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Die aus mehreren Perspektiven erzählte Geschichte beleuchtet das Los einer Familie anhand entscheidender Fragmente ihres Lebens. Eine parallele Erzählung erkundet das Phänomen »Schicksal« und skizziert in bildhafter Form, wie das individuelle Einzelerleben mit dem »Gesamten« verwoben ist: Die Gesellschaft, eine Stadt und ihre Bewohner auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Diese mitunter poetische Erzählung kombiniert tragikkomische Details mit einfühlsamen Beobachtungen und präsentiert fein gezeichnete Charaktere vor einer Kulisse gesellschaftlicher Umbrüche.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2016
Jörg Hülshorst
Experimente
geburtenstarker Jahrgänge
Roman
Copyright: © 2016 Jörg HülshorstLektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.netUmschlaggestaltung & Satz: Erik Kinting
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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Erneuerung
Als Helene Ginster an diesem letzten Morgen die Vorhänge ihres Schlafzimmerfensters müde beiseiteschiebt und zu ihrem Mann hinunterblickt, steckt Guido bereits knietief im Müll. Mit dem einen Bein in der gelben und dem anderen in der blauen Tonne herumstochernd, versucht er gerade einige am Vorabend eilig herbeisortierte Überbleibsel aus alten Zeiten sachgerecht zu entsorgen. DIE LETZTE VERGLEICHBARE AKTION LIEGT SCHON EINE WEILE ZURÜCK.
Gleichgewicht
Breitbeinig verlagert Guido sein Gewicht abwechselnd von der linken auf die rechte Körperhälfte, bis es ihm gelingt, den Unrat in beiden Tonnen deutlich unter die halbe Füllhöhe niederzutrampeln. Nur seinen langen Beinen hat er es zu verdanken, dass er überhaupt dort hineingekommen ist – ohne Trittleiter eine riskante Angelegenheit.
Bei ähnlichen Übungen ist er früher schon mehrmals auf dem Rücken gelandet – oder auf dem Steiß. Wenn die Füllung nach der Gewichtsverlagerung auf sein linkes Bein nicht hinreichend nachgibt (links ist er beweglicher als rechts), dann liegt der Schwerpunkt zu weit oben und die erste Tonne kippt bereits, während er das rechte Bein noch über die Kante der zweiten hievt, um ein Gleichgewicht zu finden, das nicht mehr existiert. Obwohl ihn das instinktive Auseinanderreißen der Arme seitlich zu stabilisieren schien, hatte ihn bei diesen Gelegenheiten sein Problem bereits von hinten erwischt. Mit Ruderbewegungen versuchte er dann vergeblich, seinen Fall abzufangen. LUFT MUSSTE DOCH GREIFBAR SEIN. Wenigstens sollten ihm die Arme helfen, aus der Rückenlage herauszukommen. Doch die Füße bestimmten seine Ausrichtung – und die wurden festgehalten von dem, was er loswerden wollte. Guido hat eine klare Vorstellung von der natürlichen Hierarchie der Dinge. Dass ein Objekt, oder gleich mehrere, an ihm festhalten, obwohl er, ein Subjekt, bereits die Trennung entschieden hat, passt nicht in seine Welt.
Heute ist aber zum Glück nichts passiert. In der linken Tonne geben irgendwelche Teile aus zerbrechlichem Kunststoff sofort nach. Vielleicht die alten Kleiderbügel. So kann er mit dem Fuß in die Mitte vordringen und eine stabile Lage herstellen, sich mit beiden Händen am Rand festhaltend noch tiefer vordringen (zu tief ist aber auch nicht gut), bevor der entscheidende Moment kommt: das sichere Platzieren des rechten Fußes. Aus Mangel an Beweglichkeit mit der Spitze am Rand zu scheitern, würde ihn moralisch zurückwerfen, denn nicht umsonst kämpft er seit der Schulzeit, als er sich den Spottnamen Staksi einfing, mit hartnäckiger Disziplin und regelmäßigem Sport gegen die Gewaltherrschaft seiner langen Gliedmaßen.
Er ist wieder einmal nicht richtig daheim in seinem Körper, an diesem Morgen, und so gibt nicht der Spreizwinkel seiner Oberschenkel, sondern seine kleine Schuhgröße den positiven Ausschlag. Jetzt bloß keinen spürbaren Druck auf die andere Seitenwand ausüben, möglichst sofort mit dem Fuß mitten hinein in den Krempel, sonst läuft er Gefahr, dass die rechte Tonne doch noch kippt … und er mit ihr.
Im Weiteren kann Guido von seiner Physis profitieren. Doch Achtung! Der Inhalt rechts könnte plötzlich stark absacken, was eine harte Landung mit dem Schambein auf dem Tonnenrand verursachen würde, dies begleitet von einem ekstatischen Schmerz und dem Verlust des gerade gefundenen Gleichgewichts.
Gleichgewicht. Sofort muss er an den Schweinezyklus denken. Eigentlich kein Zustand. Bestenfalls ein Übergang von einem Extrem ins andere, mal zu viel, mal zu wenig, etwas, das anzustreben ist, aber nie Bestand hat. Auch der Walrasianische Auktionator fällt ihm ein. Den könnte er jetzt gut gebrauchen. Jemand, der die Rechts-links-Gebote seiner Körperhälften mit den labilen Kräften der beiden Tonnen abgleicht.
