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Irgendwann war Tom nähergekommen und hatte seinen Seidenschal abgenommen: Er habe eine Überraschung für sie. Nur Sekunden später stand sie mit verbundenen Augen da, spürte, wie er ihr ein Halskettchen umlegte. Ihre Finger tasteten nach dem Anhänger, und Aude konnte nur ahnen, wie wichtig sie ihm sein musste. Der Boden unter ihr hatte zu schwanken begonnen. Das sei sicher der Alkohol, lachte Tom und führte sie, ihre Taille umgreifend, rückwärts, an die Kante des Bürotisches. Der Schwindel legte sich. Aude nahm die Arme hoch und streckte sich Richtung Zimmerdecke. Ja, entspann dich. Ein Flüstern an ihrem Ohr. Seine Hand auf dem Rücken. Er zwischen ihren Beinen. Er küsste sie, auf den Mund, den Hals, das Dekolleté, bis sie auf dem Tisch lag. Die Hand, die sie am Rücken gestützt hatte, begann, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen.
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Erika Maaßen
Es gibt Gesichter, die erfasst sie mit einem Blick. Ob jung, ob alt, mit dem ersten Blick ordnet sie charakteristische Merkmale fast buchhalterisch im Gedächtnis ein, bereit, sie bei Bedarf abzurufen. Aber dieses hier ist eines der seltenen, das ihrem Versuch widersteht. Sie verliert sich hilflos in den hypnotisch grün-gelben Augen, die aus einem bleichen Gesicht brennen. Sie kann nicht mehr denken, sich nicht bewegen. Ihr schwindelt. Sie tastet nach Halt. Schlanke Finger umschließen ihre Hände. Fest und kühl. „Kann ich ihnen helfen?“ Sie nickt. Ihre Knie zittern. Er führt sie aus dem Aufzug und bringt sie zu ihrem Hotelzimmer.
In wildem Rausch verfliegt die Nacht. Wortlos. Seine in leidenschaftlich kaltem Feuer lodernden Augen saugen sich an ihr fest. Die vollen Lippen hinterlassen Brandmale auf der Haut. Virtuose Hände scheinen überall gleichzeitig zu sein. Nie zuvor hat sie Ähnliches erlebt. Sie meint, den Verstand zu verlieren.
„Habe ich gestöhnt oder geschrieen?“
Behutsam öffnet sie ihre Augen. Ist es Wirklichkeit, ihm gestern begegnet zu sein? Beide Betten sind zerwühlt und schwach durchzieht ein leichter Schwefelgeruch das Zimmer. Langsam ziehen Erinnerungsfetzen vorüber.
Oder war alles nur Illusion? „So etwas kann doch mir nicht passieren! Kühl, beherrscht und immer auf der Hut.“
Beim Frühstück gleitet ihr Blick über die anderen Gäste. Er ist nicht dabei. Die Bedienung, die sie nach einem Gast mit grün-gelben Augen fragt, sieht sie bedauernd an und verneint. Besser kann sie ihn nicht beschreiben. Er hatte zwar einen Bart aus seidenweichen Löckchen, genau wie seine übrige Körperbehaarung, doch diese Gedanken behält sie für sich.
Sie irrt ziellos durch die Stadt. Erschöpft betritt sie später ein Gasthaus am Fluss. Doch innere Unruhe treibt sie weiter. Überall glaubt sie ihn zu sehen. Seine schlanke Gestalt, seinen leicht hinkenden Gang, sein graumeliertes volles Haar… hatte er so große Ohren? Nein, er ist es nicht.
Sie flüchtet zurück in ihr Hotelzimmer und drückt ihren Kopf in sein Kissen. So kann sie seinen Geruch zurückholen, aber nicht ihn selbst. Sie versteht sich selbst nicht mehr. Tränen spülen endlich ihre heftige Sehnsucht fort.
Am nächsten Morgen entschließt sie sich, den restlichen Urlaub noch zu genießen, wenn sie auch diese Begegnung nie vergessen wird.
Vor der Zimmertüre liegt eine einzelne dunkelrote Rose.
Die Hoffnung, ihre Ruhe wieder zu finden, schwindet. Er ist also noch in der Stadt. Sie sagt sich zwar, wenn er sie sehen will, weiß er ja, wo sie zu erreichen ist. Also will er nicht. Der Gedanke schmerzt. Ist er vielleicht verheiratet? Einen Ring trug er nicht, was aber nichts bedeuten muss.
Sie hofft, sich wieder in der Gewalt zu haben, wenn sie ihn nur noch einmal sehen könnte. Sie eilt durch die Straßen, hält einen Mann, der vor ihr geht, am Arm fest, nur weil er melierte Haare hat. Im Park sitzt ein Paar auf einer Bank. Hand in Hand. Ab und zu küssen sie sich zärtlich. Wie eine Furie stürzt sie sich von hinten auf die beiden. Der Mann grinst aus bartlosem Gesicht, von seiner Begleiterin erntet sie eine Ohrfeige.
Ein Bettler erhält von ihr ein viel zu üppiges Almosen, nur weil er einen Bart hat wie ihr Phantom.
Genug der Peinlichkeiten. So geht es nicht weiter. Ihr Zimmer wird ihr ein sicherer Hafen sein.
Auf dem Bett liegt ein Strauss tiefroter Rosen.
Heute Abend findet im Hotel ein Sommerfest mit Tanz statt. Sie will sich unbedingt ein Mittel besorgen, um die Glut in ihrem Inneren einzudämmen. Den ersten halbwegs sympathischen Mann will sie auf sich aufmerksam machen, und vielleicht…
Schnell findet sie ein geeignetes Objekt. Figur stimmt, Haare leider braun, Augen wasserblau, doch ein Bart ziert sein Gesicht. Im Lauf des Abends wird sie ihn fragen, ob sie ihn mal zerwuseln darf. Um die Illusion perfekt zu machen, wird sie das Licht löschen.
Stunden später bittet sie ihn, sie auf ihr Zimmer zu begleiten.
Seltsam, man hat offenbar die Lampenschirmchen in ihrem Raum ausgewechselt. Statt der bambusfarbenen tauchen rote das Zimmer in ein aufreizendes Licht. Das Zimmer durchzieht ein betörender Rosenduft.
Ihr Experiment kann beginnen. Er ist willig und sie verzweifelt entschlossen. Bereit, Abweichungen großzügig zu übersehen, will sie selbst ihr Bestes geben. Hauptsache, sie kann für kurze Zeit vergessen.
Zärtlich greift sie in seine Haare. Enttäuschend. Leider hat sie das Empfinden, mit ihren Fingerspitzen einen kratzigen Topfreiniger zu berühren. Unterdessen nestelt er erregt an ihrer Kleidung. Sie hilft ihm, um schneller zum Wesentlichen zu kommen, weil sie ihr Begehren schwinden fühlt.
Schnell sieht sie ein, dass ihr Plan ein Irrweg ist. Ehe er kommt, lässt sie ihn gehen. Es war einfach keine gute Idee.
In den nächsten Tagen irrt sie weiterhin durch fremde Straßen. Sie hat die Ohrfeige noch gut in Erinnerung und ist vorsichtiger geworden. Sie umrundet alle im Entferntesten in Frage kommenden Männer und entschuldigt sich, wenn befremdete Blicke sie treffen.
Zu den Mahlzeiten im Hotel geht sie nicht mehr. Ein Kaffee oder ein Wasser genügen ihr. Nachts flieht sie der Schlaf. Obendrein grinst höhnisch ein voller Mond durch die Gardinen.
Der letzte Urlaubstag. Der Spiegel wirft das Bild einer ungepflegten, kranken Irren zurück. So kann sie nicht heimkehren.
Sie schleppt sich zum Hotelfriseur. Zum gepflegt aussehenden Haar empfiehlt ihr die Friseurin noch eine Gesichtsbehandlung.
So restauriert kann sie ihrem Spiegelbild wieder in die Augen sehen. Vielleicht kann sie heute Abend sogar eine Kleinigkeit essen. Die Koffer werden schnell gepackt sein. Und morgen früh wird sie die Heimreise antreten.
Als sich die Aufzugtür öffnet, schnuppert sie wie elektrisiert. Ein vertrauter Geruch weht ihr entgegen, ehe sie ihn an die Kabinenwand gelehnt erblickt. Seine milchig grün-gelben Blicke durchdringen sie. Das Blut stockt ihr in den Adern. Sie sinkt zu Boden. Erleichtert denkt sie nur noch, dass sie ihr Ziel erreicht hat, dann schwinden ihr die Sinne.
Ein Gast findet kurz darauf im Aufzug einen Strauß weißer Lilien.
Und in der Luft liegt ein flüchtiger Schwefelhauch.
Lisann Fuchs
»Nicht bewegen!«
Partylicht durchflutete den Raum. Blendete.
