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FULL BODIED ist Buch #3 in der Ruby Steele Cozy Mystery-Serie, die mit dem Band ON THE ROCKS (Buch #1) beginnt. Ruby Steele, 30, schön und topfit, scheint auf den ersten Blick nicht viel anders als all die anderen Expats zu sein – sie hat sich auf den Bahamas angesiedelt und spielt dort Barkeeperin und Einheimische. Flegelhafte Bargäste finden es jedoch auf die harte Tour heraus: Ruby ist ein Mixed-Martial-Arts-Profi, mit der man sich besser nicht anlegen sollte. Ruby ist dafür bekannt, immer wieder problembeladene Freunde zu finden. Und ihr neuester Freund, ein Türsteher im Bordell nebenan, bildet da keine Ausnahme. Als er mit einer traurigen Geschichte zu ihr kommt, muss sie einfach zuhören. Als in der Geschichte eine Leiche auftaucht, die er heute Morgen gefunden hat, wird Ruby erst recht aufmerksam. Als sich herausstellt, dass die Leiche einem Mädchen gehörte, das ein Opfer von Menschenhandel geworden war, brennt Rubys Gerechtigkeitssinn lichterloh. Ruby muss dieser Sache auf den Grund gehen, weil sie gar nicht anders kann und versuchen muss, das Unrecht wiedergutzumachen. Das Problem ist, dass es der Polizei egal ist, und dieser Fall wird sie sicherlich an einige böse Orte und gegen einige böse Menschen ins Feld führen. Dazu gehört vielleicht auch ein Milliardär mit seiner eigenen Privatjacht – und seiner eigenen Privatarmee. Es ist nicht so, dass Ruby nicht selbst schon von so etwas wie einer Armee verfolgt wird. Das Letzte, was Ruby im Moment braucht, ist ein Zwei-Fronten-Krieg. Doch es sieht so aus, als stünde ihr genau das bevor. Niemand hat gesagt, dass Ruby über gutes Urteilsvermögen verfügt. Wäre es so, dann würde sie sich nicht auf den Bahamas verstecken, eine kleine schäbige Bar führen, mit einem Affen auf der Schulter und einer langen Liste von Feinden Willkommen in der bahamaischen Welt von Ruby Steele, mit ihrer kleinen schäbigen Bar, ihrem gerissenen Hausäffchen, ihrem großen Alkoholproblem, ihren (viel) zu vielen Kämpfen, ihrer Unfähigkeit, Problemen zu entgehen, und ihren Fäusten aus Stahl. Rubys Leben ist ein Katastrophengebiet. Aber es gibt eine Sache, in der sie richtig gut ist: Ihr Herz zu erobern. FULL BODIED (EINE RUBY STEELE COZY MYSTERY) ist Buch #3 in einer höchst vergnügsamen Cozy Mystery-Serie, die Sie noch lange, nachdem Sie die letzte Seite umgeschlagen haben, begleiten wird. Weitere Bücher aus der Serie werden bald erhältlich sein!
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2022
FULL BODIED
(Ein Cozy-Krimi mit Ruby Steele – Buch Drei)
Mia Gold
Die Debütautorin Mia Gold ist Autorin der HOLLY HANDS COSY-KRIMIS, die aus drei Büchern (Tendenz steigend) bestehen. Dazu die CORA CHASE COSY-KRIMIREIHE, welche aus drei Büchern (Tendenz steigend) besteht, sowie die RUBY STEELE COSY-KRIMIREIHE, die aus drei Büchern (Tendenz steigend) besteht. Mia freut sich immer, von ihren Fans zu hören, also schau rein unter www.miagoldauthor.com, um kostenlose E-Books sowie die aktuellsten Neuigkeiten zu kriegen, und in Kontakt zu bleiben.
Copyright © 2021 Mia Gold. Alle Rechte vorbehalten. Gemäß dem US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 sowie dem deutschen Urheberrechtsgesetz ist ohne vorherige Genehmigung der Autorin jegliche Veröffentlichung, Vervielfältigung oder Verbreitung sowie die Übertragung in eine Datenbank oder ein Downloadportal untersagt. Dieses E-Book ist nur für Ihre persönliche Nutzung lizenziert. Es darf nicht an dritte Personen weiterverkauft oder unentgeltlich weitergegeben werden. Wenn Sie dieses E-Book mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie für jeden der Begünstigten bitte eine gesonderte Ausgabe. Wenn Sie dieses E-Book lesen, es jedoch nicht käuflich erworben haben, oder es nicht für Sie alleine käuflich erworben wurde, senden Sie diese Ausgabe bitte zurück und erwerben Sie eine eigene. Wir bedanken uns für den Respekt, den Sie der Autorin und ihrer Arbeit entgegenbringen. Jegliche Handlung ist frei erfunden. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und die Handlung sind entweder das Produkt der freien Fantasie der Autorin, oder werden für die Handlung der Geschichte fiktional genutzt. Jegliche Ähnlichkeit mit lebendenoder toten Personen ist rein zufällig. Coverbild Copyright © popout, verwendet unter Lizenz von Shutterstock.com
BÜCHER VON MIA GOLD
EIN COZY-KRIMI MIT RUBY STEELE
ON THE ROCKS (Buch #1)
EXTRA DIRTY (Buch #2)
FULL BODIED (Buch #3)
EIN HOLLY HANDS KRIMI
KNOCKOUT (Buch #1)
RECHTER HAKEN (Buch #2)
INHALTSVERZEICHNIS
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
Durch ihre Arbeit als Barkeeperin im Pirate‘s Cove wusste Ruby Steele, was sie an einem typischen Abend zu erwarten hatte.
Reece würde kotzen, der Ufologe würde einen Vortrag über außerirdische Sondierungen halten, ihr Chef, Neville, würde herumlaufen und sich wie ein Pirat aufführen, der Professor würde Zeilen eines Schriftstellers rezitieren, von dem sie noch nie gehört hatte, und irgendein Tourist würde von dem riesigen Stapel gefälschter Golddublonen in der Mitte des Raumes fallen und sich verletzen.
Was sie nicht erwartet hatte, war eine riesige Schlägerei, die auf dem Parkplatz ausbrach und schließlich dazu führte, dass die Feuerwehr auftauchte.
Das war an sich ja kein Problem. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Feuerwehrmänner gehabt. Die Schlägerei war allerdings mühsam.
Richtig mühsam.
Es fing an, wie diese Dinge meistens anfingen, mit einer Mischung aus Alkohol und Testosteron.
Ruby bemerkte die erste Andeutung von Ärger, als sie um elf Uhr nachts mit Kristiano hinter der Bar Drinks ausschenkte. Die Menge war gerade in Schwung gekommen. Der Ufologe, ein hagerer Bahamaer, der nebenbei als Klempner arbeitete, wenn er nicht gerade versuchte, außerirdische Welten zu kontaktieren, zeigte einem halbwegs interessierten Kellner aus einem nahegelegenen Restaurant, der so betrunken war, dass er kaum die Augen offen halten konnte, ein paar Fotos von fliegenden Untertassen. Der arme Kerl bemerkte nicht einmal, als Zoomer, das Kapuzineräffchen der Bar sich seinen Schuss Rum schnappte und diesen hinunterkippte. Neben ihnen besoffen sich Reece und Perry systematisch, und Neville hüpfte durch den Raum, eine Augenklappe über einem perfekt funktionierenden Auge, während er mit einem Plastikmesser auf die Gäste einschlug. Alle anderen beklagten sich über ihre Jobs, redeten über Sport oder waren bereits zu betrunken, um noch irgendeinen klaren Gedanken fassen zu können.