Der lästige Stauvorgang muss mehrmals wiederholt werden. Beim ersten Sack ist das Reinkommen schwer – tief hinein –, das Ausgleichen leicht, das Rauskommen schwer. Beim letzten Sack (und nahezu voller Tonne) ist das Reinkommen leicht, das Ausgleichen schwer, das Rauskommen nur noch ein simples Herunterspringen. Möglichst gerade nach oben abheben, nicht zu hoch, dabei die Tonne bloß nicht seitwärts mitreißen und, aus optimaler Fallhöhe sicher landend, mit den Vorderfüßen auf dem Asphalt nachfedern. Denn es gibt da eine Stelle zwischen Mittelfuß und Ferse, die sollte Guido unbedingt schonen. Historisch bedingt droht Elektroschock bis hoch zum Hirn. Ein Schmerz wie Staksi ihn von den gewaltvollen Dehnübungen aus der Schulzeit kennt, als ihm der Sportlehrer, von hinten kommend, die Stirn aufs gestreckte Knie hinabdrückte.
Nichtsoschön. Einen Unfall darf Guido sich jetzt nicht leisten.
Intimität
Helene verfolgt seine unsicheren Bewegungen starr vor Müdigkeit. Nur allmählich kriecht eine unangenehme Erkenntnis von ihren Augen zum Verstand hinüber: Was macht Guido denn da? Disziplin, die er so preist! Dieser Tag ist lange geplant und wenn sie sich jetzt nicht beide konzentrieren, fokussieren, den Zeitplan, die Arbeitspakete abarbeiten … wer weiß, ob sie noch einmal so weit kommen werden.
Sie hat keine Lust auf die Uhrzeit. Vielleicht ist das Läuten der Glocken um sieben Uhr an ihr vorbeigezogen; sie muss im Tiefschlaf gewesen sein, denn an ihren Halbschlaf kann sie sich gut erinnern, vor allem an Guido, der in der Schwärze des Zimmers mit den Armen vor sich her rotierend an Balken und Schräge vorbei den Ausgang suchte, barfuß und mit seinen Puschen in der Hand – so blitzte diese Szene wieder auf, als sie das Bett erforschte und niemanden darin vorfand.
Krankenwagen, Gewitter, Hubschrauber … jede Nacht ist besonders, wert behalten zu werden. Während Guido oft über Schlafstörungen klagt, über seinen Blähbauch vom späten Essen und über wirre Träume, weil er zeitweilig nur im Off-state ruht, ist sie in letzter Zeit immer Stand-by. Hormone.
Offene Fenster am frühen Morgen verletzen Helenes Intimität. Die gewohnte Luft der warmen Stunden noch einmal durch Lunge und Poren schleusen: das ist ihr Ritual des täglichen Hochfahrens. EINATMEN FÄLLT IHR MORGENS LEICHTER ALS AUSATMEN, wenn die Luft schal und persönlich bekannt ist. Bei offenem Fenster macht sie reflexartig zu, fühlt sich innerlich entblößt. Mit Guido gibt es häufig Streit deswegen, aber ihr Körper ist in der Früh einfach noch nicht reif für frische Partikel.
Soll sie Guido warnen? Soll sie klopfen, durch die Scheibe rufen? Das Fenster geht ihr nicht von der Hand, stattdessen rudert sie mit den Armen, schüttelt heftig mit dem Kopf und vollführt Bocksprünge. Er muss sie doch bemerken! Mit Zeichensprache und vorwurfsvollen Gesichtsverrenkungen bedeutet sie ihm: Raus aus den Tonnen! Jeder normale Mensch merkt doch, wenn er dergestalt angefunkt wird. – Guidos Gleichmut ist geradezu provozierend. Er will sie wohl nicht beachten! Mit Abscheu dreht sie den Fenstergriff und zieht – vorher schnell den Ausschnitt über die Nase, Innenraumbelüftung. »Was machst du da?«
Mut
Was machst du da? Schon liegt er rücklings auf der glänzenden Haube seines Firmenwagens und blickt hinauf zu ihrem bloßen Nabel. Das bodentiefe Fenster offen, das Gesicht vermummt, wollte Helene nur seine Aufmerksamkeit, nicht seinen Sturz. Es war auch nicht der Schreck, der ihn ins Wanken brachte – Guido verliert immer die Orientierung, wenn er hochblicken muss. Bei seiner Körpergröße kommt es selten vor, dass er zu jemandem aufschaut, und wenn es dennoch geschieht, packt ihn sogleich eine unsichtbare Kraft im Nacken und zieht ihn nach hinten, was er reflexartig durch einen kleinen Schritt rückwärts auszugleichen versucht. Diesmal ging der kleine Schritt ins Leere, denn er steckte in den Tonnen. Strauchelnd erinnerte er sich gerade noch rechtzeitig an das Auto, das auf dem Gehsteig geparkt war, und mit einem mutigen Sprung ins blinde Hinten überbrückte er den steifen Gneis und landete auf dem federnden Blech.
