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Liebe kann man nicht erzwingen, aber wenn sie kommt, dann mit voller Wucht.
Chloe Rivendale liebt Robin Hood. Oder so ähnlich. Denn es ist kein Wunder, dass sie für Jason Cartwright schwärmt, wenn er wie Taron Egerton aussieht. Nur kerniger und heißer. So heiß, dass sie einen Entschluss fasst.
Nur wie bekommt man seinen Schwarm, wenn er der beste Freund ihres Bruders ist?
Ein schwieriges Unterfangen und doch … Chloe gibt nicht auf.
Wenn man etwas will, muss man mit beiden Händen zugreifen und nicht mehr loslassen. Oder?
Dies ist der 2. Band (Einzelband) der Fake Game Reihe. Hierbei handelt es sich um Nicks kleine Schwester Chloe und seinen besten Freund Jason. Man kann diesen Band unabhängig lesen, aber für den perfekten Lesegenuss wäre Band 1 zu empfehlen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form
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in einer Buchbesprechung.
©Pia Cole, Fake Game: Win or lose
ISBN: 978-375-92873-0-4
Covermaterial: Bilder unter Lizenzierung von Freepik.com genutzt
Alle Rechte vorbehalten
Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne schriftliche
Genehmigung des Autors & des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Cole Indie Ink
c/o Autorenservice Gorischek
Am Rinnergrund 14/5
A-8101 Gratkorn
Prolog
Kapitel 1
Jason
Kapitel 2
Chloe
Kapitel 3
Jason
Kapitel 4
Chloe
Kapitel 5
Jason
Kapitel 6
Chloe
Kapitel 7
Jason
Kapitel 8
Chloe
Kapitel 9
Jason
Kapitel 10
Chloe
Kapitel 11
Jason
Kapitel 12
Chloe
Kapitel 13
Jason
Kapitel 14
Chloe
Kapitel 15
Jason
Kapitel 16
Chloe
Kapitel 17
Jason
Kapitel 18
Jason
Kapitel 19
Chloe
Kapitel 20
Jason
Kapitel 21
Chloe
Kapitel 22
Jason
Kapitel 23
Chloe
Jason
Kapitel 24
Chloe
Kapitel 25
Jason
Kapitel 26
Chloe
Kapitel 27
Jason
Chloe
Kapitel 28
Kapitel 29
Chloe
Jason
Chloe
Kapitel 30
Jason
Chloe
Kapitel 31
Jason
Kapitel 32
Chloe
Kapitel 33
Jason
Kapitel 34
Chloe
Kapitel 35
Jason
Kapitel 36
Chloe
Kapitel 37
Jason
Kapitel 38
Chloe
Epilog
Nachwort
Danksagung
Die Autorin
Kapitel 1
Jordan
Ein einziger Funke kann die Luft
in Brand setzen.
Genau das, bist du für mich.
Vor dreizehn Jahren …
Polizeiwagen standen überall in der Auffahrt, ein Rettungswagen war sogar vor Ort. Ich verstand nicht, was mein bester Freund mir unter Tränen am Handy gesagt hatte, aber für mich war klar: Ich würde ihm beistehen. Genauso wie er in all den Jahren, in denen ich Nick kannte, für mich da war.
Mit jedem Schritt, den ich auf das Haus zuging, schnürte es mir die Kehle zu. Das Blaulicht tat sein Übriges. Die Nachbarn kamen aus ihren Häusern gerannt und sahen sich den Tumult an. Schaulustige. Ich schnaubte. Meine Füße trugen mich wie gelähmt zur Haustür, ein ungutes Gefühl befiel mich.
Keiner hielt mich auf, als ich das Innere des Hauses betrat. Die Fotos, die im Eingangsbereich hingen, zeigten ein familiäres Bild, das ich mir immer gewünscht hatte. Liebende Eltern und die zwei liebsten Menschen in meinem Leben: Nick und Chloe. Obwohl Chloe mit ihren vier Jahren noch sehr klein war, vergötterte ich diesen kleinen Wirbelwind. Und ich nahm an, dass es auf Gegenseitigkeit beruhte, auch wenn Nick nicht immer verstand, dass ich mit Chloe eine Verbindung besaß. Sie war wie eine Schwester für mich.
Ich bahnte mir einen Weg durch die Rettungskräfte, als ich Nick auf der Couch sitzen sah und er das Gesicht in Händen vergrub. Ein Polizist und noch jemand, den ich weder zur Polizei noch zum Rettungsdienst zuordnen konnte, redeten auf ihn ein. Immer wieder schüttelte Nick den Kopf, als einer von beiden eine Frage stellte. Erst als er aufblickte und mich sah, zerriss es mir das Herz. Sein Schmerz war mein Schmerz. Dieses entsetzliche Gefühl war zum Greifen nah, richtiggehend spürbar, als mich unsanft jemand anrempelte.
»Es tut mir so leid, Nick. Ich stand im Stau.« Jener Mann fuhr sich verzweifelt durch die Haare und fühlte sich hilflos. Genau das war das Wort, das alle ausstrahlten. Was zur Hölle war hier passiert? »Sorry, das war das falsche Wort. Wie geht’s dir, Junge? Du und Chloe ihr müsst das nicht alleine durchstehen. Wir helfen euch und du musst dich nicht um deine Schwester alleine kümmern.« Zum Officer wandte sich der Mann. »Wie ist das passiert? Wer ist der Schuldige? Wo befinden sich meine Schwester und ihr Mann?«
Der Officer sagte etwas, aber ich hörte nicht zu. Ich empfand es so, als ob mir einer den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Das durfte nicht wahr sein. Die Erkenntnis kroch langsam in mein Hirn vor und mich lähmte die Gewissheit. Hieß es, dass …
»Mami?« Nick sah mit Entsetzen nach dem Mädchen, die soeben die Treppe mit ihrem Teddybären in der Hand herunter tapste.
