühlt sich an, als würde sie nach Hause kommen. Beinahe wäre es tatsächlich ihr Zuhause geworden.
Mit dem Mietwagen fahren sie an diesem 38 Grad heißen Augusttag auf der A1 in Richtung Limassol. Die Klimaanlage bleibt aus. Es ist viel cooler alle Fenster zu öffnen, das Radio voll aufzudrehen und den frischen Fahrtwind zu genießen. Julis Haare fliegen zu allen Seiten und sie erinnert sich an ihre erste Fahrt mit einem Taxi nach Nicosia, von wo vor 16 Jahren ihre Rundreise gestartet war. Wind im Haar - eine sinnliche Erfahrung, die auch ihre Kinder für immer im Gedächtnis behalten werden, so hofft sie. Das Ferienhaus liegt in einem kleinen Dorf westlich von Limassol. Zehn Urlaube hatte Juli in und um Limassol herum verbracht und dabei viele wundervolle Menschen kennen gelernt. Einen davon ganz besonders gut. Aber wegen ihm ist sie nicht zurückgekehrt. Es geht ihr nur um die Insel, die Landschaft, die Menschen und vor allem um die Magie, die Aphrodite hier versprüht. Aber ganz sicher ist sie nicht wegen Leandros da!
Dank Navi finden sie das Ferienhaus schnell, laden das Gepäck aus und erkunden das Haus. Es ist gerade erst halb drei, also schnappen sie die Badesachen und fahren zum nahen Kourion Beach, Julis Lieblingsstrand. Sie parken zwischen der zweiten und dritten Strandbar, weil es dort besonders flach ins Meer hineingeht. Juli beobachtet ihre badenden Kids und ist einfach nur glücklich, auch wenn es sich eigenartig anfühlt, genau dort zu stehen, wo sie vor zwölf Jahren mit Leandros knutschend auf einer Decke gelegen hatte. Wie er jetzt wohl aussieht? Ob er überhaupt noch lebt? Ich meine, bei seinem Lebenswandel wäre es kein Wunder, wenn er an irgendeiner Geschlechtskrankheit verstorben wäre. Ob ich ihn wohl noch erkennen würde? Oder er mich?Vielleicht ist er ja zufällig auch gerade da! Juli schaut sich um. Er ist 10 Jahre älter als sie, also 48. Die Männer haben alle keine langen schwarzen Locken. Gott sei Dank! Aber innerlich ist sie aufgewühlt, würde schon gern wissen, wie es ihm geht und ob er eine Frau gefunden hat, die ihn zum treuliebenden Ehemann bekehren konnte. Juli lacht. Leo und treu?!
Niemals konnte sie sich das vorstellen. Damals war er einer, der keine Frau ausließ, egal wie alt, egal welche Figur oder Haarfarbe. Hauptsache willig. Sex zum Spaß. Der Kick für den Augenblick. Nichts Festes. Nur mit ihr war das anders. Mit ihr wollte er erst nach der Hochzeit schlafen. Heute kann Juli darüber lachen. Das war schon echt verrückt.
An den nächsten acht Tagen erkunden sie Zypern. Unterwegs hält Juli Ausschau nach seinem Bus. Dass hier irgendwo Leandros lauern könnte, macht ihr Angst, aber Zypern hat 850.000 Einwohner, warum sollte sie also ausgerechnet ihm begegnen? Außerdem würde er sie nie und nimmer wiedererkennen. Obwohl, sie hat sich kaum verändert. Ihre Haare sind immer noch lang und blond und leicht gewellt. Sie trägt eine Brille, wenn auch schon lange ein anderes Modell. Ok, ihre Figur ist wegen der beiden Schwangerschaften leicht runder, aber nicht weniger sexy, wie sie findet.
Eine Jeep-Safari führt sie am 9. Tag über die Akamas-Halbinsel. Fahrer Jannis bringt sie sicher über die staubigen Straßen zur Avakas-Schlucht, zum Lara-Beach und zu den Bädern der Aphrodite ganz im Norden. Dort parken sie an einem Restaurant und gehen zu Fuß weiter. Der Legende nach soll jeder, der Wasser aus dem Becken trinkt, ewig jung bleiben und sich auf der Stelle verlieben. Ihre Kinder trauen sich nicht das zu testen. Linus findet, dass er mit 8 noch zu jung für die ewige Liebe sei, Lara hält Jungs sowieso für doof. Karsten hingegen nimmt ein paar Tropfen auf seine Hand und trinkt, ohne Juli aus den Augen zu lassen. Er hält sich wohl für clever, doch die Liebesgöttin lässt sich nicht gern austricksen. Juli weiß das nur zu gut, denn vor 16 Jahren hatte der Zauber leider bei ihr gewirkt. Das Problem ist nämlich, dass man sich in den Nächstbesten verliebt. Und das war Leandros.
