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Hades Jones ist ganz unten angekommen. Seine Freundin hat ihn verlassen und seinen Traum von der Musikerkarriere hat er längst aufgegeben. Desillusioniert von seinem Leben in New York City versucht er sich als Drogendealer durchzuschlagen. Seine Welt gerät vollends aus den Fugen, als ihm sein Freund Lars die neue Designerdroge Faktor 9 anbietet. Nachdem er den neuen Stoff ausprobiert hat, wacht Hades auf einem verlassenen Parkplatz mitten im Nirgendwo auf, ohne Erinnerung, wie er dort hingekommen ist. Doch das ist nicht sein einziges Problem..."Faktor 9" ist eine krude Mischung aus "Göttlicher Komödie" und "Spinal Tap" mit einer gehörigen Portion Punk Attitude. Ein buchstäblicher Höllentrip.
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Seitenzahl: 50
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dennis Staats
Faktor 9
© 2019 MITGIFT Verlag
www.mitgift.at • [email protected]
ISBN: 978-3-903095-12-0
Alle Rechte vorbehalten
Satz & Layout: Ralph Edenhofer
Cover: Ralph Edenhofer / AdobeStock
Dennis Staats
Faktor 9
Hades Jones stand an der Kreuzung 52. Straße und Broadway und sah dem Nachmittagsverkehr zu. Wobei es sich dabei eher um den nachmittäglichen New Yorker Stau handelte. Er hasste diese Stadt. Er war, wie so viele andere vor ihm nach New York gekommen, um den großen Durchbruch zu schaffen. Er hatte eine Punk-Rock Band gegründet, die sich in der Szene auch schnell einen Namen gemacht hatte. Doch schon bald hatte er feststellen müssen, dass das New York, in dem er lebte, nichts mit der Stadt gemeinsam hatte, wie sie in seiner Vorstellung existierte.
Dort wo früher das Max’s Kansas City gewesen war, war jetzt ein Burger King. Aus dem CBGB’s hatten sie eine Herrenboutique gemacht. Punk war out. Konsum war in. Also hatte Hades die Musik bleiben lassen. Die folgenden Jahre hatte er versucht, sich als Schriftsteller durchzuschlagen. Er hatte blutige Horrorgeschichten geschrieben, die er an Fanzines und Underground-Magazine schickte. Als sich aber auch dafür niemand interessierte, hatte er auch das Schreiben aufgegeben, so wie jede andere Ambition aus seinem Leben etwas zu machen. Stattdessen hatte er beschlossen, sich als Drogendealer durchzuschlagen.
Hades schob sich eine Zigarette in den Mundwinkel und zündete sie an, während er den grünen Mohawk von Lars fixierte, der aus dem Meer der Anzugträger auftauchte. Lars trug ein ärmelloses Shirt, zerrissene Jeans und ausgetretene Converse. Wie immer war er gut zwanzig Minuten zu spät, aber was konnte man schon groß von einem Punk erwarten, der in seinem ganzen Leben noch nie gearbeitet hatte und das bisschen Geld, das er brauchte, schnorrte, klaute oder durch Drogengeschäfte verdiente.
„Hey Mann, wie geht’s dir?“, fragte Hades.
„Mmh“, Lars rümpfte die Nase und zog die Oberlippe hoch wie Billy Idol.
„Hast du was für mich?“
„Oh ja.“ Jetzt begann er zu lächeln, wobei er eine Reihe verfaulter Zähne zeigte. Er blickte sich um und zog einen Beutel mit roten Kapseln aus der Hosentasche. „Faktor 9“, flüsterte er und bleckte seine verfaulten Zähne.
