EXODUS FROM EARTH - Igor Nimtava - E-Book

EXODUS FROM EARTH E-Book

Igor Nimtava

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Beschreibung

In Zeiten brüchigen Friedens verweben sich zehn Schicksale mit der Zukunft der Menschheit zerrrissen zwischen Expansion und Erhalt, gebettet in ein lebensfeindliches Sonnensystem voll des virtuellen Überflusses. Dort wo alte Schmuggler in Mondtavernen erzählen, Arbeiter Tiefseehalden verräumen und Senatoren Intrigen spinnen, entscheidet sich der Konflikt um die größte Ressource der bekannten Planeten: das Leben selbst. Und manchmal fällt den Ohnmächtigen und Außenseitern unter den Sternen das Los zu, den Weg eines solchen Zeitalters zu bestimmen.

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Seitenzahl: 589

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Igor Nimtava

c/o skriptspektor e. U.

Robert-Preußler-Straße 13 / TOP 1

5020 Salzburg

Vorwort

Verschiedene Werke aus Film, Literatur und anderen medialen Bereichen bilden als Inspirationsquellen die Grundlagen zu dem vorliegenden Buch und sollen an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt und bedankt werden.

So sind einige Elemente dem Pen&Paper Rollenspiel Shadow Run entliehen worden.

Aus dem filmischen Bereich sind insbesondere Blade Runner, Cowboy Bebop, The Fifth Element und natürlich Matrix zu nennen, die zum Teil sogar namentlich eingeflossen sind.

Als literarisches Vorbild muss Ursula K. Le Guin gelten, die mit The Dispossessed Vorbild und Patronin für mich geworden ist. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass es besser ist, gelungene Konzepte zu übernehmen, als an eigenen schlechten festzuhalten, nicht um sich an den Ideen anderer zu bereichern, sondern auf diesen aufbauend weitere Schritte zu gehen oder sich auch manches Mal augenzwinkernd vor dem Vorbild zu verbeugen.

Andere Ähnlichkeiten mögen auch Zufall oder schlicht uninspirierte, naheliegende Lösungen gewesen sein. So verriet mir ein guter Freund, zu einem Zeitpunkt, als die erste Niederschrift dieses Buches bereits abgeschlossen war, dass er eine Serie gesehen hätte, in welcher hochgewachsene Bewohner von Asteroiden aufgetreten wären, die ebenfalls als Belter bezeichnet wurden. Dies war in der Tat die gleiche Idee in zwei Gehirnen. Daher grüße ich hier auch gerne all jene Autoren, denen Namensgebung vergleichbar schwerfällt wie mir.

Die Beschreibungen zu den Psi-Kräften führte mich zu den Briefwechseln von Wolfgang Pauli und C. G. Jung (1932 – 1958, zusammengestellt von C. A. Meier, Springer Verlag Berlin Heidelberg GmbH 1992), wo die wesentlichen Elemente der Synchronizität beschrieben wurden. Für alle Quellen der Inspiration möchte ich mich herzlich und ehrlich bedanken.

Danksagung

Mein Dank gilt meinen engagierten Erstlesern, die mit Lob, Kritik und bemerkenswerter Ausdauer meine Schreibversuche verfolgten und mich ermutigten, an diesem Projekt zu wachsen: M. Klotz, K. Voigt, M. Voigt und H. Weckmüller.

Für Flavia. Trotzdem.

EPISODE_1_EARNING OUR LUNCH  

EPISODE_2_WE´RE NOT ALONE   

EPISODE_3_HOMO SUPERIORIS   

EPISODE_4_DO YOU KNOW THE ONE WHERE 

EPISODE_5_PARADISE LOST   

EPISODE_6_FUTURE´S PAST   

EPISODE_7_ROAD TO POWER   

EPISODE_8_ENTER THE VOID   

EPISODE_9_ A PERFECT SERVANT OF THE  COLLECTIVE

EPISODE_10_ READY FOR TAKE-OFF  

GLOSSAR     

CYCLE_1_EPISODE_1

FILE_PHAN LI

LOCATION_NEA POLIS [MARS]

TIME_22/2/2222 [STANDARD]_1:23 PM [LOCAL]

TITLE_EARNING OUR LUNCH

125g Synthoproteine (Fettbasis: mager), 125g Kohlenhydratmasse (Form: Bällchen, leicht salzig) und 50ml Nährzusatzstoff-Extrakt (flüssig, sauer-pikant) für 199 Credits war das mit Abstand preiswerteste Angebot, welches Phan hier in den unteren Ebenen des Blast Furnace finden konnte. Dieser Bezirk der Metropole bezog seinen Namen aus den Hochöfen, um die Nea Polis gewachsen war, wie eine sich ausbreitende Pfütze schmutzigen Motorenöls um ein unachtsam vergessenes Werkzeug. Für lange Zeit waren hier über- und untertage die erkalteten Mineralströme des Mons Olympus abgebaut und verhüttet worden, bis es den Beltern gelungen war, metallhaltige Asteroiden mit Magnetfeldern einzufangen und mittels Induktion direkt zu verflüssigen. Seitdem lag der BlastFurnace still und verkam zum sozialen Agglomerationsraum all jener, die außerhalb der Unions lebten, jenen allumspannenden, die Geschicke jenseits der Erde bestimmenden Betriebskonglomeraten. Ein Ort, dominiert von Neonlicht und Stahlbeton, an dem die Enge der Quartiere ihre Bewohner auf nicht weniger bedrängte Transportkorridore trieb, wo sie Neuankömmlingen von niedrigen Türrahmen und wenigen, in die geschlossene Stationswelt weisenden Geschäftsfronten aus den abschätzenden Räuber-Beute-Blick zuwarfen, der seit jeher das Minenspiel jener beherrscht, die »Zuhause« nennen, was andere zum Verriegeln der Türen der Schwebewagen veranlasst.

Dabei war die Gegend gar nicht so abstoßend, zumindest auf den höheren Ebenen. Dort waren zu besseren Zeiten Schnellschweberöhren zwischen den zentralen Wohntürmen gezogen worden und der unvergleichliche Blick auf den Mons Olympus, den höchsten Berg des Sonnensystems, war Dank hochfester Glasfronten, anstatt der Bullaugen im Bunkerbeton der Low Levels, als wahre Panoramasicht zu genießen. Von hier aus konnten die sanften Flanken des Giganten von einem Ende des Horizontes bis zum anderen betrachtet, sein ruhiger Anstieg in die Nebelwolkenwelt der tiefenhängenden Staubschwaden verfolgt werden, bis er sich, selten genug, einmal in Gänze zeigte und alle Errungenschaften der Terraner zum Bodensatz verzwergte. Zwischen den Glas – und Stahlspitzen der illuminierten Türme fiel das Augenmerk eines Beobachters der Szenerie sodann von der Bergfront auf das schwirrende Flimmern der unzähligen Positionslichter der Lieferdrohnen, Flugtransporter und Werbeprojektionen, die aufdringlich flackernd in die kalte Außenwelt gestrahlt, im Sandnebel zu verwischen schienen.

Diese Höhen verlassend nahm die Zahl der Observationsmöglichkeiten ab, wie die Zahl der darüber befindlichen Stockwerke zunahm. Grund waren zum einen die statischen Anforderungen an die Außenwände, die Tragfähigkeit fließend zu erhöhen und Einsparungen für einen kurzen Blick in die Weite entsprechend zu verknappen, zum anderen, dass eben jene Weite stetig näher rückte, mit jedem Aufsatz, Anbau und Verbindungstunnel die Baudichte zum Boden hin auswucherte, bis es nicht anderes zu sehen gab als die nächste Strahlenschutzfassade im Schatten der Turmfront. Die Sehnsucht des ehemaligen Savannentieres, Himmel und Horizont zu erblicken, war ein Luxus, der in den Aufpreisen der Observationsplattformen und ihrer jeweiligen Bewirtschaftung ihren Niederschlag fand.

Die Preisspanne der Restaurants in diesen Höhen begann bei 500 Credits für eine Mittagsmahlzeit und stieg von dort weit, weit an. Phan war durchaus kein geiziger Mensch, hatte sogar einen Hang zum guten Leben, wo es sich einmal finden ließ, allein die Auftragslage war für ihn und seinen Partner Olf Meatball Thomsen seit einigen Standartmonaten ausgesprochen schlecht. So erlaubte es ihm das derzeitige Budget nur, hier im Miners Inn zu sitzen und in seinen Synthoproteinen herumzustochern.

Das Inn war wie die meisten Lokalitäten eine Ansammlung von halb fertigen Provisorien und grellem Displayleuchten. Der Umzug des Großteils der Menschheit in die unbesiedelten Räume des Systems Sol im Zuge des Green War und der Great Flood hatte zwangsläufig zu einem pragmatischen Verhältnis der neuen Bewohner zu ihrer lebensfeindlichen Umgebung geführt: die allgegenwärtigen Kabel und Schläuche, frei liegend an Decken und Wänden, zeigten, dass die Luftversorgung intakt und Temperaturregulierung funktionsfähig war, die häufige Enge, die schmalen Tische, die niedrigen Decken waren einem Raumanzug jederzeit vorzuziehen und die allgegenwärtigen, meist überreizende Reklame zeigenden Bildschirmfolien, die an die Betonwände geklebt wurden, wenn der Raum für Projektoren zu gering war, boten eine Abwechslung zum grau-weiß der Massivwände.

Auf seinen wenigen Quadratmetern zeigte das Inn die schnörkellose Lieblosigkeit, die der Preis versprach. Wo einst Kühleinheiten und Wettpulte abgerückt und umplatziert worden waren, zogen Farb- und Kratzspuren über den nicht gerade nahtlos gefügten Beton. Der Fetzen einer abgelösten, intransparenten Folie, die zur Verhüllung über die Deckenleitungen gespannt worden war, flatterte in Zug der Luftventilation und die gold-gelbe Werbung einer bekannten Synthobierbrauerei erwachte laut grüßend, jedes Mal, wenn ein neuer Besucher die Lokalität betrat.