Die Aussicht von dem unbefestigten Weg, der oberhalb der Küste durch leicht bewachsenes Gelände führt, ist atemberaubend. Das Meer ist dort türkisblau und glasklar. Nach dieser phantastischen Aussicht gehen sie zum Parkplatz zurück, wo jetzt direkt neben dem Jeep ein Bus steht. Juli stockt der Atem. Das Kennzeichen kennt sie! Tief durchatmen, vorbeigehen, in den Jeep steigen und weg! Doch so schnell geht das nicht. Jannis will erst Getränke kaufen. Karsten und die Kinder gehen mit. Juli stellt sich hinter einen Baum und hofft, dass sie nicht entdeckt wird. Dann schickt sie ihrer Freundin ein paar Fotos.
»Juli?« Oh heilige Sch…! Leandros Stimme trifft sie noch immer mitten ins Herz. Am liebsten würde sie sich wegzaubern. Als sie vom Handy aufblickt, schaut sie in altbekannte, dunkelbraune Augen. Er sieht tatsächlich aus wie früher: Schwarze Locken bis zu den Schultern, schwarzer Schnurrbart, eine Nase, die übersät ist von unzähligen kleinen Narben. Auch seine Figur ist noch die gleiche. Scheinbar macht er noch immer sein tägliches Krafttraining. Nur ein kleines Bäuchlein hat er jetzt. Gegen die typischen Anzeichen des Alterns kann auch er nichts ausrichten. Unter dem karierten blauen Hemd zeichnen sich seine starken Arm- und Brustmuskeln ab.
»Du bist es wirklich! Ich glaub´s ja nicht! Was machst du hier? Bist du allein?« Seine Fragen überschlagen sich. Er redet und redet, lässt Julis Hand dabei nicht los. Jannis erkennt ihre prekäre Lage. »Alles ok?«, fragt er offensichtlich besorgt.
»Ja, hm, ähm, ja«, stottert sie.
»Wir fahren gleich weiter«, ruft er und steigt in seinen Jeep. Karsten müsste auch gleich kommen. Er soll sie beide auf keinen Fall zusammen sehen! Er würde nur zu viele unnötige Fragen stellen. Juli gerät in Panik: »Ich muss los«. Hastig zieht sie ihre Hand aus seiner und geht zum Jeep.
Doch so einfach lässt dieser Mann sie nicht ziehen. Er verschwindet kurz im Bus und kommt mit seiner Telefonnummer auf einem abgerissenen Blatt Papier zurück. »Morgen ist bei meinem Onkel eine Party. Ihr seid herzlich eingeladen. Sie werden sich freuen dich wiederzusehen. Ruf mich einfach mal an.« Juli nimmt seine Nummer, aber sie ist sich sicher, dass sie ihn niemals anrufen wird.
Auf der Rückfahrt geht ihr Leandros nicht aus dem Kopf. Das war also gerade der Moment, vor dem sie so Angst gehabt hatte. Und er war genauso verheerend, wie sie befürchtet hatte. Das Kribbeln in ihrem Bauch verrät nichts Gutes. Juli schließt die Augen und lehnt ihren Kopf gegen die Kopfstütze. Ihre erste gemeinsame Nacht. Er hatte nackt neben ihr geschlafen. Das weiße Laken umspielte seine Körpermitte. Sie konnte seinen muskulösen, milchkaffee-farbenen Hintern nur erahnen, bis er sich bewegte und das Laken runterrutschte. Sie wollte ihn nicht nur anfassen, sondern auch ganz nah bei sich spüren. Haut auf Haut. Verschwitzt. Doch er hatte am Abend, als sie ihn verführen wollte, gefragt: »Kannst du bis zur Hochzeitsnacht warten?« Juli hatte bejaht, obwohl sie gar nicht warten wollte. Es folgten viele Nächte, die sie wegen der Hitze nackt nebeneinander schliefen. Leo blieb standhaft, also war sie es auch geblieben, obwohl die Sehnsucht so sehr schmerzte.