„Trinkt, ihr räudigen Hunde, heute Abend werden wir gut segeln!“
„Wie du hier sehen kannst, handelt es sich hier um die klassische Art Untertasse von den Plejaden.“
„Und dann fragt dieser dumme Tourist, ob wir zu Mexiko gehören!“
„Spinnst du? Cavalier wird die Dynamos morgen total platt machen.“
„Jo, mai beschder Freun in der gansen Weel. Ich bina bissl bee … beedrunggen …“
Zwischen dem ganzen Geplapper nahm Ruby ein anderes Geräusch wahr, ein ungewöhnliches Geräusch. Sie war sich sicher, dass sie Glas brechen hörte, aber es klang zu leise, um von drinnen zu kommen.
Verwirrt umrundete sie die Bar und ging zur Herrentoilette, weil sie dachte, dass dort vielleicht jemand Flaschen zerschlug. Das war nichts, was regelmäßig auf der Damentoilette passierte. Frauen waren im Allgemeinen besser erzogen. Betrunkene Ringkämpfe, harter Drogenkonsum, ein schneller Quickie auf dem Waschbecken, klar. Aber keine kaputten Gläser.
Sie war auf halbem Weg zur Toilette, als sie merkte, dass das Geräusch nicht von dort kam, sondern von draußen.
Ruby drehte sich um, bahnte sich ihren Weg durch die Menge und spähte zur Tür hinaus.
Das Pirate‘s Cove war Teil einer Reihe schäbiger Gebäude in einem heruntergekommenen Stadtteil von Nassau. Alles war um diese Zeit geschlossen, bis auf das Tropical Twerker, der Stripclub am anderen Ende. Vor den Geschäften befand sich ein größtenteils leerer Parkplatz, und auf diesem Parkplatz stand eine Gruppe von etwa zehn jungen Bahamaern und drei Frauen, die leere Bierflaschen auf das Gebäude des Pirate‘s Cove warfen. Die Frauen feuerten sie an, während die Jungs versuchten, sie zu beeindrucken, indem sie versuchten, die Flaschen so hart wie möglich ans Gebäude zu schmeißen.
„Hey! Was zum Teufel macht ihr da?“, rief Ruby.
„Bierflaschen gegen das Gebäude werfen, was sonst?“, rief einer von ihnen zurück.
„Dumme Frage. Tut mir leid, dass ich sie überhaupt gestellt habe“, meinte Ruby.
Der Typ nickte. „Kein Problem.“
Ab einem bestimmten Blutalkoholspiegel ist das menschliche Gehirn nicht mehr in der Lage, Sarkasmus zu erkennen.
Der Typ warf eine weitere Flasche, welche nicht weit von Rubys Kopf entfernt an der Wand zerschmetterte.
„Hey! Pass doch auf, du Idiot.“
Als Barkeeperin hatte Ruby gelernt, Konfrontationen mit Betrunkenen und Idioten nicht eskalieren zu lassen. Als MMA-Kämpferin hatte Ruby gelernt, sich von niemandem einschüchtern zu lassen. Diese beiden Grundlagen gerieten in ihr oft in Konflikt.
Der Typ sah sie schief an. „Hast du mich gerade einen Idioten genannt?“
„Ja. Du bist ein Schwachkopf. Wenn du und deine Freunde nicht sofort aufhören, mit Flaschen zu werfen, rufe ich die Polizei.“
„Die werden nicht rechtzeitig hier sein, du dumme Schlampe.“
Er kam mit ein paar seiner Freunde auf Ruby zu. Die Mädchen lachten und klatschten.
Instinktiv ballte sie sofort die Fäuste und nahm eine Kampfhaltung ein.
„Du bist auch ein Feigling“, sagte Ruby zu ihm.
Der Typ blieb stehen. „Was?“
„Ein Feigling. Du kannst es nicht ohne Verstärkung mit einem Mädchen aufnehmen.“
Der Typ wandte sich an seine Freunde. „Verpisst euch. Ich kümmere mich um sie.“
Ruby lächelte. Sie mochte einen Kampf nicht scheuen, aber sie war auch nicht dumm.
Sie öffnete die Tür weiter und trat heraus, damit sie sich freier bewegen konnte. Natürlich hatte sie nicht mit Reece gerechnet, der gerade neben ihr ins Freie taumelte. Sie spürte, wie mehrere andere Leute ihr über die Schulter schauten.
„Wer hat jetzt Rückendeckung?“, spottete der Flaschenwerfer.
„Du erwartest von einem Mädchen, mit dir zu kämpfen?“, lallte Reece. „Warte, ich werde mit dir um sie kämpfen.“
Ruby hob eine Augenbraue. Reece war ein pensionierter Versicherungsvertreter aus New Jersey, der wahrscheinlich nicht mehr trainiert hatte, seit Clinton Präsident war. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob seine Ankündigung Ritterlichkeit oder betrunkene Überheblichkeit war. Wahrscheinlich aber ein bisschen von beidem.
Ruby schaute nach links und rechts. Keine Polizisten in Sicht. John, der Türsteher im Tropical Twerker, war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich war er drinnen mit seinem eigenen Drama beschäftigt. Ein älteres Paar ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei. Sie würden keine Hilfe sein. Genauso wenig wie der Mann mit den großen Augen, der die Szene kurz beobachtete, bevor er schnell im Stripclub verschwand.
Wie immer musste Ruby sich solchen Problemen allein stellen. Sie war die einzige nüchterne Person hier, die wusste, wie man kämpfte.
Wenn es nur dieser eine Kerl gewesen wäre, hätte Ruby ihn schon längst fertig gemacht und wäre zurück in der Bar gewesen, um Drinks zu servieren, aber das war er keinesfalls. Sie wollte eine Situation vermeiden, mit der sie höchstwahrscheinlich nicht fertig werden konnte.
Die idiotischen Mädchen machten die ganze Situation nur noch schlimmer, denn die Jungs wollten vor ihnen angeben.
Reece trat zwischen Ruby und den Flaschenwerfer, gerade als der Kerl auf sie zutrat.
„Wie wäre es, wenn ihr einfach verschwindet? Es ist doch nichts passiert, oder?“
Das war Neville. Der Flaschenwerfer und ein paar seiner Freunde lachten. Es war schwer, einen dickbäuchigen Engländer in einem Piratenkostüm ernst zu nehmen. Schade, dass er nicht sein echtes Entermesser anstatt des lächerlichen Plastikmessers dabei hatte.
Flaschenwerfer drehte sich wieder zu Reece um, der dank ungemein viel Alkohol von einer Seite zur anderen schwankte.
„Hör zu, du Penner“, meinte er und stupste Reece einen Finger in den Bauch. „Deine Einstellung gefällt mir nicht.“
„Du bist derjenige, der mit Flaschen wirft“, sagte Reece. „Warum zieht ihr nicht einfach weiter, wie die Dame vorgeschlagen hat?“
„Zieh du doch weiter“, meinte Flaschenwerfer und stieß Reece erneut in den Magen. Der pensionierte Versicherungsvertreter wich zurück.