Sie war umgeben von Musik und Stimmengewirr und doch verstand sie die Wörter, mit denen sein Atem an ihr Ohr drang, ganz genau.
Seine linke Hand, die sich von hinten um ihre Kehle gelegt hatte, ließ ihr keine Wahl.
Den Großteil des Abends hatte sie auf dem Anwesen der Gastgeber mit Smalltalk verbracht. Nickte hierhin, lächelte dorthin. Nur noch ein paar Hände schütteln, dann hätten die Wichtigsten unter ihnen sie gesehen.
Aude stellte sich abseits und formte hinter vorgehaltener Hand einige Male abwechselnd ein O und einen Kussmund: Ihre Gesichtsmuskeln waren dieses „Dauergegrinse“ einfach nicht gewohnt.
Und dann fiel ihr der Lippenstift ein.
Mit der freien Hand, in der anderen hielt sie ein Glas Champagner, fischte sie den Taschenspiegel aus der Clutch. Sie drehte ihn, veränderte den Abstand, doch in dem dämmrigen Licht konnte sie kaum etwas in ihm erkennen.
Aude sah sich um und entdeckte nicht weit von sich entfernt eine Reihe Lampions, zu denen sie über das Gras hinüberstöckelte. Sie reckte den Kopf Richtung Helligkeit, lächelte ihrem Spiegelbild zu und fuhr mit der Spitze der Zunge über die immer noch perfekt geschminkten Lippen.
Eigentlich hatte es keinen Grund gegeben, in der Bewegung innezuhalten. Zumindest nichts, was sie hätte benennen können. Nur ein Gefühl, das sie aufsehen ließ.
Und doch hätte sie ihn beinahe übersehen, zwischen all den Gästen, zwischen Stehtischen, Bäumen und Pavillons: den Fremden, der sie zu beobachten schien.
Es war nicht so sehr sein Äußeres, das sie den Blick nicht abwenden ließ. Sicher würde man ihn als attraktiv einstufen können, aber aus der Menge gestylter Manager und Großindustrieller um sie herum stach er nicht heraus.
Es war vielmehr das, was sie in seinen Augen zu sehen glaubte.
Sie starrte ihn an.
Raubtier.
Müsste sie sich die Augen eines Raubtiers vorstellen, dann würden sie vermutlich wie die seinen aussehen. Neben der Freude, „Beute“ entdeckt zu haben, meinte sie, Neugierde in ihnen zu erkennen. Und da war noch etwas. Widerwillen? Bedauern?
Nein.
Es war Traurigkeit.
Aude spürte, wie sich ihr Bauch zusammenzog. Sie konnte das Gefühl kaum greifen, da begann es auch schon, sich im Unterleib auszubreiten. Ihre Aufmerksamkeit folgte dem Pochen hinab, zwischen ihre Schenkel. Sie presste die Beine zusammen. Schloss die Augen. Versuchte, ein Stöhnen zu unterdrücken.
Bis zu diesem Augenblick hatte sie nicht wirklich an die Märchen über gefährliche Männer geglaubt. An deren Anziehungskraft. Vor allem nicht auf sie. Sie hatte sich, allein aus berufspolitischen Gründen, immer nur mit Junggesellen aus gutem Hause getroffen, die für sie vorhersehbar waren. Die netten, belanglosen Sex bevorzugten. Bis ausgerechnet Tom, der Mann, den sie so sehr geliebt hatte, sie in Gefahr brachte.
Tom.
Er war in derselben Kanzlei angestellt gewesen wie sie. An ihrem Sechsmonatigem stand er mit einem Piccolo und zwei Gläsern in ihrem Büro. Unangemeldet. Vor der Tür saß der nächste Klient und wartete.
Da sich ihr Freund nicht auf den Abend vertrösten lassen wollte, hatte sie schließlich eingewilligt, mit ihm anzustoßen. Aus einem Schluck wurde ein Glas.
Irgendwann war Tom nähergekommen und hatte seinen Seidenschal abgenommen: Er habe eine Überraschung für sie. Nur Sekunden später stand sie mit verbundenen Augen da, spürte, wie er ihr ein Halskettchen umlegte. Ihre Finger tasteten nach dem Anhänger, und Aude konnte nur ahnen, wie wichtig sie ihm sein musste. Der Boden unter ihr hatte zu schwanken begonnen.
Das sei sicher der Alkohol, lachte Tom und führte sie, ihre Taille umgreifend, rückwärts, an die Kante des Bürotisches.
Der Schwindel legte sich. Aude nahm die Arme hoch und streckte sich Richtung Zimmerdecke.
‚Ja, entspann dich.‘
Ein Flüstern an ihrem Ohr. Seine Hand auf dem Rücken. Er zwischen ihren Beinen.
Er küsste sie, auf den Mund, den Hals, das Dekolleté, bis sie auf dem Tisch lag. Und er auf ihr. Die Hand, die sie am Rücken gestützt hatte, begann, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen.
‚Tom! Bitte! Nein, nicht! Das geht jetzt wirklich nicht!‘
Sie drückte gegen seinen Brustkorb. Ihre Beine strampelten in der Luft, auf und ab, hin und her. Tom stöhnte auf. Durch den Stoff ihres Pantys fühlte es sich dort, wo sie Gürtel und Reißverschluss vermutet hatte, fest und hart an, weich und warm.
Wann hatte er seine Hose geöffnet?
Der Champagner. Toms Stöhnen. Die Wärme und sein Zucken zwischen ihren Beinen. Das Drücken und Massieren.
Sie fixierte ihn mit den Fersen, presste den Unterleib gegen seinen. Es fühlte sich gut an, sein Verlangen zu spüren.
Aude bewegte das Becken, so, wie es ihr Lust bereitete. Tom keuchte.
‚Mach langsam, Süße!‘
Doch wie sollte sie? Er küsste ihre Brust. Die eine. Die andere. Wellen der Erregung in ihrem Schoß.
Aude griff mit einer Hand an ihren Slip und zerrte an dem Stoff, dort, wo sie ihn im Moment am wenigsten gebrauchen konnte. Ihre Finger berührten sie. Ihn. Streichelten.
‚Zieh die Shorts aus!‘
Tom packte stattdessen ihre Hände. Sie merkte, dass er sich von ihr fortbewegte. Spürte im nächsten Augenblick eine feuchte Wärme zwischen den Beinen. Sein Mund auf ihr. Seine Zunge an ihren empfindsamsten Stellen. Leckte. Drang in sie ein.
Aude stöhnte auf. Hob das Becken, damit er tiefer in ihr sein konnte.
Entzog sich ihm: ‚Nein! Noch nicht.‘
Seine Hände in ihre Hüften gekrallt. Ihre Hände um seine. Seine Zunge, die sich rein und raus bewegte. Und dabei jedes Mal den Punkt bedachte, der so sehr geleckt werden wollte. Sie spreizte die Beine, noch mehr.
‚Steck ihn mir in den Mund!‘
Er knurrte irgendetwas.
‚Tom, bitte, komm her! Steck ihn mir in den Mund.‘
Sie wand sich, entkam aber nicht seiner Zunge.
‚Hör auf! Nein, ich will noch nicht. Nein. Los, steck ihn mir rein.‘
Und dann gab es kein Zurück mehr. Sie bewegte sich nicht länger. Drückte sich der immer und immer wieder in sie gleitenden Zunge entgegen. Das Pulsieren und Pochen in ihrem Unterleib erreichte seinen schmerzhaft-lustvollen Höhepunkt: Sie kam in seinem Mund.
Nur Augenblicke später fühlte sie, wie etwas Warmes, Hartes in sie eindrang und so ihren Orgasmus noch verlängerte. Nach wenigen Stößen spritzte er in ihr ab.
„Jüngste Anwärterin auf Richterposten erwischt bei Sexspielen an unsittlichen Orten“
Die bloße Erinnerung daran, dass solch eine Schlagzeile hätte Realität werden können, katapultierte sie zurück in ihr Abendkleid, zurück auf die Gala.
Aude ließ den Spiegel in die Handtasche gleiten, stellte das Glas auf den Tisch neben sich ab und zog das Bolero-Jäckchen enger um sich. Bis eben hatte sie sich noch überhitzt gefühlt, doch nun schien die Luft kühler geworden zu sein. Sie sah sich um, suchte die Umstehenden nach dem Fremden ab, konnte ihn nicht finden.
All die Zeit hatte sie nicht an Tom denken müssen. Oder wollen. Damals hatte es sich richtig angefühlt, kein Risiko einzugehen. Ihn zu verlassen. Und dafür zu sorgen, dass er nicht länger in derselben Kanzlei arbeitete. Überhaupt war es richtig gewesen, sich seitdem mit keinem Mann mehr einzulassen.