„Faktor 9? Noch nie gehört.“
„Ein Neuroleptikum auf der Basis von Blut. Menschenblut.“
„Sag mal, verarscht du mich?“
„Nein Mann, ich schwör‘s. Es wurde entwickelt, um Wahnvorstellungen zu behandeln, aber in der richtigen Dosis … puh … da bläst dir das Zeug die Birne weg, Mann.“
„Hast du es versucht?“
„Bist du irre? Ich bin doch kein verfluchter Junkie.“ Lars versuchte den letzten Satz nach Sarkasmus klingen zu lassen, doch Hades glaubte eher Angst in seiner Stimme zu hören. Trotzdem sagte er nichts, sondern zündete sich stattdessen noch eine Zigarette an. Faktor 9? Menschenblut? Er war sich sicher, dass sich damit ein Geschäft machen ließ. Später war er noch mit den Puerto-Ricanern im Funhouse verabredet und dort trieben sich immer eine Menge schräger Gestalten rum, die auf den beschissenen Stoff abfahren würden.
„Was ist jetzt? Bist du interessiert?“
Hades schnippte die Zigarette weg und nahm Lars den Beutel aus der Hand. Er betrachtete die blutroten Kapseln, als könne er durch bloßes Hinsehen feststellen ob das Zeug gefährlich war.
„Scheiß drauf“, sagte er schließlich und steckte den Beutel ein.
Das Publikum im Funhouse war die übliche Mischung aus Punks, Skinheads und Gothic-Bräuten. Soweit Hades sehen konnte, waren seine Freunde aus Puerto Rico noch nicht da. Also schlüpfte er in eine Nische im hinteren Teil der Bar, wo er sich im Halbdunkel verstecken konnte, bestellte ein Bier und hörte sich die zwölfköpfige Ska-Band an, die auf der Bühne herumturnte.
Seine Anspannung ließ nach und er fühlte sich sogar einigermaßen zufrieden, zumindest so zufrieden, wie es ihm möglich war. Dann sah er sie. Ruby. Sie stand an der Bar und nippte an einem Gin Tonic. Ihre schulterlangen, blonden Locken und ihr kirschrot geschminkter Mund hatten so gar nichts mehr mit dem Punk-Girl zu tun, mit dem Hades ein paar Jahre zuvor in einem versifften Einzimmerappartement auf der Lower East Side zusammengelebt hatte.
Natürlich hatte sie alles, was Hades einst an ihr geliebt hatte, abgelegt. Genauso wie sie ihre Beziehung weggeworfen hatte, weil sie der Meinung war, er wäre ein Verlierer, der sein Leben vergeudete. Stattdessen war sie zu so einem Hipster-Arschloch gezogen. Irgendeinem bärtigen, bebrillten Idioten aus der Werbebranche, der im Geld schwamm und ihr erzählte, sie könnte es als Fotografin weit bringen. Obwohl sie nicht den Funken eines Talents für das Fotografieren besaß.
Hades rutschte noch ein Stückchen weiter in seine Nische. Er wünschte, die verdreckte Polsterung würde ihn verschlucken und ihm so die Begegnung mit Ruby ersparen. Doch er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie ihn sehen und zu ihm rüberkommen würde, um mit ihm zu reden.
Er fischte nach einer Zigarette, zog stattdessen jedoch den Beutel mit den roten Pillen aus der Hosentasche. Normalerweise warf Hades nichts ein, von dem er nicht wusste wie es wirkte, aber die Aussicht, Ruby nüchtern gegenüber zu stehen, gefiel ihm ganz und gar nicht. Also nahm er eine Pille und schluckte sie, ohne weiter darüber nachzudenken mit einem Schluck Bier runter. Er überlegte kurz, kam zu dem Schluss, dass eine wohl nicht reichen würde und schluckte schnell noch eine zweite, der er den Rest seines Bieres folgen ließ.
Ein paar Minuten lang saß er da, ohne dass etwas passierte. Dann geschah das Unausweichliche. Ruby drehte sich um und sah ihm direkt in die Augen. Sie nahm ihr Glas vom Tresen und steuerte direkt auf ihn zu. Sie lächelte, doch selbst aus dieser Entfernung konnte Hades sehen, dass ihr Lächeln aufgesetzt und gequält wirkte, als würde sie eine unbequeme Karnevalsmaske tragen.