„Das solltest du lieber sein lassen“, warnte Ruby. Aber der Typ ignorierte sie.
„Du bist nur ein dummer Tourist“, meinte Flaschenwerfer und stupste Reece erneut in den Bauch. Dieser lief langsam grün an. „Verpiss dich zurück in dein stinkendes Land.“
„Ich wohne schon seit drei Jahren hier“, würgte Reece hervor. Ruby wich zurück.
„Du solltest wirklich aufhören, ihm in den Bauch zu stupsen“, warnte Ruby.
Flaschenwerfer warf ihr einen verächtlichen Blick zu.
„Was? Etwa so?“
Er stupste Reece erneut in den Bauch. Und zwar härter als zuvor.
Und wie es bei Reece so gang und gäbe war, musste dieser sich übergeben.
Das Resultat war ein mit Erbrochenem triefender Flaschenwerfer.
Danach ging es rasant bergab.
Bevor Flaschenwerfer sich von seinem Schock erholen und Reece verprügeln konnte, verpasste Ruby ihm einen harten Tritt in die Brust. Das war allerdings keine gute Idee, denn ihr Schuh wurde sofort mit Reece' Magensaft und verschiedenen halb verdauten Schnäpsen beschmiert, die ihm Ruby selbst im Laufe des Abends serviert hatte. Ruby unterstützte zwar Recycling und so, aber sie war nicht der Meinung, dass es den Vorstellungen der Umweltbewegung entsprach, halb verdauten Rum als Schuhcreme zu benutzen.
Zudem konnte sie ihren Schuh auch nicht an Flaschenwerfers Gesicht abwischen, da mehrere seiner Freunde gerade auf sie zustürmten, offenbar verärgert über die Demütigung ihres Anführers.
Ruby beschloss, ihren Fuß anderswo abzuwischen.
Anderswo entpuppte sich als das Gesicht des ersten Kerls, der es in ihre Reichweite schaffte. Dann musste sie mit ihrem sauberen Fuß ausholen, um den Schlag eines anderen Flaschenwerfers abzuwehren, der es auf Reece abgesehen hatte. Der Versicherungsvertreter war trotz seines heldenhaften Auftretens immer noch ein paar der ersten Shots des Abends am Auskotzen und konnte sich nicht wehren.
„Erteilt der Schlampe eine Lektion!“, schrie eines der Mädchen.
So viel zum Thema „Mädchen halten zusammen“.
Der nächste Typ, der versuchte, die Damen zu beeindrucken, bekam eine Faust ins Gesicht, aber dann musste Ruby zwei Typen abwehren, die schlau genug waren, gleichzeitig auf sie loszugehen.
Sie wich nach links und nach hinten aus, weg von der Tür und nahe an die Wand, damit niemand sie von hinten angreifen konnte. Sie hielt ihre Arme in Verteidigungsposition und blockte einen Hagel von Schlägen ab. In dem Kampf, der damals ihre MMA-Karriere beendete, hatte sie einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen, der sie fast getötet hätte. Ihre Ärzte hatten sie gewarnt, dass ein weiterer solcher Schlag genau dazu führen könnte.
Ruby überlegte, ob sie das den beiden Typen erklären sollte, die gerade versuchten, ihr Gesicht zu demolieren, entschied aber, dass es sie wahrscheinlich nicht sonderlich interessierte.
Also hielt sie ihre Arme weiterhin hoch, um ihren Kopf zu schützen, und benutzte nur ihre Beine zum Angriff.
Ein schneller Haken brachte den Mann zu ihrer Rechten ins Straucheln und sie gewann ein oder zwei Sekunden, um sich auf den Angreifer zu ihrer Linken zu konzentrieren. Sie blockte seinen Haken und kickte sein Knie ein, wodurch er zu Boden ging. Ein Roundhouse-Kick gegen seinen Kopf sorgte dafür, dass er liegen blieb.
Ruby drehte sich, um den ersten Typ endgültig außer Gefecht zu nehmen, nur um festzustellen, dass er schon von einem anderen Bahamaer verprügelt wurde, einem jungen Surfer und Taucher namens Perry, der mit Reece befreundet war. Obwohl Reece mehr als doppelt so alt war wie er, hatten sich die beiden über Rum angefreundet. Reece war sozusagen der geliebte betrunkene Onkel.
Und Perry mochte es nicht, wenn jemand Onkel Boozer wehtat. Der Kerl bekam dafür eine ordentliche Tracht Prügel.
Da die Situation einigermaßen unter Kontrolle zu sein schien, ging Ruby auf den nächsten Kerl zu und verpasste ihm einen kräftigen Frontkick in die Brust, worauf dieser zusammenklappte. Dann musste sie allerdings wieder zurückweichen, als drei weitere Typen gleichzeitig auf sie zukamen. Einer wurde von Kristiano, dem anderen Barkeeper abgefangen und die beiden fielen ineinander verschlungen zu Boden. Der arme Kristiano hatte zwar die Muskeln eines Kämpfers, aber keinerlei kämpferische Fähigkeiten und schon gar nicht die richtige Einstellung dazu. Ruby würde sich selbst um die verbleibenden zwei kümmern und Kristiano wahrscheinlich mit dem Dritten helfen müssen.
Sie schlugen wild auf sie ein, und Ruby musste alles daransetzen, keine Schläge auf den Kopf zu bekommen. Sie ging in die Knie, hielt die Arme hoch und fing einen Schlag nach dem anderen mit ihren immer empfindlicheren Unterarmen ab.
Ein scharfer Schmerz schoss durch ihre Brust, als eine Faust ihre Rippen streifte, dieselben Rippen, die sie sich ein paar Wochen zuvor in einem Kampf mit einem Zuhälter und seiner Schlägerbande gebrochen hatte. Es schien, als würde sie trotz ihres Rücktrittes aus der MMA genauso viele Kämpfe bestreiten wie damals, als sie noch aktiv in Turnieren kämpfte.
Ab diesem unerwarteten Schlag gegen die Rippen verlor sie für einen Moment die Kontrolle über sich und schlug mit doppelter Wucht zurück, damit sich der Typ von nun an jedes Mal, wenn er in den Spiegel sah, an diese Nacht erinnern sollte.
Sein Freund nutzte die Gelegenheit und holte zu einem Faustschlag direkt gegen ihre Schläfe aus.
Ruby schaffte es gerade noch, dem Schlag auszuweichen. Aber obwohl seine Faust ihr Ohr nur knapp streifte, fühlte sie ihren Kopf vor Schmerz geradezu explodieren. Es war, als würden scharfe Nadeln ihn durchbohren. Sie hob abwehrend die Arme und spürte, wie die Faust ihres Angreifers an ihrem Unterarm abprallte.
Dann spürte sie, wie eine starke Hand ihre Arme ergriff und nach unten zerrte.
Rubys Blick war verschwommen vor Schmerz, aber sie sah dennoch deutlich genug, wie der Mann ausholte, um sie direkt ins Gesicht zu schlagen.
Bevor es aber dazu kam, sprang ein anderer Bahamaer ein und landete einen direkten Treffer auf dem Kiefer des Mannes. Sein Kopf kippte seitwärts und er fiel schlaff zu Boden.
