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Eines Tages beginnt Falco zu schreiben. Nachdem er lange mit seiner mitteilungsbedürftigen Begleiterin unterwegs war, will er sich endlich selber Gehör verschaffen. Also fängt er an, von seinem Leben zu erzählen. Ein glückliches Leben, das aber von Schicksalsschlägen nicht verschont bleibt. So muss er den Tod seines geliebten Jefes bewältigen, der sich eines Abends von ihm verabschiedet und nie mehr zurückkommt. Von jetzt an ist er mit seiner Begleiterin unterwegs, was sein bisheriges Leben als Büro-Hund komplett auf den Kopf stellt. Er ist jetzt für ihre gute Laune verantwortlich und soll sie mindestens einmal täglich zum Lachen bringen. Mit ihr zusammen erlebt er aufregende Abenteuer, reist durch die ganze Schweiz und ins Ausland. Er beobachtet die Menschen, gehorcht meistens, hat aber oft eine pointierte Meinung zu den Ansichten der Zweibeiner.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ankunft
Büro
Schuhe
Smart
Schule
Treppe
Gefährlich
Italien
Trüffel
Brücken
Goya
Freundschaft
Weihnachtswunder
Gartenschlauch
Wiese
Verteidigung
Entdeckungen
Wasserleitung
Dackel
Hundeparadies
Besuch
Veränderungen
Engadin
Gletscher
Japanerinnen
Moritz
Krank
Zusammenhalten
Frühling
Auswärts fressen
Christian
Training
Burgund
Parfüm
Reise
Psychologie
Kurstage
Pfeife
Senioren
Angriff
Verliebt
Sommer
Befehle
Unwetter
Oktoberblues
Nachtausflug
Advent
Neujahr
Bäume
Schwimmen
Friesland
Unwetter
Begegnungen
Würste
Bobbahn
Restaurants
TimeOut
Stanserhorn
Sommer
Vito
Bretagne
Adieu
Nachwort
«Aua, du hast mich gebissen, du kleines Biest!» Sofort zog der Mensch seine Hand zurück und betrachtete sie verwundert. Hatte ich jetzt schon verloren, bevor es angefangen hatte? Ich wollte mich nur bemerkbar machen. Zeigen, dass ich bereit war. Bereit zum Aufbruch, bereit die Welt kennen zu lernen. Drei meiner Geschwister waren in den letzten Tagen weggegangen, aufgebrochen in ein neues aufregendes Leben.
Die Finger, die er mir entgegengestreckt hatte, rochen gut, ich glaubte, den Duft der weiten Welt zu erkennen. Obwohl ich noch nichts wusste vom Leben ausserhalb meiner Welt. Meine Erfahrungen beschränkten sich auf die Tenne eines Bauernhofes und auf den nahen Wald mit seinem kleinen Bächlein. Hierhin durften wir mit den Kindern des Bauern zum Spielen, seit uns unsere Mutter etwas mehr Freiheit liess. Bereits knabberte ich gelegentlich an würzigen Fleischbrocken, die uns die Bäuerin vorsetzte und war nicht mehr auf die Zitzen meiner Mutter angewiesen.
Es war Zeit, dass ich neue Eindrücke bekam, ich wollte endlich die Welt kennenlernen.
Ausserdem wollte ich nicht mehr vorgeführt werden. Immer wieder kamen Menschen zu Besuch und unsere Bäuerin trieb uns zusammen, erzählte, dass wir zwölf junge Golden Retriever seien, der erste Wurf von Aisha. Zwar ohne Papiere, aber eigentlich reinrassig.
Schon drei meiner Geschwister wurden mitgenommen. Beim ersten Mal hatte ich etwas Angst, wenn da ein fremder Mensch kam und uns begutachtete, hochhob, von allen Seiten untersuchte. Aber dann hatte ich gesehen, dass die Menschen, mit denen meine Geschwister gegangen waren, immer sehr glücklich schienen. Ich war sicher, dass sie es bei diesen Menschen guthaben würden.
Ich wollte endlich auch etwas Besonderes sein, nicht nur einer von zwölf jungen Hunden. Darum hatte ich in den Finger gezwickt, den mir der Besucher hinstreckte. Und jetzt rieb er ihn verwundert und sah mich vorwurfsvoll an. Ich guckte zurück, wollte nicht klein beigeben.
«Der scheint mich zu mögen», hörte ich den Menschen jetzt zu seiner Begleiterin sagen und schon hob er mich vom Boden auf. «Na du, wollen wir es zusammen versuchen?» fragte er und ich hätte ihm aus lauter Freude am liebsten in die Nase gepikst, liess es aber bleiben, Menschen scheinen andere Berührungen zu mögen.
Als ich kurz darauf auf dem Rücksitz eines Autos lag, wusste ich, ich hatte es geschafft, jetzt würde ich die Welt kennenlernen.
Etwas mulmig war mir trotzdem, immerhin war es meine erste Fahrt in einem Auto. Ein wenig vermisste ich jetzt meine Geschwister, meine Mutter, die immer aufgepasst hatte, wenn die Menschen-Kinder allzu stürmisch mit uns umgegangen waren, wenn etwas Aussergewöhnliches passierte. Ab jetzt würde ich auf mich selbst gestellt sein.
