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EXTRA DIRTY ist Buch #2 in der Ruby Steele Cozy Mystery-Serie, die mit dem Band ON THE ROCKS (Buch #1) beginnt. Ruby Steele, 30, schön und topfit, scheint auf den ersten Blick nicht viel anders als all die anderen Expats zu sein – sie hat sich auf den Bahamas angesiedelt und spielt dort Barkeeperin und Einheimische. Flegelhafte Bargäste finden es jedoch auf die harte Tour heraus: Ruby ist ein Mixed-Martial-Arts-Profi, mit der man sich besser nicht anlegen sollte. Eine Touristin um die 40 sucht Ruby auf und bittet sie verzweifelt um Hilfe. Sie war die ganze Nacht mit ihrer Freundin auf einer Party, beide haben viel zu viel getrunken und Dinge getan, von denen sie nicht wollen, dass ihre Männer sie erfahren. Das Problem ist, dass ihre Freundin seit 12 Stunden vermisst wird. Ihre Ehemänner dürfen es nicht wissen. Die Polizei darf es nicht wissen. Sie braucht Rubys Hilfe. Und ihr läuft die Zeit davon. Ruby hat aber selbst genug Probleme. Zwielichtige Gestalten aus ihrem alten Leben rücken immer näher. Viel zu nah. Kann Ruby wirklich einen Detektiv bezahlen und sich die Probleme einer anderen aufhalsen? Wer ist diese Frau überhaupt? Und was verschweigt sie ihr? Ruby kann einer schlechten Entscheidung einfach nicht widerstehen. Und dieses Mal, wird es wohl auch keine Ausnahme geben … Willkommen in der bahamaischen Welt von Ruby Steele, mit ihrer kleinen schäbigen Bar, ihrem gerissenen Hausäffchen, ihrem großen Alkoholproblem, ihren (viel) zu vielen Kämpfen, ihrer Unfähigkeit, Problemen zu entgehen, und ihren Fäusten aus Stahl. Rubys Leben ist ein Katastrophengebiet. Aber es gibt eine Sache, in der sie richtig gut ist: Ihr Herz zu erobern. ON THE ROCKS (EINE RUBY STEELE COZY MYSTERY) ist Buch #2 in einer höchst vergnügsamen Cozy Mystery-Serie, die Sie noch lange, nachdem Sie die letzte Seite umgeschlagen haben, begleiten wird. Buch #3 (FULL-BODIED) aus der Serie ist ebenfalls erhältlich.
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2022
EXTRA DIRTY
(Ein Cozy-Krimi mit Ruby Steele – Buch Zwei)
Mia Gold
Die Debütautorin Mia Gold ist Autorin der HOLLY HANDS COSY-KRIMIS, die aus drei Büchern (Tendenz steigend) bestehen. Dazu die CORA CHASE COSY-KRIMIREIHE, welche aus drei Büchern (Tendenz steigend) besteht, sowie die RUBY STEELE COSY-KRIMIREIHE, die aus drei Büchern (Tendenz steigend) besteht. Mia freut sich immer, von ihren Fans zu hören, also schau rein unter www.miagoldauthor.com, um kostenlose E-Books sowie die aktuellsten Neuigkeiten zu kriegen, und in Kontakt zu bleiben.
Copyright © 2021 Mia Gold. Alle Rechte vorbehalten. Gemäß dem US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 sowie dem deutschen Urheberrechtsgesetz ist ohne vorherige Genehmigung der Autorin jegliche Veröffentlichung, Vervielfältigung oder Verbreitung sowie die Übertragung in eine Datenbank oder ein Downloadportal untersagt. Dieses E-Book ist nur für Ihre persönliche Nutzung lizenziert. Es darf nicht an dritte Personen weiterverkauft oder unentgeltlich weitergegeben werden. Wenn Sie dieses E-Book mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie für jeden der Begünstigten bitte eine gesonderte Ausgabe. Wenn Sie dieses E-Book lesen, es jedoch nicht käuflich erworben haben, oder es nicht für Sie alleine käuflich erworben wurde, senden Sie diese Ausgabe bitte zurück und erwerben Sie eine eigene. Wir bedanken uns für den Respekt, den Sie der Autorin und ihrer Arbeit entgegenbringen. Jegliche Handlung ist frei erfunden. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und die Handlung sind entweder das Produkt der freien Fantasie der Autorin, oder werden für die Handlung der Geschichte fiktional genutzt. Jegliche Ähnlichkeit mit lebendenoder toten Personen ist rein zufällig. Coverbild Copyright © popout, verwendet unter Lizenz von Shutterstock.com
BÜCHER VON MIA GOLD
EIN COZY-KRIMI MIT RUBY STEELE
ON THE ROCKS (Buch #1)
EXTRA DIRTY (Buch #2)
FULL BODIED (Buch #3)
EIN HOLLY HANDS KRIMI
KNOCKOUT (Buch #1)
RECHTER HAKEN (Buch #2)
INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
„Und das ist wirklich sicher?“
Ruby Steele hatte jedenfalls nicht das Gefühl, das dem so war. Es war unglaublich, wie viel Angst so ein kleiner harmloser USB-Stick in einer ehemaligen MMA-Kämpferin auslösen konnte.
Aber sie wusste, dass – was auch immer sich darauf befand – ihr Leben für immer verändern könnte.
„So sicher, wie es sein kann“, erwiderte der Hacker.
Sie saßen an seinem Esszimmertisch in einem respektablen Viertel von Nassau. Der Hacker war für einen Computergeek überraschend gut gekleidet. Er wurde offenbar gut bezahlt für seine Arbeit und hatte nicht nur ein Talent dafür, in virtuelle Welten einzutauchen, in denen er nicht sein sollte, sondern auch einen guten Modegeschmack. Er sah um die dreißig und nicht schlecht aus – außer seiner dicken Brille und der gekrümmten Haltung, die vermutlich seiner hauptsächlich sitzenden Tätigkeit entstammte.. Ruby schätzte, dass er der einzige Einheimische auf den Bahamas war, der nicht regelmäßig an den Strand ging.
Sein Laptop stand vor ihnen auf dem Tisch. Ruby sah ihn an, als könnte er im nächsten Moment hochspringen und sie beißen.
„Ist das wirklich sicher? Auf diesem USB-Stick könnten sich echt sensible Informationen befinden. Vielleicht auch Spyware.“
„Entspann dich“, meinte der Hacker. Ruby wünschte sich, dass sie das könnte. Er war einer von Javons Freunden, was ihn unter die Kategorie ‚nicht vertrauenswürdig, aber vermutlich fähig‘ fallen ließ. Das bedeutete nicht, dass er nicht abgeknallt würde, wegen was auch immer sich auf diesem USB-Stick befand. Javon hatte ihr versichert, dass er der beste Hacker auf den Bahamas war. Aber woher wollte ein kleiner Grasdealer das wissen?
„Hör zu“, sagte der Hacker. „Ein Freund von mir hat diesen Laptop mit Bargeld bezahlt. Keine Spuren. Kein Bild von mir im Laden. Ich habe keine Software runtergeladen, bei der man sich anmelden muss. Tatsächlich habe ich überhaupt nichts runtergeladen. Ich habe den WLAN-Port entfernt. Nichts kann in diesen Computer rein oder aus ihm raus, es sei denn, wir benutzen den USB-Port. Zudem habe ich ein Antivirus-Programm von bester Qualität hier drauf. Nicht dieses Zeug, das normale Leute kaufen. Die Art Programm, das die Regierung benutzt.“
„Okay, na gut“, erwiderte Ruby zögernd.