Ruby hob ihre Arme wieder in eine defensive Haltung und sah sich nach jemandem um, den sie schlagen konnte. Ihre Sicht kehrte langsam zurück, der stechende Schmerz in ihrem Kopf ließ nach und wurde zu einem dumpfen Pochen.
Die betrunkenen Typen lagen alle am Boden oder zogen sich zurück. Die Mädchen, die sie aufgestachelt hatten, machten auf dem Absatz kehrt und eilten in die entgegensetzte Richtung.
„Ruby, ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte der Typ, der sie gerettet hatte.
Kenne ich diesen Kerl? Hat der Schlag auf den Kopf mich Leute vergessen lassen? Die Ärzte haben mich vor möglichen Hirnschäden gewarnt.
Ruby sah sich um und benannte in Gedanken jeden, den sie erkannte. Reece. Perry. Neville. Kristiano (mitsamt einer blutigen Lippe). John, der Türsteher von nebenan.
Okay, ich erinnere mich also an Namen, aber diesen Kerl kenne ich nicht.
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte Ruby und war froh, dass sie den Satz einigermaßen normal hervorbrachte.
Gut. Also kein Hirnschaden. Aber mein Kopf tut höllisch weh.
Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Backsteinmauer, um wieder zu Atem zu kommen, während ihre Freunde den Rest der Störenfriede vom Parkplatz scheuchten.
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte sie wieder.
Warte. Das habe ich ihn eben schon gefragt. Reiß dich zusammen, Ruby.
Der Typ sah gut aus. Um die dreißig. Muskulös wie John, der Türsteher, der neben ihm stand.
„Mein Name ist Samuel. Ich bin Johns Freund.“ Seine Stimme wurde leiser und er sah sich verstohlen um. „Er meinte, du könntest mir helfen.“
„Warum? Wurde jemand ermordet?“, meinte Ruby und lachte. Das hätte gerade noch gefehlt.
Samuel fiel die Kinnlade herunter. „Woher wusstest du das?“
Rubys Lachen verstummte und sie stöhnte innerlich.
Ruby wandte sich von Samuel und John ab. Die Stammgäste im Pirate‘s Cove jubelten, als sich die letzten Flaschenwerfer die Straße hinunter zurückzogen und ihre Verwundeten mit sich trugen.
„Juhu! Wir haben die Schiffsratten abgeschüttelt“, sagte Neville. „Eine Runde Grog für alle, geht aufs Haus!“
Das löste einen noch größeren Beifall aus.
Neville wandte sich an Ruby.
„Ist meine Lieblingsdirne etwa seekrank?“
Als sie seinen besorgten Gesichtsausdruck sah, wollte Ruby ihm sofort dafür verzeihen, dass er sie als Dirne bezeichnet hatte. Zudem war sie viel Schlimmeres gewohnt.
„Der letzte Typ hat mein Ohr erwischt.“
Neville wurde blass. Sie hatte ihm von ihrer Verletzung erzählt. Nicht ihren Ursprung – selbst ihre besten Freunde hier kannten weder ihre Vergangenheit noch ihren echten Namen –, aber er wusste, wie ernst das war.
„Willst du, dass ich einen Krankenwagen rufe?“, fragte er in einem normalen Ton.
„Nein. Ich komme schon zurecht. Lass mich nur eine Minute ausruhen.“
Neville hielt inne, studierte sie einen Moment lang, dann wandte er sich an die Menge und schwenkte sein Plastikmesser. „Zurück an Deck mit euch allen! Der Horizont ist klar und wir haben schönes Segeln vor uns!“
Die Menge folgte ihm zurück in die Bar. Kristiano warf ihr einen besorgten Blick zu. Sie nickte ihm zu und brachte ein schwaches Lächeln zustande.
Sobald sich die Tür geschlossen hatte, drehte sie sich zu John und Samuel um. Am liebsten wäre sie mit dem Rest der Meute in die Bar geflüchtet, aber ihr Gewissen hielt sie zurück.
Manchmal wünschte sie sich, sie hätte so etwas nicht.
„Also, was hat es mit dem Mord auf sich?“, fragte sie.
„Ich lasse euch beide allein“, sagte John. „Ich hole einen Besen für all das Glas. Und einen Eimer mit Seife und Wasser für deinen Schuh, Ruby.“
„Mein Schuh?“ Sie schaute auf ihre Füße. „Oh ja. Igitt.“
Wenn dieser Typ mit dem Mordproblem sich einfach in Luft auflösen würde, hätte ich nichts dagegen, beide meine Schuhe vollgekotzt zu bekommen.
Aber Samuel löste sich nicht in Luft auf. Stattdessen blieb er direkt vor ihr stehen.
Wenigstens sah sie nicht mehr doppelt. Zwei von ihm wären unerträglich gewesen, egal wie süß er war.
„Also, was ist passiert?“, fragte sie erneut.
„Ich arbeite als Türsteher –“
„In einem Puff.“
Samuels Kinnlade fiel wieder herunter. „Woher wusstest du das?“
„Das gehört einfach dazu. Erzähl weiter.“
„Ähm, okay. Ich arbeite im Madrigal. Es ist der beste Laden auf der Insel, nachdem die Moonlight Lounge und das Hotel abgerissen wurden.“ Samuel warf ihr einen Blick zu, als wüsste er, wer dafür verantwortlich war. „Wir hatten dieses albanische Mädchen, das dort arbeitete. Sihana. Sie war wirklich hübsch und zog alle hochkarätigen Klienten an.“
„Du meinst Dreckskerle.“
Samuel lächelte. „Wir bezeichnen sie als Gentlemen. Das gefällt ihnen besser.“
„Das tut es bestimmt.“
Er sah langsam nicht mehr so niedlich aus.
„Ja. Jedenfalls war sie gestern Abend mit einem neuen Kunden da, einem reichen weißen Mann, den ich noch nie gesehen habe. Wir sind eine kleine Einrichtung, und ich erkenne alle unsere Klienten. Der Barkeeper und der andere Türsteher kannten ihn auch nicht. Ich bin sicher, er war zum ersten Mal da. Er hat etwas Seltsames gesagt, als er das erste Mal reinkam. Er sagte: ‚Ich habe gehört, dass ihr eine Europäerin hier arbeiten lasst.‘ Das hat mich überrascht, denn wir hatten nur Sihana. Aber ich sagte ihm, dass wir zwei Europäerinnen haben, weil wir diese hellhäutige Mexikanerin haben, die so tut, als wäre sie Spanierin oder Italienerin, wenn man darauf steht. Sehr begabt mit Akzenten. Also habe ich die beiden rausgebracht und der Typ hat die Mexikanerin nicht einmal angeschaut. Er zeigte direkt auf Sihana und sagte: ‚Ich will dich.‘“
„Er hat sie also erkannt? Hat sie ihn erkannt?“
Samuel schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich bin durch meine Arbeit mittlerweile ziemlich gut darin, Menschen zu lesen. Ich nehme an, dir geht es diesbezüglich ähnlich. Nein, ich glaube nicht, dass sie sich kannten. Ich habe den Eindruck, dass ihm jemand von Sihana erzählt hat und er kam, um sie selbst auszuprobieren.“
„Erzähl weiter.“
„Sie waren in einem der Zimmer und kurz darauf ist er wieder gegangen. Nach einer Weile wollte ich nachsehen, wie es ihr geht, und habe sie tot aufgefunden. Der Gerichtsmediziner meinte, sie sei an einer Überdosis gestorben.“
„Aber du glaubst nicht, dass es eine Überdosis war.“
Samuel schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Nicht Sihana. Sie hat keine Drogen genommen. Sie hat darauf gespart, nach Hause zu gehen.“
„Du glaubst also, dass dieser Typ sie umgebracht hat?“
„Ja. Ich weiß, wenn mich jemand anlügt. Der Kerl sah nervös aus, aufgedreht, aber er wirkte weder verängstigt noch besorgt. Nicht wie jemand, dem gerade ein Mädchen gestorben war. Er sah eher aufgeregt aus, als hätte er ein Fußballtor geschossen.“
Ruby seufzte und ließ ihren schmerzenden Kopf hängen. Sie fühlte sich plötzlich ausgelaugt. Dieser Scheiß hörte einfach nie auf.
