Fairy Tale - Désirée Lecca - E-Book

Fairy Tale E-Book

Désirée Lecca

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Klar, Elfen sind etwas, an das coole, vierzehnjährige Mädchen nicht mehr glauben. Zumindest dachte Melia das. Doch als sie eines Nachts in ein leer stehendes Haus in ihrem irischen Heimatort einbricht, muss sie darüber noch einmal nachzudenken. Dort findet sie nämlich ein geheimnisvolles Amulett und kann von nun an sehen, was anderen Menschen verborgen bleibt: Elfen. Doch dieses kostbare Geheimnis hat seinen Preis, denn das Amulett in Melias Besitz ist schon lange das Objekt der Begierde eines Mannes, der der "Sammler" genannt wird. Er sucht das Schmuckstück schon seit Jahren, um die Zauberkraft des Amuletts für seine dunklen Machenschaften zu missbrauchen. Und ehe Melia sich versieht, stürzt sie sich mit einer Horde wüster Elfen, einer alles andere als rückständigen Banshee und einer Gruppe Hobgoblins in ein wildes Abenteuer, um die Pläne des Sammlers zu durchkreuzen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2011

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Désirée Lecca

Fairy Tale

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Klar, Elfen sind etwas, an das coole, vierzehnjährige Mädchen nicht mehr glauben. Zumindest dachte Melia das. Doch als sie eines Nachts in ein leerstehendes Haus in ihrem irischen Heimatort einbricht, muss sie darüber noch einmal nachdenken. Dort findet sie nämlich ein geheimnisvolles Amulett und kann von nun an sehen, was anderen Menschen verborgen bleibt: Elfen. Doch dieses kostbare Geheimnis hat seinen Preis, denn das Amulett in Melias Besitz ist schon lange das Objekt der Begierde eines Mannes, der der »Sammler« genannt wird. Er sucht das Schmuckstück schon seit Jahren, um die Zauberkraft des Amuletts für seine dunklen Machenschaften zu missbrauchen. Und ehe Melia sich versieht, stürzt sie sich mit einer Horde wüster Elfen, einer alles andere als rückständigen Banshee und einer Gruppe Hobgoblins in ein wildes Abenteuer, um die Pläne des Sammlers zu durchkreuzen.

Inhaltsübersicht

Das McLoughlin-Haus

Süße Träume

Die neue Schülerin

Hausbesuch

Elfen und Gartenzwerge

Gartenarbeit

Die Botschaft des Sammlers

Durch den Elfenring

Stille Wasser sind tief

Vom Winde verweht

»Troll!«

Der Kampf

Der Mondkristall

Alles beim Alten?

Das McLoughlin-Haus

Die Wette war eine dämliche Idee gewesen.

Das wurde mir bewusst, als ich gemeinsam mit meiner besten Freundin Hadley und einer Gruppe anderer Teenager im Regen stand und auf Jerry O’Conor wartete. Mit ihm hatte ich gewettet, er würde sich nicht trauen, mit mir zusammen seinen Fußball zu holen, den ich vor ein paar Tagen durch ein Fenster des leerstehenden McLoughlin-Hauses geschossen hatte. Klar, ich würde den Ball holen müssen, so viel war sicher. Doch ich hatte keinesfalls vorgehabt, allein in dieses Haus zu gehen, das selbst bei Sonnenschein noch unheimlich aussah. Also hatte ich Jerry kurzerhand als Memme beschimpft und behauptet, er würde sich nicht trauen, in der Nacht in dieses Haus zu gehen und seinen Ball zurückzuholen.

Hätte ich ausnahmsweise mal die Klappe gehalten!

Inzwischen war Jerry gekommen. Er hatte mir kurz zugenickt, um sich zu vergewissern, dass ich mein Wort gehalten hatte. Nun ließ er sich von den Jungs Mut machen.