«Du zitterst ja, brauchst keine Furcht zu haben», sagte der Mensch, der neben mir sass und mich beruhigend streichelte.
«Falco heisst du», sagte er.
Falco, das klang nach Freiheit, nach Abenteuern. Ob er meine geheimsten Wünsche ahnte? «Ich heisse David», stellte er sich vor, «und das ist Bettina, meine Frau». Sie sass am Steuer. Langsam beruhigte ich mich und schmiegte mich fest an ihn. Er würde mir helfen, wenn es nötig wäre.
Ich war fast eingeschlafen, als das Auto stoppte. David hob mich vom Sitz und trug mich auf den Armen zu meinem neuen Zuhause. Zwischen Auto und Haus trafen wir auf eine Gruppe Menschen.
«Jö, wie herzig!» «Wie heisst er?» «Wie alt ist er?» Die Fragen stürmten nur so auf uns ein und von allen Seiten wurde ich gestreichelt.
«Er heisst Falco, ist zwölf Wochen alt und wird von jetzt an bei uns leben», erklärte David und ich hörte den Stolz in seiner Stimme. «Das sind unsere Nachbarn», flüsterte er mir zu. «Es ist besser, wenn du dich mit ihnen gut verstehst», fügte er an. Endlich war ich jemand, endlich wurde ich beachtet. Sogar die Nachbarn hatten sich extra versammelt, um mich zu begrüssen.
Erst viel später habe ich begriffen, dass sie sich an diesem Abend zu einem Adventsfenster-Rundgang vor der Kapelle versammelt hatten, aber im Moment nahm ich alle Aufmerksamkeit ganz persönlich und fühlte mich sehr wichtig.
Als wir im Haus ankamen, brauchte ich keine weiteren Erklärungen. Ich legte mich ins Körbchen unter der geschmückten Tanne. Bettina legte meine Gummiente dazu, die sie von meinem früheren Heim mitgebracht hatte. Dass ein Baum in der Stube stand, fand ich sehr exotisch, denn die gab es auf dem Bauernhof nur im Wald. Hier stand tatsächlich eine junge Tanne direkt auf dem glatten Stubenboden. Wenn ich von all den neuen Eindrücken nicht so verwirrt gewesen wäre, hätte ich gerne eine der glänzenden Kugeln, die daran hingen, etwas näher betrachtet. Doch im Moment war ich so müde, dass ich gleich eingeschlafen bin.
Als ich erwachte, fuhr ich mir mit den Pfoten über die Augen. Wo war ich da nur hingeraten? Wo war die grosse vertraute Zunge meiner Mutter, mit der sie mich beruhigte, wenn sie mich ins weiche Nest zurückbrachte, nachdem ich wieder einmal den Bretter-Verschlag überklettert hatte auf der Suche nach Abenteuern? Und wo waren die Geschwister, die mir immer den Platz neben der Mutter streitig gemacht hatten? Als ich die Augen richtig offen hatte, erkannte ich die beiden Menschen, David und Bettina, die mich eingehend beobachteten.
«Schau mal, er ist wach! Guck, seine Augen sind geöffnet, schau nur, diese kleine süsse Zunge, bestimmt hat er Durst. Vielleicht Hunger. Vielleicht muss er hinaus», mutmasste der Mann und hob mich aus dem bequemen Körbchen. Ich hatte kaum richtig begriffen, um was es eigentlich ging, schon sass ich draussen auf der Wiese. «Hier darfst du, hier kannst du dein Geschäft erledigen.» Ich hatte keine Ahnung, was er meinte und liess vor lauter Verwirrung das Wasser laufen.
Unglaublich, was Menschen für eine Aufregung veranstalten können. Er geriet völlig aus dem Häuschen, lobte mich, sagte, dass ich der schlauste Hund sei, den er je gekannt hätte. Dass er sehr stolz auf mich sei. Nachdem ich verstanden hatte, dass die ganze Aufregung positiv war, reckte ich meinen Kopf, den ich beim ersten Ausruf ängstlich eingezogen hatte, wieder hoch. Später habe ich erfahren, dass ich der erste Hund war, den die beiden näher kannten.
Bettina war inzwischen auch im Garten und fragte, ob ich etwas fressen möchte. Und ob ich das wollte. Sie zeigte mir meinen neuen Napf und füllte etwas Futter hinein. Danach wollte ich nur noch zurück in mein Körbchen. Bevor ich die Augen ganz schloss, sah ich, dass auch David es sich auf dem Sofa gemütlich machte. Bald darauf müssen wir beide eingeschlafen sein.
So vergingen die ersten Tage im neuen Heim. In meinem bequemen Korb unter der Tanne schlafen, kurze Spaziergänge zur Wiese bei der Kapelle, Geschäfte erledigen, essen und trinken. Dazwischen Knuddeln und Komplimente bekommen. Und immer im Mittelpunkt stehen. Genauso hatte ich mir mein Leben vorgestellt.
«Heute gehen wir arbeiten, die Feiertage sind vorbei». Das war eine verlockende Ankündigung. Es schien, als ob etwas Neues anfangen würde. Bettina hatte sich am frühen Morgen verabschiedet, sie ging auch arbeiten.