Und dann entdeckte sie ihn wieder, den Fremden. Beobachtete, wie er durch die Menge tänzelte. Nicht stehenblieb. Niemanden grüßte. Wie er mit einer Geste Strähnen aus dem Gesicht strich, als befände er sich auf einer Theaterbühne.
Wie es sich wohl anfühlte, ihn zu küssen? Ihn zu berühren? Und – wie würde sie reagieren, würde er genau jetzt in der Abenddämmerung zu ihr herüberkommen, vorbei an all den Menschen, ihre Beine spreizen und sie auf der Stelle nehmen?
In Gedanken legte sie gerade die Hände auf seinen Hintern, um ihn tiefer in sich zu spüren, als der Fremde stehenblieb und sie ansah. Mit einem Lächeln, das zu sagen schien: Ich weiß, was du denkst.
Aude fühlte Wärme in sich aufsteigen, die sich unter der Hochsteckfrisur nicht verbergen ließ. Sie biss sich auf die Unterlippe. Was war eigentlich los mit ihr? Wieso übte gerade dieser Mann solch eine Anziehungskraft auf sie aus?
Wie auf ein geheimes Zeichen hin setzten sich die Gäste um sie herum in Bewegung. Und jetzt bemerkte auch sie einzelne Regentropfen, auf Gesicht und Händen. Doch sie konnte sich nicht rühren. Nicht den Blick von ihm abwenden. Und auch er blieb regungslos stehen.
»Meine Liebe, so kommen Sie schon!«
Aude spürte einen Arm an ihrer Taille, der sie den Hügel hinunter in Richtung Herrenhaus schob.
»Ich kann doch nicht zulassen, dass sich die schönste Frau des Abends erkältet.«
Aude versuchte, zu lächeln.
»Alexander! Wie aufmerksam von Ihnen.«
Sie drehte sich um beim Gehen. Duckte sich. Sah unterhalb des Regenschirms, den der jüngste Bruder des Gastgebers über sie hielt, zurück. Doch der Fremde war verschwunden.
Ob auch er zum Anwesen hinüberging?
Sie wandte sich wieder nach vorne.
»Alexander, was genau tun Sie da?«
Der Griff des Mannes um ihre Taille war fester geworden. Sein Gesicht nah an ihren Brüsten, die beim Umdrehen an ihn gepresst gewesen sein mussten.
»Tut mir leid.«
Sein Blick, der auf ihrem Dekolleté verharrte, strafte seine Worte Lügen.
»Aber sie sehen so verfroren aus. So schutzlos. Man würde sie am liebsten in die Hände nehmen, wärmen, streicheln. Sie küssen und lecken. Mit dem Daumen die harten Nippel liebkosen.«
Aude hatte versucht, sich aus seinem Arm zu befreien. Doch der Mann, der einen Kopf kleiner war als sie, dafür aber bestimmt dreimal so schwer, hielt sie an sich gedrückt. Sie kamen zum Stehen.
»Alexander!«
Ihre Stimme überschlug sich.
»Wenn Sie nicht augenblicklich damit aufhören, dann werde ich so laut losschreien, dass jeder …«
Sie verstummte: Der Mann hatte den Arm von ihr genommen, sich ein oder zwei Schritte entfernt und sah sich nun nach allen Seiten um.
Regen tropfte auf den Schirm, den er noch immer über sie hielt.
Sie wusste, dass er es nicht leicht hatte. Ja, finanziell gesehen war er von Haus aus eine außerordentlich gute Partie. Doch sein Aussehen, das sie als „klein und knubbelig“ beschreiben würde, andere jedoch als „feist und schmierig“, ließ ihn schon seit Jahren ohne Partnerin durch das Leben gehen. Unabhängig davon hatte er großen Einfluss, auf Geschäftsleute, auf Politiker.
Wollte sie sich diesen „bemitleidenswerten Widerling“ wirklich zum Feind machen?
»Alexander, ich vergesse den kleinen Vorfall hier.«
Sie seufzte.
»Unter einer Bedingung: Sie werden mir nie, hören Sie, nie wieder zu nahe kommen.«
Sie hakte sich bei ihm unter und zog ihn mit sich.
»Und jetzt verraten Sie mir, wohin Sie mich bringen wollten.«
Die ersten Schritte verbrachten sie schweigend. Doch es dauerte nicht lange, bis er seinen Singsang wiedergefunden hatte.
»Meine Liebe, Sie dürfen sich freuen: Uns erwartet ein ganz außergewöhnlicher Abend, mit Musik und Tanz. Aber nicht mit irgendeiner Musik. Nein, mein Bruder hat keine Mühen gescheut und konnte den derzeit angesagtesten DJ buchen. Ich bin überzeugt, diese Gala wird auch dieses Jahr wieder enorme Spendensummen generieren. Kommen Sie, ich werde Ihnen ein gutes Plätzchen suchen, von dem aus Sie alles beobachten können!«
Aude musste schmunzeln. All das Theater. Natürlich wusste er, würde er mit ihr auf der Veranstaltung auftauchen, fühlten sich die „Häschen“ sicher. Und genau deshalb würden sie ihm nachstellen. Vielleicht bekämen ein oder zwei der austauschbaren Dinger sogar Unterstützung von ihm, um sich eine Sprosse weiter nach oben zu kämpfen.
Doch er, und das wusste er wahrscheinlich nicht, er würde am Ende sicher wieder leer ausgehen.
Am Herrenhaus angekommen ließ sich Aude von ihm durch die Zimmer führen, in Richtung der lauter werdenden Bässe. Vorbei an den Gästen, die sich um das DJ-Pult drängten. Die lachten. Tranken. Tanzten.
Alexander schnappte sich ein Glas mit Champagner von einem der Tabletts, reichte es ihr und brachte sie in eine mit einem Geländer abgetrennte Zimmerecke, in der nur ab und an Partylicht aufflackerte. Er deutete eine Verbeugung an, drehte sich um, und Aude beobachtete, wie ihr Begleiter hineingezogen wurde in das Treiben. Damit hatte sie ihre Schuldigkeit für ihn getan. Doch sie wusste auch, sie hatte nun einiges gut bei ihm.
Aude atmete aus, entspannte die Bauchmuskeln. Sah sich um.
Ob der Fremde schon fort war? Verübeln könnte sie es ihm nicht, war sie selbst doch alles andere als eine Partygängerin.
Einige Schlucke Dom Pérignon später musste sie auflachen.
Was genau tat sie hier? Suchte nach einem Mann, den sie nicht kannte, über den sie nichts wusste. Und eigentlich nichts wissen wollte.
Sie trank das Glas aus.
Gerade jetzt, auf dem Weg ganz nach oben, brauchte sie alle Sinne bei sich. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben, keinen Skandal, keine Schlagzeile: Ein Mann in ihrem Leben, der sie durcheinanderbrächte, wäre das Letzte, was sie im Augenblick gebrauchen könnte.
Sie wiegte sich im Takt der Musik.
Aber dieser Blick. Diese Augen. Seine Art, sich zu bewegen. Erneut sah sie ihn in Gedanken auf sich zukommen. Ihre Beine spreizen. Seine Hose öffnen.
Ihr Unterleib pochte.
Aude stellte das Glas auf das Geländer und strich über das Abendkleid. Fuhr mit der Hand über den Bauch bis zu der Stelle, an der ein Höschen zu ertasten gewesen wäre, hätte sie eines getragen. Doch dann hätte es sich unter dem Kleid abgezeichnet und vielleicht zu einer Notiz mit Foto in einem dieser „Klatschblätter“ geführt.
Sie schloss die Augen und führte die Hand hoch zu ihrem Dekolleté. Durch den Stoff hindurch streichelte sie die linke Brust.
»Nicht bewegen!«
Aude spürte Lippen in ihrem Nacken, spürte, wie Fingerspitzen zu den Brüsten hinunterglitten. Sie versuchte, sich zu wehren, aber der Druck auf ihrem Hals wurde stärker. Sie deutete ein Nicken an und ließ die Arme sinken.
Mit dem Zeigefinger der Hand, die auf der Kehle lag, wurde ihr Kopf zur Seite gedreht. Ein Biss in die Halsbeuge.
Aude stöhnte auf. Sie lehnte sich nach hinten und presste den Körper gegen seinen.
Das konnte nicht Alexander sein. Seine Stimme klang anders, höher. Auch seinen Körper hätte sie erkannt, er war viel kleiner und dicker als der Mann hinter ihr.
Es konnte nur der Fremde sein. Er musste es einfach sein.
Sie stellte sich vor, wie sie sich umdrehte, vor ihm niederkniete, seine Hose öffnete. Ihn durch den Stoff des Slips küsste. Wie sie ihn herausholte und ihre Lippen um ihn schloss, seine Erregung in ihrem Mund spürte, seine Lust in sich aufsog. Er mit den Händen ihren Kopf hielt und sein Becken vor- und zurückbewegte.