Trotzdem war ihr ungut zumute. Ihre frühere Vorgesetzte, Senatorin Wishbourne, hatte ihr den USB-Stick in einem Bankfach hinterlassen, bevor sie unter Rubys Schutz angegriffen worden war. Ruby versteckte sich seit dem Vorfall und wusste nicht, wer die Senatorin umgebracht hatte – oder warum. Vielleicht hatte es etwas mit den Rüstungsdeals zu tun, die Carl Wishbourne – der Mann der Senatorin – arrangiert hatte. Oder vielleicht stand es in Verbindung mit den unzähligen korrupten Dingen, in die die Senatorin verwickelt gewesen war. Aus irgendeinem Grund hatte sie gewollt, dass Ruby davon wusste.
Dieses kleine elektronische Etwas konnte all ihre Fragen beantworten.
Oder neue Probleme aufwerfen.
„Willst du es tun oder nicht?“, fragte der Hacker, der sie mitfühlend ansah. Ruby beschlich das Gefühl, dass er diese Frage oft stellte.
„Ja und nein“, gab Ruby zu.
Der Hacker nickte verständnisvoll.
Wenn ich es nicht tue, werde ich mich mein ganzes Leben lang fragen.
Aber, wenn ich es tue …
„Scheiß drauf“, grummelte Ruby.
Sie steckte den USB-Stick in den Port.
„Okay. Lass mich ihn zuerst durchleuchten.“ Die Stimme des Hackers wurde geschäftlich. Er beugte sich über die Tastatur. „Ich werde einen vollständigen Scan durchführen, also wird es einen Moment dauern. Nein, kein Virus oder Ähnliches. Lass uns die Dateien öffnen.“
Eine Passwortabfrage ploppte auf dem Bildschirm auf.
„Verdammt“, murmelte Ruby. Sie wusste nicht, ob sie sich aufgeschmissen oder erleichtert fühlen sollte.
„Mach dir keine Sorgen. Ich habe ein Programm dafür.“
Er schlug ein paar Tasten an und ein Gemisch aus Worten und Nummern erschien und verschwand dann wieder im Kästchen. Sie flitzten so schnell auf dem Bildschirm herum, dass man sie nicht entziffern konnte.
„Die zehntausend üblichsten Passwörter“, erklärte er und rückte seine Brille gerade. „In allen möglichen Variationen und mit Großschreibung. Es ist unglaublich, wie viele Leute noch immer ‚12345‘ oder ‚passwort‘ als Passwort benutzen. Absolut dämlich.“
„Die Person, der der hier gehört hat, war vieles, aber nicht dämlich.“
„Du wärst überrascht.“
Sie sahen den Passwörtern ein paar weitere Minuten dabei zu, wie sie auf dem Bildschirm auftauchten und wieder verschwanden. Plötzlich hielt das Programm an.
„Hm. Sieht aus, als wäre dieser Kerl doch schlau gewesen.“
Kein Kerl, sondern eine Frau – und dazu eine Senatorin der Vereinigten Staaten. Nicht, dass ich dir das sagen werde.
„Und jetzt?“, fragte sie.
Er stand auf, begab sich auf die andere Seite des Tisches, damit er den Bildschirm nicht sehen konnte, und setzte sich wieder hin.
„Versuch alles, was dir in den Sinn kommt. Den Namen dieses Typen. Den Namen seines Hundes. Deinen Namen. Was auch immer. Probiere auch Großbuchstaben aus und vergiss die Nummern nicht. Was für Daten oder Altersjahre waren bedeutend für den Kerl? Die Nummer seines Wohnhauses. Seinem Spind im Fitnessstudio. Irgendwas.“
„Das könnte ewig dauern.“
Der Hacker zuckte mit den Achseln.
Ruby starrte auf den Bildschirm. Wie sie Senatorin Wishbourne kannte, hatte sie sich eine komplizierte Abfolge von Buchstaben und Nummern ausgedacht. Etwas, das niemand erraten könnte. Dann wiederum hatte die Senatorin gewollt, dass Ruby das hier finden und das Passwort knacken würde – also konnte sie es vielleicht wirklich erraten.
Ruby machte sich an die Arbeit. Sie versuchte es mit ihrem echten und jedem Namen, der ihr aus dem direkten Kreis der Senatorin in den Sinn kam. Nichts. Sie probierte es mit Ortsnamen auf den Bahamas, Namen von Unternehmen, mit denen der Ehemann der Senatorin Geschäfte gemacht hatte – alles, was ihr in den Sinn kam. Sie versuchte es sogar mit dem Namen der Katze, die die Senatorin als Kind gehabt und von der sie ihr einmal erzählt hatte. Und ihr Lieblingsgetränk von Starbucks.
Ruby probierte jede Variation, jedes Muster von Groß- und Kleinschreibung aus, kombinierte sogar potenzielle Passwörter miteinander. Kein Glück.
Irgendwann lehnte sie sich seufzend zurück. Ihre Finger waren wundgetippt. Sie musste Hunderte von Passwörtern eingetippt haben. Sie sah auf die Uhrenanzeige des Computers und bemerkte, dass eine ganze Stunde vergangen war.
„Ich habe ein besseres Programm, mit dem ich es versuchen kann“, meinte der Hacker.
„Wieso zum Teufel hast du mir das nicht von Anfang an gesagt?!“
„Weil es Millionen von alphanumerischen Abfolgen durchprobiert. Das kann Tage dauern.“
Ruby starrte auf den Bildschirm. Jetzt, wo sie die Entscheidung gemacht hatte, die Katze aus dem Sack zu lassen, war alles Zögern vergessen. Sie musste herausfinden, was auf diesem USB-Stick war. Senatorin Wishbourne hatte Ruby einen Hinweis gegeben, wo sie ihn finden würde, als sie von Angreifern attackiert worden waren, die die Senatorin schließlich umgebracht hatten. Es war offensichtlich wichtig. Aber sie hatte keine Zeit gehabt, um ihr das Passwort zu sagen – oder angenommen, dass Ruby es erraten würde.
War es das gewesen, was sie mit ihrem letzten würgenden Atemzug hatte sagen wollen, bevor sie angesichts ihrer Kehlkopfverletzung erstickt war?
Und hatten die Angreifer nach den Dateien auf diesem USB-Stick gesucht? Sie hatten die Aktentasche der Senatorin gestohlen, die randvoll mit vertraulichen Dokumenten gewesen war. Obwohl alle angenommen hatten, dass es das gewesen war, was die Angreifer gewollt hatten … Waren sie vielleicht doch hinter diesem USB-Stick her gewesen?
So viele Fragen und keine davon konnte beantwortet werden. Alles nur, wegen einer verdammten Passwortabfrage.
„Das Programm funktioniert meistens. Natürlich will ich nichts garantieren. Aber wenn es nicht funktioniert, werde ich dir nur hundert verrechnen statt tausend.“ Ruby sah ihn an. „Ein bisschen was muss ich für meine Zeit kriegen“, ergänzte er entschuldigend.
Es geht nicht ums Geld. Es geht darum, dass ich dir den USB-Stick nicht überlassen will.
„Kann ich das Programm selbst starten?“, fragte Ruby.
