Explosive Vibes: Julian & Marie - Lisa Torberg - E-Book
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Explosive Vibes: Julian & Marie E-Book

Lisa Torberg

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Beschreibung

Mit vierzehn wurde Marie wegen ihres Übergewichts gemobbt. Der einzige Lichtblick in ihrem Dasein war ihr arabischer Märchenprinz, der ein paar Klassen über ihr war. Als sie endlich ihren Babyspeck loswird, hat er die Schule längst beendet. Viele Jahre später findet sie ihren Traumjob – und ausgerechnet er ist einer ihrer neuen Chefs. Julian pfeift auf sein Bad-Boy-Aussehen, das er seinen saudi-arabischen Genen verdankt, und auf seinen beruflichen Erfolg, denn privat hat er einfach kein Glück. Mit den Frauen erlebt er nur Märchen, die verkehrt herum ablaufen: Innerhalb kürzester Zeit werden aus den vermeintlichen Prinzessinnen hässliche Kröten. Am Tiefpunkt angelangt, stellt sein Partner eine neue Architektin ein. Ihre blitzblauen Augen ziehen ihn an. Ihre Wahnsinnsfigur erregt ihn. Ihr launenhaftes Verhalten bringt ihn zur Weißglut. Aber das ist erst die Ruhe vor dem Sturm …

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Prinzen gibt es nur im Märchen und Traumfrauen verwandeln sich immer in Hexen. Oder doch nicht?

Mit vierzehn wurde Marie wegen ihres Übergewichts gemobbt. Der einzige Lichtblick in ihrem Dasein war ihr arabischer Märchenprinz, der ein paar Klassen über ihr war. Als sie endlich ihren Babyspeck loswird, hat er die Schule längst beendet. Viele Jahre später findet sie ihren Traumjob – und ausgerechnet er ist einer ihrer neuen Chefs.

Julian pfeift auf sein Bad-Boy-Aussehen, das er seinen saudi-arabischen Genen verdankt, und auf seinen beruflichen Erfolg, denn privat hat er einfach kein Glück. Mit den Frauen erlebt er nur Märchen, die verkehrt herum ablaufen: Innerhalb kürzester Zeit werden aus den vermeintlichen Prinzessinnen hässliche Kröten.

Am Tiefpunkt angelangt, stellt sein Partner eine neue Architektin ein. Ihre blitzblauen Augen ziehen ihn an. Ihre Wahnsinnsfigur erregt ihn. Ihr launenhaftes Verhalten bringt ihn zur Weißglut. Aber das ist erst die Ruhe vor dem Sturm …

"Explosive Vibes: Julian & Marie“ ist der fünfte Roman der Reihe

Alle Bücher können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.

INHALTSVERZEICHNIS

Explosive Vibes

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Epilog

Mr. Captivating

The Gipsy Pilot

Die Autorin

Impressum

1

»Eigentlich wären Sie die perfekte Wahl für den Posten, Frau Winter.«

Von den beiden Grübchen neben den Mundwinkeln meines Gegenübers, die sich vertiefen, sobald er lächelt, ist nichts mehr zu sehen. Doch nicht das ist es, was meinen Magen zusammenballt und mir das Gefühl gibt, dass all die darin enthaltene Säure durch meine Kehle nach oben dringt. Nein, es ist dieses Wort, mit dem er den letzten Satz eingeleitet hat.

Das unausgesprochene »Aber« liegt in der Luft.

Und das »Uneigentlich«, mit dem ich meine Gegenfrage einleiten will, auf meiner Zunge.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Jahrelang habe ich darauf gewartet, endlich zeigen zu können, was ich kann. Bis heute war ich chancenlos, habe es in Bewerbungsgesprächen für einen verantwortungsvollen Posten nie über die erste Hürde hinweggeschafft. Stets bin ich von irgendeinem in den Rollenbildern der Gesellschaft festgefahrenen Geschäftsführer oder Personalchef bereits beim ersten Vorstellungsgespräch – sofern es überhaupt dazu kam – abgekanzelt worden. Für sie war ich jung, blond und dumm. Wobei von diesen klischeehaften Attributen mittlerweile nur noch das zweite stimmt und das letzte schlichtweg eine haltlose Behauptung ist. Als ob die Haarfarbe irgendetwas über den Zustand des Gehirns einer Person aussagen würde. Wäre dem so, in welche Schublade gehören dann Männer mit Glatze?

Keine Ahnung, woher dieser Gedanke jetzt kommt.

Mein Gegenüber ist alles andere als haarlos. Seine dunkelblonden Haare strahlen im durch das Fenster einfallenden Sonnenlicht mit seinen kornblumenblauen Augen um die Wette. Aber das Lächeln, das die ersten zwanzig Minuten unseres Gesprächs begleitet hat, fehlt jetzt. So wie ihm offenbar nach dem letzten Satz der gesamte Wortschatz abhandengekommen ist. Mir nicht.

»Und uneigentlich?«, schleudere ich ihm entgegen.

Du solltest das Hirn einschalten, bevor du sprichst, Marie, sagt mein Bruder immer. Den Spruch hat er mitsamt der Beschützerrolle von unserem Vater übernommen. Als ob ich es mit zweiunddreißig nötig hätte, von irgendjemandem beschützt zu werden! Aber Peter geht in dieser Rolle auf. Seitdem unsere Eltern beide in Pension und nahezu ständig auf Reisen sind, noch mehr als früher – und das, obwohl ich schon seit Jahren allein und in Wien lebe.

Das dunkle Lachen, mit dem mein Gegenüber meine trockene und unüberhörbar schnippische Frage kommentiert, holt mich aus den Untiefen meiner unsinnigen Überlegungen zurück in das Besprechungszimmer, das mit seiner eleganten modernen Einrichtung all das widerspiegelt, was der Mann an der anderen Tischseite vertritt. Guten Geschmack, exzellente Ausführung der Projekte und die führende Marktposition seines Unternehmens nicht nur in Wien, sondern in ganz Österreich. Nicht zu vergessen, dass er dem alten Adel unseres Landes angehört, jedoch keiner der verarmten Sprösslinge irgendwelcher Snobs mit wohltönenden Namen ist, die ihre Herkunft vor sich hertragen wie eine Krone und sich bewegen, als ob sie einen goldbestickten Mantel aus rotem Samt mit Hermelinbesatz trügen. Im Gegenteil. Er ist bodenständig, spricht ohne diesen hochgestochenen näselnden Unterton und hat von dem Moment an, an dem wir uns mit Handschlag begrüßt haben, keine Mauer zwischen uns hochgezogen. Max Kaunitz ist nicht nur extrem sympathisch, höllisch attraktiv und offenbar humorvoll, vor allem ist er jung. Nicht viel älter als ich vermute ich, denn sein Geburtsjahr ist in seiner Biografie auf der Firmenwebsite nicht angegeben.

»Auch uneigentlich, Frau Winter«, antwortet er jetzt mit unüberhörbar heiterem Unterton.

Meine Augenlider verselbstständigen sich und flattern. Mehrmals. Was hat er gesagt? Ich vergrabe die Fingernägel in meinen Oberschenkeln und bin froh, dass der Stoff der Hose meines eleganten Tailleurs verhindert, dass ich mich blutig kratzen kann.

»Wie meinen Sie das, Herr Kaunitz?«

Er lächelt, und ich starre fasziniert auf die beiden Grübchen, die sich neben seinen Mundwinkeln vertiefen.