Doch, statt ihre Fantasie Realität werden zu lassen, griff Aude nach hinten und umfasste seine Hüften, rieb den Po an seinen Lenden. Durch die Anzughose hindurch spürte sie sein Verlangen zwischen ihren Pobacken.
Seine rechte Hand wanderte von ihren Brüsten aus abwärts.
»Lass mich zwischen deine Schenkel!«
Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Nein. Niemals. Nicht in der Öffentlichkeit. Nicht mit einem Fremden. Und doch. Ja. Sie wollte, dass er ihre Feuchte spürte. Sie streichelte.
Aude öffnete die Beine.
Fingerspitzen strichen über den Stoff des Abendkleides, fanden auf Anhieb ihre empfindlichste Stelle. Sie keuchte.
Flüsterte: »Nein. Aufhören.«
Gleichzeitig raubte ihr der Gedanke, das Kleid anzuheben und sich einen seiner Finger reinzustecken, den Atem.
Sie spürte, wie er die Hand flach auf den Stoff zwischen ihren Beinen legte und den Druck erhöhte. Aude ging ein wenig in die Knie, kreiste mit dem Becken.
Mit der rechten Hand öffnete sie hinter dem Rücken seine Hose, langte in die Shorts und umfasste ihn. Bewegte die Hand auf und ab, verteilte den Liebestropfen über den Schaft. Sein Stöhnen an ihrem Ohr verstärkte noch das pulsierende Pochen in ihr.
Sie fühlte, wie er ihr Kleid Stück für Stück nach oben zog. Einen Finger in sie gleiten ließ. Ihn hinauszog, nur, um ihn sofort wieder in sie hinein zu stecken.
Aude stützte sich mit der linken Hand am Geländer vor sich ab und spreizte die Beine noch ein wenig mehr. Sah an sich hinunter, beobachtete das schemenhafte Vor und Zurück seiner Hand, spürte das Hinein und Hinaus des Fingers. Bewegte sich auf ihm hoch und runter. Wünschte sich, all das würde nie aufhören. Es sah so gut aus. Fühlte sich so gut an. Und auch sie selbst fühlte sich gut. Sexy. Sie versuchte, sich nicht mehr zu bewegen, wollte, dass er aufhörte. Nein, nicht! Doch es war zu spät: Sie stieß einen Schrei aus. Ihr Körper bebte. Zuckte. Sie drückte sich an seinen Finger, der weiter in sie hineinglitt und hinaus.
Hinter dem Rücken umklammerte sie ihn, presste, spielte. Dirigierte ihn vorbei am Stoff seiner Shorts und ihres Kleides, führte ihn zwischen ihre Schenkel. Spürte, wie seine Hand über den Venushügel hinauf strich und auf ihrer Hüfte liegen blieb.
Aude stellte sich auf Zehenspitzen und bewegte das Becken vor und zurück. Ließ seine Eichel über die Stellen gleiten, die seine Hand bis eben noch verwöhnt hatte.
Ließ zu, dass er in sie eindrang. Ihn immer wieder ein Stück herauszog und erneut in sie stieß. Ein Aufstöhnen. Und er ergoss sich in ihr.
Sekunden ohne Regung.
Hände ließen von ihr ab, gaben ihren Hals, gaben sie frei. Aude stützte sich mit beiden Armen am Geländer ab, schloss die Augen, ließ den Kopf nach vorne sinken. Musik drang zu ihr durch. Klatschen. Ein sich bedankender DJ. Sie sah auf, schaute in die Menge.
»Meinst du, es hat uns jemand gesehen?«
Aude strich das Abendkleid glatt und drehte sich um.
Sie war allein.
Allein mit einer Reihe Ahnenbildern an der Wand.
Sie wollte sich gerade von ihnen abwenden, um unter den Gästen nach dem Fremden zu suchen: Sie musste klarstellen, dass das hier ein einmaliges Ereignis gewesen sein würde, von dem niemand erfahren durfte.
Doch ein Paar Augen auf einem der Porträtbilder nahm sie gefangen.
Sie hatte das Gefühl, ihre Beine würden sie nicht länger tragen, und griff nach dem Geländer.
„Meine Liebe! Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Da bin ich wohl gerade noch rechtzeitig gekommen, um nach Ihnen zu sehen.“
Zum zweiten Mal an diesem Abend ließ sie zu, dass sich Alexanders Arm um ihre Taille legte.
„Ah! Jetzt verstehe ich. Ja, ich wünschte, ich hätte wenigstens ein bisschen von diesem Mann geerbt. Mein Ururonkel mütterlicherseits, heißt es, hatte eine außergewöhnliche Wirkung auf die Frauen. Manche von ihnen erzählten die frivolsten Geschichten über ihn. Dumm nur, dass er zu deren Zeiten nicht mehr gelebt hat. Kommen Sie, bringen wir Sie an die frische Luft.“
Saphiramira Tachana
Wie schnell die Zeit doch vergehen konnte, wenn man Spaß hat. Ich hatte an diesem Abend seit Langem einmal wieder ein Treffen mit ein paar meiner liebsten Kollegen organisiert, lud ihn ganz beiläufig auch ein. Mit ihm meinte ich diesen bildhübschen Studenten, der es mir schon seit geraumer Zeit angetan hatte. Dessen Wangenknochen mich in jedem virtuellen Meeting erneut um den Verstand brachten, und von dem ich meinen Blick beim besten Willen nicht abwenden konnte. Mit dem ich täglich chattete, und Gründe erfand, ihn anzuschreiben. Ich bildete mir jedoch ein, dass er das gleiche tat. Mit der Zeit verstanden wir uns immer besser. Zudem waren wir intellektuell auf einer Wellenlänge. Lasen die Zeit, gingen gerne ins Theater, mochten die selben Bücher. Und doch frage ich mich berechtigterweise, ob mein Interesse an ihm genauso groß wäre, wenn er nicht so verdammt gutaussehend wäre. Vermutlich nicht. Immerhin war er nur ein Student.
Verstohlen riskierte ich einen Blick nach links auf sein Profil. Ich saß neben ihm im Auto, er fuhr mich nach unserem gelungenen gemeinsamen Abend wieder nach Hause. Vielleicht habe ich ihn bewusst zu diesem Treffen eingeladen, um ihm nahe zu sein. Und um an seine Handynummer zu kommen. Immerhin hatte der erste, zaghafte Versuch an diese zu kommen, um ihn zu unserer geschäftlichen WhatsApp Gruppe hinzuzufügen, schließlich keine Früchte getragen. Also musste ich geduldig sein, und auf die nächste Gelegenheit warten. Die ich dann aber auch postwendend am Schopf gepackt habe. Ein Glück, dass ich so kreativ war!
Ich glaube nicht, dass er hinter meinen Handlungen eine weitere Absicht vermutet hat. Falls ja, überspielte er es genauso gut wie ich. Als ich mich endlich dazu durchgerungen hatte ihn zu fragen, ob er zu unserem Treffen mitkommen möchte, schlug ich sogleich scherzhaft vor, dass er mich dann ja auch direkt abholen kann. Schließlich wohnt er nur ein paar Dörfer weiter, und wäre auf seinem Weg in die Stadt sowieso bei mir vorbeigefahren. Natürlich willigte er ein. Also tippte ich mit zitternden Händen und klopfendem Herzen meine private Handynummer in unseren Firmenchat und bat ihn, mir doch kurz Bescheid zu sagen, wenn er losfahren würde. Bevor ich die Nachricht absendete hielt ich einen kurzen Moment inne. Ich spürte, wie mein Puls raste, und meine Finger zu schwitzen begannen. Schließlich fasste ich all meinen Mut zusammen und drückte auf Senden. Für eine schiere Ewigkeit wartete ich auf seine Antwort. Und als am frühen Abend die Nachricht von einer unbekannten Nummer auf meinem Display auftauchte, schoss mein Puls erneut in die Höhe.
Ich redete mir ein, nichts Unrechtes getan zu haben. Es war schließlich nur eine Frage. Eine unschuldige, gut gemeinte Frage. Es war doch wirklich nicht verwerflich, gerade in diesen von Corona geprägten Zeiten einen neuen Kollegen etwas ins Team integrieren zu wollen? Das war nur menschlich. Und was konnte ich schließlich dafür, dass meine Wohnung auf dem Weg lag? Das war reinster Zufall. Genauso wie diese Wangenknochen. Dass er mich mitnahm war also nicht etwa ein Vorwand, um Zeit mit ihm alleine zu verbringen und ihm nahe zu sein. Nein, das hatte einen rein ökologischen Hintergrund. Rühmte ich mich doch bei sämtlichen Gelegenheiten mit meinem Engagement für den Klimaschutz. Und immerhin fuhr er ein Elektroauto!