Der Hacker runzelte seine Stirn und verschränkte seine dürren Arme vor seiner wenig beeindruckenden Brust. „Nicht, ohne Schulung. Und die gebe ich dir nicht. Das ist schließlich meine Lebensgrundlage.“
Ruby gab ein höhnisches Geräusch von sich und reichte ihm die zweihundert Dollar, die sie ihm für die ‚erste Konsultation‘ schuldete. Sie griff nach dem USB-Stick und stand auf.
Dann zögerte sie. Wie hoch standen ihre Chancen, das Passwort selbst zu knacken? Sie brauchte diesen Typen. Aber sie konnte den USB-Stick nicht bei ihm lassen. Zu gefährlich.
Sie beschloss, dass sie ihm etwas abschauen und einen ihrer Freunde damit beauftragen würde, einen Laptop für sie gegen Barzahlung zu kaufen. Dann würde sie versuchen, das Passwort in ihren freien Momenten zu knacken.
Aber zuerst hatte sie etwas anderes zu tun. Ein alter Freund – und alte Flamme – flog in ein paar wenigen Stunden zurück in die Staaten. Sie musste sich mit ihm treffen, bevor er ging.
Dieser Teil ihrer Vergangenheit würde nicht warten.
* * *
Eine Stunde später stand sie auf dem Balkon von Tim Harris’ Hotelzimmer. Es war ein zweitklassiges Etablissement und bot keine Aussicht aufs Meer. Trotzdem waren der azurblaue Himmel und die wehenden Palmen nett genug. Und es war Tims letzter Tag. Er wollte so viel Sonne tanken, wie möglich, bevor er morgen früh in die Staaten zurückkehren würde. Sie standen nebeneinander, berührten sich beinahe, sahen in die Ferne.
„Ich wünschte, ich könnte länger bleiben“, sagte Tim. „Ist ein wirklich unglaubliches Versteck, das du hier gefunden hast.“
„Es war schön, dich hier zu haben“, erwiderte sie und meinte es auch so. Seine Anwesenheit hatte eine Menge alter Erinnerungen an die Oberfläche geholt. Nicht alle von ihnen waren gut, aber einige von ihnen definitiv. Und es fühlte sich gut an, zu wissen, dass jemand aus ihrem alten Leben sich um sie scherte. Außer Axel, dem MMA-Freund, den sie am meisten vertraute, wusste niemand, dass sie hier war.
Tim schenkte ihr ein trockenes Lächeln. „Das hast du nicht gesagt, als du dachtest, ich würde dich in der Gasse angreifen.“
Ruby lachte. „Gegen ein bisschen Bare-Knuckle-Sparring habe ich nichts einzuwenden.“
Tim strich sich über die roten Streifen auf seinem Gesicht und lachte. „Gegen einen Angriff von einem Affen habe ich etwas einzuwenden.“
„Am Ende seid ihr Freunde geworden.“
„Er ist ein süßer Kerl, wenn er seine Krallen nicht in einem versenkt.“ Tims Gesichtsausdruck wurde ernst. „Also … Wie ist es gelaufen?“
Ruby schüttelte ihren Kopf. „Passwortgeschützt. Er konnte es nicht knacken. Er hat ein einfaches Programm versucht und ich habe alle Wörter, die mir in den Sinn gekommen sind, ausprobiert. Nichts hat funktioniert. Er hat ein besseres Programm, aber es braucht Tage, um das Passwort zu entschlüsseln, und ich kenne ihn nicht gut genug, um ihm den USB-Stick anzuvertrauen.“
„Ich kenne ein paar Leute in den Staaten“, sagte Tim. „Leute, denen ich vertrauen kann.“
„Ich kann nicht zulassen, dass du dir die Sache auflädst. Die Senatorin wollte, dass ich mich damit befasse. Ich wünschte nur, ich wüsste, warum.“
„Du warst ihr immer die Liebste.“
Hörte Ruby da einen Hauch Eifersucht in seiner Stimme?
„Sie hat immer eine Tochter gewollt“, erklärte Ruby.
Tim schnaubte abschätzig. „Ja, und stattdessen hat sie Tucker gekriegt.“
Tucker war ihr verwöhnter Sohn. Vitamin B hatte es ihm ermöglicht, auf die Universität von Princeton zu gehen. Aber es gab nichts, was die Senatorin und ihr Ehemann hatten tun können, um ihm vom Koks und den Mädchen der Schwesternschaft fernzuhalten.
„Triffst du dich heute mit Sanyjah?“, fragte Ruby. Tim und eine ihrer bahamaischen Freundinnen hatten sich angefreundet.
Tim verzog das Gesicht. „Nein. Sie hat mich als Kumpel abgestempelt.“
„Ooooh.“ Ruby tätschelte ihm den Kopf. „Ich dachte, ihr beide habt euch super verstanden.“
„Ich auch. Ich habe versucht, sie zu küssen und sie sagte: ‚Ich mag dich wirklich, und wenn du hier leben würdest, würde ich dir sofort die Kleider vom Leib reißen. Aber ich bin nicht auf der Suche nach einem One-Night-Stand.“
„Autsch. Jemanden zum Kumpel degradieren mit einem ‚was wäre wenn‘. Das muss echt ätzen.“
Tim grummelte. „Danke.“
Ruby kicherte und stieß ihm einen Ellbogen in die Rippen. Die Neuigkeiten freuten sie auf eigensüchtige Art und Weise. Sie und Tim hatten mal ein Techtelmechtel gehabt – vor vielen Jahren. Sie hatten beschlossen, es nicht wieder zu tun, weil sie zusammen gearbeitet hatten.
Aber jetzt arbeiteten sie nicht mehr zusammen …
„Also, was willst du heute unternehmen?“, fragte sie.
Tim zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Führ mich herum.“
„Klar. Es ist eine kleine Insel. Ich werde dir alles zeigen.“
Tim zog eine Augenbraue hoch. „Alles?“
Ihre Blicke trafen sich. Ruby spürte, wie ihr Herz einen Sprung nahm. Tim näherte sich ihr und Ruby sah zu ihm hoch. Tim beugte sich zu ihr …
… Und Ruby nahm einen Schritt zurück.
„Nein.“
Tim sackte zusammen. „Tut mir leid.“
„Ist schon gut.“
„Nein. Das war unangebracht. Ich habe nur daran gedacht … Du weißt schon.“
„Ja, weiß ich, und es war großartig. Aber das ist eine Ewigkeit her und –“
„Du magst mich echt. Und wenn ich hier leben würde, würdest du mir die Kleider sofort vom Leib reißen, aber du bist nicht auf der Suche nach einem One-Night-Stand.“
Ruby kicherte, fühlte sich dann schuldig. „Tut mir leid.“
Tim schüttelte seinen Kopf. „Zweimal am selben Tag in die Kumpelzone verdrängt. Und man nennt diesen Ort hier ein Paradies.“
Sie nahm seine Hand. Ein Funken Hoffnung glimmte in seinen Augen.
Ruby fühlte sich schlecht, dass sie ihn auslöschen musste. „Na, lass mich dir einen Teil meines Paradieses zeigen. Als Kumpel.“
Sie gingen zusammen an den Strand und es dauerte nicht lange, bis die warme Brise die Anspannung zwischen den beiden löste, und sie mit freudiger Kameradschaft ersetzte. Bald plauderten und lachten sie wie in alten Zeiten. Sie gönnten sich eine gute Mahlzeit mit Meeresfrüchten an einem besonderen Ort, den Ruby am Strand kannte, und machten dann einen weiteren langen Spaziergang, bevor es leider an der Zeit war, dass Tim auscheckte und den Flughafen-Shuttle nahm.