»Wo bleibt der Fettsack?«, grummelte Phan entnervt vor sich hin, seinem Partner die dritte Nachricht vom Kommunikator sendend, »Lässt doch sonst keine Mahlzeit aus.«

In der Tat musste Olf Thomsen als gut genährt bezeichnet werden. Der Abwesende hatte eine fatale, und, wie Phan häufig spottete, nahezu erotische, Beziehung zu hoch angereicherten Fructoseprodukten, insbesondere jenen mit Schokoladensurrogaten. Der hünenhafte Europäer, wie die Bewohner des Jupitermondes genannt wurden, hätte schon seit einer Viertelstunde hier im Inn sitzen sollen, um zu besprechen, ob es nicht an der Zeit sei, den Mars zu verlassen und mehr am Systemrand nach Arbeit zu suchen, denn Phan hatte allerlei Gerüchte aufgeschnappt, wonach dort draußen erheblicher Bedarf an Könnern ihres Metiers zu herrschen schien.

Gelangweilt schenkte Phan der nächsten Bildschirmfolie seine Aufmerksamkeit, während er ein Kohlenhydrat-Bällchen zerkaute. Der lokale Nachrichtenkanal von Nea Polis, des größten Ballungsraumes des Systems, war eingeschaltet. Ein Sprecher, sich erkennbar Mühe gebend, die neuesten Ereignisse als bedeutend zu verkaufen, wischte sich eine Träne von der Wange:

»Danke, Susan, für diesen eindringlichen Bericht von der Rennstrecke. Wir alle sind in Gedanken bei den Angehörigen der Unfallopfer.«

Hinter dem Sprecher änderte sich die Projektion und zeigte einen unscheinbaren Mann Ende vierzig in Anzug und mit müdem Gesicht.

»Achtung, geehrte Mitbürger!«, zeitgleich mit dem Thema hatte sich der Gemütszustand des Sprechers gewandelt, der mit leicht zusammengezogenen Brauen und schmalen Lippen den Ernst des zu Sagenden vorwegzunehmen suchte, »Der Sicherheitsservice der Hosako Agricultural Corporation erbittet Ihre Mithilfe. Seit 9:35 Uhr lokaler Zeit gilt der hier zu sehende Urs Schumann als gesucht. Im Zuge laufender Ermittlungen fahndet der Sicherheitsservice nach dem Verdächtigen im gesamten Metropolgebiet mit Schwerpunkt auf den planetaren sowie interplanetaren Transporthubs, da mit einer baldigen Flucht aus Nea Polis zu rechnen sei. Schumann, Alter siebenundvierzig Jahre, ist einen Meter neunundsiebzig groß, seine Körperhaltung wird als eher spannungslos angegeben. Erkennungsmerkmale könnten eine dunkle Aktentasche sowie ein graues Jackett sein, falls beides noch nicht gewechselt wurde. Schumann könnte bewaffnet sein.«

Leise pfiff Phan anerkennend und regelte im Foliendisplay die Lautstärke höher.

»Mit der H.A.C. legt man sich lieber nicht an.«, sprach er in Gedanken zu dem Gesuchten, »Na, Schumann, du kleine Unionant, was hast du angestellt?«

Unionant – Ameise der Großkonzerne – war ein gängiger, wenn auch pejorativer Ausdruck für kleine und mittlere Angestellte der Unions, Menschen, die den verwaltungstechnischen Unterbau der alles beherrschenden Firmen, Korporativen und Handelshäuser ausmachten und im Klischee, stets im billigen Konformismus lebend, in den Schnellschweberöhren zwischen Konzernzentrale und Wohntürmen hin- und herpendelten. Der Nachrichtensprecher versuchte so etwas wie Verachtung in seine Stimme zu legen:

»Der Flüchtige wurde zuletzt um 11:03 Uhr Lokalzeit in der Hauptebene des Zentraldistriktes 2 gesehen, wie er eine Robokabine in die Richtung der nördlichen Subs genommen haben soll. Der Sicherheitsservice der H.A.C. ermittelt in dringendem Verdacht des Datenbetrugs und erbittet Unterstützung.«

»Ah, Schumann, Schumann, Schumann«, belehrte der amüsierte Phan das Bild des Flüchtigen kopfschüttelnd, »Du gieriger Sesselfurzer hast Informationen an die Konkurrenz verscherbelt. Muss was Sensibles gewesen sein, dass sie öffentlich nach dir fahnden lassen.«

Unnachgiebige Härte hatte sich in die Stimme des Ansagers geschlichen, als er nach kurzer dramatischer Pause fortfuhr:

»Um die schnellstmögliche Ergreifung des kriminellen Subjektes zu garantieren, hat der H.A.C. Sicherheitsservice eine Belohnung von zwei Millionen Credits ausgelobt, welche auch im Falle einer exterminierenden Festnahme ausgezahlt werden. Für alle weiteren Informationen sowie eine rasche Kontaktaufnahme wenden Sie sich bitte an die zuständige Dienststelle über die gängigen Kom-, Nachrichten- und Matrixkanäle. Die H.A.C. bedankt sich im Vorhinein für Ihre Kooperation und Unterstützung.«

Phan verschluckte sich beinahe:

»Zwei Millionen Credits? Legale Tötung? Schumann, was, bei allen schwarzen Löchern, hast du da weitergegeben?«Er konnte nicht anders als den Gesuchten mitfühlend zu tadeln. Von diesem Geld konnte eine kleinere Familie ein Jahr lang gut leben. In den Armenvierteln der Stadt würde der Geflüchtetenicht einmal dem liebenswürdigsten Mütterchen trauen können.

»Idiot, was hast du dir denn gedacht? Dass Du da ´rausspazierst und einfach dein neues Leben anfängst? Den nächsten Kryotransport zum Pluto nehmen und dort die Füße hochlegen? So läuft das nicht, Kumpel.«

Der Gedanke an die hohe Belohnung ließ Phan kurzzeitig ins Träumen geraten. Zwei Millionen Credits. Einen solchen Betrag hatte Phan noch nie in seinem Leben auf seiner ID-Karte verschreiben können. Und er zählte noch zu den Glücklichen, deren Existenz dokumentiert war, obwohl er keinem Konzern angehörte. Als zum Ende des 21. Jahrhunderts das Bargeld abgeschafft worden war und die meisten Konsumenten ohnehin nur noch Kredite aufnahmen, um ihre alten Schulden begleichen zu können, war es zu einer Umdeutung des Zahlungsmittels gekommen. Mit der ausufernden Verschuldung waren die Menschen dazu übergegangen ihre gegenseitigen Rückstände miteinander zu verrechnen und sich gegenseitig Kredite zuzugestehen.

Wichtig war nur, dass die Person offiziell existierte und im allgemeinen Kreditsystem aufgeführt war. Ein Umstand, der für Tausende, die ihr Leben ohne gültige Papiere verbringen mussten, einen endlosen Albtraum sich perpetuierender Armut bedeutete, war es ihnen schließlich unmöglich, den meisten Arbeiten nachzugehen, da Ihnen die Zahlungswege, um ein Gehalt entgegenzunehmen, verschlossen waren. Ohne Zahlungseingänge konnte der Erwerb einer Identitätskarte und die jährlichen Updates jener aber nicht ernstlich erwogen werden, wenn nicht zufällig Bekanntschaft mit einem guten Fälscher bestand.

Hast du was, bist du was, hatte es einst geheißen. Mit dem Kreditsystem galt hingegen, hast du was, bist du wer.

Doch wurde Phan rasch auf andere Gedanken gebracht, denn schon änderte sich erneut die Bildschirmoberfläche, um die Portraits dreier ungewöhnlich attraktiver Männer zu zeigen, wobei sich die Mimik des Sprechers in eine Ambivalenz aus Nachsicht und Bestürzung verwandelte.

»Und nun etwas, dass unser aller Herzen brechen wird. Die wohl bekannteste Beziehung des Systems scheint vor ihrem Aus zu stehen. Wie aus den engsten Kreisen bestätigt wurde, hat sich Ahmad Al´Ard, Berühmtheit der Matrixunterhaltung, von seinen beiden Lebenspartnern Rajid Van Roolm, Centerguard bei LunaWoolf ´97, und Esteban Ortega, Rennpilot, getrennt. Er habe seit seiner letzten Produktion das Bedürfnis nach einer Neuorientierung, ließ der Schauspieler vermelden, und brauche jetzt erst einmal ein wenig Zeit für sich. Eine Stellungnahme der beiden Verlassenen lässt noch auf sich warten, Insider sprechen jedoch von einem tränenreichen ...«

Phan hatte die Übertragung stumm gestellt. Er war gelangweilt. Kurz trommelte er, in einem schlechten Versuch den Rhythmus eines, er wusste nicht wann, aufgeschnappten Liedes zu reproduzieren, auf der schmalen Tischplatte, unterbrach für einen gedankenlosen Moment und begann erneut. In der Tat, es fiel ihm schwer, mit Untätigkeit umzugehen. Meatball hatte dies schon mehrfach spöttisch bemerkt, worauf Phan in der Regel erwiderte, dass seinem korpulenten Partner das Fehlen von Aktivität hingegen sehr zu liegen schien. Wo blieb er nur? Einer besseren Option beraubt, drehte Phan die Lautstärke wieder hoch, hoffend, keine weiteren Berichte über das Leben berühmter Menschen hören zu müssen. Er wurde nicht enttäuscht. Dem Moderator war die Troststimme abhandengekommen und der Versuch, versierte Expertise auszustrahlen, hatte deren Platz eingenommen:

»Konzernpolitik, meine Damen und Herren, soll im Zentrum unseres nächsten Beitrages stehen. Vielleicht kennen auch Sie einen Anleger oder sind selbst Besitzer von Anteilsscheinen des von Moonriver Interspace aufgelegten Saturn X Hyperdrome Projektes? Nein? Dann haben Sie Glück gehabt. Moonrivers Versuch die Kavernen von Janus in lukrativen Wohnraum umzuwandeln sind, wie wir seit nun einer Woche wissen, an grotesken Fehlkalkulationen und explodierenden Kosten gescheitert. Nun rollen die Köpfe. Folgen Sie mir in einen Sumpf der Anschuldigungen und Denunziationen, als …«

Erneut unterbrach der Wartende die Übertragung. Nicht nur war sein Interesse an den Vorhaben der Konzerne bestenfalls gering ausgeprägt, solange sie sein Leben nicht unmittelbar berührten, sondern war von der gegenüberliegenden Seite des Inns zudem eine zusätzliche Beschallung entstanden, als ein vorzeitig gealterter Herr mit schnapstrüben Augen vom Tresen seinen Weg zu einer Musikeinheit gefunden und eine Gitarren lastige Nummer über die Leichtigkeit des Tanzens eingeworfen hatte. Phan war es gleich, eine Ablenkung war so gut wie die andere.