Unschlüssig lief ich zum Kleiderschrank und probierte verschiedene Outfits aus. Ich entschied mich letzten Endes ich für ein relativ kurzes, figurbetontes, blaues Kleid. Prüfend ging ich vor dem Spiegel auf und ab. Da ich im Büro doch meist eher schlicht und professionell gekleidet war, wollte ich ihm damit eine andere Seite von mir zeigen.
Und jetzt saß ich also hier, direkt neben ihm im Auto. Der Saum meines Kleides war mir bis zur Mitte des Oberschenkels hoch gerutscht, doch ich dachte vorerst nicht daran, das Malheur zu korrigieren. Er sollte sich ohnehin auf die Straße konzentrieren. Erneut wanderte mein Blick von meinen Schenkeln zu seinem Gesicht. Zweifellos machte er auch im Profil etwas her, er war einfach ein überaus attraktiver, junger Mann. Seit ich ihn das erste Mal in meinem Büro sitzen sah, bestand daran kein Zweifel mehr. Er hatte es mir vom ersten Moment an angetan.
Obwohl ich einige Cocktails getrunken hatte, versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen. Als ich abermals etwas zu laut über einen meiner eigenen Witze lachte, verstummte ich plötzlich und sah ihn entschuldigend an. „Weißt du, mein Vater hat immer gesagt, ich soll aufpassen, bei der Arbeit. Soll nicht so sein, wie ich bin, so offenherzig weißt du.“ Ich studierte seine Mimik, und für einen kurzen Sekundenbruchteil trafen sich unsere Blicke. „Aber weißt du was – da pfeife ich drauf. Mal ehrlich, mit den Leuten bei der Arbeit verbringe ich mehr Zeit als mit meiner Familie oder meinem Partner. Wenn ich mich hier verstellen muss, dann kann ich mich auch gleich erschießen. Klar, ich kann mich natürlich schon benehmen, wenn ich zum Beispiel mal wieder zum Vorstand muss. Aber als wir noch im Büro waren, haben sich die Leute immer gewundert, warum aus unserem Büro ständig Gelächter zu hören war. Aber ich sag dir ehrlich, anders wäre das nicht zu ertragen.“
Ich hatte mich etwas in Rage geredet und konnte meinen Blick noch immer nicht von ihm abwenden. Er pflichtete mir bei, stets bemüht mich an roten Ampeln oder bei langsam fließendem Verkehr ebenfalls anzusehen. Wenn sich unsere Blicke trafen, konnte ich trotz der Dunkelheit die charakteristischen Grübchen erkennen, die seinem ausdrucksstarken Gesicht diesen markanten, aber dennoch milden und freundlichen Ausdruck verliehen.
Ich fragte mich, ob er sich seines Aussehens bewusst war. Ob er sich seiner Wirkung auf mich bewusst war. Und ob er das alles nur mit nonchalanter Leichtigkeit überspielte. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er von alledem nichts mitbekam. Sein vermeintlich unschuldiges Naturell brachte meine Fantasie auf Hochtouren. Ich wollte unbedingt wissen, was sich hinter dieser hübschen, braven Oberfläche verbirgt. Indessen machte ich kein Geheimnis daraus, dass ich ihn gut leiden konnte. Schmeichelte ihm, indem ich ihm versicherte, dass er einen guten Einfluss auf mich hätte. Hatte ich doch wegen ihm sämtliche zeit- und geldfressenden Handy-Apps gelöscht und die meisten meiner Social Media Accounts deaktiviert. Als ich ihn besser kennenlernte und bemerkte, dass wir uns generell auf der selben Wellenlänge befanden, bat ich ihn, mir Bücher zu empfehlen. Schließlich musste ich doch die freie Zeit, die ich nicht am Smartphone verbrachte, irgendwie sinnvoll nutzen. Bücher, und generell geschriebene Texte empfand ich als etwas sehr Persönliches. Seine erste Buchempfehlung hatte ich innerhalb weniger Tage verschlungen. Außerdem bat mir das einen willkommenen Anlass, ihn über meinen Lesefortschritt auf dem Laufenden zu halten, und mich mit ihm zu den Geschehnissen des Romans und der auftretenden Figuren auszutauschen. Als er mir schließlich privat ein Bild eines Frettchens auf seiner Terrasse schickte, musste ich schmunzeln. Ich hatte den Köder zwar ausgeworfen, aber er hatte angebissen. Nun durfte ich nur beim Einholen der Schnur keinen Fehler machen.
Nachdenklich betrachtete ich meine Hände, die ich in meinem Schoß verschränkt hatte. Schließlich zog ich den Rock doch ein kleines Stück hinunter. Er sollte ja nicht denken, ich wäre ordinär. Dabei bemerkte ich eine kaum zu leugnende Wärme, die sich in meinem Schoß breit machte. Wir unterhielten uns über einige belanglose Dinge, ehe wir schließlich das Ortsschild meines Heimatdorfs passierten, und sein Wagen nur wenige Augenblicke später vor meinem Haus zum Stehen kam. Er hatte den Blinker gesetzt und halb auf dem Gehweg geparkt, um so den Verkehr nicht zu behindern. Zuvorkommend und höflich wie immer. Das leise Summen des Elektromotors erstarb im Stand, und die plötzlich eintretende Stille wandelte sich zu einem Rauschen in meinen Ohren. Verursacht durch den Alkohol, aber doch vornehmlich durch die Gesellschaft. Im fahlen Schein der einige Meter entfernt stehenden Straßenlaterne betrachtete ich sein Gesicht. Der sauber gestutzte Dreitagebart, der seinem jungenhaften Antlitz etwas Erwachsenes, Männliches verlieh. Das perfekt sitzende, weiße Hemd, das leicht bläulich schimmerte. Die aufgeweckten Augen, die mich trotz der Dunkelheit hellwach anblitzten. Mein Blick fiel auf die Finger seiner rechten Hand, die beinahe krampfhaft das Lenkrad umklammerten. Ich bildete mir ein, die Knöchel heller hervortreten zu sehen. Während ich ihn ansah, machte ich keinerlei Anstalten, aussteigen zu wollen. Wohl wissend, dass, wenn ich jetzt gehen würde, meine Chance für immer vertan sein könnte. Schließlich hatte er uns beim Abendessen eröffnet, dass er nach dem Ende seiner Abschlussarbeit nicht bei uns bleiben würde, sondern sich bereits für eine andere Stelle entschieden hatte. Obwohl mich die Tatsache per se schon etwas schmerzte – schließlich hätte ich mein Büro gerne auch in Zukunft mit diesem gutaussehenden Mann geteilt – so wollte ich sie auf der anderen Seite auch als Chance begreifen. Als meine Chance, ihm näher zu kommen, ohne unser Arbeitsverhältnis dabei unnötig zu verkomplizieren.
Nachdenklich biss ich mir auf die Lippe. Ich konnte wohl kaum einfach meine Hand nach ihm ausstrecken, oder ihn fragen, ob er noch mit hochkommen wollte. Völlig ausgeschlossen, wartete doch in meiner Wohnung bereits mein Freund auf mich. Kurz überlegte ich, ihm einfach zu sagen, was ich für ihn empfand, wischte den Gedanken doch sogleich energisch wieder bei Seite, denn damit würde ich sämtliche Illusionen und Fantasien ein für allemal zerstören. Das kam nicht in Frage. Ich musste subtiler vorgehen. Strategisch klug. Ihm einen Vorgeschmack geben. Einen ganz kleinen. Ein winziges Signal, das ihm einerseits mein Interesse bestätigte, andererseits aber auch nicht zu viel offenbarte, und Lust auf mehr machte.