»Ich hätte Sie gern in meinem Team, Frau Winter, aber nicht als Projektleiterin, sondern in der Direktion. Sie werden uns in allen Projekten unterstützen. Wann können Sie anfangen?«

Mein Puls beschleunigt, das Blut rast im Galopp durch meinen Körper. Ich spüre, wie es in meinen Kopf schießt und meine Wangen zu glühen beginnen.

»Sie meinen ...?«

»Genau das, was ich gesagt habe.« Er zwinkert mir zu. »Über die Vertragsdetails sprechen wir dann später gemeinsam mit Hans Brunner, dem Personaldirektor der Kaunitz GmbH, und meine Frau freut sich schon darauf, Sie kennenzulernen. Allerdings ist sie heute nicht im Haus. Sie wird Sie morgen durch die Abteilungen führen und überall vorstellen.«

Max Kaunitz spricht und lächelt mir zu, aber ich begreife nur, dass ich den Job habe, und ein Wort bleibt hängen. Ich wiederhole es fragend. »Morgen?«

»Ist Ihnen das zu früh, Frau Winter? Ich hoffe nicht. Sie haben doch in Ihren Bewerbungsunterlagen geschrieben, dass ...«

»Nein, es ist nicht zu früh!«, rufe ich aus. »Im Gegenteil!«

Mein Gegenüber atmet erleichtert aus. »Das ist gut. Sehr gut. Wir haben zwar sofort nach dem Lockdown wegen des Coronavirus wieder voll unsere Arbeit aufgenommen, aber mit den neuen Projekten können wir erst jetzt so richtig durchstarten. Gemeinsam mit Ihnen, Frau Winter. Details zu den Projekten erfahren Sie dann morgen, doch zuallererst müssen Sie jetzt meinen Schwager kennenlernen, mit dem Sie eng zusammenarbeiten werden.«

Mir fehlen die Worte. Ich bin fassungslos. Es ist ... Unglaublich! Wie ein Urschrei erklingt das Echo in meinem Kopf und bringt mich an den Rand eines Tinnitus. Es klingelt und quietscht so laut, dass ich zwar sehe, wie Max Kaunitz mit einer Handbewegung das Intercom in der Mitte des Tisches aktiviert und seine Lippen bewegt, jedoch nicht höre, was er sagt, bevor er wieder zu mir schaut. Ich sehe, wie sich sein Mund bewegt, und endlich wird die Kakophonie in meinem Kopf leiser.

»... sind wahrlich außerordentlich, Frau Winter.«

»Wie bitte?«, frage ich mit einem Hauch von Stimme.

»Ihre Projekte.« Er deutet auf meine Bewerbungsmappe.

»Die, an denen ich mitgearbeitet habe«, stelle ich eilig klar.

Max Kaunitz wirft mir einen nachdenklichen Blick zu. »Genau so habe ich Sie eingeschätzt.«

Mit einem Stirnrunzeln versuche ich zu begreifen, wo der Haken in seiner Aussage liegt.

Männer in meinem beruflichen Umfeld sagen nie etwas, was nicht negativ gemeint ist. Ich bin nämlich ihrer Meinung nach nicht nur jung, blond und dumm. Nein, ich habe mir – auch das höre ich seit mehr als einem Jahrzehnt ständig – das falsche Studium ausgesucht. Doch trotz aller Stolpersteine, die mir von männlichen Kommilitonen und Professoren gleichermaßen in den Weg gelegt wurden, habe ich es nicht nur in der geringstmöglichen Zeit abgeschlossen, sondern dies auch noch mit Auszeichnung – als Einzige meines Jahrgangs. Worauf sich das auf alle Studenten bezieht, nicht nur auf die wenigen weiblichen, die es außer mir gewagt haben, sich an der TU in Architektur einzuschreiben. Frauen gehören an die Angewandte, wie die Universität für angewandte Kunst in Wien gemeinhin genannt wird, nicht an die Technische Universität. Und wenn eine Person mit zwei X-Chromosomen schon unbedingt an der TU studiert, dann hat sie diesen ungebührlichen Versuch nach den sechs Semestern des Bachelorstudiums zu beenden, um in irgendeinem Büro als Handlangerin zu versumpfen – um nicht zu sagen zu verenden. Denn das ist es, was diese Mistkerle mir gewünscht haben, als ich das Masterstudium nicht nur in Angriff genommen, sondern ebenfalls mit Bestnote abgeschlossen habe.

Deshalb hat mir bis heute, unendlich zähe, unbefriedigende acht Jahre lang, niemand die Chance gegeben, auch nur ein Projekt selbstständig zu entwickeln und zu betreuen. Was also meint Max Kaunitz mit seiner Aussage, dass er mich genau so eingeschätzt hat?

»Wie meinen Sie das?«

»Ich schätze Sie als zuverlässige und loyale Mitarbeiterin ein, Frau Winter. Selbst jetzt geben Sie Ihre Arbeiten als die Ihrer ehemaligen Vorgesetzten aus, nur weil die ihren eigenen Namen daruntergeschrieben haben.«

Ich öffne den Mund – und japse nach Luft. Dann klappe ich ihn wieder zu und schlucke.

»Wieso wissen Sie ... Ich meine, wieso denken Sie das?«

Ein Lachen dringt von links an mein Ohr. Warm und tief und durchdringend, dass es durch meine Haut hindurchdringt und meinen Körper zum Prickeln bringt.

»Das haben Max und ich sofort erkannt, als wir Ihre Bewerbungsunterlagen gesichtet haben.«

»Darf ich Ihnen meinen Schwager vorstellen, Frau Winter?«

Max Kaunitz deutet zur Tür. Mein Blick folgt seinem ausgestreckten Arm. Ich erstarre und presse die Lippen aufeinander. Das kann nicht ... Nein, das ist ein Albtraum.

Der Mann kommt auf mich zu. Mit seinen raubtierhaften Schritten, diesem Gang, den er immer schon hatte und der sämtliche Mädchen der Oberstufe zum Sabbern brachte. Damals, vor unendlichen Zeiten, als ich mich während der Pausen irgendwo am Rand des Schulhofs unsichtbar machte. Vor allem wenn er mit seinen Freunden aufkreuzte. Mit seiner Clique, diesen präpotenten, bösartigen, eingebildeten Vollidioten, die mich von meinem ersten Tag in der Oberstufe an verfolgt haben. Die sich keine Gelegenheit nehmen ließen, um mich wegen meines Aussehens auszulachen, mich aufzuziehen, mich fertigzumachen. Jahrelang, bis sie endlich mit der Matura abschlossen und die Schule verließen. Und er hat zwar nie persönlich mitgemacht, sich aber auch nicht von den anderen distanziert. Nicht wirklich. Nur einmal habe ich gehört, wie er seinen Freunden sagte, sie sollten mich doch in Ruhe lassen, da ich es ohnehin schon schwer genug hatte.

Er, der jetzt nur noch wenige Schritte von mir entfernt ist. Mit den schwarzen, modisch gestylten Haaren, den in Form gebrachten Augenbrauen über seinen dunkelbraunen Augen und dem dunkelgrauen Maßanzug mit perfekt gebundener Krawatte sieht er aus wie ein Male-Model auf der Titelseite der GQ. O mein Gott. Schon damals nannten ihn alle den arabischen Märchenprinzen, aber jetzt ...