Die Nieten seiner Hose bremsen krächzend auf dem Lack, wie ein Stück Kreide, stumpf über die Tafel gezogen. Ein Geräusch, als beiße er in Alufolie, fräst sich durch seinen Kopf. Warum trägt Helene eine Maske? Ihr muss etwas zugestoßen sein. Ausgerechnet heute. Sie ruft um Hilfe, daher das offene Fenster. Die Finger am Scheibenwischer festgekrallt, findet er endlich Halt.
Humor
»Was machst du da? Hast du dir wehgetan? Ich habe dich gesucht. Wo warst du?«
»Hatten wir doch besprochen. DAS ZEUG MUSS WEG. Wenn wir es vorher nicht schaffen, dann niemals!«
»Steht dir gut: auf dem Rücken.«
»Steht dir gut: im Gesicht.«
Ordnung
Es ist also nichts passiert. Guido rollt über die Haube und verfolgt die blutleeren Wunden, die er geschlagen hat, vorsichtig mit dem Zeigefinger. Eine Rille nach der anderen. ORDNUNG SCHAFFT UNORDNUNG. Linien, Parallelen, rechte Winkel. Diese Radierung hier ist Schrott, aber sie hat einen Fluchtpunkt und der weist zum Haus, wo die Verursacherin mittlerweile das Fenster wieder geschlossen hat und ihm den stummen Rücken zeigt. Audienz beendet.
Guido atmet tief durch, saugt die frühe Morgenluft in seinen Körper hinein, wie ein isotonisches Getränk nach der Erschöpfung. – Helene mit ihrer gepflegten Aversion! Sie ist eindeutig der andere Typ, denn es gibt nur zwei: die, die lieber einatmen, und die, die lieber ausatmen. Daran macht sich alles fest.
Der Test ist ganz einfach: Fülle eine Badewanne mit lauwarmem Wasser. Lege eine Stoppuhr mit Alarm bereit. Knie nieder. Tauche den Kopf unter und starte die Zeitmessung. Stoppe die Uhr, sobald sich Beklemmungen einstellen (mindestens 30 Sekunden, höchstens 60 Sekunden empfohlen, je nach Empfinden). Dies ist deine persönliche Tauchzeit. Atme ruhig ein und aus, bis der Ruhepuls wiederkommt. Nun atme einmal ganz tief ein (volle Lunge), tauche den Kopf unter und aktiviere den Alarm für deine Tauchzeit. Nimm den Kopf nach Ablauf der Tauchzeit aus dem Wasser und atme aus. Wie fühlst du dich, auf einer Skala von 1 bis 10? Notiere. Atme ruhig ein und aus, bis der Ruhepuls wiederkommt. Nun atme einmal ganz tief aus (leere Lunge), tauche den Kopf unter und aktiviere den Alarm für deine Tauchzeit. Nimm den Kopf nach Ablauf der Tauchzeit aus dem Wasser und atme ein. Wie fühlst du dich auf einer Skala von 1 bis 10? Notiere. Wiederhole diese Übung abwechselnd mindestens dreimal, dann solltest du dir sicher sein, welcher Typ du bist.
Einatmer sind extrovertierte Menschen, aber das ist nur notwendig, nicht hinreichend. Bei Ausatmern ist es genau umgekehrt: Wer laut einatmet zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Ein heftiges Schschsch-t, durch die Zähne gezogen, alarmiert die Nachbarschaft. Dagegen wirkt ein ausgehauchtes Pfpfpf-d bescheiden, nicht der Rede wert. Guido hat Helene seine Theorie einmal vorgestellt und zahlreiche empirische Belege gebracht, auch Beispielsituationen, die sie gemeinsam erlebt haben. Sie glaubt nicht daran, meint, es komme doch immer darauf an. Und mit einem Augenzwinkern folgt ihr Verweis auf Tennisspielerinnen und so. Und so.
Vielfalt
Sie begegnen sich im dunklen Treppenhaus; Helene von oben kommend, Guido von draußen. Offene Taschen, halb fertiggestopft, versperren den Weg. Er tritt zurück. Sie schlüpft vorbei in die Küche. Auf den Tischen liegen Kleidungsstücke, Glasperlen hängen über Stuhllehnen, Nagelschere, Knipser, offene Briefumschläge und leere Wasserflaschen bevölkern die Ablagen. An den Klinken baumeln Bänder mit verschiedenen Gewichten.
Ästhetik
»Können wir diese Sachen bitte wegräumen? Das geht so nicht. Einer von uns fällt gleich noch die Treppe herunter.«
»Das Haus ist zum Wohnen da, kein Museum. Du bist nervös.«
»Es stört mich ästhetisch. Dieses ganze Zeugs … Wir haben so schöne Möbel – und alles liegt voll. Wie ein schickes Auto mit dicken Kratzern.«
»Komm mal zur Ruhe. RUHE WERDEN WIR NOCH BRAUCHEN.«
Gewohnheit
Helene weiß sich zu befreien. Beziehung ist der Schlüssel. Weg von der Sache, Appelle überhören, keine Selbstoffenbarungen äußern. Dann schmeißt er hin, kann nicht mehr weiter; dann betritt er das Immerland, oder die Nieebene, und sie hat leichtes Spiel.