Arbeiten. Was auch immer das war, es klang verheissungsvoll und ich war sehr gespannt, was das sein mochte. Wir waren in den letzten Tagen nur kurz vor die Haustüre gegangen, damit ich im Rasen oder vorne bei der Kapelle, wo wir am ersten Tag die Nachbarn getroffen hatten, meine Geschäfte, wie David das nannte, erledigen konnte. Hier lag noch etwas Schnee und ich liebte es, mich darin zu wälzen und mich abzukühlen.
An diesem Tag fuhren wir mit dem Auto. Nur kurz zwar, aber David erklärte mir, dass wir diese Strecke in Zukunft zu Fuss gehen würden. Wir kamen zu einem Haus mit einer Treppe davor. David hob mich hoch und trug mich hinauf. Dann traten wir in den Lift. So nannte er diesen kleinen Raum und er wies mich an, mich an seine linke Seite zu setzen. Sitzen konnte ich damals noch nicht richtig, aber es schien, dass es ganz wichtig war, in einem Lift am richtigen Ort zu sein. Eintreten, umdrehen und sich setzen.
Die Türe schloss sich mit einem Sirren und als sie sich wieder öffnete, waren wir an einem ganz anderen Ort.
«Guten Morgen» rief David, als wir zusammen durch eine Türe gingen. Eine Frau kam auf uns zu. Es war Liebe auf den ersten Blick. Petra hiess mich mit offenen Armen willkommen, sie strahlte so eine Freude aus, dass ich nur noch schwanzwedelnd auf sie zurennen konnte. Später habe ich verstanden, dass sie in dem Büro mit meinen beiden neuen Freunden arbeitet, aber im Moment glaubte ich, dass sie extra nur für mich da sei. Sie holte Wasser für mich, legte eine Decke unter ihr Pult beim grossen Fenster, so dass ich mich gleich ausruhen konnte. Und wenn ich mich aufsetzte, konnte ich von meinem Schlafplatz durch die grossen Fenster, die bis zum Boden reichten, direkt hinunter auf die Strasse sehen. Das war jetzt also ein Büro. Zuerst bekam ich nicht viel mit, ich schlief meistens. Am Mittag machte ich mit David, den Petra 'Chef nannte, einen Spaziergang. Chef, oder Jefe, das sei spanisch, gefiel mir sehr gut. Seither nannte ich ihn auch 'Jefe’.
Später kamen drei kleine Buben ins Büro. Das war sehr lustig. Wir tollten herum, spielten im langen Gang vor den Büros. Der Jefe plauderte derweil mit dem Vater der Buben und Petra war am Telefon. Ich war so vertieft ins Spielen, dass ich alles andere vergass und da passierte es. Ich musste mein Wasser lassen. Das war nicht sehr geschickt und einer der Buben ging und erzählte es meinem Jefe. Der war sofort bei mir, schimpfte und trug mich hinaus auf die Wiese. Da sass ich also, zwischen ein paar verkrusteten Schneeresten und wusste nicht, was machen. Es gab nichts mehr, was ich hätte loslassen können, konnte nur noch dasitzen, ihn anschauen und mit dem Schwanz wedeln
«Komm Falco, wir gehen wieder hinein, ich muss arbeiten. In Zukunft kommst du zu mir, wenn du hinausmusst». Ich wusste natürlich, was er meinte, aber manchmal hat man einfach keine Zeit zum Hinausgehen.
Die Buben verabschiedeten sich bald darauf, ihr Vater packte seinen Computer ein und ich konnte mich auf mein Lager unter dem Pult verkriechen und ein wenig dösen
Im Büro gab es für mich nicht viel zu tun. Manchmal kamen Leute, die musste ich natürlich begrüssen. Und dann wurde ich gestreichelt. Von allen, die zu uns kamen, bekam ich Komplimente. Manchmal wollte ich dann vor lauter Freude an ihnen hochspringen, doch das wurde mir strikt untersagt. Es gab ein paar Sachen, die ich unbedingt beachten musste. Dazu gehörte das Verbot des Hochspringens, oder das Kabel-Kauen. Das verbot mir David, als mir noch gar nicht in den Sinn kam, dass man da hineinbeissen könnte. Ich hatte nur ein wenig daran geschnuppert, da erklärte er mir deutlich und ziemlich laut, dass das absolut verboten sei. Er gab mir dafür ein dickes Seil, an dem ich meine Zähne ausprobieren durfte und das immer mehr zerfranste, dafür aber immer besser roch. Nach mir, nach Büro und nach den Händen meiner Freunde, es wurde immer persönlicher.
Am Morgen kam der Briefträger und brachte Briefe und die Zeitung. Petra nahm die Sachen entgegen und gab mir die Zeitung, damit ich sie dem Jefe ins andere Büro bringen konnte. Am Anfang war das eine ziemlich schwierige Aufgabe. Ich musste das Papierbündel richtig ins Maul bekommen, aber mit der Zeit hatte ich es im Griff und wusste, wie ich das Gewicht ausbalancieren konnte. Dafür wurde ich vom Jefe immer gelobt und geknuddelt.
Einmal leerte ich den Papierkorb aus. Das war eine spannende Sache, denn darin gab es viele Papiere zum Zerfetzen. Danach sah es unter dem Pult von Bettina fast so aus wie draussen, wo im Moment noch immer etwas Schnee lag.