Sie umarmten sich, als der Shuttle vor dem Hotel vorfuhr.
„Ich halte die Ohren offen“, sagte Tim. „Würde es dir was ausmachen, wenn ich wieder herkomme? In ein paar Monaten oder so, damit es nicht verdächtig wirkt? Keine Erwartungen. Es ist nur schön, dich zu sehen.“
Ruby nickte, war sich nicht sicher, was sie sagen oder fühlen sollte. „Okay. Pass auf dich auf.“
„Du bist es, die auf sich aufpassen muss.“
„Total“, meinte sie schnaubend. „Und pass auf das dürre Supermodel auf, das du beschützt.“
Tim lachte. „Das werde ich.“
Sie umarmten sich erneut, dieses Mal fester. Schmerz durchfuhr Rubys Seite von der gebrochenen Rippe, die sie sich diese Woche in einem illegalen Kampf mit Schlagringen geholt hatte. Ruby zuckte zusammen, als sie sich daran erinnerte. Sie wollte diesen Ort nie wiedersehen.
Der König sagt, dass du ihm noch zwei Kämpfe schuldest.
Wieso ist mein Leben so voller Drama?
„Tschüss“, sagte Tim.
„Tschüss.“
Ruby biss sich auf die Unterlippe, als er in den Airport Shuttle einstieg, der dann davonfuhr. Sie seufzte und lief zur Bushaltestelle.
Sie steckte ihre Hände in die Hosentaschen und ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Die Hosentasche, in der der USB-Stick gewesen, war leer.
Ruby prüfte ihre Vordertaschen, kalter Schweiß brach auf ihrem Körper aus. Nichts.
Verdammt nochmal! Ich habe es gewusst! Ich wusste, dass man ihm nicht trauen kann.
Sie zog die Hosentasche heraus. Brieftasche. Schlüssel. Telefon. Kein USB-Stick.
Verdammt nochmal!
Sie prüfte ihre Gesäßtaschen, wo sie nie irgendwas hinsteckte, und fand ihn.
Und dann erinnerte sie sich. Als sie für das Mittagessen bezahlt hatte, hatte sie gespürt, wie der USB-Stick beinahe rausgerutscht wäre, als sie ihre Brieftasche gezückt hatte. Also hatte sie ihn in diese Tasche verfrachtet, nur um sicherzugehen.
Ruby ächzte.
Ich muss echt mehr Vertrauen in Menschen haben – oder zumindest weniger paranoid sein.
Aber so, wie mein Leben bisher verlaufen ist … Kann es mir da jemand übelnehmen?
Sie steckte den USB-Stick wieder in ihre Tasche. Ihre Hände zitterten vom verweilenden Schock.
Ich muss mich entspannen.
Ruby drehte sich zurück zum Hotel, ging auf die Bar zu.
Zwei Schritte vor der Tür erstarrte sie.
„Was zum Teufel mache ich da?“, fragte sie sich laut.
Sie hatte sich versprochen, dass sie nicht mehr trinken würde. Und sobald sie auch nur ein bisschen gestresst gewesen war, war sie auf die nächstbeste Flasche zugelaufen.
Kopfschüttelnd ging sie nach Hause.
Während sie im Taxi saß und sich für ihre Schwäche tadelte und sich schlecht fühlte, weil sie Tim nicht vertraut hatte, starrte sie aus dem Fenster. Das Erholungsgebiet entlang der Küste, mit seinen Hotels und Golfplätzen, seinen Mietwohnungen und schicken Restaurants, kamen und gingen, lagen bald schon hinter ihnen. Sie fuhren durch ein Geschäftsviertel von Nassau, das nur wenige Besucher sahen. Dann weiter in eine Wohngegend für Bahamaer.
Und diese Gegend wurde immer schäbiger. Das Taxi fuhr an schönen frisch gestrichenen Bungalows mit gut gepflegten Vorgärten vorbei, die zusehends von kleineren Häusern und kleineren Vorgärten abgelöst wurden. Um diese Tageszeit waren die Gärten voll mit bahamaischen Familien. Die Kinder spielten, die Erwachsenen saßen auf klapprigen Stühlen. Alle begaben sich aus ihren überfüllten Häusern, die oft von zwei oder drei Familien geteilt wurden, um die tropische Brise einzuatmen. Niemand hier hatte eine Klimaanlage.
Was sich nicht änderte, war, wie aufgeräumt die Heime waren. Anders als die üblichen Armenviertel in den Staaten, standen keine Autos auf Betonziegeln, und es waren auch keine kaputten Möbel oder ausrangierte Spielzeuge zu sehen. Die Bahamaer, egal wie hoch oder tief ihr Einkommen war, hielten ihre Häuser und Vorgärten sauber und aufgeräumt. Nur die vielen Leute, die verblassende Farbe und die depressiven Blicke auf den Gesichtern der Menschen deuteten darauf hin, dass nicht alles eitel Sonnenschein war.
Das war Rubys Viertel. Sie war sozusagen ohne Geld auf diese Insel geflüchtet und hatte einen fragwürdigen Aufenthaltsstatus inne. In diese Gegend zu ziehen, war nicht nur günstig, sondern verschaffte ihr auch Anonymität. Ihr Vermieter akzeptierte Barzahlungen und ihr Name tauchte auf keinen Nebenkostenabrechnungen auf.
Sie war die einzige Ausländerin in der Nachbarschaft – bis auf ein niederländisches Hippie-Pärchen, das schon so lange auf den Bahamas war, dass sie sozusagen Einheimische geworden waren. Dann noch ein amerikanischer Drogenabhängiger, der von allen ignoriert wurde.
Sie ignorierten Ruby ebenfalls. Sie hatte sich nicht mit ihren Nachbarn angefreundet und ein paar Typen zusammengeschlagen, die versucht hatten, sie auszurauben, als sie neu zugezogen war.
Jetzt ließen sie alle in Ruhe. Sie war Teil der Umgebung geworden. So anonym und uninteressant wie eine Palme in ihrem Garten.
Es war ihr lieber so.
Als sie aus dem Taxi stieg, bewegte sich der Vorhang ihrer Nachbarin. Mrs Strapp. Die ansässige Klatschtante, war die Einzige in Rubys Straße, die noch immer ein Auge auf sie hatte. Und sie hörte nie auf, ein Auge auf sie zu haben.
Ruby konnte ihr Starren im rasiermesserdünnen Spalt zwischen dem Saum des Vorhangs und der Fensterscheibe sehen. Mrs Strapp dachte, sie wäre unauffällig, aber ihre Hände zitterten aufgrund ihres Alters ein bisschen, und ließ den Vorhang verräterisch wackeln.
Ruby warf ihr einen Luftkuss zu, betrat ihr Haus und ließ ihre Vorhänge zugezogen. Sie mochte ihre Privatsphäre und wünschte sich, Mrs Strapp würde woanders hinziehen. Vielleicht auf den Planeten Pluto. Obwohl der ja kein Planet mehr war. Wenigstens hasste sie jeder in diesem Block auch. Ruby bezweifelte, dass sie Mrs Strapp zuhörten, wenn sie ihnen einen detaillierten Bericht über Rubys Tag ablieferte.