Mit einem beiläufigen Knopfdruck bringt sie das Wasser zum Kochen. Sie hat morgens keinen Hunger, nur das Übliche: Brot mit Schnittkäse und einen Tee dazu. Bloß kein Obst. Obst fällt jedes Mal ein bisschen anders aus, abhängig von Herkunft, Reifegrad und Lagertemperatur. Früchte sind Individuen und so schmecken sie auch. Morgens lässt sie nur industrielle Produkte in sich rein. Brot ist schon grenzwertig. Guido kann ja mit dem Toaster spielen, wenn er mag, der Regler bietet unendlich viele Einstellungen, damit lässt sich der Röstgrad einer einfachen Brotscheibe geschmacklich individualisieren. Wenn er beim Schneiden die Scheibendicke variiert, hat er ein einzigartiges Frühstück fabriziert, mit ∞2 Gestaltungsmöglichkeiten. Das sollte reichen. Helene legt ihm noch einen Apfel bereit.
Der Kühlschrank ist fast leer, bis auf ihre Ampullen (die halten ewig). Senf, Honig und eingeweckte Oliven bleiben erst einmal an Ort und Stelle. Den Beutel mit den Resten bekommt Guido sicher draußen noch unter. Jetzt turnt er schon wieder in den Tonnen herum. Das hätte doch Zeit gehabt. Sie hat ihre alten Sachen nicht angefasst, denn es gibt überhaupt keinen Grund, sich heute davon zu trennen. Sie können das jederzeit nachholen. Er aber unterwirft sich den sinnlosen Regeln des Aussortierens (Für jedes Neue geht einAltes … Was drei Jahre nicht getragen wurde … Jeden Tag nur eine Hose …), damit er Kapazität im Schrank vorhält für Spontankäufe, die nicht stattfinden. Auch einige Haushaltsgegenstände hat er großzügig in einen Müllbeutel geschmissen. Sie stand die ganze Zeit stumm daneben. EIN TEIL NACH DEM ANDEREN MUSSTE ER WIEDER HERVORHOLEN. Diesen Aufwand hätte er sich sparen können. Ihre Vetos haben viel Geduld gekostet – und Gefühl.
»Komm, lass uns frühstücken.«
Kreativität
Guido ist fast fertig. Was für eine halbherzige Aktion. Jeder nicht gefüllte Beutel zählt gegen ihn. Er will Ablagefläche zurückerobern. Bis vor Kurzem war es seine Strategie, neue Flächen zu entdecken (der Hohlraum unter der Gartentreppe bot einen ganzen Kubikmeter Staufläche für haltbaren Unrat) oder zu entwickeln. Nun hängen fast überall, wo keine Schränke stehen, Regale über Kommoden. Sie sind am Ende angekommen, mehr geht nicht. Relative Flächengewinnung ist der einzige Ausweg. Weniger Teile pro Quadratmeter, das ist die Lösung. Und weil der Nenner steht, muss der Zähler büßen.
Außerdem: mehr qualitative Ordnung. Die Nasendusche hat im Kühlschrank nichts zu suchen. Jedes Teil hat seinen Platz oder zumindest sein Zimmer. Schließlich haben sie ab jetzt ein Zimmer weniger für ihre Ansammlungen. Auch daran macht er sein fortgeschrittenes Alter fest: dass er den umbauten Raum um sich herum als enger empfindet. Überhaupt empfindet er häufiger Enge, IMMER MEHR UND IMMER KLEINERE TEILE VERSAMMELN SICH UM IHN, während er selber immer weniger wird, nicht im Sinne von kleiner oder dünner, sondern im Sinne eines Pensums, einer Streichliste.
Guidos Entropiesatz des Alterns lautet: Im Gleichgewichtszustand des Alters findet keine Entropieproduktion mehr statt – es liegt ein Entropiemaximum vor. –Gleichgewichtszustand klingt tröstlich und vertraut nach der ökonomischen Theorie, die er jahrelang internalisiert hat, aber es gibt leider noch keinen Erben. Also muss er den Satz umkehren, im Gleichgewichtszustand sein persönliches Entropieminimum herstellen, die Sachen loswerden, früher oder später … Es bleibt doch hoffentlich noch Zeit?
Zum Frühstück droht wieder einmal Routine. Als Variante schmiert er sich heute Senf auf das getoastete Käsebrot, dünn geschnitten, und stellt es in die Mikrowelle. Zum Überbacken einer Schnitte sind 30 bis 60 Sekunden empfohlen. Kürzer sollte der Vorgang nicht sein, sonst wird kein Schmelzeffekt erzielt. Bei längerer Bestrahlung hingegen ist hinterher mehr Käse auf dem Teller als auf dem Brot. Helene unterschätzt ihn. Die ihm zugedachten ∞2 Gestaltungsmöglichkeiten hat er ohne Mühe um den Faktor 90 erweitert, zerlegbar in 30 mögliche, diskrete Sekundeneinstellungen, multipliziert mit 3 möglichen Senfoptionen: (1) ohne, (2) mit und auf oder (3) mit und unter dem Käse. Bei der Essenszubereitung hat Guido die Ruhe weg.