Die Spaziergänge mit David wurden länger, bald gingen wir am Morgen zu Fuss ins Büro. Das sei wichtig, erklärte mir Bettina. Nicht nur für mich, sondern vor allem für meinen Jefe, denn meine Aufgabe sei es, dafür zu sorgen, dass er mögliehst viel zu Fuss unterwegs sei. Das gefiel mir, ich wurde immer kräftiger und konnte inzwischen längere Strecken bewältigen. Tagsüber schlief ich im Büro, während die anderen arbeiteten. Dazu sassen sie an ihren Pulten und redeten viel. Miteinander oder in dieses graue Ding, das mit einem langen Kabel am Pult hing. Oder sie drückten auf ihren Tastaturen herum. Mir war das egal, solange ich mein Wasser und gelegentlich ein paar Streicheleinheiten bekam.
Ich konnte meine Leute unbemerkt beobachten und erkannte bald, ob sie angespannt waren, oder ob sie gute Laune hatten. Manchmal war auch Bettina im Büro. Auch sie hing meistens mit dem Kabel am Pult. Anstrengend kann diese Arbeit nicht sein, jedenfalls kamen sie dabei nie ausser Atem. Ganz im Gegenteil, Bettina lag manchmal in ihrem bequemen Bürostuhl, stellte die Füsse auf den Papierkorb und fuchtelte mit der freien Hand, während sie sich die andere ans Ohr hielt und langwierige Gespräche führte. Trotzdem erzählten sie dann ihren Freunden am Feierabend, wie anstrengend der Tag gewesen sei. Sie verliessen sich darauf, dass ich sie nie verraten würde, denn für mich schienen ihre Tage mit viel Gesprächen, Witzen und Lachen angefüllt, das kann doch nicht so anstrengend sein.
Gleich hinter der Haustüre, bevor man in die Stube tritt, liegen bei uns diese Fussschützer von Bettina und David. Wenn wir nach Hause kommen, streifen sie sie dort von den Füssen und ich bekomme jedes Mal eine Nase voll von dem verheissungsvollen Duft. Es gibt weiche farbige, in die sie zu Hause hinein schlüpfen, harte aus Leder oder weichere aus Stoff, bei denen sie sich jeweils bücken, wenn sie sie über die Füsse streifen und fragile, mit dünnen Spitzen, in die Bettina hinein schlüpft, bevor sie das Haus verlässt. Sie alle riechen wunderbar. Natürlich kenne ich den Geruch, es ist eine Mischung von Jefe und einer animalischen Herbheit, die vom Material kommen muss.
Schon lange wollte ich diese Dinger genauer untersuchen und da sie offensichtlich nicht gebraucht werden, wenn wir zu Hause sind und es ausserdem genügend davon gibt, nahm ich eines Tages allen Mut zusammen. Ich wollte analysieren, was es mit dem aufregenden Duft auf sich hat und ausserdem wollte ich meinem Jefe zeigen, wie sehr ich ihn und seinen Geruch mochte. Er sass vor dem Fernseher, während ich zur Haustüre schlich. Da lagen sie. Immer zwei gleiche. Meine Nase war ganz aufgeregt, wollte die verschiedenen Nuancen aufschlüsseln. Ich wusste vor lauter Auswahl nicht, für welches Modell ich mich entscheiden sollte. Kurzerhand biss ich in einen braunen Fussschützer, klemmte ihn zwischen die Zähne und wollte ihn schwanzwedelnd meinem Jefe bringen, damit wir uns das Ding zusammen ansehen konnten. Vielleicht konnte er mir dazu etwas erzählen, er wusste ja immer über alles bestens Bescheid.
Ich hatte das Ding also fest in der Schnauze und näherte mich, aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd, der Couch, wo mein Jefe interessiert in den Bildschirm guckte. Er schien mich erst gar nicht zu bemerken. Ich hatte schon das halbe Wohnzimmer durchquert, als unerwartet seine Stimme ertönte. «AUS! Willst du wohl meinen Schuh loslassen! Was fällt dir ein?»
Ich hatte noch nie jemanden so laut schreien gehört, liess das Ding fallen und fühlte mich vom Gebrüll komplett erschlagen. Mitten in der Stube blieb ich völlig verblüfft stehen, der Schuh lag vor mir und sein Geruch muss auf Anhieb verpufft sein, jedenfalls hörte ich nur noch die Stimme, die überhaupt nicht mehr aufhörte. «Ja Jefe», hätte ich gern gesagt «ich hatte doch keine Ahnung, dass ich das nicht darf, bisher war alles, was auf dem Boden lag, für mich zum Spielen. Ich hab’s nicht gewusst.»
Natürlich hatte ich keine Chance, ihm das irgendwie mitzuteilen. Er war mit seinem Vortrag noch lange nicht fertig, während ich inzwischen auf dem Boden lag und versuchte, ihm mit Blicken zu zeigen, dass es mir wirklich leidtat.
Endlich hatte er alles gesagt, packte den Schuh und legte ihn zurück zu den anderen. Dann setzte er sich wieder vor den Fernseher. Vorsichtig kroch ich näher und versuchte mich an seine Füsse zu kuscheln. Die rochen auch ganz interessant, aber natürlich wollte ich ihm das nicht zeigen. Nicht jetzt.