»Jason?« Mein bester Freund sah mich flehend an. »Könntest du …?«
Als ob ich aus einer Starre erwachte, ging ich zu Chloe und kniete mich vor sie hin. Ich wusste nicht, was ich sagen, geschweige denn tun konnte. Eines war jedoch klar: Sie würde von mir nicht die Wahrheit erfahren.
»He Zuckermaus. Wieso bist du denn munter?« Ich versuchte zu lächeln, obwohl es das Schwerste in meinem ganzen Leben war.
Sie wischte sich den Schlaf aus den Augen. »Ich konnte nicht schlafen. Mami hat mich im Traum besucht und ich wollte …« Chloe sah sich verzweifelt um. »Wo ist Mami?«
Ich nahm sie auf den Arm. »Weißt du, deine Mami und dein Dad sind noch unterwegs. Sie werden bald wieder hier sein. Was hältst du davon, wenn wir nach oben in dein Zimmer gehen, und ich lese dir etwas vor.« Das mir diese Lüge so leicht über die Lippen kam, erschreckte mich.
»O ja«, jauchzte sie.
»Ich habe nur darauf gewartet, dass du mir die Ehre erweist, dass ich dir etwas vorlesen darf, Mylady.«
Chloes Augen funkelten und ich trug sie hinauf. Mir blutete das Herz, denn auch wenn ich es nicht gehört hatte, so wusste ich, dass Nicks und Chloes Eltern nicht wiederkehren würden. Komplett aus dem Leben gerissen, egal, was passiert war. Als ich das Zimmer betrat, legte ich sie ins Bett und deckte sie zu.
»Was wünscht Mylady, dass ich ihr vorlese?« Ich tippte mir mit dem Zeigefinger gegen das Kinn und sah mir ihr Bücherregal an. Anscheinend liebte Chloes Mutter … Ich biss mir auf die Lippen. Mrs. Rivendale hatte Bücher geliebt, sonst würde nicht ein volles Bücherregal in Chloes Zimmer stehen.
Sie sah mich mit großen Augen an, als ich mich dem Regal widmete und die Titel las, bis … »Wie wäre es mit Scheherazade?« Obwohl, wenn ich so darüber nachdachte: War es nicht ein wenig brutal für eine Vierjährige? Was erzählte man sonst einem Kleinkind?
Ich setzte mich aufs Bett. »Ich nehme an, das ist vielleicht noch nicht so gut für dich. Was wünscht du dir für eine Geschichte?«
»Robin Hood.«
Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Wie bitte?« Robin Hood war gewiss auch nichts für eine Vierjährige, zumal ich mir sicher war, dass die Geschichte auch etwas brutal war. Kamen da nicht Kreuzritter drin vor? »Denkst du, dass du danach schlafen kannst? Ich denke nicht, dass …«
»Bittteeeeeeeee.« Sie sah mich mit ihren großen blauen Kulleraugen an. Als ob ich ihr widerstehen konnte.
»Wie Ihr wünscht, Mylady.«
Sie quietschte aufgeregt und klatschte in die Hände, sodass sie den Teddybären zerquetschte. Ich schmunzelte und stand auf.
Als ich das Buch holte und mich wieder zu Chloe setzte, schlug ich die erste Seite auf und …
»Jason?«
»Hm?«
»Mami ist im Himmel. Stimmt‘s?«
Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken und ich wusste nicht, wie ich sie schützen könnte. Was sollte ich darauf erwidern?
»Chloe, ich …«
»Liest du mir die Geschichte vor?« Sie lächelte und kroch unter die Decke, so, als ob sie nie die Frage gestellt hätte.
»Natürlich Zuckermaus.«
Ich las die Geschichte vor und mir schnürte es die Kehle zu. Wie ich fehlerfrei vorlesen konnte, blieb mir ein Rätsel.
Einige Zeit später war Chloe eingeschlafen und ich schloss das Buch. Ich verstand nicht, dass sie nicht in Tränen ausbrach, noch sonst etwas. Sie fragte normal nach und als ich keine Antwort darauf gab, war es für sie in Ordnung.
Dieses kleine Wesen hatte an einem Abend beide Elternteile verloren und ihr Bruder war vor den Kopf gestoßen. Als ich sie so schlafen sah, war für mich klar:
Ich würde immer für sie da sein und würde sie niemals im Stich lassen.
»Alter, wie oft soll ich es dir noch sagen? Ich kann nicht. Genießt die Party und zertrümmert nicht meine Möbel. Klar?«
»He, das kann ich dir nicht versprechen. Du hast das angezettelt, also schwing deinen Arsch hierher. Die Weiber fragen schon nach dir.«
Wer’s glaubt. Ich ließ den Kopf in den Nacken fallen, rieb mir diesen und verteufelte Mike nicht zum ersten Mal. Der Kerl schaffte es noch, dass ich mit Blaulicht in die Irrenanstalt eingeliefert wurde.
Ich kniff mir in die Nasenwurzel und schloss für einige Momente die Augen. »Zum allerletzten Mal: Ich kann nicht. Und eins sag ich dir, Mike, sollte irgendwas kaputt gehen, kommst du für den Schaden auf. Hab ich mich jetzt klar ausgedrückt?«
Ein Maulen war am anderen Ende der Verbindung zu hören. »Okay. Wo bist du denn, dass du die Mega-Sause des Jahres verpasst?«
Na klar, das wollte der Möchtegern-Abschlepper am liebsten wissen, aber ich würde es ihm gewiss nicht auf die Nase binden. »Das geht dich einen Dreck an. Mach’s gut, Mike.« Ich beendete den Anruf und verstaute das Handy in der Hosentasche, als ich einen Artikel auf dem Küchentresen bemerkte. Es sah wirklich nicht gut aus. Die Schlagzeile, die mir beinahe entgegensprang, lautete:
»Ist das das Ende von Rivendale?«
Verdammt. Wenn Nick das sehen würde, dann wäre die Hölle los. Ich nahm die Zeitschrift und schmiss sie in den Müll. Genau dorthin, wo sie hingehörte. Die ganze Misere, die sich vor Monaten abspielte, wünschte ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Zum Glück war Nick nicht in der Stadt. Was der Grund war, dass ich die letzten Tage bei Chloe verbrachte. Irgendjemand musste auf sie aufpassen und wenn mein bester Freund mich darum bat, dann würde ich alles stehen und liegen lassen. Sogar eine Party, die auf meinen Mist gewachsen war.