»Julian Wiesinger.« Er streckt seine Hand aus und umschließt meine Finger. Seine rechte Augenbraue zuckt im selben Moment hoch, in dem mich der Stromstoß trifft. Meine Knie werden butterweich und ich klammere mich mit der freien Hand an der Armlehne meines Stuhls fest. Nicht, weil ich zu Boden sinken könnte, denn zum Glück sitze ich, sondern weil nicht nur meine Beine zittern. Mein ganzer Körper vibriert bei seiner Berührung. Und vor Angst, denn seine nächste Bemerkung wird sicher alles andere als freundlich sein. Er wird das aussprechen, was seine Freunde damals ...

Innerlich zucke ich zusammen und verabschiede mich von dem Job, noch bevor ich den Vertrag unterschrieben habe.

»Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Frau Winter. Auf gute Zusammenarbeit.«

Er lächelt und ich starre ihn an. Das kann doch nicht ... Nein! Tatsächlich? Er erkennt mich nicht! Ich bin fassungslos. Er erinnert sich nicht an das Mädchen, das von seinen Kumpels vor seinen Augen zwei Jahre lang gemobbt wurde? So ein ... Arschloch.

Ich entziehe ihm meine Hand und stupse mit dem Zeigefinger an den Nasensteg meiner Brille, um sie zurechtzurücken.

»Ich freue mich ebenfalls auf unsere Zusammenarbeit, Herr Wiesinger.« Meine Worte unterstreiche ich mit einem honigsüßen Lächeln.

Wie heißt es? Rache ist süß. Auch wenn sie nach langer Zeit kommt, füge ich in Gedanken hinzu. Julian Wiesinger wird sich warm anziehen müssen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

2

»Du schaust drein, als ob dir jemand schon heute den Schlüssel für den neuen Ferrari überreicht hätte.« Max stößt mit der Faust gegen meinen Oberarm.

Ich mag es nicht, wenn mir jemand zu nahe kommt. Egal wer. Zumindest war es früher so. Bevor dieses verfluchte Coronavirus die Welt einmal komplett auf den Kopf gestellt und dann mehrfach durchgerüttelt hat, als ob unser Planet nicht mehr wäre als ein Eiswürfel in einem Cocktailshaker. Während dieser weltweiten Pandemie, die in manchen Ländern mehr Chaos hinterlassen hat als anderswo und noch lange nicht zu Ende ist, hat sich viel verändert. Auch bei uns in Österreich, dem Land, das unser ehemaliger Bundeskanzler Bruno Kreisky als Insel der Seligen bezeichnete. Heute sind wir weniger selig, dafür sehen wir klarer. Sogar die typischen Wiener Dauernörgler und Grantscherben sind ein wenig zugänglicher geworden. Nicht alle, aber viele von ihnen. Das ist es, was Jason erst vor wenigen Tagen bei der offiziellen Eröffnung des zweiten Obdachlosenheims der Stiftung, die wegen der Pandemie um einige Monate verschoben werden musste, gesagt hat – mit einem Augenzwinkern in meine Richtung. Also ja, auch mich hat dieses Covid-19 verändert. Nicht, dass es mich erwischt hätte, aber allein die Tatsache, dass monatelang menschliche Nähe schlichtweg verboten war, hat etwas in mir angestellt. Während ich allein in der riesigen Wohnung saß und im Homeoffice arbeitete, wurde mir klar, welch beschissenes Leben ich eigentlich führe. Ich arbeite, um zu leben, und lebe, um zu arbeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Dass mein Schwager mir also jetzt die Faust in den Oberarm rammt, stört mich nicht. So idiotisch es klingt, ich bin für jede Berührung dankbar, seitdem menschlicher Kontakt wieder möglich ist – wenn auch nur unter Berücksichtigung aller vorgeschriebenen Corona-Maßnahmen. Aber die Bemerkung über mein neues Auto, das vor vier Monaten hätte geliefert werden sollen und dessen Produktion sich ebenfalls aufgrund dieses Virus verzögert, hat nichts mit dem mulmigen Gefühl in meinem Magen zu tun.

Scheiß auf den Ferrari! Der Kampf, den ich mit dem Händler ausgefochten habe, als ich vom Kauf zurückgetreten bin, liegt mir immer noch im Magen. Nicht nur deshalb habe ich bisher mit niemandem darüber gesprochen.

Ich stoße all die Luft aus, die ich angehalten habe, seitdem Marie Winter hinter unserem Personaldirektor Hans Brunner das Besprechungszimmer verlassen hat. Mit einem aufreizenden, sexy Hüftschwung, der an Perfektion nicht zu überbieten ist. Mit einem Drehen ihres Kopfes an der Tür, um uns einen letzten Blick aus den blauen Augen zuzuwerfen. Strahlenden Iriden, die durch die Gläser ihrer Oberlehrerinnenbrille noch größer wirken. Dem blonden, lässig zu einem Knoten auf dem Hinterkopf hochgesteckten Haar, wodurch der Hals unbedeckt bleibt. Dieser schlanke, bezaubernde Körperteil, dessen absoluter Gipfel der Nacken ist, der zum Küssen einlädt. Mein Schwanz ist eindeutig meiner Meinung, denn er befindet sich immer noch in Habtachtstellung, obwohl sie längst verschwunden ist.

»Wie gut ich dich verstehen kann, Julian.« Max seufzt neben mir.

Ruckartig drehe ich den Kopf zu ihm herum. »Denk nicht einmal dran, du Arschloch. Meine Schwester ist ...«

Lachend hebt er die Arme und zeigt mir seine Handflächen, als ob er sich ergeben wollte.

»Schwanger. Von mir. Wie könnte ich das vergessen, mein Lieber? Ich bin der glücklichste Mann der Welt.« Mit verträumtem Blick senkt er seine Hände. »Jasmin hat sich nicht nur ein Plätzchen in meinem Herzen gesucht, sie hat es zur Gänze beschlagnahmt. Und ich liebe sie noch mehr als sie mich, auch wenn deine Schwester das immer abstreitet. Aber ...«

»Was?« Es ist idiotisch, dass ich ihn grundlos anknurre. Das weiß ich, aber ich kann nicht anders.

»Ich habe auch Augen im Kopf, Julian. Und Marie Winter hat die allerbesten Karten, um Jasmin, Sophie und Leonie Konkurrenz zu machen. Eine Frau ganz nach unserem Geschmack. Sie ist sexy und intelligent, mit allen Attributen am richtigen Platz und einem Hüftschwung, der sogar Kim Kardashian in den Schatten stellt. Wobei ich da in allererster Linie von der Kurve rede, die an ihrer Mitte beginnt und sich in überirdischer Perfektion in Richtung Beine fortsetzt, um dann ...«

»Schluss!« Ich schreie Max an und lege zugleich die Hand auf meinen Schritt, um die nervige, erneut anwachsende Erektion in eine etwas erträgliche Position zu rücken. Und was macht mein Schwager? Er senkt den Blick und beginnt zu lachen. Nicht leise und zurückhaltend, sondern schallend.

Ich werfe einen hektischen Blick zur Tür des Besprechungszimmers, aber die ist nach wie vor zu, seitdem unsere neue Architektin sie hinter sich geschlossen hat. Es besteht also keine Gefahr, dass irgendjemand hereinkommt und mich in dieser peinlichen Situation sieht. Außerdem ist hier oben auf der Chefetage dünne Luft, wie Max mir schon erklärt hat, noch bevor ich auf sein Angebot eingestiegen bin und den Sitz der Wiesinger GmbH, der Firma, die mir gemeinsam mit meiner Schwester und meinem Bruder Jo gehört, hierher verlegt habe. Außer uns und Helga Bauer, der Direktionssekretärin, verirrt sich nur selten jemand auf dieses Stockwerk.