Gewissenhaftigkeit
»Das Taxi kommt gleich. Wir müssen das Haus noch fertig machen.«
»Und zu Ende packen. DIE LISTE LIEGT IM WOHNZIMMER. Erledigtes ist schon durchgestrichen. Es fehlt: Fenster abschließen. Wasser abdrehen. Zeitung abbestellen. Das wird eng. Ich bring die Sachen raus. Beeil dich. – Bitte.«
»Kann warten. Ich bin mir jetzt wichtiger.«
Vertrauen
Das Tschüss explodiert mit einem Knall der Tür. Während sie später über die Brücke fahren, wird im Radio von einem Anschlag berichtet, weiter östlich; dort ist gerade Mittagszeit. Die Anzahl der Toten und Verwundeten und wie es geschah, erfüllt die Nachricht. Der Rest ist unklar: Motive und was noch geschehen wird. Sie werden diese Nachricht noch häufiger hören, vielleicht abgewandelt, aktualisiert. Ihre Aufdringlichkeit wird steigen, mit der Anzahl der Toten und der aus ihr abzuleitenden Gefahr für die Empfänger.
Guido fühlt sich unbehaglich, gerade weil sie auf der Brücke sind. Die Brücke – daran hat vielleicht noch keiner gedacht: ein echtes Symbol und sehr verletzlich. Kann ein unauffälliger Laster, unten am Pfeiler geparkt, etwas anrichten? Wella wird es zu verhindern wissen. Dieses sagenhafte, unbesiegbare Geschöpf will sicher nicht sein Heim verlieren. Dann sind sie also sicher? Gott sei Dank.
Sie sind am vereinbarten Ort. Festpreis plus Trinkgeld. Helene fragt Guido, ob er es klein habe und leise: »Runden wir auf oder ab?« Festpreis ist Festpreis.
Ihre Kontaktperson wartet schon auf sie: ein dunkel gekleideter Mann mit weißem Kragen, der durch seine Haltung Lebenserfahrung ausstrahlt und ansonsten klein, etwas unscharf, verschwommen wirkt, als könne sein Körper beliebig die Form verändern. Vielleicht ein guter Schauspieler. Mit einem kleinen Mädchen an der Hand (und am Bein), fixiert er sie schon von Weitem und zieht sie mit seinem Grußblick wie an einer unsichtbaren Leine zu sich heran.
Er trägt eine große Brille. So eine könnten sie gebrauchen, um ihn schärfer zu sehen. Seine Lackschuhe mit den grünen Schnürsenkeln findet Helene irritierend, mehr oder weniger, je nachdem, ob er sie anlässlich ihres Treffens symbolisch ausgewählt hat (was er dann damit wohl ausdrücken möchte?), oder ob er beim Greifen in den Schuhschrank blindlings dieses Paar hervorgeholt hat, ohne sich bewusst zu sein, dass seine Erscheinung damit noch diffuser wirkt. Es gibt Typen, die holen sich einfach etwas aus dem Schrank, warm/kalt, trocken/nass, stürmisch/still – das sind eventuell noch Zustände, die beachtet werden müssen, und dann gibt es andere Typen, die mit jedem Kleidungsstück eine Aussage machen, täglich, anlässlich. Es wäre hilfreich, ihn typisieren zu können.
Sie kennen den Mann auf eine unpersönliche Art. Namen und Eigenschaften sind nicht weiter von Interesse, obwohl sie quasi an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Funktionen und Regeln sind einzuhalten. Er zieht die Papiere aus einem Rucksack (mit Firmenlogo) zu seinen Füßen. Im Stehen gehen sie gemeinsam die Unterlagen durch; manches verstehen sie nicht, er erklärt es ihnen. Sie vergessen es wieder. GUIDO VERLÄSST SICH AUF HELENE UND UMGEKEHRT. Wenigstens sind die Fotos, die er ihnen zeigt, beruhigend real. Dies hier findet also wirklich statt.
Auch das Mädchen ist dunkel, aber anders gekleidet. Rot dominiert. Ihr weißer Kragen zeigt, dass sie zu ihm gehört. Und sie verhält sich wie seine Tochter. Die Beziehung kann aber höchstens platonisch sein – oder wie heißt das, wenn zwei Menschen nicht leiblich verwandt sind? Während Guido und Helene mit dem Mann das Organisatorische regeln, steht sie die ganze Zeit still daneben, nippt in regelmäßigen Abständen am dampfenden Becher einer Thermosflasche. Es riecht muffig in ihrer Umgebung, nach Blumenwasser. Sie trinkt Jasmintee; melancholischer Duft des Orients. Ein Kind mit Thermosflasche – das passt nicht zusammen, viel zu abgeklärt. Die Kleine muss schon einiges hinter sich haben.
Als sie sich verabschieden, holt das Mädchen ein bemaltes Schneckenhaus aus ihrer Jackentasche und drückt es Guido feuchtwarm in die Hand. Die Naturtöne der Schale schimmern entfernt unter roter und weißer Fingerfarbe hindurch. Sie sind genauso präzise voneinander abgegrenzt wie ihr strahlender Kragen über dem roten Pulli. Am Schneckenhaus muss sie stundenlang gearbeitet haben. Das Geschenk soll sicher ihre Teilnahmslosigkeit entschuldigen. Später werden sie erfahren, dass das Mädchen Syce heißt und gar nicht teilnahmslos ist. Nur vorsichtig.