Ich seufzte und wischte mir ein paar nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht. Jetzt war es sowieso zu spät, um irgendetwas zu bedauern, und wenn ich nicht zum Gespött von halb Durrow werden wollte, konnte ich mir keinen Rückzieher leisten.

Überhaupt, was war schon dabei, einen Blick in dieses Haus zu werfen? Es stand ohnehin schon seit Jahren leer, und eigentlich konnte uns höchstens die alte Mrs. Duffy erwischen, die nebenan hinter der Hecke wohnte.

»Na, was ist, Conolly, hast du Schiss?« Jerry grinste gehässig.

»Halt die Klappe!« Ich warf ihm einen giftigen Blick zu, dann starrte ich mit zusammengekniffenen Augen zum McLoughlin-Haus hinüber. Es war eines der ältesten Häuser in der Gegend, wenn nicht sogar in ganz Donegal, und stand kurz vor dem totalen Zerfall. Seit Jahrzehnten unbewohnt, war es der perfekte Ort für halbstarke Mutproben.

»Hilf mir auf die Sprünge: War das wirklich deine Idee, in dieses Haus einzubrechen?«, knurrte Hadley hinter mir, so dass nur ich es hören konnte.

»Kannst du mich nicht etwas anderes fragen?«

»Okay, lass mich nachdenken … Warst du von allen guten Geistern verlassen?«

Ich verdrehte die Augen.

»Melia, das ist Hausfriedensbruch! Und was tust du, wenn doch jemand drin ist?« Hadley starrte mich mit ängstlich aufgerissenen Augen an. Ihr eigentlich braunes Haar war vom Regen und der Dunkelheit genauso schwarz wie meins.

»Keine Angst, ich bin eine schnelle Läuferin. Außerdem, wenn Jerry jemanden sieht, schreit er los wie ein zehnjähriges Mädchen. Dann weiß ich Bescheid.«

Hadley warf mir einen ungläubigen Blick zu. Schon seit dem Kindergarten waren wir beide die besten Freundinnen. Obwohl wir nur unsere Leidenschaft für Fußball teilten, steckten wir fast immer zusammen. Hadley war mit ihren kurzen braunen Haaren, den dunkelbraunen Augen und ihrer ruhigen, nachdenklichen Art das komplette Gegenteil von mir – vermutlich verstanden wir uns deshalb so gut, denn Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. Hadley war auch immer diejenige von uns beiden, die nachdachte, bevor sie die Klappe aufriss – und mich zurückhielt und besänftigte, wenn ich Jerry an die Gurgel gehen wollte.

Auch heute Abend war ich ihr dankbar, dass sie da war, auch wenn sie wirklich Panik schob und mich überreden wollte zu kneifen. Doch das konnte ich mir nicht erlauben.

»Bleib cool!«, versuchte ich erneut, sie zu beruhigen. »Ich werde schon wieder rauskommen. Alles halb so wild.«

Ich drehte mich zu dem Haus um und strich mir die Haarsträhnen weg, die der Regen erneut an mein Gesicht geklatscht hatte. Das alte Gemäuer war hinter dem schwarzen Nachthimmel kaum zu erkennen, doch sobald ein Blitz durch die Wolken zuckte, erhob es sich markant vor uns in den Himmel. Das Licht der Blitze spiegelte sich seltsam fahl in den teils zerbrochenen Fensterscheiben. Die Bäume rauschten und raunten im Wald hinter dem Haus.

»Genug gewartet, Conolly. Gehen wir.« Jerry setzte sich in Bewegung, und ich hastete ohne einen Blick zurück hinter ihm durch den Regen.

Am rostigen Eisentor machte Jerry halt, um zu überprüfen, ob ich noch hinter ihm war.

»Dachtest du, ich würde kneifen, O‘Conor?« Ich warf ihm einen spöttischen Blick zu.