Max grinst. »Weißt du was? Ich bin froh, dass sie sofort anfangen kann, und freue mich auf das, was morgen an Marie Winters erstem Arbeitstag auf uns zukommen wird. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss Jasmin anrufen, um ihr zu erzählen ...«

»Wage es nicht«, rufe ich ihm nach, als er eilig nach den Unterlagen greift und aus dem Zimmer verschwindet.

Er antwortet nicht. Stattdessen reißt er die Tür auf und streckt den Mittelfinger hoch, bevor er aus meinem Sichtfeld verschwindet. Ich kann ihn immer noch lachen hören, als er den Flur entlang zu seinem Zimmer geht.

Jetzt sehe ich glasklar vor mir, wie tief ich in der Scheiße sitze. Meine sprichwörtliche Eismauer ist wegen dieser kleinen, schlanken, kurvigen Blondine mit dem Oberlehrerinnen-Touch eingestürzt – und mein Schwager weiß es. Was bedeutet, dass es bis heute Abend all unsere Freunde wissen werden. Ohne Ausnahme.

3

»Wahnsinn, Marie. Das ist einfach nur ...«

»Ein Albtraum. Ein Horrorszenario. Das Schlimmste, was mir passieren konnte.«

Ich unterbreche Susi nicht nur, sondern rattere all die Gedanken, die seit Stunden in meinem Hirn Karussell fahren, herunter wie die Salve eines Maschinengewehrs. Und was tut sie? Sie lacht schallend auf die ihr typische Art auf, woraufhin sich nicht nur die Leute an den nächsten Tischen, sondern nahezu alle Anwesenden in unsere Richtung drehen. Jedoch nicht irritiert, da jemand die typische Kaffeehausruhe im altehrwürdigen Café Prückel stört, sondern teils amüsiert, teils wohlwollend. Das wäre vor Coronazeiten nicht passiert – aber diese Pandemie hat viel verändert. Aus den Wiener Grantlern, den ewigen Nörglern, sind Menschen geworden, die für Heiterkeit empfänglich sind. Wer hätte noch vor einem halben Jahr gedacht, dass dieses Virus auch Positives mit sich bringen würde? Was man allerdings von meinem ersten Arbeitstag nicht behaupten kann. Ich rühre gedankenverloren in meiner Tasse und lecke den Löffel ab, bevor ich sie an die Lippen setze und einen Schluck nehme. Dabei verziehe ich das Gesicht, als ob ich ungesüßte Zitronenlimonade trinken würde und nicht meine über alles geliebte heiße Schokolade mit Schlagobers. Letzteres bildet prompt einen weißen Bart auf meiner Oberlippe, der Susi erneut zum Lachen bringt, obwohl sie sich doch gerade erst beruhigt hat.

»Ich weiß nicht, was du so lustig findest«, zische ich kopfschüttelnd in ihre Richtung und verzichte auf die Serviette, um die fettigsüßen Spuren zu beseitigen. Mein Handrücken tuts auch.

»Dich, Mariechen. Du warst nicht mehr so durch den Wind, seitdem Peter und ich dir damals gesagt haben, dass wir miteinander gehen.«

»Ihr seid nicht miteinander gegangen«, berichtige ich sie augenrollend. »Ihr habt es miteinander im Heu getrieben.« Bei dem Gedanken, wie ich meine beste Freundin und meinen Bruder auf dem Heuboden unseres Reitstalls entdeckt habe, stellt sich bei mir immer noch meine gesamte Körperbehaarung auf – nach über einem Jahrzehnt. Er lag unter ihr, beide hatten ihre Hosen bis zu den Knöcheln runtergezogen, und sie ritt ihn, so wie er es normalerweise tat. Wobei er, der beste Reitlehrer in Wien und Umgebung, wie die Presse ihn schon damals bezeichnete, dies normalerweise ausschließlich mit Pferden tat – bekleidet im Sattel sitzend.

»Du kannst dir diesen Satz mittlerweile wirklich sparen«, erwidert Susi diesmal mit absolut ernstem Gesichtsausdruck, bevor sie ihr zuzwinkerte. »Sonst erzähle ich dir, wo Peter und ich es während unserer langen Verlobungszeit und auch in den fünf Ehejahren überall getrieben haben und bis heute tun.«

Abwehrend hebe ich beide Hände. »Um Himmels willen, nur das nicht!« Ich bin ja nicht prüde, aber ich will mir meinen Bruder nicht beim Sex vorstellen. Obwohl Peter immerhin meine beste Freundin geheiratet hat, mit der ich schon mit dreizehn die Kolumne des Dr. Sommer in der Bravo verschlang. Was auch immer wir über Zungenküsse, Petting und Selbstbefriedigung wussten, haben wir aus der in unserer Teenagerzeit immer noch angesagtesten Jugendzeitschrift erfahren. Also nein, obwohl wir in der Theorie schon recht früh ziemlich aufgeklärt waren, so waren wir in der Praxis absolute Spätzünder. Kein Wunder für zwei Mädchen, die in ihrer Pubertät absolut nicht dem allgemeingültigen Schönheitsideal entsprachen. Wir waren nicht einfach nur übergewichtig, sondern fett. Beide.

Das war der vorrangige und offensichtliche Grund, weshalb wir bereits in der Unterstufe Freundinnen wurden und auch gemeinsam beschlossen, in die Oberstufe auf das Akademische Gymnasium am Beethovenplatz zu wechseln. Im ältesten Gymnasium Wiens, einem der renommiertesten der Stadt, das seit seiner Gründung 1553 viele berühmte Wiener absolviert hatten, wollten wir unsere Revanche nehmen. Damals war uns klar, dass wir zwar nicht den Ruhm eines Franz Schubert oder der Kernphysikerin Lise Meitner erreichen würden, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt, sagt das Sprichwort. Zumindest wollten wir allen – und nicht zuletzt uns selbst – beweisen, dass viel mehr in uns steckte, als man uns ansah. Jahrelang als Specklawine, Knödel und Rollmops angesprochen zu werden und nachts davon zu träumen, dass sich meine Beine tatsächlich wahlweise in Schweinshaxen oder Krautstampfer verwandelten, war schlimm. Doch ständig zu hören, dass in einem derart hässlichen Körper auch die Gehirnmasse nichts anderes als Fett sein konnte und somit die Denkfähigkeit auf ein Minimum reduziert war, schmerzte wirklich. Und obwohl uns beiden damals absolut bewusst war, dass die Eliteschule, in der die Schüler zuallererst an ihr perfektes Aussehen dachten, bevor sie auch nur ein Lehrbuch aufschlugen, für uns beide ein Albtraum sein würde, haben wir die vier Jahre überstanden.

Wir wurden Experten darin, uns gegen verbale Angriffe zu wehren – indem wir nichts erwiderten. Unsere Devise war es, keine Worte direkt an die Angreifer zu richten. Stattdessen lernten wir Tag und Nacht und überflügelten alle anderen. Ich war bereits vor den Weihnachtsferien im ersten Jahr Klassenbeste – und zerrte Susi mit, die es schaffte, bis zur Matura stets unmittelbar hinter mir zu liegen. Allerdings nur, da sie mir genauso zusetzte wie ich ihr. Während ich der geistige Dorn in ihrem Fleisch war, war sie mein physischer. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass wir beide mit achtzehn in eine Größe achtunddreißig passen würden. Tatsache ist, dass Susi auf ihrem Gebiet genauso gut war wie ich in meinem: Wir trugen am Tag der Abschlussfeier hautenge Kleider Konfektionsgröße sechsunddreißig.