«Alles klar, Falco, ich glaube, du hast verstanden», brummelte er und kraulte mich hinter den Ohren, da wo ich es besonders mag.
Schuhe und Socken sind seither uninteressant für mich. Ich würde um keinen Preis der Welt je wieder einen anfassen. Ich würdige die Sammlung hinter der Haustüre mit keinem Blick mehr. Nur manchmal schleicht sich ein verführerischer Duft in meine Nase, wenn ich daran vorbeikomme, dann lege ich mich zu Füssen meines Jefe und schnuppere da ein wenig.
Übrigens hat mir an jenem Abend Bettina einen kleinen Stoffhasen mitgebracht. Der roch nach gar nichts, darum habe ich ihn in seine Bestandteile zerlegt und diese in der ganzen Stube verteilt.
Petra war meine Spezialfreundin. Vom allerersten Moment an, hatten wir eine ganz enge Verbindung. Im Büro lag ich zu ihren Füssen unter dem Pult. Sie sorgte dafür, dass ich immer frisches Wasser in meinem Napf bei der Kaffeemaschine hatte. Und wenn es am Morgen Gipfeli gab, teilte sie ihres mit mir. Sie passte auch auf, dass mein Jefe genug mit mir hinausging. Sie zog mir am Morgen, wenn wir ins Büro kamen, als erstes mein Halsband aus und wenn ich mit meinem Jefe hinausging, rief sie mir nach: «Falco, komm zieh deine Krawatte an». Mit ihr kam ich mir immer wie ein vornehmer Hund vor, mit Krawatte.
Manchmal durfte ich bei ihr im Auto mitfahren. Sie fuhr ein richtiges Petra-Auto. Eigentlich ein Auto, das genau für sie und mich gemacht war. So winzig, dass zwar vorne noch eine andere Person Platz gehabt hätte, aber dort stand immer ihre Handtasche und hinter ihrem Sitz war genau so viel Platz, dass ich mich hinsetzen konnte. Ausserdem hatte dieses Auto einen sehr speziellen Ton. Das sei ein Smart, erklärte sie, wenn David sie wieder einmal auslachte. Er meinte, das Auto sei sowas wie ein etwas gross geratenes Tamagotchi. Ein Tamagotchi war ein kleines Gerät, das vor allem die Kinder bei sich hatten und es wie ein kleines Tierlein behandelten. Es fütterten, streichelten und dafür sorgten, dass es genug Schlaf hatte. Petra musste sich einiges anhören zu ihrem Auto, aber sie liebte es und für mich war es das ideale Transportmittel. Ich erkannte es immer an seinem eigenwilligen leisen Summen, lange bevor ich es sah.
Leider war es aber nicht der einzige Smart, der auf den Strassen verkehrte. Ich schaute jedem Smart nach, dem wir begegneten und meine Leute haben ihn meistens erst bemerkt, wenn sie das Auto sahen, während ich einen Smart immer schon am Ton erkannte. Wenn wir zu Fuss unterwegs waren, gab es manchmal Kämpfe auszustehen, wenn ich einen Smart vorbeifahren hörte und versuchte, ihm zu folgen oder hinterher zu rennen.
«Ach komm Falco, das war ein roter, Petra fährt ein schwarzes Auto». Blöd halt, dass ich Farben nicht gut unterscheiden kann. Ich kann mich am Ton oder an der Form orientieren, aber nicht an der Farbe. Wenn wir auf einem Parkplatz anhielten und ich aus dem Auto sprang, konnte es manchmal vorkommen, dass ich einem Smart hinterherrannte, bis er parkierte und die Person ausstieg. Wenn mein Jefe dann hinterherkam, hat er sich meistens entschuldigt: «Seine Freundin fährt eben einen Smart und mein Hund kennt den Ton». Ich weiss nicht, was die Leute sich dachten, wenn er von meiner Freundin im Smart sprach, aber eigentlich stimmte das ja.
Es war ein Samstag und meistens waren wir am Morgen ziemlich spät unterwegs. Aber heute schien ein spezieller Tag zu sein. David achtete darauf, dass ich mein Geschäft früh erledigt hatte, dann stiegen wir ins Auto und fuhren an die Emme. Die Emme ist ein Fluss, der ganz in der Nähe von unserem Haus fliesst und an dessen Ufer entlang wir jeweils zum Büro gehen. Wir hätten zu Fuss gehen können, aber mein Jefe meinte, ich soll fit sein und nicht müde vom Herumrennen, wir würden heute in die Schule gehen.
Schule, das war eine ganze Horde junger Hunde. Was für ein Spass. Wir durften auf der Wiese herumtoben. Bis uns unsere Chefs riefen. «Falco!» rief mein Jefe und es brauchte eine ganze Weile, bis ich ihn hörte. War doch grad richtig lustig, hinter dem wirbligen Jack Russel her zu rennen, und ausserdem war mir der grosse Schäferhund auf den Fersen. Auch der elegante weisse Pudel war ganz aus dem Häuschen. Und erst der Dalmatiner mit seinen schwarzen Punkten. Und jetzt sollten wir also alle in einer Reihe stehen. Und warten, bis unsere Chefs auf die andere Seite des Feldes gelaufen waren und uns von dort wieder riefen.