Sobald sie die Eingangstür hinter sich geschlossen hatte, sprang etwas aus den Schatten ihres Wohnzimmers und landete auf ihren Schultern. Fellige Ärmchen schlangen sich um ihren Hals. „Hey, Zoomer!“, sagte Ruby und kraulte dem Kapuzineräffchen den Rücken. Technisch gesehen, gehörte Zoomer ihrem Boss, aber irgendwie war er Gemeingut für die gesamte Bar. Er ging mit verschiedenen Mitarbeitern und Stammgästen nach Hause. Weniger als sechzig Zentimeter groß und gerade mal zweieinhalb Kilo schwer, war er das perfekte Accessoire für jemanden auf der Flucht. Vor allem, weil Ruby keinen Schmuck trug. Das würde in dieser Gegend nur unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zoomers Körper und Gliedmaßen waren schwarz, aber seine Brust und das kleine runde Gesicht waren dunkelgelb, beinahe weiß im Vergleich. Sein rundes fellüberzogenes Gesicht, verzog sich fest, als ob er ein menschliches Lächeln übertrieben imitieren würde.
„Hey, Kumpel. Hast du mich vermisst?“
Ruby knipste ein Licht an und trug Zoomer in die Küche, wo sie eine Schale mit Nüssen und ein paar Stück Zuckerrohr hinstellte. Zoomer kreischte und stand auf, sah sie erwartungsvoll an.
„Was?“
Zoomer klatschte in die Hände.
„Oh, du willst etwas Rum.“
Zoomer kreischte und machte einen Rückwärtssalto.
„Tut mir leid, Kumpel, aber das hier ist jetzt ein trockener Haushalt. Apropos …“
Ruby begab sich zum Küchenschrank mit einem Zahlenschloss daran. Normale Kindersicherungen nützten nichts gegen Zoomers primatische Entschlossenheit. Sie öffnete es und zog eine Flasche Bahamian Gold heraus – dem besten Rum auf der Insel, und das wollte was heißen.
Zoomer, der ihre Absichten falsch interpretierte, klatschte und kreischte, machte sich so groß, wie er konnte, und sah die Flasche an, als wäre sie der Heilige Gral. Ruby sah ihn mitleidig an.
„Das hier wird mir genauso wehtun wie dir.“
Sie lief zum Spülbecken, öffnete die Flasche und verspannte sich, als ihr dieses wunderbare Aroma in die Nase stieg.
Vielleicht nur einen. Zum Abschied.
NEIN.
Sie begann die Flüssigkeit den Abfluss hinunterzukippen.
Zoomer kreischte und sprang auf den Küchentresen. Seine kleinen Hände griffen nach der Flasche und versuchten sie mit der Stärke eines Dschungeltiers wegzureißen.
Aber nicht einmal ein erwachsener Mann hätte Rubys Arme bewegen können – nicht, nach all dem Training, das sie absolviert hatte. Die karamellfarbene Flüssigkeit floss unaufhörlich den Abfluss hinab.
Also wandte Zoomer eine andere Taktik an. Er hüpfte ins Spülbecken und steckte sein Köpfchen in den Strahl, öffnete seinen Mund, um allen Alkohol aufzunehmen, den er konnte – wie ein Junge in einer Burschenschaft am Mardi Gras.
„Hör auf!“
Ruby riss die Flasche hoch, hielt sie über ihren Kopf, um sie aus Zoomers Reichweite zu halten, und sah dabei aus wie eine merkwürdige Nachbildung der Freiheitsstatue.
Zoomer hüpfte auf ihre Schultern und versuchte, an ihrem Arm hochzuklettern.
„Sei keine Nervensäge.“
Ruby öffnete das Fenster und begann den Rum auf das Gras darunter zu gießen. Zoomer kreischte erneut und hüpfte aus dem Fenster, versuchte seine eben angewandte Taktik erneut.
Das Küchenfenster lag gegenüber von Mrs Strapps Küchenfenster und die Vorhänge dort begannen sich wie verrückt zu bewegen. Ruby hoffte, dass ihre Nachbarin alt genug war, um nicht zu schnallen, wie sie die Kamera auf ihrem Handy benutzte. Das würde gar nicht gut auf YouTube aussehen. Ruby versuchte den Affen davon abzuhalten, sich in den Tod zu trinken. Sie schwenkte die Flasche in eine Richtung, woraufhin der Rum weit ins Gras flog. Zoomer sprang hinterher. Ruby wiederholte die Bewegung in eine andere Richtung, aber Zoomer war zu schnell für sie und schaffte es wieder, etwas vom Alkohol mit seinem Mund aufzufangen. Und dann fiel der letzte köstliche Tropfen, verschwendet, zu Boden. Zoomer gab ein kafkaeskes Schreien der Verzweiflung von sich.
Ruby war noch nicht fertig. Ihr Alkoholschrank beheimatete eine zweite Flasche Rum, eine Flasche Whisky sowie eine halbvolle Flasche Wodka. Letztere hatte sie von einem russischen Matrosen geschenkt gekriegt. Einem unbeeindruckenden One-Night-Stand, den sie ‚Ivan, der Schreckliche‘ nannte.
Um Zoomer den Anblick zu ersparen, schloss sie das Fenster und sperrte ihn aus.
Zoomer hüpfte auf die Fensterbank, seine menschenähnlichen Händchen gegen das Glas gepresst. Sein Keuchen vernebelte sein panisches Gesicht, als der Inhalt all ihrer Flaschen den Abfluss hinabrieselte. Hinter ihm konnte Ruby Mrs Strapp sie offen aus ihrem Küchenfenster anstarren sehen. Ihr Vorhang war zurückgezogen – all ihre Versuche, subtil zu sein, vergessen.
Ruby warf die Flaschen in den Müll und öffnete das Fenster. Zoomer flog wie ein Meteor aus Fell hinein und begann in der Küche herumzuflitzen, suchte nach dem kleinsten bisschen von Alkohol.
„Was zum Teufel ist da drüben los?!“, wollte Mrs Strapp wissen.
„Frühlingsputz.“
„Es ist Herbst.“
„Wirklich? In den Tropen fällt einem das gar nicht auf.“
Ruby knallte das Fenster zu.
Dann drehte sie sich um und sah Zoomer auf dem Tresen sitzen. Seine Arme waren vor seiner Brust verschränkt und er funkelte sie grimmig an.
„Tut mir leid, mein Kleiner. Ich bin mir sicher, dass du heute Abend etwas in der Bar abbekommen wirst.“ Ruby hielt inne, fragte sich, wie sie es schaffen würde, acht Stunden Getränke zu servieren, ohne sich ihre üblichen kleinen Schlucke auf der Toilette gönnen zu können.
„Und ich bekomme gar nichts.“
Diese Sache würde härter werden als jeder Kampf.
* * *
Eine Menge Leute sagten, dass die Pirate’s Cove bessere Zeiten gesehen hatte, aber Ruby war nicht überzeugt, dass es wirklich jemals bessere Zeiten gegeben hatte. Vielleicht war der Anstrich mal frisch gewesen. Vielleicht waren die Korallen aus Gips an der Wand mal nicht abgeplatzt gewesen. Vielleicht war das Tauwerk, das von der Decke hing, mal nicht mit einer Staubschicht überzogen gewesen, die Dschungelmoos ähnelte. Vielleicht hatten alle Lichter mal funktioniert. Vielleicht, nur vielleicht, hatten die übergroße Schatzkiste und der Haufen falscher Dublonen in der Mitte der Bar mal geglänzt und nicht erbärmlich ausgesehen.