»Um auf deine idiotische Aussage zurückzukommen, Marie«, unterbricht Susi meine Gedanken.

»Welche?«

»Albtraum. Horrorszenario. Das Schlimmste, was dir passieren konnte.« Susi grinst. »Ich würde sagen, genau das Gegenteil ist der Fall.«

»Du spinnst.« Ich rolle mit den Augen, bevor ich den Blick senke, nehme den Löffel und kippe die Tasse, um auch die allerletzten Tropfen der heißen Schokolade auszulöffeln.

»Nein, liebe Schwägerin, das überlasse ich diesmal dir«, erwidert Susi. »Du träumst seit sage und schreibe achtzehn Jahren von Julian Wiesinger, seit dem Tag, an dem du ihn zum ersten Mal gesehen hast, und jetzt bist du ihm näher als je zuvor. Das ist deine große Chance, Marie!«

Ich schüttele heftig den Kopf. Über mich, weil ich so dumm war, Susi jedes Detail des heutigen Tages bei der Kaunitz GmbH zu erzählen, noch bevor wir unseren Tisch erreicht hatten. Nun, nicht wirklich alles, sondern nur das, was den arabischen Märchenprinzen anbelangt.

Obwohl Susi und ich uns an der Oberstufe außerhalb des Unterrichts von unseren Mitschülern fernhielten, bekamen wir alles mit, was rundum geschah. Der Flurfunk war unter hormongesteuerten Teenagern wie der Dauerton einer Sirene, und so wussten wir bald, dass Julian Wiesingers Vater Wiener, seine Mutter hingegen die Tochter eines Scheichs aus Saudi-Arabien war. Das erklärte sein schwarzes Haar und die ebenmäßigen Gesichtszüge, sein außerordentliches Aussehen sowie sein stolzes und zugleich zurückhaltendes Auftreten.

Damals, während der ersten beiden Schuljahre in der Oberstufe, sah ich ihn nahezu täglich – aus der Ferne. Nachts und an den Wochenenden musste ich nur die Augen schließen und sah ihn vor mir. Er war der Prinz in meinen Träumen – und für eine wie mich unerreichbar.

Er hatte sich in meinen Kopf geschlichen und sich dort eingenistet, als er mir in der Eingangshalle des Gymnasiums den Schulrucksack aufgehoben hatte, der mir aus meinen zitternden Händen gefallen war, weil mich jemand anrempelte und mir »fette Sau« zuraunte. Das war am zweiten Schultag in der Oberstufe gewesen – und ich erinnere mich bis heute an den freundlichen Blick, den Julian mir aus seinen von langen seidigen Wimpern umrahmten Augen zugeworfen hat. Seine Iriden hatten mich an Bitterschokolade erinnert, doch die wenigen Worte, die er zu mir sagte, waren das genaue Gegenteil gewesen, nämlich süß. »Du bist sicher ein Neuzugang. Herzlich willkommen in den heiligen Hallen des Wissens.« Nein, korrigiere ich mich in Gedanken. Nur in dem Moment, in dem sich unsere Hände flüchtig berührten, habe ich das gedacht. In den darauffolgenden Wochen und Monaten habe ich meine Meinung revidiert. Er war nicht süß. Ich habe ihn beobachtet. Wieder und immer wieder. Auf den Gängen, wenn er mir entgegenkam. In der Mensa der TU, wo Marie und ich im ersten Jahr noch mit den anderen Schülern, deren Eltern für die Tagesbetreuung bezahlten, mittags aßen. Und am Ende des Tages beim Ausgang, wo Susi und ich notgedrungen vorbeimussten und er stets umgeben von Mitschülern und sabbernden Mädchen herumstand. Dort, wo uns seine Kumpels, deren Anführer Emil hieß, die geballte Ladung an gemeinen Schimpfwörtern hinterherriefen und uns auslachten – und er nichts sagte oder tat. Nie. Dass er ohnehin kaum sprach und offenbar nicht einmal die schmachtenden Blicke der fleischgewordenen Barbiepuppen bemerkte, war mir irgendwann im zweiten Jahr aufgefallen. Zu der Zeit hatte ich bereits sechs Kilo abgenommen und meine Selbstsicherheit so weit zugenommen, dass ich nicht mehr nur meine Augen starr auf den Boden richtete, sondern hin und wieder auch aufsah. Möglicherweise hätte ich ihn im dritten Jahr direkt angesehen – damals wog ich, nach dem sechswöchigen sommerlichen Sportcamp, nicht mehr achtundachtzig Kilo wie zu Beginn der Oberstufe, sondern nur noch einundsiebzig. Das war zwar bei meiner Körpergröße nicht wenig, da mein Wachstum sich bei eins fünfundsechzig eingestellt hatte, aber ich ähnelte keinem Walross mehr. Bestenfalls einem knuffigen Teddybärchen, wie Peter meinte. Aber das konnte Julian Wiesinger nicht wissen. Zu der Zeit hatte er bereits als Jahrgangsbester die Matura abgelegt und der Schule den Rücken gekehrt. Ich habe ihn seither nie mehr wiedergesehen – bis heute.

Ich greife an die Bügel meiner Brille, nehme sie ab und lege sie vor mir auf den Tisch, bevor ich Susi antworte.

»Mit einem hast du recht. Es ist meine große Chance.«

»Endlich gibst du es zu.«

»Halt!« Ich hebe die Hand. »Ich spreche von dem fantastischen Job, den Max Kaunitz mir angeboten hat. Das ist das Einzige, was zählt, Susi. Darauf habe ich so viele Jahre hingearbeitet und unzählige Abfuhren von Chauvinisten eingesteckt, die einer Frau nicht mehr zutrauen, als das Heimchen am Herd zu spielen. Du glaubst doch nicht, dass ich jetzt, wo ich mein Ziel erreicht habe, mit meinem Unterleib denken werde? Ich bin doch kein Mann!«

Susi grinst über das ganze Gesicht und zieht ihre Augenbrauen hoch.

»Nein, Marie, das erkennt auch ein Blinder, glaube mir. Du bist eine wunderschöne Frau, doch dein Selbstbild ist so verzerrt, dass du es nicht erkennen kannst. Oder willst.«

Ich öffne den Mund, um zu meiner üblichen Standardantwort anzusetzen, doch sie unterbricht mich mit einer Geste, noch bevor die erste Silbe über meine Lippen kommt.

»Behalte es für dich, ich bitte dich! Ich kenne deine idiotische Ansicht von dir selbst nach all den Jahren hinlänglich. Und nein, ich werde dir nicht wieder sagen, dass du dich vor den Spiegel stellen und objektiv betrachten sollst. Wir wissen beide, dass du dazu nicht fähig bist. Du siehst eben immer noch den dicken Teenager in dir, obwohl du deine Kleidung in Größe sechsunddreißig kaufst – immer noch, wie schon seit vierzehn Jahren, während ich zwischen achtunddreißig und vierzig schwanke.«

»Du hast auch drei Schwangerschaften ...«

Ach Gott! Ich bin so ein gefühlloses Trampeltier! Zwar unterbreche ich mich, aber es ist zu spät. Bereits zum zweiten Mal heute fällt mir Peter ein. Es ist, als ob ich seine Stimme hören könnte. Du solltest das Hirn einschalten, bevor du sprichst, Marie. Ich strecke die Hand über den Tisch und warte, dass Susi mir ihre entgegenstreckt.

