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Ferienerlebnisse eines Pennälers in den späten Fünfzigerjahren in England: Statt am Sprachkurs einer renommierten Sprachschule in Cambridge teilzunehmen, entschied er jeden Tag aufs Neue, wozu sich dieser Tag am besten eigne - und entdeckte eine neue, eine aufregend mondäne Welt. Eine heftig erlebte Verliebtheit verstärkte noch sein Triumpfgefühl, bis ein heilsamer Albtraum ihm deutlich machte, wo er hingehörte und wo er auch sein wollte.
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Wenn du niemandem mehr traust,
Schließe die Türen zu,
Auch deine Fenster,
Damit du nichts mehr schaust.
Sei still in deiner Stille,
Wie wenn dich niemand sieht.
Auch was dann geschieht,
Ist nicht dein Wille.
Und im dunkelsten Schatten
Lies das Buch ohne Wort.
Was wir haben, was wir hatten,
Was wir ...
Eines morgens ist alles fort
J. Ringelnatz
Für meine Enkelkinder
Jarne, Hanna, Annike, Justus, Frida und Niklas.
in Zuneigung und Dankbarkeit
Native Speaking
„You are not English“
Me and Molly
„Ey, Man!“
Im Klub
In London
Stopover
Oklahoma
Nach Hause
„Native Speaking, das ist es, worauf es ankommt“, behauptete Leo. Er werde wie immer mit seiner Clique nach Cambridge fahren, um dort in den Sommerferien an einem vierzehntägigen Englischunterricht teilzunehmen. Seine brachliegenden Sprachkenntnisse gehörten auf Vordermann gebracht, und selbstredend sei auch davon auszugehen, dass sprachliche Fähigkeiten in Ausdruck und Aussprache gleichermaßen profitierten. Wir waren mächtig beeindruckt und noch mehr verblüfft, zumal uns eine derart bildungsversessene Motivation unseres Mitschülers bisher noch nicht untergekommen war. Wir kannten und schätzten ihn als einen eher fröhlichen, unbekümmerten, sich selbst gefallenden Bonvivant.
Ob denn noch eine Mitfahrgelegenheit bestehe, wollte ich wissen. Leider nein, diese Exkursion werde alljährlich von den durchweg betuchten Eltern seiner Clique organisiert, ein Personenwaggon, der in Köln und London den regulär verkehrenden Zügen angehängt werde, fahre bis zum Zielort Cambridge, so dass keiner von ihnen verloren gehe. Was dieser Spaß koste, wisse er auch nicht, sei aber zweifellos nicht ganz billig. Rumms! Das saß.
Sein anmaßender Auftritt mochte ihn gereut haben. Am nächsten Tag erklärte er, man könne natürlich auch ganz individuell reisen und als sogenannter paying guest bei einer Gastfamilie unterkommen. Eine hierauf spezialisierte Agentur in Hamburg vermittle derartige Aufenthalte in ganz England.
Ich hörte das erste Mal von der Möglichkeit einer gewerbsmäßigen Aufenthaltsvermittlung von Schülern in sprachlich relevanten Länder, wurde neugierig, überzeugte meine Eltern und buchte am folgenden Tag einen zehntägigen Aufenthalt bei einer Familie in Bournemouth, einer mittelgroßen Stadt an der Südküste Englands. Vier weitere Tage wollte ich anschließend in London verbringen und mich dann dort der ebenfalls rückreisenden Clique von Leo anschließen. Ich war noch nie im Ausland gewesen und freute mich nun umso mehr auf an- und aufregende Tage in einer fremden und eben auch fremdsprachigen Umgebung.
Auf der Zugfahrt blieb mir allerdings nur die Rolle eines ausgesperrten Beobachters. Die Gruppe um Leo verstand sich als geschlossene Gesellschaft. Ihre Ausgelassenheit und Vorfreude auf vierzehn Tage Partyvergnügen und Amüsement war noch im übernächsten Abteil zu hören. Trotz des Gefühls, mir werde eine Zugehörigkeit verwehrt, wollte ich dieses Empfinden nicht zu erkennen geben und es mit einer persönlichen, geschäftig-freundlichen Verabschiedungsgeste kaschieren.