Er zuckte die Schultern. »Man kann nie wissen.«

Nacheinander schwangen wir uns über das Tor. Unter meinen Füßen knirschten Steine, als ich landete. Geduckt liefen wir auf die riesige Eingangstür zu, die von zwei hölzernen Pfeilern flankiert wurde. Eine Glühbirne hatte sich aus ihrer Verankerung über uns gelöst und baumelte an ihrem Kabel im Wind. Ein Blitz erleuchtete ein altes Messingschild, auf dem in verschnörkelten Lettern McLoughlin zu lesen war.

Ich bekam eine Gänsehaut, als die alten Holzdielen unter meinen Füßen knarrten.

»Wie hast du vor, die Tür zu öffnen?«, fragte ich. Wasser tropfte von meinem Gesicht.

»Ganz einfach«, grinste Jerry über die Schulter und bedeutete mir, meine Taschenlampe anzuschalten, bevor er in die Hocke ging. Neugierig beugte ich mich über seine Schulter, während ich ihm leuchtete, und beobachtete, wie er mit zwei Drähten in dem alten, rostigen Türschloss pulte.

Geschlagene fünf Minuten werkelte er an der Tür, doch nichts geschah. Dann fiel mir am Rand des Lichtkegels etwas auf.

»Äh … Jerry?«

»Sei still! Ich versuche, mich hier zu konzentrieren. Au!«

Ein Draht war aus seiner Hand gesprungen, hatte ihm in den Finger gestochen und war in der Dunkelheit verschwunden.

»Siehst du, was passiert, wenn man zu viel redet? Danke, Conolly.«

»Aber die Tür ist offen«, erwiderte ich, griff an ihm vorbei und versetzte dem Türknauf einen Schubs. Quietschend schwang die Tür auf.

Jerry neben mir schluckte hörbar, als wir in das düstere Treppenhaus blickten. Zögernd richtete ich meine Taschenlampe in die Dunkelheit.

»Geh … geh du nur voraus, ich bin gleich hinter dir«, versicherte Jerry mit dünner Stimme.

»O nein, so war das nicht abgemacht!«, stellte ich klar, packte ihn an den Schultern und schob ihn vor mir ins Haus.

Unter unseren Füßen knarrte der Holzboden, als ob er bei jedem unserer Schritte durchbrechen könnte. Das Donnergrollen war nur noch gedämpft zu hören.

Ich schlug mir die Kapuze vom Kopf und sah mich in der dunklen Eingangshalle um. Jerry knipste nun ebenfalls seine Taschenlampe an. Im fahlen Licht waren an den Wänden noch die Umrisse von Bilderrahmen zu erkennen. Ein alter Spiegel hing vergessen an der Wand. Mein Gesicht starrte mir daraus im Vorbeigehen aus großen Augen geisterhaft entgegen.

Der zitternde Kegel von Jerrys Taschenlampe lockte einen zerfressenen Teppich aus der Dunkelheit, auf dem ein Paar alter Schuhe lag. Vermutlich hatte ein Landstreicher in diesem Haus Schutz gesucht und vor uns das Schloss geknackt.

Vorsichtig schlichen wir an den Schuhen vorbei. Auf unserer rechten Seite führte eine Tür, die schief in den Angeln hing, in ein weiteres Zimmer. Links von uns befand sich neben den morsch aussehenden Treppen zum oberen Stockwerk eine weitere Tür, die jedoch geschlossen war.

Jerry leuchtete in das schwarze Zimmer rechts von uns. Abgesehen von ein paar Klamotten, die zerknüllt am Boden lagen, und zerdrückten Bierdosen in den Ecken war der Raum leer.

»Hey, das sieht ja richtig gemütlich aus!«, meinte ich.

»Wollen wir auch noch nach oben?«, fragte Jerry. »Ich denke, mein alter Fußball ist wohl irgendwo dort.« Dabei warf er mir einen Blick zu, der keine Widerrede zuließ.

Ich zuckte die Schultern, dann ging ich voraus. Die Treppen ächzten wie alte Herren mit Rheuma, als wir sie erklommen.