»Entschuldige, ich wollte nicht ...«

Sie blinzelt kurz und lächelt tapfer. »Alles in Ordnung, Marie. Ich bin darüber hinweg, glaube mir.«

Nein, das tue ich nicht. Niemand kann jemals ganz über den Schmerz des Verlustes eines Kindes hinwegkommen. Das ist es, was der Psychotherapeut im Krankenhaus nach Susis zweiter Fehlgeburt gesagt hat. Nach der ersten hatte er gemeint, dass sie darüber hinwegkommen würde, sobald sie ein Kind haben würde. Das war noch vor ihrer Heirat mit meinem Bruder gewesen. Beim dritten Mal, vor drei Jahren, als man ihr die Eierstöcke und die Gebärmutter entfernen musste, hat meine Freundin jede psychologische Hilfe abgelehnt. Sie und Peter sind seither noch enger miteinander, obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte, da ich kein Paar kenne, das so sehr von tiefster Liebe verbunden ist wie die beiden. Und sie gehen seither fast noch mehr in ihrer Arbeit auf, jeder für sich, aber – wann immer möglich – gemeinsam. Sie haben einen Weg gefunden, ihr Leben mit Sinn und Freude zu erfüllen – auch ohne Kind. Denn sie werden nie ein eigenes haben.

»Es tut mir trotzdem leid. Ich bin manchmal so unsensibel, dass es mich selbst erschreckt.«

Susi drückt meine Hand. »Bist du nicht. Du bist der emotionalste Mensch, den ich kenne.«

Ich schüttele heftig den Kopf. »Blödsinn.«

»Marie! Du vergisst, dass ich dich besser kenne als irgendjemand sonst. Versuch nicht, dich vor mir zu verstecken. Das ist ein sinnloses Unterfangen und zum Scheitern verurteilt.«

Die Richtung, die das Gespräch zwischen uns nimmt, gefällt mir ganz und gar nicht.

»Lass uns über etwas anderes sprechen.« Ich entziehe ihr meine Hand und greife nach dem Wasserglas, doch es ist leer.

»Sehr gern«, erwidert Susi und hebt zugleich die Hand.

So groß der Gastraum des Prückel ist, so effizient ist das Personal. Einer der Kellner eilt herbei, und es dauert keine zwei Minuten, da bringt er bereits eine Flasche Mineralwasser.

»Themenwechsel also.« Susi lehnt sich in dem gepolsterten Stuhl zurück und umfasst mit den Händen die Runden der Armlehnen. »Was hat Julian Wiesinger noch getan, außer dich mit Blicken auszuziehen?«

4

»Du hast doch ihre Bewerbungsunterlagen gelesen, oder nicht?«

Jasmin reicht mir mit einem fragenden Blick die Schüssel mit dem dampfenden Kartoffelpüree und ich häufe zwei riesige Löffel auf meinen Teller. Wenn es eines gibt, was mir während der Coronamaßnahmen wirklich fehlte, dann die Küche meiner Schwester. Nicht, dass wir jeden Tag zusammen essen würden. Die Zeiten sind vorbei. Damals, als sie und Max unmittelbar nach dem verwirrenden und unglaublichen Beginn ihrer Liebesgeschichte von heute auf morgen zusammenzogen, hat sich auch mein Leben komplett verändert. An einem Tag arbeiteten Jasmin und ich noch miteinander in der Firma, die wir nach dem schrecklichen Tod unserer Eltern viel zu jung gemeinsam führten, am nächsten war sie weg. Aber nicht nur sie, sondern auch Jo, unser Nesthäkchen, der schwer herzkrank zur Welt gekommen war und dem Tod mehrere Male von der Schippe gesprungen ist, ist schon vor über einem Jahr ausgezogen. Seitdem er mit sechzehn eine neue, absolut innovative Herzklappe bekommen hat, ging es stetig bergauf. Mit achtzehn haben ihn die Ärzte komplett gesund erklärt, und nun, mit zwanzig, lebt und studiert er mit seiner Freundin Sabine in perfekter Symbiose. Familientreffen der Wiesingers finden im besten Fall nur noch alle drei, vier Wochen bei einem von uns statt – und oft fehlt einer von uns, so wie heute.

»Ja, klar, habe ich«, erwidere ich jetzt auf Jasmins Frage. »Max und ich haben doch aufgrund ihres Lebenslaufs beschlossen, sie als Erste der drei von Hans Brunner ausgewählten Kandidaten einzuladen.«

»Zum Glück erübrigt es sich, die anderen beiden auch noch zu treffen. Und dass sie schon morgen beginnen kann, ist großartig. Dem Coronavirus und seinen Auswirkungen sei Dank – zumindest in diesem Fall.« Max spießt ein Stück Fleischlaberl auf die Gabel und führt diese zum Mund. Er kaut zufrieden und schaut Jasmin verliebt an. Ich kann ihn verstehen. Meine Schwester ist eine fantastische Köchin, aber wenn sie mich einlädt und mein Lieblingsessen kocht, das rein zufällig auch das meines Schwagers ist, schnellen die Glückshormone auf allerhöchstes Niveau.

»Wem sagst du das«, stimme ich Max zu. Möglicherweise ein wenig zu euphorisch? Was auch immer er und Jasmin aus meiner Stimme heraushören, sie lassen beide ihre Gabeln sinken und schauen mich fragend an.

»Was denn?«

»Sie gefällt dir«, konstatiert meine Schwester schmunzelnd.

Es ist sinnlos, so zu tun, als ob dem nicht so wäre. Wenn mich jemand wirklich kennt, dann Jasmin. Daher setze ich mein Pokerface auf und antworte ihr. »Was du verstehen würdest, wenn du sie getroffen hättest. Sie ist ausgesprochen nett anzusehen. Aber du warst ja heute Vormittag nicht in der Firma.«

»Ich musste auf den Naschmarkt und die richtigen Kartoffeln kaufen, um das perfekte Püree für euch beide zu kochen.«

»Was dir definitiv gelungen ist.« Ich lecke mir über die Lippen.

»Lenk nicht ab, Julian. Und behaupte nicht, dass sie nett anzusehen ist, denn ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass das die Untertreibung des Jahres ist.«

Ich öffne den Mund, um irgendetwas Beiläufiges zu erwidern, doch ich komme nicht dazu, da sie sich an ihren Mann wendet.

»Wie schaut sie aus, Max?«

Während er Marie Winter auf ihr optisches Erscheinungsbild reduziert – blond, Brille, nicht allzu groß, schlank – wirft er mir einen mahnenden Blick zu. Eindringlich warnt er mich, Jasmin nicht zu verraten, dass er heute nach dem Einstellungsgespräch sehr detailliert auf die Rundungen unserer neuen Architektin eingegangen ist.