Langsam rollte die dampfbetriebene Lok in den überdachten Bahnhof. Hier in Waterloo Station musste ich den Zug verlassen und in einen anderen umsteigen, der quasi in entgegengesetzter Richtung an die Südküste Englands fuhr. Mit knappem Gruß, ein Wiedersehen andeutend, verließ ich das Abteil. Ich war allein, aber nicht unglücklich. Ungeachtet der schier atemberaubenden Fülle von Reisenden, die es allesamt sehr eilig hatten und offensichtlich sehr genau wussten wohin sie wollten, spürte ich weder Verlassenheit noch Unsicherheit. Im Gegenteil, eine Lust auf Abenteuer stellte sich ein. An einem Informationsschalter, besetzt mit einem freundlichen Auskunftsgeber, erfragte ich die Organisation des britischen Zugverkehrs, des Ticketerwerbs, der Bahnsteigkontrolle und saß wenig später in einem express train auf dem Weg nach Bournemouth.
Auch nach dem zweiten und dritten Klingeln rührte sich nichts. Ich stand vor einem eher unauffälligen Bungalow, nicht mehr ganz neu, aber durchweg gepflegt. Hier hatte ich für zehn Tage Kost und Logis gebucht, aber anscheinend wartete niemand auf mich. Erneut verglich ich die Adresse – es gab keinen Zweifel, ich stand vor dem Haus meiner Gastgeber. Alle Fenster im Parterre waren mit Gardinen verhangen und verwehrten jeglichen Einblick. Zu klopfen wagte ich nicht. Die Bewohner waren ganz offensichtlich nicht zu Hause.
Die Stimmung drohte zu kippen, ein ungutes Gefühl machte sich breit. Hatte ich etwas missverstanden? Konnte ich mir nicht vorstellen. Vielleicht auf Seiten des Vermieters? Waren diese schon längst in ihren lange vorbereiteten Urlaub gefahren, genossen mediterranes Flair und scherten sich nicht, da ohne Wissen und Gewissen, um die Nöte ihres verzweifelt Kontakt suchenden Feriengastes?
Alles eher unwahrscheinlich. Ich setzte mich auf eine gemauerte Einfriedung und überlegte, was zu tun sei, wenn meine Gastgeber heute tatsächlich nicht auftauchen sollten. Auf jeden Fall wollte ich den Abend abwarten, bevor ich mich um eine alternative Unterkunft bemühte.
„Can I help you?“ klang es plötzlich freundlich jenseits des Zaunes. Der Nachbar hatte diesen neugierigen, hartnäckig Einlass begehrenden Besucher wohl schon eine Zeit lang beobachtet, gerätselt, was der wohl im Schilde führte, und beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich erklärte ihm meine missliche Lage, und er lud mich zum Tee und Verweilen, bis meine Gastgeber zurück sein würden, denn sie seien wohl nur für einen längeren Einkauf in die Innenstadt gefahren. In angenehmer Tea-time-Atmosphäre beantwortete ich dankbar und geduldig die Fragen des Nachbarn und seiner Frau. Ob sie diese stellten, weil sie mich unterhalten wollten oder weil sie wirklich interessiert waren, konnte ich nicht erkennen. Auffällig war jedenfalls ihre Neugier, wie denn meine Verbindung zu ihren Nachbarn zustande gekommen sei.
Als meine Gasteltern Stunden später eintrafen, kam ihnen ihr Nachbar gemessenen Schritts entgegen wie ein Kontrahent, dem der Zufall die rechten Argumente zur rechten Zeit zugespielt hatte und der diese Chance jetzt auch nutzen wollte: Ihr Gast habe keine Not gelitten, sei mit Tee und Gebäck verköstigt und mit freundlicher Konversation bei Laune gehalten worden. Das habe er gern gemacht und werde es jederzeit wieder tun, wenn es mal notwendig sein sollte.
Diese Mitteilungen waren sehr höflich, sehr sachlich, fast beiläufig vorgebracht worden, so dass es schwer fiel, darin einen subtil formulierten Vorwurf zu entdecken. Und selbst wenn, diesem auffällig attraktiven Ehepaar von vielleicht fünfzig Jahren hätte es wohl nicht viel ausgemacht. Sie bedankten sich mit wenigen Worten, sprachen von einem Missverständnis auf Seiten der Vermittlungsagentur und luden mich zu einem gemeinsamen Pub-Besuch noch an diesem Abend ein.