»Na? Hat Mike wieder die Diva raushängen lassen?«
Chloe kam von ihrem Zimmer herunter und strahlte mich an. Ich mochte die Kleine sehr, sie war wie eine Schwester für mich, aber was sie gerade anhatte, war nicht gerade für einen gemütlichen Fernsehabend vorgesehen.
»Was denkst du denn? Auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass du ihn so gut kennst, wie ich.«
Sie lachte. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Etwas Lustiges hatte ich bei Gott nicht erwähnt, oder?
»Du denkst, dass mir Nick nicht das ein oder andere erzählt hat? Ich bitte dich. Mike, der großspurig immer über alle Frauen redet und selbst keine abbekommt. Ich denke, das sagt so ziemlich alles über ihn aus. Und dass du ihn jetzt alleine lässt, was denkst du, wie das sein wird? Er kann sich nicht einmal amüsieren, weil du ihm die Aufsicht aufgebrummt hast.«
Verdammt. Sie hatte recht. »Hm, womöglich hast du recht. Vielleicht könnte ich …«
»Vielleicht könnten wir hingehen.« Chloe strahlte mich an, als ob ich ihr die Sterne vom Himmel geholt hätte.
»Ach? Deswegen hast du dich so herausgeputzt?«
Sie lehnte sich ein kleines Stück über den Tresen. »Das ist dir aufgefallen? Gefällt es dir?«
Ob es mir …? Nick würde mir die Eier abreißen, dessen war ich mir wie nichts anderes in meinem Leben sicher. Ihr Outfit sah heiß aus, aber das sagte ich mit keinem Wort. »Ich müsste blind sein, wenn nicht. Außerdem siehst du damit billig aus und du kannst es vergessen. Wir beide werden nicht zu dieser Party fahren.«
Ihr Lippen bebten und sie sah mich regelrecht schockiert an. »Was? Warum nicht? Ich bin kein Kind mehr. Du und Nick, ihr seid beide unfair. Ich gehe bald aufs College und ihr könnt nichts dagegen tun.« Ihre Stimme zitterte, als sie mir diese Standpauke hielt.
»Chloe, diese Party ist nicht …« Ich fuhr mir verzweifelt durch die Haare. Wie erklärte ich ihr, dass solche Partys nur Typen besuchten, die einen schnellen Stich wollten und die Schlampen sich willig zeigten? Ehe ich etwas sagen konnte, rannte sie die Stufen hinauf und ich hörte, wie sie die Tür hinter sich zuschmiss. Das lief ja wirklich großartig.
Die Mikrowelle piepste und ich nahm die Schüssel hinaus, der Duft nach Popcorn erfüllte den Raum. Der Wohnbereich war für den Fernsehabend hergerichtet, sogar mit Chloes Lieblingsfilm Robin Hood. Soweit mir Nick sagte, schaute sie ihn sich wegen diesem Taron irgendwas an. Ich hatte von dem Kerl noch nie etwas gehört, aber wenn es die Kleine glücklich machte. Jetzt allerdings schmollte sie, weil ich sie nicht zu der Party mitnahm. Verdammt. Wie konnte ich auch? Ihr Bruder würde mir das nie verzeihen. Abgesehen davon, dass ich mir gleich einen Grabstein bestellen könnte.
Ich stellte die Schüssel mit dem Popcorn auf den Couchtisch und eilte die Treppen, alle zwei Stufen auf einmal, hoch. Als ich vor Chloes Zimmer stand, klopfte ich. Kein Geräusch. Ich drückte die Türklinke herunter, abgeschlossen.
»Chloe, komm schon. Du weißt ganz genau, dass ich dich nicht mitnehmen kann. Und ich will auch gar nicht dorthin. Sei nicht so stur.«
Einige Zeit hörte ich gar nichts und ich nahm an, dass Chloe getürmt war.
»Verschwinde.«
Ich seufzte. »Kleines, bitte, mach die Tür auf. Lass uns reden.« Mir fiel nichts anderes ein, wie ich mit ihr reden sollte. Wieso mussten Teenager, oder eher eine fast Erwachsene, sich so verhalten?
»Was verstehst du nicht? Du sollst abhauen. Sara hatte recht, dass ihr alle hohl seid. Verzieh dich.«
Wow. Jetzt brachten wir Sara ins Spiel. Sehr erwachsen. Chloe wagte sich verdammt weit vor, sie konnte froh sein, dass Nick nicht anwesend war und ihre Worte hörte.
»Gut, wie du meinst. Ich hätte sogar Pizza bestellt, die die du so gerne isst.« Einen Versuch war es wert. Als sie jedoch kein weiteres Wort mehr sagte, drehte ich mich um und ging die Stufen hinunter in den Wohnbereich. Vorher holte ich mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank. Den Abend konnte man nur mit einem alkoholischen Getränk überstehen.