Mein Blick wanderte erneut zu seinen Händen, die das Lenkrad noch immer fest umklammerten. Ich bildete mir ein, ein leichtes Zucken in seinem Körper wahrzunehmen. Mein Brustkorb hob sich schließlich etwas an, als ich die Luft in meine Lungen sog, und einen Entschluss fasste. Mein Jagdinstinkt war geweckt, und er würde mir sicher nicht davonkommen! Mit einem einnehmenden Lächeln auf den Lippen legte ich den Kopf leicht schräg und sah ihm direkt in die Augen. Keiner von uns sprach ein Wort. Die Stille hatte sich wie eine schwere Decke über den Fahrzeuginnenraum gelegt, und schirmte uns gegen die Außenwelt ab. Trotz der Dunkelheit sah ich das erregte Funkeln in seinen Augen. So angespannt wie er dasaß, erweckte er jedoch nicht den Eindruck, als würde er den ersten Schritt machen. Auf perfide Art und Weise erregte es mich unglaublich, zu sehen, dass meine Anwesenheit ihn so nervös machte. Die Zeit schien still zu stehen, und ich genoss den Augenblick, in dem die Spannung zum Greifen nahe war. Schließlich streckte ich ganz langsam meine Hand nach ihm aus. Bewusst in Zeitlupe, um ihm die Gelegenheit zu geben, zu intervenieren, mir einen Dämpfer zu verpassen. Mich entsetzt anzusehen und mir zu sagen, dass ich das lassen soll. Doch nichts dergleichen geschah. Bemüht, mir meine Erleichterung und Erregung darüber nicht anmerken zu lassen, berührte ich schließlich sanft seine rechte Hand, die noch immer in unveränderter Position auf dem Lenkrad lag. Seine feingliedrigen, schlanken Finger umklammerten das Leder, und als ich die Wärme seiner Haut spürte, durchzuckte mich ein wohliger Schauer. Andächtig betrachtete ich seine helle Haut und streichelte sie zärtlich. Ein zufriedenes Lächeln legte sich um meine Mundwinkel, als ich zaghaft versuchte, seine Finger vom Lenkrad zu lösen, und dabei bemerkte, mit welcher Kraft sie sich an das dunkle Leder klammerten. Konzentriert, sanft aber bestimmt widmete ich mich der Reihe nach seinen Fingergliedern und löste sie vorsichtig aus der Umklammerung. Für einen weiteren Moment betrachtete ich die blasse Haut seiner Hände, die im bläulichen, fahlen Licht der Straßenlaterne noch heller wirkte als sonst. Seine langen, schmalen Finger, seinen von feinen Härchen und durchschimmernden Adern durchzogenen Handrücken. Wie alles an ihm waren auch seine Hände von einer atemberaubenden Eleganz. Instinktiv presste ich die Schenkel zusammen und spürte erneut, wie eine Woge der Erregung in mir aufkam. Er hingegen saß immer noch still auf seinem Sitz, regungslos im Augenblick gefangen. Ein leises Lächeln verließ meine Kehle, als ich mir unvermittelt vorstellte, was diese schönen Hände alles mit meinem Körper anstellen würden. Doch ich würde mich noch etwas in Geduld üben müssen. Mein Blick wanderte von seiner Hand über seinen Körper langsam zu seinem Kopf. Seine Gesichtszüge waren entspannt, doch da war es wieder, nur für den Bruchteil einer Sekunde, dieses schalkhafte Blitzen in seinen Augen. Am liebsten hätte ich mich auf der Stelle vergessen, ihn gepackt und ihm ins Ohr gestöhnt, dass er mich jetzt und hier nehmen soll. Dass ich es nicht mehr aushalte. Doch stattdessen besann ich mich, und konzentrierte mich darauf, meine scheinbare Überlegenheit nicht aufs Spiel zu setzen. Ich schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln, ehe ich mich wieder seiner Hand widmete, die noch immer auf meiner ruhte. Sanft umschloss ich seine Finger und zog seinen Arm zu mir herüber. Ich betrachtete, wie sein schlanker Arm sich langsam streckte, und mir sein unverschämt unaufdringliches Parfum entgegenschlug. Widerstandslos ließ er mich gewähren. Andächtig betrachtete ich seine schönen Hände, mit den hell schimmernden, kurz geschnittenen Nägeln. Unter Zuhilfenahme meiner zweiten Hand streichelte ich seine Handfläche und streckte seine Finger. Die sanften Berührungen seiner weichen Haut brachten mich beinahe um den Verstand. Die Zeit schien still zu stehen. Schließlich fasste ich mir ein Herz und führte seinen Zeigefinger an meine Lippen. Ich öffnete sie nur leicht, und legte seinen Finger sanft auf meine Unterlippe. Bevor ich meine Lippen um ihn schloss, bedachte ich ihn mit einem tiefen, eindringlichen Blick. Ein zartes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, erneut wurde mir beinahe schwindelig beim Anblick seiner markanten Züge. Ich frage mich wieder, wer hier eigentlich mit wem spielt. Heftig blinzelnd verdrängte ich diesen Gedanken jedoch direkt, um mich wieder voll und ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren. Ich wandte meinen Blick schließlich von ihm ab, und ließ seinen Zeigefinger quälend langsam zwischen meine Lippen gleiten. Bis zum ersten Fingergelenk saugte ich ihn genüsslich in meinen Mund, ehe ich zaghaft begann, mit meiner Zunge seine Fingerkuppe zu liebkosen. Zufrieden registrierte ich, wie er leise aufstöhnte, was mich ermutigte, mein Spiel fortzusetzen. Ich ließ mir Zeit. Mit der Spitze meiner Zunge erkundete ich jeden Zentimeter. Um das Ganze noch etwas weiter zu treiben, nahm ich seinen Finger nun weiter in den Mund, und begann etwas vehementer an ihm zu saugen. Für einen Moment öffnete ich die Augen und ließ von ihm ab, nur um mir direkt im Anschluss direkt zwei Finger einzuverleiben. Erwartungsvoll blickte ich zu ihm hinüber, sein Körper schien wie erstarrt, seine Augen halb geschlossen. Zärtlich saugte ich seine Finger tiefer in meinen Mund, und als sie schließlich fast vollständig verschwunden waren, schlug ich die Augen auf und sah ihn unvermittelt an. Ich registrierte, wie sein Brustkorb sich in schnelleren Abständen hob und senkte und fragte mich, ob das allein ausreichend sein würde, um ihn über die Schwelle zu bringen. Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, befand ihn dann jedoch für unbefriedigend. Was für eine Verschwendung! Unwillkürlich musste ich grinsen. Sanft knabberte ich mit meinen Zähnen an seinen Fingern, was dazu führte, dass seine Augen sich einen Spalt weit öffneten und er mich ansah. Durch die Nähe zu ihm konnte ich sehen, wie seine Nasenflügel bebten. Seine schmalen Lippen waren leicht geöffnet, und beim Gedanken daran, sie endlich zu küssen, strich meine Zunge unwillkürlich über seine Fingerkuppen. Er ließ mich gewähren, seine Passivität spornte mich nur noch zusätzlich an. Wie schaffte er es, in dieser Situation so ruhig zu bleiben? Hatte ich ihn derart kalt erwischt, oder war diese scheinbare Gelähmtheit in Wahrheit nichts als Berechnung? Wie dem auch sei, ich genoss diesen Moment in all seiner Herrlichkeit. Langsam ließ ich seine Finger aus meinem warmen Mund gleiten. Der feuchte Glanz auf seiner Haut schien das Mondlicht einzufangen. Ich seufzte und legte seine Hand in seinen Schoß. Nein, so einfach wollte ich ihn nicht davon kommen lassen. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, griff ich mit meiner rechten Hand unvermittelt zwischen seine Beine. Ich hatte es zwar bereits geahnt, aber eigenhändig zu fühlen, welche Spuren meine Behandlung bei ihm hinterlassen hatte, erregte mich ungemein. Er stöhnte erneut leise auf, als ich ihn mit leichtem Druck durch den dicken Stoff seiner Jeans hindurch massierte. Mit einem schnellen Handgriff schnallte ich mich los, nur um mich direkt wieder über ihn zu beugen. Meine Hände fanden den Weg zur silbernen Schnalle seines schwarzen Ledergürtels. Die lästige Barriere war schnell überwunden. Zufrieden lächelnd ließ ich meine rechte Hand langsam unter den Bund seiner Shorts gleiten. Ich spürte, wie sich sämtliche Muskeln seines gesamten Körpers anspannten, als ich meine Erkundung fortsetzte. Langsam schloss ich meine Finger um ihn und verharrte für einen Moment in dieser Position. Ich spürte das Blut pulsieren. Erneut fragte ich mich, wie lange er meinem Spiel noch standhalten würde. Mit einem kurzen Ruck befreite ich ihn und betrachtete für einen Moment lang andächtig, wie meine Hand im Schutz des Mondlichtes andächtig an seinem Schaft entlang fuhr. Die ganze Situation fühlte sich an wie ein Traum, im Nachhinein betrachtet konnte ich wirklich froh sein, dass keiner der Nachbarn mich bei meinem riskanten Treiben beobachtet hatte. Nicht, dass es sie im Geringsten etwas angegangen wäre. Um diese Zeit war, wenn überhaupt, nur John mit seinem Hund unterwegs, und er machte auf mich nicht den Eindruck, als würde er sich für derartigen Klatsch interessieren. Beeindruckt starrte ich also auf seine Erregung, die sich immer noch zwischen meinen Fingern befand. Geistesgegenwärtig bewegte ich meine Hand vorsichtig ein paar Mal auf und ab und registrierte