Doch mit Leo kommen auch die anderen Erinnerungen an so viele wundervolle Menschen. Seine Eltern, seine Geschwister, seine kleine Cousine Helena, die damals als Kind nicht von Julis Seite gewichen war. Sie hatten sich gegenseitig Deutsch und Griechisch beigebracht, weil das Mädchen schon mit 10 wusste, dass sie einmal in Deutschland Medizin studieren wollte. Sie denkt auch an Leos Freunde, die sie auf der ganzen Insel besucht hatten. Sie alle waren so lieb zu ihr, hatten sie bedingungslos in ihren Kreis aufgenommen. Einer seiner Freunde hatte mal gesagt: »Leo ist durch dich viel bodenständiger geworden. Ich glaube, er liebt zum ersten Mal richtig.« Das Kribbeln wegen Leo weicht einem warmen Gefühl für all diese alten Bekannten. Ob sie ihr verziehen haben, dass sie einfach aus seinem Leben verschwunden war?
Nach diesem erlebnisreichen Tag schlafen die Kinder schnell ein. Karsten setzt sich mit einem Buch auf die Terrasse. Juli will allein sein, geht ins Bett. Sie hat so viele Jahre nicht an Leo gedacht, die Erinnerung an ihn verdrängt, denn jedes Mal hatte sie gemerkt, dass da noch tief in ihr Gefühle lauerten. Seine braungebrannte Haut, die wohlproportionierten Muskeln, die männliche Brustbehaarung, all das war in ihr Gedächtnis eingebrannt. Ja, auch der Anblick seines riesigen besten Stückes, bei dem sie sich mit Anfang zwanzig fragte, wie das wohl jemals passen sollte. Jetzt ist all das wieder da. Sie spürt seine weichen Lippen und die kitzelnden Bartstoppeln. Sie hört seine wahnsinnig erotische Stimme am Telefon, die ein Kribbeln zwischen ihren Beinen auslösen konnte. Jetzt reicht die zufällige Begegnung, um ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen Seine Hände sind es, die sie jetzt am ganzen Körper streicheln. Sie spürt seine warmen Lippen am Hals, kann seinen heißen Atem fühlen. Ein Finger legt sich sanft kreisend auf ihre empfindsamste Stelle, bewegt sich zart wie Schmetterlingsflügel. Sie spannt ihren Körper an, denke nur an ihn, hört sein sinnliches Stöhnen und spürt das erste warme Kribbeln, das sich von ihrer Mitte in jede Faser ihres Körpers ausbreitet.
Den nächsten Tag verbringen sie am Strand. In Juli war gestern die junge, abenteuerlustige Frau wiedererwacht. Wie naiv und unerfahren sie doch mit Anfang 20 noch war. Leandros hatte sie immer »meine Aphrodite« genannt. Heute kann Juli darüber nur noch lachen. Schleimer! Dabei konnte sie ihm nicht mal vorwerfen, dass er nur Sex wollte. Genau das wollte er ja NICHT! Im Gegenteil. Er hatte ihr sehr gutgetan, hatte ihr Selbstbewusstsein geschenkt. Sie war durch ihn und seine Komplimente gereift. Er hatte ihr das Gefühl gegeben, eine begehrenswerte sexy Frau zu sein, nachdem sie jahrelang vom Gegenteil überzeugt gewesen war. Er verbrachte viel Zeit mit ihr, zeigte ihr die Insel und Traditionen, sie waren bei vielen Familienfeiern dabei. Es war eine wirklich wundervolle Zeit, vielleicht die schönsten vier Jahre ihres Lebens. Juli weiß aber auch, dass dieses positive Gefühl nicht nur an Leo selbst lag, sondern vielmehr am zypriotischen, positiven Lebensstil, den sie durch ihn kennen lernen durfte. Lebensfreude. Herzlichkeit. Gastfreundschaft. Einfach das Leben genießen. Das alles war zu ihrem eigenen Lebensgefühl geworden, ein Gefühl, das sie auch ihren Kindern mit auf den Weg geben will. Sie will diese Leichtigkeit zurück und vor allem möchte sie diese Erfahrung ihren Kindern ermöglichen, und auch Karsten, der das bitternötig hat als selbstständiger Mechaniker. Diese Party ist die beste Gelegenheit. Leandros würde sie auch begegnen, aber den hat sie im Griff, indem sie sich selbst im Griff hat. Juli würde Karsten niemals verletzen wollen. Aber der Gedanke mit dem Ex zu spielen, ihn heiß zu machen und dann eiskalt abzuservieren, das hatte was. Er war und ist ein Frauenheld. Klar, er gibt ihnen das Gefühl begehrt zu werden und spielt mit offenen Karten. Wer sich auf ihn einlässt, sucht nur den Spaß. Bei Juli war das anders. Sie war unnahbar gewesen und das hatte wahrscheinlich seine tieferen Gefühle für sie geweckt. Da war eine Frau, die ihn als Mann gesehen hat, nicht als Liebhaber. Aber vielleicht war er ja auch nur ein verdammt guter Schauspieler. Dieser Zwiespalt begleitet Juli, seit sie am ersten Morgen an ihm vorbei in den Bus gestiegen war. Wenn einer es verdiente, dass mit ihm gespielt wird, dann Leo! Sie braucht nur ein paar Schutzmechanismen, um sich vor ihren eigenen Trieben zu schützen: nicht rasieren und ihre furchtbare Miederhose dürften reichen.