Danach setzte ich mich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Irgendetwas würde es schon spielen. Als ich durch die Kanäle zappte, fand ich entweder keinen Film oder es gab News über den Absturz von Nick Rivendale. So eine Scheiße. Es war zwar bereits einige Monate her, nach diesem Desaster, was Brittany Nick und Sara angetan hatte, aber dass diese Aasgeier sich noch immer auf Nick versteiften … Ich ballte die Hände zu Fäusten. Dass mein bester Freund am meisten unter dieser Enthüllung litt, war den Leuten egal. Seine Karriere war am Ende, zumindest bei den Punisher. Zum Teil war Nick auch schuld daran, denn seine Leistung litt völlig darunter. Mein Kiefer mahlte, wenn ich daran dachte. Seit einiger Zeit dachte auch ich daran, den Club zu wechseln. Was machte es für einen Sinn, wenn der Quarterback nicht mein bester Freund war? Ich wollte mit Nick zusammen spielen, eine andere Option gab es nicht. Oder? Für einen kurzen Moment wollte ich das Bier gegen die Wand schleudern, aber besann mich, dass es nicht mein Haus war. Verdammt. Ich musste auf andere Gedanken kommen. Die Blu-ray, die vor mir lag, sprang mir direkt ins Gesicht. Sollte ich? Ach, scheiß drauf.
Ich gab die Blu-ray in den Player, drückte auf Play und der Film flimmerte über den Bildschirm. »Chloe, ich schaue mir deinen Film an«, brüllte ich. Einige Minuten wartete ich. Natürlich, keine Reaktion. Hatte ich etwas anderes erwartet?
Ich setzte das Bier an meine Lippen, trank einen kräftigen Schluck, griff beherzt ins Popcorn und schaute mir Robin Hood an. Sonst spielte es ja kaum etwas anderes in der Flimmerkiste.
Nach ungefähr einer Stunde, läutete das Handy. Ein Blick darauf zeigte mir, dass es Mike war. Ich seufzte, als ich abhob. »Was gibt’s?«
»Weißt du, wo Nick ist?«
Augenblicklich setzte ich mich auf, runzelte die Stirn und wurde ernst. »Nein, wieso fragst du? Was ist los?«
»Na ja, ich hab versucht ihn zu erreichen, weil …«
»Weil was, Mike?«
»Die Kleine ist da.«
»Welche Kleine? Du meinst Sara? Wieso … Was?«
»Nein, nicht sie. Chloe. Ich weiß, dass …«
Das konnte nicht sein. Ich drückte Mike weg und sprintete die Stufen nach oben. Die Tür war noch immer abgeschlossen. Ohne weiter darüber nachzudenken, trat ich die Tür ein und sah, dass das Fenster sperrangelweit offen stand. So eine verdammte Scheiße.
Ich drückte auf den letzten Anruf und Mike hob sofort ab. »Alter, hast du mich gerade weggedrückt? Was ist mit dir …«
»Ich bin in zehn Minuten da. Achte darauf, dass ihr keiner zu nahe kommt und Mike, ruf um Gottes Willen nicht Nick an.«
»Warum? Es ist ja seine Schwester … Oh, das war heute deine Aufgabe. Ich verstehe. Na, da hast du aber deine Aufgabe nicht gewissenhaft …«
Ich legte auf. Wenn ich mir jetzt eine Standpauke von Mike anhören würde, dann war eines gewiss: Er würde den morgigen Tag nicht erleben. Ich knirschte mit den Zähnen.
Schnell schloss ich das Fenster, drehte den Fernseher ab, gab den Code für die Alarmanlage ein, setzte mich hinter das Steuer und raste, als wäre der Leibhaftige hinter mir her. Wenn ich eins wusste, dann dass Chloe einen Schritt zu weit gegangen war. Und wenn sie das nicht verstand, würde mir nichts anderes übrig bleiben, als ihr den Hintern zu versohlen.
Oh, wie konnte er nur? Nicht nur, dass er mich nicht als Frau sah, nein, mein Outfit war billig. Hallo? Ging’s noch? Was bildete sich dieser … dieser … Das Wort blieb mir im Halse stecken. Tränen brannten in meinen Augen, die gewillt waren sofort und hemmungslos hinunterzulaufen. Tapfer schluckte ich sie herunter.
Ich nahm das Handy vom Tisch und rief die einzige Freundin an, die ich hatte.
»Er hat nein gesagt, stimmt‘s?«
Keine Begrüßung oder sonst etwas, nur dieser eine Satz. So, als wüsste Jasmina, dass Jason nein sagte. »Natürlich hat er nein gesagt, aber das war nicht einmal das Schlimmste.«
»Was war denn noch?« Ihre Stimme klang schrill. Es war das untrügliche Zeichen, dass sie mit dem Schrecklichsten rechnete.
»Du weißt ja, dass wir dieses echt tolle Outfit gekauft haben. Auch wenn ich dagegen gewesen war, aber ich habe es angezogen.«
»Ja, und? Komm schon, Chloe, spann mich nicht auf die Folter.«
Ich atmete einmal tief ein und aus. »Er meinte, ich sehe billig aus.«
»Was?« Ihr Kreischen ließ mich zusammenfahren. »Ist er blind? Du siehst verdammt scharf darin aus. Was stimmt mit dem Kerl nicht?«
Ja, das fragte ich mich auch. Seit über einem Jahr schwärmte ich für Jason. Er hatte ein wenig Ähnlichkeit mit Taron Egerton und die letzten Monate schlug mein Herz schneller, wenn ich in seiner Nähe war. Dass die letzten Tage, die er bei mir war, die Schönsten in meinem ganzen Leben waren, ließ mich lächeln. Bis zum heutigen Abend.
»Vermutlich. Ich hab auch keine Ahnung, er hat es mir strikt verboten, dorthin zu gehen.« Ich wollte noch etwas sagen, als es an der Tür klopfte. Zur Sicherheit hatte ich mich eingeschlossen. »Warte kurz. Jason ist an der Tür«, flüsterte ich.
»Schalt mich auf Lautsprecher, ich halte den Mund.«
Ich zweifelte, dass das eine gute Idee war, aber ich tat es.