„Warum bist du zu mir gekommen?“ Ihre Stimme klang weinerlich.
Samuels Augen leuchteten auf. „Weil du echt der Hammer bist! Du bist wie eine Privatdetektivin oder so, aber nicht so korrupt wie die meisten Polizisten hier.“
„Ich bin keine Privatdetektivin. Ich bin eine Barkeeperin mit rasenden Kopfschmerzen.“
„Keiner wird diesem Mädchen helfen. Die Polizei hat ihren Tod bereits als Unfall abgeschrieben.“
„Aber sie ist doch erst letzte Nacht gestorben. Braucht der Gerichtsmediziner nicht mehr Zeit als das?“
Samuel schüttelte traurig den Kopf. „Nicht für Leute wie sie. Sie war illegal hier. Wir haben versucht, ihr die Heimreise zu ermöglichen.“
„Ja, sicher doch.“ Sie hatte es langsam wirklich satt, solche Gespräche mit der Unterschicht von Nassau zu führen.
„Das haben sie tatsächlich versucht“, meinte John, der Türsteher, welcher gerade mit einem Besen, einer Kehrschaufel und einem Eimer Wasser zurückkam. „Das Mädchen wurde von einem der Kartelle nach Freeport verschleppt. Sie konnte fliehen und ist in Nassau gelandet.“
„Warum ist sie dann nicht direkt zurück nach Albanien gegangen?“, fragte Ruby und nahm dankbar den Eimer mit Wasser entgegen. John hatte sogar einen Schwamm mitgebracht.
„Sie hatte kein Geld, und das Kartell hatte ihr den Pass abgenommen“, meinte Samuel. „Es gab irgendein Durcheinander mit der Botschaft und sie musste einen Job bei Madrigal annehmen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und für das Ticket nach Hause zu sparen. Da sie keine Papiere hatte, war das der einzige Job, den sie bekommen konnte.“
Ruby starrte ihn an. „Den gleichen Job zu machen, zu dem sie in Freeport gezwungen wurde. Ja, ihr seid echte Ritter in glänzender Rüstung.“
In diesem Moment ging ein Auto auf der Straße in Flammen auf.
„Was zum …?“, rief Samuel.
Ruby sah, wie einige der Flaschenwerfer einen kleinen Tanz um das brennende Fahrzeug machten, bevor sie sich davonmachten.
„Ein Auto abfackeln“, brummte Ruby. „Wie originell.“
Samuel starrte sie fassungslos an. „Passiert das oft?“
„Oh, oft ist vielleicht ein bisschen übertrieben“, antwortete John. „Das ist das dritte Mal innerhalb des letzten Jahres. Vielleicht das vierte.“
„Es ist noch mal passiert?“, fragte Ruby.
„Ja, letzten Monat. Ich glaube, du hattest an dem Abend frei.“
Samuel schaute zurück zum Auto, dessen Flammen die ganze Nachbarschaft erleuchteten. „Ich frage mich, ob sie die Mädchen endlich beeindruckt haben.“
„Ich brauche einen Drink“, stöhnte Ruby.
„Ich dachte, du hättest aufgehört“, sagte John.
„Oh, richtig! Toll“, murmelte Ruby und rieb sich die Kotze vom Schuh. „Noch mehr schlechte Nachrichten.“
Ruby sah den Türsteher von Madrigal nicht an, während sie sich um ihren Schuh kümmerte und John die Feuerwehr rief. Sie hoffte, wenn sie ihn ignorierte, würde er eventuell verschwinden.
Aber das tat er nicht. Er stand einfach da und starrte auf sie herab.
„Starrst du gerade auf meine Brüste?“, fragte sie ihn.
„Ja. Ähm, nein! Ich habe mich nur gefragt, wie du vorhast, den Mord aufzuklären. Wie kann ich dir dabei helfen?“
Ruby stand auf. „Du kannst mir helfen, indem du mich in Ruhe lässt.“
„Oh, arbeitest du lieber allein?“
„Nein, ich ziehe es vor, in einer Bar zu arbeiten, und meine Schicht ist noch nicht zu Ende.“
Ruby bürstete den letzten Rest des Erbrochenen von ihrem Schuh, ließ den Schwamm in den Eimer fallen und ging nach drinnen, während John im Schein der Flammen das Glas auffegte.
„Was war das für ein Knall?“, fragte Kristiano, als sie hinter die Theke kam.
„Die Flaschenwerfer haben gerade ein Auto abgefackelt.“
„Was!“, sagten Kristiano, Neville und ein paar andere Gäste alle auf einmal.
„Keine Sorge, es ist nicht nah genug, um irgendwelche Gebäude in Brand zu setzen, und es war niemand drin. John hat bereits die Feuerwehr gerufen.“
Desaray eilte mit ihrem Telefon hinaus. „Ich muss das für meinen YouTube-Kanal aufnehmen!“
„Mach du das“, sagte Ruby. Nachdem sie dem bahamischen Hotelmädchen untersagt hatte sie zu filmen, wenn sie Betrunkene aus der Bar rausschmeißen musste, waren ihre Zuschauerzahlen auf YouTube erheblich zurückgegangen. Ruby hatte deswegen ein schlechtes Gewissen, aber es waren zu viele Leute auf sie aufmerksam geworden, um zu riskieren, auf YouTube erkannt zu werden. Hoffentlich würde ein netter, gesunder Autobrand ihre Hits wieder in die Höhe treiben.
Ruby bemerkte, dass Zoomer bewusstlos auf der Bar lag.
„Was ist mit ihm passiert?“, fragte Ruby.
„Er hat alle unsere Getränke gestohlen, während wir draußen waren und den Kampf beobachtet haben“, sagte einer der Kunden.
„Geht’s ihm gut?“ Ruby eilte hinüber. Er sah ziemlich mitgenommen aus, aber er schnarchte friedlich. Allerdings würde er morgen mit einem Mordskater aufwachen.
Ruby kraulte ihn hinter den Ohren. „Du musst das Zeug ne Weile lang sein lassen, Kumpel. Mach eine Lebensstiländerung. Irgendwann bringst du dich mit dem Zeug noch um.“
„Ich hätte gerne noch einen Rum, bitte“, meinte der Ufologe. Der Kellner, mit dem er gesprochen hatte, war auf der Bar zusammengesackt, den Kopf in die Arme gestützt und sah Zoomer verblüffend ähnlich. Der Ufologe nickte ihm zu und fügte hinzu: „Keine Sorge, ich werde dafür sorgen, dass er nach Hause kommt.“
„Du willst ihn doch nicht etwa untersuchen, oder?“
„Ich bin keine ausreichend fortgeschrittene Spezies, um es richtigzumachen“, antwortete der Ufologe allen Ernstes.