Meatball, ansonsten durchaus ein Mann mit Organisationssinn, war nun schon über eine halbe Stunde zu spät. Ob ihn etwas aufgehalten haben könnte? Warum reagierte er nicht auf die Nachrichten auf seinem Kommunikator? Phan war bestimmt nicht um seinen Partner besorgt, wenn jemand auf sich aufpassen konnte, so war es Olf Thomsen, aber er verspürte Ungeduld in sich, nicht nur des Wartens, sondern auch der seit Langem anhaltenden Beschäftigungslosigkeit überdrüssig. Die meiste Zeit war er ein aufregenderes Leben gewöhnt.

Es war ein Leben zwischen Hangars und Bars, Planeten und Raumstationen. Ein wildes und bewegtes Leben, das den meisten unbekannt war. Die Mehrheit der Terraner waren Teil eines Konzerns und dieser war die bestimmende Konstante in ihrem Leben. Nach einem Talent-Screening schon in jungen Jahren wurde eine entsprechende Verwendbarkeit für Sie gefunden und ihre Ausbildung zweckgerecht angepasst. Ihre Familien arbeiteten mehr oder weniger direkt für dieselbe Union. Freunde, Umfeld, erster Kuss, es gab kaum etwas was sich außerhalb dieses geschlossenen Sozialraums abgespielt hätte. Und so verwuschen die Trennlinien zwischen der Arbeit und dem eigenen Leben, zwischen Familie und Firma. Nicht ohne Grund spotteten einige, was einst als Corporate Identity begonnen hatte, wäre zur Incorporated Identity weiterentwickelt worden.

Für den jungen Mann war die Vorstellung eines solchen Lebens nichts anderes als die perverse Vertraulichkeitsversion eines Gefängnisses. Und zumindest unbewusst musste es viele Gleichdenkende geben, denn nichts verkaufte sich so gut wie die Fluchtmöglichkeiten aus dieser Alltagstristesse. Angefangen von Sportveranstaltungen über Speed-Bike-Rennen im weiten Staub der Felsen bis hin zu digitalen und biochemischen Toren in andere Welten, stieg keine Nachfrage so rasant wie die nach Unterhaltung.

Phan war kein sehr gebildeter Mann, er besaß Straßenintelligenz und wachen Verstand, was für ihn völlig ausreichend war, tiefergehendes Wissen vom Menschen und Universum ging ihm hingegen ab. Hätte er jedoch eine historische Theorie erdenken müssen, eine Triebfeder der menschlichen Entwicklung, so hätte er einen andauernden Anstieg von Langeweile und Unterhaltungsbedürfnis postuliert. Der neue Mensch schuftete in seinem Konglomerat oder langweilte sich und beides machte ihn nervös. Diese stete Unruhe zu kanalisieren, Ablenkung zu schaffen, wurde zur Notwenigkeit, einem neurotischen Zwang. Medikamente zur Aufheiterung gehörten für viele zur Frühstücksroutine. Für andere war es der klassische Alkohol.

Hier blieb er mit seinen Gedanken hängen. Alkohol zur Überbrückung der Langeweile schien ihm eine passende Idee zu sein. Er begann im Menü des Tischdisplays nach den Preisen Ethanol versetzter Getränke zu suchen, als die Automatiktür sich öffnete, doch stellte Phan enttäuscht fest, nicht Thomsen im Stahlrahmen zu erblicken, sondern nur einen unrasierten Mechaniker, der sich einem Platz im hinteren Imbissbereich zu suchen schien.

Phan beobachtete den Mann aus den Augenwinkeln, während er 400ml fünfprozentiger Ethanol-Wasser-Mischung (Geschmacksbasis: malzig herb) bestellte und sich eine Zigarette anzündete. Der Angekommene nickte grüßend in unbestimmte Richtungen und bewegte sich gezielt auf einen alleinstehenden Sitzplatz zu; ein Stammkunde.

Es gehörte zu Phans professionellen Instinkten, seine Umgebung genau zu prüfen, und so bemerkte er den präzisen Gang des Mechanikers sofort. Dieser hob die Füße bei jedem Schritt ein wenig zu hoch über den Boden, gleich einem Menschen, der gewöhnt war, über Hindernisse und Unebenheiten hinweg zu steigen und dies zudem rhythmisch und geschwind zu tun.

Phan erkannte die tiefliegenden Verhaltensmuster eines Veteranen unter den Schichten des schlechtsitzenden Zivillebens.

»Wo hast du wohl gedient?«, befragte er den Mechaniker stumm, »Körperlich genug, um dir ins Blut übergegangen zu sein, war es auf jeden Fall, damit sind die Flottenkräfte schon mal ´raus, aber ausreichend technisch, um nachher als Schrauber weitermachen zu können, mmh ... bei den Marines warst du also auch nicht. Komm schon zeig mir ´was, gib mir ´nen Tipp.«

Und in der Tat, als hätte der Mann ihn erhört, krempelte sich dieser die Ärmel des Arbeitshemdes hoch, als ein Robotablett ihm einen dampfenden Teller aus dem Schnellerhitzer brachte, dabei eine dunkelbläuliche, fast schwarze Tätowierung auf dem muskulös sehnigen, linken Unterarm entblößend, die Phan aufgrund der Entfernung jedoch nicht erkennen konnte.

Unauffällig eine Schwade blauen Qualmes ausstoßend betastete Phan seine linke Handfläche, unter deren Haut das Control Panel für sein Cyberauge implementiert war. Mit einigen schnellen Einstellungen erhöhte er die Vergrößerung und passte den Helligkeitskontrast an das Halbdunkel des Inns an. Diese Cybertech, von einem natürlichen Auge kaum zu unterscheiden, hatte ihm einst einen ganzen Jahreslohn gekostet, war ihm aber jeden einzelnen Credit seitdem wert gewesen und hatte ihm fast so häufig das Leben gerettet wie seine Iron Lady.  Im Gegensatz zu seinem Partner, der über einen Cyberarm, ein Infrarotmonokel und diverse Neuronalbooster verfügte, war Phan im allgemeinen Cybertech skeptisch gegenüber eingestellt. Nicht dass er ein Anhänger des Gedankens gewesen wäre, ein Körper müsse rein organisch aufgebaut sein – eine Theorie, der irgendwie der Sprung von der Erde in den Rest des Systems gelungen war – nein, Phan war schlicht zu eitel, zu sehr von seinem Äußeren überzeugt, als dass er sich hätte in ein metallisches Ersatzteillager verwandeln wollen. Selbstverständlich hätte er auch auf anatomisch angepasste Ware zurückgreifen können, auf Kunsthaut über den Prothesen, die perfekt auf seinen Ton abgestimmt war, aber dies überstieg zumeist seine Liquidität. Nur der Nanocam-Retina mit der perfekt angepassten Augenfarbe hatte er nicht widerstehen können und sie hatte sich seitdem immer wieder als nützlich entpuppt.

Wie auch in diesem Moment: auf dem Unterarm des Fremden konnte er das Akronym U.S.F. H.I.B. 217 über einem Panther mit mechanischen Tatzen sowie leuchtenden Augen erkennen.

»U.S.F. H.I.B. … United Space Fleet … Heavy Infantery Battalion … bei den Big Boys hast du damals deine Kohlenhydrateinheiten verdient.«, dachte Phan anerkennend, »Vielleicht sogar als Mech-Pilot? Wer weiß ...«

Eine Kellnerin erschien vor ihm, ihn, das kühle, kurz zuvor georderte Synthobier auf dem Tisch abstellend, aus seinen Gedanken reißend.

»Na, gefällt es dir bei uns?«, fragte sie mit einem bezaubernden Lächeln und gekonnten Augenaufschlag. Phan brauchte einen Herzschlag lang, um in die Gegenwart zurückzukehren und mit einem schnellen, doppelten Blinzeln die Einstellungen seines Auges wieder auf automatisch zu stellen.

»Wir haben auch Matrixeinstiege und eine Auswahl von Tranquilizern im Angebot, falls du dich entspannen möchtest.«, fuhr sie kichernd fort auf einige dunkle Kabinen auf der anderen Raumseite des Inns deutend. Natürlich war sie nicht gekommen, ihm seine Bestellung zu bringen, dachte Phan, dafür gab es schließlich die überall herumschwebenden, mit ihren zahlreichen Mikropropellern ein stetiges sanftes Säuseln verursachenden Tabletts mit den kleinen Displayeinheiten an der Seite. Nein, eine Kellnerin hatte den Auftrag, Speisen, Getränke und Unterhaltungsmöglichkeiten des jeweiligen Etablissements an die Kundschaft zu verkaufen. Das Lächeln und das aufgesetzte naive Kichern gehörten dabei zum Standardrepertoire der Vermarktung.

Verspielt wickelte sie eine magenta gefärbte schulterlange Haarsträhne um den Zeigefinger ihrer linken Hand. Sie war von hohem, schlankem Wuchs, so wie ihn Bewohner von Planeten niedriger Schwerkraft aufwiesen, doch war ihr Basic – die außerhalb der Erde gesprochene Verkehrssprache, eine Mischform jener Ausdrücke, welche im mittleren 21. Jahrhundert in den unterschiedlichen Matrixvorläufern am stärksten verwendet wurden, insbesondere postmodernen Englischs mit diversen asiatischen Einfärbungen – sehr klar, ja fast akzentfrei, als sei sie, wie Phan selbst, hier auf dem Mars geboren worden. Doch dafür war ihr Körperbau zu ektomorph.

»Deimos oder Phobos?«, fragte Phan sie, ihre Vorschläge ignorierend, nach den beiden Monden des roten Planeten.

»Oh, nicht schlecht, der Herr.« lachte sie diesmal ehrlicher, »Deimos, Swift-Crater, um genau zu sein.«

»Wirklich? Ich war paar Mal bei euch dort oben gewesen. Seit wann bist du denn schon auf dem guten alten Mars?«

Der Stolz der Zugezogenen, die sich eine neue Heimat zu eigen gemacht hat, färbte ihre Stimme:

»Drei Jahre.«

»Na, dann bist du ja bereits alteingesessen.«, erwiderte der Sitzende freundlich anerkennend, »Wie bist du denn hergekommen?«

»Ich bin geflohen.«, scherzte die Kellnerin zu ihm herab,»Meine Eltern sind dort bei Cho-Silicats in der Regolith-Verdichtung tätig. Wollten eigentlich, dass ich es wie sie mache, hab daher die ganze Ausbildung bei Cho mitgemacht, seit ich fünf war: konzerninterne Schule, Skill-Profile, um mich schon von Anfang an bestmöglich integrieren zu können, der ganze Kram, das war mir zu strikt. Da bin ich nach Nea-Polis gekommen. Und selber? Von hier?« Eine typische Geschichte, fand Phan, auch wenn es bedeutete, dass die vor ihm Stehende wesentlich jünger sein musste als sie auf den ersten Blick erschien.