Jason sagte etwas, dass er mit mir das klären würde wollen, aber ich wollte nicht. Sollte er etwa sehen, wie verletzt oder dass ich den Tränen nahe war? Mit Sicherheit nicht. Deshalb sagte ich, dass er verschwinden solle. Selbst als er ›Kleines‹ zu mir sagte, was mein Herz ein wenig höher schlagen ließ, war ich nicht gewillt, kleinbeizugeben. Obwohl ich nichts anderes wollte, als dass ich mich mit ihm wieder verstand, aber … Nein, ich musste standhaft bleiben. Als er ging, drückte ich den Lautsprecher weg und hielt das Handy an mein Ohr.
»Sorry Süße, wenn ich dir das sage, aber so wie er klingt, sieht er dich als Schwester. Auch wenn er der beste Freund deines Bruders ist.«
Ich setzte mich auf das Bett und ließ meine Schultern hängen. Es war alles umsonst. Wieso lief nicht einmal etwas richtig. Zuerst die Sache mit Sara und Nick, die katastrophal geendet hat und jetzt sah Jason nicht, dass ich … Ja was eigentlich? War ich wirklich verliebt in ihn?
»Du meinst, ich soll ihn mir aus dem Kopf schlagen?«
»Scheiße, nein.« Ich schmunzelte. Jasmina schimpfte oder fluchte nie. »Sorry, ich wollte nicht … Nein, wir müssen andere Geschütze auffahren. Ich komme dich jetzt holen und dann fahren wir zusammen auf diese Party. Wäre doch gelacht, wenn wir deinen süßen Hintern dort nicht hinbekommen.«
»Ich weiß nicht. Das wäre nicht fair, wenn ich einfach verschwinde. Jason hat darauf verzichtet, dass er auf seiner eigenen Party ist, um bei mir zu sein.«
»Chloe, jetzt hör mir mal zu. Willst du Jason als deinen Babysitter haben oder soll er in dir die Frau sehen, die er will?«
Was war das denn für eine Frage? »Natürlich soll er sehen, dass aus mir eine Frau geworden ist.«
»Eben. Ich ziehe mich an und schicke dir dann eine Nachricht, wann ich da bin. Ich werde ein Stück weiter weg parken, dass er nicht mitbekommt, dass ich dich abhole. Also sei bereit.«
»Danke Jasmina. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.«
»Ich weiß. Bis gleich.«
Sie legte auf und ich rieb mir nervös die Hände. Ob es eine kluge Entscheidung war, konnte ich nicht sagen, aber wenn ich wollte, dass Jason endlich auf mich aufmerksam wurde, dann blieb mir kein anderer Ausweg.
Natürlich wäre es einfacher, wenn ich hinunter gehen und mit Jason reden würde. Aber so wie er sich verhielt. Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich hatte genauso meinen Stolz. Ich betrachtete mich im Spiegel und glättete mein Glitzertop sowie den Rock. Für meinen Geschmack war er etwas zu kurz, aber für eine Party passte er recht gut.
»Chloe, ich schaue mir deinen Film an«, brüllte Jason.
Ich rollte mit den Augen. Mir war es gleich, was er machte. Sollte er doch. Wenn es ihn glücklich machte. Ich würde mich nicht von der Stelle bewegen. Falls Jasmina recht behielt, dann blieb mir kein anderer Ausweg offen.
Das Handy vibrierte auf dem Bett und die Nachricht von Jasmina blinkte auf. Sie war da. Ich nahm die Schuhe und schmiss sie aus dem ersten Stock, die auf der Wiese landeten. Danach schob ich den Stuhl zum Fenster, stellte mich darauf, stieg auf den Fenstersims und kletterte das Rankgitter hinunter. Ich hoffte, dass mich dieses Gestell hielt und mir nicht den Hals dabei brach. Wenn nicht … Nun ja, Gedanken würde ich mir später machen, wenn es soweit war.
Als ich unten heil ankam, suchte ich die Schuhe und lief die Auffahrt hinauf. Soweit Jasmina geschrieben hatte, befand sie sich eine Quergasse entfernt. Ich schlüpfte in die High Heels und stöckelte den Weg entlang, bis sie mit der Lichthupe ein Signal gab.
»Bereit?«
Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und schnallte mich an. »Na klar.«
»Wohin müssen wir?«
»543 Moreno Ave. Du wirst es von Weitem erkennen.« Da war ich mir sicher, denn was ich so hörte, waren die Partys von Jason legendär. Was auch immer das bedeutete.
»Okidoki. Was willst du dort machen, wenn wir da sind?«
Wenn ich nervös war, knabberte ich an meiner Unterlippe. So auch jetzt. Eine unmögliche Angewohnheit, aber ich versuchte meine Aufregung in den Griff zu bekommen. »Ich habe keine Ahnung.« Das entsprach sogar der Wahrheit. Was machte ich auf einer Party, wenn Jason nicht anwesend war. Und bis er kommen würde, würde auch noch ein wenig Zeit vergehen. Unruhig rutschte ich auf dem Sitz herum. Es war eine furchtbare Entscheidung.
»Ich dachte mir schon, dass du keinen Plan hast. Deswegen …« Jasminas Augen spiegelten einen Schalk darin, während sie in ihr Handy tippte. »… habe ich Kyle eingeladen. Er wartet dort auf uns.«
»Was hast du? Bist du irre?« Geschockt sah ich meine Freundin an, die einfach weiterbrabbelte, als würde ich keinen Einspruch erheben.
»Schau, es macht wenig Sinn, wenn wir auf eine Party gehen und du dich nicht amüsierst. Jason soll sehen, dass du nicht auf ihn wartest.«
Mir gefiel das ganz und gar nicht. Ich wusste, dass Kyle schon lange auf mich stand, aber ich einfach kein Interesse an ihm hatte. Außerdem war er Quarterback an unserer Schule und der Freund von Kelly. Nun ja, On/Off-Freund. Dass Jasmina ihn dazu eingeladen hatte, war nicht das, was ich wollte. Es war von Anfang an ein blöder Plan gewesen. Ich könnte mir gepflegt in den Arsch treten. Wie sehr wünschte ich mir, dass ich einen gemütlichen Abend mit Jason verbrachte. Ich war so dumm.