Fast geräuschlos glitt der Jaguar über die breite Uferstraße, welche zum Meer hin von mächtigen, hochgewachsenen Palmen gesäumt wurde, mit einer Baumart, die offenbar schon seit vielen Jahrzehnten hier gewachsen war. Ich war bisher immer der Meinung gewesen, Palmen könnten frühestens südlich mediterraner Breitengrade gedeihen und überleben. Und nun standen sie hier, in Englands Süden bei bester Gesundheit.
In Filmen, die von großer Liebe und verlässlichem Happy End handelten, waren fast immer mit Palmen besetzte Landschaften zu sehen und je mehr Palmen darin vorkamen, umso herzzerreißender das verfilmte Epos – und hier standen eine Menge Palmen.
Das Wageninnere wirkte sehr gediegen, sehr gepflegt, sehr kostbar. Das Leder der Sitze roch wie neu verarbeitet. Die vergleichsweise klein gehaltenen Armaturen waren in metallene, messingfarbene Rahmen gefasst. Das Licht darin sowie die leuchtenden Anzeigen machten sie geheimnisvoll, spiegelten das Innenleben dieser Karosse, machten staunend stumm. Allein das Ticken der Uhr ließ sich deutlich vernehmen, es klang vertraut und gab mir die Gewissheit, ich werde schon noch zurückfinden in mein früheres Schülerleben einer norddeutschen Kleinstadt – wenn ich denn aus diesem Traum erwacht wäre.
Entspannt zurückgelehnt steuerte Jack den Jaguar routiniert auf der kurvenreichen Uferstraße. Von schräg hinten erinnerten mich seine Konturen an den damals recht populären Schauspieler O.W. Fischer. Neben ihm das nicht minder aufregende Profil seiner Frau Patti.
Sie hatten sich gleich zu Beginn mit ihren Vornamen vorgestellt, was mich zunächst sehr irritierte. Ich begriff das nicht, war nicht vertraut mit englischer Etikette und stammelte fragend die förmlichen Anreden von Mr. und Mrs. McIntyre. Patti zeigte sich amüsiert, neigte sich zu mir und forderte mit schelmisch gespielter Ernsthaftigkeit: „Sir, your first name please. Sir, that’s all we need!“
Ich war auf der Stelle in ihre schmeichelnde Stimme und ihre humorvolle Art verliebt und nannte – wohl immer noch unter dem Eindruck einer vermuteten Bloßstellung – meinen Spitznamen Joe, den mir meine Klassenkameraden erst vor kurzem verpasst hatten.
Jack und Patti bemühten sich um eine lockere, mich in Stimmung bringende Laune. Offensichtlich plagte sie noch das schlechte Gewissen, meine Ankunft um mehrere Stunden verpasst zu haben. Sie glaubten wohl eine Art Wiedergutmachung leisten zu müssen, stellten viele persönliche Fragen, kommentierten und interpretierten die Politik und die Politiker ihres Landes in einer Weise, die mich glauben machten, es seien ehrliche, fundierte Kommentare, Ergebnisse vieler Diskussionen und reiflicher Überlegung.
Manchmal allerdings wünschte ich mir, sie ließen es gut sein, zwängen mich nicht zu Dialogen, die Wachsamkeit und Anstrengung verlangten. Lieber hätte ich die Palmen, das Wasser und die Lichter einer im Berghang gelegenen Siedlung jenseits dieser Bucht beobachtet – hätte geschwiegen, den intensiven Geruch des Leders gespürt und gewusst, dass ich mit zwei überaus freundlichen, mir anscheinend verpflichteten Gastgebern zu einer ganz speziellen Art von Kneipe, zu einem Pub, einer Institution britischen Gesellschaftslebens fuhr.
Eine unbändige Lebenslust ergriff mich.
Es war schon jetzt alles so ganz anders, so phantastisch anders, wie ich es nie erwartet hatte. Vielleicht hatte es mit dem verlorenen bzw. gewonnenen Krieg zu tun, schoss es mir durch den Kopf: Der Verlierer lebt ein tristes, langweiliges Leben auf dem Land – ohne Aussicht, daran je etwas ändern zu können. Der Gewinner fährt Jaguar, lebt in südlich anmutender Umgebung, amüsiert sich allabendlich im Club und sieht obendrein noch verdammt gut aus.