Die Kinder bauen aus den vielen Steinen eine Burg. Karsten legt sich pitschnass neben Juli auf die Decke und setzt seine Sonnenbrille auf. «Was wollte der Typ gestern eigentlich von dir?« Er hat es also doch gesehen.
»Der war Busfahrer bei der Rundreise damals.« Um Fragen zu Leo im Keim zu ersticken, fügt sie schnell hinzu: »Er hat uns eingeladen zu einer Party. Heute Abend. Aber ich will da nicht hin.«
»Och, warum nicht? Das wird bestimmt ganz toll.« Nach einigem hin und her willigt Juli ein, weiß jedoch nicht so recht, ob sie sich freuen soll, weil sie Karsten mal wieder dahin lenken konnte, dass die Initiative scheinbar von ihm ausging, oder ob sie doch besser Angst haben müsste vor dem Spiel mit Leo. Vorsichtshalber tauscht sie ihren String-Tanga gegen die Miederhose ein, als sie ihr superenges rotes Kleid für den Abend anzieht.
Leos Cousine Helena erkennt sie sofort, obwohl sie damals erst 12 war. Jetzt ist sie 24. Die Kinder finden trotz verschiedener Sprachen schnell Anschluss. Karsten wird zum Tavli eingeladen. Juli unterhält sich mit einigen Frauen. Das Buffet wird eröffnet, Livemusik erklingt. Verdammt, wo bleibt Leandros?
Juli streift durch den Garten, atmet die verschiedenen Düfte von Blumen und Kräutern ein. Es ist noch schöner im Innenhof dieser uralten Karawanserei, als es schon damals war. Doch es zieht sie raus auf die Straße, ins Dorf. Sie will allein sein, in Erinnerungen schwelgen. Karsten unterhält sich angeregt mit der Barfrau und verspricht, sich um die Kinder zu kümmern. Vor dem Hotel überlegt Juli, wo das Haus von Leos Eltern damals stand. Irgendwo dort links müsste es sein. Langsam schreitet sie durch die engen Gassen. Immer wieder entdeckt sie Altbekanntes. Dort hatte er immer seinen Bus geparkt, in dem Kafenion hatte er sich mit seinen Freunden getroffen, dies war das Haus seines besten Freundes, dort der Barbier. Und da ist Leos Elternhaus! Es ist noch etwa 200 Meter entfernt. Ein Mann mit Leos Statur schließt gerade die Tür, zündet eine Zigarette an und kommt leichten Schrittes auf sie zu. Sofort flieht Juli in Richtung Hotel. Ihr Name hallt durch die enge Straße und da ist er auch schon bei ihr, umarmt und küsst sie zur Begrüßung links und rechts auf die Wange. »Warum läufst du denn weg vor mir?«, fragt er frech grinsend.
»Ich laufe doch nicht weg!«
»Doch, bist du!« Er grinst noch breiter. Juli weiß, dass diskutieren keinen Sinn macht. Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und Eitelkeit. Und wieder fragt sie sich, warum sie sich ausgerechnet in ihn verlieben konnte.
»Wo warst du denn so lange? Wir sind schon seit einer Stunde da«, fragt sie, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.
»Ich musste noch duschen, bin gerade erst aus Nicosia zurück. Du hast also auf mich gewartet?« Seine Haare wirken noch nass, wobei man bei ihm nie weiß, ob das Restfeuchte oder Gel ist. Seine schwarze Stoffhose sitzt recht locker. An dem orangen Karo-Hemd hat er die oberen beiden Knöpfe offengelassen. Sein Brusthaar ist grau geworden. Seine Brustmuskeln zeichnen sich wieder ab. Julis Herz schlägt schneller, und so sehr sie auch versucht tief zu atmen und sich zu beruhigen, es funktioniert nicht. Er hat noch immer solche Macht über ihre Hormone. Miederhose!