Schweigend fuhren wir zu der Party, bis wir den dröhnenden Bass aus weiter Ferne hörten. Autos parkten überall, auch auf der Fahrbahn. Es würde schwer werden einen Parkplatz zu finden. Mit viel Glück würde es ein kurzer Ausflug sein und wir befänden uns schnurstracks wieder auf dem Heimweg. Allerdings rechnete ich nicht damit, dass Jasmina dreimal um den Block fuhr und Kyle winkte, der sie zu einer Parklücke lotste. Er war zu allem Übel schon da. Mist.
»So, jetzt gibt es kein Entkommen mehr.« Jasmina schmunzelte. Anscheinend bekam sie meine Unruhe mit, denn sie legte ihre Hand auf meine. »Keine Sorge, ich lasse dich nicht alleine. Ich komme mit.«
Als ob das so viel Unterschied machte. »Danke.« Ich straffte meine Schultern und stieg aus. Nur war Kyle sofort zur Stelle. Oh, wie sehr wünschte ich mir, dass Jasmina ihn nicht angerufen hätte.
»Hallo hübsche Frau. Ich wusste gar nicht, dass du ein Partygirl bist, aber ich freue mich, noch mehr von deinen Geheimnissen zu ergründen.« Kyle kam auf mich zu und zog mich in eine Umarmung, die irgendwie gezwungen wirkte. Viele Mädchen schwärmten für ihn, schon allein dafür, da er wie ein Surfertyp aussah: Blonde Haare, blaue Augen, gebräunte Haut und ein definierter Körperbau, wie ich jetzt auch spürte. All das, auf das ich absolut nicht stand. Zumindest nicht bei ihm.
»Kyle. Ich hätte nicht gedacht, dass du vorbei schaust.« Hoffentlich bekam er den Wink mit dem Zaunpfahl mit, aber wohl eher nicht, denn er lachte. Ich zog die Stirn kraus.
»Wie hätte ich nicht? Du bist anwesend und schaust verdammt heiß aus.«
Ich fühlte, wie meine Wangen heiß wurden. Noch nie hatte mir jemand ein Kompliment gemacht. Ich fragte mich, warum Jason es nicht war, der so etwas zu mir sagte. Es wäre bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich mir wegen ihm den Kopf zerbrach.
»Danke.«
»Können wir dann? Ich will nicht den ganzen Abend draußen verbringen«, brachte Jasmina energisch hervor.
»Na klar. Dann geht’s los.«
Kyle musterte mich mit einem Blick, der mir unangenehm war. Als er dann auch noch eine Hand auf meinen Rücken legte, eilte ich zu Jasmina und hängte mich bei ihr ein. Vielleicht wirkte es furchtbar kindisch, aber ich mochte Kyle nicht. Warum es so war, konnte ich nicht sagen.
»Alles klar?«, murmelte Jasmina.
Ich nickte. Wir gingen die Auffahrt hinauf, als uns einige Partygäste entgegenkamen oder auf der Wiese herummachten. Angeekelt schaute ich zu und wünschte mir, dass ich bei Jason geblieben wäre.
»Wie habt ihr von der Party erfahren? Es sieht nicht so aus, als ob das von einem unserer Mitschüler ins Leben gerufen wurde«, unterbrach Kyle unser Schweigen.
Ich wollte soeben den Mund aufmachen, als Jasmina mir dazwischen kam. »Nein, wo denkst du hin? Das ist die Party von Jason Cartwright. Der sagt dir doch was, oder?« Meine Freundin zwinkerte mir zu.
»Cartwright? Der Runningback der Punisher?« Kyle wirkte, wie ein kleiner Junge, dem man sein größtes Geschenk gemacht hatte.
»Ja, genau der.«
Ich fühlte mich in meiner Haut alles andere als wohl. Es war ein Fehler, wie mir schnell klar wurde.
»Wie kommt ihr zu dieser Party? Sind da alle Footballer drinnen, die zu den Punisher gehören?«
»Vermutlich«, flüsterte ich. Mit einem Schlag war mir bewusst, dass ich mir mehr Schwierigkeiten aufgehalst hatte als jemals zuvor. Wenn Nick erfuhr, dass ich mich zu Jasons Party geschlichen hätte … Er wäre maßlos enttäuscht, abgesehen von Jason.
»Hast du nicht gewusst, dass Chloe alle Spieler der Punisher kennt? Ihr Bruder ist doch der Quarterback der Punisher«, verkündete Jasmina stolz.
Ich riss mich los, denn ich konnte es keine Sekunde mehr hören. Er war der Quarterback, nachdem Sara ihn verlassen hatte und bevor er seine Karriere zerstörte. Tränen bahnten sich schon wieder an, deshalb floh ich in das Innere, rempelte einige Partywütigen an und rannte in die Küche, in der ich das nächstbeste Getränk nahm und hinunterkippte. Es schmeckte süßlich und wärmte.
»Was zum …?«
Ich drehte mich langsam um, da ich die Stimme sehr gut kannte. Eine Ausrede. Das war das, was ich auf der Stelle benötigte, meine Stimme versagte jedoch komplett. Wie sagte man einem Mann mit dem Körperbau eines Schrankes, was man hier tat?
»Chloe? Was machst du hier? Wer hat dir gestattet, dass du hierher kommst? Weiß Nick davon?«
Ich presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. »Hi Mike.«
»Alter, hast du noch Bier hier?« Irgendein Kerl stapfte in die Küche, während Mike mich ansah, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte. »Hola, wer ist denn diese junge Stute? Mike, hältst du uns deine hübschesten Weiber etwa vor?«
»Raus!«, brüllte Mike.