zufrieden, dass sich sein hoch aufgerichteter Körper merklich in den Sitz presste. Mit seiner linken Hand stütze er sich am seitlichen Griff der Türe ab. Seine Augen waren beinahe geschlossen und sein Atem ging schwer. Für einen kurzen Moment sah ich völlig klar, und registrierte, dass ich zu weit gegangen war. Selbst wenn ich jetzt von ihm abließ, würde dieser Moment sich für immer in unser beider Gedächtnis brennen. Seine Finger zwischen meinen Lippen, die Konturen seines Gesichts im fahlen Mondlicht, meine Finger um seine pulsierende Erregung. Es war zu spät. Die Grenze war überschritten. Von hier an gab es kein Zurück mehr. Geistesgegenwärtig schob ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr und senkte meinen Oberkörper in seinen Schoß. Kurz vor meinem Ziel betrachtete ich ihn für den Bruchteil einer Sekunde, ehe ich die Augen schloss, und meine Lippen über ihn senkte. Die Berührungen seiner weichen, heißen Haut an dieser empfindlichsten Stelle seines Körpers raubten mir den Verstand. Ich spürte, wie sich sein Körper erneut versteifte und er mir sein Becken leicht entgegen schob. Dieses untrügliche Zeichen seiner Erregung brachte mich um den Verstand. Ich konnte seinen Atem hören, der immer schneller ging. Davon angespornt ließ ich ihn Stück für Stück immer weiter in meinen Mund gleiten. Zunächst langsam, nur bis zur Hälfte. Meine Zunge umspielte die weiche Haut und tastete nach den prallen Äderchen, die seine Oberfläche durchzogen. Er fühlte sich gut an, schmeckte gut, ich detektierte den subtilen Geruch eines schwach parfümierten Duschgels, der sich mit dem unwiderstehlichen Pheromoncocktail seiner Haut vermischte. Gedankenverloren ließ ich meine Zunge kreisen, und genoss es, ihn auf diese Art und Weise zu verwöhnen. Nein, diese Nacht würden wir wahrlich niemals vergessen. Beinahe ruckartig ließ ich ihn komplett in meinem Mund verschwinden. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet, denn ich konnte hören, wie er unvermittelt aufstöhnte. Wie zur Bestätigung legte ich ihm meine rechte Hand aufs Knie, um ihm zu signalisieren, sich zu entspannen. Ich glaube nicht, dass er noch dazu im Stande gewesen wäre, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Und der Punkt, an dem wir hätten umkehren können, war sowieso längst überschritten. Ich wollte ihn kosten, ihn probieren, wissen wie er schmeckt. Mit gezielten Bewegungen brachte ich ihn kurz vor die heiß ersehnte Erlösung. Ich wusste, dass er jeden Moment so weit sein würde. In mir loderte ein Feuer, das endlich gestillt werden wollte. Ich intensivierte meine Zungenschläge an seiner empfindlichen Unterseite und hielt beinahe den Atem an. Und plötzlich spürte ich, wie ein Zucken durch seinen gesamten Körper ging und er hörbar ausatmete. Wie zur Bestätigung drückte ich erneut meine Hand auf sein Knie und wartete darauf, dass er sich entspannte. Begleitet von einem leisen Stöhnen spürte ich, wie er sich plötzlich aufbäumte, und schließlich zu Zucken begann. Zufrieden schloss ich die Augen und genoss das pulsierende Gefühl seiner Erregung in meinem Mund. Während er kam zitterte er am gesamten Körper. Seine Erregung bebte zwischen meinen Lippen, und sein Körper hatte sich noch nicht wieder beruhigt, obwohl sein Höhepunkt bereits am Abklingen war. Ich behielt ihn noch einen Moment lang zwischen meinen Lippen und streichelte währenddessen geistesabwesend über seinen Oberschenkel. Sein süßlich-herber Geschmack breitete sich auf meiner Zunge aus. Schließlich entließ ich ihn vorsichtig aus meinem Mund, schloss meine Lippen, und hob andächtig den Blick. Sein Atem ging schwer, im spärlichen Licht konnte ich ein paar kleine Schweißperlen auf seiner Stirn erblicken. Die Scheiben des Wagens waren rundherum beschlagen, was zwar ein untrügliches Zeichen dafür war, was im Inneren vorging, uns jedoch wenigstens vor neugierigen Blicken schützte. Mein Blick blieb erneut an seinen Wangenknochen hängen. Seine Gesichtszüge waren gänzlich entspannt. Als er langsam die Augen öffnete, nahm ich die Hand von seinem Oberschenkel und blickte ihm herausfordernd in die Augen. Unsere Blicke trafen sich, und ich war mir sicher, einen Hauch von Dankbarkeit, und fast so etwas wie Stolz in seinem Blick zu erkennen. Zufriedenheit machte sich in meinem Körper breit, und bevor ich mich dazu hinreißen ließ, noch weiter zu gehen, schluckte ich schnell und fuhr mir mir zur Bestätigung noch mit der Zunge über die Lippen. Er schmeckte unwiderstehlich. Ich hatte Blut geleckt. Ich wollte mehr. Viel mehr. Doch ich wusste, dass ich mich fürs Erste damit zufrieden geben musste. Ich durfte mir nichts anmerken lassen. Also schenkte ich ihm ein zufriedenes Lächeln, ehe ich die zwischen meinen Beinen positionierte Handtasche ergriff und sie mir auf den Schoß stellte. Für einen Moment saßen wir uns schweigend gegenüber, und versuchten beide, das eben Geschehene zu verarbeiten. Schnell entriegelte ich die Tür, bemüht, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Im Aufstehen drehte ich mich nochmals flüchtig zu ihm um. „Danke fürs Fahren! Und komm gut nach Hause!“ Ich schaffte es nicht ganz, mir ein süffisantes Grinsen zu verkneifen. Mit einem Ruck katapultierte ich mich auf die Füße, schlug die Türe eine Spur zu kräftig hinter mir zu, und ließ ihn in der Dunkelheit zurück.
Martin Guan Djien Chan
Ich bin eine Art Lebemann. Beruflich wie in der Liebe habe ich meine Nischen gefunden, die mir ein recht angenehmes und durchaus erfolgreiches Leben bescheren. Ich inszeniere Events, Actionspektakel, Open-Air-Shows und dergleichen. Die Nachfrage an meinen Inszenierungen ist schwankend, in der Liebe dagegen kann ich mich als kontinuierlich erfolgreichen Casanova bezeichnen, der häufig mehrere Affären gleichzeitig hat, ohne daraus einen Hehl zu machen. Allerdings muss ich einschränkend erklären, dass ich es nicht auf die begehrtesten Damen abgesehen habe, sondern ausschließlich unter Mauerblümchen wildere, Mauerblümchen, deren Potential ich erkenne, und die mit wenig Nachhilfe in durchaus attraktive Liebhaberinnen umgewandelt werden können. Sie wären erstaunt, wie viele Mauerblümchen es in der heutigen Gesellschaft noch gibt. Manchmal glaube ich sogar, dass die heutige Freizügigkeit ihre Anzahl steigen lässt. Die Gründe sind unterschiedlicher Natur. Manche Frauen sind schlichtweg schüchtern, viele weisen die unsinnigsten Minderwertigkeitskomplexe auf, einige hatten schlechte oder gar traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit, andere haben einen zu interessanten Beruf oder eine zu fordernde Karriere, um Zeit für Flirts zu opfern. Meistens erkenne ich die Gründe bereits auf den ersten oder zweiten Blick. Spätestens offenbart mir ein kurzer Wortwechsel die Art des Mauerblümchendaseins.
Einige Abenteuer haben über Jahre hinweg Bestand, eines davon hat mir sogar eine glückliche Vaterschaft auf im Voraus vertraglich geregelter Grundlage verschafft, andere kommen kaum über einen One-Night-Stand hinaus. Manche Mauerblümchen bringe ich zum Blühen und sie betreten durch mich das öffentliche Rampenlicht, andere bleiben bescheiden und sind mir dankbar, dass ich hin und wieder ihre sexuellen Bedürfnisse befriedige. Und einmal erkannte eine meiner Geliebten durch unser Abenteuer, dass sie eigentlich lesbisch veranlagt ist. Ich könnte ein Buch darüber schreiben, vielleicht wäre es sogar interessant. Aber in Wahrheit beruht mein Erfolg nur auf jahrelanger Erfahrung. Ich verführe Mauerblümchen mit ähnlichen Techniken, wie Staubsaugervertreter ihre Produkte an die einsame Hausfrau bringen.
Aber ich will eine Geschichte für die Nachwelt niederschreiben, die nur bedingt mit meinem normalen Leben zu tun hat, wenngleich Beruf und Liebesleben der Auslöser dieses Abenteuers waren:
Ein neues berufliches Projekt zeichnete sich ab. Es ging um Goethes Faust, genauer gesagt um die Beschwörung des Erdgeistes. Es sollte im Rahmen einer Messeeröffnung auf die dämonische Seite menschlicher Erkenntnis eingehen. Um für dieses Spektakel geeignete Anregungen zu finden, wollte ich in mittelalterlichen Werken nach Illustrationen suchen. Meine Nachforschungen ergaben, dass in einem ehemaligen Nonnenkloster zu Zeiten der Inquisition eine umfangreiche Bibliothek zu diesem Thema angelegt worden war, und diese nun als Außenstelle der zuständigen Landesbibliothek wissenschaftlich arbeitendem Publikum zugänglich war. Zwar war mein Vorhaben auch ansatzweise nicht wissenschaftlicher Natur, aber es bereitete keine weiteren Umstände, die entsprechende Genehmigung aus der Landeshauptstadt zu erhalten.