Ruby griff nach dem Rum aus dem mittleren Regal, den er bevorzugte, zog den Korken raus und hielt inne.
Der Geruch – süß, reichhaltig und mit einem Hauch von Frucht – betörte sie. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde er ihr ganzes Wesen überwältigen. Der Schmerz in ihrem Kopf und die Angst vor der Berührung mit dem Tod waren vergessen. Alles, woran sie denken konnte, war dieser Geruch, dieser Geschmack, diese süße, warme Entspannung des ersten Getränks des Abends.
Das hatte sie seit mehr als zwei Wochen nicht mehr genossen.
„Du bist stärker als sie“, sagte der Ufologe. Seine Stimme klang, als käme sie aus tausend Meilen Entfernung.
Sie drehte sich mit der Flasche in der Hand zu ihm um.
„Was?“
„Du bist stärker als sie. Lass es sein.“
„Stärker als wer?“, fragte Ruby völlig verwirrt.
„Die Deros. Die schädlichen Roboter im Inneren der hohlen Erde. Ich habe dir schon mal von ihnen erzählt. Sie beschießen die Leute mit Bewusstseinskontrollstrahlen, um sie zu allem Möglichen zu zwingen. Sie versuchen, dich dazu zu bringen, etwas zu trinken, obwohl du es nicht willst.“
Ruby schenkte ihm ein unsicheres Lächeln. Für einen kompletten Spinner konnte er ziemlich scharfsinnig sein. Sie hatte eigentlich niemandem erzählt, dass sie sich geschworen hatte, aufzuhören, aber es war für alle offensichtlich geworden, dass ihre liebe saufende Barkeeperin ein paar Gewohnheiten geändert hatte.
Offenbar war es eindeutig, dass auch sie mit der Entscheidung zu kämpfen hatte. Das fühlte sich ernsthaft peinlich an.
„Ich glaube, der Gedankenkontrollstrahl wird schwächer. Danke, dass du mich beruhigt hast“, sagte Ruby, schenkte ihm einen Schnaps ein, verkorkte die Flasche bewusst und stellte sie zurück ins Regal.
„Kein Problem“, meinte der Ufologe. „Man muss vorsichtig sein. Sie sind heimtückisch, diese Deros.“
„Ja, das habe ich bemerkt. Aber du sagtest, sie leben in der hohlen Erde. Ich dachte, die Erde sei flach.“
Der Ufologe lachte. „Das glauben nur Idioten!“
Ruby grinste.
Dieser Ort ist unfassbar.
Sie ging zu Reece und Perry hinüber, die ihre Hände erhoben hatten, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Bist du sicher, dass du noch einen willst?“, fragte Ruby Reece.
„Natürlich!“, kam die fröhliche Antwort.
„Versprichst du, dass du nicht wieder auf meinen Schuh kotzt?“, fragte sie und hielt die Flasche Rum zurück, als würde sie einem kleinen Kind Süßigkeiten verweigern.
„Ich habe nicht auf deinen Schuh gekotzt. Du hast den Typ getreten, den ich angekotzt habe“, meinte Reece mit einem schelmischen Grinsen.
„Das ist ein wichtiger Unterschied, Ruby“, fügte Perry hinzu.
„Ja, nach den Regeln der Versicherung würde ich nicht haften und du würdest keine Auszahlung erhalten“, sagte Reece.
„Okay“, brummte Ruby. „Danke, dass du mir zu Hilfe gekommen bist.“
„Ich kotze gerne jederzeit jemanden für dich an“, kam Reece’ Antwort.
Das Heulen einer Sirene draußen erregte Rubys Aufmerksamkeit. Sie stellte die Flasche weg und drehte sich zu Kristiano um, der damit beschäftigt war, einen Cocktail zu mixen.
„Ich muss kurz eine Pause machen.“
Kristiano lachte und zwinkerte ihr zu, weil er wusste, warum. Sie ging zur Eingangstür.
Ein Feuerwehrauto fuhr gerade auf der anderen Straßenseite neben dem brennenden Auto vor. Desaray stand auf dem Bürgersteig und filmte die Szene. Ruby ging zu ihr rüber, um die Szene besser beobachten zu können.
Die Feuerwehrmänner sprangen aus dem Lastwagen, alle stämmig, entschlossen und mit ihren schweren feuerfesten Mänteln und Helmen. Ruby seufzte. Desaray seufzte. „Diese Uniformen haben einfach etwas an sich“, sagte Ruby leise.
„Mmmm“, gab Desaray zustimmen zur Antwort.
„Es ist komisch. Ihre Muskeln sind komplett verdeckt, aber man weiß einfach, dass sie durchtrainiert sind. Das nicht zu sehen, macht sie irgendwie noch heißer.“
„Und mutig“, seufzte Desaray. „Bereit, Fremde aus tödlicher Gefahr zu retten.“
Ruby wandte sich an Desaray. „Wir sollten in das Auto springen und uns von ihnen retten lassen.“
Das Gesicht des Zimmermädchens verzog sich zu einem breiten Lächeln. „Oooh, das wäre ein paar Verbrennungen wert.“
„Schau!“ Ruby zeigte zum Feuerwehrauto. „Sie holen den Schlauch raus.“
„Das ist mein Lieblingsmoment“, meinte Desaray fröhlich und zoomte näher heran.
Die Feuerwehrleute hängten den Schlauch an den nächstgelegenen Hydranten und schlängelten ihn auf das brennende Auto zu. Der erste Mann legte einen Schalter um, und ein großer Wasserstrahl schoss auf das Auto.
„Oooh, nicht so schnell, großer Junge“, gurrte Desaray.
Ruby kicherte. Sie stand nicht wirklich auf Kichern, aber Feuerwehrleute erweckten immer etwas Kindliches in ihr.
„Was meinst du, was es mit ihnen auf sich hat?“, fragte sich Ruby.
Sie bemerkte nicht, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hatte, bis Desaray antwortete.
„Sie sind gut aussehende Helden, was sonst?“
„Hmmm.“
Ruby sah eine Bewegung aus den Augenwinkeln, die ihre Aufmerksamkeit erregte. John und Samuel standen in der Nähe des Eingangs zum Tropical Twerker und beobachteten das brennende Auto. Samuel blickte sie an und sie fühlte einen Hauch von Schuldgefühlen.
Desaray plapperte immer noch vor sich hin. „Ich meine, selbst wenn sie nicht halb so attraktiv wären, würde ich sie immer noch lieben. Sie begeben sich in Gefahr, um anderen zu helfen. Das ist die beste Art von Mensch, die man sein kann.“
John legte eine Hand auf Samuels Schulter und sagte etwas zu ihm. Samuel schüttelte den Kopf, sah enttäuscht aus und lief langsam davon. John folgte ihm kurz darauf.
Einer der Vorteile, mit dem Alkohol aufzuhören, war, dass man besser schlafen konnte; etwas, das Ruby sehr schnell herausgefunden hatte. Nach einem wirklich heftigen Saufgelage schlief sie normalerweise wie ein Stein. Aber wenn sie sich nicht gerade voll die Kante gegeben hatte, wachte sie bereits in den frühen Morgenstunden auf und fiel, wenn überhaupt, nur in einen unruhigen Halbschlaf zurück, bis die Sonne irgendwann aufging.