Ich habe viele neue Freunde gefunden und durfte mit ihnen spielen. Raufen, herumrennen, meine Kräfte messen. Ich musste mir auch Zurechtweisungen von anderen gefallen lassen und versuchte meinerseits mir etwas Respekt zu verschaffen. Wir haben eine ganze Menge gelernt, was ein Kommando ist, wann man aufpassen muss und wann man spielen darf. Auch unsere Chefs mussten sich einiges anhören. Ich habe dabei nicht genau aufgepasst, ich nahm an, dass mein Jefe mir schon beibringen würde, was ich wissen musste.
Von da an gingen wir jeden Samstag-Morgen in die Schule, mein Jefe und ich. Manchmal kam auch Bettina mit und hat uns zugesehen. Ich habe mich bemüht, alles richtig zu machen. Zu verstehen, was 'Platz’ bedeutet, 'Sitz’ oder 'Warten'. Inzwischen konnte ich auch richtig sitzen, so dass mich nicht mehr alle Leute auslachten oder 'Jöh, wie herzig, der kann ja noch nicht einmal richtig sitzen!’, riefen. Wenn ich nicht grad mit etwas anderem beschäftigt war, kam ich sofort her, wenn mein Jefe oder Bettina 'Komm Falco!’ riefen. Oft wurde ich aber auch abgelenkt. Von einem ungewöhnlichen Geruch in der Wiese, einem Geräusch in der Luft, oder von einem Kollegen, der auch keine Lust hatte, immer am Fuss seines Chefs zu kleben.
Langsam lernten wir alle, besser aufeinander zu hören. Wenn ich etwas richtig gemacht hatte, rühmte mich mein Jefe über alle Massen. Manchmal war es fast ein wenig peinlich und ehrlich gesagt, ich hätte auch gern einmal ein Gutzeli von ihm bekommen, statt vieler Worte. So wie meine Freunde, die oft mit Leckerbissen überschüttet wurden. David war da strikt. Futter gab es nur zu Hause. Nie hatte er eine Überraschung im Sack, nie wurde ich mit einem Goodie belohnt, wenn ich seine Befehle richtig ausführte. Manchmal verstand ich ihn nicht auf Anhieb, wusste nicht, was er von mir verlangte. Dann versuchte ich es mit Augenaufschlag. 'Lass gut sein’ wollte ich ihm dann sagen, doch er war unerbittlich, verlor nie die Geduld, wir übten einfach länger, bis seine Augen vor Stolz glänzten, wenn ich endlich begriff, was er von mir wollte und wir beide mit hoch erhobenem Kopf vom Platz gehen konnten.
Unsere Spaziergänge wurden immer länger. Ich kannte inzwischen jeden Baum an der Emme, jeden Strauch und wusste auch, wer vor mir hier unterwegs gewesen war. Da waren jede Menge Kollegen, die vor mir ihre Markierungen angebracht hatten. Natürlich musste ich auch zeigen, dass ich da war und als ich endlich den Dreh mit dem ,Bein heben' raushatte, markierte ich die wichtigsten Stellen täglich mit meiner Duftmarke.
An der Emme ist immer viel los. Da sind nicht nur Hunde mit ihren Begleitern unterwegs, uns begegneten auch viele Menschen, grosse und kleine, allein, in Gruppen oder gar auf dem Fahrrad. Oder Pferde mit Reitern. Beim ersten Mal bin ich ziemlich erschrocken, als mir so ein grosses Tier begegnet ist. Zum Glück stand David neben mir, so dass niemand merkte, dass ich eingeschüchtert war. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und ging ihnen aus dem Weg. Ganz sicher ist man bei diesen hohen Tieren nie. Aufpassen musste ich auch bei den Joggern. Wenn sie an mir vorbei rannten, glaubte ich zuerst, ich könnte mitrennen, doch das gehört sich nicht, meinte mein Jefe.
Ich musste lernen, wie man Leuten begegnet. Nicht auf sie losrennen und hochspringen, auch wenn das Spass macht, und die Leute solange ich klein war sogar Freude daran hatten. Nein, ganz gesittet stehen bleiben und warten, bis sie vorbei sind. Oder stehen bleiben und warten, wenn David anfing, mit ihnen zu reden. Das war langweilig. Wenn er nicht auf mich achtete, rannte ich über die Wiese davon. Das war aufregend, bis er mich wieder zurückrief und mir erklärte, dass ich das nicht darf, weil in der Nähe die Eisenbahn sei und ich leicht unter den Zug geraten könne.
Wir gingen auch oft hinunter ans Wasser, wo er nicht aufhören konnte, für mich Stecken ins Wasser zu werfen, die ich für ihn zurückholen sollte. Das war überhaupt eines der schönsten Spiele. Stecken holen. Davon konnte ich gar nicht genug bekommen. Manchmal musste ich dem Stecken lange nachrennen, wenn das Wasser ihn mitnahm, er zwischen den Steinen stecken blieb oder rasch auf dem Wasser dahinschnellte. Ich lief dann am Ufer neben ihm her und liess ihn nicht aus den Augen, und kurz bevor er endgültig im tieferen Wasser mitgerissen wurde, rettete ich ihn und brachte ihn meinem Jefe zurück. Jedenfalls meistens. Die Emme ist an vielen Stellen nicht sehr tief und ich konnte fast überall stehen und unbesorgt hineinspringen.