»Mir scheint, dass ich von euch beiden heute keine ehrlichen Antworten erhalte.« Jasmin sieht kopfschüttelnd von Max zu mir. »Zum Glück kann ich mir schon morgen selbst ein Bild von ihr machen. Ich bin nämlich wirklich neugierig, ob sie sich an mich erinnert.«

Mir bleibt der Bissen im Hals stecken. Fast. Wenn meine Schwester sie kennt, wieso erinnere ich mich nicht an sie? Seitdem die Gasexplosion den Bürocontainer einer Baustelle in die Luft gejagt hat, in dem sich unsere Eltern befanden, sind zwölf Jahre vergangen. Mehr als zehn davon haben wir alles geteilt. Unsere Sorge um Jo und die Firma, die auch all unsere Freizeit verschlang, da ich mein Studium beendete, als Jasmin ihres begann. Wir hatten keine Zeit für Freundschaften und kannten beide dieselben Menschen. Einzige Ausnahme waren Studienkollegen, aber Jasmin hat Arabistik studiert, die Sprache, Literatur und Kultur unserer Mutter, Marie Winter Architektur. Ich senke die Gabel, greife nach dem Wasserglas und nehme einen langen Schluck, bevor ich zu Jasmin schaue.

»Du kennst Marie Winter?«

Sie schluckt und wischt sich mit der Serviette den Mund ab. Dann schüttelt sie leicht den Kopf. »Ich sollte sie kennen, aber ehrlich gesagt finde ich kein Bild zu diesem Namen.«

»Ich verstehe nicht, was du meinst«, erwidere ich verständnislos.

»Sie ist zweiunddreißig, also zwei Jahre älter als ich, habe ich in ihrem Lebenslauf gelesen. Und sie war ab der fünften bis zur Matura im Akademischen Gymnasium, also vier Jahre lang. Das bedeutet, dass sie zwei Klassen über mir gewesen sein muss, und bei sechshundert Schülern läuft man sich da zwangsweise über den Weg, nicht?«

Blitzschnell rechne ich im Kopf nach. Jasmin ist fünf Jahre jünger als ich und kam erst in der Oberstufe an die renommierte Eliteschule, als ich bereits maturiert hatte. Aber Marie Winter ist nur knapp drei Jahre jünger als ich – und ich wurde aufgrund meines Geburtsdatums später eingeschult. Wir waren also definitiv zwei Jahre lang in dem Schulgebäude am Beethovenplatz, das zwar recht groß, aber wahrlich nicht unüberschaubar ist. Wieso also kann ich mich nicht an diese Frau mit dem bezaubernden Gesicht und der Traumfigur erinnern, die mir seit unserem heutigen Treffen nicht mehr aus dem Kopf geht?

5

Erste Arbeitstage sind immer etwas Besonderes. Ich hatte so viele davon, dass mir die Finger einer Hand nicht reichen, um sie aufzuzählen. Und ich war jedes einzelne Mal froh, als der Abend kam und ich endlich den neuen Arbeitsplatz verlassen und wieder atmen konnte. Immer hatte ich gehofft, dass ich freundlich aufgenommen und man mir verantwortungsvolle Aufgaben anvertrauen würde. Beides geschah nie. Ab dem dritten Job, der natürlich wieder projektbezogen und zeitlich befristet war, hoffte ich auf Gleichgültigkeit seitens der Kollegen und sogar der Sekretärinnen – oder wie man die armen unterjochten Frauen sonst bezeichnen will, die für Kaffeenachschub und Kopien und das Weiterleiten von einkommenden Telefonaten zuständig waren. Mehr traut man ihnen offenbar nicht zu, doch sie machen das Beste daraus, wie ich gelernt habe. Im Idealfall haben sie eine sexuelle Beziehung mit dem obersten Boss – im schlechtesten fristen sie ein Graues-Maus-Dasein. In jedem Fall ließen sie ihren Frust an mir aus. Denn als Architektin gehörte ich nicht zu ihnen. Sie verwendeten mich also als Punchingball. Schon lange weiß ich, dass Frauen nur in Ausnahmefällen fähig sind, sich aufgrund ihres Geschlechts als Einheit zu sehen. Nicht einmal in Architekturbüros, wo sie prinzipiell in der Minderheit sind, schaffen sie es, gegen die männliche Übermacht eine geschlossene Front zu bilden. Zumeist hacken sie aufeinander herum, sind ihren Artgenossinnen gegenüber eifersüchtig und nähren ihren Neid tagtäglich. Hat eine andere einen Erfolgsmoment, ballen sie die Hände zu Fäusten und ihre Gesichtsfarbe nimmt einen grünlichen Ton an.

Nachdem Susi gestern Abend unser Treffen im Prückel mit den Worten »Tu nichts, was ich nicht auch tun würde« beendete, habe ich mich in meiner Wohnung verkrochen und darüber nachgedacht, wie ich den Frauen an meinem neuen Arbeitsplatz entgegentreten sollte. Mein Job in der Kaunitz GmbH ist kein befristeter, sondern eine richtige Festanstellung mit einer Probezeit und allen möglichen Benefits, beginnend beim kostenlosen Mittagessen in der Firmenkantine. Keine Ahnung, warum mir ausgerechnet dieser Punkt im Gedächtnis geblieben ist – abgesehen von der beeindruckenden Zahl nach dem Wort Bruttogehalt. Oder doch. Es ging mir nicht aus dem Kopf, weil ich bisher immer in der Mittagspause aus dem Büro geflüchtet bin, um frische und unverbrauchte Luft zu atmen anstatt der vergifteten am Arbeitsplatz.

Und jetzt sitze ich hier in der hellen, freundlichen Kantine der Kaunitz GmbH, genieße den Blick durch die Glasfront auf die Ringstraße und die City und höre Jasmin Kaunitz zu, die sich mit einer Mitarbeiterin austauscht, die sie mir im Laufe der letzten Stunden vorgestellt hat. Ich glaube, es war in der Buchhaltung, auf jeden Fall auf dem Stockwerk, wo auch die Personalabteilung ist. Die Frau nickt freundlich lächelnd auch in meine Richtung und geht zum Ausgang. Erst jetzt fällt mir auf, dass niemand mehr an einem der Tische sitzt, die vor einer halben Stunde noch alle besetzt waren.

»Endlich ein wenig Ruhe.« Jasmin Kaunitz hebt die Schultern, atmet tief ein und wieder aus, bevor sie ihre Hände schützend auf den leicht gerundeten Babybauch legt. Das macht sie immer wieder, wenn sie beide Hände frei hat – und ihr ohnehin schon wunderschönes Gesicht nimmt dabei einen nahezu überirdischen Glanz an. »Das ist natürlich Jammern auf höchstem Niveau, Frau Winter, und ich entschuldige mich dafür. Aber irgendwie habe ich mich während der Wochen, in denen wir alle gezwungen waren, uns so wenig wie möglich außer Haus aufzuhalten, daran gewöhnt. Und obwohl dies schon einige Monate her ist und der Grund ein schrecklicher war, sehne ich mich manchmal nach der Entschleunigung und dem Frieden rundum.«

»Ich auch«, gebe ich mit leiser Stimme zu.