„Blödsinn!, Joe“, ermahnte ich mich. „Du bist noch keine vierundzwanzig Stunden im Land und maßest dir schon solche Urteile an. Lass es sein. Besser, du bleibst wachsam und wappnest dich für all die Überraschungen, die du hier noch erleben wirst.“ Nach einer halben Stunde Fahrt war das Ziel erreicht. Noch bevor wir das Gebäude betraten, erreichte uns das Stimmengewirr der zechenden Pub-Besucher. Töne, die mir durchaus vertraut waren.
Ich hatte schon häufig hinter der Theke unserer Dorfkneipe gestanden, wenn mein Vater, der nicht mehr ganz gesund war, darum bat. Viel zu jung und unerfahren hörte ich sie dann reden: zumeist von den typischen Alltagssorgen einer Landbevölkerung, der skandalösen Ausgrenzung hiesiger Landwirte bei der Zuteilung staatlicher Finanzhilfen, der Geringschätzung der Landwirtschaft überhaupt in diesen entbehrungsreichen Nachkriegszeiten, aber auch von einem persönlich widerfahrenen Liebesleid, erlittenem Unrecht, Rachegefühlen und handgreiflich geführten Auseinandersetzungen.
Zu später Stunde beichteten sie nicht selten Kriegserlebnisse, dabei durchweg ihr Tun rechtfertigend, empörten sich über das unrühmliche Ende der Hitlerzeit, das sie vor allem als schmachvolle Niederlage und keineswegs befreiend empfanden. Zu widersprechen wagte ich nicht, nicht nur, weil mir die passenden Argumente fehlten, sondern auch deshalb, weil der lauthals Tönende seinem Gegenüber drohend ins Auge blickte und nur darauf zu warten schien, dass der sich rührte, um ihn dann rüde mit aggressiver Schärfe und Lautstärke zum Schweigen zu bringen.
Aber ihre Geschichten faszinierten, ließen mich glauben, ich sei schon Teil ihrer Erwachsenenwelt, kenne die darin beschworenen Probleme und ihre Lösungen schon jetzt, lange bevor sie einmal für mich zum Problem werden könnten.
Ich spürte früh ihre Stimmungen und Erwartungen, lernte schnell, die Unglücklichen zu trösten, die Aufgebrachten zu besänftigen, den Redseligen die Themen zu nehmen und so ihren Offenbarungsdrang in ganz unterschiedlicher Weise in meinem Sinne zu beeinflussen.
Die Einrichtung dieses Pubs schien aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Massive Gebrauchsspuren demonstrierten für jedermann sichtbar, dass er schon vielen Generationen ein Ort der Zuflucht gewesen sein muss, ein Ort, von dem man wusste, wen man hier wann treffen würde, auf den man sich immer leicht einigen konnte. Hier ließ sich anregend mit Gleichgesinnten plaudern, mit Freunden und Gegnern streitig argumentieren und bei wohlig vernebeltem Bewusstsein nach getaner Arbeit den Feierabend genießen.
Jack und Patti waren hier bestens bekannt. Sie stellten mich Bekannten und Freunden vor, und immer klang es so, als ob ein guter Bekannter für einige Zeit bei ihnen zu Besuch sei. Woher ich denn komme, war fast immer die erste Frage. Einige erklärten dann, ganz in der Nähe gegen eine deutsche Übermacht gefochten und nie verloren zu haben, und wollten dann wissen, wie es denn heute dort aussehe.
Hierauf wusste ich nie so recht zu antworten. Eigentlich hätte die Antwort lauten müssen: so wie es heute dort aussah – also dort, wo ich aufgewachsen war, auf dem Lande –, sah es so aus, wie es dort schon immer ausgesehen hat. Sichtbare Schäden, zerstörte Häuser, zerbombte Straßen oder Betriebsstätten hatte ich nach dem Kriege nirgendwo gesehen. Aber zu erklären, all ihr soldatischer Einsatz habe keine Spuren hinterlassen, in einer Region, in der britische Streitkräfte ihr Leben riskiert hatten, um ein mörderisches Regime in die Knie zu zwingen, das würde ihnen nicht gefallen, es könnte auf mangelnden Mut und fehlende Entschlossenheit des Siegers verweisen.
Und so berichtete ich lieber von der katastrophalen Versorgungslage und dem Problem der Unterbringung von Millionen von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten. Dann nickten sie zustimmend, schauten einander an, brachten sich die Luftaufnahmen total zerstörter Städte Deutschlands in Erinnerung und nicht selten ließ sich schrecklicher Stolz vermuten: Das soll uns erstmal einer nachmachen!