Zuversicht
»Also dann. Alles Gute. Melden Sie sich bitte, wenn Sie wieder zu Hause sind. Dann besprechen wir das Weitere. Sollte zwischendurch irgendetwas sein: Ich bin immer mobil erreichbar.«
»Danke. Wird schon gut gehen. Wir müssen dann mal. Haben wir wirklich alles, was wir brauchen?«
»Ja. Mein Gott, das sind wir doch jetzt schon zigmal durchgegangen. Sämtliche Unterlagen sind im Umschlag. Danke.«
»Lass mich noch einmal kurz in meinen T-Raum.« Guidos Gesicht entspannt sich, als er innerlich verschwindet, um seinen geistigen Trockenübungen zu folgen.
Trost
Hier stinkt es wie krank, feuchtwarm und wund. Der Himmel ist trüb, aber gleißendes Licht luxt sich durch mich hindurch. Unendlich viele Kinder scheppern durcheinander, krumme Rücken schleifen löchrige Säcke an Stirngurten hin und her. Worauf kauen sie dabei? Ich will es nicht wissen. Ich stehe auf einem weichen Berg und sacke ein. Wenigstens das kenne ich von zu Hause.
Ein staubgrauer Kojote schleicht sich heran, bleibt in respektvollem Abstand stehen, umrundet mich ein ums andere Mal. Er hat wahnsinnig lange Beine, Kopf und Körper sind viel zu klein und zu spitz. Evolutorisch scheint er wie geschaffen für diesen Ort, doch seine Nase blutet und es sieht nicht so aus, als käme er gut klar. Sie haben ihm ein Holzschild umgehängt, auf dem steht Lord of Iunk (LoI), vergeblich versucht er es zu fassen, wie ein Wackeldackel schnappt er danach, seine trockene Zunge ertastet die faserige Oberfläche.
Ich kann mich nicht mitdrehen, meine Füße stecken fest. Bei jeder Umdrehung muss ich ihn für einen kleinen Augenblick loslassen, dann versucht er mich anzuspringen. Ich will ausweichen, verliere das Gleichgewicht, muss mich zurückfallen lassen. Zum Glück schaffe ich es auf dem Hintern zu landen, statt auf dem Rücken. Jetzt stecken auch meine Hände im klebrigen Unrat. Gleich ist bestimmt mein ganzer Körper infiziert.
LoI sitzt neben mir und hechelt mich fast zärtlich an, ich revidiere den ersten Eindruck: Er will nur spielen, aber ich will weder sein Blut noch seinen Speichel in meinem Gesicht. Sein Kopf in meiner offenen Handfläche, das tröstet ihn und beruhigt mich. Er legt die Ohren an, ich nutze diese Gelegenheit, um ihn von seinem Schild zu befreien, schleudere das Holzstück weg, soweit ich kann, aus dem Sitzen heraus. LoI hechtet hinterher.
Von dort, wo er hin verschwindet, stapft eine Frau auf mich zu. Mit einem Stock erkundet, durchsticht sie den unberechenbaren Untergrund. Ich sehe, dass sie vor dem Bauch ein Bündel trägt, das sich bewegt; eigentlich zu klein für einen Menschen. Sie schnallt das Bündel ab, stellt sich vor mich hin und schaut zu mir herunter. Dabei tut sie, als schaue sie zu mir auf, obwohl ich doch am Boden bin. Das Bündel liegt auf ihren Armen. Wie ein Schatz, den sie loswerden will, streckt sie mir breite, wulstige Hände entgegen und ich nehme sie instinktiv in meine, um zu verhindern, dass das Bündel zu Boden fällt. So rollt es dann auf meine Unterarme.
Wir halten uns an den Händen. Mit ansteigendem Druck ausatmend, presst sie in monotoner Lage etwas Mantraähnliches durch ihre geschlossenen Lippen: »So lin daso linda solind asolind asolinda.« Dann atmet sie tief ein und beginnt wieder von vorne. Ein Segenswunsch? Ich assoziiere das Gesagte mit einer Melone, mit einer frischen, kühlen, saftigen Kugel, die ziemlich weit weg ist von diesem Ort. Ein solcher Segen macht Sinn: Sei gesegnet mit einem frischen, kühlen, saftigen Leben!
Sie ist offensichtlich fertig, lässt mich los, dreht sich um und geht. Ich sitze mit dem Bündel, das ein Kind ist, auf meinem Schoß da und kann nicht aufstehen, kann mich nicht wehren gegen ihren Vertrauensbeweis. Das Kind ist ein Baby, das erkenne sogar ich, vielleicht ein paar Tage oder Wochen alt. Was mache ich nun?
Hier ist so viel zu tun. Ich muss dringend Ordnung schaffen. Am besten, ich beginne gleich mit dem Sortieren. Erst einmal Kriterien festlegen, Farben (Grau und Braun dominieren, eine Abgrenzungsfrage), alt/neu, organisch/anorganisch, toxisch/nichttoxisch, essbar?/ungenießbar! (wieder eine Abgrenzungsfrage).