Plötzlich ertönte hinter mir ein lautes Bersten. Jerry schrie auf. Angst fuhr mir in die Glieder, und ich machte einen Satz nach vorne.

Als ich am oberen Ende der Treppe stand, wagte ich, mich umzudrehen.

»Vielen Dank für deine Hilfe«, knurrte Jerry, der sich am Treppengeländer nach oben zog, die freie Hand um die Taschenlampe gekrallt. Hinter ihm klaffte ein Loch in einer der Stufen.

Ich zwang mich, tief einzuatmen. Mein Herz klopfte wie wild, und allmählich bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Noch einmal atmete ich tief durch, dann brachte ich heraus: »Wo genau denkst du, dass …«

Ein Windstoß fuhr an uns vorbei, dann fiel unter uns die Tür mit einem ohrenbetäubenden Knall zu. Donner grollte.

»Okay, lass uns das so schnell wie möglich durchziehen.« Jerry ging voran in den Raum direkt vor uns.

Durch die Fenster konnten wir erkennen, dass das Gewitter vorübergezogen war. Nun leuchtete das bleiche Halbrund des Mondes geisterhaft durch die staubigen Fensterscheiben.

In Jerrys Taschenlampenkegel kamen alte Möbel zum Vorschein, die die McLoughlins wohl zurückgelassen hatten. Die Möbel waren teils mit Laken abgedeckt, teils lagen sie aber auch frei, wobei die Laken zusammengeknüllt daneben am Boden lagen. Womöglich hatten sie mal als Decken gedient.

»Was sagst du dazu? Hier kommen wohl öfter Landstreicher rein.« Jerry leuchtete den Raum weiter aus, bis das Licht auf einen runden, schwarz-weißen Gegenstand fiel. »Hey!«, rief er aus und lief auf seinen Fußball zu.

»Ich seh mir nur schnell die restlichen Räume an.« Da von Jerry keine Widerrede kam, verließ ich das Zimmer.

Der Taschenlampenkegel erkundete vor mir die Dunkelheit und leuchtete mir einen Weg durch das Haus. Neben dem Zimmer, in dem Jerry seinen Fußball gefunden hatte, befanden sich noch zwei weitere Räume, von denen einer abgeschlossen war. Das offene Zimmer war wie leer gefegt.

Ich wollte es gerade wieder verlassen, als es hinter mir knallte. Ich fuhr herum. Das Fenster stand offen. Ich hätte schwören können, dass es bis vor ein paar Augenblicken noch geschlossen gewesen war. Ich schluckte, dann leuchtete ich misstrauisch in die Richtung. Mein Taschenlampenkegel glitt zögernd über den Fußboden – bis etwas auf den dunklen Holzbohlen das Licht reflektierte. Ich runzelte die Stirn und trat vorsichtig näher.

Regenfeuchter Wind fuhr über meine Wangen, als ich mich bückte.

Auf dem Boden vor mir lag eine Kette mit einem flachen runden Anhänger daran. Im Licht meiner Taschenlampe leuchtete er silbrig. Ein Baum mit ausladenden Ästen und Wurzeln war darin eingraviert, und ein blauer Stein in der Mitte des Amuletts reflektierte das Licht auf geheimnisvolle Weise. Unleserliche Zeichen waren um den Stein angebracht.

»Wow«, hauchte ich; dann steckte ich das Amulett kurzerhand ein.

»Was tust du da?«

Ich fuhr zusammen, doch es war nur Jerry, der im Türrahmen lehnte, seinen Fußball unter dem Arm.

»Nichts.« Ich winkte ab. »Können wir gehen?«

Jerry folgte mir, als wir den Raum verließen. Neben dem verschlossenen Zimmer blieb ich stehen. »Hast du noch einen Draht?«, fragte ich.