Einmal, im ersten Winter, überall lag Schnee und die Emme war noch fast zugefroren, sprang ich im Übermut von einem Stein direkt ins tiefe Wasser und musste mit allen Vieren paddeln, damit ich wieder ans Ufer kam. David und Bettina schrien auf und als ich zurück am Ufer war, konnten sie gar nicht mehr aufhören, auf mich einzureden. «Du erkältest dich - du kannst doch gar nicht schwimmen - das ist gefährlich» und dergleichen mehr, musste ich mir anhören. Sie packten mich auf den Arm und brachten mich nach Hause, wo ich ausgiebig frottiert wurde. Ich fand das zwar sehr angenehm, aber die Aufregung und das Ausschimpfen gefielen mir gar nicht. Ich nahm mir vor, nie mehr ins tiefe Wasser zu gehen.
Neben der Haustüre führt bei uns eine Treppe in den Keller. Eine andere führt hinauf in den ersten Stock. Beide Treppen interessierten mich lange Zeit überhaupt nicht. Auch wenn meine Leute abends in den ersten Stock stiegen, ich blieb in der Stube. Das war der wichtigste Raum im Haus, denn er geht direkt in die Küche und dort stehen meine beiden Näpfe. Dort gibt es abends mein Essen und während des Tages wird mein Wassernapf immer wieder aufgefüllt. Und manchmal, wenn mein Jefe oder Bettina das Essen vorbereiteten, gibt es dort ganz spezielle Köstlichkeiten. Nämlich dann, wenn ihnen etwas zu Boden fiel. Ein Stück Schinken, etwas Hühnchenfleisch. Ich passte immer ganz genau auf, wenn jemand in der Küche hantierte, setzte mich daneben und folgte mit den Augen jeder Bewegung der Hände.
Eines Abends, wir lagen grad gemütlich vor dem Fernseher, mein Jefe auf der Couch, und ich auf dem Teppich davor, da rief Bettina: «Falco! Komm zu mir!» Wo war sie denn, eben hatte sie noch am Tisch gesessen, jetzt konnte ich sie nicht mehr sehen. Ich stand auf, versuchte ihre Stimme zu lokalisieren und tatsächlich da stand sie, am Ende der Treppe, die in den Keller führt. Dort unten stand sie und rief: «Falco komm her!»
Was, da hinunter? Ich darf doch keine Treppen gehen, das hatte mir mein Jefe gesagt. Ich sei noch zu klein dafür. Ich fand das auch ganz vernünftig, denn wenn man sich auf dieses steile Gelände einlässt, könnte man gut kopfvoran hinunterpurzeln.
«Komm doch Falco, du musst das lernen!» Es schien ihr ernst zu sein, sie stand da unten und hatte doch tatsächlich ein Stück Wurst in der Hand. Das roch sehr verführerisch. Doch ich blieb standhaft, das heisst, ich blieb oben an der Treppe stehen, neigte meinen Kopf ein wenig und sah mir das Würstchen an.
«Jetzt komm schon, sei kein Spielverderber!» Sie legte ein Wurststücklein auf die oberste Stufe. Vorsichtig neigte ich den Kopf, stützte mich mit den Vorderbeinen auf der Stufe ab und schnappte danach. Sofort zog ich mich zurück auf meine Ausgangsposition. Stolz, dass ich es geschafft hatte, hob ich den Kopf und genoss das feine Goodie. Doch das war erst der Anfang, jetzt legte sie wieder ein Wurststücklein hin, diesmal auf die zweite Stufe. Nein, das gilt nicht, das schaffe ich nicht. Vorsichtig tastete ich mich noch einmal vor, stellte die Vorderbeine auf die erste Stufe, schnupperte, doch das ging nicht. Was sollte ich mit den Hinterbeinen machen, die blieben oben, ich lag bäuchlings auf dem Boden.
Nein, ich wollte es nicht riskieren, die Treppe hinunter zu purzeln, ich blieb liegen und fing an zu winseln. Doch das half gar nichts. Im Gegenteil, jetzt fing sie an, mich auszulachen. Und auch mein Jefe kam dazu und fand, dass ich die paar Stufen machen soll. «Das ist doch keine Sache Falco, das schaffst du mit links. Du musst lernen, Treppen zu steigen, das ist wichtig für deine Entwicklung.» So ein Verräter. Im Büro fahren wir jeden Tag mit dem Lift. Hinauf und hinunter. Ich versuchte es noch einmal, reckte mich auf die erste Stufe vor, aber es half nichts, ich konnte mich nicht überwinden. Zum Glück hatte auch Bettina jetzt genug. Aber statt mir das Stücklein Wurst zu geben, legte sie es in den Kühlschrank.
Wenn Bettina sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, blieb sie stur. Sie fing am nächsten Tag wieder damit an. Diesmal legte sie sogar auf jede Stufe ein Stück Wurst. Unfassbar, das roch unwiderstehlich. Ich tigerte hin und her, neigte mich nach vorn und erwischte tatsächlich das Stück auf der obersten Stufe. Aber weiter traute ich mich nicht. Zuerst versuchte ich, die Wurst zu hypnotisieren, dann versuchte ich es mit Bettina, schaute ihr direkt in die Augen. Doch sie gab nicht nach, stand da unten und lockte, rief, schimpfte mit mir und das schlimmste: sie lachte mich aus. Natürlich hätte ich nie zugegeben, dass ich Angst hatte, aber sie schien es zu merken.