Drei Probleme erkenne ich sofort. Erstens: Die Kriterien überschneiden sich, schließen sich teilweise aus (toxisch/essbar – wer weiß). Selbst wenn ich dieses vernachlässige und vereinfachend nur 10 Farben differenziere, dann bräuchte ich immerhin 160 Felder. Ich weiß gar nicht, wie groß die Felder jeweils sein müssten. Zweitens: Soweit ich sehen kann, ist hier kein Quadratzentimeter frei, das heißt, ich müsste meine Aktion auf unsortiertem Untergrund beginnen. Bei dieser Masse werde ich sicher durcheinanderkommen. Drittens: Ich habe keine Hand frei – und das Baby schreit.
Ich versuche aufzustehen, will das Baby auf keinen Fall hinlegen, nicht in diesen Müll, habe die Eingebung, es mit meinem linken Unterarm an meiner Hüfte einzuklemmen und mich rechts abzustützen. Es klappt, ich stehe wieder. Ein Hubschrauber kommt. Das Baby halte ich mit ausgestreckten Armen über meinen Kopf, damit es gesehen wird. Zum ersten Mal schaue ich in sein Gesicht, gegen das Licht. Es ist ein kleines Mädchen. Sie hat tuchschwarze Haare und melonengrüne Augen. Wie Bomben schlagen Säcke um uns herum ein und alle rennen hin. Dann ist wieder Frieden, wir bleiben zurück.
Hingabe
Guido kommt von weit her zurück ins Leben. Er braucht solche inneren Reisen vor besonderen Ereignissen. Kurz wegtauchen. Wie ironisch seine Worte plötzlich wirken. Von wegen, Einatmer sind extrovertiert! Helene beobachtet, wie er im T-Raum die Luft anhält und genießerisch loslässt, als er ihr schließlich zunickt: »Jetzt können wir los.« Er könnte Stunden weg gewesen sein, so verändert ist seine Mimik. Real waren es nur Sekunden. Ist dies der Mann zum Kinderhaben?
Sie zerrt ihn hoch, während er stur den Unterarm an seinen Körper presst und nur widerwillig den Rucksack aufnimmt, um ihn sogleich über dem Kopf gegen das Licht zu prüfen, mit eifrigem Gesicht. Vor dem Ausgang, der ein Eingang ist, stehen die Passagiere Schlange, bis in den Tunnel hinein, Hacke an Spitze, und warten auf ihr persönliches Abenteuer.
Konzentration
Die letzten Stunden haben gezehrt. So wird es die nächsten Tage weitergehen. Am schlimmsten ist die künstliche Luft der Klimaanlagen. Kunstschnee, Kunstrasen, Kunstblumen – alles vermeidbar. Aber Kunstluft ist so eine dumme Erfindung, der wir nicht ausweichen können. Jedenfalls nicht für länger. Hat schon einmal jemand über Kunstwasser oder Kunstfeuer nachgedacht? Schnee, allerdings, gehört hier zum öffentlichen Raum, echter Schnee, so echt, dass er niemals wegtaut, höchstens mal seine Form verändert, immer wiedergeboren wird, rundherum klebt er an den Bergen, mystischer Schnee, kein Skifahrschnee.
In dieser Höhe fällt das Luftholen schwerer als in der Heimat. Daher brauchen sie ein paar Tage, um wieder automatisch ein- und ausatmen zu können. Zunächst müssen sie sich sehr darauf konzentrieren. Dann, an einem Morgen, dem dritten Tag, geht es wieder wie von selbst. Die Umstellung muss der Körper in der Nacht einfach so vollbracht haben.
Zunächst stehen Erkundungen in die umliegenden Siedlungen an. Über Pisten voll saftigem Schlamm wühlen sie sich langsam vorwärts, in einem alten Unimog, und lassen sich gemeinsam mit zwei anderen Paaren, die sich in ähnlicher Lage befinden, durchschütteln wie die Würfel im Becher.
Beim ersten Ausstieg, an der steilsten Stelle, greift Guido genussvoll in den Boden. Endlich wieder echter Humus. Der Stoff, aus dem dieses Land ist, fühlt sich schwer an, kälter, nasser als zu Hause. Es kostet viel mehr Anstrengung eine Handvoll durch die Finger zu pressen. Klumpig ist das Zeug. Die anderen, Helene ausgenommen, schauen ihm mit gespitzten Lippen und verschränkten Armen zu.
Übermut
»Es tut nicht weh. Keine Sorge. Es ist schön. PROBIERT ES AUCH MAL. Wasser ist genug da. Schaut mal dorthin. Ihr könnt nicht nur mit euren Augen fühlen!«
»Reicht doch, wenn du es probierst. Ich nehme gleich mal einen echten Stein in die Hand, wenn es dir hilft.«
»Willst du mir drohen? Hier. Fang!«
»Ey, du Ferkel. Scheiße, Mann. Schlammschlachten kann ich mir woanders schöner vorstellen.«
»Komm. Lass ihn. Der hat bestimmt den Höhenkoller.«
»Oder eine Meise.«
»Nein. Er ist immer so und ich liebe ihn dafür.«
Neugier
Helene hat aus dem Nichts ihre ganz persönliche Bombe gezündet, eine Granate entsichert und in den Kreis geworfen, damit den Konflikt entschärft, die Parteien entwaffnet. Betretenes Schweigen, von einem Bein aufs andere. Ruhe. Guido lässt die Arme hängen. Er steht da wie ein Junge, der sich die dreckigen Hände an der Hose abwischt. Fehlt nur noch, dass er eine Rotzspur auf den Unterarm legt, so wie früher. Die anderen zucken mit den Schultern. Ja wenn das so ist, dann halten wir besser die Klappe.Er hat zwar einen Fips, aber wenn seine Frau so offen zu ihm steht, dann ist er mindestens ein Glückspilz, vielleicht ein Könner, und Glück und Können haben wir gerne unter uns.