»Wieso?«

»Die Tür hier ist verschlossen. Ich will wissen, was in dem Zimmer dahinter ist.«

Jerry runzelte die Stirn. »Ist das so wichtig?«

»Na ja, ich meine, wo wir schon mal hier sind, sollten wir das doch ausnutzen«, gab ich zurück. Jerry sah mich zweifelnd an, doch ich war mir sicher, dass ihn die Sache genauso sehr reizte wie mich. Also redete ich noch eine Weile auf ihn ein, bis er schließlich doch seine Taschenlampe ausknipste und den verbliebenen Draht herausholte. Ich richtete den Lichtkegel meiner Taschenlampe auf das Schloss, während Jerry davor in die Hocke ging – und mitten in der Bewegung erstarrte. Er stieß einen Pfiff aus.

Das Schloss mit der Türklinke vor uns war neu, vermutlich ausgetauscht worden. Der Schlüssel steckte.

»Diese Landstreicher hatten wohl noch ein wenig Geld übrig«, kommentierte Jerry. Ich hatte bereits mit meiner freien Hand über seine Schulter nach dem Schlüssel gegriffen. Er ließ sich leicht drehen, und die Tür schwang quietschend auf.

Beim Anblick dahinter sog ich die Luft zischend durch die Zähne ein.

»Schmetterlinge?«, fragte Jerry erstaunt, während er mit dem Licht der Taschenlampe über unzählige Schaukästen wanderte, die an den Wänden hingen und auf Tischen und Boden lagen. »Ein neues Schloss, nur wegen einem Haufen Schmetterlinge?«, wiederholte er noch einmal ungläubig.

Doch ich sah keine Schmetterlinge. Klar, sie hatten alle Schmetterlingsflügel, die in matten Farben schillerten, als der Lichtkegel darüberstrich. Doch dort, wo eigentlich der Schmetterlingskörper sein sollte, war etwas anderes.

Ein klitzekleiner Menschenkörper.

Ich musste schlucken. Die kleinen Körper waren mit den Flügeln an die Bretter genagelt, ihre Arme und Beine mit Stricken an die Bretter gefesselt worden. Ihre Münder waren zu stummen Schreien aufgerissen, die Augen von Panik erfüllt in die Ferne gerichtet. Doch sobald das Licht von Jerrys Taschenlampe an ihnen vorübergezogen war und nur noch blass-silbriges Mondlicht auf sie fiel, änderte sich der Ausdruck in ihren Pupillen. Er wurde aufmerksamer, als würden sie aufwachen. Und ohne den Mund zu schließen oder die verkrampften Fäuste zu lösen, richteten sie ihre durchdringenden Blicke auf uns.

»Unmöglich!«, entfuhr es mir.

Ich nahm wahr, dass Jerry sich über etwas beschwerte und sich an mir vorbeischob, doch ich schaffte es nicht, den Blick von diesen seltsamen Wesen abzuwenden. Das konnte nicht wahr sein! Hatte ich einen Schlag auf den Kopf bekommen? Träumte ich? Oder konnten das tatsächlich Elfen sein?

Plötzlich ertönte das Geräusch von tausend schlagenden Flügeln. Schreie mischten sich darunter. Und dann eine Stimme: Hilfuns!

Ich blinzelte, rieb mir über die Augen, doch nichts veränderte sich.

Der Vibrationsalarm meines Handys brachte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich blinzelte, zwang mich, das Gesicht abzuwenden, und fischte das Handy aus meiner Hosentasche.

»Melia?« Hadleys Stimme ertönte, noch bevor ich mich gemeldet hatte. Sie atmete heftig, als wäre sie gerannt.

»Was ist los?«, fragte ich und warf Jerry einen Blick zu. Er hatte versucht, einen Schmetterlingskasten zu berühren, doch als ich an mein Handy gegangen war, hatte er sich zu mir umgedreht.

»Ihr müsst sofort verschwinden. Ein Kerl hat uns aus unserem Versteck verjagt. Er ist ins Haus gegangen.«

Unten knallte die Eingangstür. Schritte waren zu hören.