Aber heutzutage sah nichts mehr so aus. Die Pirate’s Cove war jetzt eine dunkle schmuddelige kleine Bar für professionelle Trinker im üblen Viertel der Stadt. Ein paar Türen weiter runter von einem Strippschuppen, der auch ein Hurenhaus war. Eine Mischung aus Expats und Einheimischen, ab und zu einem verlorenen Touristen, kam hierher, um günstig zu trinken und für die überraschend nette Gesellschaft.
Die Stammgäste waren die Rettung der Pirate’s Cove. Klar, sie waren Alkoholiker, aber sie waren nette Alkoholiker. Sie waren Rubys Alkoholiker und das Nächstbeste zu einer Familie.
Und wie es in Familien so üblich ist, waren sie gleichermaßen liebenswürdig wie auch nervig. Desaray schluckte ihr Bier runter und beklagte sich über die Touristen im Resort, in dem sie arbeitete. Perry und Reece betranken sich wie üblich. Und der Ufologe gab jedem einen Vortrag über die Verstümmelung von Vieh, der zuhören wollte – also niemandem. Jedenfalls kein Mensch. Zoomer saß auf dem Tresen und aß Nüsse, die in Rum lagen, während er den Ufologen staunend ansah.
Ruby stand hinter dem Tresen mit Kristiano Rolle, einem muskulösen Einheimischen, der ebenfalls in der Bar arbeitete. Wenn die alten Griechen ihre Statuen aus Obsidian gefertigt hätten, hätten sie wohl ausgesehen wie Kristiano. Er hatte ein aufgeschlossenes Gesicht, auf dem unaufhörlich ein Lächeln lag und seine wahre Teddy-Natur zeigte.
Die Pirate’s Cove war keine allzu große Bar, aber sie brauchten zwei Barkeeper auf Schicht, weil die Kunden es mochten, wenn der nächste Drink postwendend kam.
Zwischen ein paar Getränken, notierte sich Ruby mögliche Passwörter. Alles, was ihr in den Sinn kam. Die Lieblingsteams von Senatorin Wishbournes Ehemann, Orte in der Karibik, die sie vielleicht interessiert hatten, die Farbe ihres Autos, alles. Die Liste wurde länger und länger, war vollbeladen mit unwahrscheinlichen Passwörtern, die das Rätsel, das dieser USB-Stick barg, entschlüsseln sollten.
Kristiano sah sie ein- oder zweimal an, sagte aber nichts. Wie alle anderen hatte er sich an ihr gelegentlich merkwürdiges Benehmen gewöhnt.
„Noch einen hier drüben, bitte!“, rief Reece. Ein pensionierter Versicherungsverkäufer aus New Jersey, der mit Perry, einem örtlichen Scuba-Lehrer, der nur ein Drittel so alt war wie er, abhing. Obwohl die Leber von Perry wohl genauso alt sein musste.
„Kommt sofort“, meinte Ruby und steckte das Stück Papier in ihre Gesäßtasche. Sie schenkte den beiden ein Glas bahamaischen Rum ein. Der Geruch ließ ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen. Das ging schon den ganzen Abend so. Sie aß immer wieder Nüsse, um ihren Geschmacksknospen etwas zu tun zu geben.
Reece und Perry hoben ihre Gläser hoch.
„Worauf sollen wir trinken?“, fragte Perry.
„Die Bahamas!“, rief Reece viel zu laut.
„Darauf haben wir bereits getrunken.“
„Ähm … Palmen?“
„Palmen. Du bist doch betrunken.“
„Du doch auch. Wie wäre es dann, wenn wir auf Ruby trinken?“
„Ja, Ruby! Barfrau, Wahnsinns-Kämpferin und Amateur-Detektivin.“
Ruby zuckte zusammen. Sie mochte es nicht, an die Leiche erinnert zu werden, die sie vor ein paar Wochen im Container gefunden hatte. Sie hatte diesen Mord aufgeklärt, um nicht selbst in die Kiste zu wandern. Das machte sie nicht zu einer Amateur-Detektivin. Es machte sie zu einer ängstlichen Frau auf der Flucht, die darum kämpfte, nicht ins Kittchen zu wandern.
„Moment mal“, sagte Perry. „Ruby sollte auch ein Glas haben.“
„Du hast recht“, erwiderte Reece.
Ruby lief das Wasser erneut im Munde zusammen. Sie griff nach einer Handvoll Nüsse.
„Nein danke, Jungs“, erwiderte sie.
Sie starrten sie an.
„Was denn? Keinen Drink?“, fragte Perry.
„Geht auf uns“, meinte Reece.
„Ja, ähm … Mir ist heute irgendwie unwohl im Magen.“
„Oh, eine Sekunde lang dachte ich, dass du langweilig geworden bist“, erwiderte Perry.
„Das möchte ich einmal erleben“, sagte Reece lauthals lachend.
Ruby errötete.
Reece erhob sein Glas. „Auf Ruby!“
„Auf Ruby!“, riefen einige der Stammgäste synchron.
Reece leerte sein Glas und machte ein kleines Würgegeräusch.
Oh-oh.
Ruby nahm einen Schritt zurück.
„Nicht schon wieder!“, sagte Perry. Er sprang von seinem Barhocker, der eigentlich nur ein Fass war, auf das mit Farbe ‚Yo Ho Rum‘ gemalt worden war. Perry begab sich aus dem Schussfeld. Ruby trat zurück.
„Toiletten, Reece!“, befahl sie.
Der pensionierte Versicherungsverkäufer stolperte mit seiner Hand über seinen Mund gelegt zur Herrentoilette. Die Stammgäste jubelten und applaudierten, als schreckliche Würgegeräusche hinter der Tür zu hören waren.
„Man könnte denken, dass jemand, der seinen Alkohol nicht drinnen behalten kann, nicht so ein verdammter Säufer wäre“, meinte Kristiano.
„Hol besser den Mopp“, erwiderte Ruby.
„Schere, Stein, Papier?“
„Es ist die Herrentoilette.“
„Na und?“
Ruby ächzte. Sie spielten eine Runde Schere, Stein, Papier. Sie verlor. Grummelnd ging sie ins Hinterzimmer, um den Mopp zu holen. Sie schrie auf, als Neville, ihr Boss und Inhaber der Bar, um die Ecke kam. Er trug eine Augenklappe, einen Piratenhut und ein Buschmesser aus Plastik.
„Vorsicht, Matrosen! Habe ich da Geräusche einer Seekrankheit vernommen?“
„Reece schon wieder.“
„Ein guter Seemann, der Kerl, aber er kann seinen Grog einfach nicht drinnen behalten“, sagte der dickbäuchige Brite und wedelte mit seinem Buschmesser vor ihrem Gesicht herum.
„Nein, kann er nicht.“
Neville stupste sie mit seinem Plastikschwert an. Obwohl Ruby nicht viel über Geschichte wusste, so war sie sich ziemlich sicher, dass Piraten metallene Schwerter und keine Bierbäuche gehabt hatten.
„Geh und schrubb das Deck“, befahl Neville. „Oder ich werde dich der See zum Fraß vorwerfen!“
„Wenn mich der Geruch nicht vorher über die Reling wirft.“
Gerade als Ruby aus dem Hinterzimmer kam, taumelte Reece aus der Herrentoilette, hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht.