»Ja, ein Capital-Kid durch und durch.«, grinste er und durchwuschelte seine schwarzen Haare zerstreut. Die Darstellung des tapsig-süßen Kerls gelang ihm immer hervorragend.

Die ehemalige Mondbewohnerin blickte sich einen Moment im Inn um, ob sie an anderer Stelle benötigt würde, doch schienen die wenigen anderen Gäste in hohem Maße bereit zu konsumieren, sodass ihre Verkaufskünste nicht benötigt wurden und sie sich auf der anderen Seite des schmalen Duromertisches niederließ.

»Darf ich?«, bat sie, eine Hand nach Phans Zigaretten ausstreckend.

»Oh, klar, nimm dir.«, antwortete er, ihr die Packung zuschiebend und in einer seiner Hemdtaschen nach einem Feuerzeug suchend.

»Das ist ja antik!«, rief sein Gegenüber prustend aus, als er das verchromte Objekt hervorgekramt und eine bläuliche Flamme entzündet hatte, über welche sich die Kellnerin beugte und anschließend begann, amüsiert Rauch in seine Nähe zu pusten.

»Ja, vermutlich.«, lachte er ebenfalls, »Funktioniert noch mit Benzinverbrennung anstatt eines Glühdrahtes, was manchmal echt nicht leicht zu beschaffen ist, aber ich mag es.«

»So eine Art Glücksbringer?« Sie betrachtete das Feuerzeug neugierig.

»Eigentlich nicht.«, lachte Phan erneut auf, »Ich mag einfach nur das Design und den Geruch des verbrennenden Benzins, aber ich glaube nicht an Glück oder Schicksal.«

»Nein? Nicht einmal an Origin?«, fragte sie etwas enttäuscht.

Origin? Bitte verschone mich mit solchem Schwachsinn. Phan spottete innerlich, behielt sein Jungengrinsen jedoch ohne Unterbrechung bei. Nachdem die Menschheit die Planeten des Systems erkundet hatte, bedeutete dies das Ende der Astrologie und des damit einhergehenden Aberglaubens, der aber schnell ein neues fruchtbares Terrain gefunden hatte: kulturelle Abstammung.

Da sich mit dem Übergang vom Staatswesen zum Konglomerat der Narrativ der Nation erübrigt und mit dem Sich-Ausbilden des Basic als allgemeiner Kommunikationsmethode sowie der terrestrischen Vermischung in den neuen Siedlungen kulturelle Differenzen nivelliert hatten, wurde aus der Herkunft, was es vermutlich heimlich schon immer gewesen war, ein Hirngespinst für Teenager und andere Identitätssuchende. Sage mir, woher du kommst, und ich sage dir, wer du bist.

»Nicht wirklich und du?«, war die arg verkürzte Version seines Gedankenganges, die er ihr zur Antwort gab.

»Und ob! Ich zum Beispiel stamme aus einer Familie, die hauptsächlich australisch war, aber irgendwie hatten sich da auch ein paar Kalifornier hinein verirrt.«, sie schaute wichtig und freudig zugleich, als habe sie ein großartiges Spiel eröffnet, »Daher bin ich Überlebenskünstlerin und Optimistin. Rau und kreativ. Ich finde, das stimmt total.«

Sie betrachtete Phan aufmerksam. Er hatte die äußerlichen Merkmale ost-asiatischer Herkunft, daher versuchte sie einfach zu raten.

»Du bist bestimmt chinesisch, deshalb hast du auch das uralte Flammdings, weil dein Origin eine furchtbar alte Kultur ist!« Sie blies, um ihre Worte zu unterstreichen, erneut blauen Qualm aus und schien stolz ob ihres detektivischen Gespürs.

»Fast, aber knapp daneben.«, führte der Ausgeforschte die Unterhaltung unmotiviert fort.

»Dann musst Du mir deinen Namen sagen!«, forderte die Kellnerin streng, aber lachend.

»Phan. Phan Li.«

»Aber Li ist chinesisch, da bin ich sicher.«, triumphierte sie fröhlich, doch Phan unterbrach sie:

»Singapur. Mein Origin ist singapureanisch, aber das besagt nichts.«

Die junge Frau ließ sich hiervon aber kaum den Schwung nehmen:

»Ah, dann bist du ein listiger Diplomat und gewissenhafter Händler.«

»Falsch, ich bin ein Killer.«, unterbrach er sie, des Gesprächs überdrüssig.

Sie lachte, aber diesmal war es wieder das einstudierte Verkaufsgelächter. Ihre Zigarette war aufgeraucht. Sie erhob sich.

»Ich muss dann wieder.«, entschuldigte sie sich.

»Sicher. War nett mit dir zu plaudern.« Phan hatte seine Jungenhaftigkeit wiedergefunden.

»Ja, genau.« Unsicher entfernte sie sich, unschlüssig was von ihm zu halten sei. Es war nicht das erste Mal, dass seine unverblümte Ungeduld einem kleinen Flirt oder Smalltalk im Weg stand. Er war entweder unwillig oder unfähig, ein brav applaudierender Bestätigungslieferant zu sein, vermutlich sogar beides. Für das Ertragen kindischer Banalitäten fehlten ihm Einsicht und Geduld. Überhaupt musste die Ungeduld als eine seiner größten Schwachstellen angesehen werden, wie sich an diesem Tag ein ums andere Mal zeigte.

Es war nun bald eine Stunde, welche er nun schon wartend zubrachte. Gelangweilt regelte er die Lautstärke am Nachrichtenkanal wieder hoch:

»… trennen sich die Golden Panthers von den Guardians of Arcania eindeutig mit 5:2 und bleiben damit auch im dritten Ligaspiel in Folge ungeschlagen. Klarer Matchwinner war cascadian666, der mit seinem Support-Magier Archibaldo an mehr als zwanzig Kills beteiligt war. Mehr zum Matrix-Sport in einer halben Stunde, bis dahin die Verkehrsmeldungen. Gütertransportröhre 17a ist seit dem Morgen wegen Wartungsarbeiten blockiert, bitte verschicken Sie keine Objekte entlang dieses Transits, es behindert die Reparaturen. Zudem erreichen uns Meldungen, dass in Zentralebene 3 gegen 15:00 Uhr lokaler Zeit ein Atmosphären-Dichtungstest durchgeführt wird, bitte meiden Sie den Bereich großräumig. Sollten Sie orbital unterwegs sein, so beachten Sie unbedingt die Flugverbotszone nördlich des sechzigsten Breitengrades wegen des andauernden Terraforming-Projektes. Interplanetare Routen werden über Startstreckenzuweisung ...«

Phan schaltete wieder aus. Nichts als Belanglosigkeiten. Das Projekt 24th Century Atmosphere, auch als Terraforming-Projekt bekannt, lief nun schon seit zwei Dekaden und soweit Phan sagen konnte, hatte sich nicht viel an der Gravitation geändert.

Von dem Augenblick der raschen Besiedlung an, kämpften die neuen Einwohner mit ihrer lebensfeindlichen Umgebung und der fehlenden Atmosphäre. Der Mars entbehrte nicht nur der Atemluft, die in den allgegenwärtigen Rezykliereinheiten gewonnen wurde, sondern auch Strahlungsschutz und Normaldruck. Lecks und Undichtigkeiten gehörten daher zu den größten Gefahren der interplanetaren Besiedelung. Ein Atmosphärenaustritt, auch ohne Todesopfer, führte zu gravierendem Temperaturverlust und Explosion aller verschlossenen Gerätschaften, sobald sie dem Unterdruck ausgesetzt wurden, ohne hierfür konstruiert worden zu sein, da enthaltene Gase keinen Gegendruck mehr vorfanden. Dies hatte über die Jahre stetige Kosten verursacht, sodass der langfristige Aufbau einer planetaren Atmosphäre vielen Senatoren als die billigere Alternative erschien.

Eine Atmosphäre anzureichern und aufzuheizen wäre an für sich ein Kinderspiel, ja ein Automatismus, der unter anderem zum Verlassen der Erde geführt hatte, jedoch besaß der Mars schlicht nicht genug Masse und somit Anziehung, um die ganzen ausgestoßenen Emissionen seiner wachsenden Bevölkerung bei sich zu behalten, und verlor selbe stattdessen an die Weiten des Alls. Ingenieure des Senats hatten daraufhin den Plan entwickelt, den Mars gravitativ anzureichern.

Im Grunde liefen diese Anstrengungen auf ein ewiges Wettrennen mit dem Zentralstern hinaus, denn selbst wenn der Mars mit höherer Schwerkraft in Lage gewesen wäre, eine dichtere Atmosphäre zu halten, fehlte ihm dennoch das Magnetfeld, um die tosenden Sonnenwinde abzuwehren, welche regelmäßig die ungeschützten Improvisationsschaltkreise in den Armutskolonien verschmorten. Die Menschen müssten kontinuierlich mehr Treibhausgase imitieren als die Ionenstürme wieder entreißen könnten. Doch schien es genug Personen im Terranischen Senat zu geben, die in diesem Punkt recht optimistisch waren. Die Aussicht, die nicht atembare Sandluft gegen eine lebensfrische Brise einzutauschen, war wohl der Verlockung zu viel, insbesondere da eben jene Vermischung von Gas und Geröll trotz ihrer dünnen Zusammensetzung überdies vermochte, bleierne Stürme über die ockerfarbenen Täler und Ebenen zu jagen, ein klimatischer Umstand, dessen Entledigung nicht weniger herbeigesehnt wurde als von Schläuchen und Sauerstoffbehältnissen befreite Atemzüge. Entsprechend hatte sich die Zielsetzung ergeben, den roten Felsenplanten kontinuierlich zu mästen.