»Wir sind sofort da«, keuchte ich; dann legte ich auf. Jerry packte mich am Arm und zog mich aus dem Zimmer. Die Gesichter der Elfenwesen leuchteten mir im Licht des Mondes nach, dann waren wir im Treppenhaus.

Jerry machte die Taschenlampe aus, klemmte sich seinen Fußball unter den Arm, und wir versteckten uns neben einem alten Schrank.

Wenig später hörten wir die Treppen knarren. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Neben mir klapperten Jerrys Zähne.

Ein Licht wanderte nervenaufreibend langsam die Treppe hinauf, gefolgt von schweren Schritten. Plötzlich hielten sie inne.

»Verdammte Penner!«, fluchte eine tiefe Männerstimme, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er musste das Loch in der Treppe entdeckt haben.

Wenig später kam ein Mann gebückt die Treppe hoch, in seiner Hand eine antik aussehende Lampe. Ich presste mich an die Wand – und stutzte. Flatterte da etwas in seiner Lampe?

Dann war er aus meinem Blickfeld verschwunden.

Plötzlich blieb der Mann wieder stehen. Er brummte etwas, Licht strich an uns vorbei, dann näherten sich die Schritte, doch sie hielten wieder inne. Jerry neben mir atmete so laut, dass ich meinte, der Mann würde uns hören. Mein Herz drohte mir aus der Brust zu springen.

Als die Schritte sich weit genug entfernt hatten, packte ich Jerry entschlossen am Arm. »Los jetzt!«

So leise es ging, hasteten wir auf die Treppen zu.

Kamen da leise Schreie aus dem Schmetterlingszimmer?

Wir schlichen die Treppe hinunter. Einzig der Mond spendete uns Licht. Vorsichtig stiegen wir über die kaputte Stelle, dann waren wir unten.

Nun traute Jerry sich endlich, seine Taschenlampe anzuschalten, doch der Lichtkegel zitterte so sehr, dass wir nicht viel mehr erkennen konnten. Ungeduldig riss ich ihm die Lampe aus der Hand.

Vor uns war die Tür. Gleichzeitig schlichen wir los. Jerry griff nach der Klinke, drückte sie herunter und – nichts geschah.

»Was ist los?«, zischte ich ungeduldig.

»Ich … weiß nicht. Abgeschlossen«, stotterte er mit dünner Stimme.

»Abge…« Ich verstummte mitten im Wort, als über uns Schritte erklangen. Diesmal entschlossener.

»Verdammt, was machen wir denn jetzt? Tu doch was!« Jerry rüttelte an meinem Arm.

»Sei still!« Ich zog Jerry mit mir in den leeren Raum mit den alten Klamotten. Kaum waren wir in der Dunkelheit verschwunden, polterte der Mann die Treppe hinunter. Gefolgt vom Licht seiner Laterne lief er an dem Raum vorbei und rüttelte an der Haustür.

Dann war es für lange Zeit totenstill im Haus. Mein Herz flatterte vermutlich schneller als die Flügel, die ich oben im Schmetterlingszimmer gehört hatte, und meine Knie gehorchten mir nicht mehr. Jerry neben mir schluckte immer wieder.

Plötzlich tauchte eine Gestalt in der Tür auf. Der Schein einer Laterne blendete mich.

»Ihr sitzt in der Falle, Kinder.«

Süße Träume

Ich schluckte, als der Kerl auf uns zukam. »Das war euer letztes Abenteuer«, grollte er und griff mit der freien Hand in seine Manteltasche.

»Tu du doch was«, zischte ich Jerry zu, doch der reagierte nicht. Wie versteinert stand er da und starrte den Mann an.

»Was flüsterst du da, Mädchen?«, fragte der Kerl. Dann ruckte sein Kopf nach vorn, und er schien mich genauer zu betrachten. Er hob die Laterne, sodass ich das Gesicht abwenden musste, weil ich geblendet wurde. Ich hörte, wie er die Luft tief einsog, dann kam er immer näher. »Du …«

Ich war vor Angst wie gelähmt.