„Es ist die reinste Baustelle da drinnen. Sieht aus, wie mein Magen sich fühlt.“
Neville wedelte sein Schwert über seinem Kopf herum. „Der Hafenmeister hat gesagt, dass wir die Kielräume säubern müssen, ansonsten wird er uns versenken. Die Arbeit wird binnen einer Woche getan sein. Dann kannst du in den saubersten Kielräumen der Sieben Meere seekrank werden.“
Reece schaffte es ohne weitere Patzer wieder zu seinem Sitzplatz zurück und Ruby trat die Tür zur Herrentoilette auf.
Sie fragte nicht, ob jemand drinnen war. Sie war mittlerweile nur schwer zu schockieren.
Wie sich herausstellte, war die einzige Gesellschaft, die sie hatte, eine Pfütze aus Erbrochenem in der Mitte des Raumes. Wenigstens hatte Reece auf die verbliebenen Kacheln gekotzt und nicht auf den frischen Beton, den die Bauarbeiter heute aufgetragen hatten. Das wäre schwieriger aufzuwischen gewesen.
Sie war nicht lange allein. Der Professor, ein älterer Gentleman aus dem Süden in einem weißen Anzug, mit weißem Haar und einer roten Nase, eilte hinein und schlüpfte an ihr vorbei.
„Hey, ich arbeite hier!“
„Entschuldige, junge Dame, aber Zeit und eine vergrößerte Prostata wartet auf niemanden“, sagte er in seinem Südstaatler-Akzent.
„Zu viele Informationen“, murmelte sie, als er sich an ein Urinal stellte.
Ein plätscherndes Geräusch erklang. In welchem Zustand auch immer sich die Prostata des Professors befand, es hielt ihn jedenfalls nicht von seinem Geschäft ab. „Aaaah! Viel besser. Erinnert mich an ein Gedicht vom berühmten chinesischen Poeten des achten Jahrhunderts, Li Bo. „Unendlich viel Wasser von der roten Quelle stürzt jetzt, der weite Umkreis von rötlichem Dunst ist benetzt. Stetig fließt es bunten Bäumen entlang, spritzend stürzt es als ob’s dicken Wolken entsprang.“
„Danke für den Literaturvortrag.“
„Du wärst eine wunderbare Schülerin gewesen, Ruby. Du bist viel intelligenter, als du zugibst, und ich hätte es genossen, dich all die verwöhnten Muttersöhnchen austricksen und dich besser als sie abschneiden zu sehen, die versucht haben, sich durch mein Fach zu mogeln.“
„Wenn Sie auf den Boden pinkeln, werde ich Ihnen in den Hintern treten.“
„Ich habe noch nicht so viel getrunken, als dass ich meine Zielgenauigkeit verlieren würde, meine Gute.“
Der Professor beendete sein Geschäft und ging ‚One More Summer in Virginia‘ singend davon.
Sie war eben erst hinter den Tresen zurückgekehrt, nachdem sie den Eimer ausgespült und den Mopp zurückgestellt hatte, als sie Ärger durch die Tür kommen sah.
Es war eine amerikanische Touristin, die am vergangenen Abend hier gewesen war. Sie war um die dreißig Jahre alt, trug trendige Klamotten und ihr Haar war gepflegt. Sie war mit einer Freundin im selben Alter hergekommen. Jetzt war sie allein und hatte einen ruhelosen, schlaflosen Blick auf.
Sie ging direkt auf Ruby zu.
Ruby drehte sich um, ordnete die Flaschen hinter der Bar. Sobald sie damit fertig war, sah sie über ihre Schulter. Die Frau saß auf einem der Fässer zwischen Desaray und einem weiteren Hotelarbeiter, der vom Ufologen einen Vortrag kriegte.
„Wenn die grauen Aliens also Vieh mutilieren, ist das nur ein Vorwand für –“
„Entschuldigen Sie bitte!“, sagte die Frau, hob ihre Hand hoch und versuchte, Rubys Aufmerksamkeit zu erhaschen.
Ruby tat so, als würde sie sie nicht sehen und ging ans andere Ende der Bar, um dem Professor einen weiteren Mint Julep zu machen. Sie gab sich größte Mühe, sich nicht in die Richtung der Frau zu drehen. Vielleicht würde sie weggehen, wenn Ruby sie lange genug ignorierte.
Und Ruby wünschte sich sehnlichst, dass sie weggehen würde. Sie hatte ein ungutes Gefühl bei ihr. Die Frau starrte Ruby an, als wäre sie ihre letzte Hoffnung.
Geht nach Hause. Problem gelöst.
So viele Touristen handelten sich auf den Bahamas Probleme ein. Sie dachten, dass sie alles tun könnten, nur weil sie auf Urlaub waren und mit Geld um sich schmeißen konnten. Ruby hatte es schon tausende Male gesehen.
Diese Frau und ihre Freundin waren ein Paradebeispiel. Sie waren schon betrunken reingekommen und hatten die Mehrheit ihrer drei oder vier Runden damit zugebracht, damit zu prahlen, wie mutig sie waren, sich im schlechten Viertel der Stadt herumzutreiben. Die Stammgäste hatten diese Art Gespräch nicht gerade gemocht und hatten sie ignoriert. Was ein spaßiger Abend hätte werden können, an dem sie ein paar interessante und freundliche Bahamaer hätten kennenlernen können, war zu einer Nacht der Trunkenheit in ihrer Touristenblase geworden. Das Letzte, woran sich Ruby bezüglich der beiden erinnerte, war, dass eine der beiden – diejenige, die jetzt hier war – ihre Freundin dazu ermutigt hatte, die Straße runter zum Tropical Twerker zu gehen.
„Ich schwöre dir“, hatte sie gesagt, „die Stripclubs zu Hause lieben es, Amateurinnen auf die Bühne zu schicken. Es ist so ein Spaß!“
„Oh mein Gott, Aaron würde mich umbringen!“
„Wen interessiert es, was Aaron tun würde? Er wird nie davon erfahren.“
Ruby war in der Zwischenzeit jemandem zu Hilfe gekommen und hatte sie nicht gehen sehen.
Also waren sie wohl zum Stripclub die Straße runtergegangen, waren belästigt und vermutlich ausgeraubt worden. Und jetzt wollte diese Idiotin Hilfe von der einen weißen Person, mit der sie am gestrigen Abend gesprochen hatte. Der Engländer mittleren Alters im Piratenkostüm zählte nicht.
Nein, ich kann dir nicht helfen. Ich muss bald noch mehr Erbrochenes aufwischen. Viel befriedigender.
„Ruby!“, rief Kristiano.
Sie drehte sich um. Verdammt. Ihr Mitarbeiter stand bei der Touristin. Sie beide sahen sie an.
„Diese Frau würde gerne mit dir sprechen.“
„Du musst mir helfen.“
Ich wusste es.
„Was hättest du gerne?“, fragte sie mit ihrer distanzierten Barfrauenstimme.
„Nichts. Ich bin nicht hergekommen, um zu trinken. Ich hatte gestern zu viel.“
Ich erinnere mich. Ruby sagte nichts.
Die Frau lehnte sich nach vorne, sprach so leise, dass das Gebrabbel um sie herum beinahe ihre Worte übertönte.
„Können wir draußen reden? An der Ecke? Ich habe dort ein Café gesehen.“
Ruby musterte sie. Keine Bedrohung. Sie war nicht nur keine Kämpferin – sie hatte nur Muskeln, die von einer Aerobic-Klasse dreimal die Woche stammen mussten – ihren Augen fehlte auch dieser gewalttätige Funke.
Stattdessen lag Verzweiflung darin.