Und dann passierte etwas. Ein schwarz-weisses Bündel flitzte an mir vorbei, packte das Wurststücklein auf der zweiten Stufe und war gleich wieder verschwunden. Hinter mir stand die Haustüre offen und Nachbars Katze hatte die Gelegenheit ergriffen, hereinzustürmen. Das war nun echt zu viel. Das konnte ich mir nicht gefallen lassen. Es schien, dass ihr die Treppe überhaupt keinen Eindruck gemacht hatte. Und ich wohl auch nicht, sonst hätte sie sich das nicht getraut. Ich war völlig verdutzt, und dass Bettina jetzt auch noch lauthals loslachte, half meinem Selbstbewusstsein auch nicht wirklich. Also versuchte ich es noch einmal. Und schaffte es tatsächlich bis zur dritten Stufe. Und da ich schon mal da war, ging es auch noch weiter. Jedes Stücklein, auf jeder Stufe schnappte ich mir und sprang direkt in die Arme von Bettina. Die freute sich noch fast mehr als ich, knuddelte mich, rühmte mich und meinen Mut und sagte doch tatsächlich, dass sie nicht erwartet hatte, dass ich das heute schaffen würde. Von diesem Tag an übten wir öfters auf der Kellertreppe und es funktionierte dann auch ohne Extra-Wurst, im Büro benutzten wir aber weiterhin den Lift.
«Ist er pericoloso?» die Frau sprach italienisch, zeigte auf mich und ich hatte keine Ahnung, was sie gesagt hatte. Bettina wahrscheinlich auch nicht, aber sie beteuerte eifrig, dass ich sehr pericoloso sei, dass ich eigentlich überhaupt nur pericoloso sei. Die Frau an der Rezeption des Hotels brachte ihren Mund gar nicht mehr zu und schaute mich sehr erschrocken an.
Ich sass völlig brav vor der Theke und konnte genau sehen, wie die Frau anfing zu zittern, während Bettina immer noch radebrechend etwas von mir erzählte, was die Frau komplett aus der Fassung brachte. Da nutzte es auch nichts, wenn ich meinen Kopf schräg hielt und sie treuherzig ansah. Grad wollte sie uns aus dem Hotel weisen, als sich mein Jefe einmischte. Er erklärte, seinerseits mehr Deutsch als Italienisch, dass ich sehr bravo, molto tranquillo, dass ich äusserst ruhig sei und niemandem was antue. Jetzt war die Frau komplett verunsichert und ich sass unbehaglich da und wurde nun auch noch von den Leuten im Restaurant misstrauisch begutachtet.
Endlich mischte sich ein anderer Gast ein und erklärte Bettina, dass ,pericoloso' gefährlich bedeute, worauf diese erschrak und jetzt behauptete, ich sei überhaupt nicht pericoloso, sondern genau das Gegenteil. Es war richtig peinlich. Zum Glück beruhigte sich die Frau an der Rezeption und am Schluss lachten alle zusammen und ich durfte mit ins Zimmer.
Wir waren in den Ferien, in Italien. Eine Woche wollten wir unterwegs sein, zusammen mit Markus, einem von Davids zwei erwachsenen Söhnen. Eine Woche in einer neuen Welt, wo eine andere Sprache gesprochen wird, für mich das erste Mal im Ausland. Zum Glück haben wir Hunde keine Sprach-Probleme, das hatte ich bereits am Mittag gemerkt. Mit dem kleinen Rehpinscher, den wir auf dem grossen Platz vor dem Dom in Mailand getroffen hatten, hätte ich gern Freundschaft geschlossen, wenn wir etwas mehr Zeit gehabt hätten.
Mailand war eine sehr spezielle Erfahrung. Irgendwo hatten wir das Auto abgestellt und dann kam ich an die Leine. Das war auch gut so, denn zwischen all den Leuten hätte ich meine Menschen bestimmt verloren. All die Gerüche. Jede Hausecke roch anders. Wir liefen auf heissen geteerten Strassen, über Pflastersteine, über Gitter, die in die Strasse entlang den Hauswänden eingelassen waren. Von diesen stiegen aus tiefen Kellerschächten speziell verlockende Düfte auf. Ich kenne diese Gitter von einer Brücke, die über die Emme führt und die ich bisher noch nie betreten habe, aber hier hatte ich überhaupt keine Chance den Gittern auszuweichen. Ich versuchte, meine Nase am Boden zu halten und gleichzeitig den vielen Füssen auszuweichen, dem Jefe zu folgen, ohne dass die Leine zu straff wurde, manchmal an ein paar Grashalmen zu schnüffeln, die sich zwischen Pflastersteinen durchkämpften, bei einem Baumstamm an der Strasse einen Stopp zu erzwingen, es war alles so aufregend. Auch ein paar Hundekollegen bin ich begegnet, aber es reichte nie für eine richtige Begrüssung, meine Leute wollten weiter.
«Das ist eine grosse Stadt», erklärte mir David, «du brauchst solche Erfahrungen, das ist wichtig für deine Entwicklung». Das mochte sein, ich gab mir auch alle Mühe, die