Dies geschah über zwei Methoden: der Asteroidenkollision und der Neutroniumforschung. Während zweite noch in den Kinderschuhen steckte, war erstere durchführbar und wurde sofort zur Anwendung gebracht. Mittels Raketenbeschusses wurde die Flugbahn mittelgroßer Asteroiden aus dem Belt in geringen, doch gut berechneten, Winkeln so manipuliert, dass die großen Gesteinsbrocken in der Nähe der Pole aufschlugen und somit zwei Probleme lösten: sie trugen mit ihrer Masse zur Gravitation des Planeten bei und wirbelten im Aufprall Staub, Wasser und Wärme in die Atmosphäre. So einfach dieser Plan zuerst erschien, so kompliziert entpuppte er sich im Detail, war denn nicht nur die Mechanik der Bahnexzentrizität dieses „Billardstoßes“ aufwendig zu berechnen, sondern musste zudem auch die Tektonik des Mars berücksichtigt werden. Zu große Asteroiden hätten Erdbeben und Vulkanausbrüche verursacht, zu kleine trugen nicht genug Masse als das sich ihr Abschuss gelohnt hätte.

Das große Crescendo allerdings würde das Einverleiben der beiden Marsmonde werden. Dies würde ohnehin geschehen, wenn der rote Planet erst einmal über eine höhere Anziehungskraft verfügen würde, jedoch wäre ein unkontrollierter Absturz der Himmelsobjekte das Todesurteil für alle auf dem Mars lebenden Menschen. Stattdessen würden die Terraformer Deimos und Phobos in verdaubare Stücke zerlegen, die nach und nach aus ihrer Bahn gelöst wurden. Der auf den Monden stattfindende Bergbau war hierfür grundlegende Voraussetzung, trieben die Mineure doch Monat für Monat tiefere Tunnel in das Regolith, in denen die schweren Detonationen, welche die Kolosse einst zerreißen würden, vorbereitet wurden. Und bis zu diesem Zeitpunkt konnten sie auf das vortrefflichste ausgebeutet werden.

Alles in allem sprachen Optimisten davon, in einhundert Jahren vielleicht schon zwei Drittel der Erdgravitation erreichen zu können. Für reiche Eliten mit Ageing-Block-Enhancement im Genom war dies ein ferner, doch noch zu erlebender Moment. Nicht so für Phan.

Dieser hatte seine Aufmerksamkeit wieder dem Eingang zugewandt. Dort waren soeben zwei Neuankömmlinge eingetroffen, ein Mann Ende vierzig, hager, mit vollem grauem Bart und eine Frau vielleicht zehn Jahre jünger, dunkelhäutig und anmutig. Die beiden ließen sich von der Kellnerin an einen Tisch führen, wobei sie ihre Umgebung genau musterten, und es geschah, dass Phan für einen Herzschlag lang Blickkontakt mit der wachsamen Dunkeläugigen austauschte, und es genügte für beide, um zu wissen, dass sie vom selben Schlag waren:  Nomads.

Nomads – die unsteten interplanetaren Wanderer – waren kein Volk oder sonst wie geartete homogene Masse, sondern ein Sammelbegriff für alle, die sich von den Gesellschaftsstrukturen der Terrestrian Unions abgewandt hatten, um allein oder in kleinen Gruppen ihr Glück zu finden. Unter ihnen waren Aussteiger, die in der Ödnis ihre eigene Gewächshausplantage betrieben, Händlerfamilien, die streunend durch die Galaxis zogen, Räuber, Kopfgeldjäger, Gangs, Anarchisten und rastlose Seelen. Freiheitsdrang und Selbstbestimmung trieben die meisten von ihnen in dieses Leben am Rande der Gesellschaft und so war es nicht verwunderlich, dass viele dieser eigenständigen Geister regelmäßig in Konflikt mit den Unions gerieten und den Kürzeren zogen, was sie wieder einmal zum Weiterziehen zwang. Doch dieses Scheitern und Leiden war es, welches zu einem gewissen Zusammenhalt führte, eine oft raue, doch ernste Solidarität, die den Outlaws ein Überleben sicherte. Und so kannte fast jeder Schmuggler einen ehemaligen Sanitäter, der ihn bei Bedarf wieder zusammenflickte, schickten Gangleader ihre Kinder zu einem alten Historiker, der vor seinen Wettschulden fliehen musste, damit ihnen ein wenig Bildung zu Teil wurde, und tauschten anarchistische Siedler ihre selbst gezüchteten Kaffeebohnen gegen den Treibstoff tätowierter Biker.

Kaum merklich gab die Frau beim Hinsetzen ihrem Begleiter mit einem Nicken in Phans Richtung einen Hinweis und, ohne den Kopf zu drehen, musterte auch jener Phan aus den Augenwinkeln. Allerdings schien er in erster Linie von Hunger getrieben, denn schon bald galt seine ganze Aufmerksamkeit der Speisekarte.

Phan hätte nicht genau benennen können, woran er die beiden als Nomaden des Weltraums identifiziert hatte, es war wohl eine Summe von Indizien. Beide trugen druckbeständige Thermooveralls, die, um einige Ausrüstungsgegenstände ergänzt, das Überleben für kurze Zeit im atmosphärelosen Raum ermöglichten. Darüber trug der Mann einen schweren Werkzeuggürtel und eine weite Weste, unter der, so wollte Phan wetten, mindestens eine Hochtemperaturklinge zu finden war. Was sich in den Weiten des ausgedienten Armeemantels der Frau befand, wollte Phan lieber gar nicht erst fragen. Selbige schien einen ähnlichen Gedankengang gehabt zu haben, denn sie begann unauffällig eine komplexe Folge von Kopf- und Handzeichen zu geben.

Clandestino. Sie beherrschte die geheime Zeichensprache der Schmuggler und Hehler. Phan selber kannte nur eine Handvoll Zeichen, kaum genug, um diskret eine Verabredung zu treffen, doch konnte er zwei der Abfolgen identifizieren: sicher? und Detektoren? Als Phan das Miners Inn betreten hatte, hatte er sich die gleiche Frage gestellt und war nach seiner nun nicht zu kurzen Zeit der Beobachtung zu dem Schluss gelangt, dass der Ort einen sauberen Eindruck machte, zumindest soweit er zu so einer Beurteilung fähig war, konnten doch in jedem Tablett Mikrokameras oder Metallscanner in den Wänden installiert sein. Normalerweise verließ sich Phan in diesen Angelegenheiten auf Meatball, der nicht nur mit seinem Infrarotmonokel Wärmequellen und somit aktive technische Geräte visuell wahrnehmen konnte, sondern auch von vorsichtiger und skeptischer Natur war und stets alle möglichen Lokalitäten und Personen auf ihr Gefahrenpotenzial erforschte.

Sich um eine ähnliche Alltäglichkeit seiner Handlung bemühend, gab Phan eine bestätigende und eine verneinende Antwort, darauf hoffend, seine Unkenntnis dieser vertraulichen Kommunikationsvariante nicht zu sehr erkennen zu lassen. Nicht unbedingt erfolgreich, da die Unbekannte sich ein belustigtes Lächeln kaum verkneifen konnte. Phan blickte entschuldigend drein wandte sich darauf aber wieder dem Bildschirm zu, um etwaige Aufmerksamkeit, die sie vielleicht erzeugt haben mochten, zu zerstreuen.

Die Nachrichten waren unterdessen von einer Reklame unterbrochen worden:

»… Berge, Wellen, alte Städte, doch alles ist nur Illusion? Sind Sie es auch leid, Ihren Urlaub mit einem Matrix-Sensation-Upgrade beginnen zu müssen? Dann kommen Sie zu uns nach Luna-Station 1! Echte Pflanzen, warmes Wasser und eine perfekte Dorfkulisse erwarten Sie! Alles real und erdgetreu! Wir erwarten Sie im Paradies!« Die Werbung endete mit den Bildern einer ausladenden Glaskuppel, in deren Inneren nachgestaltete Palmenstrände mit Schilfhütten von hoch hängenden Radiatoren beschienen wurden, während die blaue Erde über der weißlich-grauen Mondoberfläche am dunklen Himmel stand.

Phan schaltete erneut ab. Wenn nicht bald ein Auftrag hereinkam, würde er sich kaum einen weiteren Aufenthalt in Nea-Polis leisten können, vom Paradies ganz zu schweigen. Indes konnte er das Bedürfnis nach realer sinnlicher Erfahrung nachvollziehen. Zwar erlaubte die Matrix jeden Ort und jede Epoche oder gar Phantasieumgebung zu erkunden, die sich wünschen und erdenken ließ, und mit guten Neuronalkonnektoren war diese Reise sogar zu fühlen, doch war da auch das Wissen um den Illusionscharakter, war einem bewusst, dass der eiskalte Cocktail ein Elektroimpuls und der salzige Meereswind ein digitaler Algorithmus war.

Es gab durchaus Personen, die argumentierten, dass jede Erfahrung am Ende ein neuro-elektrischer Input sei und ob dieser nun von einer warmen Brise oder einem Programm ausgelöst wurde, war für den Sinn, die gefühlte Realität gleichgültig. Einige dieser Anschauung folgenden und über ausreichende finanzielle Mittel verfügenden Dreamer, besorgten sich eine Versorgungseinrichtung, mit der ihr Körper im künstlichen Koma am Leben erhalten wurde, und entschieden, der ewigen Enge der Raumstationen, mit ihrer rezyklierten Atemluft, den Geschmackssurrogaten, Druckkammern und Temperaturisolierungen auf immer zu entkommen und ihr Leben als karibische Piraten, venezianische Kaufleute oder hawaiianische Surfer in der Matrix zu verbringen.

Phan verabscheute diese Lebensweise, die für ihn keine war, sondern vielmehr eine feige und dekadente Form des Suizids. Dennoch fanden die Dreamer immer mehr Anhänger und manch einer von ihnen hatte bereits den vollen Realitätsverlust erlitten und dachte, in der Tat auf einem Schiff oder an einem Strand zu leben.