„Ich arbeite“, meinte Ruby.
Die Frau knickte ein und lehnte sich nach vorne, sah Ruby verzweifelt an.
„Bitte.“
Ruby hielt inne, dann lenkte sie ein.
„Ich habe gleich Pause“, sagte sie, mehr um sich selbst zu beruhigen, als dass sie mit dieser Frau sprechen wollte. Aber sie sah nicht so aus, als ob sie locker lassen würde.
Ein erleichterter Ausdruck zog auf ihrem Gesicht auf. „Großartig. Bis gleich.“
Ja. Großartig.
Nachdem die Frau gegangen war, hielt sich Ruby mit ein paar Bestellungen beschäftigt. Kristiano kam zu ihr, während sie ein Bierglas auffüllte.
„Worum ging es da gerade?“, fragte er.
„Keine Ahnung. Kannst du kurz für mich übernehmen? Sie will im Café mit mir sprechen.“
„Kein Problem.“
Kein Problem? Schön wäre es.
Fünf Minuten später saß Ruby ihr in einem schmuddeligen Café gegenüber. Der kaputte Tisch aus Formica sah aus, als wäre er seit Jahren nicht geputzt worden. Genauso wie der Boden. Die grellen Lichter sorgten auch nicht gerade für ein nettes Ambiente.
Nicht, dass das eine Rolle spielte. Die Leute kamen nicht hierhin, um Kaffee zu trinken, sondern um Drogen zu dealen. Javon, ein örtlicher Grasdealer, saß am anderen Tisch und simste. Obwohl er fast jeden Abend in der Pirate’s Cove verbrachte, tat er so, als würde er Ruby nicht bemerken oder kennen.
Ruby wusste das zu schätzen. Die Frau setzte sich hin, fummelte an ihrer Tasse herum. Ruby nippte an einem Orangensaft. Sie hatte sich die ganze Nacht über nach Zucker gesehnt. Rum bestand aus einer Menge Zucker, und jetzt bekam sie auf die übliche Art keinen.
„Mein Name ist Helen Pierce“, sagte die misstrauisch aussehende Frau. „Ich war letzte Nacht in eurer Bar. Mit meiner Freundin, Bridget Hansen.“
Ruby ließ sich nicht anmerken, dass sie sich daran erinnerte. Sie wollte erst hören, was die Frau wollte. Helen sprach weiter.
„Wir sind hier auf Urlaub mit unseren Ehemännern. Die ersten paar Tage lang haben wir das übliche Zeug gemacht. Strand und Nachtklubs … Aber Bob und Aaron lieben Golf. Offenbar gibt es hier ein paar fabelhafte Plätze. Nicht, dass ich das bezeugen könnte. Langweilt mich zu Tode. Also haben wir einen Kompromiss gemacht. Sie verbringen das Wochenende mit Golf, während wir unser eigenes Ding machen. Die Golfplätze, die sie erkunden wollten, befinden sich auf der anderen Seite der Insel, also haben sie sich dort ein Hotelzimmer genommen, damit sie die Ersten auf dem Platz sein konnten. Wir sind hier geblieben.“
Helen starrte in ihre Kaffeetasse, konnte einen Moment lang nicht weitersprechen.
‚Euer Ding zu machen‘ bedeutete also, sich zu betrinken und im Tropical Twerker eine ‚Amateur-Nacht‘ zu veranstalten? Ich weiß jetzt schon, dass es böse geendet hat.
Warum vergeude ich meine Zeit hiermit? Ich muss das verdammte Passwort entschlüsseln.
Touristin. Urlaub. Palmen. Ich sollte alle Worte, die mit den Bahamas in Verbindung stehen, ausprobieren.
„Wir … Ähm … Haben ein bisschen auf den Putz gehauen. Na ja, ganz schön auf den Putz gehauen.“ Sie gab ein nervöses Lachen von sich und grinste, als suchte sie nach Zustimmung. „Nachtklubs, Bars … Dann haben wir beschlossen, ins spaßige Viertel der Stadt zu gehen.“
Nassau. Ich sollte das mal versuchen.
„Du meinst, das schlechteste Viertel der Stadt.“
Helen zuckte mit der Schulter und grinste erneut. Ruby spürte, wie ihr Mitgefühl für diese Frau stetig abnahm.
„Wir hatten einen Taxifahrer, der uns herumchauffiert hat, und wir haben ein paar Orte unsicher gemacht, bevor wir in eurer Bar gelandet sind. Juhu! Was für Leute das waren! Wie auch immer … Nach ein paar weiteren Runden haben wir entschlossen, dass wir die Straße runter zu diesem Stripclub gehen würden.“
Helen sah unangenehm berührt aus. Sie reckte ihr Schultern, sah aus, als würde sie eine Entscheidung fällen, und fuhr dann fort.
„Also sind war dahin gegangen. Aber jemand muss uns was ins Getränk gemischt haben. Denn ich bin in einer Gasse in einem anderen Stadtteil aufgewacht.“
Ruby krümmte sich der Magen und sie fröstelte am ganzen Körper. Sie musste auch blass geworden sein, denn Helen hob eine Hand hoch.
„Nein, ich wurde nicht vergewaltigt. Aber ich wurde ausgeraubt. All mein Geld und mein Schmuck sind weg. Das ist nicht der schlimmste Teil. Bridget ist verschwunden! Ich habe sie seit gestern Mitternacht nicht gesehen und jetzt ist es wie viel Uhr? Zweiundzwanzig Uhr? Sie ist beinahe schon vierundzwanzig Stunden verschwunden. Unser Hotel sagt, dass sie nicht zurückgekommen ist. Ich habe sie hunderte Male angerufen, aber ihr Handy ist aus.“
„Was hat die Polizei gesagt?“
Helen sah weg. „I-ich habe die Polizei nicht verständigt. Wir haben es ganz schön bunt getrieben. Kokain … Du weißt schon, nichts Schlimmes.“
Ruby rollte mit ihren Augen. Also war eine Touristin herumgezogen, hatte Drogen genommen und es mit einer Prostituierten getrieben. Das war die älteste Story der Welt. Sie leerte ihr Glas und stand auf.
„Tut mir leid, aber das ist etwas, worum sich die Polizei kümmern sollte. Du hättest sie anrufen sollen, sobald du aufgewacht bist. Ich bin mir nicht sicher, warum du mich überhaupt um Hilfe bittest.“
Helens Augen leuchteten auf und sie griff nach Rubys Hand. „Weil sie letzte Nacht alle über dich gesprochen haben! Wie du eine Leiche im Container gefunden und den Mörder ganz allein gefasst hast. Du bist eine Art Privatdetektivin.“
„Ich bin keine Privatdetektivin. Ich bin eine Barfrau. Und meine Pause ist vorbei.“
Ruby ging. Ihre Seite schmerzte noch immer angesichts der gebrochenen Rippen, die sie sich anlässlich ihrer letzten Ermittlungen zugezogen hatte. Der einzige Grund, warum sie das getan hatte, war, dass einer der Bullen sie verdächtigt hatte.
Die Lage, in die sich diese Närrin befand, war ihr schnurz.
Ruby ging zurück zum angenehmen Chaos der Bar, wollte mehr als jemals zuvor was trinken.
Eine Minute später lief Helen Pierce wieder herein, setzte sich vor sie hin.
„Die Antwort lautet immer noch nein“, sagte Ruby zu ihr.
„Ich hätte gerne einen Rum, bitte.“