Nachdem sie mit dem Trinken aufgehört hatte, schlief sie nachts erholsam und tief. Die Art von Schlaf, die sie nicht mehr genossen hatte, seit sie aus den Vereinigten Staaten geflohen war. Sie wachte frisch und erholt auf, brauchte nur eine Tasse Kaffee, statt ihrer üblichen zwei und war bereit für ihr morgendliches Training. Sie hatte seitdem den ganzen Tag über auch mehr Energie und Klarheit im Kopf.
Aber aus all dem wurde nichts in der Nacht nach ihrer Begegnung mit Samuel.
Sie war allein nach Hause in ihr baufälliges Haus im heruntergekommenen Teil der Stadt gegangen, hatte geduscht und sich ins Bett gelegt.
Und für die nächsten Stunden die Decke angestarrt.
Sie war erschöpft, konnte aber dennoch nicht einschlafen. Ein paar Mal verfiel sie in einen leichten Schlummer und träumte jedes Mal von einem gesichtslosen Mädchen, das auf einem Bett kauerte und von starken Händen langsam erwürgt wurde. Und jedes Mal wachte Ruby schweißgebadet auf.
Verschleppt. Das albanische Mädchen war verschleppt worden. Das war moderne Sklaverei.
Sie hatte kürzlich einen Zeitschriftenartikel darüber gelesen. Tausende von Frauen und Kindern wurden jedes Jahr in der ersten Welt Opfer von Menschenhandel, und in den Entwicklungsländern war die Situation noch schlimmer. Riesige Mengen von Menschen in Asien und Afrika lebten in Schuldknechtschaft oder wurden regelrecht gekauft und verkauft. In Mauretanien, das die Sklaverei erst 1981 verboten hatte, war etwa jeder zwanzigste Mensch ein Sklave, vielleicht sogar mehr.
Ruby wusste nicht, wo Mauretanien auf einer Weltkarte zu finden wäre, aber sie wollte ganz sicher nie dorthin.
Es war fast unvorstellbar, dass solche Dinge in der modernen Welt passieren konnten, und doch taten sie es.
Obwohl Ruby keine Unschuldige war – sie hatte in den letzten Jahren viel zu viel durchgemacht, um sich irgendwelche Illusionen über das Leben zu machen –, schockierte sie das schiere Ausmaß des Geschehens. Aber es schien alles so weit weg, etwas, das man in einem Zeitschriftenartikel lesen konnte. Man seufzte, schüttelte traurig den Kopf und das Leben ging weiter wie zuvor. Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal jemanden treffen würde, der tatsächlich eine entlaufene Sklavin gekannt hatte.
Das Mädchen war ihrem Schicksal allerdings nicht lange entflohen. Kurz nachdem sie ihre Freiheit wiedergewonnen hatte, wurde sie ermordet.
Schließlich gab Ruby die Hoffnung auf Schlaf auf, knipste die Nachttischlampe an und schnappte sich ihren Laptop. Dann durchwühlte sie einen Stapel alter Taschenbücher, bis sie zu demjenigen kam, das sie mit einem Taschenmesser ausgehöhlt hatte. Darin war ein USB-Stick versteckt.
Sie hielt ihn hoch und spürte ein Kribbeln von Angst und Vorfreude, wie immer, wenn sie ihn aus seinem Versteck zog.
Das hatte ihr Senator Wishbourne, ihre alte Chefin, in einem geheimen Schließfach hier in Nassau hinterlassen. Ihre frühere Arbeitgeberin, die Ruby hätte beschützen sollen. Die Frau, die in Rubys Obhut ermordet worden war.
Ermordet von den Saudis, soweit Ruby das beurteilen konnte.
Warum genau das passiert war und warum die Saudis einen Attentäter geschickt hatten, um Ruby hier auf den Bahamas aufzuspüren, blieb ein Rätsel.
Sie hoffte, dass der USB-Stick die Antworten auf alle ihre Fragen enthielt.
Schade, dass das verdammte Ding durch ein Passwort geschützt war.
Ruby schloss den USB an ihren Laptop an – den ein Freund ihr mit Bargeld gekauft hatte, damit er nicht zurückverfolgt werden konnte – und überlegte, welche Passwörter sie heute ausprobieren sollte. Sie hatte ein Notizbuch voll mit möglichen Passwörtern, die ihr in verschiedensten Momenten eingefallen waren. Der Name eines alten Politikers, den die Senatorin bewundert hatte. Blumensorten, die sie in ihrem Garten gezüchtet hatte. Die Namen aller Praktikanten, die je für sie gearbeitet hatten. Alles und jedes. Egal, wie obskur oder wie weit hergeholt es mit dem Leben und der Karriere der Senatorin verbunden war, Ruby hatte es in ihrem Notizbuch aufgeschrieben. Endlose Seiten und Möglichkeiten. Hunderte, vielleicht sogar Tausende.
Alle fein säuberlich durchgestrichen. Jedes einzelne von ihnen abgelehnt.
Was zum Teufel sollte das Ganze? Wollte die Senatorin, dass sie auf den Inhalt des USB-Sticks zugreifen konnte oder nicht?
Sie tippte weiter Möglichkeiten ein.
Dennoch überkam sie ein seltsamer Trost, denn dabei musste sie immer an Tim Harris denken, den anderen Leibwächter von Senator Wishbourne. Er war ein guter Freund gewesen, kurzzeitig ein Liebhaber und immer ein Verbündeter. Er behielt für sie die Dinge in den Vereinigten Staaten im Auge.
Sie hatte in letzter Zeit viel an ihn gedacht.
„Ich kann nicht glauben, dass ich das nicht schon früher versucht habe!“, murmelte sie. „Wie dumm von mir.“
Ihr Herz schlug ein wenig schneller, während sie tippte.
Tim.
„Falsches Passwort.“
Harris.
„Falsches Passwort.“
TimHarris.
„Falsches Passwort.“
TimHarrisBodyguard.
„Falsches Passwort.“
„Verdammt noch mal!“
Ein schrecklicher Gedanke nagte an ihr, als die Liste der abgelehnten Passwörter unerbittlich länger wurde. Was, wenn es eine alphanumerische Sequenz gewesen wäre, eine zufällige Zusammenstellung von Buchstaben und Zahlen mit einer obskuren Bedeutung – oder gar keiner? Das wäre das sicherste Passwort, das man für wichtige Dateien verwenden könnte. Vielleicht hatte Senator Wishbourne in ihren letzten Momenten, als sie versuchte, Ruby durch eine kollabierte Luftröhre etwas zuzurufen, ihr den Code geben wollen.
Wenn ja, dann war der Inhalt für immer verloren. Sie würde niemals auf diesen USB-Stick zugreifen können.
Dennoch musste sie es weiterhin versuchen. Da sie sowieso nicht schlafen konnte, würde sie einfach weiter verschiedene Möglichkeiten eintippen.
Sklaverei.
„Falsches Passwort.“
Sklave.
„Falsches Passwort.“
Betrogen.