Ich hatte aber auch nicht den Eindruck, sie erwarteten eine Schuld-Anerkennung bezüglich der Rolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Schließlich hatten sie ja zusammen mit ihren Verbündeten gesiegt und vergleichsweise wenig gelitten.
Überhaupt herrschte hier eine recht entspannte, unaufdringlich launige Atmosphäre. Sie alle schienen mit sich im Reinen, blickten sie doch auf eine ruhmreiche jahrhundertealte Vergangenheit zurück, die als solche im Schulunterricht prominent vermittelt wurde und in vielfach nachgestellten Schlachten auch unmittelbar erlebt werden konnte. Mit dieser Historie und entsprechend gepflegtem Bewusstsein konnte sich auch die typisch britische Eigenart des Understatements entwickeln, konnten Toleranz und Fairness gedacht und gelebt werden. Ich habe weder an diesem Abend noch bei weiteren Besuchen eine unangenehme, ernsthafte Auseinandersetzung erlebt.
Die Besucher schienen aus allen Gesellschaftsschichten dieser Region zu kommen: wettergegerbte Gesichter, typisch für Leute, die sich viel außer Haus an der frischen Luft bewegen, und andere, deren vornehme Blässe und gepflegtes Äußere auf eine Angehörigkeit zur upper class schließen ließen.
Ein besonders lebhafter Wortwechsel war aus einer Sitzecke unweit der Theke zu vernehmen. Mal im Ton herausfordernd deutlich, mal versachlichend Ruhe anmahnend, dann verschwörerisch ein Geheimnis andeutend und immer wieder klarsprechend ihr Verhalten bestätigend. Wortfetzen, die ich vernahm und verstand, ließen erkennen, dass sich die Gesprächsteilnehmer über ein Börseninvestment unterhielten, und dieses schien über die Maßen geglückt zu sein. Ob und inwieweit sie persönlich davon profitiert hatten, war jedoch nicht auszumachen. Ich hatte eher den Eindruck, als ob sie sich ganz bewusst aus diesem Geldbeschaffungscoup herausreden wollten.
Aber Patti wusste es besser: „Joe, do you see that red head man over there?” Der war in der Tat nicht zu übersehen. Er saß inmitten dieser lebhaft diskutierenden Gruppe, deutlich übergewichtig, mit borstig rotblondem Kurzhaarschnitt, immergleicher heiterer Miene, nur gelegentlich das Wort ergreifend, und erinnerte so ein bisschen an den Philosophen und Religionsstifter Buddha.
„Poorly educated, but richest man in town“, raunte Patti. Was sollte ich darauf antworten? Dass der Intellekt nicht mit der Höhe des Einkommens korreliert, schien mir schon damals eine Binsenweisheit. Ich hob nur leicht die Schultern.
Doch dann wurde klar, warum ihr dieser Mann besonders missfiel: „Jack left the London School of Economics with excellent grades, but is now busy in middle management of investment banking.” In ihren Augen ein Ärgernis. Als Absolvent einer angesehenen Universität durfte man davon ausgehen, dass sich das Studium auch beruflich und gesellschaftlich auszahlte. Und Patti ließ keinen Zweifel daran, dass Jack sein Wirtschaftswissen an einer der renommiertesten Univertäten Englands erworben hatte. Möglicherweise wurde ihr Mann ja durchaus bildungsgemäß und in erwartbarer Position beschäftigt – aber die plötzliche und direkte Konfrontation mit dem unverdient reich und glücklich gewordenen Redhead konnte sie nicht schweigend hinnehmen.
Jack hingegen schien gegen derartige Missgunst völlig immun zu sein. Er hatte sich in den Kreis dieser Gruppe begeben und besprach sich mit Redhead. Offensichtlich erklärte er ihm das Auf und Ab von Kursbewegungen: Seine rechte Hand deutete einen bestimmten Kurswert an, während seine Linke sich um dieses Niveau herum auf und ab bewegte. Bei aufsteigenden Ausschlägen folgte seine Rechte in kaum wahrnehmbaren Schrittweiten, bei fallenden verharrte sie auf dem zuvor erreichten Niveau. Augenscheinlich demonstrierte Jack eine besonders gewinnversprechende Logik beim Handel von Aktien. Patti gefiel das nicht. Sie sah nur, dass ihr Mann das Vermögen dieses Nichtsnutzes noch einmal vermehrte. Ein Skandal!