All diese Gedanken hatten Phan ein wenig schwermütig gemacht und so wechselte er den Kanal von den Nachrichten zum Fenster. Das Fenster war ein Bildschirmkanal, der mit einer Unmenge an Außenkameras in der Stadt verbunden war, so dass man das Panorama der leuchtenden Metropole, Blicke auf Einkaufspassagen oder die hoch aufragenden Konzerntürme wie von einem verglasten Wohnturm der Upper Levels der Oberschicht aus bestaunen konnte. Phan hingegen schaltete die verschieden Perspektiven geschwind durch, bis er das Bild gefunden hatte, das ihn seit seiner Kindheit wie kein zweites faszinierte: die atemberaubende Silhouette des Olympus. Von rotem Eisenoxid überzogen wölbten sich seine mächtigen Flanken über den Horizont und seine Spitze verlor sich weit jenseits der tiefhängenden Staubwolken des Planeten. Phan hatte jenen Berg auf der Erde, den Namensgeber dieses Titanen, nie gesehen, doch fühlte er sich der Ehrfurcht der damaligen Bewohner, die ihre Götter auf dessen Spitze gesetzt hatten, zutiefst verbunden. Wäre er religiös gewesen, er hätte seine Götter auch jenseits der Wolkendecke auf dem hohen Gipfel vermutet, wo sie betroffen und belustigt auf sein winziges Dasein in den untersten Ebenen der Stadt herabblickten und je nach Laune ihm eine Gelegenheit oder ein Hindernis in den Lebensweg warfen.

Er vertrieb all diese Gedanken mit einem Blick auf die Uhr. Eine Stunde und dreiundzwanzig Minuten saß er bereits im Inn. Sein Synthobier wartete auf eine neue Befüllung und seine Unruhe wuchs. Wo blieb der verdammte … die Tür wurde in ihrem glänzenden Rahmen aufgeschwungen und über die Schwelle trat …

Nein! dachte Phan, dessen gedankliche Kinnlade irgendwo in die Nähe der Stuhlbeine gerutscht war. Er blickte auf das Fenster und war kurz davor, seinen Kindheitsgöttern des Olympus die Darbringung eines Opfers zu schwören.

Mit gehetzter Miene und zerknittertem Büroanzug war ein Mann ins Inn gestürzt, kläglich bei dem Versuch scheiternd, seine Atmung zu beruhigen und die Panik aus seinem Blick zu vertreiben. Mit unsicheren Schritten begab er sich an die Bar und bestellte direkt bei der verwunderten Kellnerin einen doppelten Hochprozentigen, leerte das Glas mit der nussbraunen Flüssigkeit in einem Zug und forderte eine zweite Runde.

Unter seinem Arm war eine Aktentasche geklemmt, die er mit paranoider Wachsamkeit zu hüten schien. Schweiß perlte auf seiner Stirn sowie dem von zunehmender Haarlosigkeit heimgesuchten Kopf und dunkle, durch sein graues Jackett tretende Flecken am Rücken und unter den Achseln, verrieten kürzliche, für ihn ungewohnte, körperliche Anstrengungen. Immer wieder tasteten seine unruhigen Finger nach einem Gegenstand, der sich in einer inneren Brusttasche befand und ihm sichtlich half, sich zu beruhigen.

Plötzlich ertönte eine feste Stimme hinter ihm:

»Schumann? Urs Schumann?«

Der Mann, gerade im Begriff, sein zweites Glas anzusetzen, erstarrte in der Bewegung. Das abgeebbte Zittern gewann wieder an Stärke. Hektisch versuchte er seine Hand in das Innere des Jacketts zu führen, doch kam ihm die Stimme zuvor:

»Na, das lassen wir mal besser bleiben. Drehen Sie sich einfach entspannt um und wir können alles friedlich und ohne unnötige Gewalt über die Bühne bringen.«

Der Mann verharrte unschlüssig, dann begann er sich langsam um seine Achse zu drehen, die rechte Hand noch immer im Anzuginneren.

Er blickte in das Gesicht eines athletischen Mannes Anfang dreißig, mit ungeordneten, kohleschwarzen Haaren und wachen Mandelaugen sowie in die Mündung einer silbrig glänzenden, schwer wirkenden Handfeuerwaffe mittleren Kalibers.

Phan grinste frech hinter seiner Iron Lady hervor.

»Machen Sie keinen Unsinn, Schumann. Nehmen Sie Ihre Hand einfach langsam herunter.«

Die weit aufgerissenen Augen des Mannes rasten tierhaft durch den Raum, als könne sich irgendwo im Inn eine Fluchtmöglichkeit eröffnen. Doch da war nur die schwere, von Phan versperrte Stahltür am Eingang, und die unbewegte zum Reißen gespannte rezyklierte Luft, in der Kellnerin und Gäste teils schockiert, teils abwartend die Situation beobachteten.

Dann geschahen mehrere Ereignisse gleichzeitig.

Die glänzende Tür wurde langsam geöffnet.

Der Mechaniker, von einem gut geschulten Überlebensinstinkt getrieben, zog seinen Kopf schützend hinter die Lehne eines freistehenden Stuhles.

Schumann griff in seine Brusttasche, ungeübt ein schwarzes Kleinkaliber hervorziehend.

Eine massige Gestalt zeichnete sich breit im metallischen Türrahmen ab.

Ein Schuss donnerte durch das Inn.

Die Kellnerin warf sich kreischend hinter der Bar auf den Boden.

Kampfbereit griffen die beiden erst kürzlich eingetroffenen Nomads in versteckte Taschen ihrer weiten Kleidung.

Ein roter Kegel frischen Blutes spritze aus einer Austrittswunde über einige Barhocker und ein Schwebetablett.

»Phan, verfluchte Scheiße, was machst du?«, rief die kräftige Person von der Tür, »Welcher Datenspeicher ist denn bei dir durchgebrannt?«

Der noch von einem letzten Restzittern erlahmende Körper Schumanns fiel, von einer schweren Kopfwunde gezeichnet, leblos zu Boden.

»Ich verdiene unser Mittagessen, Fettsack.«, erwiderte Phan gut gelaunt, »Es sieht so aus, als würde sich unsere Abreise doch noch ein wenig verschieben.«

CYCLE_1_EPISODE_2

FILE_CYNTHIA ALVAREZ & ROMAN NOWAK

LOCATION_PICCARD-CENTER & OUTPOST 63 [EUROPA]

TIME_31/3/2222 [STANDARD]_10:37 AM [LOCAL]

TITLE_WE´RE NOT ALONE

Goin´ back, the ol´ country road.Zu dem Banjo und der Mundharmonika gesellte sich eine Fidel, bevor der Refrain erneut angestimmt wurde. Goin´ back, the ol´ country road. Die schnarrende Stimme des Sängers mischte sich mit dem grausam unmelodischen Geraune von Roman Nowak. Soweit es Nowak, oder Wakki wie ihn einige Kollegen umbenannt hatten, betraf, war die New-Wide-Plains-Musik des späten 22. Jahrhunderts, das Beste, was die Menschheit je aus einem Haufen Musikinstrumenten herausgeholt hatte. Ein letztes Mal ertönte der Gesang, dann spielte die Audiostation das nächste zufällig ausgewählte Lied aus dem Genrekatalog.

»Ha, alte Landstraße, schön wär´s.«, brummte Nowak missmutig und blickte in die weite Tiefsee Europas. Die Scheinwerfer seiner Spinne ließen drei Leuchtkegel durch die Schwärze des unterirdischen Ozeans kreisen, die nach einigen Dutzend Metern der Extinktion zum Opfer fielen. Bisher konnte der U-Boot-Fahrer noch keines seiner Zielobjekte ausmachen, wenn er durch die mehrere Zoll starken Frontscheiben lugte, aber er war ja auch erst vor knapp zehn Minuten vom Outpost 63 aus aufgebrochen. Nowak übersprang eine Liebesschnulze, die ihm zu langsam war und wippte fröhlich mit den Beinen im Takt als einer seiner Favoriten abgespielt wurde. Er griff in eine Tasche und fischte ein Sandwich heraus, das vor allem durch einen hohen Anteil fetttriefender Synthoproteine hervorstach.

»Weiß nich` wie die Ecos das aushalten.«, schmatzte der Europäer fröhlich, »Ohne Bacon macht das Leben keinen Sinn.«

Ecos – so die weitläufige, nicht ganz wertfreie Bezeichnung für die Anhänger des Gaia-Kultes – lehnten nicht nur synthetische Nahrung, sondern sogar die Domestikation von Tieren in Gänze ab und aßen, so zumindest erzählten die Gerüchte, nur Fleisch der Fauna, wenn sie es selbst erlegt hatten und auch dies nur zu hohen Feiertagen. Die meiste Zeit ernährten sie sich vegan. Davon war Nowak weit entfernt, wie sich schwerlich verbergen ließ, denn das kugelförmige Volumen seines Bauches trieb sein Fransenhemd im Knopfbereich an die Belastungsgrenze und offenbarte eine Leidenschaft für Steaks und Bier in allen bekannten Variationen. Er biss erneut kräftig ab und blickte auf das Chronometer des Autopiloten. In zwölf Minuten und neunzehn Sekunden würde er die Steuerung übernehmen müssen, bis dahin konnte er sich entspannen, eine Kollisionsgefahr war auszuschließen, da hier zehn Kilometer unter dem Eis und neunzig Kilometer über dem Grund nur jene festen Objekte existierten, welche die Bewohner der Unterwasserwelt gezielt in Schwebe hielten.

Im Großen und Ganzen war das Leben auf Europa gar nicht schlecht, fand Nowak. Der kleinste der vier Galileischen Monde, die den Jupiter umkreisten, war vermutlich die lebensfreundlichste Umgebung, die jenseits der Erde im System Sol zu finden war. Und dies lag an jenem wunderbaren, ihn hier in rauen Mengen umgebenden Stoff, der Essenz der dunklen Tiefen des Trabanten. Denn Europa war ein gigantischer Ozean. Aufgrund der fehlenden Atmosphäre war die Oberfläche der Kälte des Alls schutzlos ausgesetzt, weshalb der Mond vom Orbit wie eine überdimensionierte, zerkratzte Eiskugel erschien und er wäre auch genau dies, würde er sich nicht so nah entlang des Gasriesen bewegen, der mit seiner Gravitation und seinem Magnetfeld an dem kleinen Begleiter zog und zerrte und so den Effekt des Tidal Heating in Gang setzte. Jenen lebensspenden Prozess, in welchem Vulkanismus betrieben sowie die Kristallgitter zerrissen wurden und Elektronenniveaus entarteten, bis auch das letzte Molekül freundlich schwappend Teil der endlos scheinenden Tiefsee wurde.