„Falsches Passwort.“
„Moment, das habe ich doch schon mal probiert, oder?“
Senator Wishbourne war in einem Unterausschuss zur Bekämpfung der Prostitution gewesen. Ruby blätterte durch die Seiten des Passwortbuchs und suchte nach ‚Menschenhandel‘. Sie konnte das Stichwort nicht finden. Kein Wunder, wenn man berücksichtigte, wie lang dieses verdammte Buch geworden war. Sie musste sich bald ein neues Notizbuch zulegen.
Ruby hatte eine schreckliche Zukunftsvision von sich selbst in Jahrzehnten, gekrümmt und grau, wie sie immer noch mit verschrumpelten Fingern mögliche Passwörter in den Computer eintippte.
Sie raffte sich zusammen. Beharrlichkeit zahlte sich immer aus.
Das galt für den MMA-Kampf genauso wie für das Aufklären von Morden oder jeden anderen Bereich menschlichen Strebens. Es war die wertvollste Lektion, die der Kampfsport sie gelehrt hatte. Natürliches Talent, Geld, Beziehungen – all diese Dinge mochten eine Rolle spielen, aber diejenigen, die schlussendlich am erfolgreichsten waren, waren die, die dranblieben und nicht nachließen.
Ruby blieb bis spät in die Nacht auf, probierte ein Passwort nach dem anderen aus, schrieb sie in das Notizbuch und strich sie sofort wieder durch.
Ratlos begann sie, die Ereignisse des Abends durchzugehen. Feuerwehrauto. Autobombe. Benzin. Feuerwehrschlauch. Held. Heldin. Samuel.
„Falsches Passwort.“ „Falsches Passwort.“ „Falsches Passwort.“
„Ahhhh!“
Am liebsten hätte Ruby ihren Computerbildschirm zerschlagen. Stattdessen schlug sie mit der Faust auf den Tisch, wodurch der Laptop von der Arbeitsfläche hüpfte. Ruby hielt ängstlich den Atem an und überprüften den USB vorsichtig auf Schäden.
Sie holte tief Luft und beruhigte sich, bevor sie es erneut versuchte.
Sihana.
„Falsches Passwort.“
Ichhabemeineeigenenproblemeundkannnichtdiealleranderenauchnochlösen
„Falsches Passwort.“
Ruby sackte zusammen und starrte den Bildschirm frustriert an. Sie sah endlich ein, warum sie nicht schlafen konnte.
Eine Frau, eine entlaufene Sklavin, war ermordet worden. Ein Mann, dem es tatsächlich wichtig genug war, etwas dagegen zu tun, hatte sie um Hilfe gebeten.
Und sie hatte ihn abgewiesen.
Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass sie wusste, dass sie helfen konnte. Sie hatte zwar recht, wenn sie Samuel sagte, dass sie kein Privatdetektiv oder Actionheld war, der es mit den bösen Jungs aufnehmen und jedes Mal gewinnen konnte, aber sie hatte tatsächlich zwei Morde aufgeklärt. Sie könnte wahrscheinlich auch diesen aufklären.
Außer, dass sie keine Ahnung hatte, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte.
Zudem wollten die Saudis sie immer noch umbringen.
Und das Außenministerium der USA war ihr immer noch auf den Fersen, weil sie dachten, sie hätte Senator Wishbourne umgebracht.
Und dann war da noch die Wohltätigkeitsorganisation für arme Kinder, die sie gründen wollte.
Und der König wollte, dass sie in den nächsten Wochen an einem Kampf mit bloßen Fäusten teilnahm, sonst …
Und … und … und …
Aber Ruby wusste genau, wann sie nach einer Ausrede suchte, um sich vor einer schwierigen Herausforderung zu drücken. Sie hatte zu lange und zu hart trainiert, um so etwas nicht zu bemerken.
Sie schnappte sich ihr Handy, ein billiges kleines Flip-Handy, das niemand zurückverfolgen konnte und das nicht einmal der verzweifeltste Dieb stehlen würde, und rief John an.
Es klingelte. Und klingelte.
„Komm schon, nimm ab“, murmelte sie und lief im Wohnzimmer auf und ab.
Nach dem zehnten Klingeln nahm John endlich ab.
„Mmhhh.“
„John, sag deinem Freund, dass ich ihm helfen werde.“
„Mmhhh?“
„Samuel. Dein Freund mit der toten Kollegin. Ich sagte, ich würde helfen.“
„Mmhhh.“
„Das hast du schon gesagt. Was ist denn los mit dir? Oh, es ist drei Uhr morgens. Ups, das tut mir leid. Warum hast du deinen Klingelton an?“
Ein Stöhnen. Das Geräusch von raschelnden Laken.
„Ähm. Ich hatte meinen Klingelton nicht an. Das Telefon hat geblinkt und mich geweckt.“
„Oh. Dann dreh’s doch einfach um. Kannst du mir Samuels Nummer geben?“
„Wer ist das?“, forderte eine verschlafene Frauenstimme.
„Niemand.“
„Blödsinn, natürlich ist es jemand. Es ist drei Uhr morgens, verdammt noch mal.“
„Jemand von der Arbeit.“
„Eine von diesen Nutten ruft dich um diese Zeit an? Was ist denn los?“
„Rufe ich zu einem schlechten Zeitpunkt an?“, fragte Ruby.
„Sie ist keine Nutte. Sie ist eine Barkeeperin.“
„Warte mal. Diese Nutte, die sich immer streitet? Was läuft da zwischen euch beiden?“
„Sie ist keine Nutte!“
„Das bin ich auch nicht, und ich mag es nicht, wenn fremde Frauen dich um drei Uhr morgens anrufen.“
„Sie wollte Samuel sprechen. “
„Sag ihr, sie hat sich verwählt und leg auf.“
„Warte ganz kurz. Ruby, ich schicke dir Samuels Nummer per SMS.“
„Oh, sie heißt Ruby? Was ein glänzendes kleines Juwel! Ist sie so hübsch wie ein Edelstein, John? Ist das der Grund, warum du ihre Anrufe um drei Uhr morgens annimmst und meine ignorierst?“
„Baby, ich ignoriere deine Anrufe nicht.“
„Verarsch mich nicht. Gib mir das Handy.“
Es folgten die Geräusche eines Kampfes und für Ruby war es an der Zeit den Anruf zu beenden.
Kurz darauf vibrierte ihr Handy. Sie sah es an, als würde es gleich explodieren. Dann vibrierte es ein zweites Mal.
Zögernd griff sie danach. Sie hatte zwei neue Nachrichten.
Die erste war eine Telefonnummer.
Die zweite stammte wohl von Johns Freundin: „DU VERDAMMTE SCHLAMPE. WENN ICH DICH JE SEHE SCHLITZ ICH DICH AUF!“
„Ich warte lieber bis morgen früh, bevor ich Samuel anrufe“, murmelte Ruby vor sich hin.
Sie ging zurück ins Bett, während sie in Gedanken bereits einige Möglichkeiten durchging, bezüglich der Frage, wer Sihana getötet haben könnte und warum.
Trotzdem schlief sie innerhalb weniger Minuten ein.
Obwohl ihre Gedanken auf Hochtouren liefen, hatte sie wieder etwas, auf das sie sich konzentrieren konnte, und das verlieh ihren Gedanken einen gewissen Frieden.
Sobald sie von ihrem Alarm geweckt wurde, wählte sie Samuels Nummer.
Es ist Zeit, mich nützlich zu machen.
„Also erzähl mir mehr über Sihana.“