Seine Miene sah aus wie … besaß ein wütender Stier eine Mimik? Wenn ja, dann sah Mike genauso aus. Fehlte noch der weiße Schaum vor dem Mund und das Endergebnis würde vor mir stehen. Augenblicklich zuckte ich zusammen und befürchtete, dass Mike demjenigen ins Gesicht schlagen würde, so spannungsgeladen wirkte die Atmosphäre. Der Kerl streckte beschwichtigend die Hände von sich. »Keine Sorge, bin schon weg.«
Mike wirkte nicht sonderlich amüsiert und mit seinem wuchtigen Körperbau machte er mir ein wenig Angst. Nicht umsonst war er bei den Punisher fürs Blocken vorgesehen. Seine Gegner mussten wahrlich vor Angst schlottern.
»Und? Was machst du hier? Wo ist dein Bruder?«
»Es ist egal, wo Nick ist. Er ist nicht hier, wie du unschwer erkennst. Außerdem bin ich alt genug, dass ich auf Partys gehen darf.« Meine Stimme zitterte, gab aber den gewissen Unterton wieder, den ich mir wünschte. Mike war genauso, wie alle anderen. Er behandelte mich, als wäre ich ein Kind.
»Das bezweifle ich. Du bist noch immer keine achtzehn …«
»Aber bald. Es sind nur noch ein paar Monate.« Ich unterbrach ihn und streckte den Kopf in die Höhe.
Mike pfefferte den Becher, den er in der Hand hielt, weg. Das Bier, so vermutete ich, spritzte durch die Küche. »Es ist mir scheißegal, ob du vor deinem achtzehnten Geburtstag stehst oder nicht. Du hast hier nichts zu suchen. Aus, ich ruf deinen Bruder an, dass du hier bist. Er soll dich ab…«
»Viel Spaß. Vielleicht erreichst du ihn ja, wenn ich es schon nicht schaffe.« Ehe Mike noch etwas erwidern konnte, stürmte ich aus der Küche und hinaus in den Garten. Dort befanden sich ebenfalls viele Gäste, aber was sich vor meinen Augen abspielte, war für mich zu viel des Guten. Was war das für eine Party?
»Ich wusste nicht, dass du so leicht zu haben bist.«
Was? Ich sah, dass Kyle sich neben mich stellte und er sein Hemd bereits ausgezogen hatte. Wie ein Großteil der Gäste. Seine gut definierten Muskeln waren eine Augenweide, wie ich unschwer erkannte, aber er ekelte mich an. Sein schmieriger Charakter stieß mich ab. Meine Aufmerksamkeit wanderte wieder zu den Partywütigen. Es wirkte, als wäre ich in eine Orgie hineingeplatzt. Frauen, die ihre Oberteile auszogen und im Pool planschten, und die Kerle, die sich an sie ranmachten. Jetzt verstand ich, was Jason mir sagen wollte. Wie konnte er solche Veranstaltungen geben? Mir wurde übel. Als ich davon gehen wollte, packte Kyle mein Handgelenk, zog mich zu sich und kam mir mit seinem Gesicht nahe.
»Wo willst du hin?«
»Lass mich los. Ich will gehen.«
Er streifte eine Haarsträhne hinter mein Ohr. »Das steht nicht zur Debatte.«
Wie perplex verkrampfte ich mich und hoffte, dass er mich losließ. Er umfasste meine Taille fester, sein Atem stank nach Bier und ich versuchte mein Gesicht wegzudrehen. Wie mir schnell klar wurde, würde das Unausweichliche geschehen. Wie ein Kaninchen saß ich in der Falle. In so einer, die ich nur in meinem schlimmsten Albtraum zu träumen wagte. Ich hoffte, dass dieser Kuss schnell hinter mir liegen würde und kniff die Augen zu. Die Sekunden verstrichen wie Minuten oder war es länger, als ich spürte, wie jemand Kyle von mir wegriss.
»Fass sie noch einmal an und du überlebst den nächsten Morgen nicht.«
Die Stimme kannte ich wie keine zweite. Jason. Erleichterung durchflutete mich. Er war hier.
»Was stimmt mit dir nicht? Sie wollte es.«
»Ach so? Sieht so eine Frau aus, die von dir geküsst werden will, indem sie sich aus deinem Griff windet?« Jason baute sich neben mir auf und starrte Kyle nieder.
»Sie ziert sich nur etwas, sonst hätte ihre Freundin mich ja nicht angerufen, oder?« Ein selbstgefälliges Grinsen schlich sich auf Kyles Gesicht. »He, Moment mal. Bist du nicht Cartwright? Du bist neben Rivendale mein Idol, weißt du. Vielleicht können wir das kleine Missgeschick vergessen und du kannst mir ein paar gute Tipps geben. Ich bin ein recht passabler Quarterback an der Brentwood, musst du wissen.«
War das ein Scherz? Ich starrte Kyle entsetzt an. Er wollte mich küssen und jetzt sollte ich ein Missgeschick sein? Stattdessen fragte er Jason nach ein paar Football Tipps? War ich in einem Albtraum gefangen und wusste es nicht? Ich ballte die Hände zu Fäusten. Aber etwas anderes machte mir mehr Sorgen. Was wenn Jason sich mit ihm auf Gut-Freund unterhielt? Schließlich gab er diese Party. Es würde mich verletzten, so viel stand fest. Ein Blick zu ihm verriet mir, dass er seine Arme vor der Brust verschränkte und er eine eisige Miene zur Schau trug.
»Junge, wie wäre es, wenn du von meiner Party verschwindest? Und zwar schnell.«
»Wieso sollte ich? Ich bin eingeladen worden außer … Wir können natürlich gleich die Polizei rufen, dass Minderjährige hier sind.« Kyle grinste selbstgefällig und hielt sein Handy zum Beweis in die Höhe.