Das Kloster lag weitab der Zivilisation mitten auf dem flachen Land einer strukturschwachen Region und selbst das nächste Dorf war etliche Kilometer weit entfernt. Es war Sommer, das gerade beendete Projekt sehr nervenaufreibend gewesen und ich selber urlaubsreif. Ich beschloss daher, die Großstadt zu einem längeren Urlaub auf dem Lande in Richtung Kloster zu verlassen, welches praktischerweise für seine Gäste preisgünstige Zimmer bereithielt. Mein Plan, tagsüber ein wenig zu wandern und abends Dämonen zu studieren, klang vielversprechend.
Ich traf am frühen Nachmittag ein. Das Hauptportal war fest verschlossen und auch auf mehrfaches Klingeln rührte sich nichts im Haus. Vielleicht, war mein Gedanke, ist das Personal über Mittag ins nächste Dorf gefahren oder hält Siesta. Ich schlenderte einmal um die Anlage herum und konnte ein offenes Fenster im Hochparterre erblicken, welches durch Gardinen und Blumentöpfe eher den Eindruck erweckte, zu einer Wohnung, denn zu einem Büro zu gehören. Auf gut Glück rief ich mehrmals laut Hallo und tatsächlich zeigte sich daraufhin ein Kopf in der Fensteröffnung. Dieser gehörte zu einer jungen Frau, welche den Anschein erweckte, gerade aus dem Schlaf gerissen worden zu sein. Ich hatte wohl mit Siesta richtig gelegen.
„Entschuldigung, dass ich Sie beim Mittagsschlaf störe, mein Name ist Müller-Bölkow, ich hatte mich für heute angekündigt.“
Die junge Frau bat mich, einen Moment zu warten, sie würde gleich das Hauptportal öffnen. So schlenderte ich langsam dorthin zurück. Kurze Zeit darauf öffnete sie tatsächlich die Tür und stellte sich vor. Ihr Name war mir geläufig, denn die Landesbibliothek hatte ihn mir als den der zuständigen Ansprechpartnerin genannt. Ich entschuldigte mich erneut für die Störung der Mittagsruhe, aber sie lachte kurz auf: „Das macht nichts, ich war gerade beim Frühstück.“ Hier musste ich dann doch etwas erstaunt aus der Wäsche geschaut haben. „Ich bin passionierte Langschläferin und da ich hier meine Zeit so einteilen kann, wie ich will, schlafe ich bis Mittag und beginne erst nachmittags mit der Arbeit. Oft arbeite ich auch nachts, so wie gestern. Für die Bücher ist das sowieso besser. Die vertragen Sonnenlicht nicht so gut wie elektrisches Licht. Ich hoffe, das stört Sie nicht. Oder wollen Sie morgens um sieben mit Ihrer Arbeit beginnen?“
Ich erklärte ihr, dass ich über ihren Tagesablauf sogar sehr glücklich sei, denn ich selber beabsichtigte ja, tagsüber zu wandern und mich erst abends der Dämonenlektüre hinzugeben. „Im Gegenteil, ich hatte eher die Befürchtung gehabt, dass die Bibliothek nur von acht bis zwölf Uhr morgens geöffnet ist.“
Wir verstanden uns sofort sehr gut und bereits während sie mich durch die Klosteranlage führte, begann ich, sie als Frau abzuschätzen. Vom ersten Moment an wirkte sie wie ein Mauerblümchen, und da sie obendrein jung und hübsch war, malte ich mir sofort aus, dass auch die Nächte in diesem Kloster angenehm zu werden versprachen. Aber obwohl wir bereits sehr lange miteinander gesprochen hatten, konnte ich nicht feststellen, zu welcher Art von Mauerblümchen sie genau gehörte. Die Hausführung war beendet und wir standen wieder am Hauptportal. „Und nach der Mittagspause stellen Sie mich dann Ihren Kollegen vor?“, fragte ich. „Kollegen? Da überschätzen Sie gewaltig die Haushaltslage der Landesregierung. Ich muss sogar darum kämpfen, dass meine eigene Dreiviertelstelle nicht auf eine Halbtagsstelle reduziert wird.“ Diese Antwort hatte ich nicht erwartet, denn die ganze Anlage erweckte nicht den Eindruck von Unterfinanzierung. „Aber es scheint so, als ob das ganze Kloster neu renoviert wurde. Da müssen doch auch Mittel für Personal vorhanden sein.“ – „Mein Lieber, Sie haben offensichtlich noch nie im öffentlichen Dienst gearbeitet. Die Geldtöpfe für Renovierungen sind nicht dieselben wie die für das wissenschaftliche Personal. Hinter dem ersten steht außerdem die Lobby der Bauindustrie. Also eine kurze Erklärung: Das Kloster, einschließlich Bibliothek, gehört einer völlig unterfinanzierten Privatstiftung, deren Kuratorin ich bin. Aus Kostengründen haben wir uns verwaltungstechnisch unter die Fittiche der Landesbibliothek begeben, die auf diese Weise für die Unterhaltskosten, also Strom, Wasser, Bürokosten und letztendlich meinen Lohn aufkommt. Die Renovierung wurde vom Landesdenkmalamt mit Förderung durch Bund und EU getragen. Dabei wurden Panzerfenster und Alarmanlage eingebaut, sodass man jetzt auf die Kosten für den Wachschutz verzichten kann. Noch Fragen?“
Ich musterte die junge Frau erneut. Auf den ersten Blick war sie Mitte zwanzig, höchstens dreißig, ihre Gesten wirkten allerdings reifer. „Sie sind also alleinverantwortlich für das gesamte Kloster?“, fragte ich etwas ungläubig. Offensichtlich war sie diese Reaktion von Besuchern gewöhnt. „Ich weiß, ich sehe jünger aus als ich bin, aber ich habe zwei Doktortitel, der eine steht für Geschichtswissenschaft, der andere für Bibliothekswesen. Holen Sie Ihre Sachen aus dem Auto und ich zeige Ihnen das Gästezimmer. Ich sehe übrigens mit Bangen dem Tag entgegen, an dem der Landesrechnungshof bemerkt, dass die Stiftung und nicht die Landesbibliothek die Übernachtungsgelder kassiert.“
Frau Dr. Dr., wie ich sie scherzhaft anzusprechen mir zur Gewohnheit machte, war mir bei meiner Arbeit sehr behilflich. Ich erläuterte ihr mein Anliegen und sie suchte mir die entsprechenden Folianten heraus. „Mit den Katalogen hier werden Sie sowieso nicht klarkommen. Der neueste ist von 1962 auf vergilbten Karteikarten angelegt. Lassen Sie mich einfach wissen, was Sie benötigen.“
Es waren sehr angenehme Tage in dem Kloster. Ich stand am späten Morgen auf, frühstückte, wanderte einige Stunden, nicht ohne in einem der zahlreichen kleinen Badeseen mehrere Runden zu schwimmen, und widmete mich vom späten Nachmittag an meiner Lektüre. Viele der Folianten enthielten phantasievolle und detaillierte Abbildungen, nicht selten üppig koloriert, die mich auf viele Ideen für das geplante Dämonenspektakel brachten. Nur bei der jungen oder zumindest jung wirkenden Frau ergaben sich keinerlei Fortschritte, im Gegenteil, es schien sich ein Gebirge aus Rätseln vor mir aufzubauen. Nun habe ich intensive Erfahrungen mit Frauen aller Altersklassen von sehr jung bis Mitte Vierzig hinter mir und möchte mich mit Fug und Recht in die Klasse der Experten einreihen, deshalb begann meine Erfolglosigkeit an meinem Ego zu nagen. Ihr Körper war definitiv nicht älter als dreißig Jahre. Sicher gibt es des Öfteren Frauen, die mit Vierzig auf den ersten, zweiten oder gar dritten Blick fünfzehn Jahre jünger wirken. Aber mein Blick war der eines geübten Experten, dem auch nicht das kleinste Detail, soweit nicht durch Kleidung bedeckt, entging. Die Beschaffenheit der Haut, das vollständige Fehlen jeglicher Altersfältchen, der leichte Flaum an manchen Stellen, all dies sprach eine zu deutliche Sprache. Aber gleichzeitig kam ich mit fortschreitendem Studium ihrer Gestik, Artikulation und Rhetorik zu dem Schluss, dass Frau Dr. Dr. die Vierzig überschritten haben