Sie erreichen eine Siedlung. Ein Dutzend Hütten, höchstens; die meisten sind Verschläge. Ohne richtige Fenster und Türen wirken sie durchlässig, trotzdem verschlossen. Nirgendwo Licht. Kinder bevölkern die schlammigen Pfade. Schüchterne Gestalten drücken sich an den Wänden entlang, um die Ecken. Nur Wenige nähern sich auf neugierigen Abstand, auch sie bleiben Gestalten, weil ihr Äußeres auf die Entfernung weder Geschlecht noch Alter verrät.
Der Himmel ist verhangen. Nebel kriecht wie selbstverständlich um sie herum, denn sie befinden sich inmitten einer Wolke, die hier vor ewigen Zeiten heimisch geworden ist. Sie betreten das größte Gebäude, den einzigen Bau aus Steinen. Es gibt Licht und Inventar. Eine Frau kommt mit einer einladenden Geste auf sie zu, streicht ihnen allen nacheinander über die Oberarme, so als wolle sie prüfen, ob ihr Dank in guten Händen sei. Guido versteckt seine krustigen Hände hinter dem Körper, doch sie zieht seine Arme vorsichtig zu sich heran und lacht ein Zungenlachen, als sie den Grund für seine Verlegenheit entdeckt. Sie nennt sich Son-Ika.
Guido ist schon geerdet, die anderen müssen noch – so übersetzt es Kal-Sang, ihr Fahrer, Begleiter, Dolmetscher. Helene schaut triumphierend in die Runde. Die Frau stellt einen Holztrog auf den Tisch, gestikulierend, sie mögen bitte ihre Hände dort hineintauchen (Guido darf nicht mehr). Im Trog ist lauwarmer Schlamm, Fango für die Hände. Son-Ika schaut in entgeisterte Gesichter, die danach suchen, begeistert zu werden.
Nach einer Weile dürfen sie ihre Hände über offenem Feuer trocknen, sich die Handflächen reiben, sodass der Schlamm wie trockenes Pulver von ihnen abfällt und verglüht. Funken knistern. Ein muffiger Geruch erfüllt den Raum. Son-Ika hält für jeden ein Tuch bereit. Die Luft, obwohl so dünn, kommt ihnen greifbar vor. Schließlich trinken sie gemeinsam beigefarbenen Tee aus Lederkrügen, bitter-herb im Beigeschmack, mit traniger Milch.
Endlich öffnen sich die Räume der Kinder. Eine rohe Holztreppe führt in die obere Etage, zu den Schlafstellen. Sie zählen die Betten; das fällt leicht, vier Reihen mit je vier Gestellen. Manche sind zusammengeschoben, Kuschelnester. Provisorisch füllen gerollte Handtücher die Rillen zwischen den dünnen Matratzen. So leben sie also. Gerade ist Unterricht, daher diese Leere. Wahrscheinlich gehören einige der Gestalten von der Straße hierher. Kein Spielzeug zu sehen, stattdessen perfekte Ordnung, fast militärisch, trotzdem liebevoll auf eine fremde Art, die sich damit abgefunden hat, dass Menschen Legion sind.
Zu den Kindern dürfen sie keinen persönlichen Kontakt aufnehmen, sie haben sich an das Leben hier gewöhnt. Nach langem Warten noch einmal unerfüllte Hoffnung zu spüren, könnte schmerzhaft sein. Son-Ika will auch niemanden abgeben. Küche, Gerätschaften, Bücherdepot – überall wird der Landesstandard offensichtlich übertroffen. Die Gelder sind ordentlich verwendet, dies lässt sich auf jeden Fall berichten.
Draußen auf dem Feld wühlt Son-Ika mit dem Schüreisen heiße Speisen aus dem Lehmboden, von der Konsistenz gegrillter Gürteltiere, vegetarisch zubereitet. Gegessen wird mit einer Miniaturgebetsfahne. Guido traut sich als Erster, probiert und tut enthusiastisch. Dann legen die anderen ihre Prüfung ab. Helene fällt durch.
Führung
Die anderen, das sind: Helmine, 32, Buchhändlerin, jetzt Turmbibliothek, Leisesprecherin, Schwarzträgerin, Fossiliensammlerin und Gunther, 37, Studienrat, Mannschaftssportler, Antithesenfreund, Zooliebhaber; Helga, 34, Gemeindereferentin, römisch-katholisch, Prozessionsorganisatorin, Arkadenbummlerin, SoL-Sponsorin und Gustav, 34, Bauingenieur, Ex-Solschi, Flusswanderer, Wella-Beschützer.
Für Helene und Guido gibt es die Anderen und die Übrigen