Mir fiel beinahe der Mund mehrere Stockwerke herunter. Drohte er Jason etwa? Ich traute mich kaum, Jason anzusehen. Sein Körper spannte sich gefährlich an; so hatte ich ihn noch nie erlebt.
»Das glaub ich nicht.« Mike trat hinter Kyle, schnappte sich sein Handy und versenkte das Teil in seinem Becher, der mit einer Flüssigkeit gefüllt war.
»Alter …«
»Wenn du noch mal ›Alter‹ zu mir sagst, Knilch, verprügle ich dich, dass du nicht mehr weißt, welcher Tag heute ist. Jetzt verpiss dich, sonst lernst du uns kennen, klar?« Mike gab ihm sein nasses Handy zurück, da Kyle so oder so keinen Anruf mehr tätigen konnte.
Ich verkniff mir ein Schmunzeln. Als ich in Jasons Gesicht blickte, wurde mir der Ernst der Lage durchaus bewusst. Ich saß wortwörtlich im Schlamassel. Mist.
»Na, wenn das nicht unsere Streberin ist. Was verschafft uns denn die Ehre deines Besuchs? Dass du dich hierher verirrst, wer hätte das geglaubt?«
Ich erstarrte, als ich sah, wer auf mich zu stöckelte, halb bekleidet und mit einem fast nackten Mann, der seinen Arm um sie legte. Kelly.
Ich ließ den Rs7 auf der Fahrbahn stehen, hastete in mein Haus und begab mich auf die Suche nach Chloe. Wenn ich ihrer habhaft würde, dann wäre ihr ein Donnerwetter sicher.
Ein paar Schulterklopfer bekam ich, als ich durch den Flur, in den Wohnbereich und in der Küche erschien, sowie Rufe, die sich wunderten, dass ich jetzt erst aufkreuzte. Wenn ich es hätte vermeiden können, wäre ich gar nicht erst aufgetaucht. Aber das brauchte keiner dieser Leute zu erfahren. Schon des Längeren kotzte es mich an, dass mein Haus für eine solche Art der Unterhaltung herhielt und meine Nachbarn waren auch nicht sonderlich erfreut. Wen wunderte es.
Aber dass ich Chloe nirgends fand, ärgerte mich maßlos. Sie würde doch nicht in den Garten hinaus … Ein Blick durchs Fenster verriet mir, dass sie genau das getan hatte. Ein stiller Fluch lag auf meinen Lippen. Als ich die Terrasse betrat, machte sich so ein kleiner, mieser Wicht an Chloe ran, die sich in seinen Armen wand. In mir kochte das Blut über. Mit wenigen Schritten war ich bei den beiden und zog ihn von Chloe weg. Niemals in meinem bisherigen Leben war ich so wütend, als in diesem Augenblick.
Als dieser Wicht sich auch noch aufregte, war ich kurz davor ihn zu Kleinholz zu verarbeiten. Wie konnte er Hand an sie legen, wenn sie es nicht wollte? War der Junge einmal zu heiß gebadet worden oder was war der unsägliche Grund, dass er nicht der Hellste war?
Was mich aber eindeutig fassungslos machte, war, dass er Chloe als kleines Missgeschick betitelte und mit mir über Strategien reden wollte. Mir war schnell klar, dass er sich irgendetwas erhoffte, wie ihn auf die Seite zu nehmen und ihm ein paar Tipps zu geben. Das würde nur über meine Leiche geschehen. Chloe gehörte zur Familie, auch wenn Nick den Punisher nicht mehr angehörte, aber wir würden unser letztes Hemd für sie geben. Das stand außer Frage.
Nach kurzer Zeit und mit Mikes Hilfe, verschwand der Pseudo-Quarterback. War auch besser für ihn. Die Anspannung, die sich die ganze Zeit in meinem Körper breitmachte, löste sich etwas, als eine junge Frau mit einem Kerl im Schlepptau zu uns schlenderte. Vage kam sie mir bekannt vor, wusste aber nicht, wo ich sie einordnen sollte. Als diese Göre den Mund aufmachte, konnte ich es nicht fassen, dass sie so mit Chloe redete.
»Wer zum Henker bist du denn?« Ich kannte viele, die hier auftauchten, aber es waren immer wieder neue Gesichter dabei. Sowie diese hier.
»Kelly«, murmelte Chloe.
»Du kennst sie? Wen hast du noch alles eingeladen?« Erst jetzt merkte ich, dass meine Stimme viel zu barsch klang.
»Oh nein. Sie hat mich nicht eingeladen. Meine Schwester sagte mir, dass du wieder eine Party gibst, und da wollte ich mit dabei sein.« Diese Kelly lächelte gehässig.
Woher kam mir der Name so bekannt vor? Schwester? Ich versuchte mein Hirn anzustrengen, als Mike das Wort ergriff.
»Wo ist deine Schlampe von Schwester, Kelly? Sie weiß, dass sie hier nicht willkommen ist, und ich nehme einmal an, du auch nicht.«
»Du weißt, wer das ist?«, fragte ich verblüfft.
»Brittanys Schwester«, knurrte Mike.
What? Mir war zwar nicht viel heilig, aber das war der Gipfel der Unverfrorenheit. Ich war so in Rage, dass ich nicht merkte, dass Chloe sich neben mir anspannte, deshalb flüsterte ich: »Geh nach oben in mein Zimmer und bleib dort.« Ein sachtes Nicken erfolgte, ehe sie ging.
»Wohin fliegt das kleine Vögelchen? Ist schon Schlafenszeit?« Die Göre lachte, während sie ihr Getränk an die Lippen setzte und trank.
»Für dich auf alle Fälle, denn wir wollen keine kleinen Intriganten. Also verpiss dich und nimm deine Schwester gleich mit, falls sie sich hier herumtreibt.«
»Ja genau Mini-Tittchen. Lass dir mal vernünftige Möpse wachsen, bevor du hier aufschlägst«, kam von weiter hinten ein Spruch.