Denn der größte aller Planeten des Systems war im Gegensatz zu den meisten anderen Bahnenstreunern nicht nur ein Empfänger solarer Energie, nein, er war eine eigene Kraftmaschine. Die Gase des Riesen kollabierten unter ihrer eigenen Anziehung, zogen sich zusammen, entmischten sich und bildeten neue Schichten aus. Bewegungen und Beschleunigungen trieben nicht nur mächtige Winde durch die rot-beigen Sphären, sondern sandten mechanische Wellen, die Energie des Schalls, in den sturmverwehten Himmel, wo sie als Wärme an seine Umläufer abgestrahlt wurde. Der Jupiter sang seinen Monden ein Wiegenlied gegen die Kälte und dem namensgebenden Donnergott gleich breitete er sein Magnetfeld über sie aus und gebot den ionisierten Sonnenstürmen zum Saturn weiterzuziehen.

Unter diesen Bedingungen hatte die Menschheit nach langem und mühsamem Bohren (und diese Bohrlöcher vom Zufrieren zu bewahren war eine andauernde Herausforderung) unter der granitharten Kruste alles gefunden, was sie zum Überleben benötigte. Nicht nur wurde das Wasser zur Hydration, Hygiene und in der chemischen Industrie gebraucht, es lieferte überdies den benötigten Sauerstoff, um die Unterwasserstationen mit der benötigten Atemluft zu versorgen. Und jene die See vor dem Gefrieren bewahrenden Energien konnten ihrerseits angezapft werden, um mächtige Gezeitenkraftwerke zur Stromgewinnung zu betreiben, womit Europas Aufstieg zum Ernährer der extraterrestrischen Menschheit nichts mehr im Wege stand. Alles war da: Wasser, Strom für die UV-Lampen, CO2-Produzenten, selbst Nitrat- und Phosphatverbindungen konnten an der Oberfläche aus Meteoritenkratern gewonnen werden. Alles war da für die Wohlstandgaranten des kleinen Mondes, die Floating Farms.

In diesen im unterirdischen Ozean schwebenden Gewächshäusern, in der Form riesiger, gläserner Kuben, trieben Reis und Soja, Tomaten und Salatköpfe, Orangen und Algen in angereicherter Nährstofflösung, beatmet und bestrahlt, bis sie von Roboterarmen abgeerntet wurden. Ein florierender Handel begann zwischen der Kolonie und Nea Polis, der bevölkerungsreichsten Metropole der Terrestrian Union, aufzuleben, als Monat für Monat mehr Raumfrachter in Blöcke gegossenes Eis, tiefgekühlte Früchte und komprimierte Atemgase auf dem Jupitermond einluden, um sie auf dem roten Planeten gegen Industrieprodukte aller Art zu tauschen. Europa hatte die Farmen, der Mars die Fabriken. Es war ein guter Handel. Ein Handel der Siedler in die Kolonie und Piraten in den Belt locken sollte.

Und es war dieser stete Zustrom von Kolonisten, der Nowak zu seiner Arbeit verhalf, denn mit jedem neuen Bewohner wuchs das Abfallproblem, welches drohte, die wertvollste Ressource zu verunreinigen, die Europa zu bieten hatte: das Wasser. So entschieden die wichtigsten Unionmitglieder vom Piccard-Center, der zentralen Unterseestation, das Problem wortwörtlich auszulagern und die Abfälle zur abgelegensten aller Stationen bringen zu lassen. Outpost 63 oder TheDiving Dumpster, wie die meisten Europäer zu sagen pflegten, war die schwimmende Müllhalde des Ozeans und Roman Nowak bekam guten Lohn, um hier draußen mit seiner Spinne feine Nanonetze um die Abfälle zu weben und damit ein Abtreiben in saubere Gewässer zu verhindern. Nein, im Großen und Ganzen war das Leben auf Europa gar nicht schlecht.

Cynthia Alvarez hasste Europa. Seitdem Ihre Raumfähre am Flinders-Port gelandet war, beherrschte die Evolutionstheoretikerin ein zunehmendes Gefühl der Beengung und Atemlosigkeit. Es hatte damit begonnen, dass man sie und ihre Freundin sowie Kollegin Safiya Akua von dem weiten Frachthafen in einer nicht unbedingt für zwei Personen konzipierten Robokabine direkt zu den Schleusen gebracht hatte. Die Schleusen verbanden die eisige Außen- mit der aquatischen Innenwelt des Mondes und waren beeindruckende Bohrkanäle, die sich durch die kilometerdicke Eisschicht zogen. Sie waren nicht weniger als die Lebensadern der Kolonie, verbanden sie indes die unter Wasser liegenden Zonen mit dem Rest des Systems. Permanent waren Roboter im Einsatz, den Bohrradius mit ihren Präzisionslasern konstant zu halten und ein Zufrieren zu unterbinden. Dennoch schwebte das Damoklesschwert einer Gefangenschaft unter der Eiskruste stets über den Europäern, verhielt sich die Tektonik der Eisplatten doch deutlich anders als es klassische Konzepte der Geophysik bisher prognostiziert hatten. Zwar waren die Stationen im Ozean autonom lebensfähig, aber der Gedanke, eine Kilometer durchmessende Tür könne sich über ihrem Kopf jederzeit schließen, behagte Cynthia ganz und gar nicht.

Dazu kam der Druck. Quälend langsam wurden sie in der Schleuse herabgelassen, um den Lungen eine Anpassung an den höheren Luftdruck zu gestatten, der auf den Stationen herrschte. Während auf den meisten Siedlungen der Menschen im System, die sich in dünner bis gar keiner Atmosphäre befanden, der Druck der Atemluft unterhalb von einem bar gehalten wurde, mit dem Ziel, die Belastung der Konstruktionen aufgrund zu hohen Innendruckes und damit die allgegenwärtige Gefahr von Undichtungen zu vermeiden, war es hier auf Europa genau andersherum.

Um dem hohen hydrostatischen Druck des Ozeans etwas entgegenzusetzten, lag der Druck der Atemluft bei einigen Dutzend bar, es war als bewegte man sich durch Watte, den Bewegungen wurde mehr Widerstand entgegengesetzt und alle Geräusche klangen dumpf und unwirklich. Für eine Bewohnerin von Luna, dem Erdtrabanten, die ihr gesamtes Leben in dünnen Atmosphären verbracht hatte, war dies beklemmend und wirkte gleichzeitig wie ein Energieschub, war ihr Körper es gleichwohl gewohnt, Sauerstoff gut im Blut zu lösen, wie es früher bei Berg- und Hochlandbewohnern der Fall gewesen war. Der hohe Anteil des hier zur Verfügung stehenden Atemgases führte zu ungerichteter Aktivität, die sich im nervösen Auf- und Abgehen ausdrückte.

Und dann die Schiffe. Cynthia kannte Raumschiffe und war nicht zwingend ein großer Freund dieser Fähren des Alls, aber Unterseeschiffe waren etwas ganz anderes. Wo Raumschiffe einmal beschleunigt ruhig und konstant weiterflogen und nur bei Kursänderungen Kräfte auf die Insassen einwirkten, mussten sich U-Boote gewaltsam ihren Weg durch das Wasser bahnen. Geräuschvoll ratterten Turbinen, erfassten Strömung ruckelnd das Gefährt und knackten Druckausgleichskompressoren beim Tauchgang in tiefere Bereiche des schwarzen Ozeans. Sie hasste alles an ihnen und war froh gewesen, als sie endlich Piccard-Center erreicht und Ihre Besuchsquartiere bezogen hatten.

»Meine Güte, fühlen die sich alle wichtig.«, Safiya hatte ihre hohe dunkle Stirn missbilligend in Falten gelegt und ihr ausdrucksstarkes Gesicht mit den fast schwarzen Augen verriet innere Anspannung. Vermutlich waren auch für sie die ungewohnten Verhältnisse nicht leicht zu ertragen.

»Nun ja, es ist ja auch ein wichtiger Augenblick.«, entgegnete Cynthia und ließ den Blick in der hohen Kongresshalle schweifen. Dicht aufgestellte Sitzreihen separiert nach Entsendungskomitees, Forschungsgruppen oder Konzernangehörigkeit waren auf eine kleine Rednerbühne ausgerichtet worden, über der in schimmernd grasgrüner Projektionsschrift der Anlass zu lesen war. Sonderfachtagung vereinigter biologischer und biotechnologischer Institute, Piccard-Center, 2222.

So professionell und nichtsagend dieser Veranstaltungstitel auch erschien, er konnte nicht überdecken, was das anstehende Thema für einen Einfluss auf eine Gruppe erwachsener und dekorierter Wissenschaftler auszuüben vermochte. Hektisch und aufgekratzt wurden Hände geschüttelt, Anreiseanekdoten ausgetauscht und die Qualität der jeweiligen Unterbringung verglichen. Es hätte als ein nicht sonderliches Kongressgebaren gegolten, wäre da nicht diese allgemeine infantile Unruhe gewesen, die ein Lachen hier zu schrill und einen Wiedersehensfreudenlaut dort zu grölend hervorbrachte. Alte Studienfreunde befragten einander, ob sie damals erwartet hätten, hier mit dabei zu sein, Koryphäen allerlei Fachrichtungen versicherten ihrer persönlichen Traube ehrgeiziger Vorzeigestudenten, dass der anstehende Moment von ihnen seit jeher vorhergesagt worden und nur eine Frage der Zeit gewesen war, und Vertreter aus Produktion und Wirtschaft verteilten mit gewinnendem Lächeln Matrixadressen für eventuell anstehende Kooperationen, denn man mache sich nichts vor, so eine Entdeckung würde einige Märkte langfristig durcheinanderwerfen, gar keine Frage.

»Ich glaube wir sind hierfür falsch qualifiziert.«, kommentierte Safiya die Szenerie eine schwarze, feine Braue skeptisch hochziehend, »Die Kollegen aus der Verhaltensbiologie hätten anreisen sollen.«

»Haha, ja, genau.«, lachte ihre Freundin zustimmend, »Arbeitstitel: Exzitation von Trockennasenprimaten in selektierter Population bei hochangeregtem aerobem Stoffwechsel.«

»Das ist redundant. Ich habe noch nie von einem anaeroben Trockennasenprimaten gehört.«, korrigierte Safiya. Sie schien nicht weiter zu Scherzen aufgelegt zu sein. Bei ihrer Kollegin verhielt es sich anders.