Ich werde es niemandem gegenüber laut aussprechen, aber ich war glücklich, als meine letzte befristete Zusammenarbeit mit diesen Riesenarschlöchern, die mein Wissen und Können aus mir saugten wie Vampire das Blut ihrer Opfer, noch vor Projektende schlagartig zu Ende ging. An dem Tag war ich der Pandemie und den Entscheidungen unserer Regierung, sämtliche wirtschaftlichen Aktivitäten herunterzufahren, einfach nur dankbar. Ich bin heimgegangen, habe zwei Koffer gepackt und bin eine knappe Stunde später vor meinem Elternhaus aus dem Wagen gestiegen. Sosehr ich Wien und die wunderschöne Wohnung in der Innenstadt liebe, die mir meine Großeltern vermacht haben und die ich beginnend bei den Böden ganz nach meinem Geschmack renoviert und eingerichtet habe, ich hätte nicht dort sein wollen. Nicht während dieser irreal anmutenden Wochen, in denen das freiwillige Alleinsein zur Qual geworden wäre. Außerdem brauchte Peter mich. Keine Reitstunden geben zu können, da es Kontaktverbot gab, war eine Sache. Doch auf den Großteil des Personals verzichten zu müssen, bedeutete, dass wir alle mit anpacken mussten, um die Tiere zu versorgen. Pferde müssen betreut und bewegt werden, egal ob ein klitzekleines Virus die Welt aus den Angeln hebt oder nicht, und ich liebe die Arbeit mit ihnen fast so sehr wie Architektur. Und hier bei der Kaunitz GmbH werde ich endlich zeigen dürfen, was in mir steckt. Das ist es, was ich schon seit dem Moment heute Morgen, als Jasmin Kaunitz mich in der Eingangshalle empfangen hat, gespürt habe.

»Es tut mir wirklich leid, dass mein Mann heute außer Haus ist und mein Bruder diesen Zwischenfall hatte und auf eine Baustelle musste. Aber Sie wissen ja selbst, dass Unerwartetes ein fixer Bestandteil der Baubranche ist.« Jasmin hebt bedauernd die Hände. Sie hat mir längst erklärt, dass sie Julian Wiesingers Schwester ist – und ich habe mit keinem Wort zu verstehen gegeben, dass ich das längst wusste. »Aber er wird sicher bald kommen, dann wird er sich um Sie kümmern, Frau Winter.«

Bei ihren Worten rumort es in meinem Magen. Es ist, als ob mein Körper nicht verstehen würde, dass er hier absolut nichts zu melden hat. Er begreift nicht, dass er an meinem neuen Arbeitsplatz keine andere Funktion zu erfüllen hat, als zu atmen und den Herzrhythmus auf normalem Niveau zu halten. Dieses verrückte Organ in meiner Brust pocht zu rasch und zu laut, sobald irgendjemand den Namen meines unmittelbaren Vorgesetzten erwähnt – und das ist im Laufe des Vormittags immer wieder passiert. Wir gingen durch die Abteilungen, ich schüttelte unzählige Hände und erwiderte ebenso viele lächelnde und freundliche Blicke – von Frauen und Männern. Das allein hätte schon gereicht, um die Frequenz meines Pulses zu erhöhen, denn zum ersten Mal in meinem Arbeitsleben hat mich niemand abschätzig angesehen oder eine dumme Bemerkung von sich gegeben, sobald Jasmin Kaunitz mich als die neue Architektin vorstellte, die ab sofort eng mit ihrem Bruder zusammenarbeiten würde. Nein, es war diese zweite Anmerkung, die sie in den vergangenen Stunden immer wieder aussprach, die mir den Schweiß aus den Poren trieb und mich dazu brachte, die Hände ständig an der Hose abzuwischen. Ich will nicht darüber nachdenken, ob man die feuchten Flecken auf dem Stoff sehen kann. Stattdessen konzentriere ich mich darauf, die letzten Bemerkungen meines Gegenübers zu vergessen und zu hoffen, dass derjenige, von dem sie sagt, dass er sich um mich kümmern wird, noch weiter auf sich warten lässt. Ich schaue ihr zu, wie sie nach der Gabel greift und damit die Topfenpalatschinke in Angriff nimmt, die eine Kellnerin soeben vor ihr abgestellt hat. Sie schiebt sich einen Bissen in den Mund und ein glücklicher Ausdruck umspielt ihren Mund.

Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln. »Ich hätte nie gedacht, dass Sie nach dem fantastischen Schweinsbraten auch noch ein Dessert essen können.«

»Ich auch nicht«, erwidert sie kichernd und deutet auf ihren Bauch. »Aber der oder die Kleine ist der Meinung, dass jede Mahlzeit mit einer Portion ungesundem Zucker abgeschlossen werden muss. Ich weiß schon jetzt, wie sehr ich das in ein paar Monaten bereuen werde, aber bis dahin werde ich diese Ausrede bis zur Neige ausreizen. Aber Sie sollten wirklich ein Stück davon kosten.«

Sie schiebt ihren Teller in die Mitte des Tisches und deutet auf meine unbenutzte Dessertgabel. Ich schüttele den Kopf.

»Nein, danke, wirklich nicht. Wenn ich nicht die Kalorien zähle, die ich täglich zu mir nehme, könnte man mich bald einen Berg hinunterrollen.«

Ihr Mund klappt auf und sie starrt mich ungläubig an. »Sie? Niemals. Ihre Figur ist absolut perfekt, Frau Winter!«

Jasmin Kaunitz klingt wie Susi. Nur weiß mein Gegenüber nichts über meine Vergangenheit und meine Angst, mich wieder in ein unförmiges Walross zu verwandeln, das von allen ausgelacht wird.

»Das war nicht immer so«, erwidere ich leise.

Sie zieht ihre perfekten Augenbrauen hoch und in ihrem Gesicht zeichnet sich Erstaunen ab. »Nicht?«

Ich schüttle den Kopf und wechsle das Thema. Zwar brennen mir viele Fragen auf der Zunge, aber die sind nach einem halben Tag seit unserem Kennenlernen zu privat. Doch sind wir beide Frauen und sie erwartet ein Baby.

»Sie wissen noch nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?«

Sie scheint abgelenkt, braucht ein paar Sekunden, bevor sie mir antwortet. »Nein, wir wollen es nicht wissen. Mein Mann und ich haben meiner Gynäkologin verboten, es uns zu sagen, und sie darf auch nur Ultraschallbilder ausdrucken, bei denen man sicher keine Geschlechtsmerkmale erkennt.«

Ich nicke und schaue ihr zu, wie sie den letzten Bissen der duftenden Mehlspeise in den Mund schiebt, bevor sie nach der Serviette greift. Sie wischt sich den Mund ab und zerknüllt das Papier zwischen ihren Fingern. Dabei fixiert sie mich.

»Ich muss Sie das jetzt fragen, Frau Winter. Kennen wir uns von früher?«

Ich schlucke. Natürlich habe ich sie sofort erkannt. Selbst wenn ich nicht gewusst hätte, dass Julian Wiesinger der Schwager von Max Kaunitz ist, wäre das passiert. Sie ist immer noch so wie zu Schulzeiten. Damals war sie ein bezauberndes Mädchen mit einer fantastischen Figur und einem Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringen konnte – und heute ist sie noch um ein Vielfaches schöner. Jasmin Kaunitz ist eine wunderschöne Frau geworden – und nach dem gemeinsamen Vormittag weiß ich, dass ihr Charakter und ihre Art ihrem Aussehen um nichts nachstehen.

»Sie waren in der Oberstufe zwei Klassen unter mir«, gebe ich mit leiser Stimme zu.

»Also doch«, erwidert sie und fixiert mich nachdenklich. »Ich verstehe nur nicht, weshalb ich mich nicht an Sie erinnern kann. Derart strahlend blaue Augen wie Ihre kann man eigentlich nicht vergessen. Oder haben Sie damals noch keine Brille getragen?«

Ich lache auf und höre den hysterischen Unterton heraus.

Sie runzelt die Stirn. »Entschuldigen Sie, wenn ich etwas Falsches gesagt habe, Frau Winter.«

---ENDE DER LESEPROBE---