Plötzlich flog Jerrys Ball an mir vorbei und traf den Mann mitten ins Gesicht. Jerry zog mich mit sich, während der Mann sich die Nase hielt. Seine Laterne war zu Boden gefallen und zerbrochen.

War das eine Gestalt aus Funken, die aus den Scherben der Laterne flüchtete?

Im Treppenhaus streckte der Mond immer noch seine geisterhaften Finger durch die Fenster. In seinem Licht hasteten wir auf die Tür neben der Treppe zu. Jerry riss sie auf, und ehe wir unser Glück fassen konnten, rannten wir in den Raum dahinter und knallten die Tür zu. Ich lehnte mich dagegen, um zitternd zu verschnaufen, während Jerry ein paar Schritte nach vorn taumelte. Er wandte sich nach rechts, zu einem Fenster mit zerbrochener Scheibe.

»Komm schon, hilf mir!«, rief er. Gemeinsam zerrten wir an dem Holzrahmen, bis er schließlich unter protestierendem Quietschen aufsprang.

Hinter uns flog die Tür auf. »Ich bring euch um!«, brüllte der Kerl aufgebracht.

Ich hatte keine Zweifel daran.

Doch bevor er uns packen konnte, waren wir aus dem Fenster gesprungen und liefen auf die Straße zu, so schnell unsere Füße uns trugen.

***

»Guten Morgen, Langschläfer.«

Mein Vater sah mich mit erhobenen Augenbrauen über seine Zeitung hinweg an, und seine braunen Augen unterzogen mich einer kritischen Musterung, als ich mich ächzend an den Küchentisch fallen ließ. Die Sonne schien hell und einladend durch die Küchenfenster und tauchte den Raum in ein warmes Licht.

»Wohl eher Mittag«, antwortete ich nach einem Blick auf die Küchenuhr. Dann schaufelte ich mir das Gemüse auf meinem Teller in den Mund, damit Dad nicht auf die Idee kam, mich nach dem Grund für mein spätes Aufstehen zu fragen.

Selbstverständlich hatte ich meinen Eltern nichts von dem Ausflug ins McLoughlin-Haus erzählt – ich wäre schön blöd gewesen, das zu tun. Sie hatten ohnehin schon geschlafen, als ich nach Hause gekommen war, im Glauben, ich wäre noch bei Hadley gewesen. Ich hatte mich ins Haus geschlichen und war regennass, zitternd und bis auf die Knochen durchgefroren ins Bett gefallen. Den Rest der Nacht träumte ich von kleinen geflügelten Wesen, die jemand an Bretter genagelt hatte.

Nach dem Mittagessen ging ich in mein Zimmer, um meine dreckstarrenden Kleider zu sortieren und sie irgendwie der Schmutzwäsche unterzujubeln, damit Mum keine Fragen stellte. Dabei fiel das Amulett aus dem McLoughlin-Haus aus meiner Jackentasche und landete leise klirrend am Boden. Ich blinzelte, als ich es aufhob und die Erinnerungen an die gestrige Nacht auf mich eindrangen.

Nachdem die Flut an unheimlichen Bildern und die Gänsehaut endlich abgeklungen waren, stieß ich den Atem zischend durch die Zähne aus und setzte mich auf den Boden. Dann betrachtete ich das Amulett genauer.

Es sah ziemlich wertvoll aus, möglicherweise war es wirklich aus Silber. Der Stein in der Mitte schien von innen heraus zu leuchten.

Kurz entschlossen sprang ich auf und ging mit dem Anhänger ins Bad. Vor dem Spiegel legte ich mir die Kette um und betrachtete zufrieden mein Spiegelbild. Dadurch, dass ich gestern Abend mit feuchten Haaren ins Bett gegangen war, wellten sie sich leicht.