»Doch, da kommt gerade einer.«, bemerkte Cynthia fröhlich und deutete auf einen übergewichtigen, schwer atmenden Mitfünfziger, der, sich die letzten, verschwitzen Reste seines schütteren Haares aus der Stirn wischend, auf sie zutrat. In der Tat zog ein säuerlicher Geruch mit seiner fettleibigen Kurzatmigkeit zu ihnen herüber, der entfernt an Gärungsvorgänge erinnerte.

»Dr. Alvarez, Dr. Akua.«, begrüßte sie der Schnaufende seine Abneigung kaum verbergend, »Mir war nicht bewusst, dass man das L.I.A.S. auch eingeladen hatte.«

Das Lunar Institute of Advanced Science war der Arbeitgeber der beiden Evolutionstheoretikerinnen und galt innerhalb der biologischen Forschungsgemeinschaft als Ort exotischer Thesenfabrikation jenseits der gängigen Lehrmeinung.

»Aber sicher, Dr. O’Reilly«, antwortete Safiya reserviert, »Alle relevanten Forschungsinstitute sind hier vertreten.«

»Exakt deswegen bin ich so überrascht.«, ließ er sich diese Vorlage, eine Spitze zu setzen, nicht entgehen, lachte dann aber freundlich falsch, um dem Ganzen die Schärfe zu nehmen, »Ein Scherz, meine Damen, ein Scherz. Gucken Sie nicht so böse, Dr. Akua. Der heutige Tag wird in die Menschheitsgeschichte eingehen, da hätte man sogar einige Vertreter der Ecos einladen sollen. Aber vielleicht können Sie beide ja die gewonnen Einsichten weiterleiten, Sie sind ja ganz in der Nähe.«

Ein weiterer Hieb. Aufgrund der unorthodoxen Lehren des L.I.A.S. kursierten schlechte Witze und unbewiesene Gerüchte, wonach das Institut für Biologie Doktrinen des Gaia-Kultes übernommen und mit den Bewohnern der Erde im regen Austausch stehen sollte. Diese Anschuldigungen kamen nicht von ungefähr. Der Erdenmond war im Vertrag des Exodus, in welchem die Spaltung der Menschheit festgehalten worden war, als neutrales Territorium vom Senat sowie den Hohepriestern des Kultes anerkannt worden. Mit dem Ziel eine letzte Schnittstelle zwischen den Terranern zu bilden, wurde es beiden Seiten erlaubt Siedlungen und Handelsstationen auf Luna zu unterhalten, was aber in der Realität auf eine sehr einseitige Nutzung des Erdtrabanten hinauslief. Wo sich neben einigen vom Senat zertifizierten Unions, vor allem ganze Frachterladungen von Nomads dort niedergelassen hatten, kamen von der Erde nur seltene Delegationen anmaßender, idiologisch hochgeschulter Unterhändler.

Doch wenn es zu diesen wenigen Treffen der Kulturen kam, standen die Bittsteller des L.I.A.S. Schlange, um nur einige winzige Proben von Pflanzen-DNA oder Mikroben in Petrischalen zu ergattern. Die Erde war nun einmal das Epizentrum des Lebens im System – zumindest bisher – und die Kultisten hüteten diesen Schatz eifersüchtig. Dennoch waren es solche Zusammentreffen, war es die Heterogenität ihrer Bewohner und der geringe Einfluss der Konzerne, die Luna zu einer Insel des Austausches und ihren Bewohnern einen besonderen libertären Stolz verlieh. Einen kämpferischen Stolz, von dem Cynthia vielleicht mehr mitbekommen hatte, als manchmal gut für sie war.

»Sagen Sie mal, O’Reilly,«, zielte sie voller Wut präzise auf die Schwachstelle im Selbstbewusstsein des adipösen Biologen, »wie ist es eigentlich so, wenn man dazu verdammt ist, für immer die zweite Geige hinter Petrović spielen zu müssen?« Sie nickte zu einer Gruppe nahe am Podium stehender Männer, von denen ein hochgewachsenes Exemplar einen prächtigen Schnauzbart im hageren Gesicht trug. Dr. Ante Petrović galt als einer der führenden Genetiker des Systems und war maßgeblich an den heute vorzustellenden Ergebnissen beteiligt, wobei jeder wusste, dass sein Erfolg auf einer Unzahl nicht genannter Doktoranten, Assistenten und Talenten zweiter Reihe fußte, die von den Forschungsgeldern abhängig waren, die er wie kein anderer aus den knauserigen Händen des Senats zu beziehen vermochte.

O’Reilly wollte zu einer derben Erwiderung ansetzen, doch bevor er auch nur den Beginn eines Satzes hervorbringen konnte, ertönte ein dreimaliges klares Läuten, welches die versammelten Wissenschaftler dazu veranlasste, zügig und aufgeregt ihre Plätze aufzusuchen. Der Kongress hatte offiziell begonnen.

Das letzte Lied des Katalogs hatte geendet. Eine sanfte weibliche Computerstimme warb für eine Verlängerung der Musikliste für einen zweistelligen Creditbetrag, was Nowak mit einem zornigen Ausschalten der Audioeinheit beantwortete. Das Chronometer des Autopiloten zeigte noch vier Minuten und dreiundzwanzig Sekunden. Nowak langweilte sich.

»Hey Rashid, wie steht´s?«, Nowak hatte im Kommunikator die Nummer des Navigationszentrums vom Outpost 63 gewählt.

»Na, Wakki, genießt du den Außendienst?«, klang die leicht verzerrte Stimme aus dem Kommunikator.

»Bin noch nich´ ma´ da. Sie sollten ´nen Bildschirm hier einbau´n, dann würd´ ich jetzt auch das Spiel schau´n könn´. Sag´ ma´ ´nen Zwischenstand.« Vorgestern hatten sie durch Würfelergebnis bestimmt, wer von Ihnen während des Halbfinales des Pokalturniers frei oder Dienst in der Zentrale beziehungsweise am Depot haben würde. Nowak hatte das niedrigste Ergebnis gewürfelt.

»43:39 für die verfickten Titans.«, fluchte die Stimme aus dem Kommunikator mit einigem Knacken, »Das würd´ kaum klappen, mit dem Bildschirm, Wakki, das wär´ nur gestört. Bin ja schon froh, dass ich dich noch halbwegs sauber empfange. Außerdem würdest du dann noch langsamer arbeiten.« Blechern lachte es aus dem Kommunikator und unterstrich das Gesagte. Es war einer der großen Nachteile am Leben auf Europa, dass jedwede Signalausbreitung auf längere Distanzen unter Wasser zum Teil unterbrochen wurde. Von interplanetaren Verbindungen ganz zu schweigen, da die Eisschicht nur sehr langwellige Signale passieren ließ, für die es lächerlich große Empfänger brauchte, um sie zu entschlüsseln.

»Erzähl´ mir nichts vom Arbeiten. Denkst du, ich hätt´ das Fass nich´ gesehen, als ich zum Hangar ´runter bin? Wer is´ denn noch bei Euch?«

»So viele sind wir gar nicht.«, die Stimme hatte zumindest den Anstand, sich schuldig zu fühlen, den beliebten Kollegen von der gemeinsamen Bierverköstigung auszuschließen, »Ehrlich, außer uns sind da nur Han von der Späten und mein Schwager Jivan.«

»War das der von ´er Begleitpatrouille?«, Nowak entsann sich dunkel eines muskulösen Mannes, der die Uniform eines Sicherheitsdienstes trug.

»Ja, ihr habt euch damals bei Hanky getroffen.«, bestätigte der andere, »Erzählt echt fantastische Geschichten. Wurden gerade erst wieder zwei Frachter umgeleitet, deswegen heuern die jetzt für alles an, was durch den Belt geht.« Der Belt – jener langgezogene Asteroidengürtel, der sich zwischen Jupiter und Mars erstreckte – war zeitgleich Heimat diverser Mineralienschürfer und Versteck einiger gefürchteter Piratenbanden, die mit ihren Codern Robofrachter, welche den Güterverkehr zwischen dem roten Planeten und den Galileischen Monden am meisten frequentierten, zu ihren Basen anstatt der geplanten Zieldestination steuern ließen. Dort wartete dann ein grimmiges Enterkommando, das den Frachter ausräumte und dann leer zum Rückflug programmierte oder sogar verkaufte.

Meistens wurden die voluminösen Raumschiffe aber an den Eigentümer zurückgesandt (nicht selten mit einer spöttischen Botschaft im entladenen Frachtraum), zum einen, da sich nur wenige Abnehmer die nun von der U.S.F. gesuchten Stahlmonstren leisten wollten und des Weiteren, um den einträglichen Handel nicht über Gebühr zu strapazieren. Eine Kuh galt es zu melken, nicht zu schlachten. Gerade in den Haupttransportzeiten, wenn der Mars auf seiner inneren Bahn am Jupiter vorbeizog und sich der Abstand zwischen den beiden Planeten auf einige wenige astronomische Einheiten verkürzte, waren die Piraten zunehmend aktiv. Daher waren die meisten Unions und Handelshäuser dazu übergegangen, Sicherheitscrews anzuheuern, die, wenn eine Übernahme der Bordcomputer nicht verhindert werden konnte, Notrufe an die U.S.F. aussandten und die Enterkommandos der Piraten mit einigen kräftigen Salven empfingen. 

»Glaub´ ich gern, dass der mächtig was erlebt hat.«, stimmte Nowak zu und versuchte ein leichtes Aufstoßen zu unterdrücken. Das Sandwich schien gerade eine Engstelle passiert zu haben.

»Wakki, du Sau!«, die Stimme aus dem Kommunikator schepperte vor Entrüstung, »Hast du gerade ins Kom gerülpst?«

»Stell dich nicht so an.«, verteidigte sich Nowak grinsend, »Ich dachte, du merkst es nich´.«

»Kein Wunder, dass du Single bist.«, stichelte Rashid, doch selbst bei der schlechten, immer abgehackter werdenden Verbindung war klar zu hören, dass ihm der Kommentar noch im selben Moment leid tat, in dem er von seinen Lippen gesprungen war.

»Das nennt sich überzeugter Junggeselle.«, Nowak warf einen Blick auf das Chronometer. Er hatte sich für die Übernahme des Steuers bereit zu machen. »So Jungs, ich bin am Depot. Ich meld´ mich später.«

»Gute Schicht, Großer, wir stellen dir was kalt.«, aus dem Kommunikator prosteten ihm nun mehrere verzerrte Stimmen zu.